Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die „One-Drop-Rule“ in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!

36 Gedanken zu „Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

  1. „die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.“
    Mir ist diese Aussage zu hart. Es gibt für mich durchaus die Möglichkeit, dass die eigene Verantwortung als Weiße so schwer zu tragen ist, dass eine – wie im beschriebenen Fall – versucht, die Verantwortung mit den Mitteln zu tragen, die ihr zu Verfügung stehen.

  2. @Sammelmappe – Ja, damit bist du im Bereich der psychologischen oder moralischen Bewertung. Meine Bewertung wäre eine politische. Möglicherweise sind nicht immer alle Menschen, aus welchen Gründen auch immer, in der Lage, das „Richtige“ zu tun?

  3. @Georg – Den „Fall“ kannte ich bisher nicht, aber von dem, was in Wikipedia steht, war es ja nicht ihre Entscheidung, sondern sie wurde ohne ihr Zutun als „schwarz“ rassifiziert. Das ist ja genau die Art und Weise, wie „Schwarzsein“ überhaupt entsteht.

  4. Für mich kommt noch ein anderer Aspekt hinzu, warum ich es für moralisch und politisch problematisch halte, sich als Person einer unterdrückten Gruppe auszugeben, der man nicht angehört: Respekt für die Erfahrung des Leidens, das aus dieser Unterdrückung entspringt. (Und ich glaube, dass dieser Respekt eine moralische und eine politische Qualität hat.)

  5. @susanna14 – Ja, aber Rachel Dolezal sagt ja, dass sie sich nicht als Schwarze ausgibt, sondern „eigentlich“ eine ist (sich seit sie fünf ist, so identifiziert). Damit versucht sie explizit, eine Parallele zwischen sich und Transfrauen zu ziehen (ihre Geburtshautfarbe stimmt nicht überein mit dem, was sie ist). Mir ging es drum, zu argumentieren, warum diese Parallele schief ist.

  6. war es ja nicht ihre Entscheidung, sondern sie wurde ohne ihr Zutun als “schwarz” rassifiziert. Das ist ja genau die Art und Weise, wie “Schwarzsein” überhaupt entsteht.

    D.h., der entscheidende Faktor bei „Rasse-Identität“ ist nicht die eigene Identifikation, es sind auch nicht die Eltern und die Vorfahren – sondern es ist das, wie man von anderen wahrgenommen wird?

    Ich bezweifle, dass es das erklärt. Angenommen im Fall Rachel Dolezal wäre alles gleich, auch ihr „weißes“ Aussehen in jungen Jahren und ihr „schwarzes“ Styling heute – aber sie hätte tatsächlich einen schwarzen Großvater. Gäbe es dann diese Debatte um sie? Ich glaube nicht.

    Auch im Übrigen erscheinen mir Deine Argumente nicht schlüssig. Es gibt ja auch für Dich ein legitimes „Transracial“, nämlich das von Schwarz zu weiß:

    Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum.

    Andersherum soll es nicht OK sein, weil

    … die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

    … dies aber wiederum träfe genau auch auf als Mann geborene Transfrauen zu. Würden die nicht auch ihre eigene Verantwortung als Männer am Sexismus verleugnen?

    Zu letzten Punkt lässt sich auch fragen: Wenn Rachel Dolezal ihr Aussehen so überzeugend geändert hat, dass sie alle bis zuletzt als schwarz gelesen haben, dann hatte sie ja folglich auch keine „weißen Privilegien“ mehr genossen: Sie wurde nicht mehr wie eine Weiße behandelt, musste vermutlich alltäglichen Rassismus erdulden, war somit auch von Racial Profiling einer rassistischen Polizei betroffen. Welche „eigene Verantwortung als Weiße“ blieb da eigentlich noch?

  7. @Georg – Wenn Dolezal einen schwarzen Großvater hätte, wäre ihre Situation eine andere, weil sie damit nach der US-Logik von „Race“ tatsächlich auch anders wahrgenommen würde (die One-Drop-Rule). Sie würde zwar gleich aussehen, hätte aber eine andere Familiengeschichte, zum Beispiel einen Großvater, der u.U. selbst Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung gehabt hätte und so weiter. Möglicherweise wäre ihr Aussehen dasselbe, ihr Leben wäre aber nicht dasselbe gewesen.

    Zu deinen letzten Punkten – das sind ja genau die „schwachen“ Argumente in der Debatte, die mich dazu veranlasst haben, andere aufzuführen, nämlich die von mir in meinem Post beschriebenen prinzipiellen Unterschiede zwischen den Kategorien „Race“ und „Geschlecht“. Aber ich kann es vielleicht hier noch etwas klarer machen. Die Verantwortung von Weißen für den Rassismus ist nicht gleichzusetzen mit der Verantwortung von Männern für patriarchale Geschlechterrollen. Rassismus ist ein reines Herrschaftskonstrukt, das macht vor allem die, die auf der Seite der „Herrschenden“ stehen, verantwortlich. Die Geschlechterdifferenz ist hingegen komplexer, sie ist kein reines Herrschaftskonstrukt, sondern ein sehr komplexes kulturelles Kuddelmuddel. Spätestens seit Simone de Beauvoir wissen wir, dass Täter und Opfer hier nicht so eindeutig auseinanderzudividieren sind. Auch Männer leiden unter Geschlechterstereotypen, alle Menschen sind von diesen Klassifizierungen betroffen, nur halt nicht in derselben Weise. Deshalb ist es aus meiner Sicht unabdingbar, dass alle die Möglichkeit haben, ihre persönliche Auseinandersetzung mit „Gender“ auszuleben.

  8. Sie würde zwar gleich aussehen, hätte aber eine andere Familiengeschichte, zum Beispiel einen Großvater, der u.U. selbst Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung gehabt hätte und so weiter. Möglicherweise wäre ihr Aussehen dasselbe, ihr Leben wäre aber nicht dasselbe gewesen.

    Ich sehe nicht, wie die rassistsichen Diskriminierungserfahrungen ihres Großvaters zwingend ihr Leben beeinflusst hätten. Sie hätte ihn ja nie getroffen haben können. Und sie hätte vllt. es auch erst neulich erfahren können, vielleicht weil ihre Oma ihr von einem schwarzen Liebhaber gebeichtet hätte. All das hätte ja gerade dazu führen können, dass ihre schwarze Identität so spät „entdeckt“ und sich entsprechend gewandelt hätte.

    Wenn Dolezal einen schwarzen Großvater hätte, wäre ihre Situation eine andere, weil sie damit nach der US-Logik von “Race” tatsächlich auch anders wahrgenommen würde (die One-Drop-Rule).

    Ja, und zwar nicht nur nach Logik von US-Rassisten, sondern offenbar auch von US-Antirassisten. Für beide scheint der One-Drop das entscheidende Kriterium zu sein. Bizzare Gemeinsamkeit.

    (Wobei: Ob ein US-Rassist, der von der ganzen Story gehört hat und sie jetzt auf der Straße trifft, tatsächlich sagt: „Ah, alles OK, Du bist ja eine von uns, ich bin daher nett zu Dir“?)

  9. Die Grenze zwischen „politischer“ und „moralischer“ Diskussion verschwimmt ja jetzt schon bei Euch beiden, @Georg & @Antje – und je tiefer man in die Materie (!) eindringt, etwa die Genom-Forschung mit einbringt, desto künstlicher wird diese Unterscheidung, die um der Klarheit der Gedanken willen versuchen, aufrecht zu erhalten. Wenn wir davon ausgehen, dass a l l e Menschen aus einer bestimmten Gegend in Afrika stammen, ist Ms. Dolezal so schwarz wie du & ich. Die One-Drop-Rule ins Feld zu führen ist vergleichbar mit der Verwendung des Nazi-Ausdrucks „Halbjude“, der ja heute in Deutschland zu Recht abgelehnt wird. Der „Fall“ der unglücklich idenifizierten Frau D. birgt in dieser Hinsicht eine interessante Frage: Den Rassismus „von unten“: S i e hat nicht so viel Leid erlebt wie wir! Erinnert Ihr Euch an Lea Rosh – ich glaube, so hieß sie – die als Jüdin gepost hat?

  10. Ich verstehe den letzten Teil nicht. Antje schreibt früher: „Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden.“ um dann doch strikt Schwarze und Weiße zu unterscheiden, denn nur die einen dürfen sich als andere ausgeben, nicht umgekehrt.
    Warum in aller Welt sollte einer Person untersagt sein, wenn sie als 1/2 Deutsche, 1/4 Italienerin und 1/4 Türkin auf die Welt kam, aber der Ansicht ist, dass sie eigentlich eine 1/4 Latino-Indigene, 1/4 Mongolin und 1/2 Isländerin im falschen Körper ist, sich irgendwie umzuoperieren, anders anzuziehen und ihren Teint modifiziert? Man kann das lustig, idiotisch oder sonstwas finden, aber aus moralischen Gründen, denn das sind sie imho, diese Freiheit einschränken geht nicht, in jede Richtung muss da alles möglich sein. Und so darf auch eine Privilegierte ihre Privilegien ablegen und darf auch sagen, dass sie schon immer sich anders gefühlt hat.

  11. @Georg – Du versuchst, jenseits von rassistischen Diskursen eine „objektive“ Bedeutung von „Race“ herauszufinden, aber meine These ist, dass das nicht geht. Von daher ist es logischerweise so (nämlich gar nicht anders möglich), dass Antirassismus in den USA sich genau auf diese „One-Drop-Rule“ bezieht, ebenso wie Antirassismus in anderen Ländern sich auf die dort vorherrschenden Definitionen von „Rasse“ (in Brasilien zum Beispiel basiert Rassismus nicht auf der Idee, dass Schwarz und Weiß klar von einander unterschieden sind, sondern darauf, dass es fließende Übergänge und massenweise begrifflich umrissene Zwischentöne gibt. Aber es ist genauso Rassismus).

    Da „Rasse“ als Kriterium nicht unabhängig von Herrschaft existiert, wäre es unsinnig, wenn Antirassist_innen sagen würden: „So wie Ihr, die Herrschenden, Rasse definiert, ist es falsch, wir erfinden eine bessere Definition von Rasse“. Es gibt keine „gute“, also herrschaftsfreie Definitionvon „Rasse“. Genau das ist bei „Geschlecht“ anders (das ist jedenfalls die These, die ich in meinem Blogpost aufstelle). Es ist durchaus möglich und imho auch feministisch sinnvoll, der „herrschenden“ Auffassung von Geschlecht eine andere, freiheitliche entgegen zu stellen.

  12. @Mario – Es geht ja nicht um „untersagen“, ich habe dazu gar nicht die Möglichkeit. Ich fordere auch keine Gesetze, die es verbieten. Ich finde es nur politisch falsch (so wie viele andere auch) und habe in diesem Post aufgeschrieben, warum ich es falsch finde (weil ich die Argumente, die ich bisher darüber gelesen hatte, nicht ausreichend finde). Also: Natürlich ist es jeder Weißen „erlaubt“, sich als Schwarze auszugeben. Ich finde das aber falsch, und das muss mir ja wohl auch erlaubt sein.

  13. @Eva Herold – Hat sich Lea Rosh wirklich als Jüdin ausgegeben, oder wurde ihr das unterstellt? Beim antisemitischen Rassismus liegt es ja auch nochmal etwas anders, weil hier eine Religion „rassifiziert“ wird.

    Ich bin übrigens der Ansicht, dass es „Rassismus von unten“ nicht gibt, bzw. dass es problematisch ist, das, was damit gemeint ist, durch eine solche Bezeichnung mit „Rassismus von oben“ zu parallelisieren. Auch du versuchst übrigens, eine „objektive“ Definition von „Rassen“ zu finden (alle kommen aus Afrika). Meine These war aber gerade, dass das nicht geht, sondern dass „Rassenkonstrukte“ immer und ausschließlich ein Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen sind und keine „reale“ Basis haben. Deshalb ist es richtig, sich in den US-Diskussionen auch als Antirassistin auf die „One-Drop-Rule“ zu beziehen, weil sie (also die rassistische Konstruktion, die aus einer Sklavenhaltergesellschaft hervorgegangen ist), das einzige ist, was „Race“ hier begründet.

  14. @Antje @Eva Herold

    Laut Wikipedia hat Lea Rosh ihren Vornamen geändert, und laut WIkipedia war ihre Mutter als Tochter eines Juden Repressalien ausgesetzt, es steht jedoch nichts davon im Text, dass auch Lea Rosh Repressalien ausgesetzt gewesen sein soll.

    Das eigentliche Problem mit Lea Rosh ist jedoch, dass sie, trotz allen gutgemeinten Engagements bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, wo sie ja auch einiges erreicht hat, zu sehr für jüdische Menschen und zu wenig mit jüdischen Menschen gesprochen hat.

    Beim Judentum ist die Situation gleichzeitig ziemlich komplex und ziemlich einfach. Komplex ist sie, weil wir es gleichzeitig mit einer Religion und einem Volk zu tun haben – es gibt Menschen, die sich als Atheisten verstehen, die sich aufgrund ihrer Herkunft aber trotzdem dem Judentum zugehörig fühlen und auch von anderen Juden als zugehörig anerkannt werden. Dann ist das Judentum eine sehr alte Religion, in die man normalerweise hineingeboren wurde und die nie den Ehrgeiz hatte, andere Menschen zu missionieren. Dann gibt es die Komplikation, dass die rassistische Definition der Nazis mit Voll-, Halb- und Vierteljuden eine andere ist als die im Judentum, wonach Jude oder Jüdin ist, wer von einer Jüdin geboren wurde (im Reformjudentum ist das, glaube ich, anders). Es kann also sein, dass Menschen mit Verfolgungsgeschichte nach jüdischen Regeln keine Juden sind.

    Gleichzeitig ist die Situation aber auch einfach: Lea Rosh hätte sich um Kontakt zur jüdischen Community bemühen können, sie hätte konvertieren können, wenn sie gewollt hätte, und vor allem hätte sie fragen können, ob es angemessen ist, einen Zahn im Denkmal zu vergraben.

  15. Danke @Susanna14 für die Differenzierung; mein Punkt war nur die mit der One-Drop-Regelung vergleichbare Nazi-Bezeichnung „Halb-, Viertel- etc. Jude. Natürlich geht es da stets um Herrschaft.
    @Antje: Das Argument, alle Menschen stammten von ein paar tausend Leuten in Afrika ab, belegt imho genau das Gegenteil von „Rasse“, nämlich dass es, genetisch betrachtet, bei h. sapiens sapiens eben nur minimale Differenzen gibt, die keine vernünftigen Begründungen für Hierarchien bieten. Also: Es gibt eine „Art“, die heißt Mensch und unterscheidet sich deutlich von einer namens „Hund“. And that’s bloody it.

  16. @Eva – Ja genau. Aber in sozialen Beziehungen gibt es das Konstrukt „Race“ natürlich, es ist also eine Realität, und mein Punkt ist, dass man sich innerhalb dieser Realität – aus genau den Gründen, die du schreibst – eben auch nur auf das Konstrukt beziehen kann. Also nicht, wie Dolezal das tut, ihre umstrittene Intervention im Rahmen des US-Race-Konstrukts mit „wir stammen alle aus Afrika“ rechtfertigen. Weil mit dem, was im Bezug auf „Race-Policy“ in den USA passiert, die Genetik eben überhaupt nichts zu tun hat.

  17. Den Grund für die unterschiedlichen Reaktionen auf eine Änderung der Identität bei Rasse bzw. Geschlecht in der biologischen Komponente zu sehen, halte ich für falsch. Obwohl, wie Antje schreibt, viele Facetten der Diskriminierung von Frauen und »Minderheiten« ähnlich sind, kann man nicht die (beim Rassismus fehlende) biologische Komponente bei der Diskussion außen vor lassen: bloß weil Rassismus, so das Argument, komplett überwunden werden kann, weil es keine biologische Komponente gibt, heißt das nicht, dass wir auch nur annäherungsweise in einer solchen Gesellschaft leben. Daher glaube ich nicht, dass dieser Unterschied, den Antje in ihrem Post herausarbeitet, für die Diskussion hier ausschlaggebend sind.

    Ich glaube, dass es einen wesentlich einfacheren Schluß gibt, zu dem man kommen kann: was Jenner und Dolezals machen, ist eigentlich gar nicht so verschieden, und der Unterschied bei der Reaktion fußt auf überkommenen Denken. Mich empört Dolezals Handeln nicht so sehr und ich finde nicht, dass die Motivation sich so sehr von Transgendern unterscheidet: Einer Transfrau werfe ich ja auch nicht vor zu lügen, weil sie (in den Augen einiger) »vorgibt« eine Frau zu sein. Auch nach der Angleichung bleibt diese Person genetisch ein Mann. Sowohl Jenner als auch Dolezal haben ihre eigene Identität geändert, nicht weil sie sich einen Vorteil erhofft haben, ganz im Gegenteil, sondern weil sie ein tiefes Bedürfnis dazu gespürt haben. Natürlich kann man argumentieren, dass in einer Gesellschaft, in der Hautfarbe keine Rolle mehr spielt, ihr Verhalten hinfällig ist — aber wie gesagt, in einer solchen Gesellschaft lebt sie nicht.

  18. Hallo Antje,
    so wie ich dein Argument verstehe, basiert deine Unterscheidung im Wesentlichen darauf, dass du bei Geschlecht eine Unterscheidung nach Gebärfähigkeit siehst, die nie weggehen bzw. mit der eine solche Kategorisierung in absehbarer Zukunft nicht aufgehoben werden kann.

    Für mich sprechen zwei Punkte dagegen.

    Erstens ist diese binäre Unterscheidung nach „gebärfähig oder nicht“ eine typisch westliche. Es gibt in verschiedenen Kulturen schon ewig mehr als zwei Geschlechter (viel davon wurde durch die Kolonialisierung von Weißen ausgelöscht, aber z.B. heute existiert auch noch das philippinische „bakla“). Entsprechend halte ich deine Idee, dass „Geschlecht“ als Kategorie überhaupt irgendetwas mit Gebährfähigkeit zu tun haben muss, für eine sehr westliche, binäre und verkürzte Sichtweise.

    Der zweite Punkt ist mir allerdings wichtiger. In meinen Augen geht es bei „race“ mitnichten um die Hautfarbe. Race hatte in der Menschheitsgeschichte die meiste Zeit über rein gar nichts mit Hautfarbe zu tun, sondern wurde an gemeinsame Vorfahren in Stämmen („das Geschlecht Davids“) und später mit dem Aufkommen von Nationalstaaten zunehmend an eben diese Nationalität, gemeinsame Kultur, Religion und Sprache geknüpft. (Ich stütze mich hierbei auf https://en.wikipedia.org/wiki/Race_%28human_classification%29). In einer multikulturellen Gesellschaft – und ich gehe davon aus und hoffe, dass wir diese immer weiter haben werden – ist daher die Kategorie der „race“ ebenfalls nicht auslöschbar oder redundant.

    Vermutlich verwenden wir dafür zunehmend neue Begriffe, klar – gerade hier in Deutschland hat sich nach der Rassenidologie der Nazis ja eher durchgesetzt, von z.B. „Ethnien“ zu sprechen (weswegen glaube ich auch der amerikanische „race“-Diskurs Kartoffeln wie mich oft verwirrt). Aber dass Menschen eine unterschiedliche Herkunft haben, als Kinder in ihrer Familie eine unterschiedliche Kultur erlebt haben und sich dabei Spannungen und Differenzen zur (bei uns und in Amerika weißen) Kultur der Mehrheit im Land ergeben, ist in meinen Augen *genauso* unabwendbar.

    Genauso wie wir mit dem realen Unterschied zwischen gebährfähigen und nicht gebährfähigen Menschen umgehen müssen, müssen wir mit dem realen Unterschied zwischen Menschen, die mit verschiedenen kulturellen Vorstellungen aufgewachsen sind, umgehen. Und genau wie beim Geschlecht werden an die eigene Ethnie wegen dieser Kultur verschiedene Erwartungen und Performances geknüpft.

    Ich könnte mir indes vorstellen, dass Rachel Dolezal vielleicht tatsächlich von der schwarzen Kultur angezogen wurde (die sich soweit ich weiß in Amerika teils deutlich von der weißen abgrenzt), dass sie sich an der Stelle viel mehr zugehörig fühlte. Ich will damit auf keinen Fall ihr Verhalten entschuldigen oder rechtfertigen, ich finde nur deine Argumentation, den von dir herausgearbeiteten Unterschied, einfach nicht schlüssig.

    Und als genderqueere Person *suche* ich diesen wirklich sehr, weil ich es sehr schwierig finde, ihn zu begründen. Aber die Schnauze voll habe von Leuten, die jetzt Trans*menschen gegen Rachel Dolezal ausspielen. Für mich sind da noch ne Menge Fragezeichen offen und ich wüsste gerne, was du zu meiner Kritik denkst.

  19. @Grinsekatze – Dass es in manchen Kulturen mehr als zwei Geschlechter gibt, widerspricht meiner These nicht, denn wie eine Kultur Geschlechter definiert, ist ja durch die Tatsache, dass es welche gibt, nicht festgelegt. Im Gegenteil ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass wenn erstmal kulturelle Muster rund um das „Schwangerwerdenkönnensthema“ sich herausgebildet haben, zum Beispiel in Form von unterschiedlichen Zuschreibungen an die eine oder andere Gruppe, auch die Notwendigkeit weiterer Differenzierungen entsteht. Wenn zum Beispiel für die Nichtschwangerwerdenkönnenden sich die Norm herausbildet, dass sie sich sexuell nur zu Schwangerwerdenkönnenden hingezogen fühlen dürfen, entsteht die Notwendigkeit einer weiteren Kategorie für diejenigen, die ein anderes sexuelles Begehren haben, wie etwa bei den philippinischen Bakla, von denen du schreibst. Besonders augenfällig ist dieser Mechanismus bei den Burrneshas in Albanien, also Frauen, die als Männer leben, um „Familienoberhäupter“ sein zu können. Dies ist notwendig, wenn eine Kultur strenge Vorgaben für Familienoberhäupter hat (etwa: Frauen dürfen keine sein), aber jede Familie eins braucht. Dann ist das „dritte Geschlecht“ von als Männern performenden Frauen eine Lösung. Bei all diesen Ausformungen von Geschlecht, egal wie unterschiedlich sie sein mögen, ist die Wurzel aber die Suche nach Regelungen im Zusammenleben zwischen den Schwangerwerdenkönnenden und den nicht Schwangerwerdenkönnenden. Meine These würde ich dementsprechend erst dann als widerlegt ansehen, wenn es eine eingeschlechtliche Kultur gäbe, aber so eine ist mir noch nie begegnet (selbst im Science Fiction nicht, zumindest nicht bei Spezies, bei denen die einen schwanger werden können und die anderen nicht).

    Dass „Race“ nicht unbedingt etwas mit der Hautfarbe zu tun hat, ist richtig, wir hatten ja hier in der Kommentardiskussion auch schon das Beispiel des antijüdischen Rassismus. Ich hatte es nur anhand der Hautfarbe geschildert, weil es im Beispiel meines Posts um den US-Rassismus ging. Sicher hast du Recht, dass menschliche Gesellschaften immer auch Regeln finden müssen, wie mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen umzugehen ist. Aber hier ist die Wurzel eben nicht eine biologische körperliche Verfasstheit, sondern genau diese Kulturen und Geschichten. Wir befinden uns also vollständig im Bereich der Kulturproduktion.

    Aber es stimmt, dass es im konkreten Verfahren dann sehr große Gemeinsamkeiten zwischen diesen Differenzen und der Geschlechterdifferenz gibt, das habe ich ja im ersten Teil meines Posts auch beschrieben. Von daher würde ich sogar soweit gehen und sagen, dass die Geschlechterdifferenz quasi die Blaupause für einen gesellschaftlichen Umgang mit Verschiedenheit generell ist, einfach deshalb, weil sie deutlich macht, dass es keine praktikable Lösung ist, eine abstrakte „Gleichheit“ zu behaupten. Denn diese Gleichheit findet ihre Grenze einfach immer in der biologischen Tatsache, dass nicht alle schwanger werden können – es also niemals nur „den neutralen Menschen“ geben kann und die Herausforderung der Differenzvermittlung immer bleibt und niemals aufgelöst werden kann: Ebenso wie es niemals nur ein Geschlecht geben wird, ebenso wird es niemals nur eine Kultur geben.

  20. Von daher ist es logischerweise so (nämlich gar nicht anders möglich), dass Antirassismus in den USA sich genau auf diese “One-Drop-Rule” bezieht, ebenso wie Antirassismus in anderen Ländern sich auf die dort vorherrschenden Definitionen von “Rasse”

    Das ist guter Punkt: Man muss sich also als Antirassist an die Definition halten, die ein Rassist für „Rasse“ hat.

    Dann wäre aber die entscheidende Frage: Ist Rachel Dolezal aus Sicht eines US-Rassisten schwarz?

    „Formal“ ja vermutlich nicht: Sie hat ja keinen „Drop“ in sich. Aber relevant wäre ja die Praxis.

    Nehmen wir an, ein rassistischer Polizist betreibt Racial Profiling. Würde Rachel Dolezal mit ihrem aktuellen Äußeren in seinem Raster hängen bleiben? Ich vermute mal stark ja: Sie würde für ihn als schwarz gelten.

    Daraus folgt: Auch für Antirassisten müsste sie als schwarz gelten.

  21. Nee, müsste sie nicht. Genausowenig wie ein Cismann, der sich als Frau verkleidet und deswegen sexistische Kommentare abbekommt, für Feminst*innen „als Frau gelten“ muss. So einfach ist das nicht.

  22. Ich finde den Gedanken, dass die Geschlechterdifferenz anders ist, weil Männer wie Frauen darunter leiden/ das Herrschaftsverhältnis nicht eindeutig ist, interessant, allerdings noch keinen hinreichenden Grund. Um mal in eine andere Richtung weiterzudenken: Wie bewertet Ihr Frauen, die ein Kopftuch tragen, entweder weil sie konvertiert sind, oder wie im folgendem Video, um es mal auszuprobieren. Lassen wir mal den Aspekt Religion aussen vor: Würde es irgendwer als problematisch empfinden, wenn ich hierzulande täglich mit Kopftuch rumlaufen würde, um mich mit Musliminnen zu solidarisieren oder auch um mit ihnen zusammenzuarbeiten? https://www.facebook.com/BuzzFeedVideo/videos/1619662848174591/?pnref=story

  23. @Hannah Wettig – Das ist eine interessante Frage. Wäre ich eine Muslimin, würde ich es vielleicht schon als problematisch empfinden, weil das Kopftuch ja auch einen symbolischen Wert hat, es zeigt eine bestimmte Gottesbeziehung an. Wenn einfach irgendwelche Frauen ein Kopftuch haben, verliert es ja diesen Symbolcharakter, es „bedeutet“ dann nichts mehr. Diejenigen, die das nur als individuelles Zeichen sehen, kann das aber auch wieder egal sein… Was anderes ist natürlich, wenn das „solidarisch Kopftuchtragen“ eine politische Aktion ist, etwa nach einem konkreten Ereignis und für einen begrenzten Zeitraum.

    Jedenfalls glaube ich nicht, dass man solche Antworten „absolut und objektiv und für immer gültig“ geben kann, sondern sie gelten – wie alles – immer nur kontextbezogen.

  24. @Grinsekatze Doch, Antje argumentiert ja, dass es bei „Rasse“ kein objektives Kriterium gibt (anders als bei Geschlecht) – somit sich Antirassisten an die Definiton von „Rasse“ halten sollten, die Rassisten praktizieren.

    Folglich sollten Antirassisten alle Menschen als schwarz akzeptieren, die für Rassisten als schwarz gelten.

  25. @Irene – Danke für den Link. Interessante Analyse von Viola Roggenkamp, bis auf ihr Genöle über die „Internetwelt“ andauernd. Keine Ahnung, was das sein soll, aber in „meiner“ Internetwelt war die Meinung sehr einhellig so ähnlich wie die, die Roggenkamp hier vertritt 🙂

  26. „Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln.“

    Den Konflikt gibt es bei Säugetieren in der Tat immer, und das seit etwa 125 Millionen Jahren. Unsere Gehirne sind mit ihnen entstanden, von diesem Konflikt geprägt und Transsexuelle zeigen recht nachhaltig, dass es hier zu Unterschieden gekommen ist, die über den rein sozialen Konflikt hinausgehen. Denn ansonsten würde der Konflikt um Transsexuelle gar keine Rolle spielen.

    Sie fühlen sich anders, weil ihr Gehirngeschlecht tatsächlich abweicht. Wer bei Transsexuellen biologische Gründe annimmt, muss diese auch bei CIS-Menschen annehmen.

    Da würde ein Differenzfeminismus dann interessant. Er müsste sich aber mit weitaus mehr Differenzen befassen, und diese auch nur im Schnitt, als bisher
    (auf meinen Artikel zu Dolezal über den Unterschied zwischen Transsexualität un Transracial hatte Georg ja freundlicherweise bereits hingewiesen)

  27. @Antje, danke für deinen lesenswerten Kommentar. Du schreibst:
    „Meine These würde ich dementsprechend erst dann als widerlegt ansehen, wenn es eine eingeschlechtliche Kultur gäbe, aber so eine ist mir noch nie begegnet (selbst im Science Fiction nicht, zumindest nicht bei Spezies, bei denen die einen schwanger werden können und die anderen nicht). (…) Ebenso wie es niemals nur ein Geschlecht geben wird, ebenso wird es niemals nur eine Kultur geben.“
    In feministischer Social Fiction gibts das schon seit 40 Jahren 😉 (vgl. Marge Piery ‚Frau am Abgrund der Zeit‘):
    (…)
    “What is all this?” She shifted nervously.
    “Disinfecting. This is the brooder, where our genetic material is stored. Where the embryos grow.”
    The inner doors zipped open, but into space that looked more like a big aquarium than a lab. The floor was carpeted in a blue print and music was playing, strange to her ears but not unpleasant. A big black man leaning comfortably on a tank painted over with eels and water lilies waved to them. “I’m Bee. Be guest! Be guest to what I comprend was a nightmare of your age.”
    “Bottle babies!”
    “No bottles involved. But fasure we’re all born from here.”
    (…)
    “How can men be mothers! How can some kid who isn’t related to you be your child?” She broke free and twisted away in irritation. (…) “It was part of women’s long revolution. When we were breaking all the old hierarchies. Finally there was that one thing we had to give up too, the only power we ever had, in return for no more power for anyone. The original production: the power to give birth. Cause as long as we were biologically enchained, we’d never be equal. And males never would be humanized to be loving and tender. So we all became mothers. Every child has three. To break the nuclear bonding.” (…)
    https://libcom.org/files/piercy_marge-woman_on_the_edge_of_time.pdf

  28. PS: mit ‚gibts das‘ meinte ich, eine dekonstruierendeUmgangsweise mit der Geschlechterdifferenz, so dass Gebärenkönnen keine Rolle mehr spielt.

  29. „… dies aber wiederum träfe genau auch auf als Mann geborene Transfrauen zu. Würden die nicht auch ihre eigene Verantwortung als Männer am Sexismus verleugnen?“

    Nur um das zum millionsten Mal klarzustellen. Eine transsexuelle Frau ist nicht als Mann geboren… Und zu behaupten, eine solche hätte keinen Respekt vor den Unterdrückungserlebnissen von „echten“ Frauen, ist so ziemlich das Respektloseste, was mir in der Hinsicht bis jetzt untergekommen ist. Das suggeriert erstens, transsexuelle Frauen würden selbst keine Unterdrückung erfahren, dabei sind diese immer von mehreren Unterdrückungsmechanismen betroffen. Sexismus, Transphobie, Homophobie, Pathologisierung… Und zweitens behauptet mensch damit einfach, transsexuelle Menschen würden vorgeben etwas zu sein, was sie nicht sind. Wozu? Wenn mensch sich mal ein ganz kleines bisschen mit unseren Lebensrealitäten auseinandersetzen und uns zuhören würde, anstatt immer nur über uns zu reden, wäre das klar. Wenn mensch den ganzen Tag ausgelacht, angestarrt, fotografiert und beleidigt wird (neuester Klassiker: „Das ist kein Mensch. Das ist ne Schwuchtel.“), ist irgendwann auch die Lust weg sich von nicht ganz so feindlich gesinnten Menschen das Geschlecht absprechen zu lassen. Obwohl ich zu sonst eigentlich durchaus bereit dazu – ja sogar interessiert – bin die Bedeutung von Transsexualität für das Geschlechtersystem zu diskutieren. Aber nicht, wenn mir von vornherein unterstellt wird, mich gäbe es eigentlich gar nicht. Ich würde mir mich nur einbilden.

    Zum eigentlichen Thema muss ich sagen, dass mir die Vergleiche erst merkwürdig vorkamen, ich aber nicht genau sagen konnte, warum. Ich finde deinen Erklärungsansatz ganz interessant. Vor allem die Frage ob für die Gebärfähigkeitsfrage noch die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ sinnvoll anwenden kann. Allerdings bin ich mir auch nicht sicher, ob diese Unterscheidung in gebärfähig oder nicht wirklich gesellschaftlich notwendig ist. Letzten Endes spielt das doch erst eine Rolle, wenn eine Person tatsächlich schwanger ist. Und dann kann gekuckt werden, wie die Person währenddessen und danach unterstützt wird. Ich halte es aber nicht für realistisch anzunehmen, dass die Kategorie tatsächlich für die Fortpflanzung nötig ist. Ich kann ja auch Kinder zeugen/bekommen und großziehen wenn ich mit Menschen Sex habe unabhängig von deren Gebärfähigkeit. Abgesehen davon, ob mensch das nun politisch richtig findet oder nicht, glaube ich schon, dass ein bisschen Empathie angebracht ist für einen Menschen, dem alle Welt sagt er_sie sei etwas anderes als diese Welt meint. Ich glaube, die meisten Menschen können sich in so ein Dilemma gar nicht reinversetzen.

  30. @Annalina – Also, als mit Gebärmutter geborene Person kann ich dir versichern, dass das Thema Gebärfähigkeit NICHT erst eine Rolle spielt, wenn eine Person wirklich schwanger ist. Es hat mein ganzes Leben seit ich menstruiere beeinflusst, weil zum Beispiel meine Eltern bei jedem Ausflug mit Jungs befürchteten, dass ich schwanger werden könnte. Bei jedem Sex mit Männer schwebte diese Möglichkeit vor meinem inneren Auge. Jede verzögerte Menstruation war mit der Frage behaftet, ob ich möglicherweise schwanger bin. Etwas witzig finde ich auch deine Vorstellung, dass man in dem Moment, wo eine Person schwanger ist, ja schauen kann, wie man damit umgeht und wie die Gesellschaft dabei hilft. Der Unterschied ist nur: Wenn das Kind in deinem Bauch ist, bist du dafür verantwortlich, du allein. Jede andere Person auf der Welt kann sich umdrehen und sich nicht weiter drum kümmern, aber du kommst als Schwangere aus der Sache nicht raus, weil sie ein Teil von dir ist, im wahrsten Sinn des Wortes. Von daher, ja: Auch ohne Gebärfähigkeit KANNST du Kinder zeugen und großziehen. Aber der Punkt ist: Du MUSST nicht. Wenn du erstmal schwanger bist, nehmen diese Entscheidungen eine andere Bedeutung an, denn die Option, einfach NICHTS zu tun, hast du dann nicht mehr.

  31. Ich wollte damit auch nicht in der Gegenwart ansetzen. Ich habe mich nur gefragt, ob es eine Gesellschaft geben könnte, in der es tatsächlich erst dann wichtig wird, wenn ein Mensch schwanger ist. Übrigens hat meine Mutter auch durchgehend Panik davor gehabt, dass ich jemanden schwängere. Natürlich ist das nicht dasselbe aber trotzdem wurde mir auch sehr stark das Gefühl vermittelt, dass in so einem Fall nicht die schwangere Person allein dafür verantworlich ist.

  32. Die Tatsache, daß es biologische Unterschiede zwischen „schwangerwerdenkönnenden Menschen“ und „nicht schwangerwerdenkönnenden Menschen“ gibt, bedeutet nicht, daß die Geschlechterdifferenz (soweit sie über das reine Schwangerwerdenkönnen bzw. Schwängernkönnen hinausgeht) kein reines Herrschaftsinstrument ist.
    Leider bringt es auch dein Artikel nicht auf den Punkt, weshalb Transrassität Blackfacing / Rassismus ist, dagegen Transgenderismus kein Womanfacing / Sexismus.
    Es gibt übrigens ein Wort für schwangerwerdenkönnende Menschen: Frauen. Menschen gehören zu den Säugetieren. Diejenigen, die Junge tragen und gebären können (falls die Fortpflanzungsorgane in funktionstüchtigem Zustand sind), sind weiblich.
    Jeder Mensch ist eine individuelle Persönlichkeit. Mann / Frau bezeichnet lediglich ihre potentielle Rolle im Fortpflanzungsprozeß. ALLE VORSTELLUNGEN UND ERWARTUNGEN, DIE DARÜBERHINAUSGEHEN, SIND SEXISTISCH. Transgenderismus ist nicht denkbar ohne solche, ist daher reiner Sexismus.

  33. Pingback: Konfliktvermeidende Zustimmung: der freundliche Weg, Feminismus nicht ernstzunehmen | Aus Liebe zur Freiheit

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