Freiheit unterm Schleier? Hm, so eher nicht

Mit dem muslimischen Kopftuch geht es mir ein bisschen wie mit der Prostitution: Ich bin unbedingt dagegen, es zu verbieten oder Frauen, die sich dafür entscheiden, zu stigmatisieren, zu diskriminieren oder für willenlose Opfer zu halten. Aber ich bin gleichzeitig der Ansicht, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die nur innerhalb von patriarchalen Kulturen Sinn ergibt und die ich daher nicht wirklich gut finden kann.

Leider ist aber auch beim „Kopftuchthema“ die Debatte völlig verengt auf die Frage, ob und wie es gesetzlich geregelt gehört. Auf der Contra-Seite werden die unterschiedlichsten und oft abenteuerliche Dinge hineininterpretiert, die Pro-Seite beschränkt sich meistens darauf, es zu einer individuellen Angelegenheit der betreffenden Frauen zu erklären, die niemanden sonst etwas angehe. Mit beidem bin ich nicht einverstanden.

Ich bin der Ansicht, dass eine Debatte über dieses Thema nur möglich ist, indem man die Gründe und Argumente von Frauen, die das Kopftuch tragen, hört und ernst nimmt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass ein solches sichtbares Symbol, das die Erscheinungsweise von Frauen in der Öffentlichkeit prägt  – und es gibt ja in Deutschland schon längst mehr nur als eine Handvoll von Kopftuchträgerinnen – nicht einfach nur Privatsache ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Zumindest betrifft es auch mich, die ich ja auch eine Frau bin.

Natürlich gibt es unzählige unterschiedliche Gründe, warum eine Frau das muslimische Kopftuch trägt (es gibt ja auch andere Kopftücher). Manche tun es aus Tradition oder Gewohnheit, manche als sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit oder ihrer Zugehörigkeit zum Islam, manche vielleicht auch einfach nur als Mode oder um ihre Eltern zu ärgern oder um ihren Eltern einen Gefallen zu tun.

Eine feministische Aktivistin hat mal gesagt, sie trägt es, um keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sie eine lupenreine Muslimin ist, aber sie trägt es auf eine untypische Weise, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie sich nicht der üblichen patriachalen Tradition ihrer Religion verpflichtet fühlt, was eine Begründung war, die mir besonders gut gefiel.

Das alles sind aber sozusagen, wie man auf philosophisch sagen würde, „kontingente“ Gründe, das heißt, sie hängen nicht wesentlich mit dem Kopftuch zusammen, sondern sind dem Zufall der historischen oder persönliche Umstände geschuldet. Das bedeutet nicht, dass sie unwichtig sind, ganz im Gegenteil, das Kontingente ist meist viel wichtiger als Prinzipien oder Theorien. Aber an dieser Stelle interessiert es mich mal nicht.

schleierWas soll also das Kopftuch, eigentlich? „Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann“ – unter diesem Titel hat Khola Maryam Hübsch jetzt eine Antwort auf diese Frage versucht. Und mit dieser Antwort möchte ich mich hier auseinandersetzen, weil ich mit ihr nicht einverstanden bin.

Wobei ich vorausschicken muss, dass ich mit dem Allermeisten, was sie schreibt, durchaus einverstanden bin. Ein großer Teil des Buches besteht in der Zurückweisung unangemessener und klischeehafter Zuschreibungen an das Kopftuch und aus einem Plädoyer gegen jegliche Verbote, und das sehe ich alles, wie gesagt, ganz genauso.

Der zweite Argumentationsstrang handelt von der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Ehe zwischen einer Frau und einem Mann. Ihre Kritik wendet sich, wenig überraschend, gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers, gegen die romantischen Liebesklischees, die allzu oft ins Unglück führen und dergleichen. Ihre Hauptreferenz ist dabei die Studie „Warum Liebe wehtut“ von Eva Illouz, über die ich ja auch schon gebloggt habe. Auch dieser Analyse kann ich weitgehend zustimmen, das ist alles nicht schön.

Aber. Ist das Kopftuch, beziehungsweise die Art von Geschlechterbeziehungen, für die es (laut Hübsch) im Islam steht, eine Lösung für all das? Ein Wort, das sie in dem Zusammenhang oft verwendet, ist „reizarm“. Ihre Argumentation ist letztlich: Eine Kleidung, die den Körper „reizarm“ verhüllt, bewirkt, dass Männer und Frauen füreinander sexuell nicht so anziehend sind, und das wiederum hat zur Folge, dass es weniger Fremdgehen und damit stabilere Ehen gibt, was das Leben für alle, die sich dauerhafte Paarbeziehungen wünschen, leichter macht. Wobei Hübsch betont, dass „Reizarmut“ ein Gebot für Frauen und für Männer sei.

Mal ganz abgesehen davon, dass Homosexualität in diesem Modell als Möglichkeit gar nicht vorkommt, bezweifle ich sehr, dass das so funktioniert. Ich selbst habe einige Erfahrung mit „reizarmer“ Kleidung, sie ist nämlich das, was ich schon immer trage. „Sexy“ kommt in meinem Kleiderschrank nicht vor – aber das hat keineswegs verhindert, dass ich mich permanent in jemanden verliebt habe und alle möglichen Leute sich in mich verliebt haben.

Möglicherweise hat die Art der Kleidung eine Auswirkung auf spontane körperliche Geilheitsanfälle, aber das, was für monogame Beziehungen die viel größere „Gefahr“ ist (wenn man dem Konzept denn mal folgen will), nämlich die Attraktivität einer Person, das Interesse an jemand, das Herzklopfen macht und den Wunsch hervorruft, diese Person wiederzusehen und Zeit mit ihr zu verbringen, das ist von „reizhafter“ Kleidung meiner Erfahrung nach ziemlich unabhängig.

Deshalb zweifle ich auch an Hübschs These, dass gerade das „Kopftuch“ – nicht als isoliertes Kleidungsstück sondern als Ausdruck von „reizarmer“ Kleidung generell – den Nutzen hat, öffentliches Wirken von Frauen leichter zu ermöglichen, weil es sozusagen verhindert, dass sich das öffentliche Wirken mit emotionalem und potenziell ehezerstörendem Beziehungskuddelmuddel vermengt.

Meine Gegenthese gegen diese Begründung für das Kopftuch wäre: Überall dort, wo Frauen mit Männern zusammentreffen (und, im Fall dass sie lesbisch sind, auch dort, wo sie mit Frauen zusammentreffen), besteht die „Gefahr“, dass sie diese anderen Männer_Frauen attraktiv und interessant finden oder von diesen attraktiv und interessant gefunden werden. Kein Kopftuch der Welt kann diese „Gefahr“ auch nur um ein Minimum reduzieren. Mit dieser „Gefahr“ müssen wir alle – als Gesellschaft und als Einzelne – umgehen.

Dafür gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten, von innerer Entschlossenheit aus dem festen Wille zu unbedingter „Treue“ auf der einen Seite bis hin zur gänzlichen Verabschiedung der Monogamie auf der anderen. Aber irgendwo auf dieser Skala müssen wir uns ansiedeln – jedenfalls alle diejenigen von uns, die draußen in der Welt aktiv sind und dort mit anderen Menschen als unserem Ehemann oder unserer Ehefrau zu tun haben oder (möglicherweise sogar eng) zusammenarbeiten.

Die einzige Möglichkeit, dieser Problematik aus dem Weg zu gehen, ist es, gar keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Oder, wenn man in Hübschs strikt heterosexuellem Kosmos bleibt: Keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Männern. Und leider ist das ja eine Interpretation, die dem real existierenden Islam nicht ganz fremd ist.

Natürlich grenzt sich Hübsch von solchen frauenfeindlichen Ideologien klar ab. Aber sie selbst schreibt auch nichts über das öffentliche Wirken von Frauen. Unter weiblicher Freiheit scheint sie nur die Freiheit zu verstehen, einen guten Mann zu finden und mit ihm eine stabile dauerhafte Ehe zu führen. Und das Kopftuch soll dabei helfen, weil es (angeblich) verhindert, dass andere Männer sie attraktiv finden.

Aber eine Frau, die klug und stark in der Welt wirkt, ist nunmal attraktiv. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Let’s deal with that.

Khola Maryam Hübsch: Unter dem Schleier die Freiheit. Patmos 2014, 192 Seiten, 16,99 Euro.

Energieverschwendung? Über Liebe, Sex und Staat

Heute war eine Mail im Briefkasten mit einem Hinweis auf einen Artikel über Versuche, auch Poly-Beziehungen der Ehe gleichzustellen. Ich hatte etwas ähnliches ja schon vor einer Weile hier im Blog gefordert (nämlich Lebenspartnerschaften für alle), aber nach den Debatten um IPED bin ich mir nicht mehr so sicher.

Inhaltlich finde ich es immer noch richtig, dass eine Gesellschaft es fördern sollte, wenn Menschen verantwortliche Lebenspartnerschaften miteinander gründen. Wenn ich mir aber anschaue, wie fruchtlos und schlagabtauschig häufig Debatten über Homosexualität ablaufen, und mir dann vorstelle, wie wir das Ganze demnächst nochmal am Fall Polyamorie durchlaufen, inklusive Talkshows und Feuilletons (und das wäre dann ja noch immer nicht das Ende der Debatte), dann grauselt es mir.

Letzte Woche war ich bei einer Diskussion im Mailänder Frauenbuchladen, und hier in Italien gibt es offenbar ganz ähnliche Debatten und Konflikte. Also Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit heterosexuellen einerseits, und konservativ-kirchlicher Gegenwind andererseits.

Von den Diskussionen ist bei mir ein Satz hängengeblieben, oder besser ein Wort, das fiel, nämlich, dass dieser Kampf „Energieverschwendung“ sei. Und in der Tat: Wie sinnvoll ist es, sich in solche Debatten über Rechtfertigungen zu verwickeln, in deren Rahmen man beweisen muss, dass Homosexualität doch ganz harmlos sei?

„Wollen wir die Anerkennung von Papa Staat?“ fragte Luisa Muraro in der Diskussion, „oder wollen wir, dass uns der Staat nicht reinredet?“ Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Sich klarzumachen, dass es im Kern nicht um staatliche Anerkennung geht, sondern um Freiheit, nämlich die Freiheit, zu leben und zu lieben wie man will.

Das Ganze hat noch einen anderen Aspekt, der auch in dem oben verlinkten Artikel kurz angesprochen wird: Der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung geht häufig mit einer besonders großen „Normalitätsbekundung“ einher: Menschen, die homosexuell monogam leben, sind nicht unbedingt die enthusiastischsten Unterstützerinnen von Polyamorie, denn sie sind bemüht, zu beweisen, dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz „normal“ sind.

Das ist keine Anschuldigung, es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass der Wunsch nach Anerkennung die Tendenz zum Konformismus nach sich zieht. Und das muss auch so sein, denn ohne Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung bekommt man keine staatliche Anerkennung.

Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal wieder in Erinnerung rufen (denn neu ist der Gedanke ja nicht), dass es im Verhältnis von Lebens- und Liebesformen im Kern gerade nicht um den Wunsch nach Anerkennung seitens des Staates geht, sondern im Gegenteil: um die Freiheit von staatlicher Bevormundung.

Das heißt nicht, dass jetzt sofort alle Aktionen zur Durchsetzung rechtlicher Gleichstellung fallen gelassen werden müssen. Schließlich geht es hier auch um Geld, um Möglichkeiten, und so weiter. Aber sich klarzumachen, dass die staatliche Haltung zu Lebens- und Liebesformen nicht das „Eigentliche“ betrifft, ermöglicht vielleicht, die damit einhergehenden Konflikte mit größerer Gelassenheit austragen zu können. Also die „Energieverschwendung“ ein bisschen eindämmen, die mit dem Thema einhergeht (auch was die Kräfte und Ressourcen angeht).

Und es hätte natürlich den Charme, an historische feministische Forderungen anzuknüpfen, die nämlich von Anfang an die Abschaffung aller Ehegesetze propagierten. Schon 1871 sagte zum Beispiel Victoria Woodhull in einer Rede:

Ich bin eine Anhängerin der freien Liebe. Ich habe das unveräußerliche, verfassungsmäßige und natürliche Recht zu lieben wen ich will, so lang oder kurz wie ich kann, diese Liebe jeden Tag zu wechseln, wenn es mir gefällt, und niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten.

 

Ohne jede Moral: Was Frauen Sex bedeutet

Frauen und Sex ist ein mühsames Thema, vor allem weil es normalerweise nie diskutiert wird, ohne die Antwort mit den Männern zu vergleichen: Wollen Frauen seltener Sex oder genauso oft? Wollen sie „kuscheligeren“ Sex oder ist das nur anerzogen?

Wunderbar anders geht Barbara Sichtermann an das Thema heran. Sie lässt sieben Frauen ihre Geschichte erzählen und verpackt das Ganze in Romanform: Ihre fiktive Ich-Erzählerin soll Frauen für eine sozialwissenschaftliche Studie zum Thema Sex befragen und gibt dabei nichts vor, sondern lässt die Interviewpartnerinnen einfach frei erzählen, was ihnen dazu einfällt.

Ich vermute, dass dem Ganzen wirkliche Gespräche zugrunde liegen, die Barbara Sichtermann selbst geführt hat, die sie aber aus (nachvollziehbaren) Gründen vor der Veröffentlichung verfremden wollte. Eine kurze Runde bei Google konnte mir diese Frage nicht beantworten, und auch das Buch selbst lässt die Leserin in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte im Dunkeln, was auch sein einziges Manko ist. Denn die Geschichten sind so spannend, interessant, aufschlussreich, dass ich einfach gerne gewusst hätte, welche Mischung von Authentizität und Fiktion dahinter steht.

(Update: Ein_e Blogleser_in hat bei Barbara Sichtermann nachgefragt und eine ausführliche Antwort bekommen, die unten in den Kommentaren steht)

Aber gut: Die Geschichten sind individuelle Geschichten, die Ansichten und Erfahrungen der Frauen unterscheiden sich stark, widersprechen sich teilweise krass, Gemeinsamkeiten finden sich eigentlich kaum, wenn man die äußeren Fakten ihres Umgangs mit Sexualität betrachtet oder ihre Einstellungen dazu.

Aber gerade deshalb tritt das, was sie gemeinsam haben, umso frappierender zu Tage: Und das ist die vollständige Abwesenheit jeglicher Moral. Das ist ein sehr interessanter Befund, denn schließlich hat man das den Frauen doch lange zugeschrieben – dass sie moralisch wären, gerade im Bezug auf Sexualität. Doch das sexuelle Begehren scheint sich, auch wenn es sich bei jeder Frau völlig anders äußert, genau nicht in konventionelle Beziehungsformen leiten zu lassen, selbst bei den Frauen nicht, die dieses Bild nach außen aufrechterhalten. Das Begehren folgt einer anderen Logik, es überwältigt, schmeißt Konventionen um, ist unverfügbar, bringt Dinge durcheinander.

Gleiches gilt im Übrigen von der biologischen Folge der Sexualität: dem Mutterwerden. Auch hierzu nehmen die Frauen eine erstaunlich selbstbestimmte Haltung an. Insofern ist das Buch auch eines über das weibliche Begehren in einem weiteren Sinn, das sich – gerade in der Sexualität, aber ich meine, das Prinzip ließe sich auch darüber hinaus ausweiten – einen Weg in die Welt bahnt, die nicht immer erfreulich ist, sondern von komplizierten Beziehungen, von Gewalt, von Zwängen, von ungleichen Chancen geprägt.

Barbara Sichtermann: Was Frauen Sex bedeutet. 183 S., Brandes & Apsel, Frankfurt 2012, 17,90 Euro.

Scheinlösung Monogamie

 

Skulptur von Gustav Vigeland in Oslo.

 

Wenn Liebe, Sex und Beziehungen eine logische Angelegenheit wären, dann wäre dieses Buch die Bedienungsanleitung dafür: Mit bestechender Stringenz nimmt Oliver Schott die verbreitete Vorstellung auseinander, dass Exklusivität im Bezug auf Liebesbeziehungen zwischen Zweien eine normale, natürliche, irgendwie sinnvolle Vereinbarung sei. Ergo: Monogamie ist Quatsch.

Ganz neu sind die vorgebrachten Argumente nicht. Hätte ich mit 25 ein Buch geschrieben, hätte wahrscheinlich etwas sehr Ähnliches darin gestanden. Mein erster Freund und ich philosophierten, dass die ideale Beziehung eigentlich die „17-er-Beziehung“ wäre – und nicht nur theoretisch. Sicher, wir waren nicht Mainstream damals, aber auch nicht so außergewöhnlich, wie es heute im Rückblick scheint – das war ja noch vor Aids und vor der „geistig-moralischen Wende“ unter Kanzler Kohl. Die monogame Eingleisigkeit der Diskussionen über „Beziehungen“ ist seither wieder enorm angestiegen, und insofern ist das Buch ein schöner Weckruf, der nostalgische Erinnerungen an frühere, freiere, ungezwungenere Zeiten weckt.

Nur kurz einige der Argumente: Das Konzept der Monogamie, schreibt Schott, sei schon deshalb problematisch, weil in ihm der Sex eine extrem dominante Bedeutung bekommt. Denn „Sex mit anderen“ ist ja die wesentliche Grenzziehung zum „Fremdgehen“, daher muss ständig die Frage gestellt werden, was genau Sex ist. Ist es schon das Umarmen, das Händchen halten oder erst die Penetration? Oder irgendwas dazwischen? Was genau?

Monogamie erfordert ohnehin ständig Definitionen: Was macht eine Beziehung aus? Wo ist die Grenze, die nicht überschritten werden darf? Warum darf ich mit anderen Leuten Kaffee trinken und tiefschürfende Gespräche führen, aber nicht mal ne Runde kuscheln? Wo genau verläuft die Grenze zwischen „Freundschaft“ und „Liebe“? Mit anderen Worten: Monogamie verhindert, dass Beziehungen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit gesehen werden, sie müssen in feste Raster gepresst werden.

Interessant fand ich auch Schotts Kritik an bestimmten Spielarten der „Polyamorie“ – einer neueren Bewegung, die für die Möglichkeit eintritt, Liebesbeziehungen zwischen mehreren zu führen. Schott kritisiert nun, dass auch „Poly-Beziehungen“ meist als exklusiv angelegt sind – nur dass hier eben nicht zwei, sondern mehrere Leute in einer Beziehung sind. Zudem neigten zumindest einige „Polys“ zu einer biologistischen Herleitung ihrer Lebensform, wenn sie meinen, dass manche Menschen eben „mono“ und andere „poly“ veranlagt seien. Demgegenüber beharrt Schott darauf, dass Beziehungsformen kulturelle Aushandlungen sind und nicht in irgendeiner Weise angeboren.

Das nur einige der Argumente, das kleine Büchlein ist auf jeden Fall empfehlenswertwert (und man hat es dank seines keinen Formats auch schnell durchgelesen).

Doch trotz der bestechenden Logik glaube ich, dass offene Beziehungen, jedenfalls bei uns und in absehbarer Zeit, ein Nischendasein fristen werden. Und zwar deshalb, weil die Menschen heute nicht mehr – wie in den früheren Zeiten, von denen Schott sich abgrenzt – vor allem unter sexuellen Tabus leiden. Es ist ja im Prinzip alles erlaubt, und ich denke nicht, dass sozialer Druck heute noch im gleichen Maß wie früher der Grund dafür ist, warum wir nicht längst beziehungsmäßig alle viel freier leben.

Ich denke, das Hauptproblem vieler Menschen heute ist ihre unbefriedigte Sehnsucht nach Verbindlichkeit in ihren Lebensbezügen. Sie wünschen sich mehr Verlässlichkeit im Bezug auf die Frage „Wohin gehöre ich? Auf wen kann ich mich bedingungslos verlassen?“ – und finden darauf keine befriedigenden Antworten.

Hier legt auch Schott den Finger auf die Wunde: Mit dem Abschied von der wirklich exklusiven, also lebenslangen Monogamie (damals, als Scheidungen verboten oder zumindest sehr selten waren) und ihrer Ablösung durch die serielle Monogamie (wir haben viele, wechselnde Lebenspartner_innen, aber eben hintereinander und nicht gleichzeitig) war das alte Konzept der „Familie“ praktisch schon abgeschafft. Seither gilt: Eine Ehe, eine monogame Beziehung, schützt mich nicht vor Einsamkeit, denn sie kann jederzeit vorbei sein, wenn die Neigungen meines Partners oder meiner Partnerin sich anderweitig orientieren.

Ich vermute, das fast schon verzweifelte und durchaus irrationale Festhalten am Konzept der Monogamie liegt auch daran, dass man sich davon genau diese Sicherheit erhofft, selbst wenn die auf sehr wackeligen Beinen steht. Wahrscheinlich hat Schott durchaus recht, wenn er argumentiert, dass offene Beziehungen letztlich nicht weniger, sondern sogar mehr Stabilität bieten, weil nicht jede neue Verliebtheit zwangsläufig dazu führt, dass die alte Beziehung beendet werden muss.

Aber: Das reicht nicht. Das Unbehagen an der Einsamkeit, die Furcht, jede „Familie“, jedes Beziehungsgefüge einfach so wieder verlieren zu können, wenn die anderen gerade keine Lust mehr haben, ist zu groß. Und eine Philosophie der offenen Beziehung gibt auf die Sehnsucht nach Verbindlichkeit keine Antwort – sie macht lediglich das, was uns fehlt, offensichtlicher. Wie aber zu verbindlichen Beziehungen finden, wenn wir die alten Verhältnisse der Unfreiheit, des Zwangs, den die exklusive Monogamie bedeutet hat, nicht mehr zurück haben wollen? Woraus gewinnen wir die Zuverlässigkeit und Kontinuität in unseren Beziehungen und retten gleichzeitig unsere Freiheit?

Das ist eben die offene Frage und die, wie ich finde, eigentliche Herausforderung heute. Kann man Freundschaften verbindlicher machen? Wie sieht es etwa beim finanziellen und materiellen Füreinander Sorgen aus? Die bisherigen Debatten über Lebensformen hatten da nicht viel zu bieten, wie man selbstkritisch eingestehen muss. Die Anerkennung der Homosexualität zum Beispiel, die früher mal zumindest auch als Alternativmodell zur heterosexuellen Zweierkiste diskutiert wurde, ist inzwischen ganz auf die rechtliche Gleichstellung eingedampft worden: Das alte Modell der Ehe soll nun eben auch für zwei Menschen des gleichen Geschlechts gelten. Und auch die Kommune- oder WG-Idee hat kaum noch Wegweisendes zu bieten. Dass es hier um mehr gehen könnte als darum, Räumlichkeiten zu teilen – etwa um gemeinsames Wirtschaften oder gemeinsame langfristige Lebensplanung – wird nur selten ernsthaft erprobt.

Hier liegt aus meiner Sicht das eigentliche Manko libertärer Gesellschaftskonzepte: Welche Formen von Selbstverpflichtungen und Versprechen wollen wir einander geben – und wem? Woraus entstehen Verbindlichkeiten, auf die man sich auch „in schlechten Zeiten“ verlassen kann? Wie schaffen wir Zugehörigkeiten, die nicht auf bloßen Neigungen beruhen und somit jederzeit einseitig wieder gekündigt werden können? Momentan sieht es so aus, als stellten wir die individuelle Freiheit über alles. Und doch wünschen sich die meisten Menschen verbindliche, tragende Beziehungen – und projizieren sie mangels Alternative auf die monogame Liebesbeziehung.

Meine Prognose ist, dass das auch so bleiben wird, solange wir nicht unser Konzept von „Freiheit ist Unabhängigkeit“ überdenken. Und solange wir nicht unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit ernst nehmen und darauf praktikable Antworten finden – Antworten, die sich im Leben bewähren müssen und die man nicht abstrakt logisch herleiten kann. Erst dann werden vielleicht mehr Menschen bereit sein, sich auch von der Scheinlösung Monogamie zu verabschieden.

Oliver Schott: Lob der offenen Beziehung. Über Liebe, Sex, Vernunft und Glück, Bertz + Fischer, Berlin 2010, 103 Seiten, 7,90 Euro.

Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang: Mein Artikel „Mehr Körperkontakt“


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Sind Liebesbeziehungen wirklich so schlimm heute?

Soeben habe ich – mit etwas Verspätung, zugegeben, aber ich habe in den letzten Jahren so viele „neue Feminismus“_Bücher gelesen, dass ich erstmal keine Lust mehr hatte – das „Neue deutsche Mädchen“- Buch von Jana Hensel und Elisabeth Raether gelesen. Was mich dabei regelrecht schockiert hat ist, wie darin Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern geschildert werden: So viel „Coolness“, so wenig Vertrauen, so viel Angst und Unsicherheit, der verzweifelte Versuch, nur ja nicht „abhängig“ zu erscheinen, nur nichts von „ihm“ zu verlangen (sind Männer heute wirklich so schreckhaft und rennen dauernd gleich weg) – also ich war sehr berührt. Zwar enden die Geschichten versöhnlich, beide scheinen zuletzt doch noch jemand Nettes gefunden zu haben, aber trotzdem ist es irgendwie schockierend. Ich bin ja grade mal 15 Jahre älter, und soweit ich mich erinnere, habe ich die Liebesverhältnisse in meinen Zwanzigern sehr anders erlebt: Natürlich nicht ohne Dramen und Tränen, aber mit sehr viel weniger Distanziertheit. Daher meine Frage an alle 20-30-Jährigen, die das hier lesen: Sind Liebesbeziehungen zwischen Frauen und Männern heute wirklich so schlimm? Und was tut ihr dagegen?

Die Illusion der Vereinbarkeit

93 Prozent der kinderlosen Männer zwischen 15 und 33 Jahren wollen Kinder haben, so die gute Botschaft einer neuen Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die dieser Tage vorgestellt wurde. Soweit der erfreuliche Aspekt – erfreulich aus Sicht der Frauen, deren Kinderwunsch nämlich sehr häufig am Veto ihres Partners scheitert.

Allerdings sind die Bedingungen, unter denen sich Männer das Kinderhaben vorstellen, durchaus heikel: Knapp die Hälfte ist klar für die klassische Aufgabenverteilung – sie selbst gehen arbeiten und sind der „Familienernährer“, die Frau sorgt für die Kinder. Nicht einmal jeder vierte vertritt für Frauen und Männer ein egalitäres Rollenbild. Dass diese Einstellung höchst problematisch ist in Zeiten, in denen Frauen unbedingt erwerbstätig sein müssen, weil das innerfamiliäre Unterhaltsrecht gerade abgeschafft wird, und in denen der Arbeitsmarkt nicht mehr unbedingt so ist, dass ein Mann allein den finanziellen Unterhalt der Familie auf Dauer garantieren kann, ist das eine und bekannt. Und dass an dieser rückwärtsgewandten Einstellung durchaus auch die Frauen mit Schuld sind, weil es immer noch viele Frauen gibt, die von den Männern diese finanzielle Versorgerrolle erwarten, stimmt auch, geschenkt.

Was mich an der Studie nachdenklich gemacht hat, ist vielmehr ein anderer Aspekt: wie sich die befragten Männer die heute so viel diskutierte „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ vorstellen. Positiv herausgehoben wurde nämlich, dass die meisten Befragten sich (anders als die Väter aus früheren Generationen) durchaus auch in der Betreuung ihrer Kinder engagieren wollen – aber nur wenn das nicht zulasten des Berufs geht. Die mehrheit der Befragten will nicht einmal in der Zeit direkt nach der Geburt beruflich etwas zurückstecken – Elterngeld hin oder her. Viele Kommentatoren zogen daraus den Schluss, das Hauptproblem liege darin , dass die meisten Firmen und Unternehmen den Vätern diesen Spielraum für mehr Famlienzeit nicht geben.

Auch wenn das sicher so ist, bin ich bin trotzdem der Meinung, dass das Hauptproblem ein anderes ist. Weil in diesem Wunsch der Männer nämlich eine große Illusion deutlich wird, die sie haben, und die wir als Gesellschaft insgesamt zunehmend zu haben drohen: Die Illusion, man könne Kinder haben, erziehen, betreuen, versorgen, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit hat. Das ist aber Unsinn. Eine totale „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf gibt es nicht, jedenfalls solange nicht, wie das Berufsleben eine auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem von heute hat. Sicher: Die Situation kann noch wesentlich verbessert werden mit den bekannten Maßnahmen. Aber auch wenn wir für jedes Kind einen Krippen- und Kindergartenplatz haben, wenn wir Ganztagsschulen haben und flexible Arbeitszeiten, Kitas in den Firmen und verständnisvolle Chefs, die uns Familienurlaub geben, wann immer wir wollen – das alles wird nichts daran ändern, dass Muttersein (und, sofern die „neuen Väter“ es ernst meinen, auch Vatersein) viel Zeit und Kraft kostet. Und das bedeutet nun einmal, dass diese Zeit und Kraft der Karriere nicht zur Verfügung steht.

Ich gebe zu, dass die Frauenbewegung mit dem Slogan „Beruf und Familie sind vereinbar“ etwas zur Entstehung dieser Vereinbarkeits-Illusion beigetragen hat. Da früher die Arbeitgeber den Frauen pauschal unterstellt haben, sie würden ja ohnehin irgendwann Kinder haben und damit nicht mehr so komplett leistungsbereit sein, mussten wir sozusagen das Gegenteil behaupten: Auch die Frau, die Mutter ist, ist eine komplett leistungstüchtige Arbeitnehmerin. Aber wenn wir früher für die „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie argumentierten, dann bedeutete das, etwas gegen die damals verbreitete Ansicht zu unternehmen, dass beides komplet unvereinbar sei: Jede berufstätige Frau eine Rabenmutter. „Vereinbarkeit“ bedeutet, dass beides – mit Kompromissen auf beiden Seiten – durchaus unter einen Hut zu bringen ist. Dass, wenn man hier wie da ein paar Abstriche macht, sich weibliche Erwerbstätigkeit und Mutterschaft sogar unter Umständen gegenseitig bereichern und befruchten können, dass der Gegensatz nicht so pauschal und absolut ist, wie das Patriarchat früher behauptet hat.

Vereinbarkeit bedeutet aber nicht, dass ich beides haben kann ohne dass es auch nur den allerleisesten Konflikt geben wird. Frauen wissen das natürlich. Deshalb gehen ja so viele von ihnen auf Teilzeit, wenn sie Mütter werden. Deshalb bekommen sie nur ein oder zwei Kinder statt drei oder vier, um im Beruf nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Dies bedeutet „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ – auf beiden Seiten Abstriche machen, um die beiden Bereiche mit einander zu kombinieren und zu verbinden.

Es ist aber völliger Wahnsinn, wenn sich immer mehr die Meinung durchsetzt, diese Abstriche wären keinesfalls nötig, sondern es ließe sich die 100-prozentige Berufstätigkeit umsetzen, auch wenn man Mutter (oder Vater) von Kindern ist – und wenn für diese 100-prozentige Berufstätigkeit auch noch der verheiratete Mann zum Maßstab genommen wird, dessen Frau sich nicht nur um die Kinder kümmert, sondern ihm selbst das Wäschewaschen, Putzen und Essenkochen weitgehend abnimmt.

Die aktuelle Studie hat gezeigt, wie weit verbreitet diese Vereinbarkeitsillusion unter jungen Männern schon ist, und deshalb ist Zeit, ihnen zu sagen: Wenn ihr aktive Väter werden wollt, dann heißt das auf jeden Fall, dass Ihr Abstriche beim Beruf machen müsst. Man kann nicht gleichzeitig aktiver Vater und 60-Stunden-Karrieremacher sein. Der Tag hat nämlich nur 24 Stunden und unsere Kräfte sind irgendwann erschöpft, und eure auch.

Die Botschaft der Stunde wäre also die: Beruf und Familie sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht ohne Kompromisse. Beruf und Familie sind natürlich auch nicht ganz und gar unvereinbar. Aber es handelt sich beim Kombinieren von Erwerbsarbeit und Haus- und Fürsorgearbeit eben weder um ein plattes „entweder-oder“, wie man früher meinte, noch um ein ebenso plattes „sowohl als auch“, wie man heute meint. Sondern die Herausforderung (und das war der Grund, warum die Frauenbewegung vor dreißig Jahren eine „Vereinbarkeitsdebatte“ vom Zaun gebrochen hat) besteht darin, beides auf ganz neue Weise zu kombinieren, ohne das eine von vornherein dem anderen unterzuordnen. Solange so viele Männer und leider auch die Mehrzahl der „Familien“-Politikerinnen und -Politiker dies nicht in Angriff nehmen, sondern so tun, als könnte man alles um den 100-Prozent-Vollzeitarbeitnehmer (in männlicher und weiblicher Version) organisieren, wird es dabei bleiben, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie diejenigen ausbaden müssen, die Kinder haben und versorgen.

Das sind heute noch in übergroßer Mehrheit Frauen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir als Gesellschaft die „Kinder haben schränkt doch die Erwerbsfähigkeit kein bisschen ein“-Lüge auf dem Rücken derer austragen, die sich den Tatsachen stellen und auf Karrierechancen und Einkommen verzichten, um Zeit und Energie fürs Kinderversorgen zu haben. Ob davon nun 5 Prozent Männer sind (wie jetzt) oder 50 (wie in einer möglichen gleichstellungsparadiesischen Zukunft), ist aus meiner Sicht so ziemlich egal.

Zum Weiterlesen: Bertelsmann Stiftung (Hrsg): Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2008, 20 Euro.


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Abschied vom Traummann (für eine Vaterschaft light) und

Über das Müssen

Sexualität und Freiheit

Sexualpolitik ist ein in letzter Zeit ziemlich vernachlässigtes Thema, wie ich finde. Zwar wird in akademischen Kreisen viel darüber geschrieben, dass es eigentlich gar keine Geschlechter gibt, aber in der Realität gibt es sie eben doch. Auf diesem Weg kommen wir nicht wirklich weiter. Außerdem ist dieser Diskurs reichlich westlich-aufgeklärt dominiert. In dem Zusammenhang hat Angelika Hassani einen schönen Artikel darüber, dass „queer“ auch einer der vielen schönen Namen Gottes im Islam ist: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-8-92.htm
Und es gibt zwei neue Bücher, die daran erinnern, dass freiheitliche Sexualpolitik eine Geschichte hat. Sie zu lesen ist interessant, aber auch ein bisschen traurig, weil es uns daran erinnert, dass die Geschichte nicht immer hin zu mehr Freiheit verläuft, sondern manches Mal auch rückwärts: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-7-97.htm