Hillary machts möglich – Victoria wird endlich berühmt!

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Dank der Kandidatur von Hillary Clinton und den recht guten Chancen, dass sie Präsidentin von Amerika wird, wird jetzt auch Victoria Woodhull wieder entdeckt – die erste Frau, die für die Präsidentschaft kandidiert hat (1872) und die ich Mitte der 1990er Jahre aufgespürt habe. Damals schrieb ich meine Doktorarbeit in Politischer Ideengeschichte über feministische Sozialistinnen in der Ersten Internationale.

Bei deren Kongress in Den Haag 1872 wurde eine ominöse „Sektion 12“ aus New York auf Betreiben von Marx und Engels aus der Internationale ausgeschlossen – ebenso wie Bakunin und viele andere Anarchisten. Die Begründung war witzig: Diese „geistershakenden Bourgeoisweiber“ und ihren „Freie-Liebe-Humbug“ müsse man unterbinden, meinte Marx. Prompt wollte ich sie natürlich näher kennen lernen.

Und Voilà, erst wurde Victoria Woodhull ein Kapitel meiner Diss, ein paar Jahre später dann ein Buch, das aber in Deutschland damals nicht viel Aufsehen erregte. Die einzige, die damals auch gleich richtig fasziniert war, war Hilal Sezgin, die eine ganze großartige Seite in der Frankfurter Rundschau darüber schrieb, leider wurden solche Sachen damals noch nicht ins Internet gestellt. Aber ich habe noch eine Kopie und hüte sie wie meinen Augapfel 🙂

Damals war Victoria Woodhull übrigens auch in den USA noch ganz unbekannt, weil sie das schwarze Schaf der Frauenbewegung war. In den offiziellen Annalen der Frauenbewegung war sie bis Ende des 20. Jahrhunderts verschwiegen worden. In einer „Wer wird Millionär“-Show war die Frage nach Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin damals noch 500.000 Dollar wert, also: Kein Mensch kannte sie.

Inzwischen sind aber zahlreiche Biografien über sie erschienen, sie wurde in der „Seneca Hall of Fame“ aufgenommen, wo Protagonistinnen der amerikanischen Frauenbewegung gewürdigt werden. Und nun, wo sich mit Clinton die erste tatsächliche US-Präsidentin ankündigt, wächst auch außerhalb der Fachkreise das Interesse an ihrer frühen Vorgängerin.

Um dem ganzen Feuer zu geben, haben Ulrike Helmer und ich jetzt eine Neuausgabe meiner Biografie gebracht. Sie ist kürzer und knackiger, enthält nicht mehr so langatmig-gelehrte Abhandlungen über die amerikanische Zeitgeschichte, kurz: Ist eine Super-Gelegenheit, im Leben einer tollen Frau zu schmökern, ohne dass man großartig Vorkenntnisse braucht.

Beim Verlag findet Ihr alle Angaben zum Buch

Rezensionen sammle ich hier

Wenn Ihr generell über Woodhull auf dem Laufenden bleiben wollt, lest meinen Woodhull-Blog

„Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war es einfach nicht mehr da“

„Es genügt nicht, es sich so vorzustellen, dass jemand, der an den Rändern stand, sich nun plötzlich ins Zentrum des Szenarios stellte. Das war es nicht, was passierte, eher im Gegenteil: Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war das Szenario einfach nicht mehr da.“

– so erinnert sich die italienische Philosophin Luisa Muraro, 1940 geboren, an die „zweite Welle“ der Frauenbewegung. Und schreibt weiter:

„Um den Feminismus der zweiten Welle zu verstehen, muss man sich eine grundlegende, aber oft übersehene Besonderheit vor Augen führen, und zwar dass die Revolte damals von Frauen ausging, die in jeder Hinsicht als emanzipierte Frauen betrachtet wurden. Sie revoltierten gegen die Verpflichtung, die ihnen täglich auferlegt wurde und die viele verinnerlicht hatten, nämlich dass sie moderne und emanzipierte Frauen zu sein hatten, was in der Praxis bedeutete, sich einem Modell entsprechend darstellen und verhalten zu sollen, das von den Begehren, Interessen und Ideologien der Männer gebildet worden war. Diese Frauen, die als privilegiert betrachtet wurden, haben das Szenario der Modernität „ruiniert“, in den Ruin getrieben. Denn dieses Szenario der Modernität war in jeder Hinsicht auf Frauen angewiesen, sowohl auf die privilegierten als auch auf die weniger gut gestellten. Es stützte sich auf jene Mauer, die Öffentliches und Privates trennte: Im Privaten lag viel von der Wahrheit über die weiblichen Lebensbedingungen und auch über das männliche Elend verborgen. Indem sie das Angebot der Emanzipation ablehnten, haben die revoltierenden Frauen diese Mauer eingerissen.“

Die Auszüge stammen aus einem kleinen Interviewband, in dem Muraro, Mitbegründerin des Mailänder Frauenbuchladens und der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona, im Gespräch mit Riccardo Fanciullacci aus ihrem feministischen Leben erzählt. Ich habe einen längeren Abschnitt daraus, in dem sie noch genauer beschreibt, was ihrer Ansicht nach charakteristisch für die Frauenbewegung der 1970er Jahre war, für das Forum Beziehungsweise Weiterdenken übersetzt,dort könnt Ihr also mehr finden.

Der Matriarchats-Diskurs in der Frauenbewegung

Gab es in früheren Zeiten ein Matriarchat, also Gesellschaften, in denen Frauen nicht als zweitrangige, über den Mann definierte Wesen galten, sondern im Zentrum standen? Oder handelt es sich dabei um einen Wunschtraum heutiger Feministinnen, um eine Rückprojektion? Sind Matriarchats-Theorien – die ursprünglich ja von männlichen Denkern wie Bachofen geprägt wurden – eine Hilfe oder eine Hürde auf dem Weg zu weiblicher Freiheit?

Seit 150 Jahren wird über diese Frage intensiv diskutiert, und teilweise mit harten Bandagen. Die Wissenschaftlichkeit von Matriarchatsforscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth wird immer wieder angezweifelt. Doch auch auf der Gegenseite wird häufig unlauter argumentiert.

Es ist offenbar schwer, sich dem Thema von einem neutralen Standpunkt zu nähern. Denn die Frage, ob Gesellschaften grundsätzlich anders organisiert sein können, als wir das nach 5000 Jahren Patriarchat gewohnt sind, ist nicht nur von akademischem Interesse. Sie betrifft den Kern der menschlichen Politik, und daher ist jede Theorie dazu – ob pro oder contra – unweigerlich mit einer eigenen politischen Standortbestimmung verknüpft.

Helga Laugsch hat in ihrer Doktorarbeit, die jetzt in einer überarbeiteten und erweiterten Auflage vorliegt, den Diskurs über die Matriarchatstheorien in der zweiten Frauenbewegung dokumentiert. Dabei geht sie davon aus, dass aufgrund der Quellenlage es unmöglich ist, zweifelsfrei zu beweisen, ob es Matriarchate gegeben hat oder nicht. Aber dass es dennoch höchst aufschlussreich ist, die Art und Weise zu betrachten, wie darüber debattiert wurde (und wird).

Ein detailliertes, quellenreiches und lesenswertes Buch, das einen in der öffentlichen Debatte meist unterbelichteten Diskurs der zweiten Frauenbewegung dokumentiert.

Helga Laugsch: Der Matriarchatsdiskurs (in) der Zweiten Deutschen Frauenbewegung. Herbert Utz Verlag, München 2011, 485 Seiten, 50 Euro.

Die Frauenbewegung im Geschichtsbuch

Grade habe ich das neue Reclam-Büchlein „Die Geschichte der Frauenbewegung“ von Michaela Karl gelesen, und ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Einerseits ist es ja schön, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, all das mal schön säuberlich aufzuschreiben: Die ganzen Versammlungen, die Namen der Berühmtheiten, die Jahreszahlen. Andererseits, ich weiß nicht, bleibt ein schaler Geschmack. Ist das die Frauenbewegung?

Mit Geschichtsbüchern hatte ich schon immer so meine Probleme, egal ob es um die alten Griechen ging oder um die Sumerer, die, soweit ich erinnere, noch früher waren. Ich konnte mir diese Sachen einfach nicht merken. Durch Prüfungen habe ich mich durchgemogelt. Zum Beispiel erinnere mich noch dran, wie ich bei meiner Grundstudiums-Klausur in Kirchengeschichte auf dem Weg zur Uni mir die wesentlichen Zahlen von meiner besser bewanderten Kommilitonin aufsagen ließ, ich behielt sie genau so lang, bis die Klausur geschrieben war. Besagte Kommilitonin fiel aus allen Wolken, als ich nicht mal das Jahr der Französischen Revolution wusste.

Heute kann ich mir gar nicht vorstellen, wie man das Jahr der Französischen Revolution nicht wissen kann, aber das liegt daran, dass mir die Französische Revolution etwas bedeutet. Sie war das Datum, zu dem die Gleichheit der Männer sich als politische Idee in Europa durchsetzte und der Ausschluss der Frauen aus der Politik besiegelt wurde. Das steht natürlich in keinem dieser Geschichtsbücher.

Die Punischen Kriege sagen mir was, seit ich mit großem Vergnügen „Hannibal“ von Gisbert Haefs gelesen habe und seither ein Fan von Kathargo bin und das Römische Imperium in die zehn größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte einordne. Im Geschichtsunterricht war mir hingegen nie klar geworden, was für einen Sinn es haben soll, sich mit punischen Kriegen zu beschäftigen.

Die Geschichtsbücher waren für mich vielleicht auch deshalb so langweilig, weil praktisch keine Frauen drin vorkamen. Ungefähr Mitte der 1980er Jahre begann unter Frauen die Diskussion darüber, dass das ja eigentlich unsäglich ist, und los ging die Welle der historischen Frauenforschung. Seither sind Unmengen von Sachen erforscht worden, die die Männer vorher „vergessen“ hatten, und das ist natürlich gut so. Trotzdem blieb das Ganze für mich etwas unbefriedigend, irgendwie wirkte die Geschichte der Frauen so „drangeklatscht“ an die Männergeschichte. Dazu habe ich schonmal einen Vortrag geschrieben, den es auch als Podcast gibt.

Und jetzt gibt es also auch die Geschichte der Frauenbewegung von der Aufklärung bis heute auf handlichen 250 Seiten zum Nachschlagen. Sicher irgendwie eine feine Sache, aber andererseits genauso dröge wie die Geschichte der punischen Kriege.

Es liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. In Geschichtsbüchern werden komplexe Ereignisse auf kurze Spotlights zusammengeschnurrt. Differenzierte soziale Bewegungen mit Unmengen von Akteurinnen werden kristallisiert zu den vier, fünf „wichtigen“ Persönlichkeiten, vielschichtige Debatten in zwei, drei „Hauptkonfliktlinien“ kondensiert, und das Ergebnis ist dann einfach falsch.

Manchmal richtig falsch, weil die Autorinnen solcher Bücher die Ereignisse ja nicht wirklich selbst erforschen, sondern aus der sich schon als maßgeblich etabliert habenden Literatur das Wichtigste abschreiben, auch wenn es falsch ist. In diesem Fall wird zum Beispiel für die amerikanische Frauenbewegung mal wieder Victoria Woodhull verschwiegen (auch über die gibt’s von mir einen Podcast) und ihre Wahlrechtskampagne Susan Anthony ans Revers geheftet. So steht es halt überall, also muss es wahr sein. Ist es aber einfach nicht.

Aber falsch sind diese Geschichtsbücher nicht nur, weil sie Fehler, die sich einmal etabliert haben, immer und immer wieder wiederkäuen, sondern weil sie auch dann, wenn die Fakten stimmen, ein falsches Bild abgeben. Geschichte ereignet sich nicht in historischen Daten und historischen Persönlichkeiten.

Die Frauenbewegung hat das mit ihrer Kritik an der männerzentrierten Geschichtsschreibung eigentlich entlarvt gehabt. In dem Moment, als klar wurde, dass sie falsch sein muss, weil eine Hälfte der Menschheit überhaupt nicht drin vorkam, wäre das eigentlich eine Chance gewesen, das Konzept „Geschichtsbuch“ einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Und zu überlegen, wie man das mit der Erinnerung und der Bezugnahme auf die Vorgängerinnen und Vorgänger vielleicht sinnvoller bewerkstelligen könnte.

Stattdessen wurden die Frauen „gleichgestellt“. Einige von ihnen wurden in die Geschichtsbücher aufgenommen (immer noch ziemlich wenige übrigens), und auch ihre soziale Bewegung bekommt jetzt ein Geschichtsbuch. Mit dem Ergebnis, dass die Falschheit des Konzeptes „Geschichtsbuch“, so wie wir es kennen – also entlang von Jahreszahlen bedeutender Ereignisse und Würdigungen bedeutender Personen – noch ein bisschen mehr verschleiert wurde. Dumm gelaufen, eigentlich.

Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Reclam Sachbuch, Ditzingen 2011, 6 Euro. 


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Tomaten auf den Augen. Über Revolutionen.

© Barbro Bergfeldt - Fotolia.com

Heute lese ich in der taz über das neue Buch von Bascha Mika, der ehemaligen taz-Chefin, in dem sie die These vertritt (offenbar in genau solch harschen Worten), dass Frauen feige und bequem seien und daher selbst schuld an ihrer Benachteiligung. Bei der Buchpräsentation, von der hier berichtet wird, hat sie offenbar gesagt: „Aber was hat sich denn geändert, seit wir die Strukturen beklagen? Nichts.“

Das finde ich nun interessant. Bascha Mika ist 1954 geboren, müsste sich also noch zehn Jahre besser als ich an die Zeiten vor der Frauenbewegung erinnern. Wie kann sie sagen, es habe sich nichts geändert seit den 1960er Jahren? Wer das sagt, muss wirklich Tomaten auf den Augen haben.

Klar, es mag einer nicht alles gefallen, was die jungen Frauen heute machen, ihre Stöckelschuhe zum Beispiel, oder auch ihre manchmal nostalgischen Vorstellungen vom Familienglück. Aber so oder so wird man kaum sagen können, dass für sie und die Frauen allgemein alles noch genauso ist wie damals in den Fünfzigern.

Vor allem sind Frauen heute um Längen selbstbewusster und freier. Keine Frau glaubt heute noch, sie sei prinzipiell schwächer und weniger wert als ein Mann. Und im Vergleich zu vor dreißig, vierzig Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen (und übrigens auch das zwischen Kindern und Erwachsenen) sehr verändert. Sehr zum besseren. Und auch vieles andere hat sich verändert, wir müssen nur hinschauen.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro hat 1996 die These in die Diskussion gebracht, dass das Patriarchat zu Ende sei. Und zwar deshalb, weil die Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie ihm keinen „Kredit“ mehr einräumen. Sie forderte uns auf, nicht immer nur auf das Schlechte zu schauen, auf das, was noch beklagenswert ist (und klar, das ist viel!), sondern dass wir einfach mal dem Gedanken, es könne vielleicht vorbei sein, einen Raum in unserem Kopf einräumen. Dass wir eine Leerstelle schaffen in unserer Ideenwelt, die es möglich macht, dieses Ungeheuerliche – das Ende des Patriarchats – wirklich in Erwägung zu ziehen.

Eines ihrer Argumente scheint mir besonders wichtig: Sie fordert uns auf, auf das „ersparte Leid“ zu schauen. Auf das Leid, das Frauen heute nicht mehr ertragen müssen, weil es die Frauenbewegung gegeben hat und weil sich dadurch die Situation der Frauen wesentlich verbessert hat. Nicht überall auf gleiche Weise, aber doch auch nicht nirgendwo. Das ersparte Leid jeder Frau, die nicht mehr geschlagen wird, weil sie in ein Frauenhaus gehen kann, die nicht bei einer dilettantischen Abtreibung stirbt, die nicht Verkäuferin wurde, obwohl ihre große Leidenschaft etwas anders war – jedes einzelne dieses ersparten Leids ist „Freudensprünge“ wert (so hat Muraro ihren Artikel damals überschrieben).

Aber natürlich hat Bascha Mika auch an einem Punkt recht, wenn sie sagt, an den Strukturen habe sich nichts geändert. Ich würde zwar nicht sagen, es habe sich da gar nichts geändert, denn vor zwanzig, dreißig Jahren wäre es zum Beispiel vollkommen undenkbar gewesen, dass eine Frau Bundeskanzlerin, eine Ministerin schwanger und eine Frauenquote politisches und mediales Top-Thema ist. Aber tatsächlich halte auch ich diese Veränderungen auf struktureller Ebene für eher mickrig.

Aber für mickrig nicht im Vergleich zu dem, was das Minimalziel einer ordentlichen feministischen Revolution sein müsste, die Bascha Mika offenbar vorschwebt, sondern mickrig im Vergleich zur Größe der Veränderungen, die sich auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet bereits vollzogen haben und vor allem in den Köpfen der Frauen selbst.

Sicher, strukturell ist vieles beim Alten geblieben, da stimme ich Bascha Mika zu. Aber dies ist kein Zeichen für ein Versagen der Frauen, sondern eines für das Versagen dieser Strukturen, die nämlich offensichtlich nicht in der Lage sind oder zumindest sich schwer tun damit, die von den Frauen ausgegangene Veränderung wahrzunehmen und sich darauf einzustellen.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum es so schwer fällt, die Errungenschaften der Frauenbewegung überhaupt nur wahrzunehmen. Eine Erklärung dafür gibt die Diotima-Philosophin Diana Sartori in einem Text über „Das Mehr der Politik und das Weniger der Macht“, den ich gerade ins Deutsche übersetze. Sie beschreibt, dass in der westlichen Ideengeschichte ein Bild von „Revolution“ gezeichnet wurde, das auf einem immer wiederkehrenden Zirkel beruht: Ein alter Patriarch, der im Lauf seiner Herrschaft immer mehr verknöcherte, wird von revoltierenden Söhnen vom Thron gestoßen, die dann wiederum sich selbst auf den Thron setzen, ihre Macht konstituieren, im Laufe der Zeit ihrerseits verknöchern, dann wiederum vom Thron gestoßen werden und so weiter und so weiter. Die Frauen nehmen in diesem Zyklos die Rolle der „Königsmacherinnen“ ein, sie sollen die Söhne bei der Revolte unterstützen und dann wieder in ihre versorgende Hintergrundsrolle zurücktreten.

Diese „ödipale“ Vorstellung von Revolution in der westlichen Ideengeschichte, wie Sartori das nennt, kann sich gesellschaftliche Veränderung also nur in Form eines eruptiven Ausbruchs des Politischen vorstellen. Mit anderen Worten: Wenn kein König vom Thron gestoßen und kein neuer installiert wurde, dann ist nichts passiert. Dann hat es keine Revolution gegeben. (Über diesen Mechanismus denke ich derzeit auch im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ägypten nach).

Und weil die Frauenbewegung eben keinen König gestürzt hat und selbst nicht vorrangig nach konstitutioneller Macht strebte, erscheint es uns so, als wäre eben nichts geschehen. Als habe es keine Erfolge, keine Veränderungen gegeben. Aber das ist ein Irrtum.

Politik geschieht eben nicht nur in den so genannten „revolutionären Momenten“, in denen sich etwas Aufgestautes entlädt. Politik geschieht jederzeit im Alltag. Politik ist, wenn Eheleute diskutieren, wer die Hausarbeit macht, wenn in der Schule kulturelle Konflikte ausgetragen werden, wenn an den Arbeitsplätzen neue Modelle zur Vereinbarkeit von Büro- und Familiendiskutiert ausprobiert und installiert werden, wenn Erzieherinnen für Qualität in den Kitas kämpfen, wenn in den Redaktionen darüber nachgedacht wird, wie in der Berichterstattung Rollenklischees abgebaut werden könnten und so weiter. Und vor allem ist Politik, wenn zwei Frauen sich über ihre Wünsche und Vorstellungen, wie die Welt sein soll, austauschen und gemeinsam überlegen, wie sie das in der Welt umsetzen können.

All diese Anstrengungen und Verhandlungen sind es, die eine Gesellschaft wirklich und nachhaltig verändern. Sie brauchen dafür keinen großen Knall, keine revolutionäre Eruption. Vielmehr verhält es sich genau anders herum: Kommt es, aus welchen Gründen auch immer, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu einer revolutionären Situation, dann werden all diese kleinen politischen Veränderungen und Mühen plötzlich eminent wichtig. Denn nur sie können sicherstellen, dass eine Revolution auch wirklich eine Revolution ist – und  nicht einfach eine weitere Runde im alten, langweiligen, ödipalen Ritual zwischen verknöcherten Vätern und revoltierenden Söhnen.


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Altfeministinnen, Jungfeministinnen und der große Graben

Podium in Gießen am 24. September: Heike Faber, Barbara Streidl, Antje Schrupp, Ursula Müller und Stephanie Mayfield (v.l.n.r). Foto: Barbara Czernek

Noch immer geht mir eine Podiumsdiskussion im Kopf herum, die ich Ende September in Gießen moderiert habe. Feministinnen verschiedener Generationen sollten miteinander ins Gespräch kommen, die „jüngeren“ waren Stephanie Mayfield (24) und Barbara Streidl (37), beide unter anderem Bloggerinnen bei der Mädchenmannschaft, die „älteren“ waren Heike Faber (48), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pädagogischen Institut und Gleichstellungsbeauftragte an der Uni Gießen und Ursula Müller (66), eine der Mitgründerinnen der autonomen Frauenbewegung in Gießen. Das Publikum bestand überwiegend aus „Altfeministinnen“, was daran lag, dass der Anlass der Veranstaltung die Verabschiedung von Ursula Passarge als Frauenbeauftragte in Gießen war, die nach Jahrzehnten in diesem Amt in Ruhestand ging.

Wir hatten uns vorgenommen, an diesem Abend die inhaltlichen Differenzen zwischen älteren und jüngeren Feministinnen konstruktiv auf den Tisch zu bringen und zu besprechen – und vielleicht sogar gemeinsam zu überlegen, wie es „nach vorne“ weitergehen könnte. Wir dachten, die Chancen stünden auch ganz gut, weil wir das Podium absichtlich nicht als kontrovers konzipiert hatten, also keine Differenzen „inszenieren“ wollten, weil wir auch explizit nicht „Frauengenerationen“ eingeladen hatten, sondern solche Frauen, die sich als Feministinnen verstehen (und die ja in jeder Generation eine Minderheit darstellen), und weil wir auch nicht „alt“ und „jung“ hatten, sondern vier Frauen im Abstand von 10-15 Jahren jeweils.

Trotzdem zeigten sich an diesem Abend Verständigungsschwierigkeiten zwischen den „Feminismus-Generationen“, die fast unüberwindbar waren. Das hatte ich in dieser deutlichen Form nicht erwartet. Ich war überrascht, wie schwer es war, die jeweils anderen zu verstehen beziehungsweise ihnen vermitteln zu können, was das eigene Anliegen ist. In meiner Wahrnehmung – und irgendwie auch zu meiner Schande als Moderatorin – sind wir gar nicht wirklich an den Punkt gekommen, inhaltliche Differenzen zu diskutieren. Wir sind über weite Strecken schon daran gescheitert, überhaupt zu verstehen, worum es der anderen geht.

Ich habe darüber nachgedacht, woran das liegen könnte. Diese Gedanken schreibe ich hier mal relativ unsortiert in Thesenform auf (wobei dieses Podium aber nur der Anlass war, meine Thesen beziehen sich auf vielerlei Beobachtungen auch anderswo).

1. Zu wenig direkte Beziehungen

Es gibt wenig direkte Gespräche und Beziehungen zwischen „Altfeministinnen“ und „Jungfeministinnen“. Das führt dazu, dass das Wissen jeweils übereinander zu einem Großteil medial vermittelt ist. Ein Symptom dafür ist auf Seiten der „Jüngeren“, dass sie „Altfeminismus“ oft mit Alice Schwarzer und Emma identifizieren, die jedoch in den 1970ern keineswegs eine so dominante Rolle hatte, wie es heute scheint oder in den Medien dargestellt wurde. Ein Symptom auf Seiten der „Älteren“ ist, dass sie das Phänomen des „neuen Feminismus“ auch nur aus den Feuilleton-Seiten kennen und nicht aus eigener Anschauung. Sie haben dann leicht das Klischee, den jungen Feministinnen gehe es nur um Karrierechancen, aber nicht um Politik.

2. Unkenntnis der jeweiligen Denkansätze

Damit in Zusammenhang steht, dass die maßgebliche Literatur und Theorie der „anderen“ nicht bekannt ist. Junge Feministinnen haben oft nur wenig gelesen von dem, was die zweite Frauenbewegung an Theorien und Forschungsrichtungen hervorgebracht hat. Ich habe manchmal den Eindruck, ihr theoretisches Interesse fängt eigentlich erst mit Judith Butler an, und sie halten alles, was davor gedacht wurde, für veraltet und nur von historischem Interesse.

Die alten Feministinnen hingegen sind etwa zur gleichen Zeit aus der Theorie ausgestiegen, weil sie inhaltlich nicht einverstanden waren mit der Richtung, den die dekonstruktivistischen akademischen Gendertheorien in Deutschland genommen haben. In gewisser Weise entwickelten sich so feministische „Parallelwelten“, oft entlang der Linie innerhalb der Uni – außerhalb der Uni, aber eben auch entlang von Altersgrenzen. Die heute jungen Feministinnen kommen oft gar nicht auf die Idee, dass man eventuell die Abschaffung der Geschlechter gar nicht erstrebenswert finden könnte, während die älteren Feministinnen oft nicht einmal wissen, was mit Begriffen wie „Queer“ oder „Dekonstruktivismus“ überhaupt gemeint ist.

3. Es gibt zu wenig Bereitschaft,  die Orte der anderen aufzusuchen

Die Entwicklung der Medien und speziell die Erfindung des Internet haben diesen „Graben“ noch verstärkt. Denn sie führten dazu, dass die verschiedenen Generationen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Politik und Öffentlichkeit haben. Besonders krass kam das in Gießen zum Vorschein, als eine Frau aus dem Publikum den „Jüngeren“ vorwarf, sie würden ihre Ideen ja gar nicht in die Öffentlichkeit bringen, sondern nur ins Internet schreiben.

Da können wir jetzt drüber lachen, aber das wäre zu billig. Let’s face it: Die große Mehrzahl älterer Frauen, und auch der älteren Feministinnen, ist nicht im Internet, und wenn, dann nur sporadisch oder passiv-lesend. Das kann man schlecht und falsch finden, aber nicht einfach ignorieren. Es schwächt die Politik der Frauen, wenn sie auf die Ressourcen und Lebenserfahrungen der älteren verzichten, bloß weil die das Internet nicht als relevanten öffentlichen Ort betrachten. Deshalb müssten die „Jungfeministinnen“ vielleicht ab und zu auch mal dahin gehen, wo die „Altfeministinnen“ sind (in die altmodischen Frauenzentren, zu den Vortragsreihen, in die Bildungsinstitute). Natürlich gilt andersrum auch, dass die „Altfeministinnen“ dringend „ins Internet“ müssen – denn das ist eben der Ort, an dem Öffentlichkeit heute spielt. Wer da nicht mitmacht, braucht sich nicht wundern, nicht gehört zu werden.

Ich denke, wenn Altfeministinnen und Jungfeministinnen gemeinsam politisch für eine bessere Welt eintreten wollen, ist es notwendig, dass sie den Graben zwischen sich überwinden. Dass sie sich füreinander interessieren und sich denkerisch öffnen für die „falschen“ Ansichten der anderen. Und das geht nur, wenn man aufhört, übereinander zu lesen, und anfängt, miteinander zu sprechen.

Vielleicht gar nicht mal am besten auf solchen Veranstaltungen und einschlägigen Podien, sondern eher im konkreten persönlichen Alltag: Suchen wir unsere Denkfreundinnen doch nicht nur in der eigenen Generation, sondern auch in anderen Generationen. Das Denken ändert am liebsten dann die Richtung und entwickelt sich weiter, wenn man inhaltlich herausgefordert wird von einer, die man mag – obwohl man inhaltlich mit ihr nicht einer Meinung ist.

Update: Stephanie Mayfield bietet vom 12.-14. November ein Seminar über „Die 3. Welle des Feminismus“ an. Eingeladen sind insbesondere Frauen aus der 2. Frauenbewegung. Infos hier


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Feminists should think big: Über Feminismus und Neoliberalismus

Nancy Fraser bei ihrer Vorlesung über Feminismus und Neoliberalismus

Nach einem Hinweis von @antertainer auf Twitter habe ich heute diesen Vortrag von Nancy Fraser über die ambivalente Beziehung zwischen Feminismus und Kapitalismus gehört, den sie im April 2009 in Frankreich gehalten hat. Ihre Thesen sollten unbedingt auch in Deutschland diskutiert und fruchtbar gemacht werden.

Sie analysiert darin ein Phänomen, das mir selbst auch schon länger Kopfschmerzen bereitet, und zwar die fatale Übereinstimmung zwischen manchen feministischen Forderungen, die ihre Wurzeln in der zweiten Frauenbewegung haben, und dem Aufstieg des Neoliberalismus.

Der Feminismus in den siebziger Jahren hat, nach Frasers Analyse, seine Kritik auf einen staatlich organisierten Kapitalismus fokussiert, wie er damals noch in den meisten europäischen und nordamerikanischen, aber auch in den meisten postkolonialen Staaten vorherrschend war. Dabei richtete sich die Kritik vor allem auf folgende vier Punkte:

Erstens: Feministinnen kritisierten die Vorherrschaft einer rein ökonomistischen Perspektive auf Ungleichheit und weiteten die Analyse auf kulturelle Differenzen aus. Nicht nur Klassenunterschiede seien das Problem, so die feministische Argumentation, sondern der Blick müsse auch auf kulturelle Unterschiede gerichtet werden, natürlich vor allem die zwischen Frauen und Männern, aber auch zwischen „Rassen“, Lebensformen und weiteres mehr. Wobei aber mit dieser kulturellen Kritik im radikalen Feminismus immer auch das Projekt einer grundlegenden Neuordnung der Gesellschaft verbunden war.

Zweitens: Feministinnen kritisierten den Androzentrismus, also die gesellschaftliche Organisation von Arbeit entlang des Dualismus von „Familienernährer“ und zuarbeitender Ehefrau. Dies brachte sie auch in Opposition zu vielen linken Männern, die die familiäre und persönliche Unterordnung von Frauen für zweitrangig hielten. Allerdings war im radikalen Feminismus immer klar, dass es nicht nur um die Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt gehen könne, sondern um eine Neuorganisation von Arbeit überhaupt, insbesondere eine Aufwertung der Haus- und Fürsorgearbeit und ihre Einbeziehung in ökonomische Theorien und Analysen.

Drittens: Feministinnen kritisierten den Etatismus, den patriarchalen Staat, der Bürgerinnen und Bürger eher als Klienten oder Konsumentinnen staatlicher Wohlfahrt sah, denn als aktive Teilnehmer_innen am politischen Diskurs. Radikale Feministinnen erfanden andere Formen politischer Partizipation, die nicht staatlich orientiert waren. Dies bedeutete für sie aber keine grundsätzliche Ablehnung von staatlichen Strukturen als solchen, sondern vielmehr ihre Re-Demokratisierung.

Viertens: Feminismus wendete sich gegen ein allein auf den Nationalstaat gerichtetes Politikverständnis, allerdings eher auf einer symbolischen Ebene. Slogans wie „Sisterhood is global“ blieben eher symbolisch, in ihren Forderungen richteten sich Feministinnen dennoch vorwegend an nationalstaatliche Institutionen.

Mit der Verschiebung vom staatlich organisierten Kapitalismus hin zum neoliberalen Kapitalismus in den 1980er und 1990er Jahren ergaben sich jedoch andere Perspektiven. Aus der radikalen und umfassenden feministischen Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem wurde eine sich ebenfalls als feministisch gebende Mainstream-Bewegung. Die Gesamtheit feministischer Gesellschaftskonzeptionen wurde aufgeteilt in verschiedene Einzelforderungen, die als solche große Breitenwirkung erzielten. Familienbilder veränderten sich und emanzipatorische Forderungen wurden Allgemeingut.

Dies geschah zeitgleich mit dem Vormarsch neoliberaler Ideologien. Fraser stellt nun die „häretische“ Frage: War das bloßer Zufall, oder gab es eine untergründige Verbindung zwischen beidem? Auf jeden Fall haben feministische Ideale im Zuge dieser Entwicklung neue Bedeutungen angenommen. Forderungen, die im staatlich organisiertem Kapitalismus klar radikal und kritisch waren, wurden nun ambivalent:

So konnte der Neoliberalismus gut den Vorschlag aufnehmen, die Kämpfe für ökonomische Gleichheit unterzubewerten und kulturelle Anerkennungskämpfe überzubewerten. Die feministische Kulturkritik wurde von der Kapitalismuskritik abgekoppelt und ist im Hinblick auf die Anerkennung von „Diversity“ auch in das neoliberale Projekt eingegangen. Auch die Kritik am Androzentrismus hat der Neoliberalismus aufgegriffen und neu gefasst: Etwa die Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt. Der Traum der Frauenemanzipation rechtfertigt so die Zur-Verfügung-Stellung weiblicher Arbeitskraft in flexible neoliberale Märkte, und zwar sowohl am „unteren“ Ende, auf Seiten der Arbeiterinnen in den neuen globalen Märkten als auch am „oberen“ Ende, nämlich dem Versuch, die „gläserne“ Decke auf dem Weg ins obere Management zu durchbrechen. Schließlich wurde die feministische Kritik an paternalistischen Staatsformen so gewendet, dass diese keineswegs Re-Demokratisiert, sondern im Gegenteil gänzlich geschwächt wurden. Feministische NGOs entwickelten  sich von radikalen Graswurzelbewegungen hin zu professionellen Institutionen, die die Lücken, die staatliche Umverteilungs- und Ausgleichspolitik hinterlassen hatten, nur unzureichend füllen können.

Diese Entwicklung ist also ein Paradox: Eine kleine, radikale gegenkulturelle Bewegung, nämlich der Feminismus der „zweiten Wellte“ hat sich erfolgreich um den Globus verbreitet, aber dabei einen Wandel durchlaufen, der in seinen Folgen höchst ambivalent ist, so dass feministische Argumente heute durchaus als Unterstützung eines neoliberalen Kapitalismus herangezogen werden können, der sich weibliche Arbeitkraft nutzbar macht, staatliche Strukturen schwächt und lieber kulturelle statt ökonomische Fragen diskutiert.

Der Feminismus, so Fraser, wurde so ein diskursives Konstrukt, das die Frauenbewegung – also diejenigen Feministinnen, denen es nach wie vor um eine radikale und grundsätzliche Gesellschaftskritik geht – nicht mehr in der Hand haben. Feminismus ist eine leere Bedeutungshülle geworden (ähnlich wie „Demokratie“), und nicht alles, was unter diesem Label läuft, ist sinnvoll im Hinblick auf eine gerechte Gesellschaft.

Die Frauenbewegung hat es sozusagen mit einem Schatten ihrer selbst zu tun, mit Doubles des Feminismus, und sie steht in dem Dilemma, dass sie sich von ihnen weder ganz distanzieren, noch sich voll zu ihnen bekennen kann. Sarah Palin, aber auch Hillary Clinton sind für Fraser Beispiele für solche „Feminismus-Doubles“.

Was können wir dieser Siuation tun und wie ist sie zu bewerten? Sicher ist es falsch zu sagen, dass der Feminismus der zweiten Welle einfach gescheitert sei, dass er gar Schuld am Triumph des Neoliberalismus wäre. Auch ist es nicht so, dass feministische Ideale per se problematisch wären. Vielmehr fordert Fraser die Feministinnen auf, in ihrem Engagement aufmerksamer zu sein für die historische Situation, in der wir uns jeweils befinden. Wir sind nicht einfach die Opfer eines unglücklichen Zufalls, sondern wir haben die Aufgabe, diese Querverbindungen zwischen Feminismus und Neoliberalismus genau zu studieren und entsprechend zu handeln.

Einig sind sich Feminismus und neoliberaler Kapitalismus in der Kritik an alten Autoritäten. Sie divergieren aber in der Vorstellung, wie die Geschlechterbeziehungen neu organisiert werden sollen. Feministinnen beschränken sich nicht darauf, individuelle Unterdrückungsstrukturen zu kritisieren, sondern sie wenden sich auch gegen strukturelle, von individuellen Beziehungen losgelöste Ungerechtigkeitsstruktuen, wie etwa Märkte sie hervorrufen. Und dies müsste stärker in den Fokus der feministischen Kritik kommen und wieder die Kapitalismuskritik aufgreifen. Dabei können wir uns auf die emanzipatorische Versprechen des 2. Welle beziehen.

Konkret macht Fraser folgende Vorschläge, die ich nur voll unterschreiben kann:

Erstens sollte sich Feminismus wieder stärker mit einer Kritik des Kapitalismus beschäftigen und sich wieder dezidierter „links“ positionieren. Zweitens sollten wir die Forderung nach Einbeziehung von Frauen in die Erwerbsarbeitswelt, solange sie als isolierte Forderung vertreten wird, kritisieren und nicht selber vertreten. Der ökonomische Fokus muss darauf liegen, Erwerbsarbeit aus dem Zentrum zu rücken und andere Arten der Arbeit und der Einkommensverteilung aufzuwerten. Und drittens sollte die Reorganisation politischer Sturkturen und Prozesse wieder stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken: Zwar ist es weiterhin richtig, bürokratische Strukturen zu kritisieren und sie politischen Verhandlungsprozessen unterzuordnen, aber es müsse darum zu gehen „öffentliche Macht“ nicht zu schwächen, sondern zu stärken. Und viertens müsse es darum gehen, die exklusive Verknüpfung von „Demokratie“ mit politischen Strukturen aufzubrechen und für mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Einflussnahme aller Menschen auch in ökonomischen und anderen Bereichen einzutreten.

Der gesamte Vortrag dauert eine Stunde und kann hier angehört werden.