Den Staat geht unser Geschlecht nichts an

Mit welcher Legitimation darf der Staat eigentlich ein Geschlecht der Bürger*innen definieren? Die ganze aktuelle Debatte um Selbstbestimmungsgesetz springt eigentlich zu kurz, wenn man es genau durchdenkt. Denn sobald Gleichberechtigung gilt, braucht der Staat mein Geschlecht nicht zu kennen. Ansonsten braucht eine bestimmte Art von Quoten-Gleichheits-Feminismus die Geschlechtsbestimmung, aber die ist finde ich eh politisch gescheitert. Differenzpolitik funktioniert über die Praxis der Beziehungen, nicht über Formalia. Und eine politische Praxis der Differenz braucht keine Definitionen von Geschlecht. Sondern eben ein Bewusstsein für Unterschiede, die konkret in einer Situation relevant sind. Ich finde, Forderung muss sein: Geschlecht raus aus dem Personenstand. Denn staatliche Geschlechtsbestimmung ist nur notwendig, wenn Menschen auch je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt werden sollen. Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen meinen Vorschlag (hier etwa im Facebook-Thread dazu) lautet, dass das Patriarchat noch nicht zu Ende sei und dass wir (staatliche) Geschlechtsbestimmungen noch bräuchten, um das abzuwickeln. Die klassischen Beispiele sind „Frauenschutzräume“ und „Frauenquoten“. Nun war ich bekanntlich noch nie

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10 Jahre „Besondere Umstände“!

Vor zehn Jahren starteten Benni und ich den Podcast „Besondere Umstände“. Gestern nahmen wir eine Jubiläumsfolge auf. Dabei gebe ich zu, dass ich Angela Merkel lange zu positiv eingeschätzt habe, und Benni erklärt sich zum „Doomer“. Was können wir tun in den kommenden Katastrophen, was heißt es, wenn der Kapitalismus zusammenbricht, was ist mit Krieg, Gerechtigkeit, Pazifismus? Hört rein!

Der deutsche Pazifismus als säkularisiertes Christentum

These: Ein Grund, warum der deutsche Pazifismus als Idee momentan so wenig überzeugt, weil ihm in der akuten Kriegssituation nicht viel anderes einzufallen scheint, als die Angegriffenen aufzufordern, sich dem Aggressor zu unterwerfen (oder das vielleicht nicht direkt fordert, aber der Aufruf, ihnen nicht bei der Verteidigung zu helfen, läuft natürlich auf genau dasselbe hinaus), liegt glaube ich auch darin, dass keine alternativen Vorstellungen von Gerechtigkeit und wie man sie effektiv erreicht entwickelt wurden. Der Fokus wurde darauf gelegt, potenzielle Aggressoren abzurüsten, die Nato, die USA, die Bundeswehr. Und das ist ja auch keine schlechte Idee. Was dieser ganzen Perspektive aber zugrunde liegt ist die Überzeugung, dass man selbst auf der Seite der Stärkeren ist, also derer, die potentiell Gewalt ausüben und nicht derer, die potentiell Gewalt erleiden. Das liegt natürlich daran, dass wir Erb*innen des Nazi-Täter-Volkes sind, aber es liegt auch an einer gewissen Überheblichkeit im Geist, man ist schlicht aufgrund der eigenen Privilegiertheit gar nicht emotional in der

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Nochmal Pazifismus

Interessantes Interview mit dem pazifistischen Philosophen Olaf Müller, der seine Haltung wenigstens mal ausführen kann, ohne die Gegenseite als kriegsgeile Bellizisten zu verunglimpfen. Ich teile seine Analyse aber nicht. Er schreibt „Pazifisten glauben, dass von Natur aus die allermeisten Menschen – auch Russen, auch russische Soldaten – friedlich sind und nicht einfach so auf Menschen schießen, die ihnen nichts tun.“ Das ist halt leider Wunschdenken. Menschen sind nicht „von Natur aus“ so oder so, sondern sie sind kulturell geprägt. Und leider leben wir seit langer Zeit schon in einer Täterkultur (nicht nur in Russland), wo Gerechtigkeit für die Opfer nicht stattfindet. Angefangen beim Holocaust, für den auch nur ein Bruchteil der Täter*innen zur Rechenschaft gezogen wurde. Er schreibt: „Am Ende setzt sich das Gute durch – daran glauben zumindest die Pazifisten: Ihnen zufolge setzt es sich nicht immer gleich durch, aber es setzt sich durch.“ Ich bin der Meinung, die Geschichte hat das schon vielfach widerlegt. Die Realität ist nämlich

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Die ersten Pfarrerinnen in Polen – und einige Gedanken zur Ambivalenz von Emanzipationserfolgen

Wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich nur mittelmäßig begeistert von der Emanzipation bin. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, im Gegenteil: Ich finde, dass Gleichberechtigung etwas dermaßen Selbstverständliches sein sollte, dass ich mich weigere, darüber besondere Freude zu empfinden. Vorige Woche habe ich in Warschau an der Ordination der ersten lutherischen Pfarrerinnen der evangelisch-augsburgischen Kirche Polens teilgenommen, in meiner Funktion als Präsidiumsmitglied der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD). Selbstverständlich kann ich die Freude der ordinierten Frauen sehr gut nachvollziehen. Es ist keineswegs eine banale Angelegenheit, endlich in dem, was man tut, auch kirchenoffiziell anerkannt zu sein. In diesem Fall war das besonders sichtbar, weil die jetzt ordinierten Frauen allesamt schon seit Jahren als Pfarrerinnen arbeiten. Ihre Aufgaben sind schon längst exakt dieselben wie die ihrer männlichen Pendants, nur dass sie keine “Pastorinnen”, sondern “Diakoninnen” gewesen sind. Deshalb ändert sich für sie mit der Ordination in ihrem Arbeitsalltag nun auch kaum etwas. Außer dass sie nun auch die weißen

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Abtreibungsverbote sind Menschenrechtsverletzungen

Um diese These ergab sich drüben bei Facebook eine lange Diskussion, die poste ich hier mal, damit sie nicht verloren geht. (PS: Im Schusseligen heute morgen hatte ich in der Überschrift versehentlich „Abtreibungen sind Menschenrechtsverletzungen“ geschrieben, was natürlich irgendwie peinlich ist, aber da meine Meinungen dazu ohnehin bestens bekannt sind, wird das wohl niemanden auf eine falsche Fährte geführt haben).

Philosophie und Geschlechterdifferenz.

Geschlechtliche Differenzierung GIBT es nicht einfach so, sondern sie werden historisch geformt. Deshalb sind sie auch nicht „wahr“ oder „falsch“. Oder: Andrea Günter und Simone de Beauvoir gegen Aristoteles 🙂 _ # Etwas ausführlicher und schriftlich habe ich das Buch auch im Forum bzw-weiterdenken rezensiert.

Pazifismus ist nicht das Gegenteil von Militarismus, es ist etwas anderes.

Pazifismus ist nicht das Gegenteil von Militarismus, es ist etwas anderes. Der Grundfehler unserer Kultur ist vielleicht der, dass wir wirklich „etwas anderes als“ und „das Gegenteil von“ nicht auseinanderhalten können. Bei den Geschlechtern ist es ja auch so. Nur so lässt sich zum Beispiel erklären, dass der Titel von Simone de Beauvoirs Buch „Das zweite Geschlecht“ im Deutschen mit „Das andere Geschlecht“ übersetzt werde konnte, was eine ziemliche Verfälschung ist. Aber es gibt noch eine Million andere Beispiele für diesen Fehler. Die Verwechslung von „anders als“ und „das Gegenteil von“ geht auf Aristoteles zurück, meint Andrea Günter in ihrem aktuellen Buch Geschlechterdifferenz und Philosophie, das ich hier rezensiert habe. Denn Aristoteles hat nicht nur die Geschlechter binär konstruiert, er hat diesen Dualismus auch noch zur Metaphysik der Welt erklärt (besser gesagt: das war der eigentliche Zweck der Übung – ihm ging es nicht um die Geschlechterdifferenz, ihm ging es um ein Prinzip der Welt) Und das hat unser Denken

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