Schweiß, Tränen, Kacke, Blut

41sx-XlU1eL._SX303_BO1,204,203,200_Passend zu meiner Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen las ich gestern und vorgestern im Zug den Roman „Lasse“ von Verena Friederike Hasel (Ullstein Verlag).

Ich will nicht wirklich viel von der Geschichte verraten, weil dann der Lesespaß weg ist, aber so viel: die körperlichen Aspekte des Schwangerseins und Gebärens und Stillens und Kleinbabyversorgens werden liebevoll-krass-detailliert geschildert, sodass auch bei Männern und anderen Nichtgeborenhabenden nicht mehr  viele Fragen offenbleiben.

Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt auch der Sachverhalt, um den es in meinem vorigen Blogpost ging, dass nämlich die Entscheidung über das Austragen einer Schwangerschaft einzig und allein bei der Schwangeren liegt, und dass ihre Verantwortung für das (noch nicht) geborene Leben unmittelbar mit diesem körperlichen Umstand zusammenhängt. Und das gleichzeitig doch das Gelingen des ganzen Unternehmens darauf angewiesen ist, dass es ein soziales Umfeld gibt, in dem Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten eben nicht klar sind, sondern bei allen anderen Menschen Verhandlungssache ist. (Und wenn die Schwangere sich in Bezug auf diese Verhandlungen als unfähig erweist, ist nicht nur sie die Gelackmeierte, sondern eben auch das Kind).

Falls jemand also eine Lektüreempfehlung sucht: Hier.

Verena Friederike Hasel: Lasse. Roman, Ullstein 2015, 18 Euro Print, 14,00 E-Book.

Väter, Mütter und der Elefant im Raum

In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“

Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Vaterschaft und Mutterschaft: Vaterschaft konstituiert sich nicht automatisch durch den biologischen Zeugungsakt, es muss ein Prozess der sozialen Anerkennung hinzukommen. Es gibt die Möglichkeit, dass die Beteiligten sich gegen die Vaterschaft des biologischen „Erzeugers“ entscheiden. Sie – oder die Gesellschaft – können auch einen anderen Mann zum Vater küren (in der Realität gilt oft der Mann als Vater, der mit der Schwangeren verheiratet ist, egal ob das Kind tatsächlich „von ihm“ ist. Im konkreten Fall der Fernsehserie ist ein konkreter Kandidat ein anderer Wärter, mit dem Daya ebenfalls Sex hatte, und der von sich selbst fälschlicherweise glaubt, der Vater zu sein).

In Bezug auf Mutterschaft gibt es diese Möglichkeit, quasi „per Abmachung“ zu entscheiden, nicht. Man kann das befruchtete Ei nicht im Lauf der Schwangerschaft in einen anderen Körper transferieren (vielleicht kommt das ja noch). Wer die biologische Mutter eines Kindes ist, ist eine evidente, für alle offensichtliche Tatsache: diejenige, in deren Körper das Kind heranwächst und die es schließlich zur Welt bringt. Selbstverständlich ist Mutterschaft auch sozial geprägt. Aber sie ist eben dennoch und gleichzeitig ein materieller Fakt: dieser schwangere Körper und dieses Kind, das daraus geboren wird.

Andersrum ist natürlich auch die biologische Vaterschaft feststellbar (wenn auch erst seit kurzem), allerdings nicht einfach per Anschauung, sondern nur mit technologischem Aufwand. Es muss ein Vaterschaftstest gemacht werden, was aber nur im Streitfall geschieht. Es geschieht zum Beispiel nicht, wenn sich alle Beteiligten auf einen Vater „einigen“. Und es geschieht auch dann nicht, wenn gar kein Kandidat vorhanden ist. Es ist ja zum Beispiel möglich (und kommt auch öfter mal vor), dass weder die schwangere Frau noch der Mann, mit dem sie Sex hatte, an dieser konkreten Vaterschaft ein Interesse haben – und deshalb schlicht darüber schweigen.

Die soziale Konstruktion von Vaterschaft bedeutet: Jemand muss sagen „Dieser Mann ist der Vater meines Kindes“ oder „Ich bin der Vater dieses Kindes“ – wenn das nicht geschieht, gibt es keinen Vater. Im Fall von Mutterschaft aber muss niemand etwas sagen. Eine Mutter gibt es immer, denn andernfalls wird gar kein Kind geboren. Eine Mutterschaft zu verheimlichen ist zwar nicht völlig unmöglich, setzt aber einen ziemlichen organisatorischen Aufwand voraus.

Lasst-Väter-Vater-seinDerzeit ist die Art und Weise, wie Vaterschaft sozial konstruiert wird, stark im Umbruch und damit in der Debatte. Unter dem Titel „Lasst Väter Vater sein“ hat Barbara Streidl eine Streitschrift vorgelegt, in der sie vehement und engagiert dafür plädiert, die Rolle von Vätern zu stärken. Sie wünscht sich – wie wohl viele heutzutage – dass Väter eine aktive und von Umfang und Qualität her ähnliche Verantwortung für Kinder annehmen und zugesprochen bekommen wie Mütter. Sie fordert die Frauen, die Männer und die Gesellschaft insgesamt auf, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Doch allein schon die Häufigkeit und Vehemenz, mit der sie immer wieder betont „Kinder brauchen Väter“, „Väter sind wichtig!“ ist ein Beleg dafür, dass dieses Brauchen und diese Wichtigkeit gerade nicht evident sind. Diese Sätze sind ein Appell, nicht die Feststellung einer Tatsache.

Sollen Väter also wichtig sein? Ich bin in dieser Frage nicht so klar entschieden wie Barbara Streidl. Aber so oder so: Jede gesellschaftliche Debatte darüber, was Vaterschaft sein soll, wird nicht darum herumkommen, sich dem Thema von Schwangerschaft und Geburt zu stellen, also die damit verbundenen körperlichen Unterschiede von Mutterschaft und Co-Elternschaft wahrzunehmen. Diesen Part der Co-Elternschaft müssen ja auch nicht unbedingt die Väter übernehmen, es gibt auch lesbische Co-Mütter oder Poly-Familien und alle möglichen anderen denkbaren Konstellationen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: den Unterschied zwischen den Co-Eltern und der Person, die das Kind austrägt und gebiert. Diese Unterschiede spielen eine Rolle, wenn man sinnvoll darüber diskutieren will, wie Elternschaft kulturell gestaltet werden soll: Let’s talk about Schwangerwerdenkönnen!

Erstaunlicherweise kommt aber genau dieses Thema in Streidls Buch nicht mit einem Wort vor. Es scheint sich dabei wirklich um eines der größten Tabus unserer Zeit zu handeln. Vor einiger Zeit wunderte ich mich bereits über ein feministisches Mädchenbuch, das in großer Ausführlichkeit über alle möglichen Dinge und  auch die körperlichen Aspekte des weiblichen Erwachsenwerdens spricht – aber das Schwangerwerdenkönnen mit keiner Silbe erwähnt. Und nun gibt es ein Buch über Vatersein und Muttersein, das genau dieselbe Leerstelle aufweist. Der riesige Elefant im Raum. Was ist an ihm eigentlich so gefährlich?

In Bezug auf die soziale Konstruktion von Vater- und Mutterschaft, um die es in Streidls Buch geht, ist relativ klar, wo das Problem liegt: Die klassische patriarchale Aufteilung von Mutter- und Vaterrolle in Bezug auf die Kindererziehung wurde schließlich genau mit dem Schwangersein und Gebären begründet, aus dem dann allerlei angeblich naturgegebene Unterschiede für die Zeit nach der Geburt abgeleitet wurden. Doch die körperliche Evidenz des Mutterseins endet mit der Geburt. Nach der Geburt ist alles in der Tat verhandel- und veränderbar, es gibt zum Beispiel keine biologische Notwendigkeit, dass die Person, die schwanger war und das Kind geboren hat, auch diejenige ist, die es anschließend versorgt.

Doch das bedeutet nicht, dass das Thema Schwangerschaft für die Verhandlung von Vater- und Mutterschaft unwichtig wäre. Denn worum es hier geht, das sind vor allem die Beziehungen zwischen der Mutter und dem – potenziellen – Vater. Diese Beziehung ist von einer ganzen Reihe an Ungleichheiten geprägt. Zum Beispiel kann die schwangere Frau nicht sicher sein, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, auch bis zur Geburt anwesend bleibt (er muss sie gar nicht mal unbedingt verlassen, er kann auch sterben zum Beispiel). Ein Mann wiederum kann prinzipiell nicht allein entscheiden, ein Kind zu bekommen – er ist darauf angewiesen, dass eine Frau nicht nur mit ihm Sex hat (darauf ist eine Frau ebenfalls angewiesen), seine Sexpartnerin muss das Kind anschließend auch austragen. Sie kann das Kind nämlich auch abtreiben, eine Entscheidung, die (faktisch) allein bei ihr liegt, auch wenn sie normalerweise seine Meinung dazu wohl irgendwie berücksichtigt. Aber es ist ihr Körper. Andersrum heißt das auch: Wenn die Schwangere ein ungeplant gezeugtes Kind gebären möchte und ihr Sexpartner nicht – dann kann er das nicht verhindern.

Vater- und Mutterrollen werden also nicht erst ab dem Moment der Geburt verhandelt, sondern spätestens ab dem Moment der Zeugung, unter Umständen sogar schon vorher. Geburten haben eine Vorgeschichte, die von einer wesentlichen Ungleichheit geprägt ist: der Ungleichheit zwischen derjenigen Person, die schwanger ist und eventuell ein Kind zur Welt bringt, und einer (oder mehreren) anderen Personen, die das nicht sind, aber dennoch eine Beziehung zu diesem Kind haben möchten. Die mit all dem verbundenen Verhandlungen und Abmachungen sind von dieser Ungleichheit geprägt und müssen ihr deshalb Rechnung tragen – Daya und John aus der Fernsehserie sind da keine Ausnahme.

Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Beltz 2015, 167 Seiten, 16,95 Euro.

Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die „One-Drop-Rule“ in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!

Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

© lisalucia - Fotolia.com

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(Dies ist ein Artikel in der Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen)

Im Editorial der aktuellen brandeins schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer einen Satz, der mir zu denken gab. Er lautet:

Wolf Lotter unterbrach gern seinen Elternurlaub, um aus … zu erzählen.

Der Informationsgehalt ist ein doppelter. Erstens: Wolf Lotter ist im Elternurlaub (Kekse !!!). Und zweitens: Er ist gern bereit, seinen Urlaub zu unterbrechen, wenn es in der Firma etwas wichtiges zu tun gibt (Kekse !!!).

Unbeantwortet bleibt die dritte Frage: Und wer versorgt jetzt das Kind?

Einen Elternurlaub kann man ja nicht einfach so unterbrechen wie einen Mallorcaurlaub. Mallorca ist es egal, wenn man ihm den Rücken kehrt und zurück an den Schreibtisch eilt. Ein Kind hingegen muss trotzdem weiter versorgt werden, stündlich. Vermutlich hat Lotters Kind eine Mutter, die hier einspringt, oder es gibt andere Erwachsene, die das tun, oder Lotter schafft es, beides zu vereinbaren, ich weiß es nicht.

Aber die Frage zu stellen: Und wer versorgt das Kind? ist wichtig, weil sie zentral ist für die derzeitigen Debatten um Elternschaft.

In Bezug auf Vaterschaft hat heute das alte patriarchale Modell ausgedient, wonach ein Vater Familienoberhaupt ist, das Entscheidungen für Frau und Kinder trifft und Geld verdient, aber in die alltägliche Hausarbeit kaum involviert ist. Doch es ist noch nicht so genau klar, was Vaterschaft denn künftig stattdessen bedeuten soll.

Bei mir gehen bei Sätzen wie dem oben zitierten gewisse Alarmglocken an, weil dahinter die Idee steckt, dass Vaterschaft sich künftig zwar bis zu einem gewissen Grad am Modell von Mutterschaft orientiert (konkrete Fürsorge für das Kind im Alltag), allerdings nur als Option beziehungsweise auf Zeit. Zwei „Vätermonate“ eben, oder Elternurlaub, der unterbrochen werden kann. Ähnlich scheint es zum Beispiel auch Malte Welding zu gehen, der das Thema in seinem Blog ausführlich diskutiert hat.

Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell „Kinderversorgen als Option“ nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal „Mütter“, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: „Mutter“ ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.

Diese Unterscheidung zwischen „Vätern“ (Fürsorgearbeit als Option) und „Müttern“ (Fürsorgearbeit als undiskutierbare Notwendigkeit) ist natürlich nicht unbedingt an das Geschlecht der betreffenden Personen gebunden, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst davon. Denn hier setzt sich eine Realität fort, die die ungleiche Beteiligung von Elternpersonen vor der Geburt widerspiegelt: Die der Schwangeren und der Nicht-Schwangeren.

Solange ein Kind noch nicht geboren ist, ist es Teil des Körpers einer schwangeren Frau*. Im Zustand des Schwangerseins ist aufgrund purer biologischer Umstände Elternschaft keine Option, die zum Beispiel für einen Job mal eben unterbrochen werden kann. In diesem Zustand sind nur Tätigkeiten möglich, die mit der Elternschaft (dem Schwangersein) vereinbar sind, punkt, basta.

Und zwar im Unterschied zu den nicht-schwangeren Elternteilen. Sie sind in ihren sonstigen Aktivitäten durch die bevorstehende Geburt in keinerlei Weise körperlich eingeschränkt, sie können in der Woche vor dem Geburtstermin noch einen Marathon laufen oder sich bewusstlos saufen, ohne dass das – auf der körperlichen Ebene – irgend eine negative Auswirkung auf das Kind hat. Wenn sie darauf, etwa aus Solidarität mit der schwangeren Frau, verzichten, dann tun sie das aus sozialen Gründen, freiwillig: Für sie ist Option, was für die Schwangere undiskutierbare Notwendigkeit ist.

Die historisch überkommenen Geschlechterrollen verlängern diesen Zustand sozusagen in die Zeit nach der Geburt. Das hat nichts mit moralischer Schuld zu tun. Es ist auch nicht so, dass die Frauen* hier per se den schwarzen Peter haben, denn die Männer* bestehen auf der Optionalität ihrer Fürsorgetätigkeit in der Tat oft nicht einfach aus Faulheit, sondern durchaus aus Verantwortungsbewusstsein, nämlich dem, für die finanzielle Absicherung sorgen zu müssen, nicht  nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und deren Mütter (Vgl dazu auch meinen Post „Paarbildung“)

Worum es mir geht ist, dass die Symbolifigur „Elternarbeit als Option“, wie sie in dem brandeins-Zitat bekräftigt wird und auch im tatsächlichen Verhalten vieler „neuer“ Väter zum Ausdruck kommt, nicht zum neuen Interpretationsmodell für Elternschaft generell werden darf, denn dies widerspricht der Bedingtheit des Menschseins: In Bezug auf Babies und kleine Kinder ist Elternarbeit eben keine Option, sondern eine undiskutierbare Notwendigkeit, die erledigt werden muss. Von irgend jemandem. Dieser jemand ist dann die Mutter*.

Diese Person muss nicht identisch sein mit der Frau, die das Kind geboren hat, denn bei der Geburt wird der Körper des Kindes vom Körper der schwangeren Frau getrennt. Dass sie es aber auch heute noch, nach Jahrzehnten aktiver Gleichstellungspolitik nach wie vor fast immer ist, liegt meines Erachtens daran, dass wir die Nicht-Optionalität von Elternsein nicht genügend diskutieren und in unserem Handeln und Sprechen bewusst machen.

Wenn wir die traditionellen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft ablehnen und an ihrer Stelle neue einführen möchten, müssen wir also unbedingt die Frage stellen und beantworten: Wie ist verlässlich dafür gesorgt, dass die früher den Müttern zugeschriebene Aufgabe, nämlich im Fall dass das Kind etwas braucht, alles andere ohne Wenn und Aber hinten anzustellen und die notwendige Arbeit zu tun, auch in Zukunft erfüllt wird? Optionale Vaterschaft ist da keine Lösung. Und solange wir keine Lösung haben, wird diese Funktion, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei den Frauen hängenbleiben, die ein Kind geboren haben.

Kybernetischer Kommunismus oder: Die unerledigten Visionen der Shulamith Firestone

Vergangene Woche starb Shulamith Firestone, eine der wichtigsten Vordenkerinnen der „zweiten Welle“ des Feminismus. Was ist eigentlich ihr Vermächtnis?

1970, da war sie 25, erschien Firestones Buch „The Dialectic of Sex“ (auf Deutsch: „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, erschienen 1975). Darin vertritt sie die These, dass weibliche Freiheit erst möglich sei, wenn weiblicher Körper und Reproduktion, also Schwangerschaft und Kinderkriegen, voneinander getrennt werden: „Der Kern der Unterdrückung der Frau ist ihre Rolle als Gebärerin.“ (S. 71).

Firestones feministische Vision war das, was sie „kybernetischer Kommunismus“ nannte: Eine Welt, in der die Entstehung von Menschen vom weiblichen Körper gelöst ist. Dafür setzte sie große Hoffnungen in die entstehenden Reproduktionstechnologien.

Ihre Aussagen wurden auch damals schon kontrovers diskutiert, und eine große Strömung von Feministinnen stand den Reproduktionstechnologien von Beginn an skeptisch gegenüber. Doch für viele Frauen ihrer Generation waren Firestones Thesen durchaus ein Argument dafür, sich bewusst gegen das Kinderkriegen zu entscheiden.

Ich habe Firestones Buch später, gegen Ende der 1980er gelesen und fand ihre These falsch, aber weniger aus Skepsis gegenüber der Reproduktionstechnologie, sondern eher aus einem argumentationslogischen Motiv heraus: Ich war schon damals der Meinung, es dürfe keine Vorbedingung für weibliche Freiheit sein, dass Frauen sich den Männern angleichen. Und genau das sah ich in ihrem Vorschlag: Auf künstliche Reproduktion zu setzen bedeutete, den männlichen Körper zu imitieren, indem man aus dem weiblichen die Gebärfähigkeit eliminierte.

Heute, einige Jahrzehnte später, stelle ich fest, dass sich Firestones Ideen keineswegs erledigt haben. Auf den ersten Blick scheinen sie zwar noch skurriler zu sein als damals – der Feminismus ist mehr im Mainstream angekommen und nur selten noch so radikal. Doch als ich jetzt aus Anlass ihres Todes noch einmal darüber nachdachte, fiel mir auf, dass Firestone damals hellsichtig den Finger in eine Wunde legte, über die wir uns heute gerne mal hinwegmogeln: die Tatsache nämlich, dass die biologischen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Körpern für das gesellschaftlich-kulturelle Verhältnis von Frauen und Männern durchaus eine enorme Rolle spielen.

Wenn Firestone der Meinung war, solange es diese Unterschiede gibt – solange also Frauen schwanger werden und Kinder gebären und Männer nicht – könne es keine Gleichheit der Geschlechter, keine Freiheit der Frauen geben, bezieht sie sich auf Simone de Beauvoir. Diese hatte ja in „Das andere Geschlecht“ bereits ähnliche Ansichten vertreten: Dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären ist auch für Beauvoir die Wurzel des Patriarchats, weil es sie den Männer gegenüber im Bezug auf eigene, selbst bestimmte Projekte in der Welt (Beauvoir war Existenzialistin) ins Hintertreffen geraten ließ.

Beauvoir riet Frauen deshalb, weniger Tamtam um die Mutterschaft machen und sich mehr auf Erwerbsarbeit und Selbstverwirklichung zu konzentrieren. Aber das war sozusagen nur eine quantitative und keine qualitative Lösung: Es bliebe doch immer ein Rest von Nachteil gegenüber den von Schwangerschaftssorgen unbehelligten Männern übrig.

Firestone dachte Beauvoirs Ansatz radikal zu Ende: Wenn das Gebären wirklich die Wurzel der weiblichen Unterdrückung ist, dann liegt die einzige Lösung darin, dass Frauen überhaupt nicht mehr schwanger werden.

Und heute? Heute wird das Thema Schwangerschaft und Geburt im Feminismus gerne weiträumig umschifft. Über biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sprechen, ist fast schon ein Tabu geworden.

Was das Kinderthema betrifft, so konzentrieren wir uns fast nur noch auf den Zeitraum nach der Geburt. Ab da können nämlich Frauen und Männer gleichermaßen Verantwortung übernehmen – so jedenfalls die Theorie, deren Umsetzung in die Realität jedoch noch reichlich zu wünschen übrig lässt. Die neun Monate zwischen Empfängnis und Gebären hingegen werden ausgeblendet. So als würde es überhaupt keinen Unterschied machen, ob jemand „Eltern“ wird durch einmaliges Vögeln oder (bei engagierten Vätern, lesbischen Co-Müttern, schwulen Eltern) einen sozialen Akt der Verantwortungsübernahme – oder eben durch neunmonatelanges Schwangersein und anschließendes Gebären.

Und schließlich: Können nicht auch Männer Gebärmütter haben? Ja, klar. Aber es geht hier nicht um Definitionen von Mannsein und Frausein. Es geht darum, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Und dass das einen Unterschied macht, der politisch, sozial und kulturell von Bedeutung ist. Einen Unterschied, der eng mit Konzeptionen von Weiblichkeit und Männlichkeit verknüpft ist. Uns das in äußerster Radikalität vor Augen zu führen, ist das bleibende Vermächtnis von Shulamith Firestone.

Von welcher Bedeutung, das steht allerdings nicht fest. Ich teile die Bedeutung, die Firestone diesem Unterschied gibt, nicht: Ich bin nicht der Ansicht, dass Menschen, die schwanger werden (können), anderen gegenüber notwendigerweise im Nachteil sein müssen. Sie sind es nur unter patriarchal infizierten Bedingungen.

Und das Patriarchat ist das Problem, nicht das Schwangerwerden. Ich glaube, dass eine Gesellschaft auch so organisiert sein kann, dass Schwangersein und Kindergebären kein prinzipielles Handicap darstellt. Ich kann mir eine postpatriarchale Kultur vorstellen, in der Abhängigkeiten und Zugehörigkeiten nicht als Einschränkungen der Freiheit gelten, sondern als deren Vorbedingung – und dann würde Mutterwerden kein Nachteil mehr sein. Das Verhältnis des ungeborenen Kindes zu der Frau, in deren Leib es heranwächst, ist ja nichts anderes als eine besonders krasse Form von Abhängigkeit und Zugehörigkeit.

Aber ich gebe Firestone ganz Recht: Wir müssen uns diesem Thema aktiv widmen. Der biologische Aspekt des menschlichen Lebens, das Schwangersein, das Gebären und das Geborenwerden gehören wieder ins Zentrum feministischer, geschlechterpolitischer Überlegungen zurückgeholt.

Ein Hoch auf Schröders Schwangerschaft

Als ich heute früh die Meldung las, dass Familienministerin Kristina Schröder schwanger ist, habe ich mich gefreut. Ich stellte mir nämlich vor, was wohl in den Köpfen ihrer Parteikollegen und vielleicht auch mancher Parteikollegin vorgegangen ist. Es gab bestimmt nicht wenige, die gedacht haben: So ein Mist, muss das gerade jetzt sein. Kann die dann noch ihre Arbeit machen. So als junge Mutter. Ich wette, so mancher in Berlin findet ihre Familienplanung „suboptimal“ (wie es etwa der Spiegelfechter in seinem Rant zum Thema formulierte).

Wie ich drauf komme? Wieso ich das unterstelle, wo doch die offiziellen Verlautbarungen vor Jubel nur so barsten?

Ich komme drauf, weil ich über das Thema „Kinderkriegen während man mitten im Karrieremachen ist“ häufig mit Frauen diskutiere. Es gibt nämlich kaum eine frauenpolitische Veranstaltung, wo das nicht zur Sprache kommt. Und oft, sehr oft, erzählen da Frauen von Chefs oder Chefinnen, die ihnen klar zu verstehen geben, dass es jetzt aber sehr ungünstig wäre, schwanger zu werden. Sie erzählen von Steinen und Hürden, die ihnen in den Weg gelegt werden, wenn sie trotzdem weiter ihren Posten in der Hierarchie behalten möchten. Obwohl die offizielle Firmenpolitik natürlich die üblichen Bekenntnisse zu Familienfreundlichkeit abgibt.

Und deshalb denke ich mal, in der Parteipolitik wird das nicht sehr anders sein. Aber niemand traut sich heute noch, das offen auszusprechen. Ob zähneknirschend oder nicht: Alle müssen die Ministerin zu ihrer Schwangerschaft beglückwünschen. Ich finde, das ist ein Grund, eine Flasche Schampus zu köpfen.

Denn diese Schwangerschaft und vor allem die Reaktion darauf – die ja, Beispiel Andrea Nahles – kein Einzelfall ist, sondern einen Trend anzeigt, ist tatsächlich eine gute Neuigkeit. Und daher auch wert, ein bisschen in den Medien breitgetreten zu werden. Vor zehn Jahren noch wäre das nämlich nicht so gelaufen.

Erinnern wir uns mal einen kleinen Moment zurück, wie die Emanzipation der Frauen in Deutschland abgelaufen ist: zölibatär nämlich. Bis in die 1960er Jahre hinein verloren Beamtinnen ihren Job, wenn sie heirateten. Weil die hochoffizielle kulturelle Richtline nämlich der Auffassung folgte, dass sie als Ehefrau (und wahrscheinlich baldige Mutter) ihren hoheitlichen Pflichten nicht mehr nachkommen könnte. Erst in den 1970er und 1980er Jahren wurden auch verheiratete Frauen rechtlich gleichgestellt.

Mehrere Generationen von Frauen standen also klar vor der Wahl: entweder Karriere oder Kinder. Und deshalb ist es nicht Nichts und nichts Nebensächliches, wenn diese Auffassung sich inzwischen für alle sichtbar in ihr Gegenteil verwandelt hat. Natürlich wird Schröders Schwangerschaft jetzt propagandistisch ausgeschlachtet, und das ist ätzend. Aber: Allein die Tatsache, dass sie heute propagandistisch ausgeschlachtet werden kann, ist ein Grund, sich zu freuen. Es ist der Beweis, dass etwas anders geworden ist.

Sicher, da gibt es noch die ein oder andere offene Frage. An erster Stelle natürlich die, wie Schröder darauf kommt, zu behaupten, sie hätte jetzt dieselben Hindernisse zu überwinden, wie alle Frauen, die berufstätig sein und Kinder haben wollen. Hat sie natürlich nicht. Sie ist privilegiert, sie hat viel Geld, sie hat viel mehr Möglichkeiten.

Und sicher, es besteht die Gefahr, dass in dem nicht sehr unwahrscheinlichen (aber keineswegs sicheren) Fall, dass es ihr und Andrea Nahles gelingt, ihre Parteikarrieren ohne großen Bruch fortzusetzen, dieser Erfolg zulasten von anderen Frauen ausgeschlachtet werden könnte, nach dem Motto: Seht ihr, geht doch, worüber beschwert ihr euch denn noch.

Und sicher, ein Wickeltisch im Parteibüro macht noch keine familienpolitische Revolution. Und wahrscheinlich gibt es noch etwa zweihundert andere kritische Fragen, die in dem Zusammenhang gestellt werden müssen.

Keine Sorge, die werden schon gestellt. In diesem Blog ganz sicher, und bestimmt auch an vielen anderen Orten. Aber man muss ja nicht immer alles gleichzeitig machen. Heute jedenfalls freu ich mich erst mal.


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