Väter, Mütter und der Elefant im Raum

In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“

Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Vaterschaft und Mutterschaft: Vaterschaft konstituiert sich nicht automatisch durch den biologischen Zeugungsakt, es muss ein Prozess der sozialen Anerkennung hinzukommen. Es gibt die Möglichkeit, dass die Beteiligten sich gegen die Vaterschaft des biologischen „Erzeugers“ entscheiden. Sie – oder die Gesellschaft – können auch einen anderen Mann zum Vater küren (in der Realität gilt oft der Mann als Vater, der mit der Schwangeren verheiratet ist, egal ob das Kind tatsächlich „von ihm“ ist. Im konkreten Fall der Fernsehserie ist ein konkreter Kandidat ein anderer Wärter, mit dem Daya ebenfalls Sex hatte, und der von sich selbst fälschlicherweise glaubt, der Vater zu sein).

In Bezug auf Mutterschaft gibt es diese Möglichkeit, quasi „per Abmachung“ zu entscheiden, nicht. Man kann das befruchtete Ei nicht im Lauf der Schwangerschaft in einen anderen Körper transferieren (vielleicht kommt das ja noch). Wer die biologische Mutter eines Kindes ist, ist eine evidente, für alle offensichtliche Tatsache: diejenige, in deren Körper das Kind heranwächst und die es schließlich zur Welt bringt. Selbstverständlich ist Mutterschaft auch sozial geprägt. Aber sie ist eben dennoch und gleichzeitig ein materieller Fakt: dieser schwangere Körper und dieses Kind, das daraus geboren wird.

Andersrum ist natürlich auch die biologische Vaterschaft feststellbar (wenn auch erst seit kurzem), allerdings nicht einfach per Anschauung, sondern nur mit technologischem Aufwand. Es muss ein Vaterschaftstest gemacht werden, was aber nur im Streitfall geschieht. Es geschieht zum Beispiel nicht, wenn sich alle Beteiligten auf einen Vater „einigen“. Und es geschieht auch dann nicht, wenn gar kein Kandidat vorhanden ist. Es ist ja zum Beispiel möglich (und kommt auch öfter mal vor), dass weder die schwangere Frau noch der Mann, mit dem sie Sex hatte, an dieser konkreten Vaterschaft ein Interesse haben – und deshalb schlicht darüber schweigen.

Die soziale Konstruktion von Vaterschaft bedeutet: Jemand muss sagen „Dieser Mann ist der Vater meines Kindes“ oder „Ich bin der Vater dieses Kindes“ – wenn das nicht geschieht, gibt es keinen Vater. Im Fall von Mutterschaft aber muss niemand etwas sagen. Eine Mutter gibt es immer, denn andernfalls wird gar kein Kind geboren. Eine Mutterschaft zu verheimlichen ist zwar nicht völlig unmöglich, setzt aber einen ziemlichen organisatorischen Aufwand voraus.

Lasst-Väter-Vater-seinDerzeit ist die Art und Weise, wie Vaterschaft sozial konstruiert wird, stark im Umbruch und damit in der Debatte. Unter dem Titel „Lasst Väter Vater sein“ hat Barbara Streidl eine Streitschrift vorgelegt, in der sie vehement und engagiert dafür plädiert, die Rolle von Vätern zu stärken. Sie wünscht sich – wie wohl viele heutzutage – dass Väter eine aktive und von Umfang und Qualität her ähnliche Verantwortung für Kinder annehmen und zugesprochen bekommen wie Mütter. Sie fordert die Frauen, die Männer und die Gesellschaft insgesamt auf, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Doch allein schon die Häufigkeit und Vehemenz, mit der sie immer wieder betont „Kinder brauchen Väter“, „Väter sind wichtig!“ ist ein Beleg dafür, dass dieses Brauchen und diese Wichtigkeit gerade nicht evident sind. Diese Sätze sind ein Appell, nicht die Feststellung einer Tatsache.

Sollen Väter also wichtig sein? Ich bin in dieser Frage nicht so klar entschieden wie Barbara Streidl. Aber so oder so: Jede gesellschaftliche Debatte darüber, was Vaterschaft sein soll, wird nicht darum herumkommen, sich dem Thema von Schwangerschaft und Geburt zu stellen, also die damit verbundenen körperlichen Unterschiede von Mutterschaft und Co-Elternschaft wahrzunehmen. Diesen Part der Co-Elternschaft müssen ja auch nicht unbedingt die Väter übernehmen, es gibt auch lesbische Co-Mütter oder Poly-Familien und alle möglichen anderen denkbaren Konstellationen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: den Unterschied zwischen den Co-Eltern und der Person, die das Kind austrägt und gebiert. Diese Unterschiede spielen eine Rolle, wenn man sinnvoll darüber diskutieren will, wie Elternschaft kulturell gestaltet werden soll: Let’s talk about Schwangerwerdenkönnen!

Erstaunlicherweise kommt aber genau dieses Thema in Streidls Buch nicht mit einem Wort vor. Es scheint sich dabei wirklich um eines der größten Tabus unserer Zeit zu handeln. Vor einiger Zeit wunderte ich mich bereits über ein feministisches Mädchenbuch, das in großer Ausführlichkeit über alle möglichen Dinge und  auch die körperlichen Aspekte des weiblichen Erwachsenwerdens spricht – aber das Schwangerwerdenkönnen mit keiner Silbe erwähnt. Und nun gibt es ein Buch über Vatersein und Muttersein, das genau dieselbe Leerstelle aufweist. Der riesige Elefant im Raum. Was ist an ihm eigentlich so gefährlich?

In Bezug auf die soziale Konstruktion von Vater- und Mutterschaft, um die es in Streidls Buch geht, ist relativ klar, wo das Problem liegt: Die klassische patriarchale Aufteilung von Mutter- und Vaterrolle in Bezug auf die Kindererziehung wurde schließlich genau mit dem Schwangersein und Gebären begründet, aus dem dann allerlei angeblich naturgegebene Unterschiede für die Zeit nach der Geburt abgeleitet wurden. Doch die körperliche Evidenz des Mutterseins endet mit der Geburt. Nach der Geburt ist alles in der Tat verhandel- und veränderbar, es gibt zum Beispiel keine biologische Notwendigkeit, dass die Person, die schwanger war und das Kind geboren hat, auch diejenige ist, die es anschließend versorgt.

Doch das bedeutet nicht, dass das Thema Schwangerschaft für die Verhandlung von Vater- und Mutterschaft unwichtig wäre. Denn worum es hier geht, das sind vor allem die Beziehungen zwischen der Mutter und dem – potenziellen – Vater. Diese Beziehung ist von einer ganzen Reihe an Ungleichheiten geprägt. Zum Beispiel kann die schwangere Frau nicht sicher sein, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, auch bis zur Geburt anwesend bleibt (er muss sie gar nicht mal unbedingt verlassen, er kann auch sterben zum Beispiel). Ein Mann wiederum kann prinzipiell nicht allein entscheiden, ein Kind zu bekommen – er ist darauf angewiesen, dass eine Frau nicht nur mit ihm Sex hat (darauf ist eine Frau ebenfalls angewiesen), seine Sexpartnerin muss das Kind anschließend auch austragen. Sie kann das Kind nämlich auch abtreiben, eine Entscheidung, die (faktisch) allein bei ihr liegt, auch wenn sie normalerweise seine Meinung dazu wohl irgendwie berücksichtigt. Aber es ist ihr Körper. Andersrum heißt das auch: Wenn die Schwangere ein ungeplant gezeugtes Kind gebären möchte und ihr Sexpartner nicht – dann kann er das nicht verhindern.

Vater- und Mutterrollen werden also nicht erst ab dem Moment der Geburt verhandelt, sondern spätestens ab dem Moment der Zeugung, unter Umständen sogar schon vorher. Geburten haben eine Vorgeschichte, die von einer wesentlichen Ungleichheit geprägt ist: der Ungleichheit zwischen derjenigen Person, die schwanger ist und eventuell ein Kind zur Welt bringt, und einer (oder mehreren) anderen Personen, die das nicht sind, aber dennoch eine Beziehung zu diesem Kind haben möchten. Die mit all dem verbundenen Verhandlungen und Abmachungen sind von dieser Ungleichheit geprägt und müssen ihr deshalb Rechnung tragen – Daya und John aus der Fernsehserie sind da keine Ausnahme.

Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Beltz 2015, 167 Seiten, 16,95 Euro.

Die denkwürdigen Sorgen der Frau Lewitscharoff


Über die denkwürdige Rede von Sibylle Lewitscharoff habe ich heute beim Spaziergehen nachdenken müssen. Nicht über ihre krasse Wortwahl, über die sich ja schon alle aufgeregt haben, denn mir gefallen krasse Wortwahlen eigentlich: Ansichten werden ja auch nicht dadurch besser, dass sie in diplomatische Vokabeln verpackt werden.

Die Frage, die mich interessiert, ist nicht, warum Lewitscharoff sich so krass ausdrückt, sondern was sie dazu bringt, solche Ansichten zu haben. Ich glaube nicht, dass ihr Fall sarrazinesk ist, dass es ihr also vor allem um Aufmerksamkeit und Selbstinszenierung geht. Ich glaube, dass sie sich tatsächlich irrt, weil sie etwas Wichtiges nicht verstanden hat.

Der inhaltliche Punkt ihrer verbalen Ausfälle war eine „Abscheu“ vor künstlicher Befruchtung  und zwar speziell, wenn es sich um lesbische Frauen handelt. Bei heterosexuellen Paaren hat sie eher Verständnis, es handelt sich also nicht um Technikkritik, die Technik ist ja in beiden Fällen dieselbe, sondern um Gesellschaftskritik.

In einem Interview in der FAZ hat Lewitscharoff noch einmal konkretisiert, was genau es ist, das sie für eine „katastrophale Entwicklung“ hält:

„Die Selbstermächtigung der Frauen. Ich finde, zu einem Kind gehört auch der Mann.“

Und weiter:

„Es geht mir wirklich auch darum, den Mann nicht zu beseitigen aus der Erziehung. Das ist mir wichtig. Ich finde, die Männer sind in unserer Gesellschaft stark im Rückzug begriffen, was Erziehungsfragen angeht. Das halte ich für schwierig.“

Diese Einschätzung ist ja nun ganz und gar erstaunlich, weil wir uns seit einiger Zeit doch mitten in einem riesigen Transformationsprozess zur Einbeziehung von Männern in „Erziehungsfragen“ befinden. Sowohl auf politischer Ebene (Vätermonate, neue Arbeitszeitmodelle), als auch auf gesellschaftlicher („Mehr Männer in Kitas“, organisierte Väterbewegungen, Feuilletonserien über Vaterschaftserfahrungen) wie auch auf individueller (heterosexuelle Paare, die sich bemühen, die Erziehungsarbeit aufzuteilen, Kampf schwuler Männer ums Adoptionsrecht).

Es ist also rundheraus falsch, dass Männer, was Erziehungsfragen betrifft, „stark im Rückzug begriffen“ wären, das genaue Gegenteil ist der Fall. Und zwar in einem Ausmaß, das lesbische Frauen mit Kinderwunsch ganz sicher nicht unterminieren können.

Was also hat Lewitscharoff im Kopf, wenn sie so etwas offensichtlich Irreales behauptet?

Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass es bei diesem Thema tatsächlich etwas gibt, das „im Rückzug begriffen“ ist, allerdings sind das nicht Männer generell, sondern eine ganz spezielle Sorte Mann: der typische Vater von früher. Während das Wort „Mutter“ heute mehr oder weniger noch dasselbe bedeutet wie vor hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren, hat das Wort „Vater“ einen radikalen Bedeutungswandel hinter sich.

Was ist denn eine Mutter? Eine „Mutter“ ist eine Person, die für ein Kind die volle Verantwortung trägt. In sehr vielen Fällen (aber nicht notwendigerweise) ist diese Person identisch mit der Person, die das Kind geboren hat. Sie erledigt die für das Kind notwendige Care-Arbeit, vermittelt ihm die Welt, lehrt das Kind sprechen, und dafür verbringt sie einen Großteil ihrer nicht-erwerbstätigen Zeit gemeinsam mit dem Kind. Das ist, wohlgemerkt, eine phänomenologische Beschreibung „real existierender“ Mütter, keine normative Definition. Im konkreten Fall kann diese Person auch ein Mann sein oder jemand, die_der das Kind nicht selbst geboren hat, und es gibt natürlich auch Mütter, die von ihrem Kind getrennt leben. Aber die große Mehrzahl der Mütter, so behaupte ich, dürften sich mehr oder weniger in diesem Bild wiederfinden.

Und was ist ein Vater? Noch vor hundert Jahren war ein Vater ein Mann, der mit einer Mutter verheiratet war und durch diesen Status die Befugnis hatte, über Mutter und Kinder zu bestimmen und deren Rechte stellvertretend nach außen wahrzunehmen. Er war häufig, aber nicht notwendigerweise, auch der biologische Erzeuger der Kinder. In die notwendigen Erziehungsarbeiten war er im Alltag fast gar nicht involviert, fungierte aber als Autoritätsperson, die das letzte Wort hat („Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt!“). Er verbrachte nur wenig Zeit zusammen mit den Kindern, vielmehr hatte er meist einen eigenen Bereich, den die Kinder nur mit Erlaubnis betreten durften. Die Mutter hatte dafür zu sorgen, dass der Vater von seinen Kindern „nicht gestört wird“.

Ich behaupte mal, die Väter, die sich heute noch in dieser Beschreibung wiederfinden, lassen sich an einer Hand abzählen. Die meisten würden sich wahrscheinlich eher in dem wiederfinden, was ich oben über Mütter schrieb.

Betrachtet man diesen Bedeutungswandel des Wortes „Vater“, so wird deutlich, dass es sich tendenziell dem angenähert hat, was Muttersein schon immer bedeutete. Noch nicht unbedingt in der Realität – dass es mit der „aktiven Vaterschaft“ noch an vielen Ecken hapert und warum, muss ich hier ja nicht näher ausführen. Aber es ist doch klar, dass viele der heutigen „real existierenden Väter“ irgendwie in diese Richtung wollen, und die beteiligten Mütter übrigens auch. Manche vielleicht nur halbherzig, andere entschlossener, aber einige sind auch schon dort angekommen.

Wenn sich aber Väter nur noch dadurch von Müttern unterscheiden, dass sie die Kinder nicht selbst geboren haben (was ich übrigens keineswegs für einen trivialen Unterschied halte, aber für meine hiesige Argumentation fällt er nicht groß ins Gewicht), dann…

… ja, dann gibt es keinen logischen Grund mehr dafür, warum die Gruppe der Erwachsenen, die ein Kind „bemuttern“, sich unbedingt aus einer Frau und einem Mann zusammensetzen muss. Es können dann genauso gut zwei Frauen oder zwei Männer sein. Oder drei oder vier.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass der patriarchale Vater nicht mehr gebraucht wird. Ich weiß nicht, ob er jemals „gebraucht“ wurde, aber zumindest hatte er früher eine gesellschaftliche Funktion. Die hat er heute nicht mehr. Sie ist in dem Moment obsolet geworden, als Frauen gleichberechtigt wurden, wo sie sich selbst nach außen vertreten und eigenes Geld verdienen konnten. Oder vielleicht sogar noch früher: in dem Moment, wo Frauen das patriarchale Familien-Arrangement nicht mehr akzeptierten und beschlossen, für ihre Gleichberechtigung zu kämpfen.

Sibylle Lewitscharoff hat also Recht, wenn sie eine „Selbstermächtigung der Frauen“ diagnostiziert. Aber diese Selbstermächtigung bezieht sich nicht darauf, einem technologischen Machbarkeitswahn zu frönen und dabei die Bedingtheit und Begrenztheit der Welt zu missachten (wie Lewitscharoff es ihnen vorwirft). Um es in Lewitscharoffs religiösem Bezugsrahmen auszudrücken, den sie ja ausdrücklich zu ihrer Rechtfertigung ins Feld führt: Frauen setzten sich mit ihrer Selbstermächtigung keineswegs selbst an die Stelle Gottes, sie lassen bloß nicht mehr zu, dass Männer sich (ihnen und ihren Kindern gegenüber) an die Stelle Gottes setzen.

Deshalb ist die Selbstermächtigung der Frauen, die unter sehr vielem anderem auch die In-Vitro-Fertilisation für lesbische Frauen mit Kinderwunsch brachte, auch keine Gefahr für die Welt und das Zusammenleben der Menschen. Es geht dabei nämlich gerade nicht um Machbarkeit und Ich-Bezogenheit, sondern um ein gutes Leben für alle, um gelingende Beziehungen.

Na klar gibt es einen medizinisch-pharmazeutischen Komplex und neoliberale Ideologen, die aus all dem Profit schlagen wollen, und es ist sehr wichtig, dies kritisch im Auge zu behalten (ein Bemühen, dem Lewitscharoff leider gerade einen Bärendienst erwiesen hat).

Es dauert immer eine Weile, bis ein so grundlegender Wandel wie das Ende des Patriarchats – und genau darum handelt es sich hier im genauesten Wortsinn – sich auch „herumspricht“, also in die symbolische Ordnung einer Gesellschaft eingeschrieben wird und auch die konkrete Realität sich entsprechend sichtbar ändert. Sibylle Lewitscharoff, so scheint es mir, gehört zu denen, die diese Veränderung nicht sehen (und sie ist ja wahrlich nicht die einzige). Sie sieht nur das Durcheinander, das dieser Wandel ebenfalls mit sich bringt, und sehnt sich daher zurück nach einer alten Ordnung. Die aber zum Glück nicht wiederkommen wird.

Denn, wie italienische Feministinnen schrieben: „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

(Dies ist ein Artikel in der Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen)

Im Editorial der aktuellen brandeins schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer einen Satz, der mir zu denken gab. Er lautet:

Wolf Lotter unterbrach gern seinen Elternurlaub, um aus … zu erzählen.

Der Informationsgehalt ist ein doppelter. Erstens: Wolf Lotter ist im Elternurlaub (Kekse !!!). Und zweitens: Er ist gern bereit, seinen Urlaub zu unterbrechen, wenn es in der Firma etwas wichtiges zu tun gibt (Kekse !!!).

Unbeantwortet bleibt die dritte Frage: Und wer versorgt jetzt das Kind?

Einen Elternurlaub kann man ja nicht einfach so unterbrechen wie einen Mallorcaurlaub. Mallorca ist es egal, wenn man ihm den Rücken kehrt und zurück an den Schreibtisch eilt. Ein Kind hingegen muss trotzdem weiter versorgt werden, stündlich. Vermutlich hat Lotters Kind eine Mutter, die hier einspringt, oder es gibt andere Erwachsene, die das tun, oder Lotter schafft es, beides zu vereinbaren, ich weiß es nicht.

Aber die Frage zu stellen: Und wer versorgt das Kind? ist wichtig, weil sie zentral ist für die derzeitigen Debatten um Elternschaft.

In Bezug auf Vaterschaft hat heute das alte patriarchale Modell ausgedient, wonach ein Vater Familienoberhaupt ist, das Entscheidungen für Frau und Kinder trifft und Geld verdient, aber in die alltägliche Hausarbeit kaum involviert ist. Doch es ist noch nicht so genau klar, was Vaterschaft denn künftig stattdessen bedeuten soll.

Bei mir gehen bei Sätzen wie dem oben zitierten gewisse Alarmglocken an, weil dahinter die Idee steckt, dass Vaterschaft sich künftig zwar bis zu einem gewissen Grad am Modell von Mutterschaft orientiert (konkrete Fürsorge für das Kind im Alltag), allerdings nur als Option beziehungsweise auf Zeit. Zwei „Vätermonate“ eben, oder Elternurlaub, der unterbrochen werden kann. Ähnlich scheint es zum Beispiel auch Malte Welding zu gehen, der das Thema in seinem Blog ausführlich diskutiert hat.

Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell „Kinderversorgen als Option“ nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal „Mütter“, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: „Mutter“ ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.

Diese Unterscheidung zwischen „Vätern“ (Fürsorgearbeit als Option) und „Müttern“ (Fürsorgearbeit als undiskutierbare Notwendigkeit) ist natürlich nicht unbedingt an das Geschlecht der betreffenden Personen gebunden, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst davon. Denn hier setzt sich eine Realität fort, die die ungleiche Beteiligung von Elternpersonen vor der Geburt widerspiegelt: Die der Schwangeren und der Nicht-Schwangeren.

Solange ein Kind noch nicht geboren ist, ist es Teil des Körpers einer schwangeren Frau*. Im Zustand des Schwangerseins ist aufgrund purer biologischer Umstände Elternschaft keine Option, die zum Beispiel für einen Job mal eben unterbrochen werden kann. In diesem Zustand sind nur Tätigkeiten möglich, die mit der Elternschaft (dem Schwangersein) vereinbar sind, punkt, basta.

Und zwar im Unterschied zu den nicht-schwangeren Elternteilen. Sie sind in ihren sonstigen Aktivitäten durch die bevorstehende Geburt in keinerlei Weise körperlich eingeschränkt, sie können in der Woche vor dem Geburtstermin noch einen Marathon laufen oder sich bewusstlos saufen, ohne dass das – auf der körperlichen Ebene – irgend eine negative Auswirkung auf das Kind hat. Wenn sie darauf, etwa aus Solidarität mit der schwangeren Frau, verzichten, dann tun sie das aus sozialen Gründen, freiwillig: Für sie ist Option, was für die Schwangere undiskutierbare Notwendigkeit ist.

Die historisch überkommenen Geschlechterrollen verlängern diesen Zustand sozusagen in die Zeit nach der Geburt. Das hat nichts mit moralischer Schuld zu tun. Es ist auch nicht so, dass die Frauen* hier per se den schwarzen Peter haben, denn die Männer* bestehen auf der Optionalität ihrer Fürsorgetätigkeit in der Tat oft nicht einfach aus Faulheit, sondern durchaus aus Verantwortungsbewusstsein, nämlich dem, für die finanzielle Absicherung sorgen zu müssen, nicht  nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und deren Mütter (Vgl dazu auch meinen Post „Paarbildung“)

Worum es mir geht ist, dass die Symbolifigur „Elternarbeit als Option“, wie sie in dem brandeins-Zitat bekräftigt wird und auch im tatsächlichen Verhalten vieler „neuer“ Väter zum Ausdruck kommt, nicht zum neuen Interpretationsmodell für Elternschaft generell werden darf, denn dies widerspricht der Bedingtheit des Menschseins: In Bezug auf Babies und kleine Kinder ist Elternarbeit eben keine Option, sondern eine undiskutierbare Notwendigkeit, die erledigt werden muss. Von irgend jemandem. Dieser jemand ist dann die Mutter*.

Diese Person muss nicht identisch sein mit der Frau, die das Kind geboren hat, denn bei der Geburt wird der Körper des Kindes vom Körper der schwangeren Frau getrennt. Dass sie es aber auch heute noch, nach Jahrzehnten aktiver Gleichstellungspolitik nach wie vor fast immer ist, liegt meines Erachtens daran, dass wir die Nicht-Optionalität von Elternsein nicht genügend diskutieren und in unserem Handeln und Sprechen bewusst machen.

Wenn wir die traditionellen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft ablehnen und an ihrer Stelle neue einführen möchten, müssen wir also unbedingt die Frage stellen und beantworten: Wie ist verlässlich dafür gesorgt, dass die früher den Müttern zugeschriebene Aufgabe, nämlich im Fall dass das Kind etwas braucht, alles andere ohne Wenn und Aber hinten anzustellen und die notwendige Arbeit zu tun, auch in Zukunft erfüllt wird? Optionale Vaterschaft ist da keine Lösung. Und solange wir keine Lösung haben, wird diese Funktion, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei den Frauen hängenbleiben, die ein Kind geboren haben.

Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereitet gerade ein Gesetz vor, wonach es auch bei unverheirateten Eltern automatisch ein gemeinsames Sorgerecht geben soll. Frauen, die Mütter werden, ohne mit einem Mann zusammenzuleben, müssten demnach in Zukunft einen Gerichtsbeschluss erwirken, der ihnen das sozusagen „erlaubt“.

Der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter lehnt den Vorstoß ab mit der Begründung, dass der „Stress für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder damit in vielen Fällen vorprogrammiert“ sei. Schließlich genüge schon jetzt eine einfache Erklärung vor dem Jugendamt, damit unverheiratete Eltern das gemeinsame Sorgerecht bekommen, und auch unabhängig davon sei das Umgangsrecht unehelicher Väter sowieso garantiert. Der Väterblog hingegen kritisiert diesen Standpunkt, weil der Verband damit die Interessen der Mütter über die der Väter stelle (und legt den Beitrag dann unter der Rubrik „Dumpfbacken“ ab, was ich eine vollkommen unangemessene Polemik finde).

Vor allem letzteres hat mich nun dazu gebracht, auch einen Blogpost zu dem Thema zu schreiben. Denn die väterrechtliche Entwicklung der Familiengesetzgebung stört mich schon seit langem, und zwar nicht deshalb, weil ich die Mutterschaft biologistisch überhöhen wollte, sondern im Gegenteil: Weil diese Entwicklung aus meiner Sicht eine fatale Biologisierung unserer Vorstellung von Vaterschaft hervorgebracht hat.

Vaterschaft ist keine biologische Angelegenheit, sondern immer eine soziale. Das liegt in der Natur der Sache: Dass in dem Moment, wo ein Kind zur Welt kommt, immer hundertprozentig klar ist, wer die Mutter ist, aber nicht, wer der Vater ist, war einer der Kernkonflikte, der zur Entstehung des Patriarchats geführt hat. Denn die Beziehung von Vätern zu Kindern sind niemals evident, sie müssen per Gesetz garantiert werden. Das ergibt sich ganz einfach aus dem Umstand, dass bei der Geburt immer nur eine Person unusweichlich anwesend ist: die Mutter, aus deren Körper das Kind nämlich herauskommt. Die Anwesenheit jeder anderen Person – des Vaters, der Hebamme, der Freundinnen, der Ärztin – ist soziale Verabredung. Sie ist nicht notwendig für den Vorgang der Geburt als solchen.

Das heißt: Die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind muss nicht über „Rechte“ organisiert werden. Sie ist eine Tatsache, die sich aus dem Fakt der Geburt ergibt (dass diese Beziehung gut oder schlecht sein kann, hat damit nichts zu tun). Die Beziehung jeder anderen Person, auch des Vaters, muss zunächst sozial hergestellt werden.

Und damit ist sie Gegenstand der Politik. Um den Unterschied ganz klar zu machen: Auch die Art und Weise, wie wir Mutterschaft als Gesellschaft inhaltlich füllen, ist natürlich Gegenstand der Politik und der sozialen Verhandlungen. Aber eben nicht die Tatsache, dass es eine Beziehung zwischen Mutter und Kind gibt, als solche. Diese Tatsache ist unhintergehbar.

Im Patriarchat alten Stils, wenn man so will, haben Männer ihre Beziehung zu Kindern so hergestellt, dass sie Herrschaft über die Frauen ausübten. Frauen waren ihren Ehemännern in der Ehe untergeordnet, die Männer konnten den Frauen sagen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Und so hatten sie automatisch auch Zugriff auf die Kinder.

Ganz im Gegensatz zu heute war Vaterschaft damals dezidiert nicht biologisch definiert: Jedes Kind, das innerhalb einer Ehe geboren wurde, galt als das Kind des Mannes, der mit der Mutter verheiratet war. Natürlich war Ehebruch für Frauen strengstens verboten. Aber das wurde familienintern geregelt. Dafür gab es zum Ausgleich etwas mütterromantische Lobhudelei: Man pries die Frauen dafür, dass sie angeblich als einzige wirklich toll mit Kindern umgehen können (was natürlich schon immer Quatsch war).

Was aus heutiger Perspektive interessant ist: Auch die Forschung nach der Vaterschaft war damals verboten: Uneheliche Mütter (und natürlich auch ihre Kinder) hatten keinerlei Ansprüche gegen den biologischen Erzeuger. Es war ihnen gesetzlich explizit verboten, ihn zur Verantwortung ziehen, ja, sie sie durften nicht einmal öffentlich sagen, wer der Mann ist, von dem sie schwanger waren, es sei denn, er hätte die Vaterschaft freiwillig anerkannt.

Dieses auf die Institution der Ehe gegründete patriarchale Vaterschaftsrecht ist heute obsolet, weil mit der Gleichberechtigung der Frauen nicht mehr vereinbar. Dank der Emanzipation können Männer Frauen auch in der Ehe nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Allerdings sind wir inzwischen ins gegenteilige Extrem gefallen. Etwas sarkastisch könnte man sagen, dass die Männer genau zu dem Zeitpunkt, an dem ihre gesetzlich garantierten Rechte über die Ehefrauen ins Wanken gerieten, angefangen haben, ihr „Recht“ auf das Kind direkt festzuschreiben.

Was aber ist Vaterschaft? Soll sie sich wirklich einfach daraus ergeben, dass ein Mann irgendwann mal mit der Mutter des Kindes geschlafen hat? Wollen wir, dass die Gene, die Biologie das einzig wahre und alles bestimmende Kriterium für Vaterschaft sind? Und sind „Rechte“ überhaupt ein sinnvoller Weg, um Beziehungen zwischen Eltern und Babies zu regeln?

Ich finde das falsch. Ich bin der Meinung, dass auch lesbische Frauen, Frauen, die in polyamoren Beziehungen leben, Frauen, die alleinerziehend sein wollen, die Möglichkeit haben sollten, Kinder zu bekommen, ohne sich dazu erst vorab vor Gericht die Erlaubnis einholen zu müssen (weil ansonsten der Mann, mit dem sie geschlafen haben, um schwanger zu werden, automatisch das Sorgerecht hat). Das neue Gesetzesvorhaben ist letztlich nichts anderes als die Zelebrierung des heterosexuellen Paares als Kern und Keimzelle der Gesellschaft. Und damit ist sie alles andere als „modern“, sondern sehr altbacken.

Außerdem hat die Biologisierung der Vaterschaft dazu geführt, dass soziale Vaterschaft kaum anerkannt wird. Indem alle „Rechte“ von Vätern an die genetische Verwandtschaft geknüpft sind, werden letzten Endes all diejenigen Väter vernachlässigt, die sich aktiv um Kinder kümmern und eine konkrete Beziehung zu ihnen führen, teilweise über viele Jahre. Aber diese Beziehung ist kaum rechtlich geschützt. Ich plädiere daher dafür, den Schutz von Vaterschaft weniger von der Biologie und mehr von der tatsächlich ausgeübten „Vatertätigkeit“ abhängig zu machen.

(By the way: Gehen die neuen Väterrechte eigentlich mit einer Pflicht einher? Also könnte zum Beispiel eine uneheliche Mutter dem Mann, der gegen ihren Willen das Sorgerecht über ihr Kind bekommen hat, dieses ins Haus bringen und sagen: Ich fahr jetzt drei Wochen weg, kümmer du dich? Wäre der Mann dann dazu verpflichtet, das Kind zu versorgen? Nicht, dass ich glaube, dass das häufig vorkommen würde. Aber rein theoretisch würde es mich mal interessieren.)

Gerade heute, wo Liebesbeziehungen doch mehr oder weniger volatil sind, kommt es immer öfter vor, dass ein Kind mehrere „Väter“ hat. Ich kann nicht einsehen, warum ein Mann, der über viele Jahre in der Rolle des Vaters mit einem Kind und dessen Mutter zusammengelebt hat, der sich aktiv und engagiert um die Erziehung gekümmert hat, praktisch keine rechtlichen „Ansprüche“ auf einen Schutz dieser Beziehung haben soll, während ein rein biologischer Vater, der nie aktiv in der Rolle des Vaters gelebt hat, sie haben soll.

Dieses neue Gesetz scheint übrigens auch gar nicht dem Wunsch der meisten Männer zu entsprechen. „Eine Mehrheit der nichtehelichen Väter (bis zu 80 Prozent) macht schon bei der Zahlung des Unterhalts Sperenzchen“ schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (laut Väterblog). Sicher, es gibt eine Minderheit von nichtehelichen Vätern, die sich gerne um das Kind kümmern würden. In den meisten Fällen dürften aber dann die Mütter auch nichts gegen ein gemeinsames Sorgerecht einzuwenden haben. Soweit ich es mitbekomme, wünschen sich die allermeisten Frauen eine gemeinsame Elternschaft mit einem Mann, auch wenn sie unverheiratet sind.

Und in den wenigen Fällen, in denen das Gesetz zum Tragen käme: Könnte es nicht auch sein, dass Männer auf dem Umweg der Vaterschaft eine Beziehung zur Mutter erzwingen wollen, die sich vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, von ihnen trennen will? Und: Wäre es wirklich so gut für das viel beschworene „Kindeswohl“, wenn schon bei seiner Geburt zwei untereinander verstrittene Menschen „Rechte“ über es haben? I don’t think so.

Ich würde eher sagen: Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist. Ist es die verantwortliche Sorge um Kinder, um die nächste Generation, das Weitergeben von Idealen und Werten? Oder ist es bloß die Sicherung des eigenen Genpools? Oder ist es am Ende sogar nur das prinzipielle Bestehen darauf, „Rechte“ zu haben? Das fände ich dann schon etwas dürftig.


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Hollywood im Vaterkomplex

Schon seit einiger Zeit fällt mir auf, dass es fast keine Hollywoodfilme oder US-Amerikanische Serien mehr gibt, in denen nicht in irgendeiner Weise ein Vaterkonflikt aufgearbeitet wird. Inzwischen ist das bei uns zu Hause fast schon ein running gag: „Achtung, jetzt kommt wieder dieser Vaterschwulst“, sagen wir dann, und gehen aufs Klo oder holen eine neue Tüte Chips aus der Kammer.

Die Vaterschwulst-Dialoge gehen meistens darum, dass irgendein jüngerer Mann (manchmal auch eine jüngere Frau) sich grämt, vom Vater nicht anerkannt zu sein, oder unter einem griesgrämig-verantwortungslosen Vater gelitten hat, und dann kommt es zu einer Aussprache, die meistens so geht, dass der Vater aus irgend einem Grund sein Fehlverhalten einsieht, eine mehr oder weniger gelungene Entschuldigung oder Wiedergutmachung anbietet, und ihm dann verziehen wird.

Nun spricht ja eigentlich nichts dagegen, auch diesen zweifellos hin und wieder vorkommenden Aspekt menschlicher Beziehungen filmisch aufzubereiten. Der Punkt ist aber, dass diese Szenen auch dann in die Handlung eingebaut werden, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Ja, selbst dann, wenn alte Filme neu inszeniert oder literarische Vorlagen verfilmt werden, wird dieser Vaterschwulst irgendwie hineingezwirbelt.

Gestern abend zum Beispiel sah ich „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Es geht um die Geschichte eines Mannes, der als alter Mensch geboren wird und im Laufe des Lebens immer jünger wird und schließlich als Baby stirbt. Das „Vaterschwulst-Motiv“ wurde hier sogar gleich an zwei Stellen eingebaut: Sein Vater setzt das hässlich-verunstaltete Baby Benjamin gleich nach der Geburt aus und bereut die Tat später, als er selbst alt wird und seine Fabrik dem Sohn vererben will. Und Benjamin Button selbst verlässt dann ebenfalls seine Frau, als diese ein Kind bekommt, und hinterlässt beiden nur sein Geld und sein Tagebuch. Die Tochter wächst in dem Glauben auf, dass der zweite Mann ihrer Mutter auch ihr leiblicher Vater sei und erfährt die Wahrheit erst am Sterbebett ihrer Mutter, als diese sich von ihr Benjamins Tagebuch vorlesen lässt – das ist die Rahmenhandlung des Films.

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ mit Brad Pitt in der Hauptrolle ist die Verfilmung einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald (http://www.readbookonline.net/read/690/10628/), und interessehalber habe ich das Original gestern abend nachgelesen. Und: In Fitzgeralds Geschichte kommen beide Vaterkonflikte überhaupt nicht vor. Bei ihm wächst das hässliche Baby Benjamin in der Herkunftsfamilie auf, und als Benjamin dann später selbst Vater wird, verlässt auch er keineswegs Frau und Kind. Der Fokus der Handlung liegt ganz auf diesem merkwürdigen Umstand des quasi rückwärts ablaufenden Lebens. Vaterschaft wird dabei zwar thematisiert, sogar mehr noch als in der neuen Fassung, weil beide Väter ja im Leben ihrer Kinder anwesend sind mit allen Konflikten und Auseinandersetzungen, die das mit sich bringt. Aber es gibt nicht diesen „Vaterschwulst“ rund um einen zunächst abwesenden und verantwortungslosen, dann aber reuigen Vater und die Frage, ob man ihm verzeihen soll oder nicht.

Ganz ähnlich war es auch schon bei dem ersten Film, dessen Abweichung vom Original an genau diesem Punkt mir aufgefallen ist, nämlich der Science-Fiction Neuverfilmung von „Der Tag, an dem die Erde stillstand“. Hier handelt die Geschichte von einem Außerirdischen, der in Gestalt eines normalen Mannes auf die Erde kommt, um den Menschen mitzuteilen, dass sie demnächst ausgerottet werden, weil sie im Begriff sind, den Planeten zu zerstören und die Außerirdischen, die der Menschheit technisch haushoch überlegen sind, das nicht zulassen werden. Auch von dieser Geschichte gibt es zwei Varianten: Eine alte Verfilmung mit Michael Rennie aus dem Jahr 1951, und eben die von 2008 mit Keanu Reeves.

Michael Rennie musste als Außerirdischer noch keine Väterkomplexe ausarbeiten

Michael Rennie musste noch keine Vaterkonflikte lösen, als er als Außerirdischer auf die Erde kam. Sein Nachfolger Keanu Reeves schon….

In beiden Versionen ist es eine Frau, die eine Beziehung zu dem Außerirdischen aufbaut und versucht, ihn davon zu überzeugen, dass die Menschen sich bessern können, während die Politiker und die Militärs vergeblich versuchen, den Fremden zu töten und sein Raumschiff zu zerstören. In beiden Versionen hat die Frau einen kleinen Sohn und keinen Ehemann dazu. Doch während in der alten Fassung dieser Umstand lediglich eine Tatsache ist, die nicht weiter im Fokus steht und auch nicht kommentiert werden muss, sondern nur Anlass zu einigen Szenen gibt, die die Fürsorglichkeit des ansonsten sehr überlegen und distanziert wirkenden Außerirdischen zeigen (während der Vater wohl nur deshalb fehlt, damit der leicht erotische Unterton in der Beziehung zwischen der Frau und dem Fremden nicht moralisch verwerflich erscheint), wird in der neuen Fassung der abwesende Vater quasi zur Hauptperson. Hier ist das Kind nicht einfach das Kind der Hauptperson, sondern seine Trauer um den fehlenden Vater, der als Soldat im Irakkrieg gestorben ist, wird zum wesentlichen Erzählstrang. Die Verschiebung weg von der Mutter hin zum Vater wird zudem noch dadurch verstärkt, dass die Frau in der neuen Fassung gar nicht die leibliche Mutter des Kindes ist.

Der Konflikt zwischen einer militärisch-technischen Lösung und einer menschlich-beziehungsweisen Lösung, der in der alten Fassung eine deutliche geschlechtsdifferenzierte Konnotation hatte (die Frau steht für die Beziehung, die männlichen Militärs für die Technik) verlagert sich so weg von der Frau als Hauptperson hin zu dem „abwesenden“ Vater als Hauptperson, dargestellt an dem kleinen Sohn, der seinen „kriegerisch-militärischen“, aber eben toten Vater zunächst verehrt, dann aber Vertrauen zu dem anderen Mann entwickelt. Die Frau spielt in dieser Beziehung eine bloße Nebenrolle, auch sie ist nicht in erster Linie Mutter des Kindes, sondern trauernde Ex-Gattin.

Was bedeutet diese große symbolische Präsenz des abwesenden und/oder verantwortungslosen Vaters in der amerikanischen Kinowelt? Welches Thema wird hier bearbeitet und warum ist es so wichtig, dass es offenbar auch in Geschichten und Handlungen eingeschrieben werden muss, in denen es eigentlich um etwas ganz anderes geht? Was folgt aus der Tatsache, dass auf diese Weise die weiblichen Rollen zwangsläufig in den Hintergrund treten und Frauen nur in ihrer Beziehung zu einem Vater an Kontur gewinnen?

Die Illusion der Vereinbarkeit

93 Prozent der kinderlosen Männer zwischen 15 und 33 Jahren wollen Kinder haben, so die gute Botschaft einer neuen Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die dieser Tage vorgestellt wurde. Soweit der erfreuliche Aspekt – erfreulich aus Sicht der Frauen, deren Kinderwunsch nämlich sehr häufig am Veto ihres Partners scheitert.

Allerdings sind die Bedingungen, unter denen sich Männer das Kinderhaben vorstellen, durchaus heikel: Knapp die Hälfte ist klar für die klassische Aufgabenverteilung – sie selbst gehen arbeiten und sind der „Familienernährer“, die Frau sorgt für die Kinder. Nicht einmal jeder vierte vertritt für Frauen und Männer ein egalitäres Rollenbild. Dass diese Einstellung höchst problematisch ist in Zeiten, in denen Frauen unbedingt erwerbstätig sein müssen, weil das innerfamiliäre Unterhaltsrecht gerade abgeschafft wird, und in denen der Arbeitsmarkt nicht mehr unbedingt so ist, dass ein Mann allein den finanziellen Unterhalt der Familie auf Dauer garantieren kann, ist das eine und bekannt. Und dass an dieser rückwärtsgewandten Einstellung durchaus auch die Frauen mit Schuld sind, weil es immer noch viele Frauen gibt, die von den Männern diese finanzielle Versorgerrolle erwarten, stimmt auch, geschenkt.

Was mich an der Studie nachdenklich gemacht hat, ist vielmehr ein anderer Aspekt: wie sich die befragten Männer die heute so viel diskutierte „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ vorstellen. Positiv herausgehoben wurde nämlich, dass die meisten Befragten sich (anders als die Väter aus früheren Generationen) durchaus auch in der Betreuung ihrer Kinder engagieren wollen – aber nur wenn das nicht zulasten des Berufs geht. Die mehrheit der Befragten will nicht einmal in der Zeit direkt nach der Geburt beruflich etwas zurückstecken – Elterngeld hin oder her. Viele Kommentatoren zogen daraus den Schluss, das Hauptproblem liege darin , dass die meisten Firmen und Unternehmen den Vätern diesen Spielraum für mehr Famlienzeit nicht geben.

Auch wenn das sicher so ist, bin ich bin trotzdem der Meinung, dass das Hauptproblem ein anderes ist. Weil in diesem Wunsch der Männer nämlich eine große Illusion deutlich wird, die sie haben, und die wir als Gesellschaft insgesamt zunehmend zu haben drohen: Die Illusion, man könne Kinder haben, erziehen, betreuen, versorgen, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit hat. Das ist aber Unsinn. Eine totale „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf gibt es nicht, jedenfalls solange nicht, wie das Berufsleben eine auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem von heute hat. Sicher: Die Situation kann noch wesentlich verbessert werden mit den bekannten Maßnahmen. Aber auch wenn wir für jedes Kind einen Krippen- und Kindergartenplatz haben, wenn wir Ganztagsschulen haben und flexible Arbeitszeiten, Kitas in den Firmen und verständnisvolle Chefs, die uns Familienurlaub geben, wann immer wir wollen – das alles wird nichts daran ändern, dass Muttersein (und, sofern die „neuen Väter“ es ernst meinen, auch Vatersein) viel Zeit und Kraft kostet. Und das bedeutet nun einmal, dass diese Zeit und Kraft der Karriere nicht zur Verfügung steht.

Ich gebe zu, dass die Frauenbewegung mit dem Slogan „Beruf und Familie sind vereinbar“ etwas zur Entstehung dieser Vereinbarkeits-Illusion beigetragen hat. Da früher die Arbeitgeber den Frauen pauschal unterstellt haben, sie würden ja ohnehin irgendwann Kinder haben und damit nicht mehr so komplett leistungsbereit sein, mussten wir sozusagen das Gegenteil behaupten: Auch die Frau, die Mutter ist, ist eine komplett leistungstüchtige Arbeitnehmerin. Aber wenn wir früher für die „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie argumentierten, dann bedeutete das, etwas gegen die damals verbreitete Ansicht zu unternehmen, dass beides komplet unvereinbar sei: Jede berufstätige Frau eine Rabenmutter. „Vereinbarkeit“ bedeutet, dass beides – mit Kompromissen auf beiden Seiten – durchaus unter einen Hut zu bringen ist. Dass, wenn man hier wie da ein paar Abstriche macht, sich weibliche Erwerbstätigkeit und Mutterschaft sogar unter Umständen gegenseitig bereichern und befruchten können, dass der Gegensatz nicht so pauschal und absolut ist, wie das Patriarchat früher behauptet hat.

Vereinbarkeit bedeutet aber nicht, dass ich beides haben kann ohne dass es auch nur den allerleisesten Konflikt geben wird. Frauen wissen das natürlich. Deshalb gehen ja so viele von ihnen auf Teilzeit, wenn sie Mütter werden. Deshalb bekommen sie nur ein oder zwei Kinder statt drei oder vier, um im Beruf nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Dies bedeutet „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ – auf beiden Seiten Abstriche machen, um die beiden Bereiche mit einander zu kombinieren und zu verbinden.

Es ist aber völliger Wahnsinn, wenn sich immer mehr die Meinung durchsetzt, diese Abstriche wären keinesfalls nötig, sondern es ließe sich die 100-prozentige Berufstätigkeit umsetzen, auch wenn man Mutter (oder Vater) von Kindern ist – und wenn für diese 100-prozentige Berufstätigkeit auch noch der verheiratete Mann zum Maßstab genommen wird, dessen Frau sich nicht nur um die Kinder kümmert, sondern ihm selbst das Wäschewaschen, Putzen und Essenkochen weitgehend abnimmt.

Die aktuelle Studie hat gezeigt, wie weit verbreitet diese Vereinbarkeitsillusion unter jungen Männern schon ist, und deshalb ist Zeit, ihnen zu sagen: Wenn ihr aktive Väter werden wollt, dann heißt das auf jeden Fall, dass Ihr Abstriche beim Beruf machen müsst. Man kann nicht gleichzeitig aktiver Vater und 60-Stunden-Karrieremacher sein. Der Tag hat nämlich nur 24 Stunden und unsere Kräfte sind irgendwann erschöpft, und eure auch.

Die Botschaft der Stunde wäre also die: Beruf und Familie sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht ohne Kompromisse. Beruf und Familie sind natürlich auch nicht ganz und gar unvereinbar. Aber es handelt sich beim Kombinieren von Erwerbsarbeit und Haus- und Fürsorgearbeit eben weder um ein plattes „entweder-oder“, wie man früher meinte, noch um ein ebenso plattes „sowohl als auch“, wie man heute meint. Sondern die Herausforderung (und das war der Grund, warum die Frauenbewegung vor dreißig Jahren eine „Vereinbarkeitsdebatte“ vom Zaun gebrochen hat) besteht darin, beides auf ganz neue Weise zu kombinieren, ohne das eine von vornherein dem anderen unterzuordnen. Solange so viele Männer und leider auch die Mehrzahl der „Familien“-Politikerinnen und -Politiker dies nicht in Angriff nehmen, sondern so tun, als könnte man alles um den 100-Prozent-Vollzeitarbeitnehmer (in männlicher und weiblicher Version) organisieren, wird es dabei bleiben, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie diejenigen ausbaden müssen, die Kinder haben und versorgen.

Das sind heute noch in übergroßer Mehrheit Frauen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir als Gesellschaft die „Kinder haben schränkt doch die Erwerbsfähigkeit kein bisschen ein“-Lüge auf dem Rücken derer austragen, die sich den Tatsachen stellen und auf Karrierechancen und Einkommen verzichten, um Zeit und Energie fürs Kinderversorgen zu haben. Ob davon nun 5 Prozent Männer sind (wie jetzt) oder 50 (wie in einer möglichen gleichstellungsparadiesischen Zukunft), ist aus meiner Sicht so ziemlich egal.

Zum Weiterlesen: Bertelsmann Stiftung (Hrsg): Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2008, 20 Euro.


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Vaterschaft vielfältig gestalten

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ – noch nie war dieses Sprichwort so wahr wie heute. Das alte Rollenmodell des patriarchalen Familienoberhauptes ist wohl endgültig passé. Doch was an seine Stelle treten soll, ist noch ziemlich unklar. Ist ein Vater einfach die männliche Version einer Mutter? In Zeiten, in denen die Gleichstellung von Frauen und Männern politische Zielvorgabe ist, erscheint das vielen als die plausibelste Lösung. Doch der Blick auf das wirkliche Leben zeigt, dass die Situation weitaus komplizierter ist.

Mit meinem Artikel „Abschied vom Traummann“ beginnt eine Diskussionsreihe über Familienbilder in der Zeitschrift „Publik Forum“. Weiterlesen hier: http://www.antjeschrupp.de/abschied_vom_traummann.htm