Beziehungsweise Revolution – müsst ihr lesen!

Was ist mit der Revolution? Gibt es die noch, oder ist das Projekt abgesagt? Was ist zu beachten, wenn man sich im politischen Engagement nicht von der Idee verabschieden möchte, es könnte auch einmal eine grundsätzliche Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse geben, die zu mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr…

Ja, die Sache mit der Brüderlichkeit. Die wurde doch sehr vernachlässigt. Tonnen von Büchern sind geschrieben worden, die sich umfassend mit den Fragen der Freiheit oder der Gleichheit oder von beidem in ihrem Wechselverhältnis beschäftigen. Aber keine über die Brüderlichkeit. Die Brüderlichkeit spielt in linker Theorie keine Rolle.

Es ist fast lustig, aber eigentlich auch naheliegend, dass ausgerechnet eine Feministin jetzt den Anfang macht, um diese Lücke zu schließen. Schließlich hat sich der Feminismus mit Beziehungen und „Beziehungsweisen“ ausgiebigst beschäftigt, aber das aus naheliegenden Gründen nicht unter der Überschrift „Brüderlichkeit“. Und damit eben auch nicht unter der Überschrift der Revolution.

Adamczaks These ist, dass alle drei Aspekte notwendig sind, um Revolutionen gelingen zu lassen.

Führt Freiheit ohne Gleichheit zu Ausbeutung und Unterdrückung, so führt Freiheit ohne Solidarität zu Individualisierung. Führt Gleichheit ohne Freiheit zu Zwangskollektivierung bzw. Homogenisierung, so führt Gleichheit ohne Solidarität zu Bindungslosigkeit bzw. Autoritarismus.

Während die Revolution von 1917 die Gleichheit ins Zentrum stellte und die von 1968 die Freiheit, gab es noch keine Revolution, die sich programmatisch um „Beziehungsweisen“ drehte. Wobei eben auch dieser Aspekt nicht ohne die anderen auskommt.

Das Gleiche lässt sich antizipativ auch für Konstellationen sagen, in denen die Solidarität bestimmend ist: Solidarität ohne Gleichheit führt in den Paternalismus, Solidarität ohne Freiheit in Loyalität und repressive Vergemeinschaftung.

Wobei genau das in der Tat bei manchen Strömungen des Feminismus passiert ist.

Beim Lesen dieses Buches, was ruckzuck innerhalb weniger Tage ging, fühlte ich mich „theoretisch zuhause“ wie lange nicht: Endlich sind mal linke und feministische Basics gleichermaßen selbstverständliche Grundlage der Argumentation. Und nicht nur das, auch der Anarchismus, der in Bezug auf „Beziehungsweisen“ oft hellsichtiger war als der Marxismus, ist dabei. Selbst für mich war streckenweise das konsequente generische Femininum („Alle anwesenden Expertinnen waren sogenannte Männer“) eine Herausforderung beim Lesen. Und gleichzeitig erfährt man viel Interessantes über die Revolutionen, speziell über die von 1917. Dazu ist das Buch noch streckenweise regelrecht amüsant zu lesen, wenn auch nicht leicht.

Ich halte dieses Buch wirklich für einen Meilenstein, und ich denke, niemand sollte mehr über „Revolution“ sprechen, ohne es gelesen zu haben und sich zu den hier entfalteten Thesen zu positionieren. Wer dahinter zurückfällt ist out.

Was natürlich nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden bin. Wie meistens bei queerfeministischen Autorinnen fehlt mir etwa die Berücksichtigung des Schwangerwerdenkönnens. Wenn Adamczak zum Beispiel schreibt:

Aus dieser revolutionären Perspektive … erscheinen alle Identitäten, die die Geschichte der Herrschaft den jeweils Lebenden vor die Füße geschleudert hat, als Reichtum potenzieller Existenzweisen, den diese sich aneignen können, um die Fragen zu beantworten: Wie wollen wir leben, wer wollen wir werden, durch welche Beziehungen wollen wir existieren?

Dann füge ich an: Die Möglichkeit, schwanger werden zu können (was ja eine sehr wesentliche Beziehungsweise ist) können sich eben nicht alle Menschen aneignen, und bei etwa der Hälfte der Menschheit ist das schon bei ihrer Geburt klar. Die Differenz zwischen möglicherweise Schwangerwerdenkönnenden und sicher Nichtschwangerwerdenkönnenden ist nicht sozial konstruiert, sie ist biologisch, ein realer Unterschied, der sich nicht dekonstruieren lässt, und mit dem Gesellschaften, auch revolutionäre, umgehen müssen.

Aber ohnehin erschien mir das Buch im letzten Kapitel, in dem die „Beziehungsweisen“ ausbuchstabiert werden, noch unfertig und etwas ausfransend. Hier wäre nun viel Gelegenheit, auf die umfangreiche theoretische Arbeit gerade zu einer Politik der Beziehungen (etwa im italienischen Differenzfeminismus und seinen deutschsprachigen Partnerinnen) zurückzugreifen. Vieles von dem hier Angerissenen ist dort bereits diskutiert und bearbeitet worden.

Vielleicht machen wir die nächste Revolution ja zusammen.

(PS: Das Buchcover ist in Wirklichkeit lila und nicht blau !)

Die Gefühle der Männer von 68

Hier kurz noch notiert ein Buch, das ich gelesen habe: „Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Eine Emotionsgeschichte der bundesdeutschen 68er-Bewegung“ von Stefanie Pilzweger.

51MsHsxy3NL._SX327_BO1,204,203,200_Anhand von neun politischen Themenbereichen, die für die 68er wichtig waren, identifiziert die Autorin unter Heranziehung von zeitgenössischen Quellen und Dokumenten Gefühle, die dabei eine Rolle spielten. So waren die politischen Utopien der 68er verknüpft mit Optimismus, Sensibilität und Omnipotenz, ihr Aufruf nach Solidarität (mit der „Dritten Welt“, mit „der Arbeiterklasse“) war Ausdruck von Zusammengehörigkeitsgefühl und einer Sehnsucht nach Gemeinschaft. Die „Sprache des Protests“, also dieser spezielle Jargon und Rededuktus der „Alt-68er“, ging einher mit Ermächtigung und Einschüchterung (speziell auch von Frauen). Ein weiteres Kapitel widmet sich der Provokation durch Kleidercodes und Frisuren, durch Protestinszenierungen, bei denen die Gefühle Angst, Spaß und Stolz im Spiel waren.

Ein weiteres, stark emotionsbeladenes Feld waren die Generationenkonflikte mit den Vätern, in denen Misstrauen, Schweigen, Scham und Paranoia vorherrschten, und wo die Söhne gegen die väterliche Gewalt ihre eigene „moralische Überlegenheit“ setzten. Weitere Kapitel behandeln das damalige Interesse an der Psychoanalyse (rationaler Funktionär versus sensibler Mann), die Sexualität (Ende der romantische Liebe, Geschlechterverhältnisse, Verklemmtheit und Eifersucht) und die Gewalt (Ablehnung von Militär bei gleichzeitiger Faszination an revolutionärer „Gegengewalt“ und Straßenkampf, Angst und Opfersein, Wut und Hass). Den Abschluss bildet ein Kapitel über das Scheitern (Erschöpfung, Enttäuschung, Entsolidarisierung, Depression und Melancholie).

Das Buch enthielt für mich eigentlich wenig überraschende Gedanken, es ist aber nett, das einmal am Stück zusammengestellt und mit Dokumenten und Zitaten belegt zu haben. Ein bisschen hat mich diese Lektüre versöhnlich gestimmt mit den „Altlinken Männern“. Es waren halt doch auch nur Menschen.

Stefanie Pilzweger: Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Transcript, 2015, 39,99 Euro.

 

Louise Ottos Roman „Schloss und Fabrik“

Das Schöne am E-Book ist ja, dass man da jetzt die ganzen alten Bücher kostenlos bekommt, die man schon immer mal lesen wollte. Zumindest, wenn man sich wie ich für das 19. Jahrhundert interessiert, ist das quasi ein Schlaraffenland.

Meine jüngste Lektüre war der Roman „Schloss und Fabrik“ von Louise Otto, die später (1849) als Herausgeberin der Frauenzeitung mit dem berühmten Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ und noch später (1866) mit ihrem dem Grundlagenwerk „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ eine der wichtigsten Vordenkerinnen der deutschen Frauenbewegung war.

Ihr erster Roman hingegen, erschienen 1846, beschäftigt sich mit den sozialen Gegensätzen und Konflikten, die aus der Entmachtung des Adels und der kapitalistischen Umstrukturierung der Wirtschaft entstanden. Literarisch ist das Ganze nicht unbedingt ein Meisterwerk. Aber es ist sehr spannend zu lesen und aufschlussreich in Bezug auf die politischen Debatten jener Zeit, in der die „vier Stände“ – der Adel, die Kirche, das Bürgertum und das Proletariat – noch in klarer Abgrenzung voneinander existierten. Noch waren die ideologischen Fronten nicht klar, das Kommunistische Manifest noch nicht geschrieben, die „bürgerlichen“ Revolutionen von 1848 noch Zukunftsmusik.

Die Handlung ist ziemlich holzschnittartig, die Figuren sind weniger als individuelle Persönlichkeiten gezeichnet denn als Repräsentationen bestimmter „Typen“. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Freundschaft zwischen Elisabeth, Tochter einer adligen Familie, und Pauline, Tochter eines Fabrikbesitzers, dessen Reichtum auf brutaler Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter gründet.

Gleichzeitig gärt es im Volk, der Kommunismus ist tatsächlich jenes „Gespenst“, das umgeht in Europa. Gewaltsame Aufstände klopfen quasi schon an die Tür, und Militär und Polizei sind die einzigen, die die Machthaber davor schützen.

Hätte ich das Buch vor zehn oder zwanzig Jahren gelesen, hätte ich es vermutlich als bürgerlich-revisionistisch abgetan. Denn Louise Otto tritt klar für eine gewaltfreie Lösung der sozialen Widersprüche ein: Pauline versucht, durch tätige Hilfe für die proletarischen Familien die schlimmsten Folgen des Unrechts ihres Vaters und Bruders abzumildern und gleichzeitig diese dazu zu bewegen, bessere Arbeitsbedingungen einzuführen. Sie verliebt sich in den Arbeiter und Sozialtheoretiker Franz, der die Arbeiterschaft auf gewaltfreie Art zu organisieren versucht. Elisabeth widerum verliebt sich in einen Grafen, der ebenfalls reformerische Ideen pflegt und verbreitet.

Unterlaufen werden ihre Bemühungen einerseits durch diejenigen, die an den „alten Zuständen“ festhalten wollen. Der Adel trägt in Ottos Darstellung eine Mitschuld an dem ausbeuterischen Tun der Fabrikherren, weil er diesen die soziale Anerkennung verweigert und sie quasi dazu treibt, auf puren Reichtum und materiellen Aufstieg zu setzen. Auf der anderen Seite stehen die „kommunistischen Aufrührer“ – die allerdings in der Handlung nicht selbst eine Rolle spielen, sondern nur in Form von Flugblättern und fernen Revolutionen vorkommen. Sie werden von Otto nicht verdammt, sie sind moralisch klar im Recht. Aber, meint Otto (durch ihre Protagonisten): Es bringt halt nichts, die Umstände werden dadurch eher schlimmer als besser. Und eine wichtige Rolle spielen schließlich auch die Jesuiten und die Geheimpolizei, die im Hintergrund Strippen ziehen, mit Hilfe von Agents Provocateurs die Arbeiter zu unsinnigen Aktionen aufwiegeln und sämtliche Reformbemühungen denunzieren, indem sie Beweise fälschen und dubiose Anschuldigungen konstruieren. Alles ganz aktuell irgendwie.

Ich fand die Lektüre ziemlich interessant, nicht nur weil mein Enthusiasmus für Revolutionen ziemlich nachgelassen hat – übrigens aus denselben Gründen, die auch Louise Otto bereits ins Feld führt: Sie mögen zwar gerecht sein, aber es sterben zu viele Leute dabei. Aus anarchistischer Perspektive fand ich es natürlich besonders spannend, wie genau Otto neben den Antagonisten Proletariat und Kapital die Rolle des Staates reflektiert, der sich in der Rolle als Ordnungshüter zum Schutz der Kapitalisten sehr wohl fühlt, denn darauf stützt sich seine Macht. Und ohne ihn wären die Kapitalisten nichts.

Louise Ottos Roman ist wohl nicht ohne Grund beim Erscheinen sofort zensiert worden und konnte nur in einer verstümmelten Version erscheinen. Die Originalfassung ist erst 1996 zugänglich gemacht worden.

Slavoj Žižek, linke Kerle und die Revolution

Das Label „linke Kerle“ ist seit längerem in meinem Kopf. Ich glaube, seit ich mal – vor vielen Jahren – an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Utopien“ teilgenommen habe und einer der Mitdiskutanten plötzlich auf den Tisch schlug: Was wir da sagten, das wäre ja alles viel zu unkonkret, man dürfe nicht so nebulös herumreden, sondern wir müssten strategisch denken. Überall sei doch längst Krise, nichts würde mehr funktionieren, und wenn deshalb morgen Gerhard Schröder (ja, so lange ist das schon her:)) alles hinwerfen würde, weil er nicht mehr weiter weiß – ja, dann müssten wir doch konkrete Pläne in der Schublade haben, nach denen wir sofort mit der Revolution anfangen könnten. Es gelang mir damals irgendwie, nicht lauthals loszulachen. 

Die letzten Tage habe ich wieder mit so einem Kerl verbracht, und zwar mit Slavoj Žižek, dessen neues Buch „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert“ ich tatsächlich ganz durchgelesen habe. Das gelingt mir bei solchen Büchern nicht immer, bei Negri/Hardts „Empire“ zum Beispiel hab ich schon nach dem ersten Viertel das Handtuch geworfen. Žižek kann Hardt und Negri übrigens auch nicht leiden (was er ständig betont). Vielleicht haben wir uns deshalb ganz gut verstanden.

Žižek gibt sich viel Mühe, zerrissen zu werden. Etwa indem er erstaunlich viele gute Aspekte an Kerlen wie Robespierre, Heidegger, Stalin oder Mao findet. Man könnte jetzt jede Menge Zitate aus dem Zusammenhang reißen und massenweise Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber das will ich gar nicht tun. Ich finde seine Argumente im Großen und Ganzen ziemlich klug, wenn man sich denn für Robespierre, Heidegger, Stalin oder Mao interessieren würde, was ich aber nicht tue.

Wofür ich mich aber sehr wohl interessiere, das ist die Frage, wie man aus einer „linken“ oder meinetwegen auch „kommunistischen“ Perspektive heraus die Welt verändern kann. Wobei mir die Begriffe „links“ und „rechts“ , ebenso wie „kommunistisch“, nichts sagen, aber ich denke, vieles von dem, was Žižek meint, wenn er sie verwendet, kann ich durchaus teilen.

Leider hat mich das Buch aber trotzdem in meiner Auffassung bekräftigt, dss von den linken Kerlen keine Revolution zu erwarten ist, und man muss sagen, glücklicherweise.

An einer Stelle zum Beispiel charakterisiert Žižek das, was er das „revolutionäre Subjekt“ nennt. Als Beispiel nimmt er eine Szene aus dem Film „Die üblichen Verdächtigen“. Darin kommt ein Mann nach Hause und findet seine Frau und seine kleine Tochter in der Gewalt einer rivalisierenden Bande vor. Seine Reaktion: Er erschießt selber Frau und Kind und droht dann den „Feinden“, er werde sie gnadenlos verfolgen und sie, ihre Familien, Eltern und Freunde allesamt umbringen. Žižek analysiert diese Szene so:

In einer Situation der erzwungenen Wahl trifft das Subjekt die verrückte, unmögliche Entscheidung, gewissermaßen sich selbst zu schlagen und seine Liebsten zu töten; seine Tat ist keineswegs ein Fall von ohnmächtiger, gegen sich selbst gerichteter Aggressivität, sondern verändert die Koordinaten der Situation, in der das Subjekt steckt. Indem es sich von dem kostbaren Objekt löst, durch dessen Besitz der Feind es in Schach halten konnte, verschafft sich das Subjekt Handlungsspielraum. Der Preis dieser Freiheit ist natürlich entsetzlich. Die einzige Möglichkeit, wie das Subjekt die Schuld ausgleichen kann, sein kostbarstes Objekt (seine kostbarsten Objekte) geopfert zu haben, besteht darin, … auf alle persönlichen Eigenarten zu verzichten und sein gesamtes Leben der Vernichtung derer zu widmen, die es gezwungen haben, die Opfertat zu begehen. Eine solche „unmenschliche“ Position der absoluten Freiheit (in meiner Einsamkeit kann ich tun und lassen, was ich will, niemand hat Gewalt über mich) gepaart mit absoluter Hingabe an eine Aufgabe (der einzige Sinn meines Lebens besteht darin, Rache zu üben) charakterisiert vielleicht am treffendsten das revolutionäre Subjekt. (S. 114f)

Frau und Kind, die „kostbaren Objekte“ des männlichen Subjektes, my ass. Der Mann, der seine „Liebsten“ tötet, fügt nicht etwa anderen etwas zu, sondern sich selbst. Bindungen und Verantwortlichkeiten zu anderen Menschen stehen dem entschlossenen revolutionären Handeln des Mannes im Weg. Zum Glück gibt es solche „Subjekte“ im wirklichen Leben selten, selbst unter männlichen Menschen sind sie krasse Ausnahmen. Zur Rettung der Welt sollten wir daher besser nicht auf sie setzen. Oder anders gesagt: Wenn das Freiheit sein soll, dann gibt es keine Freiheit.

Es gibt übrigens viele Stellen in dem Buch, an denen deutlich wird, dass Žižek die feministische Revolution offenbar komplett verschlafen hat. Ich habe auch eine Ahnung, warum das so ist. Wenn ich seine Argumentation richtig verstanden habe (ich bin mir da nicht sicher, denn er springt ziemlich hin und her), sieht er den Hauptfehler der bisherigen Männer-Revolutionen darin, dass es ihnen im Anschluss an eine Umwälzung nicht gelungen sei, dann auch wirkliche Veränderungen im Alltagsleben umzusetzen. Dies sei im Gegenteil dem Kapitalismus gelungen, weshalb der auch einstweilen „gewonnen“ hätte.

Ich denke, dass genau an dieser Stelle bei Žižek (wie bei anderen linken Kerlen, zum Beispiel dem auf dem Podium, das ich eingangs geschildert habe), eine falsche Reihenfolge in der Analyse dessen liegt, was Revolution bedeutet und wie sie sich abspielt. Ihre Vorstellung ist, dass Revolutionen ein „Ereignis“ erfordern, eine krisenhafte Situation, die alles umwälzt, und dass entschlossen handelnde „revolutionäre Subjekte“ dann in der Lage sind, diese Krisensituation zu nutzen, um etwas Neues (den Kommunismus oder so) einzuführen.

Entsprechend käme es für eine „linke“ Bewegung darauf an, sich auf diesen Moment „vorzubereiten“ (und Pläne in der Schublade zu haben), damit sie diese Zeit der weltgeschichtlichen Öffnung möglichst so nutzen können, dass die eingeführten Veränderungen auf eine bessere Gesellschaft hin später nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Meiner Ansicht nach verhält es sich aber genau anders herum: Durch viele erst einmal unscheinbare Handlungen und Diskussionen verändert sich der Alltag ohnehin laufend, und jede Menge „Revolutionäre“ (und „Revolutionärinnen“) haben daran Anteil. Die müssen dafür gar nicht „kerlig“ sein und auch nicht ihre Frauen und Kinder erschießen. Es reicht, wenn sie neue Lebens- und Wirtschaftsformen ausprobieren, wenn sie Einfluss nehmen auf die öffentliche Meinung, wenn sie überkommene Denkmuster hinterfragen, neue politische Praktiken erfinden und so weiter. Eben das tun, womit wir alle laufend beschäftigt sind.

Wenn dann ein „Ereignis“ eintritt, zeigt sich, wie erfolgreich sie damit waren. Es ist doch immer so, dass die symbolische Ordnung (die Werte, die Sitten, die Gesetze, das, was als „normal“ gilt) dem wirklichen Leben fast überall hinterherhinkt. Um nur mal ein ganz banales Beispiel zu nennen: Das Ehegattensplitting ist heute schon vollkommen unterminiert, niemand will es eigentlich so wirklich mehr haben. Aber das Gesetz existiert noch, als Zombie sozusagen. Ich wette meinen Kopf, dass, wenn wir mal eine „revolutionäre Situation“ haben sollten, das Ehegattensplitting hinterher weg ist.

Zumindest in der Geschichte der Frauen war es immer so. Nehmen wir etwa das allgemeine, geschlechtsunabhängige Wahlrecht. Über Jahrzehnte hinweg haben Frauen (und auch einige, gar nicht mal so wenige Männer) dafür gestritten und argumentiert, in Parlamenten, an Küchentischen und an Marktständen. Als dann Revolution war, wurde es überall quasi auf einen Schlag eingeführt (außer in Frankreich und der Schweiz, die zickten noch ein bisschen rum).

Revolutionäre Ereignisse oder andere Krisen, so wäre jedenfalls meine These, können nur das in die Realität umsetzen (oder eher: ermöglichen, dass es ans Licht kommt), was vorher in alltäglichen Experimenten und Debatten bereits vorbereitet wurde. Nicht mehr. Das jüngste Beispiel dafür ist die so genannte „arabische Revolution“. Die hauptsächlichen Akteure und Akteurinnen dieses „Ereignisses“ waren säkulare, „linke“ Aktivist_innen. Aber sie hatten, wie sich nun herausstellt, keinen nennenswerten Rückhalt in der Alltagskultur. Das, was dort vorbereitet worden war, ist vielmehr eine islamisch geprägte „Kulturrevolution“, wie die Wahl in Ägypten gezeigt hat, wo Muslimbrüder und Salafisten zusammen drei Viertel der Stimmen bekommen haben. Gegen diese Entwicklung im Anschluss an das krisenhafte „Ereignis“ hätte auch kein noch so entschlossen vorgehendes „revolutionäres Subjekt“ etwas unternehmen können.

Wenn wir also die Revolution wollen, dann müssen wir sie VOR dem „Ereignis“ so gut wie möglich vorbereiten, denn wenn das Ereignis erst einmal da ist, ist es zu spät.

Das zu wissen, erleichtert mich übrigens sehr, denn auch bei einer anderen „kerligen“ These Žižeks habe ich Bauchschmerzen. Er macht sich nämlich über jene Linken lustig, die sich vor einer wirklichen Krise fürchten, zum Beispiel vor einem richtigen Zusammenbruch der Finanzmärkte. Er geht zwar nicht mehr so weit wie die Theoretiker_innen der RAF, die eine solche Krise auf Teufel komm raus aktiv provozieren wollten, aber er sagt auch, dass man nicht zu ihrer Vermeidung beitragen sollte, dass man keine Angst haben darf, vieles von dem, was man hat und schätzt, zu verlieren.

Ich habe, ehrlich gesagt, schon Angst davor. Denn es ist einfach Fakt, dass bei solchen Krisen und „Ereignissen“ massenweise Menschen sterben und ebenso massenweise Menschen unvorstellbar leiden müssen. Ob es nun die zusammenbrechenden Finanzmärkte, der nächste Krieg oder die Klimakatastrophe sind – ich muss die nicht haben.

Aber wenn ein solches Ereignis, was wahrscheinlich ist, ganz ohne mein Zutun und ohne, dass ich es verhindern könnte, früher oder später eintritt – dann will ich wenigstens meinen Teil dazu beigetragen haben, dass wir darauf so gut wie möglich vorbereitet sind. Weil das, was dann geschehen wird, nämlich nichts anderes sein wird als das unausweichliche Ergebnis dessen, was wir vorher (also jetzt) tun.

Slavoj Žižek: Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011.

 

(Dieser Text erscheint in Graswurzelrevolution Nr. 367, März 2012)

Louise Aston und die bürgerliche Revolution

Louise Aston ist sicher eine der schillerndsten Personen des Vormärz und der Bürgerlichen Revolution von 1848. Bekannt wurde die 1814 geborene Tochter einer ehemaligen Gesellschafterin und eines Theologen wegen ihres „skandalösen Lebens“ und ihren unkonventionellen Ansichten. Mit 17 an einen viel älteren Mann verheiratet, ließ sich scheiden, heiratete wieder, trennte sich erneut. 1844 zog sie mit einer ihrer drei Töchter nach Berlin und schloss sich linksintellektuellen Kreisen an. Mehrmals wurde sie wegen politischer und moralischer Delikte aus Berlin ausgewiesen. Auch die bürgerliche Frauenbewegung, zum Beispiel Louise Otto, konnte mit der so gar nicht „tugendhaften“ Aston wenig anfangen.

Louise Aston schrieb Romane, in denen sie sich mit den Lebensbedingungen von Frauen und mit politischen Themen allgemein beschäftigt. Der jetzt von Jenny Warnecke im Rahmen ihrer Doktorarbeit neu editierte Roman „Revolution und Contrerevolution“ beschreibt die Ereignisse des Jahres 1848, als ausgehend von der Februarrevolution in Paris in ganz Europa Unruhen losbrachen. Die Protagonistin des Buches, Louises alter Ego Alice von Rosen, ist mittendrin im Geschehen, konferiert und intrigiert mit Fürsten und Proletariern gleichermaßen, gibt sich mal als Frau und mal als Mann aus, kämpft auf den Barrikaden und kümmert sich auch noch um ihre weniger emanzipierten Geschlechtsgenossinnen.

Das Buch ist etwas schwierig zu lesen, wenn man sich in der damaligen aktuellen Tagespolitik nicht auskennt. Zwar hat Jenny Warnecke alles Notwendige in den Anmerkungen erklärt, allerdings sind die erst hinten im Buch aufgelistet, sodass man dauernd blättern müsste, was auch wieder umständlich ist, gerade bei einem Roman, wo man ja auch in einen Lesefluss kommen muss. Aston schreibt in einem fast schon atemlosen Rhythmus, häufig bin ich auch mit den Personen durcheinander geraten und konnte der Handlung nicht mehr richtig folgen. Was die literarische Qualität betrifft, so würde ich doch sagen, dass Aston an ihr französisches Pendant George Sand – mit der sie oft verglichen wird – nicht herankommt.

Trotzdem ist es natürlich höchst interessant, diese Ereignisse aus einer solchen Perspektive geschildert zu bekommen. In dem zweiten Band ordnet Jenny Warnecke Astons Denken in das zeitgenössische Geschehen und die damaligen ideengeschichtlichen Diskussionen ein und analysiert den Roman nach literaturwissenschaftlichen Kriterien. Insgesamt sind diese beiden Bände ein Muss für alle, die sich mit der bürgerlichen Revolution in Deutschland oder mit den politischen Ideen von Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigen.

Jenny Warnecke: Frauen im Strudel gewaltiger Thaten / Louise Aston: Revolution und Contrerevolution, beide Ulrike Helmer-Verlag, Sulzbach 2011, 29,95 Euro.


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Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen.

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Heute lese ich in der taz über das neue Buch von Bascha Mika, der ehemaligen taz-Chefin, in dem sie die These vertritt (offenbar in genau solch harschen Worten), dass Frauen feige und bequem seien und daher selbst schuld an ihrer Benachteiligung. Bei der Buchpräsentation, von der hier berichtet wird, hat sie offenbar gesagt: „Aber was hat sich denn geändert, seit wir die Strukturen beklagen? Nichts.“

Das finde ich nun interessant. Bascha Mika ist 1954 geboren, müsste sich also noch zehn Jahre besser als ich an die Zeiten vor der Frauenbewegung erinnern. Wie kann sie sagen, es habe sich nichts geändert seit den 1960er Jahren? Wer das sagt, muss wirklich Tomaten auf den Augen haben.

Klar, es mag einer nicht alles gefallen, was die jungen Frauen heute machen, ihre Stöckelschuhe zum Beispiel, oder auch ihre manchmal nostalgischen Vorstellungen vom Familienglück. Aber so oder so wird man kaum sagen können, dass für sie und die Frauen allgemein alles noch genauso ist wie damals in den Fünfzigern.

Vor allem sind Frauen heute um Längen selbstbewusster und freier. Keine Frau glaubt heute noch, sie sei prinzipiell schwächer und weniger wert als ein Mann. Und im Vergleich zu vor dreißig, vierzig Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch das zwischen Kindern und Erwachsenen) sehr verändert. Sehr zum besseren. Und auch vieles andere hat sich verändert, wir müssen nur hinschauen.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat 1996 die These in die Diskussion gebracht, dass das Patriarchat zu Ende sei. Und zwar deshalb, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen „Kredit“ mehr einräumen. Sie forderte uns auf, nicht immer nur auf das Schlechte zu schauen, auf das, was noch beklagenswert ist (und klar, das ist viel!), sondern dass wir einfach mal dem Gedanken, es könne vielleicht vorbei sein, einen Raum in unserem Kopf einräumen. Dass wir eine Leerstelle schaffen in unserer Ideenwelt, die es möglich macht, dieses Ungeheuerliche – das Ende des Patriarchats – wirklich in Erwägung zu ziehen.

Eines ihrer Argumente scheint mir besonders wichtig: Sie fordert uns auf, auf das „ersparte Leid“ zu schauen. Auf das Leid, das Frauen heute nicht mehr ertragen müssen, weil es die Frauenbewegung gegeben hat und weil sich dadurch die Situation der Frauen wesentlich verbessert hat. Nicht überall auf gleiche Weise, aber doch auch nicht nirgendwo. Das ersparte Leid jeder Frau, die nicht mehr geschlagen wird, weil sie in ein Frauenhaus gehen kann, die nicht bei einer dilettantischen Abtreibung stirbt, die nicht Verkäuferin wurde, obwohl ihre große Leidenschaft etwas anders war – jedes einzelne dieses ersparten Leids ist „Freudensprünge“ wert (so hat Muraro ihren Artikel damals überschrieben).

Aber natürlich hat Bascha Mika auch an einem Punkt recht, wenn sie sagt, an den Strukturen habe sich nichts geändert. Ich würde zwar nicht sagen, es habe sich da gar nichts geändert, denn vor zwanzig, dreißig Jahren wäre es zum Beispiel vollkommen undenkbar gewesen, dass eine Frau Bundeskanzlerin, eine Ministerin schwanger und eine Frauenquote politisches und mediales Top-Thema ist. Aber tatsächlich halte auch ich diese Veränderungen auf struktureller Ebene für eher mickrig.

Aber für mickrig nicht im Vergleich zu dem, was das Minimalziel einer ordentlichen feministischen Revolution sein müsste, die Bascha Mika offenbar vorschwebt, sondern mickrig im Vergleich zur Größe der Veränderungen, die sich auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet bereits vollzogen haben und vor allem in den Köpfen der Frauen selbst.

Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum es so schwer fällt, die Errungenschaften der Frauenbewegung überhaupt nur wahrzunehmen. Eine Erklärung dafür gibt die Diotima-Philosophin Diana Sartori in einem Text über „Das Mehr der Politik und das Weniger der Macht“, den ich gerade ins Deutsche übersetze. Sie beschreibt, dass in der westlichen Ideengeschichte ein Bild von „Revolution“ gezeichnet wurde, das auf einem immer wiederkehrenden Zirkel beruht: Ein alter Patriarch, der im Lauf seiner Herrschaft immer mehr verknöcherte, wird von revoltierenden Söhnen vom Thron gestoßen, die dann wiederum sich selbst auf den Thron setzen, ihre Macht konstituieren, im Laufe der Zeit ihrerseits verknöchern, dann wiederum vom Thron gestoßen werden und so weiter und so weiter. Die Frauen nehmen in diesem Zyklos die Rolle der „Königsmacherinnen“ ein, sie sollen die Söhne bei der Revolte unterstützen und dann wieder in ihre versorgende Hintergrundsrolle zurücktreten.

Diese „ödipale“ Vorstellung von Revolution in der westlichen Ideengeschichte, wie Sartori das nennt, kann sich gesellschaftliche Veränderung also nur in Form eines eruptiven Ausbruchs des Politischen vorstellen. Mit anderen Worten: Wenn kein König vom Thron gestoßen und kein neuer installiert wurde, dann ist nichts passiert. Dann hat es keine Revolution gegeben. (Über diesen Mechanismus denke ich derzeit auch im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten nach).

Und weil die Frauenbewegung eben keinen König gestürzt hat und selbst nicht vorrangig nach konstitutioneller Macht strebte, erscheint es uns so, als wäre eben nichts geschehen. Als habe es keine Erfolge, keine Veränderungen gegeben. Aber das ist ein Irrtum.

Politik geschieht eben nicht nur in den so genannten „revolutionären Momenten“, in denen sich etwas Aufgestautes entlädt. Politik geschieht jederzeit im Alltag. Politik ist, wenn Eheleute diskutieren, wer die Hausarbeit macht, wenn in der Schule kulturelle Konflikte ausgetragen werden, wenn an den Arbeitsplätzen neue Modelle zur Vereinbarkeit von Büro- und Familiendiskutiert ausprobiert und installiert werden, wenn Erzieherinnen für Qualität in den Kitas kämpfen, wenn in den Redaktionen darüber nachgedacht wird, wie in der Berichterstattung Rollenklischees abgebaut werden könnten und so weiter. Und vor allem ist Politik, wenn zwei Frauen sich über ihre Wünsche und Vorstellungen, wie die Welt sein soll, austauschen und gemeinsam überlegen, wie sie das in der Welt umsetzen können.

All diese Anstrengungen und Verhandlungen sind es, die eine Gesellschaft wirklich und nachhaltig verändern. Sie brauchen dafür keinen großen Knall, keine revolutionäre Eruption. Vielmehr verhält es sich genau anders herum: Kommt es, aus welchen Gründen auch immer, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu einer revolutionären Situation, dann werden all diese kleinen politischen Veränderungen und Mühen plötzlich eminent wichtig. Denn nur sie können sicherstellen, dass eine Revolution auch wirklich eine Revolution ist – und  nicht einfach eine weitere Runde im alten, langweiligen, ödipalen Ritual zwischen verknöcherten Vätern und revoltierenden Söhnen.


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Zum 100. Geburtstag von Simone Weil

Simone Weil wäre am 3. Februar hundert Jahre alt geworden. Leider starb diese großartige Denkerin schon im Alter von nur 34 Jahren. Aber sie hat zum Glück einiges höchst Lesenswerte hinterlassen: http://www.antjeschrupp.de/simone_weil.htm