Energieverschwendung? Über Liebe, Sex und Staat

Heute war eine Mail im Briefkasten mit einem Hinweis auf einen Artikel über Versuche, auch Poly-Beziehungen der Ehe gleichzustellen. Ich hatte etwas ähnliches ja schon vor einer Weile hier im Blog gefordert (nämlich Lebenspartnerschaften für alle), aber nach den Debatten um IPED bin ich mir nicht mehr so sicher.

Inhaltlich finde ich es immer noch richtig, dass eine Gesellschaft es fördern sollte, wenn Menschen verantwortliche Lebenspartnerschaften miteinander gründen. Wenn ich mir aber anschaue, wie fruchtlos und schlagabtauschig häufig Debatten über Homosexualität ablaufen, und mir dann vorstelle, wie wir das Ganze demnächst nochmal am Fall Polyamorie durchlaufen, inklusive Talkshows und Feuilletons (und das wäre dann ja noch immer nicht das Ende der Debatte), dann grauselt es mir.

Letzte Woche war ich bei einer Diskussion im Mailänder Frauenbuchladen, und hier in Italien gibt es offenbar ganz ähnliche Debatten und Konflikte. Also Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit heterosexuellen einerseits, und konservativ-kirchlicher Gegenwind andererseits.

Von den Diskussionen ist bei mir ein Satz hängengeblieben, oder besser ein Wort, das fiel, nämlich, dass dieser Kampf „Energieverschwendung“ sei. Und in der Tat: Wie sinnvoll ist es, sich in solche Debatten über Rechtfertigungen zu verwickeln, in deren Rahmen man beweisen muss, dass Homosexualität doch ganz harmlos sei?

„Wollen wir die Anerkennung von Papa Staat?“ fragte Luisa Muraro in der Diskussion, „oder wollen wir, dass uns der Staat nicht reinredet?“ Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Sich klarzumachen, dass es im Kern nicht um staatliche Anerkennung geht, sondern um Freiheit, nämlich die Freiheit, zu leben und zu lieben wie man will.

Das Ganze hat noch einen anderen Aspekt, der auch in dem oben verlinkten Artikel kurz angesprochen wird: Der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung geht häufig mit einer besonders großen „Normalitätsbekundung“ einher: Menschen, die homosexuell monogam leben, sind nicht unbedingt die enthusiastischsten Unterstützerinnen von Polyamorie, denn sie sind bemüht, zu beweisen, dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz „normal“ sind.

Das ist keine Anschuldigung, es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass der Wunsch nach Anerkennung die Tendenz zum Konformismus nach sich zieht. Und das muss auch so sein, denn ohne Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung bekommt man keine staatliche Anerkennung.

Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal wieder in Erinnerung rufen (denn neu ist der Gedanke ja nicht), dass es im Verhältnis von Lebens- und Liebesformen im Kern gerade nicht um den Wunsch nach Anerkennung seitens des Staates geht, sondern im Gegenteil: um die Freiheit von staatlicher Bevormundung.

Das heißt nicht, dass jetzt sofort alle Aktionen zur Durchsetzung rechtlicher Gleichstellung fallen gelassen werden müssen. Schließlich geht es hier auch um Geld, um Möglichkeiten, und so weiter. Aber sich klarzumachen, dass die staatliche Haltung zu Lebens- und Liebesformen nicht das „Eigentliche“ betrifft, ermöglicht vielleicht, die damit einhergehenden Konflikte mit größerer Gelassenheit austragen zu können. Also die „Energieverschwendung“ ein bisschen eindämmen, die mit dem Thema einhergeht (auch was die Kräfte und Ressourcen angeht).

Und es hätte natürlich den Charme, an historische feministische Forderungen anzuknüpfen, die nämlich von Anfang an die Abschaffung aller Ehegesetze propagierten. Schon 1871 sagte zum Beispiel Victoria Woodhull in einer Rede:

Ich bin eine Anhängerin der freien Liebe. Ich habe das unveräußerliche, verfassungsmäßige und natürliche Recht zu lieben wen ich will, so lang oder kurz wie ich kann, diese Liebe jeden Tag zu wechseln, wenn es mir gefällt, und niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten.

 

26 Gedanken zu „Energieverschwendung? Über Liebe, Sex und Staat

  1. Hm, ich finde die Idee eigentlich auch ganz charmant. Aber ich glaube nicht an Energieeinsparung, ich glaube dann würde sich die Debatte andere Auslöser suchen. Normalerweise interessiert sich doch zb kein Mensch für irgendwelche Bildungspläne, die ganze Debatte darum hatte für mich mehr alibihafte Züge, um auszudrücken, dass man das alles schlimm findet und aus der Öffentlichkeit raushaben möchte.
    Meiner Meinung nach ist das der eigentliche Knackpunkt, die Konservativen haben sich damit abgefunden, dass sie Homosexualität oder andere Lebensrealitäten nicht mehr verbieten können, möchten davon dann aber nichts hören und sehen. Die anderen möchten aber sichtbar sein, in der rechtlichen Gleichstellung, aber auch generell. Das kann man nicht wirklich unter einen Hut bringen und deswegen wird es irgendeine Form solcher Debatten meiner Meinung nach immer geben. Egal ob es um rechtliche Gleichstellung geht oder um andere Dinge. Die einzige Energieeinsparung wäre Unsichtbarkeit, aber das kann mitunter ja auch anstrengend und unbefriedigend sein 😉

  2. Drüben bei Facebook kommentierte Michaela Moser (und ich darf es hier draufstellen):

    Für mich zeigt die Debatte stärker, wie sehr wir das weitere Nachdenken und ein neues bzw. alternatives Verständnis und Konzept von “Staat” brauchen. Ich mag diese Dichotomie von “Freiheit” hier, einschränkender “Papa Staat” da nicht und sie entspricht nicht dem Denken von Freiheit in Bezogenheit – oder anders gesagt die drängende Frage wäre: wie kann “Staat” – oder eine politische Ordnung (die auch, aber nicht nur rechtliche Aspekte hat) und vielleicht dann gar nicht mehr “Staat” heißt, aus der Weltsicht der Freiheit-in-Bezogenheit gedacht und gelebt werden.

    Das ist eine wichtige Ergänzung, ich wollte keinesfalls die Debatte in die Richtung “Staat versus Freiheit” lenken. Ich wollte keinesfalls die Debatte in Richtung “Gesellschaftliche Übereinkunft VERSUS individuelle Entscheidung” richten, sondern einen Beitrag zur Frage der Umgestaltung diese Dichotomie leisten, unter der These, dass eine Ordnung gut ist, wenn sie Freiheit ermöglicht, und Freiheit gut ist, wenn sie in Bezogenheit gedacht wird. Im Bezug auf das Gegebene lavieren wir da wohl immer zwischen “Abschaffung” und “Verbesserung” (beides ist aber nicht richtig, weder sollten wir den Staat abschaffen, noch ihn verbessern). Insofern ist meine Beobachtung, dass momentan in der Debatte die “Wir wollen vom Staat anerkannt werden”-Seite etwas überbetont ist (und das zu “politischer Energieverschwendung” führt), keine absolute oder prinzipielle, sondern eine kontextbezogene!

  3. Spielt es denn wirklich eine Rolle, ob eine Aktion von einigen Leuten (vielleicht sogar generell und objektiv) als Energieverschwendung aufgefasst wird? Wenn ich mich persönlich (eventuell als persönlich [negativ] Betroffene) aufgrund der durchgeführten Aktion besser fühle, ist doch der Weg das Ziel, oder?

  4. @Lea – Ja, natürlich. Aber es könnte ja auch sein, dass sich Leute sehr stark bei diesem Thema engagieren und auspowern, weil sie glauben, dass das politisch extrem wichtig ist und sie dazu irgendwie verpflichtet seien…

  5. Um das von der anderen Seite anzugehen – ich fände es grundsätzlich auch viel sinnvoller, wenn die Menschen ihre Verhältnisse untereinander regeln könnten und würden und der Staat sich daraus so viel wie möglich heraushielte. An mindestens zwei Punkten scheint mir das aber problematisch zu werden:

    1. Ungleiche Machtverhältnisse zwischen Partner_innen: Wie könnte man z.B. verhindern, dass solche Vereinbarungen nicht zu stark zum Nachteil des einen oder der anderen ausfielen?
    2. Betroffene Dritte: Ich fände es großartig, wenn auch Kinder aus Poly-Beziehungen genauso akzeptiert würden wie alle anderen – aber hier kann (und IMHO sollte) sich vermutlich der fürsorgende Staat nicht ganz zurückziehen. Es bräuchte da also ein Konstrukt, dass unterschiedlichsten Lebensformen gerecht wird – und da muss der Staat eben doch wieder eine (Mehrheits-)Beschlussfassung finden. It’s complicated.

    Bin da auch nicht sicher, wie man das sinnvoll angehen könnte.

  6. Diese Freiheit besteht doch eigentlich schon lange und die Debatte, ob Homosexualität etwas Böses ist, ist gesellschaftlich schon längst beantwortet – dache ich jedenfalls, bis zu diversen Talkshows in letzter Zeit. Das brachte mich zu der Frage, ob es möglicherweise sogar eher kontraproduktiv ist, allzu sehr auf rechtliche Gleichstellung zu setzen, denn dann wird die Frage nach der Gefährlichkeit von Homosexualität neu diskutiert werden. Wer etwas fordert, stellt seine Haltung ja automatisch zur Diskussion und wird damit angreifbar.
    Die aktuelle Entwicklung in den Talkshows sehe ich eher als Rückschritt. Es gibt genug Leute, denen Homosexualität egal ist und die nach dem Motto“ Leben und Leben lassen“ verfahren. Was als Grundkage für ein vernünftiges Zusammenleben in einer Gesellschaft ja eigentlich ausreicht, würde ich meinen. Wenn dann die Frage nach der Überlegenheit der klassischen Ehe wieder gestellt wird, sehe ich die Gefahr, dass bei diesen Leuten ohne Not ein Fass aufgemacht wird.
    Der Kurs der letzten Jahre und Jahrzehnte ging bei der Justiz und der Gesellschaft jedenfalls Richtung Anerkennung und das wird m. M. n. auch so weitergehen, wenn nicht irgendetwas völlig Kurioses passiert.
    Was die Ehegesetze mit (Un)Freiheit zu tun haben, kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Es zwingt einen ja niemand zu heiraten (und falls doch hat der oder diejenige ein großes Problem mit der Polizei) und ich darf auch jetzt in allen nur erdenklichen Varianten leben. Nicht einmal „Ehebruch“ ist mehr verboten.

  7. @rrho
    Den Staat braucht man immer noch zur Konfliktresolution, finde ich. Solange sich Menschen einig sind, ist so gut wie jede Regelung akzeptabel.

    Ein großer Problempunkt ist, wie die Rechte unter den dreien verteilt werden. Wenn beispielsweise der dritte Partner im Krankenhaus liegt, welcher der zwei anderen Partner darf welche Entscheidung treffen? Wie wird das Sorgerecht für Kinder verteilt? Solche Fragen sind ja meist schon bei zwei Partnern schwierig zu beantworten.

  8. Ich sehe keinen Gegensatz zwischen „lieben wen ich will“ und „staatlicher Anerkennung“. Denn es geht ja um handfeste Privilegien, die per staatlicher Regulierung nur dem klassichen Hetero-Ehepaar gewährt wurden.

    Beim Lieben redet uns der Staat ja nicht mehr (wie früher per Strafrecht) rein, jedenfalls nicht den Erwachsenen untereinander. Wohl aber kommen nur bestimmte „füreinander einstehende Gemeinschaften“ in den Genuss des Ehegattensplittings, bestimmter Erbrechtsregelungen und mancher Vorteile mehr.

    In Zeiten, in denen viele nicht heiraten und nicht zusammen ziehen, weil eins Hartz4 bekommt, wäre es durchaus im Interesse des Staates, allen Willigen die Ehe zu öffnen – egal in welcher Zusammensetzung.

    Die Kräfte des Beharrens wird es immer geben. Nicht mehr für Verbesserungen zu kämpfen, weil das nervt, ist individuell verständlich, aber aufs Ganze gesehen kein guter Rat!

  9. Pingback: Racial Profiling, Feminist Bore-Out & „Bettlerbanden“ « Reality Rags

  10. Also ein wenig muss ich protestieren, auch wenn die Gedanken noch so klug – und das meine ich, das ist wesentlich! – sind.

    „dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz normal sind“ ist Quatsch. Was hat Sexualität mit Normalität zu tun? Aha, sie sind sexuell unnormal? Ich fürchte, wer das behauptet, der täuscht sich gewaltig und verkennt die Realität.

    Noch was? Ja. Der Staat, die Kanzlerin höchst persönlich, diskriminiert. Ist es Energieverschwendung sich dagegen zu wehren? Es ist die primäre Aufgabe des Staats, die Freiheit zu leben (und lieben) wie man will zu garantieren. Ein Staat, der das nicht tut, der stellt sich gegen Menschlichkeit, über die Bürger und verliert so die Legitimation.

    Also, wenn mir mein Staat irgend etwas wert ist, dann sage ich hier nein. Wenn mir mein Staat etwas wert ist, so sind mir seine Bürger etwas wert und der Gedanke der Gemeinschaft.

    Wenn ich heterosexuell bin und darum weiß, dann ist mir klar, auf wessen Seite ich stehe. Ich muss nicht beweisen, dass irgend ein (vereinnehmlicher) Sex harmlos ist. Selbst dann nicht, wenn es „Abarten“ gibt. Selbst dann nicht, wenn Einzelfälle ein Problem darstellen könnten. Man kann nicht von Einzelfällen einfach auf eine Allgemeingültigkeit schließen. Eine allgemeingültige Moral existiert nicht.

    Statt dessen muss ich darauf pochen, dass Diskriminierung und die Schere im Kopf absurd sind. Sonst wird das nix mehr mit Gemeinschaft.

  11. @Joachim – „ganz normal“ bedeutet in dem Zusammenhang, dass sie den traditionellen Ansprüchen an Ehe und Zweierbeziehung entsprechen und sie nicht irritieren, außer an dem einen Punkt der Gleichgeschlechtlichkeit. Es geht ja bei der Frage der rechtlichen Anerkennung nicht um den Sex. Dieser Bereich bräuchte ja gar keine rechtliche Regelung. Es geht um staatlich anerkannte Lebenspartnerschaft, die sogenannte „Keimzelle Familie“.

  12. @Joachim
    Ich glaube, es geht bei dem Thema nicht um Garantie der Freiheit oder darum, was abartig ist und was nicht. Du hast die Freiheit polyamorös zu leben, das ist nicht verboten. Beziehungen zu mehr als zwei Menschen werden bloß gesetzlich nicht geschützt (es gibt keine »Mehrfachehe«) oder die Interessen zwischen diesen Menschen nicht geregelt (beispielsweise gibt es keinen Unterhaltsanspruch im Falle, dass sich einer der Partner von den anderen trennt).

    Praktisch gesehen geht es hier um einen sehr kleinen Bruchteil der Bevölkerung (was ja alleine kein gutes Argument ist), und einen Interessenausgleich zwischen drei oder mehr Personen zu schaffen halte ich für sehr schwierig. Das ist ja anders als bei homosexuellen Paaren, die geheiratet haben: dort lassen sich ja fast alle Konzepte von der Mann-Frau-Ehe übertragen.

    Die Frage ist jetzt: muss man eine Gleichstellung zur Ehe anstreben oder reicht es, im bestehenden gesetzlichen Rahmen eine Lösung zu finden? Ich bin da für letzteres, man kann nicht alles in Gesetze gießen. Oder geht es um Familie? Wenn man nach dem Prinzip »Familie ist, wo Kinder sind.« verfährt, kann man dort auch, finde ich, problemlos polyarmoröse »Paare« miteinbeziehen. (Die würden sich eventuell in vielen Aspekten rechtlich nicht sehr von Patchwork-Familien mit Ex-Partnern unterscheiden.)

    @Ute Plass
    Danke für die Links.

  13. Danke für die Antworten (12-15 und besonders an Antje mal überhaupt, insbesondere dann, wenn ich Unrecht habe)

    Ich denke, es geht doch um die staatliche Garantie der Freiheit innerhalb der Regeln des Grundgesetzes. Ich finde auch, dass der Begriff Ehe (rechtlich) existieren sollte. Es ist aber inakzeptabel, wenn dieser Begriff diskriminiert.

    Es geht um Sex, wenn die Kanzlerin Kinder bei homosexuellen Paaren wegen ihrer „gefälligst zu akzeptierenden Grenze“ ablehnt. Denn, abgesehen von den Sex-Vorstellungen der Kanzlerin, existiert keinerlei „Unterschied“, wenn Mann und Frau gleich(berechtigt) sind. Das Problem sind also nicht die „anderen“ Formen des Zusammenlebens. Das Problem sind wir.

    Der Schutz der Ehe resultiert aus der Notwendigkeit Kinder zu schützen. Das ist der einzige sinnvolle Ansatz. Es geht nicht um den Interessensausgleich zwischen Personen. Den kann man relativ einfach und auch sehr individuell regeln. Steuervorteile usw. könnte man sehr einfach über die Kinder regeln (etwa Kindergeld, Grundeinkommen usw).

    Die Frage ist, was geschieht mit den Kindern. Um die zu beantworten müssen zunächst die Vorurteile weg und dann primär auf das Kindeswohl geschaut werden. Hier sollten die Partner die Dinge vorher regeln. Denn Kinder sind kein Spielzeug. Der Staat kann nur defaults definieren (Biologische Eltern, Adoptivrecht usw.)

    Traditionelle Begriffe machen als Selbstzweck keinen Sinn. (…)

  14. @Joachim – Ich glaube, solange der Begriff der Ehe existiert (und in Rechte gegossen ist) diskriminiert er immer, denn es wird immer irgendwelche Rahmenbedingungen geben, die diejenigen, die heiraten wollen, erfüllen müssen. Alle, die da nicht reinpassen, werden diskriminiert. Solange wir den Begriff der Ehe beibehalten, diskutieren wir nur darüber, wen wir diskriminieren wollen und wen nicht (Diskriminieren heißt erstmal nur unterscheiden und ist nicht per se schlecht)

    Tatsächlich ist der Knackpunkt die Frage mit den Kindern, aber dass die in Form einer Ehe geregelt werden muss, ist ja nicht naturnotwendig. Man kann sich auch Modelle des Kinderaufziehens vorstellen, die ohne Ehe funktionieren, wie es sie z.B. in matriarchalen Gesellschaften gibt. Auch das ist bereits also eine gesellschaftliche ÜBereinkunft, insbesondere geht es darum, das Verhältnis von Vätern und Kindern zu regeln, da sich dieses Verhältnis nicht wie bei den Müttern aus der „Natur der Sache“ ergibt, also aufgrund von Schwangerschaft und Geburt rein faktisch gegeben ist.

  15. @Joachim
    Wieso kommst Du immer wieder zu homosexuellen Paaren zurück, Antjes Post bezieht sich auf eine andere Gruppe? Ich glaube, dass wir bei diesem Thema gar nicht unterschiedlicher Meinung sind. Aber die Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit der Ehe (noch nur zwischen Mann und Frau) hat ja nichts mit dem Thema von Antjes Post zu tun.

    Wie Antje genau richtig schreibt, diskriminiert jede Definition von Ehe (bzw. eingetragener Partnerschaft). Einfach pauschal die Gleichstellung zu fordern, finde ich, greift zu kurz. Ich glaube, dass in Zukunft nicht der Begriff der Ehe, sondern der der Familie im Mittelpunkt stehen sollte, und dass die Idee der Ehe sich nur schwer auf Partnerschaften ausweiten lässt, die aus mehr als zwei Personen besteht. Die Frage ist, wo genau Du Benachteiligungen siehst und was der Wunschzustand ist? Welche Rechte würdest Du gerne ausgeweitet sehen auf polyamorösen Partnerschaften? Oder geht es, wie Antje schreibt, eher um die gesellschaftliche Anerkennung, also dass polyamoröse Partnerschaften akzeptiert werden? Mein Eindruck ist, dass Du Dich vor allem gegen Diskriminierung (im negativen Sinne) sträubst und es Dir eher um gesellschaftliche Akzeptanz als um Recht geht.

    Ich glaube, dass Du es Dir beim Thema Interessenausgleich zu leicht machst. Solange alle einer Meinung sind, spielt es keine Rolle, aber selbst schon wenn sich ein Paar trennt, ist die Frage, wer wann und wie sein Sorgerecht ausüben kann, schwierig. Oder wenn der letzte Elternteil im Sterben liegt, welches der Kinder kann jetzt entscheiden, wie verfahren wird? Wie wird die Hinterbliebenenrente aufgeteilt, wenn ein Partner stirbt?

    Das alles sind ja wesentliche Rechte, die ein Ehepartner hat, aber nichtverheiratete Paare nicht unbedingt haben. Daher hat die Anerkennung einer polyamorösen Partnerschaft als Ehe bzw. eingetragene Lebenspartnerschaft natürlich etwas mit Interessenausgleich und Rechten zu tun (neben dem ideellen Wert). Das ist keine Fußnote, sondern ein wesentlicher Punkt, wenn Du die Anerkennung in Recht gießen möchtest.

    Und wenn Du das versuchst, dann werden auch Leute mitreden, die Du bei dieser Diskussion wahrscheinlich nicht dabei haben möchtest, z. B. Mormonen oder Muslime, die polygam leben möchten aber es nicht dürfen.

  16. Man könnte auch mal fragen, ob es ein Ehegattensplitting braucht oder eine Hinterbliebenenrente. Wenn jeder Mensch eine vernünftige Alterssicherung hätte, bräuchte man nämlich keine vom Partner erben. (Ich rede hier von einer funktionierenden Sozialversicherung, nicht vom bedingungslosen Bundesalmosen in Höhe einer Münchner Kaltmiete.)

  17. @Irene – wie sieht für dich ‚eine funktionierende Sozialversicherung aus` bzw. an welche Bedingungen ist eine solche geknüpft?

  18. Die wichtigste Voraussetzung ist wohl, dass man den Sozialstaat nicht mental an den Nagel hängt, nur weil es anstrengend ist, ihn zu erhalten.

    Aus der Rentenkasse wird vieles finanziert, was dort nicht hingehört. Viele Beiträge gehen verloren, wenn Jobs unterbezahlt oder scheinselbständig oder gleich schwarz sind, und so weiter. Da geht einiges, wenn man will. Die Parität Arbeitgeber / Arbeitnehmer wurde teils aufgegeben …

    Wenn man aufs BGE-Pferd setzt, muss man auch ständig für alles Mögliche kämpfen, z.B. für eine Anpassung an die Inflation. Wer soll das gegebenenfalls tun? Diejenigen, die sagen, dass das BGE funktioniert, weil das ihre Vaterfigur Götz Werner so klug durchgerechnet hat? Oder verzweifelte Hartz-IV-Empfänger, die es nicht schaffen, sich zur Ämterbegleitung zu organisieren und denen alles recht ist, wenn sie nur nicht mehr zum Jobcenter müssen?

  19. Das glaub ich dir, aber wie viele sehen das so?

    Das BGE ist ja eher eine Projektionsfläche für Träume aller Art als ein Ziel. Dahinter kann der Wunsch stehen, die Lohnnebenkosten im eigenen Laden zu senken, das Geld abzuschaffen, den Frauen mehr Zeit für Hausarbeit zu ermöglichen oder den neuen Menschen hervor zu bringen, der sich auf einmal frei fühlt und gegen Ausbeutung wehrt, obwohl er es nicht gelernt und eingeübt hat.

  20. @Irene
    Hinterbliebenenversorgung und Ehegattensplitting sind zwei Paar Schuhe und auch nicht unbedingt an die Ehe geknüpft. (Ich lebe gerade in Kanada und meine Freundin und ich sind »common law partner«. Viele der Rechte, die in Deutschland Ehegatten vorbehalten sind, haben wir auch hier, z. B. das Ehegattensplitting und meine Freundin hat auch das Recht auf eine Arbeitserlaubnis.) Statt eines Ehegattensplittings fände ich ein Familiensplitting sinnvoller, in dem »in einer Gemeinschaft lebende Personen« zusammengezählt werden (also z. B. Kinder oder auch pflegebedürftige Eltern).

  21. @Irene – „….. oder den neuen Menschen hervor zu bringen, der sich auf einmal frei fühlt und gegen Ausbeutung wehrt, obwohl er es nicht gelernt und eingeübt hat.“
    Na ja, irgendwann fängt Mensch halt an mit dem Lernen und Einüben. Und so ein BGE wäre ein prima Lernfeld. 🙂

  22. Pingback: Antje Schrupp | Das Featurette Blog

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