Hollywood im Vaterkomplex

Schon seit einiger Zeit fällt mir auf, dass es fast keine Hollywoodfilme oder US-Amerikanische Serien mehr gibt, in denen nicht in irgendeiner Weise ein Vaterkonflikt aufgearbeitet wird. Inzwischen ist das bei uns zu Hause fast schon ein running gag: „Achtung, jetzt kommt wieder dieser Vaterschwulst“, sagen wir dann, und gehen aufs Klo oder holen eine neue Tüte Chips aus der Kammer.

Die Vaterschwulst-Dialoge gehen meistens darum, dass irgendein jüngerer Mann (manchmal auch eine jüngere Frau) sich grämt, vom Vater nicht anerkannt zu sein, oder unter einem griesgrämig-verantwortungslosen Vater gelitten hat, und dann kommt es zu einer Aussprache, die meistens so geht, dass der Vater aus irgend einem Grund sein Fehlverhalten einsieht, eine mehr oder weniger gelungene Entschuldigung oder Wiedergutmachung anbietet, und ihm dann verziehen wird.

Nun spricht ja eigentlich nichts dagegen, auch diesen zweifellos hin und wieder vorkommenden Aspekt menschlicher Beziehungen filmisch aufzubereiten. Der Punkt ist aber, dass diese Szenen auch dann in die Handlung eingebaut werden, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Ja, selbst dann, wenn alte Filme neu inszeniert oder literarische Vorlagen verfilmt werden, wird dieser Vaterschwulst irgendwie hineingezwirbelt.

Gestern abend zum Beispiel sah ich „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Es geht um die Geschichte eines Mannes, der als alter Mensch geboren wird und im Laufe des Lebens immer jünger wird und schließlich als Baby stirbt. Das „Vaterschwulst-Motiv“ wurde hier sogar gleich an zwei Stellen eingebaut: Sein Vater setzt das hässlich-verunstaltete Baby Benjamin gleich nach der Geburt aus und bereut die Tat später, als er selbst alt wird und seine Fabrik dem Sohn vererben will. Und Benjamin Button selbst verlässt dann ebenfalls seine Frau, als diese ein Kind bekommt, und hinterlässt beiden nur sein Geld und sein Tagebuch. Die Tochter wächst in dem Glauben auf, dass der zweite Mann ihrer Mutter auch ihr leiblicher Vater sei und erfährt die Wahrheit erst am Sterbebett ihrer Mutter, als diese sich von ihr Benjamins Tagebuch vorlesen lässt – das ist die Rahmenhandlung des Films.

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ mit Brad Pitt in der Hauptrolle ist die Verfilmung einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald (http://www.readbookonline.net/read/690/10628/), und interessehalber habe ich das Original gestern abend nachgelesen. Und: In Fitzgeralds Geschichte kommen beide Vaterkonflikte überhaupt nicht vor. Bei ihm wächst das hässliche Baby Benjamin in der Herkunftsfamilie auf, und als Benjamin dann später selbst Vater wird, verlässt auch er keineswegs Frau und Kind. Der Fokus der Handlung liegt ganz auf diesem merkwürdigen Umstand des quasi rückwärts ablaufenden Lebens. Vaterschaft wird dabei zwar thematisiert, sogar mehr noch als in der neuen Fassung, weil beide Väter ja im Leben ihrer Kinder anwesend sind mit allen Konflikten und Auseinandersetzungen, die das mit sich bringt. Aber es gibt nicht diesen „Vaterschwulst“ rund um einen zunächst abwesenden und verantwortungslosen, dann aber reuigen Vater und die Frage, ob man ihm verzeihen soll oder nicht.

Ganz ähnlich war es auch schon bei dem ersten Film, dessen Abweichung vom Original an genau diesem Punkt mir aufgefallen ist, nämlich der Science-Fiction Neuverfilmung von „Der Tag, an dem die Erde stillstand“. Hier handelt die Geschichte von einem Außerirdischen, der in Gestalt eines normalen Mannes auf die Erde kommt, um den Menschen mitzuteilen, dass sie demnächst ausgerottet werden, weil sie im Begriff sind, den Planeten zu zerstören und die Außerirdischen, die der Menschheit technisch haushoch überlegen sind, das nicht zulassen werden. Auch von dieser Geschichte gibt es zwei Varianten: Eine alte Verfilmung mit Michael Rennie aus dem Jahr 1951, und eben die von 2008 mit Keanu Reeves.

Michael Rennie musste als Außerirdischer noch keine Väterkomplexe ausarbeiten

Michael Rennie musste noch keine Vaterkonflikte lösen, als er als Außerirdischer auf die Erde kam. Sein Nachfolger Keanu Reeves schon….

In beiden Versionen ist es eine Frau, die eine Beziehung zu dem Außerirdischen aufbaut und versucht, ihn davon zu überzeugen, dass die Menschen sich bessern können, während die Politiker und die Militärs vergeblich versuchen, den Fremden zu töten und sein Raumschiff zu zerstören. In beiden Versionen hat die Frau einen kleinen Sohn und keinen Ehemann dazu. Doch während in der alten Fassung dieser Umstand lediglich eine Tatsache ist, die nicht weiter im Fokus steht und auch nicht kommentiert werden muss, sondern nur Anlass zu einigen Szenen gibt, die die Fürsorglichkeit des ansonsten sehr überlegen und distanziert wirkenden Außerirdischen zeigen (während der Vater wohl nur deshalb fehlt, damit der leicht erotische Unterton in der Beziehung zwischen der Frau und dem Fremden nicht moralisch verwerflich erscheint), wird in der neuen Fassung der abwesende Vater quasi zur Hauptperson. Hier ist das Kind nicht einfach das Kind der Hauptperson, sondern seine Trauer um den fehlenden Vater, der als Soldat im Irakkrieg gestorben ist, wird zum wesentlichen Erzählstrang. Die Verschiebung weg von der Mutter hin zum Vater wird zudem noch dadurch verstärkt, dass die Frau in der neuen Fassung gar nicht die leibliche Mutter des Kindes ist.

Der Konflikt zwischen einer militärisch-technischen Lösung und einer menschlich-beziehungsweisen Lösung, der in der alten Fassung eine deutliche geschlechtsdifferenzierte Konnotation hatte (die Frau steht für die Beziehung, die männlichen Militärs für die Technik) verlagert sich so weg von der Frau als Hauptperson hin zu dem „abwesenden“ Vater als Hauptperson, dargestellt an dem kleinen Sohn, der seinen „kriegerisch-militärischen“, aber eben toten Vater zunächst verehrt, dann aber Vertrauen zu dem anderen Mann entwickelt. Die Frau spielt in dieser Beziehung eine bloße Nebenrolle, auch sie ist nicht in erster Linie Mutter des Kindes, sondern trauernde Ex-Gattin.

Was bedeutet diese große symbolische Präsenz des abwesenden und/oder verantwortungslosen Vaters in der amerikanischen Kinowelt? Welches Thema wird hier bearbeitet und warum ist es so wichtig, dass es offenbar auch in Geschichten und Handlungen eingeschrieben werden muss, in denen es eigentlich um etwas ganz anderes geht? Was folgt aus der Tatsache, dass auf diese Weise die weiblichen Rollen zwangsläufig in den Hintergrund treten und Frauen nur in ihrer Beziehung zu einem Vater an Kontur gewinnen?

2 Gedanken zu „Hollywood im Vaterkomplex

  1. Hallo Antje,
    erst einmal herzlich Glückwunsch zum neuen Blogdesign, es ist sehr schön und viel übersichtlicher.
    Der „Vaterkomplex“, so wie du ihn beschreibst, ist übrigens ein versteckt schwules Thema, denn sehr viele Produzenten und Drehbuchautoren in Hollywood sind schwul, meistens aber ungeoutet.

    Hier ein interessanter Link dazu:
    http://www.susannorfleet.com/pdf/norfleetsep_oct.pdf

    Hollywood war von Anfang an schwul/lesbisch geprägt, wie überhaupt das gesamte Showbusiness. Warum das so ist verstehen wir auch nicht so ganz.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Nähkreis

  2. Pingback: Kleiner Rant gegen MarkTomJack « Aus Liebe zur Freiheit

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