Die Erfinderin der Karnevalsmusik

Wenn jetzt wieder überall lustige Karnevalsumzüge in Stellung gehen, ist das eine gute Gelegenheit, hier mal eine der maßgeblichen Erfinderinnen dieses Spektakels zu feiern: die brasilianische Komponistin Francesca (alias Chiquinha) Gonzaga. Sie war es nämlich, die 1899 als erste Musikerin auf die Idee kam, ein Lied extra für den Karneval zu schreiben und legte damit den Grundstein für die berühmten Paraden von Sambaschulen in Rio und anderswo.

Auch damals schon war der Karneval im katholischen Brasilien das vielleicht wichtigste Fest des Jahres, doch die feine weiße Gesellschaft feierte nach europäischer Mode Maskenbälle, während die einfachen Leute auf den Straßen und an den Stränden feierten – größtenteils Menschen, deren Vorfahren als Sklavinnen und Sklaven nach Brasilien gekommen waren, aber auch arme Einwandererfamilien aus Europa. In Gruppen zogen sie in den warmen Sommernächten des Karnevals singend und tanzend durch die Straßen, ihre Musik war ein Durcheinander aus europäischen Polkas, Tangos und afrikanischen Rhythmen.

Das inspirierte Chiquinha Gonzaga, die damals schon eine bekannte Musikerin war, den ersten Karnevalshit der Welt zu schreiben. Ihr Text, den die Menschen bald schon lauthals dazu sangen, hieß: „Abre Alas, que eu quero passar“, auf deutsch: „Macht den Weg frei, ich will hier durch“.

„Abre Alas, macht den Weg frei“ – das war damals schon längst ein Lebensmotto von Chiquinha Gonzaga. 1847 in Rio de Janeiro als Tochter eines reichen Militärs und einer freien Mulattin geboren, hatte sie eine gute Ausbildung erhalten, zu der natürlich auch der Klavierunterricht gehörte. Mit 16 Jahren heiratete sie einen Jungunternehmer, den sie jedoch nach zehn Ehejahren und der Geburt dreier Kinder verließ, weil er cholerisch eifersüchtig war – nicht unbedingt auf andere Männer, sondern auf ihr Klavier. Da ihre Familie daraufhin jeden Kontakt zu ihr abbrach, musste Chiquinha Gonzaga sich den Lebensunterhalt nun selbst verdienen. Sie gab Klavierunterricht und komponierte kleine Stücke. Allgemeine Anerkennung als Komponistin fand sie seit 1877, als ihr mit der Polka „Atrahente“ ein kleiner Hit gelang.

Chiquinha Gonzaga gehörte zu einer Gruppe von jungen Musikern und Musikerinnen, die mit neuen Rhythmen und Melodien experimentierten. Fasziniert war sie vor allem von der Volksmusik – den lebendigen Polkas der europäischen Arbeiterinnen und Arbeiter, den rhythmischen Klängen aus afrikanischen Traditionen, der bäuerlichen Folklore der Landbevölkerung. Dass sie solche Musik auf dem Klavier intonierte, einem Instrument, das damals – anders als das Akkordeon oder die Fidel – als „nobel“ galt und auf dem man nur klassische Musik spielte, war eine Sensation.

Mit großer Hartnäckigkeit und gegen viel Widerstand gelang es Chiquinha Gonzaga im Lauf der Jahre, solche volkstümlichen Klänge von der Straße auf die Bühne zu bringen. Sie schrieb Burlesken und Operetten und bestand sogar darauf, das Orchester höchstpersönlich zu dirigieren. Dabei hat sie die Musik des Volkes nicht etwa einfach ausgebeutet, sondern immer versucht, sie in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Durch die Verbindung der verschiedenen Traditionen und Stile wollte sie so etwas wie eine musikalische nationale Identität stiften – und genau das ist bis heute das Erfolgsrezept brasilianischer Musik.

Chiquinha Gonzagas Lieder erklangen immer und immer wieder auf den Straßen und Plätzen, bis sie schließlich zu Ohrwürmern wurden. Auch Leute aus der höheren Gesellschaft fanden langsam Gefallen an der neuen Musik, zum Beispiel die damalige Präsidentengattin Nair de Tefé.Auf ihre Einladung hin führte Chiquinha Gonzaga 1914 einen ihrer populärsten Tangos – Corta Jaca, ein Stück mit eindeutig erotischen Anspielungen – sogar im Präsidentenpalast auf. Für die Moralapostel der Skandal des Jahres, für Gonzaga der endgültige Durchbruch.

Die Musik war zwar Chiquinha Gonzagas Leidenschaft, aber nicht die einzige. Sie war immer auch politisch engagiert, setzte sich für die Einführung der Republik ein und kämpfte gegen die Sklaverei, die in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft wurde. Der bitterste Preis, den sie für ihren eigensinnigen Lebensweg zahlte, war die Entfremdung ihrer ältesten Tochter, die sie bei ihrem Mann zurückgelassen hatte, und der man jeden Kontakt zur Mutter verbot – unter dieser Trennung litt Chiquinha Gonzaga ihr Leben lang. Trotzdem machte sie keine Kompromisse, auch nicht in der Liebe. Sie hatte diverse langjährige Affären, aus denen eine weitere Tochter hervorging, und im Alter von 52 Jahren begann sie eine Liebesbeziehung zu einem erst 16-jährigen Verehrer – die beiden blieben 35 Jahre lang, bis zu Chiquinhas Tod im Alter von 87, ein Paar.

In Brasilien wird Chiquinha Gonzaga heute als Begründerin der brasilianischen Popmusik und als Urmutter aller Karnevalszüge verehrt – spätestens seit ihr Leben vor einigen Jahren als Fernsehserie verfilmt wurde, kennt sie jeder. Und bis heute wird der erste Wagen jedes Karnevalsumzuges respektvoll nach ihrem Hit benannt: „Abre Alas“, macht den Weg frei.


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7 Gedanken zu „Die Erfinderin der Karnevalsmusik

  1. Liebe Antje Schrupp,

    ich finde ja einiges Deiner Ansichten ganz gut. Und ich finde auch die Gleichstellung von Mann und Frau sehr gut, soweit sie denn auch konsequent in allen bereichen umgesetzt wird. Und dazu gehören auch das Sorgerecht und gleichwertige Betreuung der Kinder.

    Was den Karneval betrifft, da schlägt mein Herz ja nicht nur für den Blauen Weihnachtsmann sondern auch als gebürtiger Kölner. Die Geschichte des Kölner Karnevals geht bis in die Zeit vor Christus zurück. http://www.koelnerkarneval1.de/131.html

    Und das erste Karnevalslied wurde der Nonne „Anna von Köln“ um 1500 n. Chr. überliefert. http://www.koelnerkarneval1.de/230.html

    Viele Grüße von
    Blauer-Weihnachtsmann.de
    Detlef Naumann

  2. Wir haben im europäischen Raum auch eine grosse unerschöpfliche Quelle an Volksmusik, Folk, Tänze, etc. Daraus lässt sich Neues gestalten.Wunderbar!

  3. Liebe Antje,
    wunderbar, diese Musik! Und auch die Frau, die sie komponiert hat. Wie hast Du nur die alten Videos aufgetrieben? Ich hätte gar nicht gedacht, dass Rio’s Stadtkern früher so europäisch ausgesehen hat.

  4. Ehrlich, ich finde es toll, was Sie hier immer wieder ausgraben und zugänglich machen. Und, wer weiß, womöglich würde ich auch Francesca Gonzaga toll finden, könnte ich sie unvoreingenommen hören. Nur geht das jetzt nicht mehr, nachdem ich die Überschrift „Die Erfinderin der Karnevalsmusik“ gelesen habe. Weil, bei „Karnevalsmusik“ dreht sch mir der Magen um, wie toll auch immer. (Ich weiß, dass Karneval eine unglaublich interessante Kulturform ist. Ich bemühe mich, mich dafür zu interessieren. Aber, nein, ich kann einfach nicht, so sehr ich mich auch mühe …)

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