G20, Gewalt, Wahlen, Sekten – neue Podcast-Folge ist online

In der neuen Folge unseres Podcasts „Besondere Umstände“ sprachen Eva, Benni und ich heute über:

* G20 und die anschließende „Gewaltdiskussion“, die aber gar keine Diskussion über Gewalt war, sondern ganz andere Dinge behandelte. Und über das Gewaltmonopol des Staates und das Tabu, es in Frage zu stellen.
* Die Frage, ob man tatsächlich im September eine der „Big Ugly Five“-Parteien wählen soll, wie ich hier im Blog vor einiger Zeit schrieb, oder doch eher gar nicht wählen, wie Benni meinte.
* Den Zusammenhang von Sektenhaftigkeit und Anti-Mainstream und die Frage, warum erfolgreiche dezentrale nonkonformistische Gruppen so oft patriarchal sind (unter besonderer Berücksichtigung der Amish).

Die Attentatskritikerin. Oder: Vom Elend des männlichen Revoluzzertums (wieder mal)

Lou Marin: Rirette Maîtrejean. Attentatskritikerin, Anarchafeministin, Individualanarchistin. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016, 262 Seiten, 16,90 Euro.

Mrirette_maitrejeanan ist nach der Lektüre des Buches ein bisschen versucht, das Ganze mit „noch ein Beispiel dafür, wie toxische Männlichkeit freiheitliche Bewegungen zerstört“ zu überschreiben. Diesmal geht es um das libertär-anarchistische Milieu in Frankreich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und speziell um eine seiner Protagonistinnen, nämlich Rirette Maîtrejean (1887-1968). Und irgendwie schließt es inhaltlich auch ein bisschen an die Propaganda der Tat an, über die ich kürzlich erst schrieb.

Attentatskritikerin ist jedenfalls eine originelle Personenbeschreibung. Ich fand das Buch auch deshalb spannend, weil es zu einer Zeit spielt, in der der Anarchismus zumindest in Frankreich noch einen sehr starken ideengeschichtlichen Einfluss auf die Arbeiterbewegung hatte. Vor der bolschewistischen Revolution in Russland, an deren Ende sich das Linkssein in Europa ja immer mehr auf Marxismus-Leninismus kaprizierte und alternative Ideen des Sozialismus an den Rand gedrängt wurden.

Rirette Maîtrejean (ihr Geburtsname war Anna Henriette Estorges) hatte mit 16 Jahren ihre Mutter und Geschwister verlassen (der Vater war kurz zuvor gestorben), weil sie nicht heiraten wollte. Sie schloss sich in Paris revolutionären Diskussionszirkeln an, hatte Liebesbeziehungen mit verschiedenen Männern, brachte zwei Töchter zur Welt. Sie lebte und arbeitete im Umfeld einer Zeitung namens „l’anarchie“, die ihren Sitz zeitweise in Paris, zeitweise auf einer ländlichen Kommune im Umland hatte. Manchmal war sie dort Redaktionsverantwortliche, manchmal andere.

Die Diskussionen in diesem Milieu drehten sich um die Frage, wie man angesichts eines repressiven staatlichen Systems und eines ausbeuterischen Kapitalismus am besten persönlich leben soll, wobei, und das ist besonders interessant, die Frage der politischen Analyse und des persönlichen Lebensstils miteinander verwoben waren. Es ging also nicht nur um die Strategien von politischen Aktionen, sondern auch um Kindererziehung, freie Liebe und Ernährung.

Zum Beispiel gibt es einen Text von Maîtrejean, in dem sie das Zusammenleben von Liebespaaren befürwortet – gegen die im damaligen anarchistischen Mainstream offenbar vorherrschende Ansicht, dass Paare auf jeden Fall besser getrennt leben sollten, weil das freiheitlicher sei. In einem anderen Text beschreibt sie klarsichtig, dass eine Abschaffung des klassischen Ehemodells nicht nur notwendig macht, dass Frauen erwerbstätig sein können, also finanziell von Männern unabhängig, sondern auch reproduktive Selbstbestimmung garantiert ist, also die Möglichkeit für Verhütung und Abtreibung.

Neu war mir, dass damals bereits das Thema Veganismus so wichtig war, dass viele Anarchist_innen keine Tierprodukte konsumierten und übrigens auch keinen Alkohol. Dabei spielten neben den heute überwiegenden tierethischen Argumenten vor allem ernährungswissenschaftliche Theorien eine Rolle und, als quasi „sozialrevolutionäres“ Argument, die Tatsache, dass vegane Ernährung billiger ist (oder zumindest damals war) und wer so lebte sich daher weniger abhängig machte vom „System“, denn sie brauchte ja weniger Geld zum Leben.

Während das erste Argument zuweilen in „Szientismus“ umschlug, also die irrationale Gläubigkeit gegenüber angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich gesunder Ernährung, berührte die zweite Linie direkt das politische Handeln. Denn im anarchistischen Milieu gab es damals die Auffassung, dass ein guter Anarchist sich möglichst weit vom „System“ fernhalten soll, also zum Beispiel auch den Kapitalismus nicht unterstützen, indem er für Geld arbeitet. Unter dem Label „Illegalismus“ wurde daraus die Praxis, das zum Lebensnotwendige anderweitig zu beschaffen, durch Geldfälschen zum Beispiel, aber auch durch Diebstahl und Raub. Und das wiederum führte nochmal auf einer ganz anderen Ebene zu der Frage, inwiefern Gewalt legitim und notwendig sei, als bei den Attentaten der 1880er Jahre.

Rirette Maîtrejean gehörte zu denen, die das Konzept des Illegalismus besonders früh und konsequent abgelehnt und kritisiert haben, vor allem mit dem Argument, dass es nichts bringe. Einerseits sei damit kein gesellschaftsveränderndes Potenzial verbunden, andererseits rentiere es sich auch nicht, denn erstens ist Geldfälschen und Klauen letztlich genauso anstrengend und zeitaufwändig wie normales arbeiten, und zusätzlich läuft man Gefahr, verhaftet zu werden und ins Gefängnis zu kommen, womit man dem revolutionären Kampf ja nun auch nicht mehr zur Verfügung steht.

Das Ganze spitzte sich zu, als eine Gruppe aus der „illegalistischen“ Szene rund um einen gewissen Jules Bonnot es nicht mehr bei Diebstahl beließ, sondern zu Mord und Totschlag überging. Bonnet tötete im November 1911 unter unklaren Umständen einen anderen Anarchisten, der gerade 27.000 Francs geerbt hatte. Im Dezember 1911 überfielen er und vier weitere Männer zwei Bankangestellte, im Januar 1912 ein Landhaus, wobei sie den Besitzer und eine Dienerin töteten, im März starb ein Autofahrer bei einem Raubüberfall und der Beifahrer wurde schwer verletzt. Anschließend überfielen sie eine Bank und schossen auf die Bankangestellten, ein 17-Jähriger starb, drei andere wurden verletzt (ein Attentäter kam ebenfalls ums Leben).

Im April wurde die Gruppe verhaftet, und auch viele Menschen in ihrem Umfeld, darunter Rirette Maîtrejean und ihr damaliger Lebensgefährte Victor Kibaltchiche (der später unter dem Namen Victor Serge bekannt wurde). Sie musste, obwohl sie kleine Kinder hatte, für ein knappes Jahr in Haft.

Im Anschluss an diese „Bonnet-Affäre“ und den nachfolgenden Prozess veröffentlichte Maîtrejean eine Artikelserie mit dem Titel „Souvenirs d’anarchie“ (Erinnerungen an [die Zeitung] anarchie), in der sie die Geschichte und die Verfehlungen der Gruppe erzählt und kritisch analyisiert, und auch, wie das alles in so einem Desaster enden konnte. Lou Marin stützt seine ideengeschichtliche Rekonstruktion von Maitrejeans „attentatskritisches“ Denken im Wesentlichen auf diesen Text (der leider, anders als andere, kürzere Texte von Maîtrejean, nicht im Anhang dokumentiert ist. Ich hoffe, er kommt vielleicht wenigstens irgendwann ins Internet).

Marin führt Maîtrejean quasi als Kronzeugin dafür an, dass eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Begeisterung von Teilen des anarchistischen Milieus für Gewalt aus eben diesem Milieu heraus von Anfang an stattgefunden hat. Und es wird ziemlich deutlich, dass diese Gewalt auch auf einer fehlgeleiteten Männlichkeitskonzeption gründete (die, nebenbei, bis heute in Teilen der Antifa-Kultur überlebt hat). Das Lob, dies früh erkannt und kritisiert zu haben, gebührt Maîtrejean ganz gewiss, zumal wenn man bedenkt, dass nicht nur ihre damaligen anarchistischen Zeitgenossen sie wegen ihrer Kritik als „Hure! Feige Sau! Verräterin!“ (S. 145) beschimpften, sondern auch Bonnot und seine Mit-Attentäter noch bis in die 1960er hinein im französischen Anarchismus als Helden eines virilen Revoluzzertums gefeiert wurden.

Die Rekonstruktion dieser ganzen Geschichte liest sich aufgrund der vielen Namen und Daten streckenweise etwas mühsam, aber das ist generell ein Problem bei ideengeschichtlichen Debatten, die nicht innerhalb des üblichen Kanons angesiedelt sind. Wir Leserinnen kennen ja nicht nur Maîtrejean nicht, sondern wir kennen auch die ganzen anderen Leute, mit denen sie damals zu tun hatte, nicht. Darunter übrigens sehr viele Frauen, zu denen man sich jeweils nochmal eine eigene Biografie wünschen würde. Das alles muss eben erzählt werden, damit man den Kontext hat, um zu verstehen, worum es geht. Allerdings verliert man dabei eben auch leicht mal den Überblick.

An dieser Stelle übrigens mein Applaus für die Fleißarbeit, die Lou Marin da geleistet hat. Nachdem ich selbst ja einmal einen bis dato unbekannten historischen Ideenkosmos beforscht habe – den von Frauen in der Ersten Internationale –, weiß ich, was für eine Puzzelei das ist.

Wie sehr wir es gewohnt sind, neue ideengeschichtliche Akteur_innen in ein bereits bestehendes Raster einzuordnen, merkt man beim Lesen an dem Gefühl der Erleichterung, wenn Maîtrejean dann doch mal jemandem begegnet, den man kennt, und sei es nur der junge Victor Serge, oder in höherem Alter dann Albert Camus. Nun kann man auch sie als Neuankömmling in den bestehenden Kanon einsortieren, mit allen positiven und negativen Implikationen, die das hat.

Für alle, die sich für die Geschichte der sozialen Revolte interessieren und ein bisschen Geduld mit Namen und Daten haben, ist das Buch eine sehr lohnenswerte Lektüre. Hilfreich gewesen wäre allerdings eine Zeittafel und ein Namensindex. Denn da Lou Marin die Geschichte (aus guten Gründen) entlang von Themen und Thesen erzählt, erzählt er sie eben nicht stringent chronologisch und die Handlung springt in den Jahren vor und zurück. Ich zumindest habe dabei öfter mal den Überblick verloren und hätte etwas Orientierung gebrauchen können…

 

Vergewaltigungsdiskurse im Feminismus

Vor dreißig Jahren war ich eine vehemente Anhängerin des Spruches, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Satzes (auch wenn er rein logisch zutreffend ist), sind mir schon früher gekommen. Jetzt gibt es ein Buch dazu: „Vergewaltigung“ von Mithu Sanyal. Ich habe es für bzw-weiterdenken.de rezensiert und empfehle die Lektüre sehr.

Ich habe dazu noch ein kleines Gedankenexperiment, das ich schon manchmal in feministischen Kontexten zur Diskussion gestellt habe, speziell wenn ich dort über Gewalt gesprochen habe: Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl, entweder einen Finger abgehackt zu bekommen oder vergewaltigt zu werden. Was würden Sie vorziehen?

Mir ist schon klar, dass das eine doofe, vielleicht auch makabre Frage ist. Aber die Diskussionen, die sich daran entzündet haben (inklusive der Diskussionen darüber, wie bekloppt diese Frage ist), waren meistens durchaus spannend. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich lieber vergewaltigt würde als einen Finger abgehackt zu bekommen.

Mord und Totschlag – kleine Kommentar-Revue

Bei „Fisch und Fleisch“ drüben habe ich heute morgen unter der Überschrift: „Verlassene Männer sind häufig brutal. Das muss endlich ernst genommen werden“ über den Amokfahrer von Graz gebloggt. Leider war mir dabei in der ersten Fassung ein Fehler unterlaufen: Nicht 162 Frauen sind im Jahr 2013 in Deutschland mutmaßlich von ihren (Ex)Partnern getötet worden, sondern „nur“ 138. Den Fehler hatte ich aus einer wissenschaftlichen Hausarbeit übernommen, dort war die Statistik falsch interpretiert worden. Wen’s interessiert: Hier ist der Link zur Quelle beim BKA.

Aber eigentlich komme ich deshalb hier noch einmal auf das Thema zurück, weil die Kommentare unter dem Blogpost so treffend sind, dass ich sie für die Ewigkeit retten möchte:

Gleich am Anfang schon der Klassiker: NICHT ALLE MÄNNER!

Ich habe dazu gelesen, dass rund 99,5 Prozent der verlassenen Männer in Deutschland NOCH nicht versucht haben, ihre ehemaligen Frauen und Freundinnen umzubringen. Nun stellt sich die Frage, aus welchen beiden Zahlen, ihren 162 (tragisch) getöteten Frauen oder aus den 99,5 Prozent Nicht-Mödern, sich ein Trend ablesen lassen lässt.

Ich nehme an, das heißt, wir sollen dankbar dafür sein, dass die große Mehrheit der Männer ihre Frauen nicht umbringt – toll, tausend Dank dafür!

Ebenfalls immer schön ist ja das „Die Feministinnen sind schuld“-Argument:

Und, habe ich halt männliche Geschlechtsmerkmale. Was bitte sagt das über mich aus? Dass ich gewaltbereit bin? Ja, man kann es mir solange einreden, bis ich sage: okay, dann könnt ihr das gerne von mir haben.

Also, besser mal aufpassen, nicht dass ich mit meinem Blogpost die ganzen harmlosen Jungs noch auf dumme Gedanken bringe. Außerdem hinkt mein Vergleich ja sowieso, aber sowas von! Denn:

Bei der Grazer Amokfahrt wurde nicht versucht, die eigene Ehefrau, die ihren Mann verlässt, zu töten oder zu schlagen, sondern es wurde versucht, Menschen zu töten bzw. zu verletzen, die mit der Ehe gar nichts zu tun hatten. Ich halte es für verharmlosend, die Grazer Amokfahrt zu einem ganz normalen Fall von Gewalt eines verlassenen Mannes an seiner Frau zu erklären.

Ja, ja, diese ganzen „ganz normalen“ Fälle von Gewalt, die sind eben – ganz normal! Und dann habe ich auch noch die WICHTIGSTE Regel im öffentlichen Diskurs gebrochen:

Wer beginnt, hier nach den beispielhaft genannten Kriterien TäterInnengruppen zu bilden, der schafft in meinen Augen ein vorurteilsbildendes Klima. Wird ja zu Recht immer wieder eingemahnt, überlegter mit Sprache umzugehen was gendergerechte Formulierungen und dergleichen anbelangt

Dabei weiß ich doch: Wenn weiße Männer etwas machen, darf man NIENIENIE darauf hinweisen, dass es weiße Männer sind, das ist nämlich SEXISMUS!
PS. Mir geht es in diesem Zusammenhang nicht um eine Anklage „der Männer“, sondern um eine gesellschaftliche Selbstreflektion. Allein, dass es so schwierig ist, die Zahlen zu diesem Sachverhalt herauszufinden, zeigt, dass hier ein Missverhältnis herrscht. Warum finden sich nicht jede Menge Zeitungsartikel, die dieses Thema bereits recherchiert haben? Vor allem, wenn man vergleicht, wie viel allgemeine Betroffenheit (zurecht) herrscht, wenn es um „Ehrenmorde“ in migrantischen Milieus geht, und wie vehement dort nach strukturellen, weltanschaulich begründeten Motiven gesucht wird. Die anderen, „normal-deutschen“ Beziehungsmorde hingegen werden nie in einem strukturellen Kontext gesehen, sondern immer als „Einzelfälle“ dargestellt, als psychisch bedingte individuelle Katastrophen ohne kulturelles Muster dahinter. Aber Tatmotive wie Eifersucht oder Wut darüber, verlassen zu werden, sind nicht individuell, sie sind eine Folge von gesellschaftlichen Vorstellungen davon, welche Ansprüche ein Mann an „seine“ Frau stellen kann. Und egal, ob es nun 150 oder 100 pro Jahr sind – Einzelfälle sind es sicher nicht. Es wäre wichtig, die Hintergründe genauer zu beleuchten: Was genau sind die Motive von „Morden in Paarbeziehungen?“ Gibt es hier geschlechtsspezifische Unterschiede? Zu erforschen und zu analysieren gäbe es hier jedenfalls eine Menge – wenn wir uns denn dafür interessierten.

PPS: In dem Zusammenhang auch interessant: „It’s not about mental illness: The big lie that always follows mass shootings by white males“

 

„Kämpfen ohne zu hassen, Auflösen ohne zu zerstören“

Ohnmachts-Erfahrungen gibt es im Bereich des Politischen viele. Oft scheint es, als müssten wir uns damit abfinden, dass es Kriege gibt, dass die Umwelt zerstört wird, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, die Geheimdienste uns alle ausspähen und so weiter.

Diese Diagnose, dass Politik zunehmend ohnmächtig erscheint, war bereits Ausgangspunkt für das Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“, in dem die Autorinnen ausloten, wie eine Politik, die nicht auf instrumentelle Macht setzt, vielleicht aus dieser Ohnmacht herauskommen könnte. Eine von ihnen, Luisa Muraro, wendet sich nun in einem kleinen Büchlein einem weiteren Aspekt zu, und zwar der Frage nach der Gewalt. Angelika Dickmann und Gisela Jürgens haben es unter dem Titel „Stärke und Gewalt“ ins Deutsche übersetzt.

buecher92Den Kerngedanken von „Dio è violent“ (wie der Originaltitel lautet) hat Dorothee Markert in ihrer Rezension so zusammengefasst: „Wenn wir von vornherein und grundsätzlich die Möglichkeit ausschließen, bei unserem Handeln auch einmal die Grenze zur Gewalt zu überschreiten, dann nehmen wir uns selbst Stärke, verzichten auf die volle Kraft, die wir eigentlich zur Verfügung hätten.“ Ich empfehle euch, ihren Artikel ganz zu lesen!

Die Gewaltfrage ist ja für sozialrevolutionäre Bewegungen nichts Neues, aber normalerweise geht es vor allem um Aspekte der Moralität („Darf man Gewalt anwenden oder nicht?“) oder der Effektivität („Nützt Gewalt der guten Sache oder ist sie kontraproduktiv?“).

Muraro hingegen interessiert die Frage der inneren Haltung im Zusammenhang mit der politischen Erzählung des „Gesellschaftsvertrags“, der die Grundlage westlicher Demokratien und Staatsverständnisse ausmacht. Dieser Erzählung zufolge haben die Einzelnen auf ihr Recht der Gewaltanwendung verzichtet und das Gewaltmonopol dem Staat übertragen, weil sie vernünftigerweise eingesehen haben, dass das Leben für alle unterm Strich dann besser ist.

Muraro vertritt nun die Ansicht, dass dieser Gesellschaftsvertrag aufgekündigt wurde, dass diese Erzählung tot ist, dass dieses Prinzip nicht mehr funktioniert, und dass das formale Weiterbestehen dieser Übereinkunft inzwischen mehr Schaden anrichtet als positiv auf das Zusammenleben der Menschen einzuwirken. Und dass es deshalb notwendig ist, die Gewaltfrage wieder auf den Tisch zu bringen. Denn für einen ganz normalen Menschen stelle sich die Situation derzeit so dar:

„Dies ist die wahre Substanz des stillschweigenden und alltäglichen Gesellschaftsvertrags: sich mit den Nächsten zu vertragen, die Gesetze zu berücksichtigen und denen zu vertrauen, die öffentlich Verantwortung übernommen haben. Um im Gegenzug persönliche Würde im Kontext eines vernünftigen und friedlichen sozialen Lebens zuerkannt zu bekommen. Das geht so lange, bis  diese Person erfährt, dass in ihrem Auftrag Flugzeuge losgeschickt werden, die Bomben auf Häuser von ahnungslosen und unschuldigen Menschen werfen, Soldaten Gefangene quälen, Wissenschaftler immer mörderischere Apparate entwickeln, üppige Geschäfte gemacht werden mit dem Verkauf von ausgeklügelten Waffen an Länder, die nicht einmal genug Schulen und Krankenhäuser haben. Als ob das normal oder unausweichlich sei. Der Mensch, von dem ich spreche, kann an diesem Punkt protestieren, schweigen, erkranken. Er kann aber auch etwas anderes machen, das ich als Alternative vorschlage: Er kann seinen stillschweigenden Konsens mit der Ordnung, die das Zusammenleben reguliert, aufkündigen. Und sich in einem inneren Akt, der praktische Konsequenzen haben wird, sagen: Ich mache nicht mehr mit. Ich vertraue den Gesetzen und offiziellen Instanzen nicht mehr, ich hole mir die gesamte Verfügbarkeit über mich und meine Stärke zurück, ich selbst muss sie verwalten, egal wie groß oder klein sie ist, und ich gebe mir die Erlaubnis, sie zu gebrauchen.“ (25f).

Es waren vor allem zwei Ereignisse, die Muraro anregten, über das Thema nachzudenken: Die brutale Polizeigewalt gegen linke Aktivistinnen und Aktivisten beim G-8-Gipfel in Genua im Juni 2001 und die Anschläge in den USA am 11. September desselben Jahres und die darauf folgenden Anti-Terror-Maßnahmen, die – nicht nur in Guantanamo – sämtliche rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Prinzipien, die sich aus dem Gesellschaftsvertrags-Modell ergeben, untergruben. Heute könnte man sicherlich noch die NSA- und Überwachungs-Skandale nennen.

Wie können wir politisch handeln, wenn wir erkennen müssen, dass der Gesellschaftsvertrag, auf den sich moderne Demokratien stützen, nicht mehr gilt? Das ist für Muraro keine pessimistische Frage, denn sie zeigt, dass dieser Gesellschaftsvertrag ohnehin nie real war, sondern immer nur eine Erzählung der Moderne. Speziell für Frauen ist sein nun auch symbolisches Verschwinden umso leichter zu verwinden, als sie ja von Anfang an explizit davon ausgenommen waren: Der Gesellschaftsvertrag schützte immer nur (freie) Männer vor der Gewalt anderer Männer, aber zum Beispiel nicht die Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner. Vergewaltigung in der Ehe etwa ist ja erst seit kurzem verboten, häusliche Gewalt erst ein politisches Thema, seit die Frauenbewegung in den 1970ern das zur Sprache brachte.

Die erste Einsicht, wenn man die Erzählung vom Gesellschaftsvertrag nicht mehr glaubt, lautet: Politisches Handeln, das wirksam sein will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Staaten, also Polizei, Militär und Gerichte, letztlich dafür zuständig sind, die Dinge zu regeln, und dass es zur Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten also genügt, sich an politischen Prozessen wie etwa Wahlen zu beteiligen. Für „Verschwendung“ hält Muraro daher auch „die Sprache des Protests, der sich an die Regierenden wendet“, und der noch immer einen Großteil politischer Debatten – gerade der Linken und der Feministinnen – ausmacht (wie ein beliebiger Blick auf Twitter zeigt). Aber, so Muraro: „Die Parolen der Entrüstung sind erbärmlich (nicht der Protest, der damit einhergeht). Es fehlt gewiss nicht an Gründen, um sich zu entrüsten, aber es fehlt offensichtlich der Adressat: Es gibt keine politische Autorität mehr, die der Sache gewachsen ist.“ (S. 34)

Die klassische Strategie der Gewaltlosigkeit, die ja teilweise auch radikal staatskritisch ist, funktioniere heute nicht mehr, denn sie braucht ein Ideal, anhand dessen sich die Arroganz der Herrschenden vorführen lässt: Früher war das das Reich Gottes, später das Ideal des Fortschritts, der dafür sorgt, dass es allen immer besser geht. Solange ein solches Ideal wenigstens theoretisch angestrebt wird, lässt es sich auch als Argument gegen Verstöße dagegen verwenden, man kann den Herrschern ihre Gotteslästerlichkeit vorhalten oder den Regierenden ihre Verletzung des Gleichheitsprinzips. Doch inzwischen hat man sich von beidem verabschiedet, es gibt kein Ideal mehr, sondern die offizielle Politik hat dahingehend kapituliert, dass die Reichen und Starken sich das Beste aus der Welt rausholen auf Kosten aller anderen und sieht ihre Aufgabe nur noch darin, den Ablauf dieser Zwangsläufigkeit ein wenig milder zu gestalten. Aber, schreibt Muraro, „die Feststellung, dass wir nicht mehr vom Traum animiert sind, allen werde es besser gehen, ist ein Todesstoß für das Ideal der Gleichheit und die Politik der Rechte. Es gibt eine Gewalt in den Dingen und zwischen den Lebenden, die auf eine Rückkehr des Gesetzes des Stärkeren hindeutet: Darüber müssen wir nachdenken.“ (37)

Wenn aber das Gesetz des Stärkeren zurückkehrt – also die Welt des „Jeder gegen Jeden“, für das der Gesellschaftsvertrag durch die Einhegung individueller Gewalt eine Lösung versprochen hat – dann ist die Frage, wie wir, die wir für eine gerechtere und bessere Welt eintreten möchten, angesichts dieser Situation handeln sollen und können. Gisela Jürgens schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Deutlich wird stets, dass die einzige Macht, die wir haben, die ist, gegenwärtig zu sein und über die eigene Kraft zu verfügen. Frei über sie zu verfügen, darin liegt die Stärke.“

Dabei müssen wir uns natürlich klar machen, dass es einen fließenden Übergang gibt zwischen konsequentem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Kraft – und Gewalt. Es ist nicht möglich, eine klare Grenze zu ziehen, wie es Theorien der Gewaltfreiheit manchmal behaupten. Der zu suchende Maßstab, schlägt Muraro vor, liegt nicht darin, ob Gewalt angewendet wird oder nicht, sondern darin, ob das eigene Handeln – sei es nun gewaltsam oder nicht – richtig oder gerechtfertigt ist. „Richtig“ bezieht sich auf die angewandten Mittel im Sinne von Wirksamkeit (hat das, was ich tue, tatsächlich positive Auswirkungen oder schädliche?), das „Gerechtfertigt“ bezieht sich darauf, ob die angestrebten Ziele sinnvoll sind. Gesucht ist der Mittelweg zwischen einem zynischen „Der Zweck heiligt die Mittel“ und einem lähmenden „Ich darf nur tun, was gesetzlich erlaubt und gewaltfrei ist“.

Natürlich, und da haben diejenigen Recht, die für prinzipielle Gewaltfreiheit plädieren, ist der Einsatz von Gewalt sehr viel weniger wirksam als immer behauptet wird. Meistens erreicht man damit das Gegenteil von dem, was man wollte, und Nicht-Handeln (im Sinne von nicht Kollaborieren) ist fast immer der effektivere Weg. Die Frage, die Muraro aufwirft, ist aber diejenige, ob das wirklich prinzipiell, also ausnahmslos immer der Fall ist, oder ob es nicht manchmal doch eben Situationen gibt, in denen es anders ist.

Wir sind hier bei der Diskussion über „gerechten Krieg“, die inzwischen diskreditiert ist, weil wir das Mantra „gerechte Kriege gibt es nicht“ gelernt haben – aber leider nur, um uns daran zu gewöhnen, dass nützliche und „unvermeidliche“ Kriege inzwischen an der Tagesordnung sind. Es scheint, als ob niemand mehr die Frage danach, ob ein Krieg „gerecht“ ist, überhaupt stellt, weil Krieg inzwischen schlicht ein Fakt ist so wie Regen.

Muraro, die selbst nicht an Gott glaubt, zieht den Begriff „Gott“ heran, um eine gerechte Gewalt, so wie sie sie für nötig hält, zu beschreiben, und zwar, weil es notwendig ist, den Aspekt der Transzendenz hier zu berücksichtigen: „Es handelt sich darum, eine Gewalt zu denken, die nicht das Instrument von irgendjemandem ist, die sich das Recht nicht aneignen kann, indem es sie rechtfertigt, und die niemand sich aneignen kann.“ (40)

Ihr Punkt ist, dass es keine Definition dieser gerechten Gewalt geben kann, dass es sich hierbei vielmehr um Entscheidungen handelt, die einzelne Menschen in einer jeweils konkreten Situation treffen müssen, ohne sich dabei auf Regeln oder Gesetzmäßigkeiten berufen zu können, und bei denen sich immer erst im Nachhinein herausstellt, ob die Anwendung von Gewalt richtig und gerechtfertigt war. Ein krasses Beispiel, das sie hier anführt, sind die UN-Truppen in Srebrenica, die dabei zusahen, wie die Bevölkerung von serbischen Truppen massakriert wurde – obwohl sie zweifellos die nötige Stärke gehabt hätten, das zu verhindern.

Die Frage ist: Sind wir bereit, in einer gegebenen Situation die ganze notwendige Kraft und alle Stärke, die wir haben, einzusetzen? Oder schließen wir schon von vornherein ein bestimmtes Handeln aus? Im Prinzip ist der Rekurs auf Gewalt hier nur das Auf-die- Spitze-Treiben genau dieser Frage, denn „die ganze notwendige Kraft“ umfasst natürlich noch sehr viel mehr als den Einsatz von Gewalt. Zum Beispiel die Bereitschaft zu harten Auseinandersetzungen, oder dazu, sich unbeliebt zu machen, oder das entschlossene Eingreifen in Situationen, auch wenn mir persönlich daraus vielleicht Nachteile entstehen.

Der entscheidende Punkt, an dem sich Muraros Vorschlag andererseits von militanten Konzepten des politischen Kampfs unterscheidet, die den Einsatz von Gewalt rechtfertigen – sowohl auf Seiten von Staaten und Militärs als auch auf Seiten von „linken“ Bewegungen wie etwa der RAF – ist ihr kategorisches Beharren darauf, dass Gewalt niemals ein Mittel zum Zweck sein kann:

„Dass Gewalt ein Mittel ist (ein Mittel der Politik oder Justiz), welches sich auf die eine oder andere Art gebrauchen lässt, für oder gegen das Machtsystem, ist eine falsche und schädliche Annahme. Die Gewalt steht uns nicht zur Verfügung, eher umgekehrt. Wenn wir tiefer schauen, ist in der Gewalt der Ausdruck einer Potenz zu erkennen, welche die Menschen nicht kontrollieren; meist ist sie blind und destruktiv, doch manchmal, von Zeit zu Zeit, kann sie einen Sinn bekommen und sich denjenigen auferlegen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, und so gerechte Gewalt werden. Auf jeden Fall ist es falsch zu glauben, mit der Gewalt alles tun zu können – sie gebrauchen oder darauf verzichten, als ob es den Menschen offen stünde, sie sinnvoll einzusetzen, und als ob es eine freie Option wäre, darauf zu verzichten, und nicht ein von außen auferlegter Zwang, der uns auch auf unsere Stärke verzichten lässt.“ (53f)

Wahrscheinlich ist dieser Punkt am Schwierigsten zu verstehen, aber er ist gleichzeitig meiner Meinung nach auch der wichtigste.

Nachgedacht werden müsse schließlich auch über die „Virilität“ von Gewalt und Krieg, also die Verwobenheit von beidem mit Männlichkeitskonzepten. Wir befinden uns schließlich genau im hundertsten Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs, der für Muraro ein Wendepunkt in der menschlichen Geschichte mit Gewalt ist: Der Moment, in dem Gewalt massenhaft und maschinell wurde, und jener Krieg, in den hunderttausende junge Männer mit Begeisterung zogen, um zu zeigen, dass sie männlichen Geschlechts waren (und wobei viele Frauen sie aus denselben Gründen bejubelten, es geht hier nicht um moralische Schuldzuweisungen, sondern um eine Analyse).

In diese Rubrik gehören ebenso Traditionen der Linken, von anarchistischen Terroranschlägen bis zum heutigen „Schwarzen Block“, der für Muraro das „objektive Komplizentum, die perfekte Verkörperung des Kontinuums von privater Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt“ ist (S. 63). Alles drei – private Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt – bedingt und stabilisiert sich gegenseitig, und ist tief in Vorstellungen von Männlichkeit eingewoben (weshalb Muraro auch der Ansicht ist, dass die Neuthematisierung von Gewalt heute von Frauen ausgehen muss).

Es geht jedenfalls nicht um einen Appell zu mehr Mut und Heldentum im politischen Kampf, ganz und gar nicht. Es geht nicht darum, „stärker“ zu werden, sondern darum, ob ich meine vorhandene Stärke – wie klein auch immer sie sein mag – einsetze oder nicht. Gewalt ist kein Mittel, schreibt Muraro am Ende des Büchleins, sondern „eine Manifestation“. Der Idee, Gewaltausübung könne als kalkuliertes, instrumentelles Handeln verstanden werden, setzt sie eine andere Art entgegen, bei der die Gewalt eher „herausgelassen“ wird: „Wut, der Wutanfall, der die würdige und richtige Reaktion des Menschen auf einen Übergriff und auf arrogante Gewalt ist, egal, von wem sie ausgeht, Gott, Mann, Frau oder Dingen… Der Wutanfall bewirkt, dass wir uns hochschwingen auf die enorme Stärke dessen, was uns vernichten will, und so können die Energien erneut fließen.“ (66f)

Aber wie viel der in uns vorhandenen Gewalt sollen wir herauslassen? Muraro bringt das auf folgende Formel: „So viel wie nötig, um zu kämpfen, ohne zu hassen, so viel, wie gebraucht wird, Bestehendes aufzulösen, ohne zu zerstören.“ (78)

Luisa Muraro: Stärke und Gewalt. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim, 78 Seiten, 7,50 Euro.

Mörderinnen

mörderinnenMörderinnen faszinieren, denn sie verstoßen nicht nur gegen die Moral und die Gesetze, sondern auch gegen Weiblichkeitsnormen. Deshalb werden sie in Filmen, in Krimis und in den Medien groß rausgebracht, während Mörder hingegen fast schon langweilig, weil so normal sind.

Dabei sind die Frauen, so könnte man die Statistik interpretieren, eigentlich ziemlich gut darin, andere Menschen umzubringen: Der Anteil der von ihnen insgesamt verübten Gewaltverbrechen beträgt zwar, über Kulturen und Zeitepochen hinweg ziemlich stabil, bloß ungefähr zehn Prozent. Ihr Anteil an „erfolgreich“ zu Ende gebrachten Tötungen hingegen satte zwanzig Prozent.

Das ist eine der Zahlen, die man aus diesem Band erfährt. Er versammelt Beiträge einer interdisziplinären Tagung Ende 2011 zum Thema „Mörderinnen: Verbrechen – Körper – Inszenierung“ an der Uni Siegen. Die unterschiedlich interessanten Texte beschäftigen sich mit allen möglichen Darstellungen von Mörderinnen, von Amazonen über Kindsmörderinnen à la Gretchen bis hin zu Bette Davis als schwestermordender „Baby Jane“ oder einer grandios metzelnden Lady Snowblood.

Deutlich wird, dass es nicht nur Unterschiede darin gibt, wie Mörderinnen und Mörder wahrgenommen werden, sondern auch darin, wie sie handeln: Frauen töten – anders als Männer – fast ausschließlich in ihrem privaten Umfeld. Fast immer ist ihr Opfer der Ehemann oder Beziehungspartner, ansonsten ihre eigenen Kinder (wobei die Juristenterminologie unterscheidet zwischen „Neonatizid“ und „Infantizid“, wieder was gelernt) oder, an dritter Stelle, ihnen anvertraute Menschen wie etwa im Fall von Pflegerinnen, die ihre Patient_innen umbringen. So gut wie nie töten Frauen Fremde, oder aus Habgier, oder weil sie andere dominieren möchten. Das fast einzige Motiv tötender Frauen ist, dass sie sich aus belastenden Beziehungsstrukturen befreien möchten.

Daraus ergeben sich für mich eine Menge Fragen: Was führt Menschen dazu, Beziehungen auf so eine krasse Weise zu „beenden“? Wie sollten wir (moralisch, juristisch, soziologisch, politisch) mit diesen Fällen umgehen? Welche Strafen sind da angemessen, welche Präventionsmaßnahmen erfolgversprechend? Und – im Kontext der Fragestellung dieses Buches – wie wird das in Kulturproduktionen, in Romanen, Filmen, Opern verhandelt und beantwortet?

Leider nehmen die meisten Beiträge nicht diese Perspektive ein, sondern sind mal wieder auf den Olle-Kamellen-„Männervergleich“ fixiert. Also auf die Frage, warum Frauen so „anders“ morden als Männer. Als sei die Art und Weise, wie und warum Männer töten, irgendwie normal und also das, woran sich das weiblichen Morden bitteschön zu orientieren hätte.

Natürlich zeigen sie – Überraschung! – dass die Art und Weise, wie sie (nicht) töten den Frauen anerzogen bzw. diskursiv konstruiert ist. In Teilen des feministischen Diskurses wird offenbar von einer Vermännlichung der weiblichen Mordpraxis sogar die Weltrevolution erhofft. So lässt Thea Dorn in ihrem Roman „Die Hirnkönigin“, in dem es um eine Serienmörderin geht (der Anteil der Frauen ist bei Serienmorden noch deutlich niedriger als bei Morden insgesamt), die ermittelnde Journalistin sagen: „Eine wirklich gewalttätige Frau, eine Frau, die durch und durch skrupellos, böse ist, würde diese Gesellschaft heftiger erschüttern als alle Revolutionen.“

Really? I don’t think so. In emanzipierten Zeiten wäre das doch nur der Beweis dafür, dass seitens der Frauen keine Irritationen des Status Quo zu befürchten sind.

Nicht, dass so ein Szenario ganz chancenlos wäre. Neuere Untersuchungen lassen vermuten (hoffen? oder doch eher befürchten?) dass sich das weibliche Tötungsverhalten dem der Männer allmählich annähert: 15- bis 20-jährige Mädchen, so wird eine Studie des Deutschen Jugendinstituts zitiert, würden inzwischen ebenso häufig zu Gewalt neigen wie ihre männlichen Altersgenossen.

An der Durchschlagkraft der Emanzipation ist also nicht zu zweifeln. Aber vielleicht ist es trotzdem noch nicht ganz zu spät, auch mal die Frage zu stellen, warum eigentlich so vergleichsweise viele Männer morden und Gewaltverbrechen begehen? Ob und wie ihnen das anerzogen wird, wie wir alle gemeinsam das diskursiv konstruieren und was sich dagegen vielleicht unternehmen ließe?

Denn, ehrlich gesagt, mich wundert es nicht, dass Mörderinnen so faszinierende Gestalten sind: Frauen, die Gewalttaten verüben, verstoßen nämlich nicht nur gegen Weiblichkeitsbilder, sie verstoßen vor allem auch gegen Menschlichkeitsbilder. Genauso wie übrigens Männer, die gewalttätig werden. Der Punkt bei den Männern ist eben nur, dass sie, wenn sie anderen Gewalt antun, NICHT unbedingt gegen Männlichkeitsbilder verstoßen. Im Gegenteil, sie bestätigen damit unter Umständen ihre Männlichkeit sogar noch. Und das ist das eigentlich „Unnormale“ bei diesem ganzen Thema, wenn man so will, und außerdem ein echtes gesellschaftliches Problem.

PS. Ein Klischee stimmt übrigens nicht, dass nämlich Frauen in der Regel die Leute vergiften würden. Ihre liebste Mordwaffe ist das Messer, ein Fünftel von ihnen tötet mit bloßen Händen (Schläge, Drosseln Würgen) und ebenso viele wählen eine Schusswaffe. Von wegen Arsen und Spitzenhäubchen.

Hyunseon Lee, Isabel Maurer Queipo (Hg): Mörderinnen. Künstlerische und mediale Inszenierungen weiblicher Verbrechen. Transcript, 2013, 369 Seiten, 33,99 Euro.

 

PPS: Gerade bekomme ich von einer Leserin den Hinweis auf diese Seite, und in der Tat ist es merkwürdig, dass politische Attentäterinnen in dem Band gar nicht vorkommen, obwohl es doch eine ganze Reihe davon gibt/gegeben hat und sie auch in Kulturproduktionen bearbeitet wurden.

Gewalt ist nicht geschlechtsneutral

© goldencow_images – Fotolia.com

Soeben ist eine Studie (pdf) veröffentlicht worden, die jetzt unter dem Label „Männer sind genauso Opfer von häuslicher Gewalt wie Frauen“ diskutiert wird. Erstellt hat sie Peter Döge im Auftrag der Evangelischen Männerarbeit. Dafür wurden 1479 Männer und 970 Frauen danach befragt, ob sie schon einmal Opfer und/oder Täter_innen von Gewalt waren. (Ich kenne nicht die Studie, nur die Berichte über sie, wäre aber an den zugrunde liegenden Methoden und Zahlen und den Detailergebnissen interessiert, falls jemand Infos hat, bitte in den Kommentaren posten).

Sowohl bei der Fragestellung der Studie selbst als auch bei der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse diskutiert werden, läuft momentan einiges schief. Und damit meine ich nicht nur die bekannten Maskulinistengruppen, die ohnehin der Meinung sind, Männer würden von Frauen unterdrückt, und die diese Studie jetzt natürlich propagandistisch für sich ausschlachten.

Die Absicht hinter dem Machen der Studie scheint gewesen zu sein, anhand von Zahlen nachzuweisen, dass das Stereotyp vom weiblichen Opfer und vom männlichen Täter nicht stimmt, und zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, die Aufmerksamkeit auf die Situation von Gewalt erleidenden Männern zu richten.

Dieses Ziel für sich genommen ist wichtig und richtig. Ich kann aber nicht verstehen, warum die Diskussion über männliche Bedürftigkeit und wie ihr zu begegnen sei, offenbar nicht geführt werden kann, ohne gleichzeitig die Errungenschaften der Frauenbewegung und weibliche Autorität klein zu reden und als „böse“ darzustellen.

Um den angestrebten Zweck zu erreichen, wurde in dieser Studie ein sehr weiter Gewaltbegriff zugrunde gelegt. „Gewalt“ ist sowohl schwere körperliche Gewalt, die ganz überwiegend von Männern gegen Frauen ausgeübt wird, als auch auch psychische Gewalt wie Anschreien und leichte körperliche Gewalt wie Ohrfeigen. Es zeigte sich, dass im Bereich psychischer Gewalt mehr Frauen als Männer angeben, sie auszuüben, während Männer und Frauen bei der leichten körperlichen Gewalt ungefähr gleichauf liegen.

Nun frage ich, was solche Zahlen hergeben, außer dass sie es verunmöglichen, beim gesellschaftlichen Diskurs über Gewalt zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden, weil die Kategorien so weit gefasst sind, dass die Unterschiede nicht mehr erkennbar sind. Hilft es den Opfern von Gewalt – egal ob Frauen oder Männer – wenn wir dazu übergehen, das Thema quasi „geschlechtsneutral“ zu betrachten? Ich denke nicht.

„Körperliche Gewalt“ und „psychische Gewalt“ sind zwei sehr verschiedene Phänomene, die abgesehen davon, dass sie beide schlimm für das Opfer sind, kaum etwas miteinander zu tun haben. Der Fehler, beides miteinander zu vermischen, ist auch schon in der Frauenbewegung gemacht worden – damit habe ich mich in diesem Jahr in einem Vortrag kritisch auseinandergesetzt, den ich bei einer Jubiläumsfeier eines Frauenhauses gehalten habe.

Eine Absicht der Studie war es, Männer als Opfer von Gewalt in den Fokus zu rücken. Das ist auch tatsächlich wichtig: 45 Prozent der befragten Männer und 41 Prozent der Frauen gaben an, schon einmal Opfer von Gewalt geworden zu sein. Das braucht man aber gar nicht als großartige Neuigkeit zu verkaufen, denn es ist altbekannt: Männer sind sehr viel häufiger als Frauen nicht nur im häuslichen Bereich gewalttätig, sondern auch im außerhäuslichen Bereich. Und da findet die Gewalt überwiegend unter Männern statt, das heißt, Männer sind sowohl Opfer als auch Täter.

Männer sind also auf zweierlei Arten gefährdet: Sie können Opfer von schwerer körperlicher Gewalt werden, die ihnen andere Männer im öffentlichen Raum antun, und sie können psychischer Gewalt oder leichter körperlicher Gewalt ausgesetzt sein, die ihnen Frauen im häuslichen Bereich antun. Es ist doch offensichtlich, dass beides zwei verschiedene Dinge sind, die entsprechend auch unterschiedliche Maßnahmen erfordern.

Um die Bedürfnisse männlicher Gewaltopfer zu verstehen, wäre es meiner Ansicht nach besser gewesen, eine differenzierte Studie darüber zu machen, wie und wo genau und von wem Gewalt gegen Männer ausgeübt wird. Ohne den Vergleich mit den Frauen, der nur diesen Tenor des Gegeneinander Ausspielens à la „Wer ist das ärmere Opfer?“ nach sich zieht.

Noch ein letzter Punkt, der mir bei der Studie fraglich erscheint: Kann man wirklich von den Selbstaussagen der Befragten ohne weiteres auf die realen Verhältnisse schließen? Ich meine, es gibt doch noch einmal einen Unterschied zwischen jemandem, der (oder die) Gewalt ausübt und der Frage, ob er oder sie dies auch weiß und eingesteht. Die Studie scheint implizit davon auszugehen, dass Männer und Frauen sich hier statistisch gleich verhalten: Dass sie also in gleichem Maße sowohl wissen, dass sie Gewalt anwenden, als auch bereit sind, das bei einer Befragung zuzugeben. (Falls jemand Hintergrundinfos dazu hat, wie Döge dieses Problem angeht, bitte ebenfalls in den Kommentaren posten. In den Medienberichten habe ich nichts dazu gefunden).

Viele Frauen klagen aber über bestimmte Gewaltformen innerhalb von Beziehung und Familie, während die betroffenen Männer in ihrem Verhalten nichts Gewaltförmiges sehen (hier ein Artikel dazu). Dazu gehört etwa Lächerlichmachen, ständiges Ins-Wort-Fallen, unvorhersagbare Aggressivität in eigentlich harmonischen Situationen, abwertende Bemerkungen in Anwesenheit Dritter und so weiter. Ein solches Verhalten wird von den Opfern durchaus als (psychische/verbale) Gewalt empfunden, von den Tätern aber nicht als solche anerkannt. Im Gegenteil, diese streiten rundheraus ab, irgendetwas Problematisches zu tun – und genau dieses Abstreiten („Das bildest du dir doch nur ein!“) ist es, was hier den Kern des Problems ausmacht.

Was Gewalt ist und was nicht, das kann man jedenfalls nicht einfach der Selbsteinschätzung von Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern überlassen. Nur zur Erinnerung: Bevor die Frauenbewegung den Skandal der häuslichen Gewalt in den 1970er Jahren öffentlich machte, galt es in allgemein gesellschaftlichem Bewusstsein ja ebenfalls nicht als Gewalt, wenn Ehemänner ihre Frauen verprügelten oder sie vergewaltigten. Sondern als ganz normal. Und wer das öffentlich ansprach, machte aus einer Mücke einen Elefanten.

Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Und diese Enttabuisierung hat überhaupt erst die Grundlagen dafür geschaffen, dass auch Männer als Opfer von Gewalt in den Blick kommen konnten.

Die derzeitige Wende hin zu der pauschalen Behauptung, Frauen und Männer seien gleichermaßen Opfer und Täter_innen, ist dieser Debatte nicht förderlich. Sondern es ist notwendig, die verschiedenen Formen von Gewalt zu unterscheiden und die mit ihnen jeweils eng verwobene Geschlechterdifferenz zu untersuchen und zum Thema zu machen.


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