Warum weiße Frauen mehrheitlich Trump gewählt haben

Über die vielen Artikel, in denen sich darüber gewundert/ geärgert/ lustig gemacht wurde, dass weiße Frauen in den USA mehrheitlich Trump gewählt haben, muss ich nun doch noch ein Wort verlieren. Zumal aus der Tatsache allerlei Schlussfolgerungen abgeleitet wurden, wie zum Beispiel die, dass letztlich also der Feminismus an Trumps Sieg Schuld ist und sich nun endgültig diskreditiert hat (denn hätten die Feministinnen sich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigt und die weißen Frauen nicht verschreckt…) oder dass weiße Frauen als feministische Bündnispartnerinnen nicht viel taugen (weil sie, wenn’s drauf ankommt, nur an sich selber denken).

Nun, hinter der Erwartung, weiße Frauen (oder, for that matter, irgendwelche Frauen) würden „für Frauen“ oder „für ihre Interessen“ oder „für Fraueninteressen“ oder was dergleichen abstimmen, steckt die inzwischen doch eigentlich längst als falsch erwiesene Vorstellung, „die Frauen“ wären eine ähnlich geartete Rubrik von Menschen wie „die Arbeiter“ oder „die Schwarzen“ oder „die Buddhistinnen“. Also eine partikulare Gruppe innerhalb der allumfassenden „Menschheit“, die sich durch gemeinsame Ideen, Werte, Kulturen, Interessen auszeichnen würde, die wiederum durch eine Partei mehr oder weniger gut vertreten werden können, sodass diese Partei dann eben die bevorzugte Wahl wäre, wenn denn alle nur vernünftig handelten.

Aber Frauen haben nicht qua Geschlecht gemeinsame Interessen, oder nur sehr sehr wenige. Die Idee, dass das so wäre, kommt daher, dass wir Frauenbewegung gelernt haben, analog zu Arbeiterbewegung zu sehen, und Sexismus analog zu Rassismus. Und natürlich gibt es Ähnlichkeiten, aber es gibt vor allem wesentliche Unterschiede.

Der Hauptunterschied ist der, dass die Geschlechterdifferenz keine unterschiedlichen Lebenswelten markiert. Es gibt keine „Frauenviertel“ oder „Männerstraßen“ (oder nur sehr punktuell und zeitweise), weil Frauen und Männer eben nicht getrennt voneinander leben, sondern in einem Haushalt, meistens schlafen sie sogar zusammen in einem Bett. Frauen und Männer essen dasselbe Essen, hören dieselbe Musik, benutzen dieselbe Sprache. Ihre jeweils unterschiedlichen Kulturen, von denen man durchaus sprechen kann, entwickeln sich nicht separat voneinander, sondern sind im Alltag in einem ständigen Austausch.

Die Geschlechterdifferenz funktioniert daher auf eine ganz andere Art und Weise als jede andere Art kultureller Differenz. Sie befindet sich im Alltag ständig in Konfrontation mit der anderen Kultur, es gibt nur sehr wenig „Eigenes“, und wenn, dann jedenfalls im klassischen heteronormativen Familienmodell noch mehr auf der Seite der Männer (im Beruf, im öffentlichen Raum) als der der Frauen. Dies ist besonders in westlichen Kulturen so, in anderen Regionen der Welt gibt es noch mehr Bereiche des Lebens, in denen Frauen und Männer jeweils „unter sich“ sind und in denen sie sozusagen eigenständige kulturell Formen entwickeln können. In der westlichen Welt hingegen ist das grundlegende soziale Organisationsmodell seit mindestens dem frühen 19. Jahrhundert die heteronormative Kleinfamilie, die sich um das Ehepaar aus je einem Mann und einer Frau gruppiert.

Es ist daher kein Wunder, dass sich Frauen nicht analog wie „Schwarze“ oder „Arbeiter“ als einheitliche Gruppierung verstehen, die sich über die Abgrenzung von der jeweils unterdrückerischen Gegenseite konstituiert. Aus diesem Grund lässt sich Feminismus auch nicht analog zu anderen Protestbewegungen organisieren. Das haben Feministinnen in den 1970er Jahren längst ausführlich analysiert. Einige haben sich genau deshalb aus heterosexuellen Paarbeziehungen verabschiedet und eine lesbische Lebensweise gewählt, nicht als Ausdruck individuellen sexuellen Begehrens, das nach bürgerlicher Anerkennung strebt, sondern als Ausdruck einer politischen Praxis, die den bürgerlichen Lebensformen, der Vereinzelung der Frauen in den Kleinfamilien, etwas entgegensetzt.

Freilich ist das keine Massenbewegung gewesen oder geworden. Die Mehrheit der Frauen verortet sich persönlich kulturell genau dort, wo ihre Community sich verortet. Also weiße Frauen in dieser US-Wahl eben bei Trump.

Hier sind wir auch beim zweiten Missverständnis: Dass der Feminismus nur dann erfolgreich ist, wenn er eine Mehrheit von Frauen hinter sich hat. Feminismus analysiert die Welt aus der Perspektive der weiblichen Freiheit, aber das kann er nicht „im Namen der Frauen“ tun. Der Versuch, „im Namen der Frauen“ zu sprechen, ist eine Art von Repräsentationspolitik, die mit Frauen nicht funktioniert.

Frauen haben keine gemeinsamen Interessen. Sie sind immer nur „unter anderem auch“ Frauen, in erster Linie sind sie das, was sie sonst noch so sind. Ihre Loyalität ist spontan erst einmal dort, wo ihre Lebenswelt ist: bei den Weißen oder den Schwarzen, bei den Armen oder den Reichen, und so weiter. Der Schritt dahin, die eigene Geschlechtszugehörigkeit so zu werten, dass daraus auch Konflikte mit den Männern der eigenen Community erwachsen, ist nichts Naturgegebenes, sondern ein Schritt, den jede Frau bewusst machen muss, wenn er passieren soll. Einige machen den mehr oder weniger, aber nie die Mehrheit.

Und deshalb ist es überhaupt nicht erklärungsbedürftig, dass Frauen und Männer in den USA je nach Community mehr oder weniger dasselbe gewählt haben.

Nicht ganz dasselbe übrigens, wie die Exit polls zeigen: Es gab durchaus ein Gender-Gap, so haben 52 Prozent der weißen Frauen, aber 62 Prozent der weißen Männer Trump gewählt. Wenn man das mit dem Gender-Gap der letzten Bundestagswahl vergleicht, war das geschlechtsbezogene Unterschiedlichwählen in den USA durchaus recht groß (nicht nur unter Weißen, sondern in allen Gruppen). Das heißt, die eindeutig geschlechtlich konnotierten Darstellungen von Trump und Clinton spielten durchaus eine Rolle. Bei den deutschen Bundestagswahlen waren die geschlechterbezogenen Differenzen viel geringer, am größten noch bei der um 5 Prozentpunkte größeren Zustimmung der Frauen für die CDU (wohl wegen Merkel).

Von daher: Aus dem Wahlverhalten der weißen Frauen in den USA kann man in Bezug auf den Feminismus genau überhaupt gar nichts ableiten. Es ist kein bisschen verwunderlich oder erklärungsbedürftig.

PS: Ganz dumm deshalb auch: In Frankreich wählen die Frauen Marine Le Pen. Nicht dass Ihr euch dann demnächst schon wieder wundern müsst.

Was nun?

Hillary Clinton ist nicht Präsidentin von Amerika geworden, und was bedeutet das nun für unser Projekt (ich vereinnahme euch jetzt mal ganz dreist), als freie Frauen in der Welt mitzuwirken und sie unseren Vorstellungen vom guten Leben gemäß zu gestalten?

Barbara Streidl hat aufgeschrieben, warum Hillary Clinton auch „als Frau gescheitert ist“ (und nicht nur als „geschlechtsneutrale“ Politikerin). Und das stimmt meiner Meinung nach. Nicht nur, weil die Angriffe gegen sie offensichtlich sexistisch waren. Sondern meiner Ansicht nach ist sie auch mit ihrem Weg gescheitert, bei dem sie die Symbolfigur des Emanzipationsfeminismus der „zweiten Frauenbewegung“ war, nämlich durch Integration und Anpassung an den von Männern erfundenen und eingeübten Weisen des Politikmachens Einfluss zu bekommen.

Annarosa Buttarelli von den italienischen Diotima Philosophinnen hat ihren kurzen Kommentar in der Huffington Post (leider nur italienisch) „Hillary, eine Frau ohne Volk“ betitelt. Sie schreibt, die Parteien stünden heute vor der Alternative: entweder die Frauen oder das Volk. Tatsächlich hatte ich, nachdem ich von Trumps Sieg gehört hatte, kurz den Gedanken, dass es vielleicht falsch war, eine Frau aufzustellen, weil die Leute offensichtlich noch nicht so weit sind, eine Frau zu akzeptieren. Jedenfalls nicht, wenn diese Frau eigenständige Sachen macht und nicht nur das, was „das Volk“ hören will.

Es ist eine Haltung, die ich schon länger bei den Beiträgen von Frauen im öffentlichen Diskurs beobachte: Sie werden hoffiert, solange sie nützlich sind, aber wenn sie etwas sagen, das einem nicht passt, dann wird umso heftiger zurückgeschlagen. Hier habe ich das in Punkto Feminismus mal analysiert. Aber es stimmt auch in Punkto Frauen überhaupt. Und es stimmt auch für die Linken, die Clinton meiner Ansicht nach für ihre „nicht linken“ Positionen um ein Vielfaches heftiger kritisiert haben, als sie das bei einem Mann getan hätten. Eine Frau, die eine andere Meinung vertritt, das geht eben nicht. Das ist im Konzept der „Gleichstellung“ nicht vorgesehen.

Es ist natürlich toll, dass die Demokraten Clinton aufgestellt haben, aber ich könnte mir denken, wenn sie einen Mann aufgestellt hätten – nicht Bernie Sanders, ich glaube nicht, dass er Chancen gehabt hätte, aber einen „Hillarius Clinton“, der hätte gegen Trump gewonnen. Erschwerend kam ja auch noch dazu, dass zuvor acht Jahre lang ein Schwarzer Präsident gewesen war. Obama war im konservativen Milieu der USA auf eine solche Weise verhasst, dass sich das nur mit Rassismus erklären lässt. Diese acht Jahre aufgestauter Hass auf einen schwarzen Präsidenten, der dann noch nicht einmal richtige Fehler machte, und anschließend eine weibliche Kandidatin, die auch keine Fehler machte – das war zu viel. Ich bin felsenfest überzeugt, wäre Obama weiß gewesen und Clinton männlich und alle anderen Koordinaten identisch – dann wäre jetzt nicht Trump Präsident.

Und dass Trump jetzt Präsident ist, halte ich für eine Katastrophe ohne positiven Nebenaspekt, aber das Thema führt jetzt hier zu weit. (Hier könnt Ihr das teilweise in der Diskussion nachlesen). Jedenfalls habe ich mich gefragt, ob, um Trump zu verhindern, es den Preis wert gewesen wäre, auf einen Schwarzen und eine Frau zu verzichten? Okay, das ist jetzt WIRKLICH Pest oder Cholera.

Warum finde ich Trump so schrecklich, dass ich glaube, es wäre möglicherweise einen so hohen Preis wert gewesen, ihn zu verhindern? Weil sich mit ihm das politische Klima verändern wird und schon hat. Es werden jetzt Dinge sagbar, die unter Clinton nicht sagbar wären.  Wer Präsident eines Landes ist, entscheidet nicht über die Revolution, denn Präsidenten (bzw. Präsidentinnen) sind immer nur soweit wie der gesellschaftliche Mainstream. Sie gehen Veränderungen nicht voran, sondern hinterher.

Aber sie haben eine Bedeutung dafür, wie sich der Mainstream entwickelt. Dass Clinton in ihrer Concession Speach Mädchen Mut gemacht hat, sie könnten alles werden, ist ja bereits sehr vielsagend: Denn genau das ist jetzt offenbar nicht mehr selbstverständlich, es muss gesagt werden (das Selbstverständliche muss nicht gesagt werden). Wir werden jetzt wieder für Selbstverständlichkeiten und Minimaldinge kämpfen müssen, statt uns darauf konzentrieren zu können, weiter zu gehen. Wir werden nicht Clinton für all die Dinge kritisieren können, die man ihr zu Recht vorwerfen kann, sondern wir werden dafür kämpfen müssen, dass Arme nicht einfach auf der Straße verrecken, dass es nicht alle ganz normal finden, wenn Frauen geschlagen und vergewaltigt werden und so weiter. Mit der Wahl von Trump ist eine Verschiebung der symbolischen Ordnung geschehen.

Die Bedingungen des libertären und feministischen Aktivismus haben sich einfach grade sehr verschlechtert. Zunächst in den USA, aber ich fürchte, es wird sich auch in Europa ausbreiten. In den USA werden jetzt tausende Stellen mit entsprechenden Leuten besetzt. Rassistische und homophobe Lehrer werden es sehr viel leichter haben als bisher, weil wenn der Präsident sowas sagt, kann es doch nicht schlimm sein. Frauen in Gewaltbeziehungen werden es schwerer haben, sich zur Wehr zu setzen, die sollen sich nicht so anstellen, selbst der Präsident findet sowas doch gut. Migrantinnen werden viel leichter abgeschoben werden, was für jedes einzelne Schicksal schlimm ist. Die Rechtsextremen werden das Klima prägen, in den Medien, in den Schulen, im Kino. Das alles wäre unter Clinton anders. Und deshalb stimmt genau, was Judith Butler gesagt hat: Eine linke Opposition gegen Clinton hätte viel mehr Möglichkeiten, als unter Trump.

Ich hatte heute kurz den Gedankenblitz, dass der Umbruch vielleicht so groß ist, dass sogar die Tage von Marine Le Pen und Frauke Petry gezählt sind – als Frauen waren sie gut für eine Übergangszeit, weil sie rechtsextreme Politik im Gewand weiblicher Zivilisation präsentierten. Nach dem Motto: Wenn Frauen das gut finden, wird es wohl nicht so schlimm sein. Aber ich glaube, diese Bastion ist jetzt gebrochen. Trump hat gezeigt: Rechtspopulismus kann man auch im Westen mit Männern an der Spitze gewinnen. Dieses Privileg muss nicht mehr klassischen Patriarchen wie Putin oder Erdogan vorbehalten bleiben. Möglicherweise wird es bald gar nicht mehr von Vorteil sein, den Rechtspopulismus mit einem weiblichen Frontgesicht zu verschönern. Männerehrgeiz ist sexy, die Leute wählen Machotum, und dann nehmen sie lieber das virile Original als die weibliche Kopie.

Aus den Erfahrungen von Hillary Clinton und Angela Merkel können wir sehen, dass „emanzipierte“ Frauen in dem derzeitigen Politsystem nur Autorität haben, solange sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sobald sie Konflikte eingehen (wie zum Beispiel Merkel in der Flüchtlingsfrage) werden sie auf eine Weise demontiert, wie es Männern nie passieren würde. Und mir fällt keine Frau ein, die in diesem Geschäft perfekter wäre als Clinton und Merkel es sind. Das sind Super-Women, was Einsatz, Intelligenz, Fleiß usw. betrifft. Wenn die schon scheitern, haben wir „Normalos“ auf diesem Weg sowieso keine Chance.

Was können wir also tun?

Annarosa Buttarelli schlägt in ihrem Kommentar vor, beim Politikmachen konsequent von der weiblichen Differenz auszugehen. Die eigene politische Praxis ins Zentrum zu stellen und nicht den Wunsch, „bei den Männern mitzuspielen“. Sie glaubt, dass Frauen solche „radikalen“ Frauen dann wählen würden (wohingegen sie Frauen wie Clinton nicht wählen). Diesbezüglich bin ich mir nicht so sicher, vor allem bin ich skeptisch, was die Chancen betrifft, auf diese Weise als Frau in den bestehenden Parteien überhaupt jemals für irgend ein Amt nominiert zu werden. Zumal sich ja gezeigt hat, dass die weißen bürgerlichen Frauen gar nicht unbedingt an so einem Projekt interessiert sind. Ich fürchte, sie haben nicht gegen Hillary, sondern tatsächlich für Trump gewählt, zwar nicht so deutlich wie ihre Männer, aber eben doch.

Aber vielleicht könnten wir – also die radikalen Feministinnen – uns mit den anderen Anderen zusammentun. Gezielt die Beziehungen mit denen pflegen, die ebenfalls mit dem Demokratieprojekt, so wie es sich weiße bürgerliche Männer ausgedacht haben, weder „mitgemeint“ noch einverstanden sind. Die auch längst wissen, dass Integration und Anpassung keine echten Optionen sind, sondern nur Simulationen. Also eine intersektional agierende Bewegung aller möglichen „Nicht-Typen“, die die Differenz zu ihrem Motto macht. Vielleicht sowas ähnliches, wie Negri/Haardts „Multitude“, aber nicht als Theorie, sondern als Praxis, in Form einer Politik der Beziehungen. Und auch nicht als einfachen Zusammenschluss, sondern in Auseinandersetzung und Konflikt.

Das alles ist natürlich noch total schwammig, aber ich finde, das Nachdenken sollte in diese Richtung gehen. Jedenfalls könnten wir diese Option für den eigenen Aktivismus im Gedächtnis zu behalten, wenn der Frust uns überwältigt. Zumal wir ja überhaupt nicht bei Null anfangen müssen. Michaela Moser schrieb vorhin sehr zu recht auf Facebook: „Was mich auch grad sehr stört: Das Gerede, das niemand Lösungen gegen Trump & Co hat. Es geht nicht bloß drum, diese Typen zu „entzaubern“, die Verhältnisse gehören geändert! Und dazu gibts seit Jahrzehnten Vorschläge genug.“

Die gibt es. Es gibt Praktiken der Politik, feministische und andere, es gibt Erfahrungen mit Community-Building, mit Konsensfindung, mit Lernen und Forschen, mit Gerechtigkeit, mit Heilung, mit Kultur und so weiter, die jenseits der Welt der weißen bürgerlichen Männer funktionieren.

Die Italienerinnen haben vor Jahren mal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Die Niederlage von Hillary Clinton könnte das Signal dafür sein, dass auch diejenigen von uns, die bisher noch versucht haben, durch Anpassung die Akzeptanz der „Meinungsmacher“ zu erkaufen, sich davon abwenden. Vielleicht entzieht es ihren Institutionen ja auch die Lebenskraft, wenn wir ihnen nicht mehr unsere Energie, unsere Kreativität, unsere Aufmerksamkeit und unsere Anerkennung schenken.

Hillary machts möglich – Victoria wird endlich berühmt!

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Dank der Kandidatur von Hillary Clinton und den recht guten Chancen, dass sie Präsidentin von Amerika wird, wird jetzt auch Victoria Woodhull wieder entdeckt – die erste Frau, die für die Präsidentschaft kandidiert hat (1872) und die ich Mitte der 1990er Jahre aufgespürt habe. Damals schrieb ich meine Doktorarbeit in Politischer Ideengeschichte über feministische Sozialistinnen in der Ersten Internationale.

Bei deren Kongress in Den Haag 1872 wurde eine ominöse „Sektion 12“ aus New York auf Betreiben von Marx und Engels aus der Internationale ausgeschlossen – ebenso wie Bakunin und viele andere Anarchisten. Die Begründung war witzig: Diese „geistershakenden Bourgeoisweiber“ und ihren „Freie-Liebe-Humbug“ müsse man unterbinden, meinte Marx. Prompt wollte ich sie natürlich näher kennen lernen.

Und Voilà, erst wurde Victoria Woodhull ein Kapitel meiner Diss, ein paar Jahre später dann ein Buch, das aber in Deutschland damals nicht viel Aufsehen erregte. Die einzige, die damals auch gleich richtig fasziniert war, war Hilal Sezgin, die eine ganze großartige Seite in der Frankfurter Rundschau darüber schrieb, leider wurden solche Sachen damals noch nicht ins Internet gestellt. Aber ich habe noch eine Kopie und hüte sie wie meinen Augapfel 🙂

Damals war Victoria Woodhull übrigens auch in den USA noch ganz unbekannt, weil sie das schwarze Schaf der Frauenbewegung war. In den offiziellen Annalen der Frauenbewegung war sie bis Ende des 20. Jahrhunderts verschwiegen worden. In einer „Wer wird Millionär“-Show war die Frage nach Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin damals noch 500.000 Dollar wert, also: Kein Mensch kannte sie.

Inzwischen sind aber zahlreiche Biografien über sie erschienen, sie wurde in der „Seneca Hall of Fame“ aufgenommen, wo Protagonistinnen der amerikanischen Frauenbewegung gewürdigt werden. Und nun, wo sich mit Clinton die erste tatsächliche US-Präsidentin ankündigt, wächst auch außerhalb der Fachkreise das Interesse an ihrer frühen Vorgängerin.

Um dem ganzen Feuer zu geben, haben Ulrike Helmer und ich jetzt eine Neuausgabe meiner Biografie gebracht. Sie ist kürzer und knackiger, enthält nicht mehr so langatmig-gelehrte Abhandlungen über die amerikanische Zeitgeschichte, kurz: Ist eine Super-Gelegenheit, im Leben einer tollen Frau zu schmökern, ohne dass man großartig Vorkenntnisse braucht.

Beim Verlag findet Ihr alle Angaben zum Buch

Rezensionen sammle ich hier

Wenn Ihr generell über Woodhull auf dem Laufenden bleiben wollt, lest meinen Woodhull-Blog

„Ich gratuliere Hillary Clinton“

Ein Kommentar zum Sieg von Barack Obama gegen Hillary Clinton

„Ich gratuliere Hillary Clinton, nicht nur weil sie eine Frau ist, die weiter gegangen ist als jemals eine Frau vorher, sondern auch weil sie eine starke Anführerin ist, die Millionen von Menschen inspiriert“ – dies sagte Barack Obama in seiner Siegesrede am 3. Juni, als endgültig klar geworden war, dass er der demokratische Präsidentschaftskandidat bei den USA-Wahlen im November ist. Das hört sich auf den ersten Blick gut an: Fairer Gewinner. Auf den zweiten Blick ist es ziemlich unverschämt. Was nicht Obamas Schuld ist. Es belegt nur, dass Frauen noch immer symbolische Fremdkörper in dem System der „offiziellen“ Politik sind. Anders herum wäre der Satz jedenfalls nicht möglich. Wenn eine Frau sagen würde: „Ich gratuliere Barack Obama, nicht nur weil er ein Schwarzer ist, der weiter gekommen ist als jeder andere Schwarze vor ihm…“ – das klänge rassistisch und herablassend.

Es zeigt sich hierin, dass der Ausschluss von Frauen aus der Politik und die rassistische Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung zwei völlig verschiedene Paar Schuh sind. Vorausgegangen war Obamas Sieg ja ein merkwürdiges Geplänkel. Immer mehr ist im Wahlkampf Clintons Frausein zum Thema geworden. Und es verfestigte sich zunehmend der Konsens, dass sie mit ihrem Festhalten an der Kandidatur irgendwie dem feministischen Projekt schadet. Adrienne Woltersdorf hat das zum Beispiel in der taz geschrieben (am 29. Mai): „Ein Vorbild für ambitionierte Frauen ist die Politikerin damit nicht mehr. Längst wirkt sie wie eine Karikatur einer einzig auf ihre Selbstverwirklichung fixierten Frau.“ http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/notfalls-eine-vernunftehe/?src=SE&cHash=df8cbb60d7

Möglicherweise stimmt es ja, dass Hillary Clinton eine schlechte Politikerin und unkluge Wahlkampfstrategin ist – das zu beurteilen traue ich mir als mit der amerikanischen Tagespolitik wenig vertraute Kommentatorin nicht zu. Aber von ihr zu verlangen, dass sie eine gute Figur im Namen der Frauen machen soll, ist zwar irgendwie verständlich, aber letzten Endes skandalös. Denn es heißt, dass von Frauen immer noch verlangt wird, irgend etwas zu tun, weil sie Frauen sind. Wenn das mit der weiblichen Freiheit ernst gemeint wäre, hätte man von Clinton alles mögliche verlangen können – dass sie mit Rücksicht auf die Einheit der Demokraten verzichtet, zum Beispiel – aber auf keinen Fall, dass sie etwas anderes tut, als das wovon sie überzeugt ist, nur weil sie eine Frau ist.

Es war meiner Ansicht nach ein Fehler, dass Feministinnen wie Gloria Steinem oder Adrienne Rich dazu aufgerufen haben, Clinton wegen ihres Frauseins zu wählen. Nicht nur weil das denjenigen Wählerinnen, die für Clinton waren, weil sie sie für die bessere Politikerin hielten, den Dauervorwurf einbrachte: Du bist ja nur aus Frauensolidarität für sie. So wurde nicht nur Clintons Autorität geschwächt, sondern auch die ihrer Anhängerinnen.

Der Vergleich der Diskriminierungen war von vornherein schief. Denn dabei musste natürlich herauskommen, dass die Ausbeutung und Verfolgung der Schwarzen schlimmer war als die politische Rechtlosigkeit der Frauen. Da konnte Clinton eigentlich alles nur falsch machen: Wenn sie darauf verwies, dass ihre eigene Großmutter vor hundert Jahren noch nicht wählen durfte (die schwarzen Männer damals aber schon seit vier Jahrzehnten), dann ließ das Gegenargument nicht lange auf sich warten: Schwarze sind damals in den USA nämlich noch gelyncht worden. Und das ist ja wohl deutlich schlimmer. Der Appell an weibliche Solidarität wäre strategisch vielleicht möglich gewesen, wenn Clintons Konkurrent ein weißer Mann gewesen wäre. In diesem Fall ist er nach hinten los gegangen. Es hat nämlich gezeigt, dass unter weißen Mittelstandsfrauen tatsächlich noch immer eine gewisse Blindheit für die Tragik der rassistischen Vergangenheit steckt, eine Verharmlosung der Tatsache zum Beispiel, dass erst vor vierzig Jahren die Apartheid in den USA abgeschafft worden ist. Statt in die Konkurrenz um die dramatischere Opfergeschichte einzusteigen, wäre es richtiger gewesen, zuzugeben, dass vom Rassismus – wie von jedem anderen sozialen Diskriminierungsmechanismus – immer auch Frauen profitieren: die aus den herrschenden Klassen nämlich.

Die Geschichte der Frauendiskriminierung kann nicht mit dem Rassismus parallel gesehen werden. Sie verläuft auf einer völlig anderen Schiene: Weiblichkeit und Politikmachen passen nicht zusammen. Politik ist männlich konnotiert, und zwar bis heute. Sie war hingegen niemals weiß konnotiert. Weiße Männer haben schwarze Männer von der politischen Macht ferngehalten, weil sie in ihnen Konkurrenten sahen. Das war ein reiner Machtkampf, der nichts Symbolisches hatte. Frauen wurden hingegen von der politischen Macht ausgeschlossen, weil diese Macht sich von Beginn an – noch in der französischen Revolution – als nicht-weiblich definiert hat. Die meisten Männer sahen in den Frauen, die das Wahlrecht forderten, keine Konkurrentinnen. Sie meinten einfach nur, die Politik wäre nicht mehr dasselbe (nämlich kein Ort mehr des männlichen Imaginären), wenn die Frauen hier dabei wären.

Das ist auch der Grund dafür, dass es kulturell sogar in einer so durch und durch rassistischen Gesellschaft wie den USA des 19. Jahrhunderts leichter war, das Wahlrecht für schwarze Männer durchzusetzen als das für weiße Frauen. Obwohl die weißen Männer sich kulturell und sozial den weißen Frauen viel näher und verbundener fühlten als der schwarzen Bevölkerung. Deshalb ist Obama trotz seiner Hautfarbe kein Fremdkörper auf der politischen Bühne und kann es sich leisten, gönnerhaft gegenüber Clinton zu sein. Oder anders: Als Präsidenten können die weißen Amerikaner (und Amerikanerinnen!) einen Schwarzen halbwegs akzeptieren. Aber das heißt nicht, dass sie ihn auch zu ihren Parties einladen oder ihre Tochter heiraten lassen würden. Auf der anderen Seite teilen sie mit Frauen ihr Leben und ihren Alltag – aber ein politisches Amt trauen sie ihnen letzten Endes doch nicht zu. Das würde natürlich heute niemand mehr zugeben. Aber ich behaupte, dass es tatsächlich so ist: Wir trauen einer Frau nicht zu, dass sie Politik macht. Weil Politik machen (jedenfalls diese Art des Politikmachens) sich als nicht-weiblich definiert hat.

Genau dies hat die verräterische Gratulation Obamas nämlich ungewollt bewiesen: Man findet es offenbar immer noch erstaunlich, dass eine Frau so etwas macht – nur dann kann man ja auf die Idee kommen, ihr deshalb eigens zu gratulieren. Ich im Übrigen auch. Ich dachte, eine Frau kann nur so Politikerin sein, wie ihrerzeit Margaret Thatcher: Als ungebrochene Fortsetzung männlicher Politik mit Rock und Handtasche. Angela Merkel hat mich inzwischen eines Besseren belehrt. Irgendwie schafft sie es, eine andere politische Kultur zu leben. Wie sie das macht, ist mir noch nicht so ganz klar – leider wird es auch nicht diskutiert, weil wir im Allgemeinen davon ausgehen, mit dem Bekenntnis zur Gleichheit der Geschlechter sei das Thema erledigt. Vielleicht ist das das Gute an Clintons Niederlage: Sie beweist, dass das Thema noch nicht erledigt ist.

Um noch einmal auf die Gratulationsrede von Obama zurückzukommen: Schön wäre es gewesen, wenn er so etwas gesagt hätte wie: „Ich gratuliere Hillary Clinton, weil sie eine großartige Politikerin ist, die Millionen von Menschen inspiriert. Und ich freue mich, dass unsere politische Kultur inzwischen so ist, dass Frauen wie sie sich daran beteiligen und ihre Fähigkeiten einbringen können.“ Aber bis dahin ist es offenbar noch immer ein weiter Weg: Zu einer Neudefinition des Politischen, die in der Beteiligung von Frauen eine Chance, einen Glücksfall sieht und nicht eine unbedeutende Nebensächlichkeit.

Um dahin zu kommen, ist es notwendig, aus der Opferkonkurrenz auszusteigen. Denn es war unausweichlich, dass bei dieser Konkurrenz Obama als Schwarzer die Nase vorne hatte: Sozial und menschlich gesehen war der Rassismus (von dem ja, was nicht vergessen werden sollte, auch schwarze Frauen betroffen waren) nun einmal tatsächlich schlimmer als die politische Rechtlosigkeit der Frauen (wobei, was man ebenfalls nicht vergessen sollte, ja auch viele weiße Frauen sozial ausgegrenzt waren, zum Beispiel wenn sie nicht zu den mittelständischen Bürgerfamilien gehörten). Politisch gesehen wäre aber eine Frau als Präsidentin ein Ereignis mit weitaus größerer symbolischer Bedeutung gewesen. Deshalb ist die Entscheidung der Amerikanerinnen und Amerikaner für Barack Obama und gegen Hillary Clinton die konventionellere.

(Mehr zum Thema: „Kein weiblicher Messias in Sicht“ – http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm)

Kein weiblicher „Messias“ in Sicht

Mit „Messias-Faktor“ hat der Spiegel den gegenwärtigen Höhenflug Barack Obamas im Rennen um die demokratische Präsident/inn/en-Kandidatur treffend umschrieben. Der US-amerikanische Vorwahlkampf ist nämlich für eine feministische Analyse von großer Bedeutung: Die „weiße Frau“ und der“schwarze Mann“ kandidieren für dieselbe Partei, ihre Programme unterscheiden sich praktisch gar nicht voneinander. Aus der drohenden Niederlage Hillary Clintons können wir so einiges über die symbolische Politik der Frauen lernen:

http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm

Kein weiblicher „Messias“ in Sicht

Mit „Messias-Faktor“ hat der Spiegel den gegenwärtigen Höhenflug Barack Obamas und die drohende Niederlage von Hillary Clinton im Rennen um die demokratische Präsident/inn/en-Kandidatur treffend umschrieben. Jedenfalls können wir daraus einiges über die symbolische Politik der Frauen lernen. Die hat nämlich unter anderem mit dem Problem zu tun, dass es eine weibliche Form von „Messias“ nciht gibt:
http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-2-105.htm