Andere arbeiten immer. Ich arbeite nie.

Es wird viel darüber geredet, wie mobiles Internet und die jederzeitige Erreichbarkeit der Menschen über Smartphones sich auf das Leben auswirkt. Oft ist dabei von Befürchtungen die Rede, viele fühlen sich gestresst dadurch, dass sich starre Grenzen zwischen „Arbeitszeit“ und „Freizeit“ auflösen. Man müsse heutzutage jederzeit verfügbar sein, wird geklagt.

Ich denke, das liegt daran, dass wir das, was sich da verändert, noch nicht richtig nutzen. Dass die alten Konzepte von „Arbeit“, die im Industriezeitalter entstanden sind, noch immer in unseren Köpfen herumkreisen. Ich denke, dass es möglich ist, die neuen Möglichkeiten so zu nutzen, dass daraus eine Befreiung von alten, überflüssigen Zwängen wird. Einfach deshalb, weil es bei mir so ist.

Eben zum Beispiel hatte ich eine Stunde Aufenthalt in Braunschweig, weil ich den Anschlusszug verpasst habe. Früher hätte ich mich darüber sehr geärgert: eine Stunde geklaute Lebenszeit, in der ich herumstehe und zum Nichtstun verdammt bin. Meine Termine und Vorhaben für den Nachmittag wären gefährdet gewesen, es wäre in Stress ausgeartet. So setzte ich mich ins Café, klappte das Notebook auf und redigierte ein paar Texte für die Zeitung, bei der ich arbeite. Ich machte genau dasselbe, wie ich ansonsten nachher im Büro gemacht hätte, nur eben wann anders und wo anders.

Oder neulich, als ich am Sonntagmorgen aus unerfindlichen Gründen um sieben Uhr glockenhellwach war. In der Wohnung Stille, es war klar, in den nächsten zwei Stunden würde ich keine Frühstücksgesellschaft haben. Also kochte ich mir einen Kaffee, machte es mir im Bett gemütlich und widmete mich den Mails, die in den vergangenen Tagen zu kurz gekommen waren. Als dann am Montag herrlichster Sonnenschein war, fuhr ich den Computer nach der ersten Stunde Neuigkeiten-Checken gleich wieder runter, setzte mich aufs Fahrrad und fuhr in der Gegend herum. Unerreichbar für alle.

Sicher ist meine Arbeitssituation ein wenig besonders, weil ich – auch in meiner „festangestellten“ Seite – hauptsächlich projektbezogen arbeite. Also Dinge tue, die relativ zeit- und ortsunabhängig sind und keine anderen Arbeitsmittel benötigen als eben einen Computer mit Internetzugang. Aber der Anteil dieser Tätigkeiten am Gesamtarbeitsvolumen steigt, und würden die technischen Möglichkeiten des mobilen Internets konsequent angewandt, könnte er wahrscheinlich noch viel größer sein, als er derzeit ist. Viele fragen sich aber: Ist das wünschenswert?

Ich sage: definitiv. Allerdings ist es dafür notwendig, sich von dem alten Konzept von „Arbeit“ zu verabschieden. Dieses Konzept sah eine klare Menge dessen vor, was ein Mensch zu tun hatte. Vierzig Stunden. Nine to five. In diesem Büro, in dieser Lagerhalle. Soundsoviel Menge Arbeitskraft für soundsoviel Geld, und das unabhängig von den Notwendigkeiten, dem Sinn, den persönlichen Befindlichkeiten.

Überhaupt die Befindlichkeiten. In der alten Logik gab es nicht nur eine klare Grenze zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“, sondern in deren Gefolge auch eine klare Grenze zwischen „Gesund“ und „Krank“ – entscheidend dafür war der Stempel vom Arzt.

Bei mir gibt es zwischen diesen beiden Zuständen aber jede Menge dazwischen. Es gibt Tage, da fühle ich mich stark wie ein Ochse und schaffe ein ganzes Wochenpensum weg. An anderen Tagen bin ich lustlos und duddele unproduktiv vor mich hin, aber natürlich würde kein Arzt mich dafür krankschreiben. Manchmal bin ich auch „richtig“ krank, etwa mit einer Grippe, aber deshalb noch keineswegs unfähig, irgendetwas zu tun. Ein paar Mails lesen kann ich durchaus, oder telefonisch Dinge delegieren und Termine verlegen. Oder dieses Buch lesen, zu dem ich vor lauter Arbeitswut in den Wochen zuvor nicht gekommen war.

Mir kommt ein Vergleich für meine Art zu „arbeiten“ in den Kopf: die klassische Hausfrau. Auch die konnte sich nicht krank schreiben lassen – oder nur in Extremfällen. Auch die hatte keine geregelten Arbeitszeiten, sondern war rund um die Uhr im Einsatz und erreichbar, vor allem, wenn auch Kinder zu ihrem Haushalt gehörten. Auch ihre Arbeit hörte niemals auf, war niemals erledigt, irgendetwas gab es immer zu tun. Wie hat sie das eigentlich gemacht?

Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir den Begriff der „Arbeit“ durch den des „Tätigseins“ ersetzen. Anstatt von der „Arbeit“ auszugehen, die mir von anderen (dem „Arbeitgeber“) aufgetragen wird und die zu verrichten ich mich verpflichtet habe, gehe ich von mir und meinen Möglichkeiten aus, etwas zu tun. Ich tue das, was ich kann und will, und dann sehen wir ja, wie viel „Getanes“ dabei herauskommt.

Dies ist die einzige Haltung, so meine ich, die uns in der Flut der möglichen Dinge, die nach uns schreien, nicht untergehen lässt. Ich kann nicht alles lesen, ich kann nicht alles tun, was wünschenswert ist, ich kann nicht die ganze Welt retten. Aber ich kann meinen Kräften entsprechend in dieser Welt tätig sein.

Das bedeutet nicht einfach nur Spaß und Lust und Laune. Ein wichtiger, eigentlich der entscheidende Faktor ist dabei natürlich die Notwendigkeit. Wenn meine Nachbarin sich das Bein bricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss, und ich bin die einzige, die da ist, muss ich das machen, egal ob ich grade müde oder in ein spannendes Buch vertieft bin. Wenn ich jemandem etwas versprochen habe (zum Beispiel, dann und dann einen Vortrag zu halten oder ein Manuskript abzugeben), dann muss ich das einhalten.

So jedenfalls verstehe ich meine Aufträge, auch als festangestellte Redakteurin: Nicht als Verpflichtung, zu der mich ein „Arbeitgeber“ zwingt, sondern als Versprechen, das ich anderen Leuten gegeben habe und das ich mich daher auch einzuhalten bemühe. Nicht mehr Aufträge annehmen als ich realistischerweise abarbeiten kann, bedeutet auch einen sorgsamen Umgang damit: Man darf nicht Sachen versprechen, die man nicht halten kann.

Es gibt also zwei Kriterien für mein Tätigsein: Die Notwendigkeiten der Welt (etwas muss getan werden) sowie das Versprechen, das ich gegeben habe (jemand verlässt sich auf mich). Beides ist aber nichts Neues. Das ist schon immer Maßstab des menschlichen Tätigseins gewesen, nicht nur lange vor der Erfindung des mobilen Internet, sondern auch schon lange vor dem Industriezeitalter. Das moderne Verständnis von „Arbeit“ hat diese natürlichen Grundlagen von menschlichem Tätigsein eher behindert und durch starre Verträge, Zeitregimes und so weiter ersetzt. Sodass Menschen auch Sinnloses taten, weil irgendwer ihnen die entsprechende Anweisung gab, und dass Menschen Versprechen nicht eingelöst haben, weil irgendeine gesetzliche Regelung es ihnen ermöglichte, sich zu drücken.

Vorschlag: Die Grenze, der wir unsere Aufmerksamkeit widmen sollten, ist nicht die zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“, sondern die zwischen „Tätigsein in der Welt“ und „Zurückgezogenheit von der Welt“. Die Welt ist immer da und wartet auf mein Mitwirken, sowohl die analoge als auch die, zu der mir das Internet Zugang gewährt. Aber ich bin nicht ständig aktiv. Ich bin nicht immer öffentlich präsent, ich ziehe mich manchmal zurück, schalte ab, bin im Privaten. Weil das Wetter schön ist, weil ich schlapp bin, weil eine alte Freundin zu Besuch kommt, weil ich mit einem Kind spiele oder weil ich bloß grade keine Lust habe und auch nichts Dringendes anliegt. Dann ist die Welt natürlich trotzdem da, und ich verpasse für eine Weile, was da geschieht. So what. Die Welt dreht sich auch ohne mich, zum Glück.

Die Voraussetzung dafür, dass das klappt, ist eine neue Vorstellung von „Echtzeit“. Alles Wesentliche passiert im Hier und Jetzt. Ich mag es deshalb nicht, wenn man mir Nachrichten und Aufträge „hinterlässt“. Ich bin in der Gegenwart präsent, und es belastet mich, wenn sich Unerledigtes anhäuft. Überflüssiges Unerledigtes.

Das Unerledigte ist nämlich selber ein Phänomen der alten industriellen Arbeitsstrukturen: Um fünf Uhr fiel der Hammer, und weitere eingehende Anliegen hatten bis zum nächsten Morgen um Neun zu warten. Sie sammelten sich an, das schöne Bild vom Berg gestapelter Akten. Mein persönlicher Horrorapparat für diese Art der Anhäufung von Unerledigtem ist der Anrufbeantworter. Eine ebenbürtige Nachfolgerin ist natürlich längst die E-Mail. Beides – E-Mails und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter – haben bei mir ziemlich schlechte Karten, denn sie stehlen mir Freiheit. Ich widme mich ihnen nur, wenn sie wirklich ganz dringlich sind, oder wenn ich Sonntagsmorgens mal zu früh aufwache. Ansonsten behandle ich sie wie Echtzeit-Kontakte: Entweder ich bearbeite sie sofort, also dann, wenn ich sie zum ersten Mal lese oder höre, oder sie rutschen immer weiter nach hinten und geraten in Vergessenheit.

Die Hausfrau früher hatte ja auch keine E-Mail und keinen Anrufbeantworter. Sie war da oder nicht, und wer etwas von ihr wollte und sie nicht persönlich antraf, musste eben später wiederkommen. Und so könnten wir das auch heute wieder handhaben: Wer potenziell rund um die Uhr präsent ist, kann nicht auch noch jede Menge Unerledigtes in der Pipeline haben – denn das ist es, was den Stress erzeugt.

Auf diese Weise – mit einer langen Liste von Unerledigtem – mag ich nicht mehr leben. Ich will so nicht arbeiten. Ich will übrigens gar nicht arbeiten. Ich will tätig sein, hier und jetzt, eintauchen in die Welt um mich herum oder in meinen Timelines, in den Strom der Neuigkeiten und Menschen, die Gespräche und Ideen. Ich möchte meine gegebenen Versprechen einlösen oder mich den Notwendigkeiten zuwenden, die auf mein Aktivwerden warten, aber nicht irgendwelche Verträge erfüllen. Ich möchte etwas beitragen zu dieser Welt, und nicht Aufgaben abarbeiten.

Früher nannte man genau das mal „Leben“.


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Gleich und Gleich ergibt Arm und Reich. So ein Mist.

Das Ende der Alleinverdiener-Ehe führt zu mehr materieller Ungleichheit. Ich habe über dieses Problem vor Jahren mal in einem Aufsatz von Nancy Fraser gelesen und erwähne es seither bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Jetzt ist es auch statistisch belegt und führt hoffentlich zu weiterführenden Diskussionen.

Nach einer neuen Studie ist nämlich eine der Hauptursachen für die wachsende Kluft von Arm und Reich, dass sich die Unterschiede im Familieneinkommen nahezu verdoppeln, wenn nicht mehr nur der Mann, sondern auch die Frau voll erwerbstätig ist. Denn Paare finden sich tendenziell nach sozialer Schicht zusammen – Gutverdiener heiraten Gutverdienerinnen, Schlechtverdienerinnen heiraten Schlechtverdiener. Für das Familieneinkommen ist das logischerweise ein sehr großer Unterschied im Vergleich zur alten “Hausfrauenehe”. Das ist eines der vielen Beispiele dafür, dass bloße Emanzipation, die Gleichstellung der Frauen mit den Männern, keine gute Idee ist, wenn ansonsten alles beim Alten bleibt.

Meiner Ansicht nach haben wir es hier nicht nur mit einem Geldverteilungsproblem zu tun. Gestern Abend nahm ich in Düsseldorf an einer Podiumsdiskussion zum Frauentags-Jubiläum teil. Eine der Mitdiskutantinnen war Tina Müller, eine Topmanagerin bei Henkel. Natürlich ging es auch wieder um die Frage nach Frauen in Führungspositionen. Müller steuerte eine Beobachtung bei, die ich in dem Zusammenhang interessant finde: Sie hält es für fraglich, ob die Forderung nach mehr Männern in Haus- und Fürsorgearbeit wirklich dazu beitragen würde, dass mehr Frauen in Top-Positionen kämen. Denn ihrer Beobachtung nach wollen beruflich erfolgreiche Frauen keine “Hausmänner” haben, sondern Partner, die ebenfalls auf irgend eine Weise “Karriere” machen.

Man könnte das jetzt natürlich einfach mit stereotypen Rollenmustern erklären, aber ich glaube, das ist nicht alles. Man braucht nämlich nicht die Sozialisation (von der Biologie ganz zu schweigen), um die Wünsche und Motivationen zu erklären, die Frauen angeben, wenn sie Führungspositionen anstreben: Dass es ihnen vor allem darum geht, einflussreich zu sein, etwas Sinnvolles zu tun, oder dass sie einfach Spaß an ihrem Beruf haben. Worum es ihnen  hingegen so gut wie gar nicht geht, das ist inhaltsleerer Status – der berühmte dicke Dienstwagen, der privilegierte Clubzugang, der Orden an der Brust. Ich wüsste nicht, was daran erklärungsbedürftig ist, es ist ja doch einfach vernünftig. Genau anders herum wird ein Schuh draus: Der alte Statusbegriff ist erklärungsbedürftig – und ich finde die These nicht steil, das er etwas mit der patriarchalen Vorstellung von “Höherwertigem” und “Niedrigem” zu tun hat.

Die Freiheit der Frauen hat damit Schluss gemacht. In einer Welt, die aus freien, wenn auch unterschiedlichen Menschen besteht, ist Statusdenken eigentlich antiquiert. Allerdings haben sich die gesellschaftlichen Institutionen noch nicht entsprechend verändert. Immer noch ist Status eine der wesentlichen “Belohnungen”, die man für das Erreichen einer Führungsposition bekommt (neben mehr Geld und mehr Einfluss). Das ist meiner Ansicht nach auch ein wesentlicher Grund, warum Frauen nicht so super-enthusiastisch Führungspositionen anstreben und sich sehr genau überlegen, ob sie das wollen und welchen Preis sie bereit sind, dafür zu zahlen. Nicht, weil sie so schüchtern wären, sondern weil es für sie eben weniger zu “gewinnen” gibt als für Männer (alten Schlags). Die “Belohnungen” entsprechen nur teilweise dem, was Frauen (und auch immer mehr “postpatriarchale” Männer) tatsächlich als Belohnung ansehen.

Ich denke, auch das Verhalten in der Wahl des Partners spielt hier hinein. In der alten Ordnung gehörte zur “männlichen Statusbildung” nämlich durchaus auch das “Heiraten nach unten” (Chefarzt und Krankenschwester usw.) Die nicht-erwerbstätige Ehefrau war ein Statussymbol, mit dem der Mann zeigen konnte, dass er so viel verdiente, dass seine Frau es “nicht nötig hatte”, selbst Geld zu verdienen. Diese Fassade wurde teilweise sogar dann aufrecht erhalten, wenn das reale Einkommen gar nicht so hoch war: Im Zuge der Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung war der Kampf für das Statussymbol “Hausfrau” ein wesentlicher Bestandteil.

Frauen hingegen – und vermutlich auch immer mehr vernünftige Männer – mögen diese Art von Überlegenheit innerhalb ihrer Beziehungen nicht. Sie wollen mit ihrer Partner_innen-Wahl nicht irgend einen Status festigen, sondern sie wählen nach Vorlieben. Sie schätzen Partner und Partnerinnen mit ähnlichen Interessen, mit ähnlichem Bildungsstand – und damit eben, so wie unsere Gesellschaft organisiert ist, zwangsläufig leider auch mit ähnlichem Einkommen.

Darin liegt durchaus etwas Tragisches: Der egalitäre Impuls, der von Frauen ausgeht, wenn sie Beziehungen “auf Augenhöhe” und ohne Hierarchie bevorzugen, führt im Rahmen der gegebenen Strukturen faktisch zu mehr Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Weil sie dann eben den alten sozialen Ausgleich (reicher Mann heiratet arme Frau) nicht mehr bedienen. Oder anders herum: Männer mit wenig eigenem Erwerbseinkommen haben viel schlechtere Chancen, sich “reich” zu heiraten, als (früher) Frauen ohne eigenes Erwerbseinkommen.

Ich habe keine Lösung für das Problem, aber ich finde, wir sollten darüber offen diskutieren. Klar ist: Gleichstellungspolitik muss Hand in Hand gehen mit einer größeren sozialpolitischen Perspektive. Wenn das “Individuum” als soziale Grundeinheit an die Stelle der “Familie” treten soll (und das sollte es meiner Ansicht nach definitiv!) – dann ist das im Hinblick auf ein “gutes Leben für alle” nur ein Fortschritt, wenn wir gleichzeitig andere Wege finden, die materielle Ungleichheit zu verringern.

Update: Hier noch Ergebnisse einer aktuellen OECD-Studie zu dem Thema


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Religion versus Atheismus? Über falsche Fragen.

Zur Verteidigung der Religion traten an: Wilhelm Imkamp (doppeltes Minus, weil er den Holocaust für billige Polemik gegen den Atheismus instrumentalisierte), Gloria von Thurn und Taxis (Plus für die pinke Hose und ihre Verteidigung der Hirten), Matthias Mathussek (Doppelminus für inhaltsfreies bildungsbürgerliches Rumgelaber) und Wolfgang Huber (doppeltes Plus, weil er tatsächlich ganz sinnvolle Argumente vorbrachte, wenn auch niemand darauf einging). Den Atheismus vertraten: Philipp Möller (Doppelplus, weil er steile Thesen souverän vortrug und dabei auch Angriffe unter der Gürtellinie wegsteckte, ohne selbst ausfallend zu werden), Monika Frommel (ohne Wertung, weil ich mich an ihre Beiträge weder positiv noch negativ erinnere), Alan Posener (Plus, weil er beim Argumentieren höflich blieb, auch wenn er sich imho manchmal selbst widersprach) und Necla Kelek (Minus für ihre allzu schlichte Aufklärungsgläubigkeit). In der Mitte: Stefan Aust, der als Moderator nicht viel zu tun hatte.

Ohne die Religion wäre die Welt besser dran!“ war die These, über die vergangenen Donnerstag in Berlin diskutiert worden ist. Ich war von den Veranstaltern von www.disput-berlin.de dazu eingeladen worden, und – ausgestattet mit bezahltem Zugticket und Hotelzimmer – war ich tatsächlich auch neugierig. Der Disput mit Atheisten interessiert mich, war ja auch hier im Blog schon manchmal Thema.

Leider schlug die Lust an der Zuspitzung auch diesmal wieder oft in flache Scherze oder billige Polemik um (wobei sich vor allem die beiden katholischen Männer negativ hervortaten), und über weite Strecken wurde aneinander vorbei geredet. Was auch daran lag, dass das Thema gar nicht so recht klar war. Was genau ist mit „Religion“ gemeint? Geht es um religiöse Institutionen mit Machtanspruch? Oder geht es um die Frage, ob Gott existiert oder nicht? Oder um persönliche Frömmigkeit bzw. „Aberglauben“? Um die Finanzierung kirchlicher Arbeit aus allgemeinen Steuermitteln?

Das wurde alles miteinander vermengt, es sind aber doch völlig verschiedene Themen. Je länger desto mehr kommt mir die sowieso die Gegenüberstellung von „Atheisten“ versus „Gläubige“ künstlich vor. Eher schon verläuft die Grenze da, wo Wolfgang Huber sie in der Diskussion sah: Zwischen fundamentalistischer und toleranter Weltanschauung, wobei es beides eben sowohl in der Variante „religiös“ als auch in der Variante „atheistisch“ gibt.

Aber auch diese Linie ist eigentlich nicht wirklich fruchtbar, um darüber zu diskutieren, weil Fundamentalismus ja gerade darin besteht, dass er vernünftige Diskussionen nicht zulässt.Fundamentalistische Weltsichten behaupten eine allgemeine Wahrheit unabhängig von jeder Notwendigkeit der Vermittlung (weshalb sie auch meiner Ansicht nach gerade nicht radikal sind, sondern einfach nur dumm).

Wenn es darum geht, sinnvolle Konfliktlinien innerhalb eines solchen Diskurses auszumachen, dann würde ich sie in erster Linie zwischen solchen Menschen sehen, die interessiert an den Argumenten Andersdenkender sind, weil sie die Hoffnung haben, dadurch selbst bereichert zu werden, und solchen, denen es in Diskussionen in erster Linie darum geht, Recht zu behalten und zu „gewinnen“.

Letzteres war leider in Berlin auf beiden Seiten die vorherrschende Haltung, was aber natürlich auch an den Vorgaben und dem Setting lag. Aber für den Fall, dass es jemanden interessiert, hier die Gründe dafür, warum mich die atheistischen Positionen nicht überzeugt haben:

* Das immer wieder vorgebrachte Argument, im Namen von Religionen seien totalitäre Machtsysteme errichtet worden, überzeugt mich nicht, weil im Namen des Atheismus ebenso totalitäre Machtsysteme errichtet worden sind (Stalin und Mao, zum Beispiel). Offensichtlich ist nicht die Tatsache des Religonenbezugs die Ursache für solche Entwicklungen, sondern etwas anderes. Und das Problem dabei ist: Wenn man meint, die Ursache in „der Religion“ gefunden zu haben, gibt es eigentlich keinen Anlass mehr, nach den wirklichen Ursachen zu suchen.

* Der Streit über die Frage, ob Gott existiert oder einfach ein Objekt von Aberglauben ist, langweilt mich, weil es bei Religion, jedenfalls so wie ich sie verstehe, nicht darum geht, die Existenz Gottes zu behaupten, sondern darum, sie zu wünschen. (Vgl. dazu meine Rezension von Luisa Muraros „Gott der Frauen“). Die rationalistische Überzeugung, wonach alles, was sich nicht beweisen (oder falsifizieren) lässt, irrelevant sei, halte ich für ziemlich realitätsfremd.

* Die Forderung, Religion soll Privatsache sein, überzeugt mich nicht, weil eine Weltanschauung ja keine Folklore ist, sondern notwendigerweise Auswirkungen auf das eigene In der Welt-Sein hat. Das Private ist politisch, remember?

* Insofern war natürlich auch schon die Ausgangsthese merkwürdig. Welchen Sinn hat es, darüber zu räsonnieren, ob die Welt ohne Religion besser dran wäre, wenn eine Welt ohne Religion überhaupt keine praktikable Handlungsoption ist? Wir können zum Beispiel darüber diskutieren, ob die Welt ohne Atomkraftwerke oder ohne Armeen besser dran wäre, weil es – wenigstens theoretisch – möglich wäre, im Fall eines „Nein“ Atomkraftwerke oder Armeen abzuschaffen. Religion hingegen lässt sich nicht abschaffen, jedenfalls nicht im Rahmen der üblichen politischen Instrumentarien. Keine denkbare Instanz kann „entscheiden“, dass es keine Religionen mehr geben soll. Also wäre es doch sinnvoller, darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft mit Religion umgeht.

* Die Unterscheidung zwischen „privater“ Religion und „institutioneller“ Religion war noch mit der interessanteste Punkt, der diskutiert worden ist. Allerdings ist hierbei das Thema nicht eigentlich die Religion, sondern vielmehr die Institutionalisierung und die Frage, welche Vor- und Nachteile es hat, wenn Ideen und Lebenseinstellungen in feste Regularien gegossen werden. (Dieselben Argumente kann man zum Beispiel für und gegen die Institutionalisierung des Feminismus vorbringen).

* Die Vorstellung, Religion sei eine historisch überholte Weltsicht (nach dem Motto: Früher mag sie ihren Sinn gehabt haben, heute sind wir aber drüber weg), überzeugt mich nicht, weil ich dieses fortschrittgläubige Weltbild nicht teile, wonach wir uns von finsteren Dummheitszeiten immer weiter einem hellen, aufgeklärten Zeitalter annähern. Außerdem klingt hier immer eine westliche Überheblichkeit gegen andere Kulturen mit.

Soweit die wesentlichen Punkte, die mir im Anschluss durch den Kopf gingen. Das ist übrigens keine prinzipielle Entscheidung über den Atheismus. Wäre ich Atheistin gewesen, hätten mich ziemlich sicher die Auftritte der Verteidiger der Religion an diesem Abend ebensowenig überzeugt.

Was Disput Berlin betrifft: Da sollen weitere Veranstaltungen folgen. „Die Ehe ist tot“ wird wohl die nächste These lauten, danach kommt „Stichwort Internet. Die repräsentative Demokratie hat ihre Schuldigkeit getan“.


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Die Männer und das liebe Geld. Zehn Thesen zum Equal Pay Day

Holt raus eure roten Taschen. Es ist wieder Equal Pay Day.

Am Freitag ist wieder Equal Pay Day – also dieser große Aktionstag, bei dem wir uns kollektiv darüber ärgern, dass Frauen bis jetzt arbeiten mussten, um das Geld zu verdienen, das Männer schon am 31. Dezember in der Tasche hatten. Ich mache auch mit. Obwohl mir dieser Tag und wie er begangen wird, durchaus ein paar Bauchschmerzen bereitet. And here is why:

1. Das eigentlich schlimme „Pay-Gap“, über das wir reden müssten, ist nicht das zwischen Frauen und Männern, sondern das zwischen Armen und Reichen. Deshalb ist es falsch, sich hier rein auf den Gender-Aspekt zu beziehen.

2. Das „Gender Pay-Gap“ ist nicht die Krankheit selbst, sondern nur ein Symptom für ein tiefer liegendes gesellschaftliches Problem. Und deshalb kann es nicht darum gehen, das Symptom zu kurieren, sondern wir müssen die Krankheit – die krasse materielle Ungleichheit zwischen Menschen – angehen. Wenn nämlich bei den Reichen und bei den Armen irgendwann das Geschlechterverhältnis hübsch ordentlich fifty-fifty beträgt, aber die Schere insgesamt genauso groß bleibt wie bisher oder sogar noch größer wird, dann wüsste ich nicht, was damit gewonnen wäre.

3. Es ist wenig sinnvoll, im Bezug auf Einkommen „die Männer“ und „die Frauen“ zu vergleichen. Statistik ist natürlich per se wenig aussagekräftig im Hinblick auf das reale Leben, aber in diesem Zusammenhang ist es ganz besonders wenig sinnvoll, weil sich nicht viele Frauen und Männer konkret in dieser Durchschnittssituation befinden: Besonders groß ist der Unterschied nämlich in den unteren Einkommensgruppen und bei den sehr viel Verdienenden, im „Mittelfeld“, also bei den Angestellten, und in bestimmten Berufen ist er nicht sehr groß.

4. Es wird immer sehr viel darüber geredet, dass Frauen weniger verdienen als Männer, aber für meinen Geschmack wird zu wenig darüber geredet, dass (manche) Männer schlicht zu viel verdienen. Zu Recht sind doch immer mal wieder die Managergehälter in der Debatte. Warum ist eigentlich noch nie jemand auf die Idee gekommen, die Managerinnen, die sich für dieselbe Arbeit auch mit weniger Geld zufrieden geben, als Vorbilder anzuführen?

5. Alle Studien (zuletzt wieder hier) zeigen, dass Frauen bei der Frage, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, weniger auf Geld und Status achten als Männer, und dafür mehr auf den Sinn und die Beziehungen. Und dann wird so getan, als wäre das ein Problem. Ich wüsste nicht, wieso. Eher ist es ein Problem (und zwar nicht nur eines im Bezug auf das Geschlechterverhältnis), dass es immer noch zu viele Männer gibt, denen es vor allem um Geld und Status geht und zu wenig um den Sinn und die Notwendigkeit ihrer Arbeit. Darüber sollten wir sprechen und darüber, welche Männlichkeitsbilder dahinter stecken und ob wir die noch wollen. Auch viele Männer wollen die ja zum Glück nicht mehr.

6. Das ist im Übrigen mein Vorschlag dafür, wie wir mehr Frauen in hohe Führungspositionen und Aufsichtsräte bringen können: Einfach dort deutlich weniger bezahlen. Dann werden nämlich all diejenigen, die solche Posten hauptsächlich wegen dem Geld und dem Status reizvoll finden, von selber wegbleiben. Und das wäre ganz sicher für die Qualität dieser Gremien von Vorteil. Der Frauenanteil würde sich dann wahrscheinlich ganz von allein erhöhen.

7. Es wird immer sehr viel darüber geredet, dass Frauen die falschen Berufe wählen. Aber wer soll denn eigentlich die Arbeit der Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Erzieherinnen machen? Wir sollten doch als Gesellschaft froh sein, wenn es genug Frauen gibt, die in diesen Berufen arbeiten wollen (und wenn Männer sich daran ein Beispiel nehmen möchten, nur  zu!). Nötig wäre eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wertvoll und wichtig diese Berufe sind – und in der Konsequenz dann auch, wie sie besser bezahlt werden können.

8. Es ist richtig, Frauen dazu anzuregen, mehr über Geld zu reden und nachzudenken und ihre historisch ansozialisierte Abneigung gegen Gelddinge kritisch zu hinterfragen. Aber nicht mit dem Ziel, dass sie die nach „männlichen“ Maßstäben „normale“ Sicht auf das Geld übernehmen, sondern mit dem Ziel, dass sie ihre eigenen Vorstellungen davon entwickeln und in die Welt bringen.

9. Deshalb sollte endlich mal Schluss sein mit der Idee, die Männer und das, was sie tun, sei der Maßstab, an dem Frauen sich orientieren sollen, und wenn nicht, sind sie selbst an ihrer Benachteiligung schuld. Das, was Männer tun, und in diesem Zusammenhang eben ihre tendenzielle Überschätzung des Geldes, ist ja genauso historisch ansozialisiert und ganz und gar nicht „normal“. Und darüber hinaus ist es allzu oft auch noch schädlich für die Allgemeinheit. Finanzkrise und so.

10. Deshalb mache ich den Vorschlag, den Equal Pay Day in Zukunft im Oktober zu begehen: An dem Tag nämlich, an dem Männer bereits aufhören können zu arbeiten, während normale Leute (kleiner Scherz) noch bis Dezember weiter arbeiten.

Update: Bei Discipline and Anarchy ist dieser Text ins Englische übersetzt worden, many thanks! (gegen Ende des Blogposts)


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Grund zur Erinnerung: 140 Jahre Pariser Kommune

Montmartre, 18. März 1871: Frauen diskutieren mit den Soldaten und verhindern die Auslieferung der Waffen an die Preußen. Das war der Auftakt zur Pariser Kommune.

„Wenn die französische Nation nur aus Frauen bestünde, was wäre das für eine schreckliche Nation” – so soll ein Korrespondent der Londoner Times die Ereignisse der Pariser Kommune kommentiert haben. Die Kommune war – vor 140 Jahren – der erste Versuch in Europa, eine sozialistisch-kommunistische Regierung zu etablieren und ist daher für die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung ein wichtiges Ereignis, um das sich bis heute Legenden und Sehnsüchte ranken.

Zum Hintergrund: Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, den Frankreich verloren hatte, gab es große politische Meinungsunterschiede zwischen den französischen Provinzen und der Hauptstadt Paris. Die Provinzen waren mehrheitlich monarchistisch gestimmt und wählten die republikanische Regierung, die erst im September 1870 an die Macht gekommen war, wieder ab. Die Pariser Bevölkerung hingegen war eher sozialrevolutionär gestimmt.

Daher war schon die Regierung von Paris nach Versailles verlegt worden, und sie schloss mit den Deutschen, deren Armee Paris den ganzen Winter über belagert hatte, einen Waffenstillstand. Konkreter Auslöser des Kommuneaufstands war dann der Befehl der französischen Regierung an die Pariser Nationalgarde, die deutsche Armee in die Stadt zu lassen und ihr die verbliebenen französischen Kanonen zu übergeben, die auf Montmartre stationiert waren.

Stattdessen jedoch verweigerten die Pariserinnen und Pariser den Preußen den Einzug in die Stadt, installierten eine mehr oder weniger sozialistische Kommuneregierung, machten eine Menge neuer Gesetze, unter anderem überführten sie Unternehmen in Gemeinschaftseigentum, reformierten das Bildungssystem und vieles mehr.

Das Experiment dauerte nur zwei Monate. Schon bald verbündeten sich Preußen und die französische Monarchie gegen die Kommune: Die Preußen, die Paris immer noch belagerten, ließen gefangene französische Soldaten frei, damit die die Stadt einnehmen könnten. Das gelang ihnen dann im Mai, und vor der endgültigen Niederschlagung am 28. Mai wurden rund 30.000 Menschen getötet.

Mit Barrikaden versuchten die Kommunardinnen und Kommunarden, das Vorrücken der Preußischen Armee aufzuhalten.

Die ‘heroische’ Beteiligung von Frauen an diesen Ereignissen ist immer wieder erwähnt und untersucht worden seit Prosper-Olivier Lissagaray 1876 in seiner „Geschichte der Kommune von 1871″ das Augenmerk darauf gerichtet hat: „Die Frauen gingen zuerst vor, wie in den Tagen der Revolution. Die Frauen vom 18. März waren durch die Belagerung gestählt – sie hatten eine doppelte Portion des Elends zu tragen gehabt – und warteten nicht auf ihre Männer. Sie umringten die Mitrailleusen und sprachen auf die Geschützführer ein: ‘Es ist eine Schande! Was macht ihr hier?’ Die Soldaten schwiegen. Dann und wann sagte ein Unteroffizier: ‘Geht, gute Frauen, macht, dass ihr fortkommt!’ Der Ton seiner Stimme war nicht rauh, und die Frauen blieben. Eine große Menge von Nationalgardisten mit erhobenen Gewehrkolben, Frauen und Kinder stürmen durch die Rue des Rosiers vor. General Lecomte sah sich umzingelt, er befahl dreimal, das Feuer zu eröffnen. Aber seine Leute blieben Gewehr bei Fuß. Als die Menge näherkam, verbrüderten sie sich, und Lecomte und seine Offiziere wurden festgenommen.”

Die starke Präsenz von Frauen in der Pariser Kommune hat mehrere Ursachen. Nachdem 1868 das Versammlungsverbot in Frankreich aufgehoben worden war, hatte es vor allem in Paris zahlreiche Konferenzen, Vorträge und Diskussionen zur ‘Frauenfrage’ gegeben. Zu dieser ‘Politisierung’ der Frauen und der damit einhergehenden Sensibilisierung bisher männlich dominierter Gruppen kam aber ein zweiter wichtiger Aspekt hinzu: Die monatelange Belagerung von Paris hatte zu einem kaum zu bewältigenden Versorgungsnotstand geführt. Um die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Brennstoff zu organisieren, hatten sich zahlreiche Kooperativen und Nachbarschaftsgruppen gebildet, bei denen Frauen eine wichtige Rolle spielten und die zur Basis politisch orientierter Frauenorganisationen werden konnten.

Außerdem setzte die extreme Ausnahmesituation die herkömmlichen Mechanismen außer Kraft, die sonst einer Mitwirkung von Frauen am öffentlichen Leben im Weg standen: In der Not zählte buchstäblich jede Hand, sodass Spekulationen über die ‘natürliche’ Beschränkung von Frauen auf bestimmte Rollen hinfällig wurden; außerdem ließ die konkrete Betroffenheit familiärer Lebensbereiche durch die politischen Ereignisse – die unmittelbar spürbare Wechselwirkung zwischen Krieg, Politik und Alltagsleben – keinen Spielraum für einen Rückzug von Frauen ins ‘Private’.

Lissagaray schreibt: „Auf den Straßen ein Bataillon von hundert Männern, die ins Feld ziehen oder zurückkommen, einige Frauen die sie begleiten. Diese Frau, die da grüßt oder mitgeht, ist die tapfere und wahre Pariserin. Die ekelhafte Androgyne, aus imperialem Kot geboren, ist ihren Verehrern nach Versailles gefolgt oder lässt sich von der preußischen Zeche in Saint-Denis aushalten. Die jetzt den Pflasterstein in die Hand nimmt, ist die starke Frau, leidenschaftlich, tragisch, die zu sterben weiß, wie sie liebt. Die Arbeitskollegin will sich auch im Tod anschließen. Sie hält ihren Mann nicht zurück, im Gegenteil, sie drängt ihn in den Kampf, sie bringt ihm Wäsche und Suppe in den Schützengraben, wie vorher in die Werkstatt. Viele wollen gar nicht mehr zurückkehren, sondern greifen selbst zum Gewehr. Auf der Hochebene von Châtillon waren sie die letzten im Feuer. Am 3. April blieb die Marketenderin des 66. Bataillons, die Bürgerin Lachaise, den ganzen Tag auf dem Schlachtfeld und pflegte die Verwundeten, fast ganz allein, ohne Arzt. Wenn sie zurückkehren, rufen sie zu den Waffen, und hängen in der Bürgermeisterei des 10. Arrondissements glühende Proklamationen an: ‘Es gilt zu siegen oder zu sterben. Ihr, die Ihr sagt: Was kümmert mich der Triumph unserer Sache, wenn ich meine Lieben verlieren muss! Wisst, dass es nur ein Mittel gibt, Eure Lieben zu retten: wenn Ihr Euch selbst in den Kampf werft.'”

Elisabeth Dmitrieff

Andererseits war aber auch die Kommuneregierung rein männlich, auch das Frauenwahlrecht wurde nicht eingeführt – obwohl gerade in Frankreich schon bei der Revolution von 1848 heftig darüber diskutiert worden war. Die Kommunardinnen waren unterschiedlicher Ansicht, wie damit umzugehen sei. Elisabeth Dmitrieff etwa, eine junge marxistische Russin, die extra wegen der Kommune nach Paris gereist war und dort innerhalb kürzester Zeit mit der “Union des Femmes” die größte Frauenorganisation der Kommune aufbaute, war der Ansicht, in solchen revolutionären Zeiten gebe es Dringenderes zu tun, als sich mit den männlichen Kommunarden über die Gleichberechtigung der Frauen zu streiten.

André Léo hingegen, feministische Schriftstellerin und eine der maßgeblichen Intellektuellen der Kommune, kritisierte die Kommuneregierung offen, wenn sie die grundlegenden Prinzipien einer egalitären Gesellschaft in Gefahr sah. So schrieb sie: “Es gibt in Paris eine sehr große Zahl von Republikanern, die sich über diese Liebe der Frauen für die Republik entrüsten, weil sie ihnen unangenehm ist. Ein solches Verhalten, das die Geschichte in anderen Epochen als heroisch einstuft, erscheint ihnen zwar bewundernswert in der Vergangenheit, aber vollkommen unangebracht und lächerlich für heute.”

Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen sich an der Kommune beteiligten. Die Organisatorinnen eines geplanten Frauenmarsches nach Versailles – in Erinnerung an die Revolution von 1789 – reklamierten 10.000 Unterstützerinnen. Eine Kommunardin, Béatrix Excoffon, erinnert sich an eine Frauenversammlung am 3. April mit 700 bis 800 Frauen an der Place de la Concorde. Elisabeth Dmitrieff schreibt, zu den Versammlungen ihrer “Union des Femmes” kämen 3000 bis 4000 Frauen.

Die Art und Weise der Beteiligung von Frauen wies eine große Bandbreite auf. Viele Frauenorganisationen gingen auf Kooperativen zurück, die schon seit Jahren einen wichtigen Bestandteil der französischen Arbeiterbewegung ausmachten. Wenn es sich nicht um reine Produktionsgenossenschaften handelte, so beschäftigten sie sich mit Themen und Problemen, die traditionell in den Aufgabenbereich von Frauen fielen, insbesondere Krankenkassen, Volksküchen oder Lebensmittelvertriebe.

Anna Jaclard

Die zweite Säule von Frauenorganisationen in der Pariser Kommune bildeten die so genannten „Widerstandskomitees“, die meist von Lehrerinnen und Intellektuellen gegründet wurden, wie etwa die „Société des équitables de Paris” von Marguerite Tinayre. Die Widerstandskomitees hatten sich seit Kriegsbeginn in allen Stadtteilen gegründet, viele waren ausschließlich männlich oder gemischt, manche auch reine Frauenkomitees. Ihr Sinn war es, die Taktik und Strategie politischer Aktionen zu planen und zu diskutieren. Das bekannteste und einflussreichste Frauenkomitee war das von Louise Michel, André Léo, Sophie Poirier, Anna Jaclard und Béatrix Excoffon im 18. Arrondissement gegründete Widerstandskomitee Montmartre – diese Gruppe wurde zur wichtigsten Wortführerin für eine politische Einflussnahme von Frauen in der Pariser Kommune.

Paule Minck

Aber es gab noch zahlreiche andere Frauenklubs oder von Frauen dominierte Gruppen, die meisten von ihnen versammelten sich in besetzten Kirchen, zum Beispiel beim Klub in der Kirche Saint-Sulpice mit Paule Minck und Lodoïska Kawecka , in Saint Ambroise, in Notre-Dame de la Croix de Ménilmontant, in Saint-Christophe de la Vilette, in Saint-Bernard de la Chapelle oder in Saint-Lambert. Schließlich gab es auch zahlreiche Versuche, die Frauenerwerbsarbeit zu unterstützen – etwa die Schneiderei-Werkstatt von Sophie Poirier mit 70 bis 80 Arbeiterinnen, oder die Krankenpflege zu organisieren – wie die von bürgerlichen Frauen gegründete „Société de secours pour les victimes de la guerre”.

Ein weiterer Punkt ist dann noch die Bereitschaft von Frauen zur militärischen Unterstützung der Kommune, ihre Bereitschaft, selbst zu kämpfen, die Versorgung der Nationalgarde durch Marketenderinnen und Krankenschwestern, und schließlich auch die moralische Unterstützung für die kämpfenden Männer. Die Bedeutung dieser Unterstützung war den Beteiligten offenbar bewusst: „Am 24. Mai sagte ein Föderierter das Wort zu den bürgerlichen Bataillonen, das ihre Waffen zum Schweigen brachte: ‘Glaubt mir, ihr könnt euch nicht halten; eure Frauen zerfließen in Tränen, und unsere weinen nicht einmal’.”

Die Verhaftung von Louise Michel

Bei der Niederschlagung der Kommune kämpften sich die preußischen Truppen Straße um Straße vor, während die Kommunardinnen und Kommunarden das mit Straßenbarrikaden zu verhindern versuchten. Eine berühmt gewordene “Frauenbarrikade” gab es an der Place Blanche – hier starb Blanche Levèbvre. Viele andere konnten ins Ausland fliehen, vor allem in die Schweiz, darunter André Léo, Paule Minck und Elisabeth Dmitrieff. Die berühmteste Inhaftierte der Kommune war Louise Michel. Sie stellte sich freiwillig, nachdem ihre Mutter verhaftet worden war und wurde nach Neu-Kaledonien deportiert. Sie wurde später eine der wichtigsten Vordenkerinnen des Anarchismus.


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Wie man radikal ist

© Florian Berger - Fotolia.com

Ich lese grade den Streit zwischen Sascha Lobo und Lantzschi über die 50-Prozent-Frauen-in-Blogrolls-Quote nach und dabei ist mir ein Thema wieder eingefallen, das ich schon immer mal loswerden wollte. Es geht um die Frage: Wie ist man richtig radikal?

Meine These dazu ist Folgende: Richtig radikal ist man, indem man die Leute, mit denen man es grade zu tun hat (also in einer bestimmten, konkreten Situation, in diesem Blog, bei dieser Diskussion, in diesem Meeting, an diesem Kaffeetisch), genau so weit herausfordert, wie es eben noch möglich ist, ohne dass die Beziehung zerbricht.

Entstanden ist diese These aus meiner schon sehr alten Unzufriedenheit mit einer gewissen Angewohnheit in linken, radikalen, auch in feministischen Kreisen, die darin besteht, immer eine noch möglichst “radikalere” Theorie zu entwickeln. Dahinter steckt implizit die Vorstellung, politische Ideen würden sich fortschrittsmäßig von eher falschen zu eher richtigen Ideen entwickeln. Jede neue Theorie hat immer wieder irgendwelche Schwächen, die dann aufgedeckt und noch weiter “radikalisiert” werden. Den daraus entstehenden Wettstreit darüber, wer denn nun “radikaler” ist, fand ich lange Zeit bloß langweilig, inzwischen halte ich es für einen komplett falschen Ansatz.

Die Gegenseite davon (im Sinne der anderen Seite der Medaille) sind diejenigen, die anderen “übertriebene Radikalität” vorwerfen, mit Redewendungen wie “jetzt treibst du es aber zu weit” oder “das ist jetzt aber über das Ziel hinaus geschossen” und dergleichen. Man kann aber nicht “zu radikal” sein, und es geht nicht darum, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden.

Mein Problem mit dieser Art von Diskussionen ist, dass dabei die Theorie oder die Analyse oder das eigene Urteil quasi losgelöst vom Kontext und von den konkreten Beziehungen, in denen sie geäußert werden, betrachtet wird. So als wäre da zunächst die Theorie, die “objektiv” richtig oder falsch, besser oder schlechter ist, und erst in einem zweiten Schritt wird diese Theorie dann “verbreitet”.

Meiner Erfahrung nach funktioniert Politik so nicht. Sondern Politik ist ein ständiges Verhandeln zwischen Differenzen, die Sache mit der Pluralität eben. Es ist eine Wechselwirkung von Beziehungen, Austausch und dem Herausbilden von Einsichten und Positionen, die dann ihrerseits wieder verhandelt, revidiert und so weiter werden. Weder kann man Beziehungen losgelöst von dem eigenen politischen Urteil und dem der anderen sehen (zum Beispiel kann ich mir kaum vorstellen, mit einem Neonazi oder einem Maskulinisten “privat” befreundet zu sein), noch kann man aber die Theorie losgelöst von den Beziehungen sehen. Mein jeweiliges Urteil zu einer bestimmten Frage ist immer das vorläufige Ergebnis der Summe aller Gespräche und Gedanken und Gespräche und Gedanken, die mit mir als Akteurin bis heute dazu stattgefunden haben.

Andere Leute mit anderen Historien und anderen Beziehungen und anderen Gedanken, die sie bis heute gedacht haben, kommen zu anderen Positionen und Urteilen. Es ist möglich, dass sie bisher die – aus meiner Sicht – falschen Beziehungen und/oder falschen Gedanken hatten – das ist der erste Impuls, mit dem ich mir ihre von meinem Urteil abweichende Meinung erstmal erkläre. Aus Erfahrung (ich habe in der Vergangenheit auch schon vieles ganz überzeugt vertreten, das ich inzwischen für falsch halte) muss ich aber auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ich es bin, die auf dem falschen Dampfer ist. Und dass ich von der anderen, der mit der anderen Meinung, möglicherweise etwas lernen kann.

Es gibt keine objektive Möglichkeit, das herauszufinden oder zu beweisen. Aber es gibt dazu eine Praxis, und sie besteht genau in dem, was ich oben beschrieben habe: den oder die andere im Gespräch genau so weit herauszufordern, wie es eben noch möglich ist, ohne dass die Beziehung zerbricht. Politische Ideen sind nicht einfach da und lassen sich durchdrücken, sondern sie müssen vermittelt werden. Es genügt nicht, recht zu haben (selbst wenn man jetzt mal annimmt, was man ja normalerweise tut, dass man mit dem eigenen Urteil recht hat), sondern es ist notwendig, dieses eigene Urteil den anderen so zu vermitteln, dass es bei ihnen etwas bewirkt, sie dazu bringt, ihre bisherigen Gewissheiten zu überdenken. Ich muss die anderen überzeugen, und das funktioniert nicht, indem ich sie belehre, sondern nur, indem ich mich auf eine Beziehung zu ihnen einlasse, was notwendigerweise bedeutet, dass ich auch offen bin für ihre Argumente und mich dem Risiko aussetze, dass am Ende nicht ich die andere überzeugt habe, sondern sie mich.

Diese Vermittlung geschieht nicht aus Nettigkeit, sondern aus Notwendigkeit: Anders wird meine Idee nämlich nichts in der Welt bewirken.

(Natürlich kann ich die anderen auch zwingen, aber erstens ist das nicht sonderlich nachhaltig, und zweitens geht das nur aus einer Machtposition heraus, und die habe ich normalerweise nicht, jedenfalls nicht, wenn ich herrschaftskritische Positionen vertrete. Ein Teil der Linken hat immer davon geträumt, die Macht zu erringen und die Welt dann so einzurichten, wie es ihnen gefällt, aber der Ausgang war meistens katastrophal).

Diese Praxis der “kontextbezogenen größtmöglichen Radikalität” ist keine leichte. Die Versuchung ist groß, entweder (in einer bestimmten Situation) “um des lieben Friedens willen” Konflikte zu vermeiden und Differenzen unter den Teppich zu kehren (also die anderen nicht allzu sehr herauszufordern), oder aber die eigene Position so “unvermittelt” zu vertreten, dass die Beziehung darüber in die Brüche geht. Letzteres kann manchmal tatsächlich notwendig sein, oder jedenfalls unumgänglich, Beispiel der Neonazi von nebenan. Aber trotzdem bedeutet das dann auch faktisch, dass es an diesem Punkt keine Möglichkeit irgendeiner Vermittlung mehr gibt, mit all den Problemen, die daraus folgen.

Der Vorteil dieser Praxis ist aber, dass ich keine Revolution abwarten muss, um damit anfangen zu können. Es geht gleich hier und jetzt.

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“Sie hatte nur den Herrn gewechselt”

Clara Zetkin: Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris, 19.7.1889.

“Die Frage der Frauenemanzipation, das heißt in letzter Instanz die Frage der Frauenarbeit, ist eine wirtschaftliche. Die Sozialisten müssen wissen, dass bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist; dass die natürliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, dass die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muss, vermindert wird oder dass die Reichtümer der Gesellschaft wachsen; dass es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet.

Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger produktiver Tätigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den unverheirateten Arbeiter durchzubringen. Die in der Industrie tätige Frau, die unmöglicherweise ausschließlich in der Familie sein kann als ein bloßes wirtschaftliches Anhängsel des Mannes – sie lernte als ökonomische Kraft, die vom Mann unabhängig ist, sich selbst zu genügen.

Gleichwohl kommt diese wirtschaftliche Unabhängigkeit allerdings im Augenblick nicht der Frau selbst zugute, sondern dem Kapitalisten. Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bemächtigte sich der Kapitalist des neuen ökonomischen Faktors und ließ ihn zu seinem ausschließlichen Vorteil in Tätigkeit treten. Die von ihrer ökonomischen Abhängigkeit dem Mann gegenüber befreite Frau ward der ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt.

Immerhin gewann sie bei diesem Wechsel; sie ist nicht länger mehr dem Mann gegenüber wirtschaftlich minderwertig und ihm untergeordnet, sondern seinesgleichen. Der Kapitalist aber begnügt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe außerdem noch dadurch nutzbar, dass er die männlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, dass die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; dass sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; dass sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichtümer der Gesellschaft, das heißt mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung.

Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage ist so, dass weder der Kapitalist noch der Mann auf die Frauenarbeit verzichten können. Der Kapitalist muss sie aufrechterhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben, und der Mann muss auf sie rechnen, wenn er eine Familie gründen will.

Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt und von einem dem männlichen gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist – noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein.”

(Aus einer Rede von Clara Zetkin auf dem internationalen Arbeiterkongress zu Paris, am 19.7.1889 Zit. nach Florence Hervé, Hrsg: Dort kämpfen, wo das Leben ist, Dietz-Verlag, Berlin 2007, S. 39ff)


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Identität und Zugehörigkeit. Zur Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört

Der alberne Streit über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, überdeckt ein aus meiner Sicht noch problematischeres Thema im Hintergrund. Denn schon diese Frage geht implizit davon aus, dass es eine fest bestimmbare „Identität“ geben könnte.

Ich habe ja kürzlich schon einmal an dieser Stelle gegen „Gleichheit“ als politisch sinnvollen Begriff argumentiert, und dies knüpft daran an. „Identität“ bedeutet nämlich im Wortsinn „Gleichheit“, und zu diesem Phänomen gehört es, dass Identität daran bemessen wird, wer dazu gehört und wer nicht. Gleichheit, Identität ist nur zu haben um den Preis des Ausschlusses von anderen.

Allein schon die Frage zu stellen, was zu Deutschland gehört und was nicht (egal, wie man das dann beantwortet), bedeutet, sich dem Phänomen „deutsch“ letztlich in den Kategorien der Parteipolitik anzunähern. Also so, wie sich Männer das Politische vorgestellt haben (und damit das funktionieren konnte, mussten sie die Frauen als „andere“ ausschließen): als Parteien. Politische Einheiten verstanden als Gruppe, die sich um ein bestimmtes „Programm“ formiert, die einheitlich-gleich diese Positionen oder bestimmte partikulare Interessen vertritt, und zwar gegen die anderen, die eben andere Meinungen und Interessen haben. Zu denen man einzelne zulassen und aus dem man andere ausschließen kann. Und in diesem Kontext steht eben jetzt die Debatte zum Islam: Sortieren wir ihn ein als „zu uns gehörig“ oder als „fremd“? Und es ist kein Zufall, dass die Antwort auf diese Frage daran geknüpft wird, ob sich „der Islam“ zu „unserem“ Parteiprogramm bekennt.

Dieses Verständnis von Politik als Interessens- oder Identitätspolitik müsste dringend überdacht werden. Das habe ich in der Frauenbewegung gelernt. Die Frauenbewegung hat ja nie ein „Programm“ zustande gebracht (zum Glück), und obwohl auch hier anfangs die eigene Position unter „Fraueninteressen“ in der Logik der Parteipolitik zu denken versucht wurde, ist die „Identität“ der Frauen doch schnell hinterfragt und kritisiert worden. Die Frauenbewegung, so zeigte sich, braucht kein identitäres Subjekt, um handlungsfähig zu sein.

Die alte, von den männlichen „Gleichheits“-Vertretern hervorgebrachte Aufteilung der Welt in eine angeblich „öffentliche“ und eine angeblich „private“ Sphäre verweist dabei auf eine mögliche Auflösung, und zwar in Form der Familie, die als Gegenmodell zur Partei fungiert. Zu einer Familie gehört man nämlich gerade nicht, indem man sich zu einem bestimmten Programm bekennt, sondern einfach so, qua Geburt. Es ist eine Tatsache, dass ich zu einer bestimmten Familie gehöre, eine Tatsache, auf die ich keinen Einfluss habe. Und diese Tatsache wird auch nicht dadurch hinfällig, dass ich mich eventuell an bestimmte Familientraditionen nicht halte oder diese verändern will. Ich bin dann möglicherweise ein „schwarzes Schaf“, aber ich gehöre dennoch dazu.

Ebenso ist meine Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht nichts, was ich durch „unweibliches“ Verhalten aufs Spiel setzen könnte. Egal, was ich tue, ich bin eine Frau. An dieser Stelle könnten wir ansetzen, um auch andere „Identitätspolitiken“ zu hinterfragen. Was Deutschsein ausmacht, das ergibt sich nicht aus der Zustimmung und Anerkennung eines „deutschen Parteiprogramms“, sondern aus der schlichten Tatsache, in Deutschland zu leben oder einen deutschen Pass zu haben und sich selbst zugehörig zu fühlen. Und jede Definition von „Deutschsein“ ist nichts anderes als eine aktuelle Bestandsaufnahme all dessen, was „Deutsche“ tun oder nicht. Deutschsein ist kein „Programm“, sondern eine Tatsache.

Neben Nationalitäten oder politischen Bewegungen (wie der Frauenbewegung) könnte dieses Prinzip der Zugehörigkeit statt Identität auch auf andere Gruppierungen übertragen werden, zum Beispiel auf Religionen. Was etwa „das Christentum“ oder „der Islam“ ist, lässt sich nämlich ebenfalls nicht aus irgendwelchen Jahrhunderte alten Schriften oder Dogmen ableiten (auch wenn die alten Männer, die diese Programme und Dogmen verwalten, das gerne so hätten), sondern aus dem, was diejenigen, die sich zu einer Religion zugehörig erklären, jeweils tun oder lassen.

Dies ermöglicht ein anderes Verständnis von Freiheit: Ebenso wie ich meine Zugehörigkeit zu einer Familie nicht dadurch verliere, dass ich ihre Traditionen verlasse, dass ich dissident bin, ebenso wenig verliere ich meine Zugehörigkeit zur Frauenbewegung, bloß weil ich anderer Meinung bin wie Simone de Beauvoir, oder meine Zugehörigkeit zu Deutschland nicht dadurch, dass ich etwas anderes tue als das, was historisch die „deutsche Leitkultur“ gewesen ist oder mein Christinsein nicht dadurch, dass ich irgendwelche Verlautbarungen der Kirchenspitzen falsch finde.

Ich schlage also vor, politische und weltanschauliche Debatten nicht länger entlang der Bestimmung einer „Identität“ zu diskutieren, sondern entlang der Bestimmung von „Zugehörigkeit“. Beziehungsweise den Zusammenhang umzudrehen: Nicht die Identität, die Gleichheit, die Übereinstimmung mit einem Programm oder einer Leitkultur ist die Grundlage für Zugehörigkeit, sondern andersrum: Die Zugehörigkeit entscheidet darüber, wie das „Programm“ oder die „Leitkultur“ aussieht, weil dies nur die Summe dessen ist, was alle „Zugehörigen“ tun oder lassen.

Das hat auch den großen Vorteil, dass Differenz dabei denkbar wird, dass inhaltliche Konflikte und Kontroversen fruchtbar gemacht werden können, zum Nutzen des Ganzen. Und es zeigt auch, was hinter islamfeindlichen Einstellungen wirklich steckt: Nämlich nicht etwa eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Ansichten, die man selbst falsch findet, sondern gerade die Abwehr und Verweigerung solcher inhaltlichen Auseinandersetzungen.

Oder anders gesagt: Mit Leuten, von denen ich behaupte, dass sie ohnehin nicht dazu gehören, brauche ich ja nicht diskutieren. Ich kann sie einfach vor die Tür setzen.

 

Update: Christoph Fleischer hat diese Gedanken in einem eigenen Blogpost weitergedacht


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Die Erfinderin der Karnevalsmusik

Wenn jetzt wieder überall lustige Karnevalsumzüge in Stellung gehen, ist das eine gute Gelegenheit, hier mal eine der maßgeblichen Erfinderinnen dieses Spektakels zu feiern: die brasilianische Komponistin Francesca (alias Chiquinha) Gonzaga. Sie war es nämlich, die 1899 als erste Musikerin auf die Idee kam, ein Lied extra für den Karneval zu schreiben und legte damit den Grundstein für die berühmten Paraden von Sambaschulen in Rio und anderswo.

Auch damals schon war der Karneval im katholischen Brasilien das vielleicht wichtigste Fest des Jahres, doch die feine weiße Gesellschaft feierte nach europäischer Mode Maskenbälle, während die einfachen Leute auf den Straßen und an den Stränden feierten – größtenteils Menschen, deren Vorfahren als Sklavinnen und Sklaven nach Brasilien gekommen waren, aber auch arme Einwandererfamilien aus Europa. In Gruppen zogen sie in den warmen Sommernächten des Karnevals singend und tanzend durch die Straßen, ihre Musik war ein Durcheinander aus europäischen Polkas, Tangos und afrikanischen Rhythmen.

Das inspirierte Chiquinha Gonzaga, die damals schon eine bekannte Musikerin war, den ersten Karnevalshit der Welt zu schreiben. Ihr Text, den die Menschen bald schon lauthals dazu sangen, hieß: „Abre Alas, que eu quero passar“, auf deutsch: „Macht den Weg frei, ich will hier durch“.

„Abre Alas, macht den Weg frei“ – das war damals schon längst ein Lebensmotto von Chiquinha Gonzaga. 1847 in Rio de Janeiro als Tochter eines reichen Militärs und einer freien Mulattin geboren, hatte sie eine gute Ausbildung erhalten, zu der natürlich auch der Klavierunterricht gehörte. Mit 16 Jahren heiratete sie einen Jungunternehmer, den sie jedoch nach zehn Ehejahren und der Geburt dreier Kinder verließ, weil er cholerisch eifersüchtig war – nicht unbedingt auf andere Männer, sondern auf ihr Klavier. Da ihre Familie daraufhin jeden Kontakt zu ihr abbrach, musste Chiquinha Gonzaga sich den Lebensunterhalt nun selbst verdienen. Sie gab Klavierunterricht und komponierte kleine Stücke. Allgemeine Anerkennung als Komponistin fand sie seit 1877, als ihr mit der Polka „Atrahente“ ein kleiner Hit gelang.

Chiquinha Gonzaga gehörte zu einer Gruppe von jungen Musikern und Musikerinnen, die mit neuen Rhythmen und Melodien experimentierten. Fasziniert war sie vor allem von der Volksmusik – den lebendigen Polkas der europäischen Arbeiterinnen und Arbeiter, den rhythmischen Klängen aus afrikanischen Traditionen, der bäuerlichen Folklore der Landbevölkerung. Dass sie solche Musik auf dem Klavier intonierte, einem Instrument, das damals – anders als das Akkordeon oder die Fidel – als „nobel“ galt und auf dem man nur klassische Musik spielte, war eine Sensation.

Mit großer Hartnäckigkeit und gegen viel Widerstand gelang es Chiquinha Gonzaga im Lauf der Jahre, solche volkstümlichen Klänge von der Straße auf die Bühne zu bringen. Sie schrieb Burlesken und Operetten und bestand sogar darauf, das Orchester höchstpersönlich zu dirigieren. Dabei hat sie die Musik des Volkes nicht etwa einfach ausgebeutet, sondern immer versucht, sie in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Durch die Verbindung der verschiedenen Traditionen und Stile wollte sie so etwas wie eine musikalische nationale Identität stiften – und genau das ist bis heute das Erfolgsrezept brasilianischer Musik.

Chiquinha Gonzagas Lieder erklangen immer und immer wieder auf den Straßen und Plätzen, bis sie schließlich zu Ohrwürmern wurden. Auch Leute aus der höheren Gesellschaft fanden langsam Gefallen an der neuen Musik, zum Beispiel die damalige Präsidentengattin Nair de Tefé.Auf ihre Einladung hin führte Chiquinha Gonzaga 1914 einen ihrer populärsten Tangos – Corta Jaca, ein Stück mit eindeutig erotischen Anspielungen – sogar im Präsidentenpalast auf. Für die Moralapostel der Skandal des Jahres, für Gonzaga der endgültige Durchbruch.

Die Musik war zwar Chiquinha Gonzagas Leidenschaft, aber nicht die einzige. Sie war immer auch politisch engagiert, setzte sich für die Einführung der Republik ein und kämpfte gegen die Sklaverei, die in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft wurde. Der bitterste Preis, den sie für ihren eigensinnigen Lebensweg zahlte, war die Entfremdung ihrer ältesten Tochter, die sie bei ihrem Mann zurückgelassen hatte, und der man jeden Kontakt zur Mutter verbot – unter dieser Trennung litt Chiquinha Gonzaga ihr Leben lang. Trotzdem machte sie keine Kompromisse, auch nicht in der Liebe. Sie hatte diverse langjährige Affären, aus denen eine weitere Tochter hervorging, und im Alter von 52 Jahren begann sie eine Liebesbeziehung zu einem erst 16-jährigen Verehrer – die beiden blieben 35 Jahre lang, bis zu Chiquinhas Tod im Alter von 87, ein Paar.

In Brasilien wird Chiquinha Gonzaga heute als Begründerin der brasilianischen Popmusik und als Urmutter aller Karnevalszüge verehrt – spätestens seit ihr Leben vor einigen Jahren als Fernsehserie verfilmt wurde, kennt sie jeder. Und bis heute wird der erste Wagen jedes Karnevalsumzuges respektvoll nach ihrem Hit benannt: „Abre Alas“, macht den Weg frei.


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