Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die „One-Drop-Rule“ in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!

Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind

Vielleicht habt ihr auch von dem Ansinnen der AfD gelesen, einen Volksentscheid über das deutsche Abtreibungsrecht abzuhalten mit dem Ziel, Abtreibung schärfer zu verbieten. Die Spitzenkandidatin in Sachsen, Frauke Petry, begründete das mit dem angeblich gefährdeten Überleben des deutschen Volkes, in dem bitteschön jede Frau drei Kinder kriegen soll (ich habe mal im Zuge meiner Beschäftigung mit dem demografischen Wandel in einem nationalsozialistischen Buch gelesen, dass deutsche Frauen eigentlich vier Kinder haben müssten, um den Bestand zu erhalten).

Mich hat das ganze nochmal zu ein paar demokratietheoretischen Überlegungen gebracht, weil an diesem Beispiel ein grundlegendes Problem des Mehrheitsprinzips deutlich wird: Was ist mit Beschlüssen, die von ihrer Logik her nur bestimmte Menschen betreffen, und andere aber nicht? Ein Verbot der Abtreibung zum Beispiel würde ja nur Menschen betreffen, die schwanger werden können, also praktisch Frauen* unter fünfzig. Sie aber wären bei einer solchen Abstimmung auf jeden Fall in der Minderheit.

Ich habe auf die Schnelle keine genauen Zahlen gefunden, aber das Durchschnittsalter in Deutschland liegt ungefähr bei 43 Jahren, ich würde großzügig gerechnet schätzen, dass höchstens zwei Drittel aller Menschen jünger als 50 sind (bis 49 Jahre werden Frauen in demografischen Berechnungen als „gebärfähig“ eingestuft). Wenn davon die Hälfte Frauen sind, so bedeutet das, dass im Falle eines solchen Volksentscheides etwas verboten würde, das nur ein Drittel aller Menschen potenziell tun könnten.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Gesamtheit der Deutschen aus bevölkerungspolitischen Gründen ein Interesse daran hätte, Abtreibungen zu verbieten (das ist nicht so, aber mal angenommen), aber zwei Drittel aller Abstimmungsberechtigten sicher sein könnten, dass sie selbst niemals in die Lage geraten werden, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen – weil sie schlicht und ergreifend nicht schwanger werden können: Wäre eine solche Abstimmung demokratisch?

Mit derselben Logik könnte man ja auch über ein Gesetz nachdenken, das alle Menschen, die kleiner sind als 1,50 Meter, dazu verpflichtet, Toiletten in Grundschulen zu putzen. Auch daran gibt es ein öffentliches Interesse (ein deutlich größeres als daran, Abtreibungen zu verhindern), und auch dazu fehlt es an anderen gesellschaftlichen Lösungen.

Die Unterscheidung in Menschen nach Größenkategorien ist in unserer Kultur allerdings nicht üblich, daher finden wir diese Vorstellung spontan absurd. Die Unterscheidung in Menschen nach Gebärfähigkeit hingegen ist kulturell in der Geschlechterdifferenz so tief verankert, dass sie vielen „natürlich“ erscheint. Tatsächlich sind beides „natürliche“ Phänomene – dass manche Menschen kleiner sind als 1,50 Meter und manche größer ist ebenso natürlich wie dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht.

„Natürlich“ heißt in diesem Fall auch, dass diese Seinsbedingungen nicht oder nicht standardmäßig individuell veränderbar sind. Sicher kann eine Frau sich sterilisieren lassen, so wie ein kleiner Mensch sich vielleicht die Beine verlängern lassen kann. Aber sie sind nicht individuell gewählt wie andere Interessenskonflikte. Wenn zum Beispiel darüber abgestimmt würde, ob man Autobahnen privatisieren und ihre Nutzung kostenpflichtig machen soll, dann stehen sich ebenfalls Interessen gegenüber – ich zum Beispiel, die nie Auto fahre, hätte nicht unbedingt was dagegen. Aber ich könnte jederzeit in die andere Kategorie wechseln, also mit dem Autofahren anfangen, so wie andere damit aufhören könnten.

Der eigene Körper ist aber nicht auf diese Weise veränderbar. Faktoren wie Schwangerwerdenkönnen oder Körpergröße haben Auswirkungen auf das Leben der jeweilgen Individuen, es sind gegebene Bedingungen ihrer jeweiligen Existenz. Man kann diese Bedingungen kulturell gestalten, aber nur in bestimmten Grenzen. Wer 1,50 ist wird es immer schwerer haben, im Konzert die Bühne zu sehen als jemand mit 1,80. Und wer schwanger werden kann, muss sich zu dieser Möglichkeit irgendwie verhalten, und wer nicht schwanger werden kann, auch, und diese beiden Gegebenheiten sind niemals „gleich“.

Darüber, dass beim eigenen Körper der Arm des Gesetzes endet, habe ich schon einmal gebloggt. Gesetze, die auf Mehrheitsentscheidungen beruhen, dürfen (und können) nicht eingreifen in die Körper der Einzelnen, denn damit greifen sie direkt in den Kern einer Person ein: Menschen haben ihre Körper nicht, sie sind ihre Körper. Das ist die Natur des Menschseins, unsere „conditio humana“.

Demokratie hingegen ist nicht natürlich, sondern künstlich, sie basiert auf der Idee der Gleichheit, und Gleichheit ist niemals ein Fakt, sondern immer eine Betrachtungsweise. Jede Kultur beruht auf Entscheidungen, bestimmte Phänomene als „gleich“ zu betrachten und andere als „ungleich“, und nichts davon ist „naturgegeben“.

Damit Mehrheitsentscheidungen gerecht sind, muss daher immer die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die entscheiden, und diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auf einer angemessenen Ebene wirklich als „Gleiche“ betrachtet werden können.

Im Fall von Abtreibungen (und vielen anderen körperpolitischen Entscheidungen auch, besonders eben wenn sie das Schwangerwerdenkönnen betreffen) ist diese Gleichheit grundsätzlich nicht gegeben, weil nunmal nur die eine Hälfte der Bevölkerung schwanger werden kann und die andere nicht. Die demografische Entwicklung verschärft dieses Problem noch einmal, weil es durch die Veralterung der Gesellschaft heute so viele ältere Frauen gibt wie noch nie, und damit auch auch eine relevant große Zahl von Frauen, die ebenfalls nicht (mehr) schwanger werden können.

Dieser grundlegende Bug im Prinzip der Mehrheitsdemokratie betrifft natürlich nicht nur die Geschlechterdifferenz, aber sie in besonderem Maße. Er tritt deshalb umso offener zutage, als die heteronormative Paarbildung an Bedeutung verliert – denn die „Gleichheit“, die in der Demokratie behauptet wird, war halbwegs plausibel, solange man die Menschheit nicht in Individuen dachte, sondern in Mann-Frau-Paaren. Denn in diesen Paaren ist die Geschlechterdifferenz gewissermaßen „aufgehoben“.

Wenn aber nicht mehr, wie früher, Mann-Frau-Paare (repräsentiert durch den Mann) die politischen Subjekte sind, sondern Individuen, so tritt die Geschlechterdifferenz in den Fokus der Politik. Und verursacht Probleme, die nach und nach immer deutlicher zutage treten.

Was immer man skeptisch über das Instrument des Gender-Mainstreamings denken mag, es ist immerhin ein Versuch, dieses Dilemma anzugehen. Also zu überprüfen, welche Menschen von welchen Gesetzen auf welche Weise betroffen sind und dies in die Verfahren irgendwie einzubeziehen.

Ein Volksentscheid über eine Verschärfung des Abtreibungsverbot jedenfalls wäre ganz und gar undemokratisch, wenn dieses Wort denn überhaupt noch irgendeinen positiven Sinn haben soll.

„Zerstört die Werke der Weiblichkeit!“ (nicht)

Maria Magdalena belehrt die Apostel. Englische Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert, heute in der Dombibliothek in Hildesheim.

Für Maria Magdalena interessiere ich mich schon länger. Jetzt hat Silke Petersen ein wahrhaft fantastisches Buch über sie geschrieben, das keine Fragen offen lässt (außer denen, die sich heute nicht mehr beantworten lassen, was natürlich viele sind).

Sehr detailliert, aber trotzdem gut lesbar und auch für theologisch Unbewanderte verständlich, stellt sie die verschiedenen Texte vor, in denen Maria Magdalena vorkommt – angefangen bei den Evangelien und anderen antiken Texten, über mittelalterliche und neuzeitliche Magdalenen-Legenden bis hin zu heutigen Filmen und Büchern, etwa „Der letzten Versuchung“ oder Dan Browns Sakrileg-Spekuliererei. Ganz wundervoll erklärt sie, was man aus alten Texten ableiten kann und was nicht – liefert also wie nebenbei eine Einführung in die historische Methodenlehre, was auch für diejenigen interessant sein dürfte, die sich nicht speziell für das Christentum interessieren.

Als Politikwissenschaftlerin, die sich für die weibliche Differenz interessiert, fand ich vor allem eine Debatte interessant, die im 2. und 3. Jahrhundert geführt wurde. Denn sie hat teilweise verblüffende Parallelen zu heute. In diesem Zeitraum wurde eine ganze Reihe von Schriften und „Evangelien“ verfasst, in denen Maria Magdalena eine deutlich größere Rolle spielt als in den vier Evangelien, die ins Neue Testament aufgenommen worden sind. Sie führt zum Beispiel lange Dialoge mit Jesus, sie ist es, die seine Lehren am besten versteht (besser als Petrus zum Beispiel, zu dem es eine gewisse Konkurrenz gibt), sie ist die Jüngerin, die Jesus mehr liebte als die anderen Jünger, und diejenige, die nach Jesu Tod seine desillusionierte Anhänger_innenschaft zusammenhält und zum Weitermachen ermuntert.

Auch wenn in diesen Texten vielleicht noch die ein oder andere historische Erinnerung durchscheinen könnte, so lässt sich aus ihnen nicht herauslesen, was zur Zeit Jesu „wirklich geschah“. Vielmehr spiegeln sie eine Debatte wieder, die zu ihrer Entstehungszeit, also hundert bis zweihundert Jahre nach den historischen Ereignissen, geführt wurde. Es ging damals offenbar wesentlich um die Frage, welche Rolle Frauen in den Gemeinden spielen und ob sie Ämter inne haben und lehren dürfen. Was ja ebenfalls ein höchst interessantes Thema ist.

Die Verfasser und Verfasserinnen dieser antiken Texte vertraten die Meinung, dass Frauen Ämter in der Kirche innehaben können und sollen – ganz offensichtlich in Auseinandersetzung mit anderen Strömungen, die da anderer Ansicht waren. Dabei beriefen sie sich naheliegenderwiese auf Maria Magdalena, die ja (auch nach den Bibel-Evangelien) von Jesus den Auftrag zur Verkündigung bekommen hatte.

Interessant ist aber nun, mit welchen Argumenten sie diese „frauenfreundliche“ Ansicht vertraten. Als Hauptwidersacher wird meistens Petrus dargestellt (der ja dann auch nicht zufällig der oberste „Fels“ der römisch-katholischen Kirche wurde). Im Thomasevangelium heißt es zum Beispiel:

Simon Petrus sagte zu ihnen: Maria soll von uns weggehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Siehe, ich werde sie führen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist wird. Denn: Jede Frau, wenn sie sich männlich macht, wird in das Reich der Himmel eingehen. (S. 156)

Ein Schelm, wem dabei die Logik der modernen Gleichstellungspolitik einfällt. Interessanterweise ist diese „Vermännlichung“, die von Frauen gefordert wird, schon damals synonym mit einer Argumentationsfigur, indem die „Minderwertigkeit“ der Frauen durch eine Vermischung bzw. Aufhebung der Geschlechtsrollen quasi ausgeglichen wird. Origines von Alexandrien etwa (gest. 254) schreibt:

Denn es gibt bei Gott keine Unterscheidung des Geschlechts, sondern durch die Unterschiedlichkeit des Geistes wird jemand entweder als ein Mann oder als eine Frau bezeichnet. Wie viele Frauen gibt es nicht, die bei Gott zu den starken Männern gezählt werden, und wie viele Männer müssen nicht den schwachen und trägen Frauen zugeordnet werden? (S. 163)

Ich (eine Frau) weiß bei solchen Texten nicht, ob ich lachen oder heulen soll: Ein Konzept der Aufwertung von Frauen, das gleichzeitig auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit beruht. In einer anderen Schrift aus dieser Zeit, die „Dialog des Erlösers“ heißt, macht Jesus genau diese Unterscheidung explizit: „Was aus der Wahrheit ist, stirbt nicht; was aus der Frau ist, stirbt.“ (S. 110) und es wird ausgeführt: „Zerstört die Werke der Weiblichkeit“. Dass der angeblich geschlechtslose Mensch in Wahrheit ein männlicher Mensch ist, wird schließlich besonders deutlich in einer Formulierung von Clemens von Alexandrien:

Denn an und für sich sind die Seelen selbst in gleicher Weise Seelen und keines von beidem, weder männlich noch weiblich, da sie weder heiraten noch sich heiraten lassen. Möglicherweise wird so auch die Frau verwandelt zum Mann, indem sie in gleicher Weise das Weibliche ablegt und männlich und vollkommen wird. (S. 175)

Das „weder männlich noch weiblich“ im ersten Teil des Zitats – also die Aufhebung der Geschlechterdifferenz – interpretiert Clemens im zweiten Teil als „Verwandlung“ der Frau, die das Weibliche ablegt und männlich wird. Diese Formulierung „weder männlich noch weiblich“ scheint im Übrigen fast eine Art frühchristlicher Formel gewesen zu sein, jedenfalls kommt sie auch in der Bibel, nämlich im Galaterbrief des Paulus vor (Gal 3,28):

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich noch weiblich; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.

Die Stelle ist unter Theologinnen natürlich heiß diskutiert, den meisten Frauen gefällt sie gut, weil es so aussieht, als würden hier Nationalismus, Rassismus und Sexismus gleichzeitig kritisiert. Bei mir gehen bei der genannten Stelle immer alle Alarmglocken an, weil ich finde, dass diese drei Kategorien nicht vergleichbar sind. Man kann nämlich Grenzen zwischen Völkern auflösen (dann sind da nicht mehr Franzosen und Deutsche, sondern nur noch Europäer), und man kann nicht nur, sondern muss sogar ganz unbedingt die Sklaverei abschaffen (und zwar nicht nur innerhalb der christlichen Gemeinde, sondern generell), aber: Man sollte nicht die Frauen abschaffen. Meine ich jedenfalls.

Als ich neulich wieder einmal in einer Veranstaltung über diese Stelle lamentierte, wies mich eine Theologin, die das mitbekam, darauf hin, dass man das auch anders übersetzen könne (und sogar muss, meinte sie). Denn im Originaltext stehe an dieser Stelle:

Da sind nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich und weiblich…

Beim dritten Differenzpaar, dem der Geschlechter, stehe also nicht ein „weder… noch“, sondern ein „und“. Sie interpretierte das so, dass nicht die Geschlechter an sich abgeschafft würden (analog zu den Grenzen zwischen Nationen und sozialen Ständen), sondern lediglich die heteronormative Kombination „männlich und weiblich“. Also nicht die Männer und die Frauen, sondern ihre symbolische Zueinanderordnung als Paar, das genau aus diesen zweien und nichts anderem besteht. Meine Angst vor einer Abschaffung der Weiblichkeit bzw. einer Zwangsvermännlichung der Frauen sei also unbegründet; abgeschafft würde lediglich das symbolisch zwangsweise aufeinander bezogene Mann-Frau-Paar.

Eine interessante These finde ich, der ich uneingeschränkt applaudiere. Ob sie für diesen alten Bibeltext zutrifft, weiß ich nicht (mein Griechisch ist auch zu eingerostet, um die Übersetzung zu prüfen), und wenn, dann haben zumindest Clemens und auch die Verfasser und Verfasserinnen der Maria-Magdalena-Texte aus dem 2. und 3. Jahrhundert das falsch verstanden.

Aber das ist vielleicht auch egal. Wichtig ist ja nicht, was zu diesem Thema in der Bibel steht, sondern was wir heute dazu denken.

Silke Petersen: Maria aus Magdala. Die Jüngerin, die Jesus liebte. EVA Leipzig, 2011, 18,80 Euro.


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Genderdiskurse sind nicht objektiv. Und das ist gut so.

Bei Diskussionen über Frauen und Männer, den Feminismus und die Welt stört es mich sehr, wenn darüber gesprochen wird wie über das Wachstum der Butterblume oder die Konstruktionspläne eines Automotors – also sachlich, distanziert, „objektiv“. So als seien Frauen, Männer und die Geschlechterdifferenz ein „Thema“, das von irgendwelchen ExpertInnen „wissenschaftlich“ untersucht, analysiert und kategorisiert werden kann.

Besonders schlimm ist das natürlich im biologistischen Umfeld, wo Hirn- oder GenforscherInnen irgendwelche Versuchsreihen veranstalten und am Ende kommt heraus, dass Frauen so und Männer so sind und dass Gene, Hormone, Gehirnströme oder was auch immer dafür verantwortlich wären, aber jedenfalls nicht die Frauen und Männer selber.

Aber auch die meisten sozialwissenschaftlichen Annäherungen sind nicht wesentlich besser. Zwar sehen sie immerhin, dass Frausein und Mannsein gesellschaftliche Konstruktionen sind, allerdings verzetteln sich dann leicht in dem Bemühen, die Art und Weise dieser Konstruktionen zu beschreiben. Am Ende führt das zu dem Ergebnis, dass sich eigentlich überhaupt keine sinnvollen Aussagen zur Geschlechterdifferenz treffen lassen und man die Worte „Frau“ und „Mann“ eigentlich nur noch in Anführungszeichen benutzen kann.

Beide Diskurse geben vor, einander zu kritisieren und scheinen auf entgegen gesetzten Enden des diskursiven Spektrums zu stehen. Aber an diesem Punkt sind sie eben Jacke wie Hose: Sie behandeln das Frausein und Mannsein sowie die darin liegenden Konflikte und Themen als „Untersuchungsgegenstand“ und beanspruchen, ihn von einer distanziert-neutralen Warte aus zu erfassen.

Aber das geht nicht. Denn wir alle – inklusive der Forscherinnen und Forscher selbst – sind ein Teil des Themas. Ich bin eine Frau. Ich kann über Frausein nicht objektiv sprechen, denn dieses „Objekt“ ist Teil meines Subjektseins. Das, worüber dabei verhandelt wird, ist nichts, was mich unbeteiligt und neutral dabei stehen ließe, sondern es betrifft mich unmittelbar persönlich.

Das hört sich auf den ersten Blick an, als würde die Sache dadurch noch komplizierter. Aber in Wirklichkeit wird sie dadurch sehr viel einfacher. Denn ich weiß nicht nur theoretisch etwas über die Geschlechterdifferenz, sondern ich verkörpere sie. Sie „durchquert“ mich, sie begleitet mich im Alltag, sie überrascht mich, sie ärgert mich, sie langweilt mich – aber sie ist niemals objektiv und unabhängig von mir vorhanden. Ich selbst bin das Korrektiv jeder Forschung (und auch jedes Klischees), und zwar aufgrund der simplen Tatsache, dass ich eine Frau bin, woran nichts auf der Welt etwas ändern kann.

Ich muss mein Frausein nicht definieren oder gar durch irgendeine Performance von Weiblichkeit unter Beweis stellen. Es ist einfach so. Und mehr noch: Diese Tatsache stattet mich mit Erkenntnismöglichkeiten aus, die keine Wissenschaft jemals haben könnte. Ich bin die Forscherin und der Untersuchungsgegenstand in ein und derselben Person. Perfekt.

Viele Menschen scheinen dieses unabänderliche persönliche Verwobensein in das Frau-Mann-Thema als Problem zu sehen. So nach dem Motto: Was für ein Skandal, dass wir als kleine wehrlose Babies zur Welt kommen und sofort in dieses Zwangskorsett der „Heteronormativität“ gequetscht, also für weiblich (oder männlich oder uneindeutig) erklärt werden, mit dem ganzen Rattenschwanz der da dranhängt.

Sicher, vieles von dem Rattenschwanz ist tatsächlich Mist, den es beiseite zu räumen gilt, und da sind wir ja auch längst dabei. Aber was das Prinzip betrifft, so bewerte ich es genau andersrum: Dass ich „betroffen“ bin, dass ich also eine Frau bin, egal was ich tue oder was andere tun, ermöglicht es mir, in diesem Diskurs souverän zu bleiben. Denn egal, was irgendjemand über das Frausein erzählt, es muss sich im konkreten Leben, anhand meiner Person also, bewähren, oder es ist bedeutungslos. Wenn mir zum Beispiel einer erzählt, Frauen wären nicht aggressiv, kann ich ihn meine grade Rechte spüren lassen (muss aber nicht). Wenn mir eine erzählt, der Platz der Frau sei an der Seite eines Mannes, kann ich  sie auslachen oder bemitleiden oder zum Feminismus bekehren.

Diese Souveränität, die daraus resultiert, dass mein Frausein eine Tatsache ist, die mir nicht verloren gehen kann, ermöglicht mir letzten Endes dann sogar eine gute Portion Gelassenheit im Bezug auf alle möglichen Forschungsergebnisse. Biologistische Studien können ja in der Tat recht aufschlussreiche Erkenntnisse bringen, und sozialwissenschaftliche Theoreme entwickeln oft Gedankengänge, auf die ich selber noch nicht gekommen bin, bei denen mir aber das ein oder andere Licht aufgeht. Ich muss weder über das eine noch über das andere echauffieren. Für wissenschaftliche Erkenntnisse welcher Art auch immer bin ich dankbar und aufgeschlossen – vorausgesetzt allerdings, sie erheben nicht den Anspruch, besser über mein Frausein Bescheid zu wissen als ich selber.

Denn diesbezüglich habe ich das letzte Wort. Und sonst niemand.

Okay, dann kommt natürlich eine andere und behauptet etwas anderes, und dann diskutieren wir und streiten uns, überzeugen einander oder auch nicht, lernen voneinander oder auch nicht. Mit anderen Worten: Wir machen Politik. Subjektiv, souverän und in aller (weiblicher) Pluralität. Aber genau darum geht es ja.


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