Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen.

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Heute lese ich in der taz über das neue Buch von Bascha Mika, der ehemaligen taz-Chefin, in dem sie die These vertritt (offenbar in genau solch harschen Worten), dass Frauen feige und bequem seien und daher selbst schuld an ihrer Benachteiligung. Bei der Buchpräsentation, von der hier berichtet wird, hat sie offenbar gesagt: „Aber was hat sich denn geändert, seit wir die Strukturen beklagen? Nichts.“

Das finde ich nun interessant. Bascha Mika ist 1954 geboren, müsste sich also noch zehn Jahre besser als ich an die Zeiten vor der Frauenbewegung erinnern. Wie kann sie sagen, es habe sich nichts geändert seit den 1960er Jahren? Wer das sagt, muss wirklich Tomaten auf den Augen haben.

Klar, es mag einer nicht alles gefallen, was die jungen Frauen heute machen, ihre Stöckelschuhe zum Beispiel, oder auch ihre manchmal nostalgischen Vorstellungen vom Familienglück. Aber so oder so wird man kaum sagen können, dass für sie und die Frauen allgemein alles noch genauso ist wie damals in den Fünfzigern.

Vor allem sind Frauen heute um Längen selbstbewusster und freier. Keine Frau glaubt heute noch, sie sei prinzipiell schwächer und weniger wert als ein Mann. Und im Vergleich zu vor dreißig, vierzig Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch das zwischen Kindern und Erwachsenen) sehr verändert. Sehr zum besseren. Und auch vieles andere hat sich verändert, wir müssen nur hinschauen.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat 1996 die These in die Diskussion gebracht, dass das Patriarchat zu Ende sei. Und zwar deshalb, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen „Kredit“ mehr einräumen. Sie forderte uns auf, nicht immer nur auf das Schlechte zu schauen, auf das, was noch beklagenswert ist (und klar, das ist viel!), sondern dass wir einfach mal dem Gedanken, es könne vielleicht vorbei sein, einen Raum in unserem Kopf einräumen. Dass wir eine Leerstelle schaffen in unserer Ideenwelt, die es möglich macht, dieses Ungeheuerliche – das Ende des Patriarchats – wirklich in Erwägung zu ziehen.

Eines ihrer Argumente scheint mir besonders wichtig: Sie fordert uns auf, auf das „ersparte Leid“ zu schauen. Auf das Leid, das Frauen heute nicht mehr ertragen müssen, weil es die Frauenbewegung gegeben hat und weil sich dadurch die Situation der Frauen wesentlich verbessert hat. Nicht überall auf gleiche Weise, aber doch auch nicht nirgendwo. Das ersparte Leid jeder Frau, die nicht mehr geschlagen wird, weil sie in ein Frauenhaus gehen kann, die nicht bei einer dilettantischen Abtreibung stirbt, die nicht Verkäuferin wurde, obwohl ihre große Leidenschaft etwas anders war – jedes einzelne dieses ersparten Leids ist „Freudensprünge“ wert (so hat Muraro ihren Artikel damals überschrieben).

Aber natürlich hat Bascha Mika auch an einem Punkt recht, wenn sie sagt, an den Strukturen habe sich nichts geändert. Ich würde zwar nicht sagen, es habe sich da gar nichts geändert, denn vor zwanzig, dreißig Jahren wäre es zum Beispiel vollkommen undenkbar gewesen, dass eine Frau Bundeskanzlerin, eine Ministerin schwanger und eine Frauenquote politisches und mediales Top-Thema ist. Aber tatsächlich halte auch ich diese Veränderungen auf struktureller Ebene für eher mickrig.

Aber für mickrig nicht im Vergleich zu dem, was das Minimalziel einer ordentlichen feministischen Revolution sein müsste, die Bascha Mika offenbar vorschwebt, sondern mickrig im Vergleich zur Größe der Veränderungen, die sich auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet bereits vollzogen haben und vor allem in den Köpfen der Frauen selbst.

Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum es so schwer fällt, die Errungenschaften der Frauenbewegung überhaupt nur wahrzunehmen. Eine Erklärung dafür gibt die Diotima-Philosophin Diana Sartori in einem Text über „Das Mehr der Politik und das Weniger der Macht“, den ich gerade ins Deutsche übersetze. Sie beschreibt, dass in der westlichen Ideengeschichte ein Bild von „Revolution“ gezeichnet wurde, das auf einem immer wiederkehrenden Zirkel beruht: Ein alter Patriarch, der im Lauf seiner Herrschaft immer mehr verknöcherte, wird von revoltierenden Söhnen vom Thron gestoßen, die dann wiederum sich selbst auf den Thron setzen, ihre Macht konstituieren, im Laufe der Zeit ihrerseits verknöchern, dann wiederum vom Thron gestoßen werden und so weiter und so weiter. Die Frauen nehmen in diesem Zyklos die Rolle der „Königsmacherinnen“ ein, sie sollen die Söhne bei der Revolte unterstützen und dann wieder in ihre versorgende Hintergrundsrolle zurücktreten.

Diese „ödipale“ Vorstellung von Revolution in der westlichen Ideengeschichte, wie Sartori das nennt, kann sich gesellschaftliche Veränderung also nur in Form eines eruptiven Ausbruchs des Politischen vorstellen. Mit anderen Worten: Wenn kein König vom Thron gestoßen und kein neuer installiert wurde, dann ist nichts passiert. Dann hat es keine Revolution gegeben. (Über diesen Mechanismus denke ich derzeit auch im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten nach).

Und weil die Frauenbewegung eben keinen König gestürzt hat und selbst nicht vorrangig nach konstitutioneller Macht strebte, erscheint es uns so, als wäre eben nichts geschehen. Als habe es keine Erfolge, keine Veränderungen gegeben. Aber das ist ein Irrtum.

Politik geschieht eben nicht nur in den so genannten „revolutionären Momenten“, in denen sich etwas Aufgestautes entlädt. Politik geschieht jederzeit im Alltag. Politik ist, wenn Eheleute diskutieren, wer die Hausarbeit macht, wenn in der Schule kulturelle Konflikte ausgetragen werden, wenn an den Arbeitsplätzen neue Modelle zur Vereinbarkeit von Büro- und Familiendiskutiert ausprobiert und installiert werden, wenn Erzieherinnen für Qualität in den Kitas kämpfen, wenn in den Redaktionen darüber nachgedacht wird, wie in der Berichterstattung Rollenklischees abgebaut werden könnten und so weiter. Und vor allem ist Politik, wenn zwei Frauen sich über ihre Wünsche und Vorstellungen, wie die Welt sein soll, austauschen und gemeinsam überlegen, wie sie das in der Welt umsetzen können.

All diese Anstrengungen und Verhandlungen sind es, die eine Gesellschaft wirklich und nachhaltig verändern. Sie brauchen dafür keinen großen Knall, keine revolutionäre Eruption. Vielmehr verhält es sich genau anders herum: Kommt es, aus welchen Gründen auch immer, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu einer revolutionären Situation, dann werden all diese kleinen politischen Veränderungen und Mühen plötzlich eminent wichtig. Denn nur sie können sicherstellen, dass eine Revolution auch wirklich eine Revolution ist – und  nicht einfach eine weitere Runde im alten, langweiligen, ödipalen Ritual zwischen verknöcherten Vätern und revoltierenden Söhnen.


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37 Gedanken zu „Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen.

  1. Also das Alles besser geworden ist wage ich zu bezweifeln.

    Staatsverschuldung, Verstrickung in Kriege, EU-Bail-Out usw. Früher konnte mein Vater mit einem Gehalt als einfacher Handwerker 4 Kinder durchbringen und es war Geld da für ein Häuschen und Urlaub. Ohne das meien Mutter arbeiten musste. Und heute?

    Wir sind bald pleite…und dann?

    Ich sehe Feminismus als Wohlstandsphänomen mit dem es auch ganz schnell wieder vorbei sein kann.

  2. Pingback: Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen. « Aus Liebe zur Freiheit | Claudia Troßmann | Fundgrube

  3. Ein sehr guter Text, der mir in zweifacher Hinsicht „die Augen öffnet“ – oder die Tomaten runternimmt.

    Wie viel hat sich – trotz allem – verändert. Und: Es lohnt sich, die kleinen Schritte zu gehen.

    Außerdem freut es mich, dass jemand die Langweile gegenüber dem Männer-Macht-Ritual-Kampf teilt und ausspricht.

  4. Du hast einen Punkt ziemlich gut getroffen: wenn wir nicht nur einen Machtwechsel von Mann zu Frau wollen sondern wieder zu einem ohne Macht-, sprich ohne Hierarchie-Miteinander wollen, zu dem was uns als Kooperation in die Wiege gelegt wurde, dann geht das kaum über einen Weg der Gewalt sondern nur durch überzeugtes Vorleben. Und das dauert. Aber die Zeichen für mehr Kooperation ist auch in den Firmen zu beobachten. Der Umgang geht immer mehr hin zum fürsorglichen Miteinander. Denn langfristig hat eine Mentalität der Ellbogen keinen Erfolg. Sonst wäre in der Evolition der Mensch bis vor ein paar tausend Jahren auch nicht so erfolgreich gewesen. Nur in den letzten 5.000 – 7.000 war uns etwas verloren gegangen. Aber vieleicht holen wir uns das ja jetzt wieder zurück.
    VG, Martin

  5. Schön, dass Sie nicht in die alten Grabenkämpfe fallen. Diese Gräben werden meiner Meinung nach immer künstlich aufgerissen, sobald es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit geht.
    Ich denke, es hat sich eine Menge verändert seit meiner Eltern- oder gar Großelterngeneration (ich bin 40). Und dass viele Männer wie Frauen nach wie vor in alten Rollenmustern feststecken, hat eben auch damit zu tun, dass tradierte Rollenbilder systemisch lange nachwirken und vielleicht auch damit, dass nicht alle die Rollen tauschen wollen, was ja auch in Ordnung ist.
    Ich habe mich schon als Jugendliche darüber geärgert, Frauen in irgendeiner Form als schwach oder schutzbedürftig zu bezeichnen oder sie so großzuziehen. Zu glauben, man sei schwach, macht schwach. Zu glauben man müsse hart sein, macht hart. Ich möchte daran erinnern, dass die allermeisten Männer dieser Welt, von Ankara bis Augsburg, von Hamburg bis Hanoi und von Kairo bis Köln von Frauen erzogen wurden.
    Also Mädels: Ihr habt die Macht. Nutzt sie. Und gestaltet die Welt nach euren Wünschen.
    Und wenn es jemand interessiert, hier habe ich heute meine Gedanken zum Thema Quotendiskussion frei gelassen: http://mayarosasweblog.wordpress.com/2011/02/04/manner-frauen-und-die-quotendiskussion/

  6. Liebe Antje
    Ich lese deinen Blog nun seit einigen Monaten und bin immer wieder ganz glücklich über viele Augenöffner, die ich hier bekomme. Leider kann ich dir in diesem deinen jetzigen Post nicht zustimmen.
    Ich bin Studentin und habe weder an der ersten noch an der zweiten großen Frauenbewegungswelle mitgewirkt, aber von beiden profitieren dürfen und lese mich immer weiter rein, auch wenn ich mir über meine Position noch nicht wirklich im Klaren bin. Jedenfalls zu deinem Text: Ich glaube dass einiges erreicht worden ist, aber viel zu wenig. Vielleicht profitieren die meisten gut situierten Frauen davon, die (nicht mehr so) breite Mittelschicht sicher, die Stöckelschuhe haben und solche, die es sich leisten können, nostalgisch zu werden; aber ich glaube uns wird gar nicht klar wie wenig Fortschritt es für Frauen in prekären Situationen gibt und gab. Warum stellen Männer 99% der Wirtschaftselite in Deutschland? Warum entscheiden immer noch weiße, heterosexuelle Männer der Mittel- und Besitzenden Klasse, wer was in dieser Gesellschaft zueigen bekommt? Warum komme ich jeden Tag wieder neu in eine Situation hinein, in der Männer mich im Gespräch zu dominieren versuchen und mich am liebsten lächerlich machen, wenn sie mich nicht kleinkriegen können? Warum bekomme ich jedesmal wieder neu, als ob sie es gerade neu erfunden hätten, mit dem Biologismus zu tun, der mich angeblich dazu verdammen soll, schlecht einzuparken?
    ,,Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.“
    Ich glaube es ist leichtsinnig zu glauben, dass diese Strukturen sich anpassen wollen. Und du hast diese Strukturen auch entpersonalisiert, anstatt ihnen Namen zu geben. Wer sind denn diese Strukturen, bzw. wer steht dafür ein, dass sie erhalten bleiben? Niemand will Macht abgeben, kein Privilegierter will seine Privilegien aufgeben. Ob es nun weiße männliche Akademiker oder – weibliche Akademiker sind. Ich glaube es ist leichtsinnig auf einen bloßen Gesinnungswandel zu vertrauen; ich glaube, man muss wirklich auch die ökonomischen Verhältnisse betrachten. Und wenn man dann auf diestandard.at liest, dass der Gehaltsunterscheid zwischen Männern und Frauen heute prozentual genauso hoch ist wie vor 100 Jahren, dann haben wir wirklich wenig erreicht.

  7. Es hat sich schon einiges verändert, aber nicht unbedingt zum Besseren und das vorallem nicht für Frauen. Vorallem aber, und das ist mein zentraler Vorwurf an die westdeutsche Frauenbewegung, bestand die Politik vornehmlich aus der Vermittlung modernisierter Ideologeme zur Reduzierung der Bedürfnisse und Lebensentwürfe von Frauen auf geänderte männliche und patriarchale Herrschaftsansprüche. Es galt also die Zurichtung der Frauen auf die geänderte Lebenswirklichkeit von Männern „umzuprogrammieren“ und dazu durchzusetzen, dass Frauen sich nicht mehr beschweren wollen, sondern sich fröhlich glucksend in die neue Unterwerfung begeben, weil das alles ja ein Effekt der Frauenbewegung ist und eine Frau sich darüber zu feuen hätte. Aber wenn wir nicht irgendwann aufhören, uns selbst die Taschen vollzulügen, nämlich darüber, dass das Erreichte ein Vorteil für Frauen wäre, nur weil es die Frauenbewegung erreicht hat, kommen wir kein Schritt weiter als eben zum Abfeiern der modernisierten Herrschaft der Männer über die Frauen und Kinder. Aus meiner (einer ostdeutschen) Perspektive hat die westdeutsche Frauenbewegung nur eines erreicht: sie bietet Frauen die kapitalismuskonforme Ideolgie zur Akzeptanz modernisierter Unterwerfung unter die Herrschaft der Männer bei gelebter männlicher Vielfalt. Wir sind also mittendrin im Patriarchat und manche nur zu bewegungsverliebt, um das noch zu erkennen. Für das, worüber man sich heute als Frau freuen soll, müssen wir uns schämen. Wir haben uns den dicksten Bären aller Zeiten aufbinden lassen und zwar den, dass eine Frauenbewegung im patriachalen Kapitalismus so einflußreich werden kann, dass sie tatsächlich Vorteile für Frauen erreichen würde. Tatsächlich wurden aber nur die Forderungen der Frauenbewegung „genehmigt“, die auch heute und selbstredend Männern unter geänderten Lebensverhältnisse nützlich sind. Denn die westdeutsche Frauenbewegung erkennt ja auch keine Emanzipation der Männer an und fordert sie fortwährend ein, tatsächlich aber haben sich vorallem die Lebensentwürfe für Männer vervielfacht und Frauen dürfen diese ebenfalls leben oder sich konservativen Patriarchen unterordnen. Das alles hat funktioniert, weil die westdeutsche Frauenbewegung nie progressiv und auch nie antikapitalistisch war, sondern sich in den Eckpunkten des kapitalismus bewegte und nicht darüber hinauswies und darum der Logik einer kapitalistischen Nutzbarmachung der „Ressource“ Frauen folgte, aber zudem die Herrschaft der Männer abzusichern. Heute haben Frauen also exakt zwei Möglichkeiten: Mit Männern, sich dabei unterordnend, gemeinsame Sache machen, um trotz aller Widrigkeiten fremdbestimmt zu leben oder sich gegen die Unterordnung unter männliche Herrschaft zu entscheiden und quasi in Notwehr selbstbestimmt leben. Das heute ist ein Patriarchat im Brionianzug, das Frauen zwar zwei Alternativen bietet (leb als moderner „Mann“ oder als „alte“ Frau), aber auch keine Vielfalt dazu – während Männer die Vielfalt der neuen Möglichkeiten abfeiern und weiter Herrschaft ausüben, aber mit neuen Instrumenten und auf anderen Ebenen.

    Mit allem Respekt, aber da gefriert mir mir die Freude auf den Lippen. Mir ist das echt zu wenig. Ich will mehr, ich will Selbstbestimmung mit Vernunft und Verstand.

  8. @Isi – Ich finde dein Bild von der „westdeutschen“ Frauenbewegung zu einseitig. So homogen war sie ja auch wieder nicht.Ich finde es zwar interessant, ostdeutsche und westdeutsche Frauenbewegung zu vergleichen, aber sie hatten wohl beide so ihre Macken, ebenso wie ihre guten Seiten, und die kann man doch durchaus aneinander würdigen. Übrigens waren ja die Ideen, die ich in diesem Post speziell aufgreife, sind gar keine „westdeutschen“, sondern italienische. Und vor der Alternative, die du am Ende aufmachst (sich Männern unterordnen oder „in Notwehr“ selbstbestimmt leben), stehe ich persönlich edenfalls überhaupt nicht, und viele andere Frauen, die ich kenne, auch nicht. Ansonsten: Klar, mehr will ich auch. So what? (ich freue mich übrigens schon auf unsere Debatten in Magdeburg. Das wäre vielleicht auch ein feiner Podcast :))

  9. @ Antje

    Natürlich war die westdeutsche Frauenbewegung nicht homogen, aber die linken Alternativen erfolgloser als der konservative und kapitalismuskonforme Teil und nur dem systemkonformen (und mit System meine ich Patriarchat und Kapitalismus) wird und wurde überhaupt zugestanden, etwas bewegt zu haben. Eine Würdigung der Widersprüche findet im Feminismus wie auch in deiner Huldigung nicht statt. Auch wird die Frage nicht gestellt, warum ausgerechnet das erfolgreich gewesen sein soll, was sich – als Errungenschaft der Frauenbewegung angneoemmen- durchgesetzt hat. Die Frage nach dem WARUM und WAS konkret durchsetzbar war, trotz Männerherrschaft, wird bisher überhaupt nicht diskutiert, sondern einfach der „Rückzug“ der Männerherrschaft als „Errungenschaft“ der Frauenbewegung gefeiert. Es wird einfach Erfolg angenommen und behauptet, der so nur nachvollziehbar ist, wenn man sich mit dem identifiziert, was da durchgesetzt wurde. Ich kann das einfach aus linker Perspektive nicht: Geichberechtigung im Kapitalismus ist kein Fortschritt, sondern großer Mist. Den Erfolg kann ich nisht feiern, weil es auch weitaus traurigere Erklärungsmodelle gibt, die ich nicht ausschließen kann. Eines davon beschrieb ich hier: Die Männer haben sich aus dem alten Patriarchat in eines neues emanzipiert (wenn auch nur zum Teil, sie differenzieren sich aus) und leben die neuen Möglichkeiten etlicher Lebensentwürfe für Männer (und davon gibt es reichlich). Diese veränderten Bedingungen für Männer in modernen Verhältnissen erfordern auch flexiblere und moderne Herrschaftsinstrumente zur Unterdrückung der Frauen. Und genau das erleben wir gerade, die Modernisierung eines überlebten Patriarchats, das sich an die Anforderungen kapitalistischer Logik anpaßt. Die Frauen sind also nur so frei, wie „moderne“ Männer und Kapitalismus in einer Demokratie zulassen. Fatal ist eben dabei nur, wenn auch noch von Frauen erwartet wird, diese „Errungenschaften“ zu „würdigen“. Ich kann das nicht.

    Und tatsächlich: Ein Mann hat heute viele Möglichkeiten, weit über die traditionelle Männerrolle (Ernährer) hinaus, d. h. aber nicht, dass nun auch alle Männer die Frauen als gleichberechtigte Mitmenschen akzeptieren und auf liebgewonnene Geschlechterhierarchie und Herrschaft verzichten. Aber realistisch und erfahrbar ist, wie die Schrauben an der einen Stelle etwas gelockert werden, um sie woanders anzuziehen. Das Patriarchat trimmt sich (und die Frauen) dabei adrett auf kapitalismustauglich und wirkt gleich ein bisschen gerechter, nur weil es die Frauen den Männern als Arbeitnehmer, Wähler und Humankapital gleichstellt. Der Erfolg der Frauenbewegung in der BRD (die Zustände in Italien kenne ich nicht), der zu würdigen ist, ist die Überführung eines Teils der Frauenschaft aus dem Patriarchat in den Kapitalismus, ein anderer aber bleibt dabei wo er ist (in Abhängigkeit zum Mann) und ein anderer ist die Schwungmasse im Geschlechterkampf.

    Wenn ich aber nur mal wüßte, was konkret ich nun zu würdigen habe, könnte ich auch die Erklärung beibringen, warum das Konkrete (bestenfalls als Gleichstellung im kapitalistschen Elend) aus linker Perspektive nicht zu würdigen ist.

  10. Bin schon müde, nur zwei Punkte, der mit sofort einfällt, der sehr zu würdigen ist: Die Öffentlichmachung und Skandalisierung von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Und: Die Bewusstmachung dass Erwerbsarbeit nur ein Teil der Arbeit ist.

  11. Jetzt bin ich aber überrascht, beides würde ich für Errungenschaften der empirischen Sozialforschung halten. Wenn man nämlich nun mal Daten einer Gesellschaft empirisch erfaßt, kommt man einfach nicht daran vorbei, die Ungerechtigkeiten auch zu benennen und das auch so überzeugend zu können, dass es zum Skandal wird.

    Aber wenn du das dazu zählst, ja, dann kann ich dir recht geben, das ist zu würdigen! Das sehe ich genau so, ohne jeden Zweifel ein sozialer Fortschritt, nur würde ich den nicht der Frauenbewegung zuschreiben, sondern dem Fortschritt der Sozialwissenschaften. Eine Instrumentalisierung der Forschungsergebnisse durch die Frauenbewegung will ich jetzt nicht behaupten, weil ich nicht weiß, in wie weit die Frauenbewegung und empirische Sozialforschung aufeinander Bezug nehmen und welche Verbindungen für was gesorgt haben. Es kann tatsächlich sein, dass gerade in der BRD erst die Frauenbewegung verursacht hat, dass Frauen überhaupt am Wissenschaftsbetrieb teilnehmen konnten und auch diese Frauen diese Ergebnisse lieferten und so erst zustande kam, was dann wieder durch Teile der Frauenbewegung skandalisiert wurde. Vielleicht ist die Frauenbewegung in der BRD tatsächlich dafür verantwortlich, dass Geschlechterungleichheiten wissenschaftlich erforscht wurden, kann sein, in der DDR war dafür der Sozialismus verantwortlich. Vielleicht rührt daher meine Verwirrung, denn die Verantwortung für diese zwei genannten Errungenschaften der Frauenbewegung zuzschreiben, gelingt ja nur vor westdeutschen Verhältnissen – also bei der kompletten Unsichtbarmachung und Verleugnung eigener weiblicher Befindlichkeiten und daraus resultierenden Ungleichheiten im Patriarchat, wogegen die Frauenbewegung angetreten ist.

  12. „Die Öffentlichmachung und Skandalisierung von Gewalt gegen Frauen und Kinder.“

    Das halte ich nun allerdings für ein Eigentor, da Gewalt gegen Kinder im wesentlichen von Frauen ausgeht und die Benennung dieser Gewalt weiterhin mit Tabus verhindert wird.
    Im übrigen deutet die „Skandalisierung von Gewalt gegen Frauen“, bei gleichzeitigem Verschweigen und Verharmlosen der weitaus umfangreicheren „Gewalt gegen Männer“ in meinen Augen auf genau das hin, was Du beklagst – ein neuer König soll auf den Thron, und genauso langweilig wie immer greifen auch Frauen zu den Mitteln, die schon immer bekannt sind, nämlich Diffamierung, Verschweigen, Falschdarstellung etc.

    Das neue ist doch nur, dass heutzutage die Kosten-Nutzen-Rechnung für Frauen ergibt, sich nicht hinter Männern verstecken zu müssen ( den instrumentalisierten Söhnen, die aber weiterhin gern genutzt werden), sondern eben selber nach der Krone greifen zu können.

    Schön, das ist ein Fortschritt – Frauen können da vielleicht vor Begeisterung drüber jubeln. Für Männer scheint es eher auf ein „same procedure as every year“ hinauszulaufen, zumindest, solange sie kein Königssohn sind.

    Die Bewußtmachung, dass Erwerbsarbeit nur ein Teil der Arbeit ist, hat nun in meinen Augen auch bisher nur zu der Erkenntnis geführt, dass man ein Einkommen nur für die Arbeit verlangen kann, die man im Auftrag eines anderen ausführt – und es zieht eben jeder seine Kinder für sich selbst groß und putzt sein Klo für sich selbst. Dass Erwerbsarbeit nur ein Teil der Arbeit ist, ist sogesehen leider trivial.

  13. @Isi – Die Sozialwissenschaften finden immer nur das heraus, was mehr oder weniger bereits gesellschaftlicher Konsens ist. Sie erforschen nur das, wofür es gesellschaftlich-kulturell ein Interesse gibt. Deshalb hat es nicht nur etwas damit zu tun, dass es durch die Frauenbewegung auch mehr Sozialwissenschaftlerinnen gab, die ihre Themen dort einbrachten, sondern auch damit, dass durch die politische Arbeit der Frauenbewegung neue Fragestellungen herangetragen wurden. Zum Beispiel lässt sich die Frage, ob es in einer Ehe Vergewaltigung geben kann oder nicht, ja nicht sozialwissenschaftlich erforschen. In einer Kultur, die davon ausgeht, dass verheiratete Frauen zum Sex verpflichtet sind, ist Vergewaltigung in der Ehe qua Definition nicht möglich. Oder in einer Gesellschaft, die Ohrfeigen und Hintern Versohlen für ganz normale Erziehungsmethoden hält, wird es auch kein Interesse daran geben, die Häufigkeit dieser Schläge zu erforschen. Von daher hängt die Sozialwissenschaft immer vom politisch-gesellschaftlichen Diskurs ab – und bei den beiden von mir oben angeführten Themen war es imho ganz klar die Frauenbewegung, die sie auf die politsch-kulturelle Tagesordnung gebracht hat.
    Bist du denn wirklich der Meinung, im DDR-Sozialismus habe es kein Patriarchat gegeben? Ich frage aus zwei Gründen: Einmal weil mir Frauen, die in der DDR gelebt haben, auch schon anderes erzählt haben, und zweitens, weil ich mir das wirklich nicht so recht vorstellen kann, wenn man sich die westlichen sozialistischen Männer der 60er Jahre anschaut.

  14. Ich habe den Blog auch erst vor kurzen entdeckt und er gefällt mir super gut. Ich komme immer wieder gerne vorbei um mir neue Ideen und Impluse zu holen. Danke!

  15. @Bäumchen – Sorry, war gestern den ganzen Tag unterwegs und hatte mich dann in den Disput mti Isi verwickelt, sodass ich ganz vergaß, dir zu antworten. Alles was du sagst, stimmt, aber diese Veränderung in den Köpfen der Frauen ist imho gerade nicht nur bei den privilegierten Mittelklassen passiert, sondern bei allen Frauen. Auch die Mädchen in den Hauptschulen sind sehr selbstbewusst und machen auf mich jedenfalls nicht den Eindruck als würden sie sich für schwächer und weniger Wert halten als Frauen. Dass die Strukturen sich nicht „anpassen“ wollen, das ist doch klar, und meine Politik besteht auch nicht darin, auf so ein Wunder zu warten. Die Frage ist nur, von wo aus man etwas verändert. Und eine Position, die diesen Strukturen „keinen Kredit“ mehr gibt, ist dabei imho kritischer und langfristig auch erfolgreicher.

  16. @Andreas – Ja, dein Bild vom „Eigentor“ zeigt halt, dass du gedanklich im Lobbyismus Männerinteressen-Fraueninteressen stecken bleibst. Zur „Skandalisierung von Gewalt“ bei der Frauenbewegung gehört eben auch die selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten den eigenen Kindern gegenüber. Es geht eben überhaupt nicht um Kosten-Nutzen-Rechnungen sondern um die Arbeit an einer guten Welt für alle.

  17. Ich bin genauso alt wie Bascha Milka und staune, wie man so drauf sein kann wie sie!

    1966 wurde noch diskutiert, ob Mädchen Hosen tragen dürfen, Scheidungen erforderten übles Herumrechten über „Schuld“ und entsprechende Beweise. Abtreibungen waren weitgehend verboten, frau musste nach Holland fahren oder sich einer „Kurpfuscherin“ anvertrauen. Ins Hotel durfte man nicht unverheiratet. Wollte eine verheiratete Frau arbeiten, brauchte sie die Erflaubnis des Mannes, in der Schweiz durfte sie noch nicht mal wählen! In Behörden und Betrieben war es (bis in die 70ger) selbstverständlich, dass die Frauen das Geschirr abwuschen, Sex vor der Ehe war noch ein Aufreger, ein Leben als Alleinerziehende fast unmöglich, auf jeden Fall schwer diskriminiert, genau wie „Geschiedene“ insgesamt. Und man glaubte allgemein ganz ernsthaft, Frauen könnten qua Geschlecht eine ganze Menge Dinge nicht, die Männer können. Als Nachrichtensprecherin waren sie z.B. total undenkbar!

    Ich könnte diese Aufzählung noch vielfältig fortführen und frage mich, wo Bascha Milka gelebt hat!

    Isi schreibt:

    „Geichberechtigung im Kapitalismus ist kein Fortschritt, sondern großer Mist.“

    Sorry, dem schließe ich mich nicht an und habe auch nie so gedacht. Ich hänge nicht der Idee an, dass alles zu Kritisierende allein dem Patriarchat anzulasten ist und empfand es auch immer als eine Unverschämtheit, das Verlangen der Frauen nach Gleichberechtigung mit dem Verweis abzutun, dass sich dadurch diese oder jene Zustände doch nicht im Grundsatz zum Besseren wenden.

    Was für eine ZUMUTUNG!!!

    Als hätten wir – anders als die Männer – gleich auch die Pflicht zur grundstürzenden Weltverbesserung, wenn wir die gleichen Chancen, gleichen Rechte, den gleichen Anteil am zu verteilenden Kuchen fordern! JA WARUM DENN? Wer will uns mit welchem Recht denn dazu verpflichten?

    Aus meiner Sicht geht gerade DIESER Anspruch von einem spirituell stock-konservativen Frauenbild aus, das nämlich Frauen als grundsätzlich liebere, sanftere, freundlichere, verzichtsbereitere Wesen ansieht. Frau als der „guter Mensch“, dessen Recht auf Machtbeteiligung (auf allen Ebenen) sich nicht aus dem schlichten Menschenrecht ableitet, sondern erst aus der erfolgreich abzuleistenden Weltverbesserung für alle.

    Auch Teile der westlichen Frauenbewegung sind zu meinem Leidwesen auf diesen Zug gesprungen! Ich vermute, weil es dem Ego gut tut, sich schon qua Geschlecht als die besseren Menschen anzusehen.

    Meinerseits wollte ich als Frau keine Pflicht zum moralisch-ethisch besseren Leben als Vorraussetzung zur Teilhabe an allem, was ist – womit ja immer auch eine GESTALTUNGSMACHT verbunden ist, es beschränkt sich eben NICHT auf das 1:1-Nachleben traditionell männlicher Formen!

    Welt verbessern ist eine vom Geschlecht unabhängige Aufgabe für ALLE. Das allen Ernstes Frauen als Bringschuld für Teilhabe aufzulasten, sehe ich als patriarchalen Schwachsinn bzw. trickreiche Perfidie, um Frauen in eher dienenden, marginalen Positionen zu halten.

    Schade, dass auch Frauen das mittragen!

  18. @Claudia – Ich vermute, wenn wir mit Bascha Mika direkt reden würden, dann käme heraus, dass wir gar nicht wirklich so weit auseinander liegen. Etwas Wahres ist schließlich an fast jeder These dran und bestimmt sind in ihrem Buch auch interessante und kluge Einsichten enthalten. Was sie da letztlich macht ist, dass sie sich dem Stil anpasst: Spitze deine Ideen auf eine so steile Behauptung zu, dass sie auf jeden Fall Kontroversen und Aufregung nach sich zieht. Und gerade das Ausprobieren, Einüben und Verbreiten einer anderen politischen Debattenkultur ist das, was ich an der Frauenbewegung mit am meisten schätze.

    Danke auch für deine Aufzählung wichtiger Verbesserungen. Stichwort „erspartes Leid“ eben, darauf kann man durchaus mal anstoßen!

  19. @ Antje

    In der DDR hat es vorallem keine solche Frauenbewegung gegeben, sondern Gleichberechtigung per Gesetz und über Verordnung. Es war also nicht notwendig, vie Protestbewegung um Menschenrechte für Frauen zu kämpfen, sie wurden ja überhaupt nicht erst beschnitten. Natürlich gab es auch in der DDR patriarchale Zumutungen, aber eben keine institutionalisierten und keine tradierte und konventionelle Diskriminierung von Frauen. Frauen und Männer WAREN gleichberechtigt, aber es stand auch jeder Frau frei, sich von einem Mann drangsalieren zu lassen – aber nur so lange wie sie das eben wollte. Offiziell waren Frauen und Männer auf jeder Ebene gleichgestellt und zwar mit der Verfassung und vor JEDEM Gesetz. Was den Rest angeht, da ist meine Haltung auch sehr speziell und ohne jeden zweifel DDR-sozialisiert. Ich find´s nicht schlimm, dass Kinder Frauensache sind und Männer sich um was anderes kümmern, aber ich finds schlimm, wenn der Anteil der Männer an der Familienarbeit und Kindererziehung nicht gewürdigt wird, weil er nicht „weiblich“ ist. Für mich sind die Anforderungen westdeutscher Feministinnen an eine Gleichberechtigung in der Beziehung viel zu abgehoben und manchmal sogar recht merkwürdig. Aber das führt hier zu weit. Worum es mir geht: Die Errungenschaften der westdeutschen Frauenbewegung anzuerkennen, funktioniert für mich nur über einen argumentativen Umweg und zwar jenen, die Sicherung der verfassungsmäßigen Rechte für Frauen eben jener Frauenbewegung zuzuschreiben. Ich halte es aber für einen Verdienst der demokratischen Verfaßtheit der BRD, dass auch Frauen nicht länger die verfassungsmäßig garantierte Gleichberechtigung mit dem Mann und sogar die Menschenrechte verweigert werden dürfen, wie es in der BRD lange Zeit und über die Wende hinaus üblich war (und ist). Nun kann es sein, dass für die Durchsetzung der Rechte von Frauen die Frauenbewegung verantwortlich ist, aber in der DDR sorgte dafür tatsächlich der Sozialismus und die Legislative. In der DDR mußte keine Frau je ihren Mann um Erlaubnis fragen, ob sie arbeiten darf und wenn ja, wie lange und wie oft. Solche Menschenrechtsverletzungen, die auch mit dem GG nicht vereinbar sind, gab es in der DDR nicht. In der DDR war die Selbstbestimmung der Frau gesetzlich garantiert und wurde auch gelebt, in der BRD kämpf(t)en Frauen gegen ihre Unterdrückung und Diskriminierung durch Staat (im allgemeinen) und Männer (individuell). Und ja, wenn ein Patriarchat institutionalisierte Männerherrschaft braucht, dann gab es das in der DDR nicht. Aber dennoch gab es reichlich Patriarchen und androzentrisch sozialisierte Frauen, ein Anspruch auf Gehorsam oder legalisierte Gewalt zur Durchsetzung männlicher Interesse gab es aber nicht. Das war in der BRD anders, da sind Männer auch gesetzlich privilegiert und die Frauen werden nicht nur täglich und auf vielerlei Arten sondern ganz legal und per Gesetz diskriminiert.

    Was das „ersparte Leid“ angeht, so möchte ich betonen, dass die Wiedervereinigung für DDR-Frauen ein durchaus leidvolle Erfahrung war. Ich kann darum nicht mit euch feiern, die „Errungenschaften“ sind für Neuankömmlinge aus der DDR, sehr bedauernswerte Rückschritte. Wir waren schon mal weiter und wir wären es auch heute schon, wenn die Gleichstellungspolitik in der DDR zur gemeinsamen Basis einer gesamtdeutschen Bewegung würde. Aber ich verstehe natürlich, wenn Frauen aus den alten Bundesländern das Grundgesetz feiern und sich freuen, dass dies nun auch für sie gilt und sie sich gegen üble Machos und Patriarchen doch noch Menschenrechte erstreiten können. Die Situation in der DDR war eine andere. Mir fehlt da bei all der Jubelei ein wenig das Verständnis dafür, was es denn für eine Frau aus der DDR heißt, nun im Westen leben zu müssen und „Errungenschaften“ zu feiern, die für sie vorallem tragisch sind.

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  21. @AntjeSchrupp:

    „Es geht eben überhaupt nicht um Kosten-Nutzen-Rechnungen sondern um die Arbeit an einer guten Welt für alle.“

    Allein schon die Geschichte und die Mythenbildung rund um obiges Thema „Mann kann Frau Arbeit verbieten“ zeigt, dass es nicht um eine gute Welt für alle geht, sondern Feminismus in der politischen Praxis simpler Lobbyismus für Frauen ist.

    Im übrigen verstehe ich auch nicht, wie es zu einer „guten Welt für alle“ kommen kann, wenn in dieser nicht jeder seine Interessen vertreten findet.

    Das hört sich so an, als ob Du an das Bild der „guten Frau“ glaubst, die völlig selbstlos für alle ihre Schäfchen schon das Richtige finden wird.

  22. Mich wundert es immer wieder, wenn ich Männer höre, deren Vorstellung von GUT ist, daß es möglich ist, daß ein Erwachsener (Mann) den Lebensunterhalt für sich und eine weitere Erwachsene (Frau) und mehrere Kinder erwirtschaftet. Und das ganze womöglich noch an dem heutigen Lebensstil eines Mittelstandshaushaltes gemessen. Ich finde, diese Phantasie zeigt gut, welche Schieflage in männlich dominierten Strukturen lag. Dass das vereinzelt IMMER noch existiert, erschreckt mich zuweilen, aber ich vertraue in dieser Sache auf die Zeit.
    Und ich behaupte, es ist besser geworden, daß jeder erwachsene Mensch für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen und aufkommen kann und muß. Gearbeitet haben Frauen schon immer viel. Leider in wirtschaftlicher Abhängigkeit, fremdbestimmt und in dem Teil der Existenzarbeit, die frau nicht in Rechnung stellen konnte. Aber jetzt bedeutet Arbeit für Frauen auch Freiheit und vor allem Unabhängigkeit von diesem alten Denkmuster, das hoffentlich bald vollständig dort verschwindet, wo es hingehört, auf die Müllhalde der Geschichte.

  23. Hallo Antje,

    ich denke auch, dass sich sehr viel verändert hat seit den Siebzigern. Frauen haben sehr viele neue Bereiche für sich gewonnen, und sie treten viel selbstbewusster auf.

    Andererseits erlebe ich auch immer wieder Momente, in denen ich erschrecke, wie viel doch immer noch beim Alten geblieben ist. Bei einer Diskussion an der Uni fühlte ich mich auf einmal fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt: Ein junger Mann argumentierte genau so wie ein ehemaliger Klassenkamerad („Frauen bekommen nun mal die Kinder“) wobei noch nicht einmal klar war, was er damit begründen wollte – wahrscheinlich nur eine diffuse Ungleichbehandlung.

    Was die Hauptschülerinnen anbelangt: In der Straßenbahn mögen sie sehr selbstbewusst auftreten, aber wenn sie nach dem Hauptschulabschluss keine Lehrstelle gefunden haben, sind sie weniger selbstbewusst und lassen sich in die Berufsschule für Hauswirtschaft stecken, während die Jungen in der handwerklichen Berufsschule landen.

    Eine andere Verhaltensweise, die mir immer stärker auffällt: sich hilflos geben, damit andere – Männer, aber auch Frauen – einer helfen, als Überlebensstrategie. Vielleicht gab es das früher auch, und es fällt mir nur stärker auf, weil ich bei mir selbst auch bewusster auf dieses Verhalten achte und versuche, es mir abzugewöhnen. Und wenn ich einem Mann klar mache, dass ich etwas lieber allein manage, wenn auch mit Mühe und Schwierigkeiten, als mir von ihm helfen zu lassen, knirscht es.

  24. Ich denke ebenfalls, dass sich sehr viel verbessert hat, was die Gleichberechtigung angeht. Ich vermute aber, dass viele Feministinnen alter Schule eben auch Intellektuelle waren. Und man als Intellektueller eben so ist, entwickelt man leicht fast überhebliche Allergien gegen das Gehabe der breiten Masse. Wenn die emanzipierte Frau die gleichen „Fehler“ machen möchte wie früher der Mann, dann darf sie das auch: Zur Bundeswehr gehen anstatt pazifistisch zu sein, einfach nur fBEEPen wollen anstatt transzendente Sexualität erleben, usw usf.

    Abgesehen davon gibt es für Freigeister nichts bizarreres als Menschen (egal ob Mann oder Frau), die auf Freiheit verzichten und sich daran nicht mal stören. Ob sie nun sich der Macht des anderen Geschlechts wie selbstverständlich hingeben oder der des Arbeitgebers – beides scheint mindestens verwunderlich, eher falsch. Aber wenn es die Betroffenen als normal empfinden, was dann?

  25. Frauen sind feige, bequem und vermaust – das ist für mich keine These, über die ich ernsthaft diskutieren kann oder will.

    Als ich den Taz-Artikel gelesen habe, habe ich mich erst mal gewundert und mir als nächstes gedacht, dass Bascha Mika jetzt offenbar den Sarrazin macht. Ich halte es für möglich, dass ihre Thesen Kalkül sind. Was Vernünftiges verkauft sich ja nicht gut.

  26. Jetzt fehlt noch ein homophober evangelikaler Fußballspieler, der ein Buch über Familie und konservative Werte schreibt. Und je primitiver sich das Volk zerfleischt, umso glänzender stehen die gegelten Guttenbergs da.

    Es kann sich nur um eine große Verschwörung handeln 😉

  27. A propos Tomaten und Revolution – die Fachfrau spricht (via Mailingliste erhalten):

    Rebellion in Ägypten: Offener Brief von Helke Sander an Redaktionen und JournalistInnen

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich möchte Sie bitten, bei Ihrer Berichterstattung über Ägypten auch besonders auf die Lage der Frauen einzugehen, bzw. diese zu Wort kommen zu lassen.
    In welcher Form sind sie beteiligt? Organisiert oder nicht? Wie wird ihre Mitarbeit aufgenommen? Welche Infrastrukturen schaffen sie sich? Welche Kritik von ihnen gibt es?

    Ich möchte nur daran erinnern, dass Frauen die iranische Revolution ganz wesentlich mit bestimmt haben. Sie waren aber die ersten, die brutal unterdrückt wurden. Man kann auch heute nicht dauernd vom Volksaufstand reden, wenn nur Männer zu sehen sind. Es ist einfach notwendig, diese Ereignisse auch unter dem Gesichtspunkt der Geschlechterfrage zu behandeln.

    Mit den besten Grüssen,
    Helke Sander

  28. Wieder mal ein sehr schöner, differenzierter Artikel. Ich sehe das sehr ähnlich: In den Köpfen, v.a. der Frauen, hat sich viel verändert, aber die Strukturen hinken hinterher. Was kein Wunder ist, wenn diese Strukturen langfristig immer noch von Männern voriger Generationen dominiert werden. Und natürlich resigniert frau dann irgendwann und geht, im Interesse eines angenehmen Lebens (denn: es geht ja gerade nicht darum, die Macht an sich zu reißen), doch den Weg des geringeren Widerstands und verwirklicht die Gleichberechtigung halt nur auf persönlicher statt auch auf karrieristischer Ebene. Oder sie hat, weil sie sich für bereits gleichberechtigt hält, von vorne herein die Strukturen nicht genug hinterfragt: Ich kenne Frauen, die sich zwar als Feministin bezeichnen (weil: sie emotional keinen Mann brauchen), aber kein Problem darin sehen, dass sie sich beim abendlichen Ausgehen genau darum keine Angst haben, doof angemacht zu werden, weil ihre männlichen Kumpels dabei sind, um sie zu beschützen…

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