Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk - Fotolia.com

Mama, Papa, Kind. Foto: Fotowerk – Fotolia.com

Dies ist Teil 2 der Reihe „Letz Talk about Schwangerwerdenkönnen“

Menschen kommen auf die Welt, indem sie als kleine hilflose überlebensunfähige Wesen aus dem Körper einer schwangeren Frau* herausrutschen. Das bedeutet, dass Bedürftigkeit und das Angewiesensein auf die Hilfe anderer eine conditio humana ist, also eine Grundbedingung des Menschseins. Es bedeutet auch, dass es in menschlichen Gesellschaftlichen Regelungsbedarf gibt für den Fall, dass eine Schwangerschaft eintritt. Geregelt werden muss insbesondere, wie die Verantwortung für diesen Neuankömmling auf der Welt unter den Erwachsenen verteilt wird.

Die Tatsache, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht bedeutet, dass Frauen* und Männer* einen unterschiedlichen Zugang zu diesem Thema haben. Zwar besteht zwischen ihnen noch eine Gleichheit, was die Zeugung eines Kindes betrifft – das ist nämlich einem Menschen allein nicht möglich, es braucht zwei dafür. Aber nicht alle Menschen haben dann gleichermaßen die Möglichkeit, dieses gezeugte Zellhäuflein auch wachsen zu lassen und zu gebären.

Wenn wir uns mal für einen Moment vorstellen, es gäbe überhaupt keine kulturellen Regeln in diesem Bereich, keine sozialen Beziehungsnormen und verbindliche Abmachungen, dann hätten Männer* aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit keinerlei Möglichkeit, eine Elternschaft zu planen – denn sie wüssten ja nie, ob die Frau*, mit der zusammen sie ein Kind gezeugt haben, auch neun Monate später noch irgendwo in der Nähe ist oder etwas mit ihnen zu tun haben möchte. Frauen* hingegen wären, falls sie schwanger werden, mit der Verantwortung für das Kind völlig auf sich gestellt – denn sie könnten ja nie wissen, ob der Mann*, mit dem sie zusammen das Kind gezeugt haben, neun Monate später noch da ist oder etwas mit ihnen oder mit dem Kind zu tun haben möchte, und sie könnten das auch von keinem anderen Menschen wissen.

Der einzige Mensch, der bei der Geburt eines Kindes mit hundertprozentiger Sicherheit anwesend ist – ohne dass es dafür irgend einer sozialen Regelung bedarf – ist die Mutter, denn aus ihrem Körper heraus kommt das Kind auf die Welt. Die Mutter kann sich nicht dafür entscheiden, bei der Geburt ihres Kindes nicht dabei zu sein. Die Anwesenheit jeder anderen Person hingegen (des biologischen Vaters, eines sozialen Vaters, einer Hebamme, einer Ärztin oder eines Arztes, von wem auch immer) ist entweder kontingent, also „zufällig“ in dem Sinne, dass diese Person auch nicht anwesend sein könnte, oder eben sozial vermittelt, also durch gesellschaftliche Regeln gewährleistet.

Der kulturelle Regelungsbedarf dreht sich also im Kern um zwei Grundthemen: die Frage, welche Unterstützung eine schwangere Frau* durch die Allgemeinheit erfährt, und die Frage, welche „Rechte“ die Allgemeinheit, die Männer* oder bestimmte andere Menschen in Bezug auf das Kind haben, das im Körper einer Schwangeren heranwächst – unter Umständen auch gegen ihren Willen. Im Detail müssen zum Beispiel für folgende Fragen Antworten gefunden werden:

Gibt es für Menschen, die schwanger sind und/oder rund um die Geburt eine Unterstützung? Was für eine? Wer kommt für diese Unterstützung auf, die Allgemeinheit oder bestimmte andere Menschen? Müssen die Schwangeren irgendwelche Bedingungen erfüllen, um in den Genuss solcher Unterstützung zu kommen? Welche? Oder müssen die Schwangeren selbst sehen, wo sie bleiben und wie sie zurechtkommen?

Wird von Menschen, die ein Kind gebären, erwartet, dass sie sich anschließend um das Neugeborene kümmern? Wie lange? Oder gibt es andere, die dafür ebenfalls zuständig sind? Wer ist das und unter welchen Bedingungen? Wie wird sichergestellt, dass die Betreffenden ihrer Verpflichtung auch nachkommen?

Können Menschen, die schwanger sind, entscheiden, ob sie das Kind austragen möchten oder nicht? Wer bestimmt darüber, was mit neugeborenen Kindern geschieht? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich derjenigen, die das Kind geboren hat? Was davon fällt in den Entscheidungsbereich der Allgemeinheit oder bestimmter anderer Menschen? Welcher anderen Menschen? Werden für all das von der Gesellschaft Bedingungen gestellt, stehen dafür Ressourcen zur Verfügung? Wer entscheidet darüber konkret?

Das Problem bei all diesen Fragen ist, dass ihre Beantwortung jeweils unterschiedliche Folgen – Vorteile oder Nachteile – für Frauen* und Männer* hat. Beschließt eine Gesellschaft zum Beispiel, Schwangeren eine Art „Verdienstausfall“ zu zahlen (weil sie eine Zeitlang nicht in gleicher Weise wie Nichtschwangere selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können) oder eine gute, von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dann werden Männer* nie in den Genuss dieser Vorteile kommen, weil sie ja von vornherein wissen, dass sie nicht schwanger werden können. Beschließt eine Gesellschaft hingegen restriktive Regeln für den Vorgang der Schwangerschaft (zum Beispiel ein Abtreibungsverbot), dann müssen Frauen* damit rechnen, davon betroffen zu sein, nämlich in dem Fall, dass sie schwanger werden, Männer* können aber sicher sein, dass sie niemals davon betroffen sind.

Das bedeutet, dass das Konzept der „Gleichheit“ für Regelungen in diesem Bereich nicht funktioniert, weil eben Männer* und Frauen* aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede nicht gleichermaßen von solchen Regelungen betroffen sein können.

Die „Lösung“, die nun die patriarchale Kultur für diese Herausforderung erdacht hat, war die Erfindung der „heterosexuellen Matrix“. Die Idee ist gewissermaßen, dass die körperliche Differenz innerhalb der menschlichen Spezies in Bezug auf die Fortpflanzung – und damit das „Problem“, dass es in Bezug auf Schwangerschaftsregelungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Interessenkonflikten zwischen den männlichen* und weiblichen* Individuen kommt – nivelliert wird, indem nicht in Individuen, sondern in heterosexuellen Paaren gedacht wird. Man „bindet“ sozusagen immer einen Menschen, der schwanger werden kann, und einen anderen, der nicht schwanger werden kann, zusammen: Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist dann nicht mehr der einzelne Mensch, sondern das Frau-Mann-Paar. Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern. Von jeder Regel ist ja jedes Paar gleichermaßen betroffen, eventuelle Konflikte sind dann bitte intern auszutragen und „Privatsache“.

Die gesamte westlich-patriarchale Konstruktion von Geschlecht ist darauf ausgerichtet, dieses System zu stabilisieren. „Legitime“ Kinder dürfen nur innerhalb eines heterosexuellen Ehepaares entstehen – daher das Verbot der außerehelichen Sexualität. Um die Nachteile, die den Männern* aus diesem Arrangement im Vergleich zum ungeregelten Zustand entstehen (denn sie müssen ja jetzt die Last und Mühe und den Umstand des Kinderkriegens und die Sorge um die Neugeborenen mittragen, obwohl sie selbst gar nicht schwanger werden und das Problem also „eigentlich“ gar nicht hätten) entsteht die sehr starke symbolische Figur des „Vaters“, die mit gesellschaftlicher Macht und Privilegien ausgestattet wird – vor allem Macht über „ihre“ jeweiligen „Ehefrauen“ und die Kinder, die diese gebären.

Die Nachteile, die den Frauen* wiederum aus diesem Arrangement entstehen (die Aufgabe ihrer Autonomie und persönlichen Eigenständigkeit) wird mit dem Verweis auf eine angebliche weibliche „Natur“ oder eine göttliche „Schöpfungsordnung“ legitimiert und durch frühkindliche Konditionierung hin zur „Selbstaufopferung“ und zur Ausbildung angeblicher „mütterlicher Instinkte“ abgesichert.

Aber weil das noch nicht reicht, entsteht ein ausgefeiltes Rechts-, Glaubens- und Wissenschaftssystem, das diese zweigeschlechtliche Ordnung festschreibt und es nahezu unmöglich macht, etwas anderes auch nur in Betracht zu ziehen. Die heterosexuelle Matrix durchzieht die Beziehungen zwischen Männern* und Frauen* auf einer sehr grundsätzlichen Ebene, auch in Bereichen, die mit dem Schwangerwerden und Gebären gar nichts zu tun haben (wie zum Beispiel bei der Frage, wer fürs Kochen oder Fensterputzen zuständig ist). Wo man auch hinschaut, ist unser Denken und unsere kulturelle Struktur von Pseudo-„Ehepaaren“ durchzogen, die klar geschlechtlich konnotiert sind – Körper und Geist, Gefühl und Verstand, Bauch und Kopf, Privat und Öffentlich….

Also: Alles, was wir über Frauen und Männer sagen, ist eine soziale Konstruktion, und nicht nur das – die patriarchale Konstruktion der Geschlechterdifferenz in Form von heterosexuellen „Ehepaaren“ prägt nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern, sondern das gesamte Denken und die gesamte Kulturproduktion. Aber es ist wichtig, zu sehen, dass diese Konstruktionen eben nicht in einem luftleeren Raum und willkürlich entstanden sind, sondern dass sie von ihrem Ursprung her eine Herausforderung bearbeiten, die sich für menschliche Gesellschaften aufgrund der biologischen Beschaffenheit ihrer Spezies tatsächlich stellt.

Oder anders gesagt: Wenn wir die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten – durch freie Individualität, durch andere Vorstellungen von Familie, durch vielfältigere Beziehungskonstellationen – dann wird das meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn wir die oben gestellten Fragen zum Umgang mit Schwangeren und Neugeborenen bewusst stellen und andere, bessere Regelungen finden. Dafür brauchen wird Denkmodelle, die die Tatsache, dass es eine körperliche Differenz zwischen Frauen* und Männern* im Bezug auf Schwangerschaft und Geburt gibt, nicht umschiffen oder kleinreden, sondern sie realistisch ins Auge fassen.

50 Gedanken zu „Paarbildung: Schwangerwerdenkönnen und Heteronormativität

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  2. Genau! Es geht um die Frage, wer in unserer Gesellschaft für die Fürsorge für Kinder zuständig sein soll. Im Patriarchat wird das der Ehefrau allein als unentgeldlicher Sklavendienst abverlangt und mit der Ideologie der Mutterliebe moralischer Druck erzeugt. Tatsache ist, dass Mütter das auch gerne tun, die hormonelle Ungleichheit der Geschlechter spielt da auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aber nicht allein und nicht auf Kosten der eigenen Person – denn der kleine Homo Sapiens ist ein extrem pflegeintensives Junges. Wir Menschen konnten uns nur zu dem entwickeln, was wir heute sind, durch kooperative Nachkommensaufzucht oder „alloelterliche Jungenversorgung“. Das geschah bis zur Einführung des Patriarchats in von weiblichen Mitgliedern dominierten matrilinearen Verwandtschaftsgruppen (vgl. Blaffer-Hrdy 2009). Das heißt, das soziologische Konstrukt der patriarchalen Kleinfamilie ist naturwidrig und hat zahlreiche negative Folgeerscheinungen, denn sowohl in Bezug auf die Sexualität als auch was das Wohl von Mutter und Kind angeht, ist sie nicht in der Lage, natürliche Bedürfnisse zu befriedigen und erzeugt strukturelle Gewalt gegen Schwächere (Männer gegen Frauen und Frauen gegen Kinder). Buchtipp: Sarah Blaffer-Hrdy: Mothers and others http://www.amazon.de/M%C3%BCtter-Andere-Evolution-sozialen-gemacht/dp/3827008859/ref=pd_sim_sbs_eb_1

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  4. Persoenlich wuerde ich am liebsten nicht mit Sachen wie „naturwidrig“ argumentieren (auch wenn ich mit der Schlussfolgerung uebereinstimme)

    Wenn ich Antje richtig verstanden habe stimme ich mit ihr ueberein dass ein Umbau dieser Strukturen unumgaenglich ist, und nicht durch ein „weniger“ an (kulturellen) Vereinbarungen (und damit mehr „Natur“) geloest werden kann sondern eher durch ein moderneres Menschenbild. Also quasi Wahlfreiheit auf allen Seiten so weit wie moeglich absichern, statt praeskriptiv biologische Tendenzen zu verfestigen.

  5. @AntjeSchrupp:

    Hm – da Du ja in einem letzten Blog-Kommentar mal versprochen hast, noch darzustellen, worin eigentlich das berechtigte Regelungsinteresse der Allgemeinheit besteht, insbesondere gegenüber den Privatabreden der zwei Leute, ohne welche genau dieses Kind so nicht zustande gekommen wäre, möchte ich doch noch kurz darauf hinweisen, dass Du dieses Versprechen hier jedenfalls nicht einlöst:

    Gut sozialdemokratisch willst Du alles mögliche bei anderen Leuten regeln, was es Dich ( und natürlich die Allgemeinheit, die Du ja hier zu vertreten vorgibst ) überhaupt angeht, wird aber nicht klar … zumindest mir nicht.

  6. @Andreas: Ich versteh gar nicht wo du siehst dass Antje sagt, dass Privatabreden zwischen den Beteiligten unterbunden werden sollen. Wenn sich zwei Leute einigen: Supi! Wenn sich zwei Leute *nicht* einigen, braucht es Rahmenwerk. Es geht hier doch nur darum, auf welchen Grundannahmen dieses Rahmenwerk fussen soll.

    (Es besteht natuerlich auch die Moeglichkeit dass ich Antje nicht verstanden habe)

  7. Ich wollt‘ auch grad sagen: Die Biochemie ist bei den körperlichen Aspekten absolut nicht zu unterschätzen. Nur hat die natürlich grundsätzlich nichts mit der Beziehung zwischen Frau* und Genitor zu tun. Ob zwischen diesen beiden bereits eine über den Sexualakt hinausgehende Beziehung existiert, ist bereits kulturell definiert. Für die Reproduktion der Spezies ist eine solche nämlich nicht notwendig, es gibt auch andere, in der Zeit wesentlich stabilere „Versorgungssysteme“ – siehe matrilineare Verwandtschaftssysteme. Ein solches Verwandschaftssystem garantiert die Zuständigkeit für gegenseitige Hege auch weit über das Kindesalter hinaus und in beide Richtungen (von Mutter* zu Kind und später von Kindern zu Müttern* und Mutter*geschwistern)

  8. Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern.

    dieser aussage fehlt jede reale grundlage. „die gesellschaft“ kümmert sich in einer tour um diese differenz.
    überdies zieht sich die grenze eben genau nicht zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“, denn viele frauen gebären nicht und befinden sich dennoch auf der seite der gebärenden.

  9. @Andreas: Es ist doch so, dass jede Gesellschaft sich organisiert, dass heißt, dass das soziale Zusammenleben „geregelt“ ist. Das umfasst meisten alle Bereiche: Produktion, Reproduktion, Verteilung von Ressourcen und Entscheidungsbefugnissen, etc. Diese Regeln finden sich wieder in Gesetzen, Normen, Werten, kulturellen Praktiken, etc. Auch unsere Gesellschaft ist ja bereits geregelt, also organisiert. Wenn Du jetzt sagst, dass alle Dinge die die Reproduktion betreffen (i.S.v. Schwangerschaft, Elternschaft, Ausbildung und Erziehung) ja dem Individuum überlassen werden sollen, dann blendest Du damit strukturelle Bedingungen, etwa der Produktion, Ressourcenverteilung, etc. aus, die darauf jedoch einen immensen Einfluss ausüben. Auch unsere Gesellschaft ist organisiert und bietet Menschen je nach sozialer Situation sehr unterschiedliche Bedingungen für Elternschaft. Lese ich Deine Kommentare, dann gewinne ich den Eindruck, bitte korrigiere mich, falls das falsch ist, dass Du deshalb keinen Bedarf daran siehst über alternative Regelungen/ Organisationen nachzudenken, weil Du unsere bisherige Gesellschaftsorganisation bereits gut genug findest. Das ist ja durchaus eine Einstellung, die man verfolgen kann, Kristina Schröder macht es vor. Aber wenn dem so ist, dann verstehe ich nicht, warum Antje mit ihrem Post überhaupt Dein Interesse wecken konnte.
    Ich jedenfalls finde den Ansatz sich vom Punkt null aus neue gesellschaftliche Visionen zu entwickeln ziemlich reizvoll. Und dabei ist, da folge ich ganz Antje, was Geschlechter angeht die Unterscheidung zwischen Menschen die eventuell schwanger werden könnten und Menschen, die das wahrscheinlich nicht können, wirklich die basalste. Denn alles übrige wird kulturell überformt und es ist vollkommen egal, wie Spinnen, Delphine, Elefanten, Affen oder irgendwelche spekulierten Urzeitmenschen das regeln. Die große Spannbreite von gesellschaftlichen Organisationsformen der unterschiedlichen Kulturen zeigt auf, dass hier viel viel mehr möglich ist, als wir es aus unserer eingeschränkten Perspektive oft wahrnehmen können. Beispielsweise gibt und gab es Gesellschaften, in denen die biologische Vaterschaft keine Rolle spielte. Die (sozialen) Väter waren die Brüder der Mutter. Ich finde es auch sehr wichtig, sich von dem alten „Blutdenken“ endlich zu verabschieden. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist anzuerkennen, dass das Aufziehen von Kindern eine gesamtgesellschaftlich-gemeinschaftliche Aufgabe ist. Wenn Antje selbst keine Kinder gebären möchte, so heißt das zum Beispiel nicht, dass sie an der Pflege und Erziehung von Kindern insgesamt nicht teil hat. Ich persönlich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, mit Großeltern, Onkel+Tante plus Nachwuchs im Haus. Wenn nun meine Eltern mal gestresst oder überfordert waren, dann hatte ich andere Bezugspersonen, an die ich mich wenden konnte. Aber es muss ja nicht die Großfamilie sein. Es können auch Nachbarn, Freunde, das ganze Dorf etc. sein. Dabei sollte es nicht vornehmlich darum gehen, die Eltern zu kontrollieren, sondern wirklich bei der Betreuung der Kinder mitzumachen und Strukturen in der Nähe von und um Familien aufzubauen, die unterstützen. Und zwar unabhängig von Wohlstand und anderen Variablen, von denen die Chancen von Familien heute abhängen.

  10. @Esther:

    „Wenn Du jetzt sagst, dass alle Dinge die die Reproduktion betreffen (i.S.v. Schwangerschaft, Elternschaft, Ausbildung und Erziehung) ja dem Individuum überlassen werden sollen, dann blendest Du damit strukturelle Bedingungen, etwa der Produktion, Ressourcenverteilung, etc. aus, die darauf jedoch einen immensen Einfluss ausüben. “

    Das verstehe ich nicht – das musst Du mir erklären. Diese Bedingungen sind doch prinzipiell erstmal für alle gleich.

    Entweder ich entscheide mich im Angesicht dieser Bedingungen für Kinder – und dann muss ich für sie die Verantwortung übernehmen, oder ich lass es. Und dann will ich mit Kindern nicht behelligt werden, auch nicht über Steuern etc. ( Ausser natürlich, die Kinderhabenden Menschen werden offensichtlich ihrer Verantwortung nicht gerecht ).

    Ausserdem bin ich absolut nicht der Überzeugung, dass die „Bedingungen“ optimal sind – ich glaube nur nicht, dass man zu besseren „Bedingungen“ kommt, wenn man an den Anfang der Überlegungen willkürlich ausgesuchte biologische Eigenschaften als Nicht-Kontingenz verkauft, wie etwa „die Schwangerschaft“.

  11. @Andreas – In meinem Blogpost ging es darum, dass die Bedingungen im Bezug auf Schwangerwerdenkönnen gerade NICHT für alle gleich sind.

  12. @Esther – ganz großes Dankeschön für Deinen Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht.

    Das Ehe-Familienmodell heutigen Zuschnitts betrachte ich als Gefährdung für das so oft zitierte Kindeswohl, dass in nicht geringem Maße von den Gefühlen der Eltern zueinander abhängt.
    Schade, dass die aktuelle Gleichstellungsdebatte zur Homoehe das aussen vor läßt.

  13. @AntjeSchrupp:

    Redest Du jetzt über die zweieinhalb oder drei Monate im Leben einer heutigen Frau, in denen sie schwangerschaftsbedingt vermindert einsatzfähig ist?

    Ja, dafür gibt es die Mutterschaftsurlaub, richtig? Eine „Ungleichheit“ in Bezug auf Produktion etc. ist das in meinen Augen noch nicht …

    Das Problem sehe ich eher in der Organisation der fünfundzwanzig Jahre Kinderaufzucht und Ausbildung nach der Schwangerschaft …

  14. @Andreas – Ja, im Prinzip rede ich über diese zwei, drei Monate (wobei ich glaube, dass die körperliche Belastung nicht ganz so easypeasy ist, wie das da bei dir klingt, aber da können wir beide nicht mitreden). Allerdings leben wir ja in einer Gesellschaft, in der um diesen „kleinen Unterschied“ herum noch ganz schön viel an „Geschlechterdifferenz“ aufgebaut wurde bzw. sich daraus entwickelt hat, das zwar konstruiert (also nicht „naturnotwendig“) ist, aber gleichwohl real. Und das kommt vermutlich daher, dass dieser Unterschied im Bezug auf Schwangerwerden früher, als Frauen mehr Kinder hatten und die medizinische/ernährungsmäßige Infrastruktur noch schlechter war, sehr viel mehr Bedeutung hatte als heute. In diesem interessanten Blogpost las ich kürzlich, dass vor der Erfindung des Milchpulvers das Überleben von Babies oft davon abhing, ob die Mutter stillen konnte.

    These also: Früher war der Unterschied zwischen Frauen* und Männern*, der sich aus dem Schwangerwerdenkönnen-oder-nicht ergibt, sehr bedeutend, weshalb ein Riesensystem an konstruierter „Geschlechterdifferenz“ drum herum aufgebaut wurde, das heute noch wirkmächtig ist, obwohl die körperliche Grundlage sehr geschrumpft ist (aber eben nicht verschwunden). Die Aufgabe besteht also darin, den kulturellen Überbau an die heutigen Gegebenheiten anzupassen.

  15. Diese Denkmodelle jenseits der 50er-Jahre-Waschmittelwerbung-Kleinstfamilie (Schema: Auswärts arbeitender Mann, glückliche Hausfrau, 2-3 Kinder) gibt es doch bereits – nicht nur als Modelle, sondern rund um den Globus auch real in allen Varianten.

    Was hier als “ patriarchale Konstruktion“ und „heterosexuelle Matrix“ bezeichnet wird, ist doch sogar hierzulande (bzw im westlichen Kulturraum) ein extrem modisches Schema.

    Es entwickelte sich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, hatte seinen Höhepunkt in den 50er Jahren und geht seit den 80ern bereits wieder langsam unter.

    Auf längere Sicht wird meiner Meinung nach sich auch hierzulande wieder das matrilineare Sippenmodell in pseudo-patriachalischem Gewand etablieren. Einfach aus ökonomischen Sachzwängen heraus.

    Mir scheint, äussere Sachzwänge sind eh das einzige, was die strukturelle Konstruktion „Familie“ formt und aufrechterhält.

    Passende Rahmenbedingungen vorausgesetzt, strebt dagegen alles auseinander. Das Individuum entfaltet sich.

    Sehr schön übrigens gerade in Indien zu beobachten: Die Ausbildung einer breiten, individualistischen, konsumorientierten Mittelschicht im städtischen Milieu. Hier wiederholt sich quasi im Zeitraffer das, was sich im Westen über 40 Jahre hinweg entwickelt hat.

    Und wenn ich das ganze Thema über der Geschlechter-Diskussion schwebend betrachte, ist es der ewige Kampf zwischen Individualismus und Kollektivismus der sich hier manifestiert.

  16. Erstmal einen Riesendank an Antje Schrupp – für diesen Blog, den ich jetzt schon länger (nur) lese, und speziell dieses Thema, das ich hervorragend dargestellt finde und das mich nun endlich dazu bewegt, meinen eigenen Senf dazuzugeben.

    Ein klein wenig zu undifferenziert ist mir in dem Beitrag die Perspektive auf die Kinder. Denn die oberste Priorität einer Gesellschaft – in der jedenfalls ich leben möchte – , sollte die sein, das Wohl von Kindern an die erste Stelle zu setzen. Deshalb müsste man bei den Überlegungen zu neuen Denkmodellen z.B. unbedingt auch fragen: wie kann man gewährleisten, dass Kinder grade in den allerersten Jahren stabile Bezugspersonen haben? Alleine mit einer Zuweisung von „Zuständigkeit“ ist es da nicht unbedingt getan.

    Ein anderer Punkt ist: Es gibt durchaus auch Mann-Frau-Paare, die die heterosexuelle Matrix in dem Sinne durchbrechen wollen, dass sie alles zu gleichen Teilen teilen: Haushalt, Kinder und, solange für die Kinderbetreuung notwendig, auch das Arbeitengehen. (Wir versuchen das – haben aber ehrlich gesagt leider noch nicht viele getroffen, die es auch so machen.)

    Und zum Dritten: wie in den Kommentaren zu Teil 1 schon öfter angemerkt wurde: es ist nicht nur Schwangerschaft und Geburt, sondern mindestens auch noch die Stillzeit und danach, bis die hormonellen Turbulenzen abgeklungen sind. Ich gehe sogar noch weiter und sage: in der heutigen Zeit, wo Schwangerschaften ja doch zu einem erheblich größeren Teil freiwillig erfolgen als früher oder oft sogar geplant sind, ist gerade das Stillen und nicht die Schwangerschaft die eigentliche „Geißel“, die für Frauen einen erheblichen Grad an Abhängigkeit und Einschränkungen über einen i.d.R. mehrmonatigen Zeitraum bedeutet. Natürlich könnte frau das Stillen auch sein lassen, aber wenn sie es eben doch tut, dann existiert meines Erachtens da sehr wohl eine weitere „körperliche Differenz“, die in den Überlegungen berücksichtigt werden sollte.

    [Gleichzeitig kann das Stillen aber auch etwas Wunderschönes sein, wenn aus dieser ursprünglich rein hormonell bedingten Bindung zwischen Mutter und Kind mit der Zeit eine körperlich-seelische wird – so hab ich es jedenfalls empfunden. Na gut, hört sich jetzt doch irgendwie mythisch an, ich weiß es nicht, auf jeden Fall kann ein/e Nicht-Stillende/r diese Erfahrung nicht machen bzw. kriegt die notwendigen Hormone eben nicht ausgeschüttet.]

    So, genug der hoffentlich konstruktiven Kritik, ich bin gespannt auf weitere Fortsetzungen.

  17. @Stadtfuchs – warum ich in dieser Reihe das Sternchen verwende, habe ich im vorigen Post erklärt. Die Bedeutung von „Frau“ ist sehr viel komplexer als „Mensch, der schwanger werden kann“. Diese Komplexität lasse ich in dieser Reihe aber erstmal außen vor, und das mache ich mit dem Sternchen deutlich.

  18. @Belisa – Die Sache mit dem Kindeswohl ist so ein bisschen zwiespältig, denn alle Seiten berufen sich immer darauf, dass ihre Vorschläge am Besten für das Kind sind. Sogar die Leute, die für körperliche Strafen sind, oder die alten autokratischen Patriarchen mit ihrer Pädagogik der Angst, waren der Ansicht, dass sie nur „das Beste für die Kinder“ machen. Von daher hast du zwar recht, es wäre schön, wenn das Kindeswohl im Zentrum stehen würde, aber als Argument in der Auseinandersetzung taugt es kaum.

    Zum Durchbrechen der heterosexuellen Matrix durch Mann-Frau-Paare: Ja, es stimmt, wenn sie offensiv gegen überkommene Klischees „verstoßen“, können sie dazu beitragen. Andererseits kann das auch eine Dynamik haben, diese Matrix zu stabilisieren – also wenn zum Beispiel sich statt des ehemals klar hierarchischen Modells „Mann bestimmt über Frau“ ein egalitäres Beziehungsmodell durchsetzt, ist das gleichzeitig erfreulich UND ein Schritt, dieses Ehemodell in modernere Zeiten herüberzuretten. Was kein Vorwurf ist, aber man muss es im Hinterkopf behalten.

    Was die Frage mit Stillen etc. betrifft: Das habe ich bewusst zunächst einmal außen vorgelassen, weil wir hier bereits eindeutig im Bereich der kulturellen Aushandlungsprozesse sind. Über die Frage, ob und wie gestillt werden sollte, wird ja heftig gestritten. Aufgrund der körperlichen Umstände NOTWENDIG ist das Stillen heute nicht mehr, da Babies auch anders ernährt werden können. Wie gesagt, vor der Erfindung des Milchpulvers war das anders, da war das Stillen oftmals eine Notwendigkeit, und wenn die Mutter nicht stillen konnte, ist das Kind gestorben.

  19. @PeterM. – „Auf längere Sicht wird meiner Meinung nach sich auch hierzulande wieder das matrilineare Sippenmodell in pseudo-patriachalischem Gewand etablieren. Einfach aus ökonomischen Sachzwängen heraus.“

    Was kann mannfrau sich darunter vorstellen: „matrilineares Sippenmodell in pseudo-patriarchalischem Gewand“?

  20. Ich lebe in einer Gruppe und in einer Mann-Frau-Paarbeziehung. Mit 2 Kindern, wir versuchen die geschlechterklischees aufzubrechen, um mehr freiraum zu haben und teilen auch die Kinderbetreuung. Leider sind die gesellschaftlichen rahmenbedingungen nicht besonders hilfreich. Wer hat mehr gelernt auf andere zu achten, selbst zurückzustecken. Und das muss mensch mit kindern immer mal wieder. Wer kann locker teilzeit arbeiten und wer kriegt druck mindestens 40 std. Zu arbeiten. Wie bekommt man beziehungsstabilität hin- über die kleinfämili

  21. Der Begriff „soziale Konstruktion“ kann leider die Prozesshaftigkeit von Elternschaft nur unzureichend abbilden – auch bezüglich der geschlechtsbezogenheit. Zum Vergleich: Auch einzelne Bilder können einen Film nicht ersetzen. Zum Verständnis der conditio humana ist es grundlegend, sowohl Menschen als auch ihre Gesellschaften als Prozesse verstehen zu können – deshalb ja auch die Begriffe des ‚doing gender‘ und ‚parenting‘.

    Bei Frauen kann (!) sich das Parenting/Beeltern in der Schwangerschaft über 9 Monate biologisch, psychisch und sozial enwickeln und kann dann psychisch und sozial fortgeschrieben werden. Bei Männern und Frauen, die nicht schwanger waren, muss es ausschließlich psychisch und sozial entwickelt und fortgeschrieben werden.

    Letzteres nur als Vorteil zu sehen, wird denen nicht gerecht, die soziale Elternschaft auch gerne intensiv erleben möchten, aber davon ausgegrenzt werden. Elternschaft ist nämlich tatsächlich auch ein Schließungsprozess, der je nach eigenen Identitätsidealen und -realitäten sowohl als positiv als auch als negativ erlebt werden kann (beispielsweise von einem Mann, der sein Kind gerne mehr beeltern möchte, aber keine Teilzeitstelle bekommt, oder von einem Paar, das an seiner Kinderlosigkeit verzweifelt).

  22. Ist das ein unwichtiges Detail? Paare können Sex haben, wie sie wollen, aber
    wenn eine Schwangerschaft gewünscht wird, muss männlicher* Samen in den Körper der Frau* eingeführt werden.

  23. „Von daher hast du zwar recht, es wäre schön, wenn das Kindeswohl im Zentrum stehen würde, aber als Argument in der Auseinandersetzung taugt es kaum. “

    Äh, doch schon – nämlich im Hinblick darauf, dass man das Kindeswohl wohl am besten den Leuten überlässt, die sich prädestinierterweise genau diesem Wohl committed haben?

  24. @Antje: Ich hatte es so verstanden, dass es bei dieser Diskussion darum geht, die ganze Sache mit der Geschlechterdifferenz mal ohne die bekannten Muster im Kopf zu beleuchten: und genau deshalb müsste auch eine heterosexuelle Beziehung davon abstrahiert werden und grundsätzlich als genauso gut oder schlecht wie jede andere Beziehungs- oder Familienkonstellation betrachtet werden – deshalb habe ich mich daran gestört, dass da am Schluss des Artikels etwas provokant steht, dass „Mann-Frau-Paare“ generell durch etwas „besseres“ ersetzt werden müssten.

    Deine Antwort interpretiere ich so, dass einerseits bei Mann-Frau-Paaren die Gefahr des Rückfalls in alte Muster ziemlich groß ist – stimmt, aber grade weil man es im Hinterkopf hat, passiert es dann eben vielleicht doch nicht so leicht – , und dass andererseits, wenn alle Mann-Frau-Paare plötzlich vollkommen egalitär würden, die Gefahr besteht, dass das dann zur neuen Norm gerät und andere Beziehungsmodelle nach wie vor benachteiligt würden. Diesen Punkt hatte ich tatsächlich noch nicht bedacht. Nur: die Erkenntnis, dass ich sozusagen in dem Dilemma stecke, mit meiner Lebensweise womöglich gerade das zu manifestieren, was ich ablehne, hilft mir leider irgendwie nicht viel – denn ich werde allein deshalb ja mein Lebensmodell nicht aufgeben…

    Deine Anmerkungen zum Kindeswohl und zum Stillen und warum Du sie in diese Diskussion nicht mit aufnimmst kann ich nachvollziehen.

  25. @andreas – Das sehen Vater Staat und Mutter Germania etwas anders: sie haben ein nationales Interesse am Kind, verstehen die Nation als erweiterte Familie und organisieren in diesem Sinne die nationale Oberelternschaft vom Familienministerium zum Familiengericht, vom Jugendamt bis zur Schule und rahmen nicht zuletzt auch Familie und Elternschaft. Elternrecht ist in diesem Sinne eine dienende Pflicht in der geschlechterdual organisierten, nationalen Großfamilie und das Kindeswohl ist ein wichtiger Hebel zur Kindzentrierung von Familie und (v.a. weiblicher) Elternschaft.

  26. @Belisa:

    Aufschlussreich übrigens die Experimente in den frühen israelischen Kibbuzims – eigentlich beste Voraussetzungen, sollte man meinen, um über neue Formen des Zusammenlebens nicht nur zu Reden, sondern sie auch erfolgreich in die Tat umzusetzen, lauter aufgeschlossene Leute, die genau das vorhatten – und am Ende fühlten sich wieder alle in „heteronormativen“ Paarbeziehungen, eingebettet in große Verwandschaft und festen Freundeskreis, am wohlsten.

  27. @Ute Plass:

    Unter einem „“matrilineares Sippenmodell in pseudo-patriarchalischem Gewand” kann fraumann sich das vorstellen, was in diversen Ausprägungen heute noch in Südamerika, Indien/Pakistan und im türkisch-arabischen Kulturraum vorherrscht:

    Eine familiärer Sippenverband, in dem die ranghöchste Frau das Machtzentrum ist, die rangniederen Frauen der Sippe ihr unterworfen sind, Es eine deutliche Trennung in Aussenwelt und Innenwelt gibt und diese beiden Sphären geschlechtergetrennt besetzt sind, Der Zugang der Männer zur Innenwelt also streng begrenzt und strikt reglementiert ist (wie auch vice versa).

    Das pseudopatriachale Element ergibt sich dabei einerseits aus der begrenzten oberflächlichen Wahrnehmung (da die Sippe im Normalfall nur von Aussen sichtbar ist, sind nur die Männer in ihrer Funktion als Ressourcenbeschaffer und lebende Schutzschilde für die Frauen der Innenwelt von aussen sichtbar) und andererseits dadurch, weil der Sippenkern jeweils die Mutter der Söhne ist. Also durch Heirat sippenfremde Frauen integriert werden (nicht umgekehrt). „Pseudo“ auch deswegen, weil es als Begrifflichkeit eine andere Machtverteilung suggeriert als es tatsächlich gibt. tatsächlich haben die Männer da nicht viel zu melden, die dürfen nur heldenhaft sterben.

    Dieses Modell ist aus unserer heutigen, westlich individualistischen Sicht heraus nicht unbedingt komfortabel, da es sowohl für Männer als auch für Frauen deutliche Einschränkungen in ihrer Handlungsfreiheit bedeutet.

    Es ist aber in einem feindlichen Umfeld mit knappen Ressourcen das effizienteste. Modell um das Überleben des Einzelnen und die Reproduktion wahrscheinlicher zu machen. Und daher ist es ubiquitär zu finden, überall da, wo eben die Rahmenbedingungen dies entsprechend notwendig machen.

    Allgemein erscheint mir in dieser Diskussion die perspektivische Einschränkung auf die westliche Überfluß- und Konsumgesellschaft vorzuherrschen. Die Welt ist groß und nicht überall sieht es so aus wie in Wanne-Eickel 😉

  28. Hm – kenne einige Familien aus einem dieser vielen Kulturkreise persönlich und bin mit diesen verwandt; muss sagen, dass es die Mutter der Söhne in den älteren Generationen gar nicht gibt, da die Söhne mehrere Mütter, nämlich alle Frauen des Vaters ( der eindeutig ist ), haben und tatsächlich auch jede Frau so ansprechen.

    Und was die Aufteilung in Innen- und Aussenwelt angeht – die meisten Frauen haben ebenso wie die meisten Männer studiert – was allerdings daran liegen mag, dass meine Familien über einen gewissen Wohlstand verfügten.

    Was allerdings tatsächlich auffällt, ist die bedingungslose Hingabe der Männer an das Wohl ihrer Familie und die Tatsache, dass auch privateste Dinge ( aus westlicher Sicht ) von der Familie geregelt werden, wie Verheiratung etc. Dabei haben dann die Frauen tatsächlich oft ein enormes Gewicht.

    Diese Verheiratungen gehen übrigens aus meiner Sicht erstaunlicherweise oft gut,es wird also meistens durchaus kompetent darauf geachtet, dass die Leute zueinander passen – ich kenne aber auch den einen oder anderen grausligen Fall, wo eine Heirat auf Anweisung der Familie stattfand, aber schiefging.

    Ach ja – wenn eine Frau einheiraten soll, dann wird mit der Familie der Frau darüber verhandelt, welchen Versorgungbetrag sie im Falle des Scheiterns der Ehe bekommen soll.

  29. Ach ja, nochwas – der Vater aller hat in allem das letzte Wort, das ist aber in der Tat eigentlich immer das, wovon seine Familie, de facto also die Frauen, ihn überzeugt. Er wäre ja auch schön doof, bei so komfortablen Verhältnissen auch noch den Tyrannen zu geben.

  30. „Die gesamte westlich-patriarchale Konstruktion von Geschlecht ist darauf ausgerichtet, dieses System zu stabilisieren. „Legitime“ Kinder dürfen nur innerhalb eines heterosexuellen Ehepaares entstehen – daher das Verbot der außerehelichen Sexualität. “

    Ist doch größtenteils überholt. Zumal man nicht vergessen sollte, dass auch viele Frauen Kinder in einer Ehe mit all ihren rechtlichen Vorteilen wollen – Kinder ohne Ehe wäre wohl heutzutage von der Frage des Sorgerechts abgesehen eher für die Männer günstiger. Sie sparen sich Zugewinnausgleich, Versorgungsausgleich und Ehegattenunterhalt.

    Man könnte eher anführen, dass die Ehe auf Frauen zugeschnitten ist. Sie ist heutzutage der patriarchalischen Elemente weitgehend entkleidet.

  31. @PeterM – Danke für die Erläuterungen, die mir u.a. wieder deutlich machen, wie sehr Schwangerwerdenkönnen/wollen/müssen von den ökonomischen (Macht)Verhältnissen einer Gruppe/Gemeinschaft /Gesellschaft/Nation.. mit abhängt.

    Mir leuchtet unter dem Gesichtspunkt des heutigen Technik- und Produktionsstandard nicht ein, warum man-n meint Kriege um Ressourcen führen zu müssen? Weltweit müßte kein Mensch darben, da Nahrung für alle ausreichend vorhanden, jedoch ungleich verteilt ist.
    Das sog. Zeitalter der Globalisierung könnte ein zivilisatorischer Fortschritt sein, wenn das Kooperations-und nicht das Konkurrenz-Prinzip zum Tragen käme.
    Klar, es braucht natürlich die Auseinandersetzung um die Frage nach Besitz und Eigentum. Die Idee einer repressionsfreien Grundsicherung für alle gehört für mich mit in diese Auseinandersetzung.
    All das entscheidet mit darüber wie frei und selbstbestimmt Frauen und Männer verantwortliches Zusammen- wie Getrenntleben aushandeln und organisieren können.
    Schwangerwerdenkönnen wäre unter solchen Bedingungen angst- un sorgenfreier möglich.

  32. Schwangerwerdenkönnen im Atomzeitalter:

    „Erste gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophe sind jetzt schon, nach nur zwei Jahren, wissenschaftlich nachweisbar. So war – ganz ähnlich wie nach Tscherno-byl – neun Monate nach dem Beginn der Atomkatastrophe ein Geburten-Rückgang festzustellen. In ganz Japan „fehlten“ im Dezember 2011 4362 Neugeborene, da-von 209 in der Präfektur Fukushima. Auch gab es in Japan eine erhöhte Säug-lingssterblichkeit: Über die statistische Erwartung hinaus starben 75 Kinder im ers-ten Lebensjahr.“

    http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Fukushima/Gesundheitliche_Folgen_Fukushima_final.pdf

  33. In ganz Japan „fehlten“ im Dezember 2011 4362 Neugeborene, da-von 209 in der Präfektur Fukushima.

    Wenn ein Teil des Landes vom Erdbeben zerstört ist, wäre es kein Wunder, wenn der Sex auf der Strecke bliebe. Da war man möglicherweise übereifrig bei der Interpretation.

  34. @Irene – Die Studie verweist auf den Rückgang von Fortpflanzungswünschen- und Ängsten, die sichtbar zu messen sind. Aussagen über verändertes Sexverhalten
    trifft sie damit nicht.

  35. Wenn das alles so seriös ist, warum dann diese Vorbemerkung über fehlende Kinder? Japan musste sich nicht nur mit der Strahlenbelastung rumschlagen, sondern auch mit den Erdbebenschäden. Das sollte man nicht vermischen, um zusätzliche Punkte gegen Atomkraft zu machen.

  36. Hallo,
    ja sehr guter Artikel!
    Genau diese Art Beiträge fehlen in der öffentlichen Debatte. Es muß eine schlüssige Alternative her.
    Die genau dieses Thema und änliche löst.
    So sind Erbrecht und Besitzrecht auch relevant in diesem Zusammenhang.
    Jede Kultur hat Regeln für Nachwuchs, Paarbildung, Erbschaft usw.. Wie bei uns muss es nicht aussehen, aber eine Alternative muß her.
    Erschwerend kommt noch hinzu, daß wir alle sehr individualistisch sind. Andere Kulturen haben auch keine Lösung anzubieten, die dem Individualismus Raum gibt.

    Also müssen wir uns wohl selber was Ausdenken mit den Reproduktionsregeln und deren epischen Rattenschwanz!

  37. Ich kann den Hauptkritikpunkt nicht nachvollziehen: den Begriff der »heterosexuellen Matrix«, also das »schwangere Mann-Frau-Paar«.

    Dass die meisten Kindern aus einer heterosexuellen Mann-Frau-Beziehung stammen liegt doch einfach an der Biologie, und dass es für Kinder und Eltern von Vorteil ist, dass ein Kind mit zwei Elternteilen aufwächst. Das Problem von Schwangerschaft stellt sich natürlich auch lesbischen Paaren, aber davon gibt es nicht nur sehr viel weniger, sie haben auch das Problem, wie das Kind gezeugt werden soll (eine Freundin von mir hat sich deshalb in Spanien künstlich befruchten lassen). Aber selbst bei lesbischen Paaren gibt es den Unterschied der schwangeren Partnerin und der Nichtschwangeren Partnerin und eine sich daraus ergebende Nichtgleichbehandlung der zwei.

    Die patriarchalische Prägung beeinflusst zwar die Ausgestaltung der Mann-Frau-Beziehung, aber nicht dessen Existenz. Die »heterosexuellen Matrix« ist kein Konstrukt der »patriarchale Kultur«, sondern lediglich eine Folge davon, dass statistisch gesehen die meisten Kinder im Rahmen einer Mann-Frau-Beziehung gezeugt und geboren werden. Menschen nehmen die heterosexuelle Matrix als statistischen Regelfall wahr.

    Der Post wird leider auch sonst nicht zu Ende gedacht: die Autorin wirft zwar sehr viele Fragen auf, aber sagt am Ende nicht, was sie sich genau wünschen würde. Ich lese den Post als Denkanstoß ohne konkreten Gegenvorschlag. Sie schreibt »Mann-Frau-Beziehung soll durch etwas anderes, besseres ersetzt werden«, etwas Vielfältigeres. Menschen möchten gerne in Paarbeziehungen leben. Die meisten Menschen sind heterosexuell. Daher sehe ich nicht, dass die meisten Menschen überhaupt etwas anderes wollen. Die meisten wollen eher eine bessere Mann-Frau-Beziehung, die anders ausgestaltet wird als bisher.

  38. Pingback: Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit | Aus Liebe zur Freiheit - Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

  39. Verstehe den Artikel nicht – ausserehelicher Sex ist doch in unserer Gesellschaft überhaupt nicht verboten? Und ein unverheirateter Vater erhält nicht automatisch das Sorgerecht, denke aber wohl die Zahlungspflicht. Die Mutter kann alleine entscheiden ob der Vater das Sorgerecht mit erhält oder nicht. Ein weiterer Faktor ist übrigens daß Mütter sich sicher sein können daß ein Kind von ihnen ist, während Väter sich da nicht sicher sein können.
    Heutzutage ist das „Problem“ doch eher das, dass die Ehe eben nicht mehr benötigt wird, um die Familie durchzubringen, da der Staat die Versorgung gewährleistet (dass der Staat versucht sich das Geld von einem Elternteil zu holen, ist davon erstmal unabhängig – Fakt ist eine Mutter muss keine Angst haben nicht versorgt zu werden wenn sie den Ehemann verliert).
    Problem deshalb, weil es eben die Ehe unattraktiv macht für Männer – sie erhalten durch die Ehe keine Garantien, da sie letzlich doch überflüssig sind und jederzeit abgelegt werden können, und sie erhalten dadurch eine Menge von Verpflichtungen.
    Aber das ist natürlich nur ein Problem, wenn man die Ehe für wichtig hält. Ich könnte mir eher vorstellen daß sich aus den Umständen neue Beziehungsformen ergeben und Ehen oder lange Partnerschaften an Gewicht verlieren werden. Wozu soll man sich lange Binden? Die Liebe kommt in den meisten Ehen ohnehin schnell abhanden.
    Komischerweise jammern Frauen noch häufig daß Männer sich nicht binden wollen, dabei brauchen sie gar keine Männer mehr die sich binden. Und sie selbst haben die Umstände vorrangetrieben, die diese Bindugsangst ausgelöst haben.

  40. @Antje Schrupp (eingangs):
    „Oder anders gesagt: Wenn wir die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten – durch freie Individualität, durch andere Vorstellungen von Familie, durch vielfältigere Beziehungskonstellationen – dann wird das meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn wir die oben gestellten Fragen zum Umgang mit Schwangeren und Neugeborenen bewusst stellen und andere, bessere Regelungen finden.“
    Das kann so sein, muß aber nicht, denn auch dafür gibt es – wie so oft – eine Grundbedingung:
    Das System der Menschlichen Gesellschaft (das biologische wie das soziale, das gewachsene wie das zum Wachsen konstruierte) muß dazu, um daß „wir die heterosexuelle Matrix untergraben“ können,l vorhanden sein, muß existieren – ohne „heterosexuelle Matrix“ ??
    Es gibt – wie auch so oft im Leben – nicht nur eine „soziale Konstruktion“, z.B. die der „heterosexuellen Matrix“ – oder was wäre wohl das nach der „Untergrabung“ Entstandene anderes als eine SOZIALE KONSTRUKTION ?
    Ich habe bisher versucht, mich wegen meiner unbedingten Akzeptanz von Unterschieden als Triebkräfte vor Einseitigkeiten, Vereinheitlichungen und formal fundalen Forderungen und Denkmodellen fern zu halten.
    Deshalb teile ich keineswegs die Ansicht, daß wir „die heterosexuelle Matrix untergraben wollen, wenn wir das Modell des Mann-Frau-Paares durch etwas anderes, besseres ersetzen möchten“ – Wieso wollen wir denn das, was uns zum Werden brachte und einzig bringen kann, ersetzen und womit?

    Sollten wir nicht lieber treffender formulieren, daß wir
    „die heterosexuelle Matrix derart untergraben wollen, daß wir das soziale (! ) Modell des Mann-Frau-Paares durch Andere, sozial Ebenbürtige Modelle (nicht etwa biologisch, wie oben angenommen werden könnte) ergänzen (und nicht: ersetzen) möchten“.
    Die zuvor zu lesende intellektuell verfehlte und sozial entfremdende weil im Wesen nicht durchführbare Rigorosität des „Ersetzenwollens“ verhindert, daß allgemeine Zustimmung zu einer eigentlich zu empfehlenden Veränderung möglich wird, und ohne diese allgemeine Einsicht – findet
    NICHTS
    statt, nie, bleiben hiesige Überlegungen nur Gestprächsfetzen in den Kaffestuben.
    Das kann man AUCH als Vorschlag betrachten, wenn wir wollen – als eine weitere „soziale Konstruktion“ der PaarbildungEN.

  41. Hallo Antje,

    mich regen Deine Überlegungen an dieser Stelle an, über Deine Gedanken zu sinnieren:

    „Beschließt eine Gesellschaft zum Beispiel, Schwangeren eine Art „Verdienstausfall“ zu zahlen (weil sie eine Zeitlang nicht in gleicher Weise wie Nichtschwangere selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können) oder eine gute, von der Allgemeinheit finanzierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dann werden Männer* nie in den Genuss dieser Vorteile kommen, weil sie ja von vornherein wissen, dass sie nicht schwanger werden können. Beschließt eine Gesellschaft hingegen restriktive Regeln für den Vorgang der Schwangerschaft (zum Beispiel ein Abtreibungsverbot), dann müssen Frauen* damit rechnen, davon betroffen zu sein, nämlich in dem Fall, dass sie schwanger werden, Männer* können aber sicher sein, dass sie niemals davon betroffen sind.“

    Probleme habe ich zwar bei „beschließt d i e Gesellschaft“, da sie als Person fingiert wird (was sie niemals sein kann), jedoch scheint mir an dieser Stelle ein wesentlicher Punkt herausanalysiert zu sein, denn:

    „Das bedeutet, dass das Konzept der „Gleichheit“ für Regelungen in diesem Bereich nicht funktioniert, weil eben Männer* und Frauen* aufgrund ihrer körperlichen Unterschiede nicht gleichermaßen von solchen Regelungen betroffen sein können.“

    „Die „Lösung“, die nun die patriarchale Kultur für diese Herausforderung erdacht hat“
    (wieder mein Aufhorchen, kann denn eine Kultur sich etwas ausdenken? Oder- ist vielleicht das Personalisieren sogar eine gehirntechnische Notwendigkeit?) war die Erfindung der „heterosexuellen Matrix“.

    Die Idee ist gewissermaßen, dass die körperliche Differenz innerhalb der menschlichen Spezies in Bezug auf die Fortpflanzung – und damit das „Problem“, dass es in Bezug auf Schwangerschaftsregelungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu Interessenkonflikten zwischen den männlichen* und weiblichen* Individuen kommt – nivelliert wird, indem nicht in Individuen, sondern in heterosexuellen Paaren gedacht wird. Man „bindet“ sozusagen immer einen Menschen, der schwanger werden kann, und einen anderen, der nicht schwanger werden kann, zusammen: Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist dann nicht mehr der einzelne Mensch, sondern das Frau-Mann-Paar.“

    Eine hochspannende Idee.
    Tatsächlich – in unserer Gesellschaft ist ein Nichts oder doch ein „Weniger“, wer nicht als Verpaartes Wesen auftreten kann.
    Zum Beispiel sind Frauen, die alleine Kinder großziehen, noch immer diejenigen, die übergangen werden, wenn es um die Verteilung von Renten oder anderen gesellschaftlichen Vergünstigungen geht. Witwen dagegen können das Paar-Gewesen-Sein für sich beanspruchen, zudem bekommen sie (gedacht) noch den Bonus des unverschuldeten Verlustes zugeschrieben.

    Wer sich nicht als Paar präsentieren kann, fällt heraus.
    Tatsächlich „sollen Paare die Ungleichheitsproblematik unter sich regeln“. Die Gesellschaft flickt nur etwas daran herum, wenn es allzu krasse Not gibt, etwa weil der Mann* sich gänzlich der gemeinsamen Versorgung des Nachwuchses entzieht und der staatliche ZUschuß nach 6 Jahren nicht mehr kommt. Wobei – siehe obigen Kommentar – ja bereits als Selbstverständlichkeit erwartet wird, dass „die Gesellschaft“ bei Bindungsproblemen einspringt.

    Und die Paargesellschaft gibt ihresgleichen – also dem legitim verheirateten, monogamen Paar mit Kind -viele gedachte Vorrechte:

    Man kann es daran sehen, dass Ehefrauen sich gegenüber nichtverheirateten Frauen für entscheiden „mehr wert“ halten. Viele halten es für eine Art „Naturrecht“, überall und jederzeit mit eingeladen zu sein, wenn der Mann eine Einladung erhält. Ehefrauen halten es für ihr Naturrecht, allein geliebt zu werden und ihre Nebenbuhlerinnen wie Hagar in die Wüste jagen zu lassen. Vom Mann. Und Ehefrauen halten es auch für ein Naturrecht, Häuser zu erben und Erbschaften nur an die „legitimen“ Kinder ihres Mannes weiterzugeben, während die weiterhin existierenden „nichtehelichen“ mit „Pflichtteilen“ abgespeist werden, die ca. 1/8 des „legitimen Kindes“ betragen. Das alles ist auch heute noch so.

    Vergünstigungen und Wertschätzung dieser Art wird die Frau*, die ein Kind allein gebärt und „den an sie gebundenen Mann nicht mehr braucht“, nicht erwarten dürfen.

    Ich bezweifle nach einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung allerdings stark, dass die Bindung eines Kindes an seinen Vater so überflüssig ist und durch eine neue „soziale Konstruktion“ ersetzt oder wenigstens ergänzt werden kann.

    Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenhäuser, Communities sind ja alles Versuche in dieser Richtung.
    Doch das, was ich – in Wohngemeinschaften, Gruppen u.a. beobachten und schlussfolgern konnte,war, dass die „innere Matrix Familie“ (und damit ist nicht nur das Paar gemeint, das uns gezeugt und geboren hat) die stärkste und nachhaltigste Wirkung auf unsere Innenbilder hat. Und somit auf die „sozialen Konstruktionen“, die wir hervorbringen.

    Also ist dieser Gedanke bestechend:

    „Damit muss die Gesellschaft als Ganze sich nicht mehr um die lästige Differenz zwischen „Gebärenden“ und „Nichtgebärenden“ kümmern. Von jeder Regel ist ja jedes Paar gleichermaßen betroffen, eventuelle Konflikte sind dann bitte intern auszutragen und „Privatsache“.“

    Und dafür haben wir ja dann Therapeuten, Gerichte, Gefängnisse, Fördereinrichtungen, Frauenhäuser, oder???

    Ich schlage vor, dass Männer* , die ja NIE in die Lage kommen, schwanger zu werden, sich zusammentun, um die Versorgung und Unterstützung schwangerer Frauen* kollektiv zu gewährleisten.

    So dass es nach einer Anlaufphase eine Männer-Soli-Steuer gibt, die ausschließlich dem Zweck dient, Frauen in der Schwangerschaft und beim Heranwachsen der Kinder zu unterstützen.

    In diesen Soli würden idealerweise alle Männer*, aber nur Männer, einzahlen – auch die verheirateten und die Priester, da diese ja bekanntlich am meisten zum Vertuschen und Verschweigen und finanziellen Verhungernlassen ihres Nachwuchses beitragen.

    Das wäre eine kollektive Anerkennung der Tatsache körperlicher Ungleichheit und die Schaffung eines gesellschaftlichen Ausgleiches, die viele Innerpaar-Konflikte überflüssig machen würde.

  42. @Maren – “Ich schlage vor, dass Männer* , die ja NIE in die Lage kommen, schwanger zu werden, sich zusammentun, um die Versorgung und Unterstützung schwangerer Frauen* kollektiv zu gewährleisten.So dass es nach einer Anlaufphase eine Männer-Soli-Steuer gibt, die ausschließlich dem Zweck dient, Frauen in der Schwangerschaft und beim Heranwachsen der Kinder zu unterstützen. In diesen Soli würden idealerweise alle Männer*, aber nur Männer, einzahlen …….”

    Dieser Vorschlag gefällt mir nicht, da er lediglich eine weitere Form ökonomischer Abhängigkeit von (erwerbsarbeitenden)Männern für schwangere Frauen bedeuten würde. Zudem setzt ein sog. „Steuer-Soli für Männer“ voraus, dass Mann über eine Erwerbsarbeit verfügt, was wiederum dazu führen würde, einseitige (altbekannte) Rollen zu zementieren und Vielfalt von Lebensmodellen zu verunmöglichen.

    Ich sehe mehr Sinn darin, sich Gedanken darüber zu machen wie Frauen und Männer sich frei machen können vom Zwang des aktuell gesellschaftlich so hochgehaltenen Erwerbsarbeits-Modells?! Eine repressionsfreie Grundversorgung dürfte allen dienlich sein, also auch schwangeren Frauen, was allerdings noch nicht heißt, dass damit die Frage beantwortet wäre wie und von wem die zukünftige (bisher unbezahlte) Sorge/Pflege/Erziehungs/Hausarbeit getätigt werden soll?
    http://www.feministisches-institut.de/carerevolution/

  43. Pingback: Familienpolitik? Braucht kein Mensch! | Aus Liebe zur Freiheit

  44. Pingback: Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind | Aus Liebe zur Freiheit

  45. Was mich immer wieder erstaunt ist, wie das Kerngeschlecht von Menschen immer wieder an den Genitalien oder Fortpflanzungsorganen festgemacht bzw. definiert wird.

    Auf der einen Seite die Denke „Penis = Mann, kein Penis = Frau“ (das Wort Vulva kommt da als Bezeichnung für das weibliche Genital oft gar nicht vor oder es wird auf die „Scheide“ reduziert – also auf das, wo der Mann sein „Schwert“ hinein stecken kann), auf der anderen Seite wird jetzt hier versucht, das Kerngeschlecht eines Menschen darüber zu definieren, ob ein Mensch dazu befähigt ist, ein Kind zu gebären oder nicht – also dann eben nicht über das Genital, sondern über die kompletten Fortpflanzungsorgane eines Menschen.

    Und wo ist da dann jetzt der Unterschied?

    Ich bin mir sehr bewusst, dass es sich bei den selbstdefinierten oder auch diagnostizierten sog. „transsexuellen Menschen“ überwiegend um Menschen handelt, die vom Mann sein müssen oder vom Frau sein müssen einfach nur weg wollen und dafür auch in Kauf nehmen, die primären und sekundären geschlechtlichen Merkmale ihres Körpers an die angestrebte soziale Rolle anzupassen, UM authentischer in dieser LEBEN zu können.

    Frau sein, Mann sein wird dabei meist auf die äußere Hülle (Kleidung, Schminken oder eben nicht, körperliche Angleichungsmaßnahmen als eine art körperliches Permanent-Make-up) und das Tun, welches Mann oder Frau denkt, dass es in der anderen sozialen Geschlechtsrolle erwartet wird, reduziert.

    Demnach darf sich ein Mädchen natürlich nicht mit Jungs prügeln, herumtoben, auf Bäume klettern und was weiß ich noch alles, denn das geht gegen die allgemeine gesellschaftliche Erwartungshaltung.
    Weil man den gängigen allgemeinen gesellschaftlichn Erwartungshaltungen seines Geschlechts, dem man ja quasi über sein Genital direkt nach der Geburt zugewiesen wurde, nicht entspricht, dann MUSS man ja dem anderen Geschlecht zugehören, weil Mädchen dürfen dieses und jenes nicht und Jungs dürfen jenes und welches nicht und wenn man das eben doch will, dann muss man offenbar das Geschlecht wechseln (was i.d.R. über die soziale Geschlechtsrolle nicht hinaus geht, denn aus einem Mann (ich definiere Mann, Frau oder alles dazwischen ausschließlich über die vorgeburtlich ausgeprägten Geschlecht bestimmenden Gehirnareale) macht man keine Frau und aus einer Frau keinen Mann).

    Was aber, wenn eine Frau (Gehirn bezogen) mit einem Penis geboren wurde, mit einem auch sonst mehr oder weniger männlichen Körper und keine Kinder gebären kann, aber den Wunsch in sich trägt, wenigstens ein Kind bekommen zu dürfen, seit Beginn der Pubertät, als der Körper begann sich endgültig in die falsche Richtung zu entwickeln, ein immer unbändigeres schmerzhaftes Verlangen nach ihrem eigenen weiblichen Körper zu haben, weil die entspr. geschlechtlich ausgeprägten Gehirnareale eben einen passenden weiblichen Körper mit allen weiblichen Fortpflanzungsorganen erwartet, die sich als ihre Sexualität zu erwachen begann wie eine Mädchen, eine Frau selbst beglückte (es aber nicht wusste), die in ihrem ganzen Wesen, in ihrem Habitus derart weiblich ist, dass sie immer wieder als Vollweib bezeichnet wird und und und?

    Wie konnte es sein, dass diese Person ein natürliches Vollweib ist – obwohl sie mit Penis geboren wurde, obwohl Geschlecht ja angeblich rein konstruiert und sozialisiert ist?

    Und diese Frau wird dann ausgeschlossen, weil die Natur ihr die weiblichen Reproduktionsorgane vorenthalten hat, weil sie eben keine Kinder bekommen konnte, obwohl sie diesen Wunsch in sich trägt (obwohl sie jetzt auch leider zu alt dafür wäre)?

    Oder wird diese Frau ausgeschlossen, weil sie ein natürliches Vollweib ist, eben gar nicht so ist, wie Männer ticken, auch nicht das Bedürfnis hat wie ein Mann sein zu wollen (wie geht das überhaupt – wie ein Mann sein?), sondern sie ihre Fähigkeiten, die Frauen oft nun einmal so mitbringen und die sie eben auch, in die Gesellschaft einbringen will ohne sich ständig an den Männern messen (lassen) zu müssen, wozu der Feminismus oft förmlich zwingt, wie ich den Eindruck habe?

    Ich möchte einmal auf die Videos von Vera F. Birkenbihl auf Youtube hinweisen:

    „Veröffentlicht am 03.02.2013

    Wie es dazu kam, dass alle Welt glaubt, Männer und Frauen seien gleich, und weshalb das nicht stimmt! Hier stellt die Referentin die eigentümlichen Wege dar, welche zu der absurden Behauptung führten, eigentlich seien Männer und Frauen (Jungen und Mädchen) gleich. Nach Milliarden von Jahren einer getrennt erfolgten Entwicklung (grundlegende Asymmetrie) und Millionen von Jahren mit einer zwangsläufig sehr unterschiedlichen Basis-Motivation wurden 1928 zwei Werke publiziert, die alles, was man wusste, in Frage stellten. Eines begründete den Behaviorismus (Umwelt ist alles), das zweite schien zu beweisen, dass jede Kultur völlig anders geartete Männer / Frauen heranziehen kann (Kultur-Relativismus). Als dann in den Siebzigern ein gewisser Dr. John Money behauptete, alle Kinder seien bis Ende des zweiten Lebensjahres neutral, und könnten zu Jungen ODER Mädchen erzogen werden, stand die absurde Tatsache fest. Wir müssen wissen, wie es dazu kam, um zu begreifen, wie wir echte Gender-Chancengleichheit schaffen, statt das sogenannte Gender Mainstreaming anzustreben und noch eine Generation von Knaben zu Opfern zu machen.“

    Vera F. Birkenbihl – Männer – Frauen 2 Mehr als der sogenannte Unterschied 1/2

    Vera F. Birkenbihl – Männer – Frauen 2 Mehr als der sogenannte Unterschied 2/2

    Zusammen etwas über 2 Stunden, wenn ich recht erinnere, die sich wirklich lohnen. Leider ist die gute schon von uns gegangen.

    Man darf im Feminismus nicht vergessen, dass es Frauen gibt, die wie Frauen ticken und dass es Männer gibt, die wie Männer ticken, dass es eben auch überschneidungen gibt.
    Das hat aber eben nichts mit den Fortpflanzungsorganen zu tun, sondern damit, wie die Geschlecht bestimmenden Gehirnareale ausgeprägt sind und die müssen nicht einmal eindeutig weiblich oder eindeutig männlich ausgeprägt sein.

    Natürlich gibt es stets und ständig Erwartungshaltungen und Zuweisungen durch andere, durch die Gesellschaft, weil man wie eine Frau aussieht, weil man wie ein Mann aussieht und wenn man im Verhalten davon abweicht, zieht das nicht selten Konsequenzen aus dem sozialen Umfeld, aus der Gesellschaft nach sich.

    Was ich aber ebenfalls immer wieder erstaunlich finde ist, dass Menschen sich förmlich an die Genderrollen klammern, so als bräuchten sie diese zur Orientierung. Auf der anderen Seite verfluchen sie diese sicher immer wieder mal, weil wir natürlich nicht alle gleich sind und weil wir natürlich nicht alle zu 100% in diese Rollenkonstrukte hinein passen.

    Aber anstatt daran zu arbeiten die Konstrukte aufzubrechen (wobei Frauen dabei erheblich weiter sind als die Männer (bei Männern gibt es ja immer noch Transvestitismus, den es vermutlich nicht geben würde, wenn man akzeptieren würde, dass Männer so sein dürften und sich so stylen dürften wie sie sind oder wie sie eben wollen)), meint man dann, man würde zum anderen Geschlecht gehören, weil man ja zu x% nicht in die Geschlechtsrolle passt, in die man – Kraft seines Genitals – hineingeboren wurde.

    Aber Geschlecht ist eben nicht nur die äußere Hülle, das geht viel tiefer. Aber wer nur oberflächlich sieht und fühlt, der merkt das natürlich nicht und so bleibt es bei einer eher schlechten Imitation, wenn Männer Frauen werden wollen und Frauen Männer, so wird Geschlecht weiterhin auf das Tun und die Hülle reduziert.

    Leider scheint es mir, dass Persönlichkeitsselbstdarstellung in dieser Gesellschaft immer beliebter wird. Weg vom Ich, weg vom Sein, es geht darum, wie man sich anderen besser presentieren kann.
    Vielleicht mag man sich selbst auch nicht wie man selbst ist, man denkt, man ist nicht gut genug wie man ist und muss daher etwas anderes, vermeintlich Besseres aus sich machen – im Zweifelsfall wird Mann dann eben zur Frau oder Frau wird zum Mann – zumindest dann über die äußere Hülle und das Tun. Das scheint vielen ja schon auszureichen.

    Es kann ja gerne jeder seine Geschlechtsrolle, seine äußere Hülle, sein Tun zum anderen Geschlecht hin wechseln, es bleibt ja jedem selbst überlassen und wenn es denn glücklich macht…?

    Übel finde ich dann nur, dass die wenigen wahren Frauen und Männer, die mit den Genderwechslern stets in eine Schublade gepresst werden, stets unter dieser großen Mehrheit leiden müssen, indem sie nämlich auch ausgeschlossen werden (wie hier), indem viele davon ausgehen, dass sie genau sind wie die Männer und Frauen, die aus Selbstfindungs- und anderen Gründen (es gibt mindestens 70 Motivationen, aus denen heraus ein Mensch sein Geschlecht wechseln will und die meisten haben im Grunde kein Verlangen danach ihren eigenen richtigen gesamten Körper zu bekommen, weil sie den nämlich schon haben, was man dann auch daran erkennt, dass immer mehr auch „so als Frau“ oder „so als Mann“ LEBEN können) ihr Geschlecht zu wechseln versuchen.

    Liebe Grüße

    Keydie

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