Louise Ottos Roman „Schloss und Fabrik“

Das Schöne am E-Book ist ja, dass man da jetzt die ganzen alten Bücher kostenlos bekommt, die man schon immer mal lesen wollte. Zumindest, wenn man sich wie ich für das 19. Jahrhundert interessiert, ist das quasi ein Schlaraffenland.

Meine jüngste Lektüre war der Roman „Schloss und Fabrik“ von Louise Otto, die später (1849) als Herausgeberin der Frauenzeitung mit dem berühmten Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ und noch später (1866) mit ihrem dem Grundlagenwerk „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ eine der wichtigsten Vordenkerinnen der deutschen Frauenbewegung war.

Ihr erster Roman hingegen, erschienen 1846, beschäftigt sich mit den sozialen Gegensätzen und Konflikten, die aus der Entmachtung des Adels und der kapitalistischen Umstrukturierung der Wirtschaft entstanden. Literarisch ist das Ganze nicht unbedingt ein Meisterwerk. Aber es ist sehr spannend zu lesen und aufschlussreich in Bezug auf die politischen Debatten jener Zeit, in der die „vier Stände“ – der Adel, die Kirche, das Bürgertum und das Proletariat – noch in klarer Abgrenzung voneinander existierten. Noch waren die ideologischen Fronten nicht klar, das Kommunistische Manifest noch nicht geschrieben, die „bürgerlichen“ Revolutionen von 1848 noch Zukunftsmusik.

Die Handlung ist ziemlich holzschnittartig, die Figuren sind weniger als individuelle Persönlichkeiten gezeichnet denn als Repräsentationen bestimmter „Typen“. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Freundschaft zwischen Elisabeth, Tochter einer adligen Familie, und Pauline, Tochter eines Fabrikbesitzers, dessen Reichtum auf brutaler Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter gründet.

Gleichzeitig gärt es im Volk, der Kommunismus ist tatsächlich jenes „Gespenst“, das umgeht in Europa. Gewaltsame Aufstände klopfen quasi schon an die Tür, und Militär und Polizei sind die einzigen, die die Machthaber davor schützen.

Hätte ich das Buch vor zehn oder zwanzig Jahren gelesen, hätte ich es vermutlich als bürgerlich-revisionistisch abgetan. Denn Louise Otto tritt klar für eine gewaltfreie Lösung der sozialen Widersprüche ein: Pauline versucht, durch tätige Hilfe für die proletarischen Familien die schlimmsten Folgen des Unrechts ihres Vaters und Bruders abzumildern und gleichzeitig diese dazu zu bewegen, bessere Arbeitsbedingungen einzuführen. Sie verliebt sich in den Arbeiter und Sozialtheoretiker Franz, der die Arbeiterschaft auf gewaltfreie Art zu organisieren versucht. Elisabeth widerum verliebt sich in einen Grafen, der ebenfalls reformerische Ideen pflegt und verbreitet.

Unterlaufen werden ihre Bemühungen einerseits durch diejenigen, die an den „alten Zuständen“ festhalten wollen. Der Adel trägt in Ottos Darstellung eine Mitschuld an dem ausbeuterischen Tun der Fabrikherren, weil er diesen die soziale Anerkennung verweigert und sie quasi dazu treibt, auf puren Reichtum und materiellen Aufstieg zu setzen. Auf der anderen Seite stehen die „kommunistischen Aufrührer“ – die allerdings in der Handlung nicht selbst eine Rolle spielen, sondern nur in Form von Flugblättern und fernen Revolutionen vorkommen. Sie werden von Otto nicht verdammt, sie sind moralisch klar im Recht. Aber, meint Otto (durch ihre Protagonisten): Es bringt halt nichts, die Umstände werden dadurch eher schlimmer als besser. Und eine wichtige Rolle spielen schließlich auch die Jesuiten und die Geheimpolizei, die im Hintergrund Strippen ziehen, mit Hilfe von Agents Provocateurs die Arbeiter zu unsinnigen Aktionen aufwiegeln und sämtliche Reformbemühungen denunzieren, indem sie Beweise fälschen und dubiose Anschuldigungen konstruieren. Alles ganz aktuell irgendwie.

Ich fand die Lektüre ziemlich interessant, nicht nur weil mein Enthusiasmus für Revolutionen ziemlich nachgelassen hat – übrigens aus denselben Gründen, die auch Louise Otto bereits ins Feld führt: Sie mögen zwar gerecht sein, aber es sterben zu viele Leute dabei. Aus anarchistischer Perspektive fand ich es natürlich besonders spannend, wie genau Otto neben den Antagonisten Proletariat und Kapital die Rolle des Staates reflektiert, der sich in der Rolle als Ordnungshüter zum Schutz der Kapitalisten sehr wohl fühlt, denn darauf stützt sich seine Macht. Und ohne ihn wären die Kapitalisten nichts.

Louise Ottos Roman ist wohl nicht ohne Grund beim Erscheinen sofort zensiert worden und konnte nur in einer verstümmelten Version erscheinen. Die Originalfassung ist erst 1996 zugänglich gemacht worden.

13 Gedanken zu „Louise Ottos Roman „Schloss und Fabrik“

  1. »[Revolutionen] mögen zwar gerecht sein, aber es sterben zu viele Leute dabei.«
    ist es nicht so, daß die ausbleibenden revolutionen viel mehr leben kosten als diese selbst? das sterben ist nur leiser.

  2. Es freut mich außerordentlich, dass meine anarchistische Denkweise in dem Artikel auftaucht. Da der Sinn von Anarchie leider immernoch verkannt wird, tut das gut.

    Auch das Schlusswort, dass der Staat wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt und hofft, dass er vom Kapitalismus nicht gefressen wird, macht Hoffnung, dass doch eine rEvolution stattfindet, die eben nicht so viele Leben fordert, wie der Erhalt des Kapitalismus.

  3. @manes – Es geht ja nicht um die Alternative “Alles lassen wie es ist” versus “Revolution machen”. Die Frage ist, ob es bessere Transformationsmöglichkeiten gibt als eine gewaltsame Revolution.

  4. @antje: das ist im Grunde ein alter Konflikt der damals wie heute die beschäftigt die politisch interessiert sind (und uns meiner Meinung nach daran hindert überhaupt irgendeine Verbesserung zu erzielen). So lange ich denken kann beschäftigen sich alle meine MitstreiterInnen auch mit sich selbst und damit ob nun gewaltlose oder andere Mittel zum Ziel führen könnten, welches aber durch diese Selbstbeschäftigung in weite Ferne rückt.
    Im Augenblick bin ich mal wieder versucht zu sagen:”Gewaltlos…oder gar geräuschlos geht gar nix, denn berichtet und somit wahrgenommen wird nur die Sensation. Über friedliche Proteste wird in der Regel nicht berichtet oder nur am Rande.
    Mich würde interessieren wie denn eine gewaltsame Transformation aussehen könnte?

  5. @Simone – Gewaltlos ist ja nicht dasselbe wie geräuschlos. Und ob Veränderungen passieren oder nicht hängt nicht davon ab, ob sie den Medien auffallen oder nicht bzw. ob darüber berichtet wird.
    Es geht eigentlich auch nicht nur um die Gegenüberstellung Mit Gewalt/gewalfrei. Dahinter steckt auch die Frage: Wann begehren Menschen auf? Was muss passieren, damit sie sich wehren und sich gegen Unterdrückung stellen, sich nicht mehr alles gefallen lassen? Nach “herkömmlicher” linker Theorie dann, wenn die Verhältnisse zu krass werden. Es gibt aber auch die Überlegung (und die teilt z.B. Louise Otto) dass Menschen, wenn sie positive Erfahrungen machen, genug Bildung haben, sich kleine Freiräume erobern dann um so eher in der Lage sind, die Verhältnisse zu erfassen und sinnvoll auf Veränderungen hinzuwirken.

  6. Was dazu noch passt ist diese Theorie von den “loyalen Veränderern”, also eine soziologische Beobachtung wonach die weitreichendsten Veränderungsprozesse weder von denen angestoßen werden, die ein System repräsentieren noch von denen, die es bekämpfen, sondern von denen, die dazu gehören, aber nicht im Machtzentrum stehen, weil sie es sozusagen “von innen heraus” transformieren können. Das zu verfolgen wäre z.B. auch eine Alternative zur Revolution.

  7. Wahrscheinlich bin ich zu konservativ für die LeserInnenschaft hier, und die gewaltlosen Revolutionen von 1989 oder der gescheiterte Putsch gegen Gorbatchov zählen hier nicht als Revolutionen, da sie sich nicht gegen den Kapitalismus richten.

    Ich habe jetzt keine ausgefeilte wissenschaftliche Theorie, aber ich denke, dass Gewalt aller Art dem Kapitalismus eher nutzt als schadet.

    Ja, und Veränderungen ohne Revolution sind auch wünschenswert. Sie dauern zwar länger, scheinen mir aber langfristig effektiver.

    Vielleicht ist das entscheidende doch, dass sich das Denken der Menschen ändert, und dazu ist Gewalt die schlechteste Methode.

  8. “Es gibt aber auch die Überlegung (und die teilt z.B. Louise Otto) dass Menschen, wenn sie positive Erfahrungen machen, genug Bildung haben, sich kleine Freiräume erobern dann um so eher in der Lage sind, die Verhältnisse zu erfassen und sinnvoll auf Veränderungen hinzuwirken.”

    Na ja, die Geschichte von 1848 bis 1866 kann zu solchen Hoffnungen jedenfalls keinen Anlass gegeben haben.

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