Grund zur Erinnerung: 140 Jahre Pariser Kommune

Montmartre, 18. März 1871: Frauen diskutieren mit den Soldaten und verhindern die Auslieferung der Waffen an die Preußen. Das war der Auftakt zur Pariser Kommune.

„Wenn die französische Nation nur aus Frauen bestünde, was wäre das für eine schreckliche Nation“ – so soll ein Korrespondent der Londoner Times die Ereignisse der Pariser Kommune kommentiert haben. Die Kommune war – vor 140 Jahren – der erste Versuch in Europa, eine sozialistisch-kommunistische Regierung zu etablieren und ist daher für die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung ein wichtiges Ereignis, um das sich bis heute Legenden und Sehnsüchte ranken.

Zum Hintergrund: Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, den Frankreich verloren hatte, gab es große politische Meinungsunterschiede zwischen den französischen Provinzen und der Hauptstadt Paris. Die Provinzen waren mehrheitlich monarchistisch gestimmt und wählten die republikanische Regierung, die erst im September 1870 an die Macht gekommen war, wieder ab. Die Pariser Bevölkerung hingegen war eher sozialrevolutionär gestimmt.

Daher war schon die Regierung von Paris nach Versailles verlegt worden, und sie schloss mit den Deutschen, deren Armee Paris den ganzen Winter über belagert hatte, einen Waffenstillstand. Konkreter Auslöser des Kommuneaufstands war dann der Befehl der französischen Regierung an die Pariser Nationalgarde, die deutsche Armee in die Stadt zu lassen und ihr die verbliebenen französischen Kanonen zu übergeben, die auf Montmartre stationiert waren.

Stattdessen jedoch verweigerten die Pariserinnen und Pariser den Preußen den Einzug in die Stadt, installierten eine mehr oder weniger sozialistische Kommuneregierung, machten eine Menge neuer Gesetze, unter anderem überführten sie Unternehmen in Gemeinschaftseigentum, reformierten das Bildungssystem und vieles mehr.

Das Experiment dauerte nur zwei Monate. Schon bald verbündeten sich Preußen und die französische Monarchie gegen die Kommune: Die Preußen, die Paris immer noch belagerten, ließen gefangene französische Soldaten frei, damit die die Stadt einnehmen könnten. Das gelang ihnen dann im Mai, und vor der endgültigen Niederschlagung am 28. Mai wurden rund 30.000 Menschen getötet.

Mit Barrikaden versuchten die Kommunardinnen und Kommunarden, das Vorrücken der Preußischen Armee aufzuhalten.

Die ‚heroische‘ Beteiligung von Frauen an diesen Ereignissen ist immer wieder erwähnt und untersucht worden seit Prosper-Olivier Lissagaray 1876 in seiner „Geschichte der Kommune von 1871″ das Augenmerk darauf gerichtet hat: „Die Frauen gingen zuerst vor, wie in den Tagen der Revolution. Die Frauen vom 18. März waren durch die Belagerung gestählt – sie hatten eine doppelte Portion des Elends zu tragen gehabt – und warteten nicht auf ihre Männer. Sie umringten die Mitrailleusen und sprachen auf die Geschützführer ein: ‚Es ist eine Schande! Was macht ihr hier?‘ Die Soldaten schwiegen. Dann und wann sagte ein Unteroffizier: ‚Geht, gute Frauen, macht, dass ihr fortkommt!‘ Der Ton seiner Stimme war nicht rauh, und die Frauen blieben. Eine große Menge von Nationalgardisten mit erhobenen Gewehrkolben, Frauen und Kinder stürmen durch die Rue des Rosiers vor. General Lecomte sah sich umzingelt, er befahl dreimal, das Feuer zu eröffnen. Aber seine Leute blieben Gewehr bei Fuß. Als die Menge näherkam, verbrüderten sie sich, und Lecomte und seine Offiziere wurden festgenommen.“

Die starke Präsenz von Frauen in der Pariser Kommune hat mehrere Ursachen. Nachdem 1868 das Versammlungsverbot in Frankreich aufgehoben worden war, hatte es vor allem in Paris zahlreiche Konferenzen, Vorträge und Diskussionen zur ‘Frauenfrage’ gegeben. Zu dieser ‘Politisierung’ der Frauen und der damit einhergehenden Sensibilisierung bisher männlich dominierter Gruppen kam aber ein zweiter wichtiger Aspekt hinzu: Die monatelange Belagerung von Paris hatte zu einem kaum zu bewältigenden Versorgungsnotstand geführt. Um die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Brennstoff zu organisieren, hatten sich zahlreiche Kooperativen und Nachbarschaftsgruppen gebildet, bei denen Frauen eine wichtige Rolle spielten und die zur Basis politisch orientierter Frauenorganisationen werden konnten.

Außerdem setzte die extreme Ausnahmesituation die herkömmlichen Mechanismen außer Kraft, die sonst einer Mitwirkung von Frauen am öffentlichen Leben im Weg standen: In der Not zählte buchstäblich jede Hand, sodass Spekulationen über die ‘natürliche’ Beschränkung von Frauen auf bestimmte Rollen hinfällig wurden; außerdem ließ die konkrete Betroffenheit familiärer Lebensbereiche durch die politischen Ereignisse – die unmittelbar spürbare Wechselwirkung zwischen Krieg, Politik und Alltagsleben – keinen Spielraum für einen Rückzug von Frauen ins ‘Private’.

Lissagaray schreibt: „Auf den Straßen ein Bataillon von hundert Männern, die ins Feld ziehen oder zurückkommen, einige Frauen die sie begleiten. Diese Frau, die da grüßt oder mitgeht, ist die tapfere und wahre Pariserin. Die ekelhafte Androgyne, aus imperialem Kot geboren, ist ihren Verehrern nach Versailles gefolgt oder lässt sich von der preußischen Zeche in Saint-Denis aushalten. Die jetzt den Pflasterstein in die Hand nimmt, ist die starke Frau, leidenschaftlich, tragisch, die zu sterben weiß, wie sie liebt. Die Arbeitskollegin will sich auch im Tod anschließen. Sie hält ihren Mann nicht zurück, im Gegenteil, sie drängt ihn in den Kampf, sie bringt ihm Wäsche und Suppe in den Schützengraben, wie vorher in die Werkstatt. Viele wollen gar nicht mehr zurückkehren, sondern greifen selbst zum Gewehr. Auf der Hochebene von Châtillon waren sie die letzten im Feuer. Am 3. April blieb die Marketenderin des 66. Bataillons, die Bürgerin Lachaise, den ganzen Tag auf dem Schlachtfeld und pflegte die Verwundeten, fast ganz allein, ohne Arzt. Wenn sie zurückkehren, rufen sie zu den Waffen, und hängen in der Bürgermeisterei des 10. Arrondissements glühende Proklamationen an: ‚Es gilt zu siegen oder zu sterben. Ihr, die Ihr sagt: Was kümmert mich der Triumph unserer Sache, wenn ich meine Lieben verlieren muss! Wisst, dass es nur ein Mittel gibt, Eure Lieben zu retten: wenn Ihr Euch selbst in den Kampf werft.'“

Elisabeth Dmitrieff

Andererseits war aber auch die Kommuneregierung rein männlich, auch das Frauenwahlrecht wurde nicht eingeführt – obwohl gerade in Frankreich schon bei der Revolution von 1848 heftig darüber diskutiert worden war. Die Kommunardinnen waren unterschiedlicher Ansicht, wie damit umzugehen sei. Elisabeth Dmitrieff etwa, eine junge marxistische Russin, die extra wegen der Kommune nach Paris gereist war und dort innerhalb kürzester Zeit mit der „Union des Femmes“ die größte Frauenorganisation der Kommune aufbaute, war der Ansicht, in solchen revolutionären Zeiten gebe es Dringenderes zu tun, als sich mit den männlichen Kommunarden über die Gleichberechtigung der Frauen zu streiten.

André Léo hingegen, feministische Schriftstellerin und eine der maßgeblichen Intellektuellen der Kommune, kritisierte die Kommuneregierung offen, wenn sie die grundlegenden Prinzipien einer egalitären Gesellschaft in Gefahr sah. So schrieb sie: „Es gibt in Paris eine sehr große Zahl von Republikanern, die sich über diese Liebe der Frauen für die Republik entrüsten, weil sie ihnen unangenehm ist. Ein solches Verhalten, das die Geschichte in anderen Epochen als heroisch einstuft, erscheint ihnen zwar bewundernswert in der Vergangenheit, aber vollkommen unangebracht und lächerlich für heute.“

Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen sich an der Kommune beteiligten. Die Organisatorinnen eines geplanten Frauenmarsches nach Versailles – in Erinnerung an die Revolution von 1789 – reklamierten 10.000 Unterstützerinnen. Eine Kommunardin, Béatrix Excoffon, erinnert sich an eine Frauenversammlung am 3. April mit 700 bis 800 Frauen an der Place de la Concorde. Elisabeth Dmitrieff schreibt, zu den Versammlungen ihrer „Union des Femmes“ kämen 3000 bis 4000 Frauen.

Die Art und Weise der Beteiligung von Frauen wies eine große Bandbreite auf. Viele Frauenorganisationen gingen auf Kooperativen zurück, die schon seit Jahren einen wichtigen Bestandteil der französischen Arbeiterbewegung ausmachten. Wenn es sich nicht um reine Produktionsgenossenschaften handelte, so beschäftigten sie sich mit Themen und Problemen, die traditionell in den Aufgabenbereich von Frauen fielen, insbesondere Krankenkassen, Volksküchen oder Lebensmittelvertriebe.

Anna Jaclard

Die zweite Säule von Frauenorganisationen in der Pariser Kommune bildeten die so genannten „Widerstandskomitees“, die meist von Lehrerinnen und Intellektuellen gegründet wurden, wie etwa die „Société des équitables de Paris“ von Marguerite Tinayre. Die Widerstandskomitees hatten sich seit Kriegsbeginn in allen Stadtteilen gegründet, viele waren ausschließlich männlich oder gemischt, manche auch reine Frauenkomitees. Ihr Sinn war es, die Taktik und Strategie politischer Aktionen zu planen und zu diskutieren. Das bekannteste und einflussreichste Frauenkomitee war das von Louise Michel, André Léo, Sophie Poirier, Anna Jaclard und Béatrix Excoffon im 18. Arrondissement gegründete Widerstandskomitee Montmartre – diese Gruppe wurde zur wichtigsten Wortführerin für eine politische Einflussnahme von Frauen in der Pariser Kommune.

Paule Minck

Aber es gab noch zahlreiche andere Frauenklubs oder von Frauen dominierte Gruppen, die meisten von ihnen versammelten sich in besetzten Kirchen, zum Beispiel beim Klub in der Kirche Saint-Sulpice mit Paule Minck und Lodoïska Kawecka , in Saint Ambroise, in Notre-Dame de la Croix de Ménilmontant, in Saint-Christophe de la Vilette, in Saint-Bernard de la Chapelle oder in Saint-Lambert. Schließlich gab es auch zahlreiche Versuche, die Frauenerwerbsarbeit zu unterstützen – etwa die Schneiderei-Werkstatt von Sophie Poirier mit 70 bis 80 Arbeiterinnen, oder die Krankenpflege zu organisieren – wie die von bürgerlichen Frauen gegründete „Société de secours pour les victimes de la guerre“.

Ein weiterer Punkt ist dann noch die Bereitschaft von Frauen zur militärischen Unterstützung der Kommune, ihre Bereitschaft, selbst zu kämpfen, die Versorgung der Nationalgarde durch Marketenderinnen und Krankenschwestern, und schließlich auch die moralische Unterstützung für die kämpfenden Männer. Die Bedeutung dieser Unterstützung war den Beteiligten offenbar bewusst: „Am 24. Mai sagte ein Föderierter das Wort zu den bürgerlichen Bataillonen, das ihre Waffen zum Schweigen brachte: ‘Glaubt mir, ihr könnt euch nicht halten; eure Frauen zerfließen in Tränen, und unsere weinen nicht einmal’.“

Die Verhaftung von Louise Michel

Bei der Niederschlagung der Kommune kämpften sich die preußischen Truppen Straße um Straße vor, während die Kommunardinnen und Kommunarden das mit Straßenbarrikaden zu verhindern versuchten. Eine berühmt gewordene „Frauenbarrikade“ gab es an der Place Blanche – hier starb Blanche Levèbvre. Viele andere konnten ins Ausland fliehen, vor allem in die Schweiz, darunter André Léo, Paule Minck und Elisabeth Dmitrieff. Die berühmteste Inhaftierte der Kommune war Louise Michel. Sie stellte sich freiwillig, nachdem ihre Mutter verhaftet worden war und wurde nach Neu-Kaledonien deportiert. Sie wurde später eine der wichtigsten Vordenkerinnen des Anarchismus.


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9 Gedanken zu „Grund zur Erinnerung: 140 Jahre Pariser Kommune

  1. @Benni – Unter bürgerlich-republikanischen und auch einigen adligen Frauen gab es in Frankreich damals eine Mode, sich „männlich“ zu kleiden und zu benehmen, was in einer proletarischen Kultur als falscher Weg zu „Androgynität“ angesehen wurde. In Frankreich war ja die Idee, es müsse „getrennte Sphären“ von Frauen und Männern geben, quasi „erfunden“ worden (Proudhon, Michelet, Comte etc.) und weit verbreitet. Die „androgynen“ Frauen (z.B. George Sand) bildeten dazu eine Gegenbewegung, was durchaus auch einen „queeren“ Charme hatte (wie man heute sagen würde). Allerdings diskreditierten sich die maßgeblichen Protagonistinnen dieser Richtung (aus proletarischer Sicht) dadurch, dass sie überwiegend gegen die Kommune Stellung bezogen.

  2. „Die bisher schönsten Frauen, die Frauen der Commune“, hieß es in einem Lied in der „Proletenpassion“ von den „Schmettelingen“. War mal bei mir auf YT nachzuhören, im Moment leider von Sony gesperrt.

  3. @kN – Oh ja, du hast recht, habe nachgeschaut: Nathalie Lemel starb 1921. Ich meinte Blanche Lefebvre – sie kam 1871 auf den Barrikaden ums Leben. Man soll doch nie was aus dem Kopf behaupten, sondern immer alles nochmal nachprüfen. Zum Glück lässt das Internet keine falsche Behauptung lange in der Welt herumstehen, selbst zu so relativ „abseitigen“ Themen 🙂 Woher kennst du Nathalie Lemel? Forschst du auch zu dem Thema?

  4. @kN – Wahrscheinlich hab ich das im Kopf durcheinandergebracht, weil ein enger Mitstreiter von Nathalie Lemel, Eugène Varlin, bei der Niederschlagung der Kommune starb. Was sehr bedauerlich war, denn er war einer der (damals noch seltenen) Sozialisten, die sich aktiv für die Freiheit der Frauen und für ihre Gleichberechtigung (speziell Zugang zu Erwerbsarbeit) eingesetzt haben. Auch an ihn sei an dieser Stelle erinnert!

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