Bücher von Freundinnen. Heute: Ein Fette-Leute-Krimi

Bei der Frage, welche Romane ich lesen soll, spielt eine immer größere Rolle, ob ich die Autorin kenne oder ob ich jemanden kenne, die die Autorin kennt. Dank Internet kann man ja heute ziemlich viele Leute kennen, und wenn man selbst irgendwie “was mit schreiben” macht, lernt man im Lauf der Zeit bei Twitter und Facebook eine ganze Reihe von Menschen kennen, die auch “was mit schreiben” machen.

Ich glaube, ich habe in den letzten zwei Jahren nicht einen einzigen Roman gelesen, zu dem ich nicht irgendwie eine “persönliche Beziehung” hatte. Zuletzt war das “Suna” von Pia Ziefle (alias @frauziefle), ein wunderschöner Familienroman, über den ich aus Zeitmangel damals nichts gebloggt habe, aber den ich unbedingt empfehle. Es gibt eine ganze Reihe von Rezensionen, zum Beispiel die hier.

Eine andere internetbekannte Romanautorin ist Phyllis Kiehl, die ich noch nie getroffen habe, mit der ich aber aus den üblichen zufällig-unzufälligen Affinitätsgründen seit einiger Zeit auf Facebook befreundet bin, und deren Roman “Fettberg” ich grade durch habe.

Leider kann ich von der Geschichte nicht viel erzählen, weil dann wäre der Witz raus. Es ist nämlich irgendwie so was wie ein Krimi, und da muss man das Buch schon selber lesen, damit man den Plot so richtig genießen kann.

Aber vielleicht kann euch das Setting ein bisschen anfüttern: Die Geschichte spielt in einer Fasten-Klinik für extrem übergewichtige Menschen. Es geht um einen mysteriösen Direktor, um eine Freundschaft zwischen zwei sehr ungleichen “Patientinnen” und um eine dubiose Geheimgesellschaft hinter den Kulissen. Dynamik kommt in die Geschichte, als ein neuer Arzt kommt, der so seine ganz eigenen Methoden hat, um die Leute zum Abnehmen zu bringen…

Wer also einmal einen Einblick in die Gefühls- und Lebenswelt von sehr dicken Menschen bekommen möchte (mir war vieles neu) und gleichzeitig gute Literatur-Unterhaltung schätzt, bitte hier entlang:

Phyllis Kiehl: Fettberg. KulturMaschinen, Berlin 2012, 16,90 Euro. 

Wie das Betreuungsgeld für mich doch noch zum Aufreger wurde

Das Betreuungsgeld, von dem derzeit so viel die Rede ist (also dass Familien, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken, einen monatlichen Geldbetrag bekommen sollen) ist für mich eigentlich nicht so der Aufreger. Ich verstehe auch nicht, warum das von manchen zur feministischen Bekenntnisfrage hochgejazzt wird.

Der Trend zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von öffentlicher Kinderbetreuung ist doch sowieso unaufhaltsam und kann von keinem Betreuungsgeld der Welt verhindert werden. Einfach deshalb, weil hier zwei starke gesellschaftliche Kräfte an einem Strang ziehen: Die Frauen, die heute mit sehr großer Mehrheit und Klarheit darauf bestehen, dass sie sowohl berufstätig sein als auch Kinder haben möchten, und die Unternehmen, die mehr und mehr qualifizierte Fachleute brauchen und nicht länger auf die Human Ressources in Form von gut ausgebildeten jungen Frauen verzichten möchten.

Diese Entwicklung ist also längst beschlossene Sache, und was jetzt passiert, ist nur noch die Umsetzung. Und dass da einige Alte-Zeiten-Nostalgiker und -Nostalgikerinnen hoffen, die Umstellung auf die neuen Zeiten mit Hilfe des Betreuungsgeldes noch ein bisschen zu verlangsamen – meine Güte. Ich vermute ja, dass auch noch etwas anderes dahinter steckt: dass die Kommunen es rein organisatorisch nicht schaffen, bis 2013 genügend Kita- und Krabbelstuben-Plätze bereit zu stellen.

Die offizielle Politik hat den Wunsch der Frauen, berufstätig zu sein und Kinder zu haben, über Jahrzehnte hinweg ignoriert, obwohl Feministinnen sie seit vier Jahrzehnten stetig darauf hinweisen. Die Ignoranz den Wünschen der Frauen gegenüber hatte enorme Fehlplanungen zur Folge, sodass man jetzt plötzlich ganz überrascht davon ist, wie viele Mütter einen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Als vor wenigen Jahren der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz eingeführt wurde, wurde für 2013 (das Jahr der Einführung) ein Bedarf von 35 Prozent prognostiziert. Das war natürlich lächerlich. In Wahrheit wird der Bedarf vermutlich bei um die 80 Prozent liegen. Nun kann man die Zahl Kitas aber nicht mal so eben verdoppeln: Man muss Gebäude planen und bauen, qualifiziertes Personal finden (und ausbilden), und so weiter.

Von daher glaube ich, dass das Betreuungsgeld kein ideologisches Mutterbild-Gefecht ist (wie sollte das auch möglich sein, mit einer Kanzlerin Angela Merkel) sondern vor allem ein pragmatischer Versuch, die Nachfrage nach Kita-Plätzen noch eine Weile künstlich niedriger zu halten, als sie in Wirklichkeit ist. Ist das ein Aufreger? Ist das wirklich ein Thema, auf auf das man Feminismusdebatten oder gar Wahlkämpfe zuspitzen sollte? Come on, Ladies, come on, SPD!

Es gibt allerdings doch einen Aspekt, unter dem das Thema Betreuungsgeld für mich zu einem politischen Aufreger wird, und zwar den der sozialen Unterschiede. Wie schon das Elterngeld so soll nun auch das Betreuungsgeld mit den Hartz IV-Leistungen verrechnet werden. Oder, im Klartext: Wer von Hartz IV leben muss, bekommt keines. Das Betreuungsgeld ist, ebenso wie das Elterngeld, für diejenigen gedacht, die es nicht so nötig brauchen. Es ist – mal wieder – eine Umverteilung von unten nach oben.

Im Übrigen ist genau das auch der Punkt, wo die Pro und Contra-Seiten im Bezug auf das Betreuungsgeld auf traurige Weise einer Meinung sind: In ihrer Verachtung für die Armen, in ihrer Arroganz, mit der sie auf die “Unterschichten” herunterblicken.

Die gegen das Betreuungsgeld sind, argumentieren ja gerne mal mit dem Vorwurf, dass dann diese ganzen Unterschichts-Assis ihre Kinder nicht mehr der wertvollen staatlichen Erziehung aussetzen, sondern sich lieber die Kohle selbst einstecken (das Argument wird gerne noch mit einem Schuss Rassismus angereichert, wenn dann noch der “Migrationshintergrund” ins Spiel gebracht wird). Und genau dieser Ball ist es, der jetzt von denen aufgegriffen wird, die für das Betreuungsgeld sind: Keine Sorge, kontern sie, diese Unterschichts-Assis kriegen eh keines.

Deshalb meine ich, es ist falsch, politische Kämpfe entlang der Linie Pro- und Contra Betreuungsgeld zu inszenieren. Die wichtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen sich ganz woanders ab.

Um es nochmal klar zu machen: Kristina Schröder hat recht

Einige  Reaktionen auf meinen gestrigen Blogpost zum Antifeminismus von Kristina Schröder veranlassen mich, noch mal was klarzustellen, das möglicherweise im Eifer des Gefechts untergegangen ist:

Dass man nämlich mit gutem Gewissen sagen kann, dass Kristina Schröder Recht hat. Bei Facebook zum Beispiel schrieb eine, sie würde die von mir aufgelisteten Zitate anders verstehen, denn:

Alle politischen Missionen (so auch der Feminismus) bergen in sich die Gefahr, anderen ihren Standpunkt nicht zu lassen, sondern überheblich zu werden gegenüber anderen, und der differenzierten Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Und Ja: es geht um eine Weltanschauung, auch da hat sie recht. Dazu darf man auch stehen. Sowieso beruht jede Überzeugung zunächst mal auf einer spezifischen Sicht auf die Welt. Und die muss nicht notwendigerweise von allen geteilt werden.

Ich antwortete bei Facebook: “Ja, aber das ist eine Binsenwahrheit.” Natürlich gibt es in der Frauenbewegung Dogmatismus. Natürlich gibt es feministische Überheblichkeit. Natürlich gibt es Tendenzen, sich zu einer Weltanschauung zu erheben, der man einfach glauben oder “beitreten” muss, und anderen etwas vorschreiben zu wollen. Aber in welcher politischen Bewegung würde es das nicht geben? Hallo Friedensbewegung? Hallo Umweltbewegung? Hallo Piraten?

Ich finde es völlig falsch, solchen Vorwürfen zu widersprechen oder sich gar zu verteidigen. Das wurde aber in den kritischen Reaktionen auf Kristina Schröders Buch oft versucht. Zum Beispiel wurde darauf hingewiesen, dass es “den Feminismus”, den sie angreift, doch gar nicht gebe, dass der Feminismus viel differenzierter, längst weiter sei und so weiter (ein Beispiel für diese Argumentationsweise im Kommentar von Heide Oestreich in der taz, aber auch viele andere).

Das ist natürlich richtig, aber das ist doch ebenfalls eine Binsenwahrheit: Welche politische Bewegung wäre denn nicht in sich differenziert, vielfältig usw.? Nein, das Argument, “der Feminismus” sei doch in Wirklichkeit gar nicht so schlimm, wie Schröder ihn darstellt, ist kein gutes Argument, ich würde es nicht benutzen (auch nicht gegenüber anderen Antifeministen!).

Einmal, weil man ihnen damit bereits Autorität zuspricht, denn wenn man anfängt, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen, begibt man sich bereits in eine Diskussion, nimmt die Aussagen also ernst.

Der zweite und wichtigere Punkt ist aber, dass wir uns unseren Feminismus nun auch nicht schön reden dürfen. Sagen wir doch, wie es ist: im Detail sind Schröders Vorwürfe fast alle richtig.

Es kommt tatsächlich vor, und gar nicht selten, dass Frauen aus feministischem Impetus heraus anderen bestimmte Rollenbilder vorschreiben wollen, das habe ich selbst oft genug erlebt. Es kommt vor, dass Feministinnen von der eigenen Mission so mitgerissen sind, dass sie anderen nicht mehr zuhören. Es ist gar nicht so selten, dass sie verhörartig mit Andersmeinenden umgehen. Warum sollten wir das nicht zugeben?

Der Punkt ist nicht, ob diese Sachen “Einzelfälle” sind, oder ob sie, wie Schröder und die Antifeministen behaupten, den Wesenskern des Feminismus ausmachen. Wie gesagt, wir müssen uns ja nicht rechtfertigen. Deshalb können wir problematische Aspekte am Feminismus souverän zugeben, um uns dann selbstkritisch damit auseinanderzusetzen.

Für alle, die jetzt nicht mehr verstehen, was denn der Unterschied zwischen der von mir geforderten Selbstkritik und der Polemik des Antifeminismus ist: es ist der Gestus, der Habitus, die Zielsetzung der Debatte.

Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob ich in einer Podiumsdiskussion einer Frauenbeauftragten widerspreche, die sagt, Hausfrau und Mutter dürfe heute kein legitimer Lebensweg für Frauen mehr sein, oder ob ich in einem Buch schreibe, der Feminismus würde Frauen verbieten, Hausfrauen und Mütter zu sein.

Es ist ein Unterschied, ob eine Verlegerin sich darüber ärgert, dass sie von feministischen Akademikerinnen nur unverständliche, mit Fremdwörtern gespickte Texte bekommt, während sie feministische Theorien doch gerne einem breiteren Publikum zugänglich machen will, oder ob jemand (jüngstes Beispiel: Malte Welding im wmr-Podcast) sich hinstellt und sagt, der akademische Feminismus sei nicht ernst zu nehmen, weil diesen verquasten Kram doch kein normaler Mensch mehr verstehen würde.

Der Unterschied liegt nicht in den Argumenten oder im beschriebenen Sachverhalt als solchem, sondern in der Positionierung, in der Beziehung, in die man sich selbst zu dem setzt, was man kritisiert:

Begebe ich mich mit meiner Kontrahentin in eine politische Auseinandersetzung, tausche ich mit ihr Argumente aus, mache meine andere Meinung deutlich, erkenne aber gleichzeitig an, dass wir uns an einem gemeinsamen Ziel orientieren, nämlich einer Welt, in der Frauen frei sind? Oder benutze ich sie als Beispiel, das illustrieren soll, dass meine Sichtweise die einzig mögliche und legitime ist?

Letzteres ist das, was Antifeministen tun, und was auch Kristina Schröder tut. Und das ist das Problem, nicht die Inhalte ihrer Position.

Antifeminismus pur: Warum ich Kristina Schröders Buch nicht lesen werde

Ich habe mir ein Rezensionsexemplar von Kristina Schröders Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ bestellt, weil ich mich gerne und regelmäßig auch mit den politischen Ideen von Menschen beschäftige, die andere Positionen vertreten als ich.

Dass ich mit der Art und Weise, wie Schröder manchmal kritisiert wird, nicht einverstanden bin, hatte ich ja schon mal hier gebloggt. Außerdem kann ich sogar manches von dem, was sie sagt, nachvollziehen. Bekanntlich bin auch ich keine Freundin der Quote, auch ich denke, dass das Ideal der Vollzeit-Karrierefrau keines ist und so weiter. Nicht einmal die ganzen Verrisse, die gestern schon über das Buch die Runde machten, haben mich also davon abgehalten, erwartungsvoll einen Blick hinein zu werfen.

Was ich dort vorfand, war allerdings ein solch plattester, billigster Antifeminismus, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.

Ich bereite derzeit einen Vortrag zum Thema Antifeminismus vor (den gibt’s am 15. Mai im Frauenzentrum MonaLiesa in Leipzig) und habe mich dafür etwas vertraut gemacht mit der Struktur und Argumentationsweise des organisierten Antifeminismus. Kristina Schröder bedient sie alle. Die unten aufgeführten  Zitate sind eine kurze Auswahl, ich habe sie beim Durchblättern auf die Schnelle gefunden, wahrscheinlich sind also noch viel mehr Klöpse drin.

Was durch dieses Buch klar wird ist, dass es Kristina Schröder nicht um einen politischen Diskurs geht, sondern um reine antifeministische Polemik. Wer sich in einen Diskurs einbringen will, wählt nicht so einen Sprachstil (außer vielleicht in der Hessen-CDU? Möglich wäre das!).

Jedenfalls: Was immer Kristina Schröder eventuell an inhaltlichen Punkten anzubringen hat, wird durch diesen ätzenden Ton konterkariert. Meine These, die ich in Leipzig zur Diskussion stellen möchte, ist, dass Antifeminismus sich nicht anhand des Inhalts einer Position identifizieren lässt (es gibt auch „unfeministische“ Menschen, die eventuell sogar „sexistische“ Ansichten vertreten, aber nicht „antifeministisch“ sind), sondern in erster Linie anhand des Duktus, des Gestus, der Abwertung und des Lächerlichmachens des Gegenübers. Genau dieser Punkt ist es, an dem es sich entscheidet, ob eine Diskussion, eine Auseinandersetzung möglich und sinnvoll ist oder nicht.

Auf welcher Seite davon Kristina Schröder steht, das beurteilt einfach selbst:

„Feministinnen … erheben ein Rollenbild, das sie für sich selbst als vorzugswürdig erkannt haben, zum Rollenleitbild, das für alle gelten soll, und ziehen damit in den Kulturkampf um das richtige Frauenleben“ (8)

„Der Weltanschauungsfeminismus sorgt dafür, dass das grelle Licht der Verhörlampe nicht ausgeht. Mit seiner weltanschaulichen Attitüde fördert dieser Feminismus heute nicht mehr den Fortschritt in Sachen Chancengleichheit, sondern einfach nur das Fortdauern der Erregung. Zu dieser Attitüde gehört die Selbstgefälligkeit, mit der Feministinnen Emanzipation predigen, aber Bevormundung üben.“ (34)

„Emanzipation predigen, aber Bevormundung ausüben – das ist die Selbstwidersprüchlichkeit, in die Feministinnen den Feminismus hineinmanövriert haben.“ (36)

„Dabei hätten Feministinnen es gar nicht nötig, Frauen umzuerziehen.“ (39)

„Man darf die Warnung vor der Degradierung der Frau zum Objekt männlicher Sexualität wohl getrost vor allem als raffinierte Form feministischer Herrschaftssicherung im öffentlichen Diskurs interpretieren.“ (57)

„Der Feminismus setzt die Schwäche und Unmündigkeit der Frauen als Prämisse voraus, um seine Existenzberechtigung aus der Absicht ableiten zu können, sie zu schützen.“ (57)

„Doch wenn diese Wahrnehmung nicht der feministischen Wahrnehmung entspricht, greifen Weltanschauungsfeministinnen zum Totschlagargument“. (58)

„Wenn es in unserer Gesellschaft also einen Ort gibt, an dem die Unterlegenheit der Frau unverändert fortbesteht, dann ist es die Wahrnehmung des Weltanschauungsfeminismus.“ (59)

„Der Feminismus hatte für den Mann nie viel mehr übrig als die Forderung, sich gefälligst anzupassen an die Ansprüche der emanzipierten Frau.“ (135)

„Was Feministinnen denen, die sie im Kampf gegen Diskriminierung und Benachteiligung auf die Barrikaden treiben wollen, wohlweislich verschweigen, ist das Kleingedruckte.“ (169)

„Das von Feministinnen … befeuerte Diktat der Rollenbilder sollten wir dorthin verbannen, wo es im 21. Jahrhundert hingehört: in die Mottenkiste.“ (215)

Wie die Psychoanalyse der Demokratie die Politik ausgetrieben hat

Den Piraten wird momentan gerne vorgeworfen, dass sie keine Inhalte hätten. Mal abgesehen davon, ob das stimmt, finde ich die Inhalte gar nicht das Wichtigste an den Piraten.

Viel wichtiger ist, dass sie Diskussionen darüber anstoßen, wie in einer Demokratie die Ansichten und Meinungen der Vielen übersetzt werden können in konkrete politische Projekte – Liquid Feedback ist ein praktischer Versuch, das anders zu organisieren als mit dem einen Kreuzchen alle paar Jahre. Auch das Pochen auf Transparenz in politischen Prozessen betrifft weniger den Inhalt von Politik als vielmehr deren Verfahrensweisen.

Und genau das – nämlich die Frage, auf welchen Grundlagen wir eigentlich das organisieren, was meist so irgendwie schwammig „Demokratie“ genannt wird – ist, glaube ich, die drängendste Frage.

Die übrigens erst mal gar nichts mit dem Internet zu tun hat. Das wurde mir klar, als ich in den letzten Tagen eine wirklich ganz fantastische vierteilige BBC-Dokumentation gesehen habe, die schon ein paar Jahre alt ist. Sie zeigt, wie sich die westliche Demokratie im Lauf des 20. Jahrhunderts eigentlich nie darauf eingelassen hat, dass die Menschen in ihrer Pluralität politische Prozesse aushandeln.

In „The Century oft the Self“ erzählt Adam Curtis, wie die psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Werbeindustrie und in der Politik eingesetzt worden sind.

Es ging dabei immer auch um die Frage, ob man den Massen eigentlich überhaupt zutrauen kann, sich politisch rational zu verhalten. Sie wurde meistens mit „Nein“ beantwortet. Entweder wurde versucht, die Leute irgendwie ruhig zu stellen, damit die Politiker unbehelligt regieren können (am Anfang des Jahrhunderts) oder aber Politik erschöpfte sich darin, herauszufinden, was sich die Masse der Menschen gerade so wünschte und den Ergebnissen der Meinungsumfragen hinterherzustolpern (am Ende des Jahrhunderts).

Freud hatte ja die Vorstellung entwickelt, dass im Unbewussten ein gewaltiges aggressives Potential von Emotionen schlummert, das gefährlich werden kann (Nazideutschland schien das zu bestätigen). Freuds Neffe Edward Bernays hatte dazu die Idee: Wenn wir die Menschen zu „guten Konsumenten“ machen, machen sie keine Revolutionen.

Schon in den 1920ern hatte Bernays (der Erfinder der „Public Relations“) im Auftrag großer Konzerne vorgemacht, wie man Menschen dazu bringen kann, Produkte zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen, indem man an ihre unbewussten Sehnsüchte appelliert und diese mit Produkten verknüpft. Zum Beispiel brachte er Frauen dazu, Zigaretten zu kaufen, indem er das öffentliche Rauchen mit der Wahlrechtsbewegung und weiblicher Unabhängigkeit verknüpfte – Hammer, dass das tatsächlich funktionierte. Das alles wird im ersten Teil der Doku-Reihe erzählt.

Im zweiten Teil geht es um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier war neben Bernays auch Anna Freud maßgeblich, die Tochter von Sigmund Freud. In dieser Zeit gab es einen massenhaften Aufstieg der Psychoanalyse. Sie diente dazu, Menschen „anzupassen“ an die Gegebenheiten, ihnen „Anomalien“ auszutreiben. Konformismus war angesagt in den Fifties.

Erzählt wird in diesem Teil auch, wie Bernays mit seinen PR-Strategien im Auftrag der Bananenindustrie einen Putsch in Guatemala inszenierte und es auch ganz generell schaffte, die Industrie und den unbegrenzten Konsum (und nicht die Politik) als Garanten für Freiheit zu etablieren – als direkten Affront gegen Präsident Roosevelt und seinen „New Deal“, der noch dem Ideal einer wirklichen Demokratie anhing. Auch mit Gehirnwäsche und regelrechter „Umprogrammierung“ von Menschen wurde experimentiert, finanziert und beauftragt von der CIA.

Doch gegen Ende der 1960er kam es in der Gesellschaft zu einem Aufstand gegen den Konformitätsdruck. Dies erzählt die dritte Folge:

Leute wie Herbert Marcuse und Wilhelm Reich argumentierten, dass nicht ein „unbewusst-unzivilisierter“ menschlicher Wesenskern eine Bedrohung für die Gesellschaft sei, sondern dass vielmehr der Zwang zur Konformität, der die Persönlichkeit unterdrücke, das Gefährliche sei.

In der Folge entstanden Versuche, dieses „eigentliche Selbst“ frei zu lassen, die Gefühle nicht mehr zu unterdrücken, sondern rauszulassen. Allerdings wurde dieses „wahre Selbst“, um das es da ging, sehr schnell entpolitisiert. Ging es anfangs noch um den Protest gegen eine Gesellschaft, in der nur der Konsum zählt und es keine Solidarität und Gemeinschaftlichkeit gibt, entstand sehr bald die Vorstellung, dass man auf der Suche nach dem „Selbst“ nicht nur gesellschaftliche Normierungen ablegt, sondern am Ende sozusagen ein „leeres Blatt“ ist, das man dann nach Belieben neu beschriften kann, nach dem Motto „Erfinde dich selbst“.

Die Befreiung von Zwängen wurde so zur Legitimierung dafür, nur nach dem persönlichen Glück zu streben und sich um das allgemeine Gute gar nicht mehr kümmern zu müssen. Auf dieser Folie entstand dann die „Lifestyle“-Industrie mit dem Versprechen, die nötigen Produkte für dieses „individuelle Selbst“ zu verkaufen. Und genau diese auf Individualität und persönliche Selbstfindung Wert legenden Gruppen waren es, die 1980 den Reagans und Thatchers zum Sieg verholfen haben.

Was aber bleibt von der Demokratie übrig, wenn die Menschen nur noch nach ihrem individuellen Glück streben ist? Dies erzählt der vierte Teil der Reihe:

Hier wird gezeigt, wie die „linken“ Parteien (Clinton in den USA, Blair in UK) umgebaut wurden von Arbeiterparteien mit einer bestimmten inhaltlichen Position hin zu „Meinungsforschungsparteien“, die – genau wie die Werbeindustrie – versuchten, die Bedürfnisse der Leute herauszufinden, um ihnen dann genau das zu versprechen.

Update: Man weist mich gerade darauf hin, dass das ungenau formuliert war: In Wirklichkeit wurden natürlich nur die Wünsche und Meinungen der Wechselwähler_innen befragt, weil die den Ausschlag geben. Die Ansichten des “Stammpublikums” der Labor Party hingegen spielten dabei keine Rolle, da deren Stimmen sicher waren.

Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, wieder Wahlerfolge zu erzielen. Aber eben um den Preis, dass sie die Politik letztlich abschafften. Sie selbst haben das freilich nicht so gesehen: Sie glaubten, diese Art des Populismus sei „wahre Demokratie“, denn: Was ist denn falsch daran, den Leuten zu geben, was sie wollen?

Curtis zeigt sehr richtig, dass hier ein Denkfehler liegt: Denn zur Politik gehört, dass wir unterschiedliche Ansichten unter der Fragestellung diskutieren, in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Befragt man nur einzelne Leute nach ihren Wünschen, werden sie auch nur ihre individuellen Wünsche preisgeben. Eine konsistente Politik lässt sich daraus nicht ableiten.

Während Bernays in den zwanziger Jahren noch argumentiert hatte: „Wir lullen die Leute in Konsumismus ein, damit die Politiker unbehelligt regieren können“, so ist mit „New Labor“ die Politik (im Sinne von: Organisierung der Gesamtheit der Gesellschaft) vollkommen tot, denn nun machen sich nicht mal mehr die Politiker Gedanken über das allgemeine Gute, sondern stolpern nur den Wünschen der Leute hinterher.

Und da diese Wünsche notwendigerweise disparat und widersprüchlich sind – weil es viele verschiedene Leute sind – kommt nicht einfach eine „falsche“ Politik heraus (in dem Sinne, dass sie nicht Gutes, sondern Schlechtes bewirkt), sondern schlicht unsinnige Politik, die heute dies macht und morgen jenes. Hauptsache immer die Meinungsumfragen, die nächsten Wahlen im Blick.

Was ich an den Piraten nun so spannend finde ist, dass sie tatsächlich wieder so etwas wie politischen Diskurs organisieren wollen. Diskussionen, bei denen sich Menschen darüber auseinandersetzen, was ihrer Ansicht nach dem allgemeinen Guten entsprechen würde. Nicht Lobbyismus eben, nicht bloßes Machtstreben, sondern Politik im eigentlichen Sinne.

Womit ich nicht sagen will, dass das in anderen Parteien und an anderen Orten nicht geschehen würde und auch nicht, dass das den Piraten schon wunderbar gelingt.

Aus vielerlei Gründen  (einer davon ist die Wiedervereinigung, die staatliche Interventionen erforderlich machte, ein anderer ist unser Wahlsystem, das auch kleinere Parteien zulässt und nicht nur einen Kampf zwischen zwei Blöcken inszeniert) ist die Lage der Politik in Deutschland meiner Ansicht nach nicht ganz so „PR-dominiert“ wie im angelsächsischen Raum.

Aber die Probleme, die in dieser Dokureihe aufgeworfen werden, erhellen auch vielerlei, was hierzulande passiert ist.

tl;dr? DANN SCHAUT EUCH DIE VIDEOS AN!!!

(allein schon wegen der fantastischen Zeitdokumente).

Ein angebliches Buch über Jenny Marx

Als mir die Verlagsvorschau dieses Buches in die Hände fiel, habe ich es mir sofort bestellt. Ich war neugierig, etwas über Jenny Marx zu erfahren, über die ich nämlich erstaunlicherweise nicht viel weiß. Erstaunlicherweise, weil ich immerhin zum Thema „Frauen in der Ersten Internationale“ meine Promotion geschrieben habe, und Jenny Marx ja mit einem wichtigen Protagonisten der Internationale verheiratet war, nämlich Karl Marx.

Viele, viele engagierte Frauen sind mir während meiner Recherchen begegnet, darunter nicht nur die vier Aktivistinnen, über die ich letztlich geschrieben habe, sondern auch viele aus der „zweiten Reihe“. Es gab eine ganze Reihe von Paaren, bei denen beide gleichermaßen engagiert waren, etwa die Schriftstellerin André Leo und ihr Lebensgefährte Benoit Malon, oder Anna und Victor Jaclard. Manche Ehefrauen waren weniger “berühmt” als ihre Männer, aber dennoch politisch aktiv, wie Antonia Bakunin, die eine Zeitlang die Genfer Frauensektion leitete. Jenny Marx aber war mir nicht untergekommen, sie ist in politischer Hinsicht nicht in Erscheinung getreten. Daher interessierte mich ihre Biografie.

Leider war das Buch dann eine große Enttäuschung. Um es kurz zu machen: Ulrich Teusch liefert eine Schmonzette, die sich gar nicht mit Jenny Marx als Person beschäftigt, sondern ausschließlich mit Jenny Marx in ihrer Rolle als Ehefrau von Karl, dem Großen. Das Buch ist schlicht und ergreifend keine Biografie, sondern ein Familienportrait, und hätte es den Titel getragen „Das bewegte Schicksal der Familie Marx“ wäre es vielleicht halbwegs okay gewesen.

So jedoch wird Jenny Marx (oder das derzeit virulente Interesse an “Frauengestalten”?) instrumentalisiert, um die Glorie von Karl Marx zu erhöhen. Sie gibt ihm eine „menschliche“ Seite, man sieht ihn als liebenden Familienvater. Außerdem sollen natürlich Leserinnen eine Identifikationsmöglichkeit bekommen, daher muss Jenny wie heute üblich auch als „emanzipiert“ dargestellt werden und Karl Marx als „gleichberechtigter“ Mann.

Luce Irigaray hat die Krux in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern darin gesehen, dass Frauen nicht als eigenständige Wesen betrachtet werden, sondern dass man ihnen die Funktion zuweist, das Männliche zu spiegeln. Dieses Buch ist ein glänzender Beleg dafür.

Das inhaltliche Anliegen von Uwe Ulrich Teusch ist, eine in der Marxforschung seiner Wahrnehmung nach verbreitete Annahme zu widerlegen, wonach Karl und Jenny eine nicht sehr glückliche Ehe geführt haben. Er will Jenny gegen den „Vorwurf“ in Schutz nehmen, sie habe Karls politische Anliegen nicht oder nur halbherzig geteilt. Demgegenüber zeichnet er das Bild einer hingebungsvollen Ehefrau, die ihren Mannes vorbehaltlos unterstützt und durch ihr häusliches Wirken maßgeblich zum Gelingen des „Marx-Projektes“ beigeträgt.

Wer in diesem Streit Recht hat, ist mir ziemlich einerlei, vermutlich kann man es nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Wie alle anderen, so spekuliert auch Teusch herum, aber das kann man machen. Und warum soll man nicht ein Buch schreiben für alle, die ein bisschen voyeuristisch lesen wollen, wie das Marx’sche Familienleben so gewesen sein könnte?

Liest man das Buch als Groschenroman, wozu ja auch der Untertitel „Die rote Baronesse“ gut passen würde, ist es gar nicht mal übel. Es ist flott geschrieben, eben mit der für Groschenromane üblichen Portion Schwülstigkeit, und die Geschichte (ob wahr oder nicht) ist exakt die Geschichte, die alle Groschenromane erzählen:

Erst nach vielen Widrigkeiten und Wirrungen kann die Protagonistin in den Hafen der Ehe einfahren. Sie folgt ihrem Mann ohne Murren, wo immer es ihn in der Welt auch hinzieht, und hält durch alle Höhen und Tiefen zu ihm. Unglück und Armut erträgt sie mit großer Willensstärke (von sieben Kindern, die Jenny Marx zur Welt bringt, sterben drei schon in den ersten Monaten, eines im Alter von acht Jahren). Um der guten Sache willen hält sie Anfeindungen der bösen Gegner stand und lässt sich auch von der Herablassung des Mainstreams nicht ins Wanken bringen. Sie verzeiht ihrem Liebsten sogar, dass er das Hausmädchen schwängert (natürlich nicht, ohne zunächst einmal zerrissen zu sein, und nur unter der Bedingung, dass das Kind sofort aus dem Haushalt entfernt wird). Trotz aller Schicksalsschläge hat sie immer ein heiteres Lächeln auf den Lippen. Kurz: Ohne sie hätte der Held nicht der Held sein können, der er war.

Aber muss man das lesen? Wem’s gefällt. Nicht erwarten sollte man jedenfalls, aus diesem Abziehbild etwas über die wirkliche Jenny Marx zu erfahren, über ihre Persönlichkeit, über das, was sie vom „Klischeebild Frau“ möglicherweise unterscheidet und einzigartig macht.

Was mich an diesem Buch besonders geärgert hat, ist, dass es so tut, als würde es etwas einlösen, was die feministische Geschichtsforschung eingefordert und angestoßen hat: nämlich Geschichte nicht mehr anhand der großen Taten großer Männer zu erzählen, sondern auch hinter die öffentliche Fassade zu schauen. Das Alltagsleben und das Wirken der Frauen darin ernst zu nehmen, die „vergessenen“ Frauen ans Licht zu holen, ihr Wirken zu würdigen und so weiter.

Das alles behauptet Teusch  zu leisten, was er aber in Wirklichkeit tut, ist das genaue Gegenteil. Er kennt offensichtlich keine der historisch-kritischen Methoden, die die feministische Geschichtsforschung für dieses Vorhaben entwickelt hat, er kann die von ihm angeführten Quellentexte nicht in einen Kontext stellen – weil er sich nicht wirklich für das politische Wirken von Frauen interessiert, auch nicht für das von Jenny Marx, sondern nur für das Funktionieren von Frauen als Spiegel der Männer.

Ulrich Teusch: Jenny Marx. Die rote Baronesse. Rotpunktverlag 2011, 19,50 Euro.

„Elitär motivierte Menschenfeindlichkeit“

Gute Argumente und Anregungen zur unsäglichen „Integrationsdebatte“, die mit den Polemiken von Thilo Sarrazin einen traurigen Höhepunkt erlebt hat, bietet dieses Buch. Dass Konflikte und soziale Spannungen, die neuerdings gerne unter dem Label „Kultur“ oder „Religion“ geführt werden, in Wirklichkeit von sozialem Ausschluss, von ungerechten Teilhabechancen und der Schere zwischen Arm und Reich her kommen, ist zwar nicht neu. Trotzdem gibt es nochmal neue Denkanstöße.

Zum Beispiel, dass es manchmal wirklich Kleinigkeiten sind, die schon einen falschen Dreh reinbringen. Wie bei jener Grundschullehrerin, die Herkunftsdifferenzen im Unterricht thematisieren möchte und ihre Schülerinnen und Schüler also auffordert, am nächsten Tag ein „in ihren Herkunftsländern typisches Frühstück“ mitzubringen. Das ist zwar gut gemeint, transportiert aber genau wieder jene falsche „Kulturalisierung“ von Differenzen, die die Wurzel des Übels darstellt: Die Kinder werden nicht in ihrer Individualität gesehen, sondern zu Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Kultur gemacht. Wer sagt denn, dass in allen Familien, die irgendwann mal aus der Türkei eingewandert sind, „typisch Türkisch“ gegessen wird? Frühstücken denn etwa alle deutschen Familien dasselbe? Besser wäre es, zu fragen: „Was esst Ihr normalerweise zuhause zum Frühstück? Bringt das morgen mal mit.“ Auf diese Weise würden Unterschiede sichtbar und thematisiert, ohne gleich wieder Klischees zu produzieren.

Das Buch berichtet auch über aufschlussreiche Studien zum Thema. Wie ein Experiment, bei dem Teilnehmer_innen gebeten wurden, die ethnische Herkunft von Gesichtern zu bestimmen:  Personen in Anzug und Krawatte wurden dabei tendenziell „weißer“ eingeordnet, als Personen mit der Kleidung von Pförtnern oder Hausangestellten – obwohl es dieselben Gesichter waren. In anderen Studien wurden Kinder und Jugendliche über ihre Visionen und Zukunftspläne befragt: Mussten sie zunächst ihre Herkunft oder Hautfarbe nennen, zeigen sich deutlich größere soziale Unterschiede in ihren Wünschen, als wenn man sie vor der Befragung nicht daran erinnerte.

Aufgeräumt wird auch mit der Idee, dass Rassismus und vor allem Anti-Islamismus Phänomene seien, die besonders häufig in Unterschichts-Milieus anzutreffen seien – das Gegenteil ist der Fall. Es sind vor allem die Eliten, die selbst ernannten „Leistungsträger“, unter denen rassistische und islamophobe Einstellungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Die Formulierung der „elitär motivierten Menschenfeindlichkeit“ trifft das Phänomen sehr gut.

Die Analysen werden ergänzt durch Reportagen an Orten, wo „Integrationskonflikte“ virulent sind, zum Beispiel in Berlin-Neukölln. Die Zusammenstellung wirkt manchmal ein bisschen willkürlich, manche Schilderung zieht sich auch in die Länge. Vielleicht wurde das Buch eher schnell zusammengestellt, damit die Aktualität des Themas nicht verloren geht. Obwohl das ja – leider – ohnehin nicht zu vermuten gewesen wäre.

Eva Maria Bachinger, Martin Schenk: Die Integrationslüge. Antworten in einer hysterisch geführten Auseinandersetzung. Deuticke, 207 Seiten, 2012, 17,90 Euro.

Geschlechterdifferenz, reloaded

Taelon, geschlechtslos (allerdings nur theoretisch).

Einer der interessantesten Befunde im “post-biologistischen” Zeitalter ist wohl der, dass die Geschlechterdifferenz, die früher so eng mit dem Körper und der Biologie verknüpft zu sein schien, keineswegs untergegangen ist, sondern so fit und lebendig ist wie eh und je. Georg Seeßlen hat jetzt zwei fleißige Bücher geschrieben (ein dritter Band soll noch folgen), in denen er das aufdröselt.

Die Ablösung der Bedeutung von “Geschlecht” von den biologischen Phänomenen, aus denen man das ehemals hergeleitet hat, vollzieht sich auf vielen Ebenen und von unterschiedlichen Richtungen her. Was Judith Butler und andere erkenntnistheoretisch analysiert haben, hat längst augenfällige Entsprechungen in der Realität ebenso wie in der Kulturproduktion:

Medizintechnik macht es möglich, sekundäre biologische Geschlechtsmerkmale zu verändern, Penisse, Brüste und Vaginas können entfernt und angefertigt werden. Biologische menschliche Körper können mit technischen Mitteln ergänzt und verändert werden. Sogar der Vorgang des Gebärens – der im Zentrum der früheren biologischen Unterscheidung von “weiblich” und “männlich” stand – wird vom Frauenkörper gelöst.

Von der anderen Seite kommend werden Roboter und Künstliche Intelligenzen erfunden und schon längst eingesetzt, irgendwo trifft sich das dann in der Mitte, wo es schwer wird, zu unterscheiden, ob man es mit einer menschlichen Maschine oder mit einem kybernetisch aufgerüsteten Menschen zu tun hat. Kulturtheoretisch verhandelt wird das in “Postgender-Diskursen” oder in queeren Selbstverständnissen, utopisch (oder dystopisch) ausformuliert im Science Fiction, in der Werbung, in der Popkultur. Das Internet als neuerdings vorwiegendes Kommunikationsmedium schließlich ermöglicht es (und verlangt) von uns allen, Geschlecht bewusst zu “performen”, niemand ist mehr gezwungen, in der Öffentlichkeit mit dem Geschlecht in Erscheinung zu treten, das das angeborene ist. Nie war es so leicht, ein transsexuelles Eichhörnchen zu sein.

Man hätte ja meinen können (und viele meinten das), dass diese technisch-medizinisch-kulturell ermöglichte Trennung zwischen Geschlechterperformanz und biologischem Körper dazu führen würde, die Kategorien “weiblich” und “männlich” ins Wanken zu bringen. Aber weit gefehlt. Fast niemand, die oder der im Internet unterwegs ist, tritt dort mit einem anderen Geschlecht auf, als dem angeborenen. Und auch im Feld der Kybernetik und des Science Fiction sind bislang keine “Post-Gender”-Wesen entstanden, das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Aliens, Cyborgs, Roboter, die uns da begegnen, sind in der Regel sehr viel krasser und eindeutiger geschlechtlich konnotiert, als es bei biologischen Körpern jemals der Fall war.

Georg Seeßlen macht das zum Beispiel an Robotern deutlich: Sie werden von den Menschen (also den anvisierten Konsument_innen) nur akzeptiert, wenn sie eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung haben, und mehr noch: Wenn diese Zuordnung auch klar den eingefahrenen Geschlechterstereotypen entpricht. Pflegeroboter müssen weiblich aussehen, Arbeitsroboter männlich, sonst traut man ihnen nichts zu.

Was für Roboter gilt, gilt ebenso für die Darstellung von Außerirdischen im Science Fiction. Noch nie ist es gelungen, eine wirklich geschlechtsneutrale, humanoide Gesellschaft zu entwerfen. Geschlechtslosigkeit lässt sich offenbar nur darstellen, wenn es um Kinder oder Tiere, um Geistwesen oder Glibbermasse oder Ähnliches geht. Sobald die Wesen erwachsene “humanoide” Formen annehmen, brauchen sie ein Geschlecht.

Man könnte nun meinen, dies alles liege an der Phantasielosigkeit der Autor_innen, oder an der Unflexibilität des Publikums, das aus purer Gewohnheit keine post-gender-Humanoiden akzeptiert. Das spielt wohl sicher eine Rolle, kann es aber meines Erachtens nicht erklären. Ein Hauptgrund ist vielmehr, dass wir “Geschlechtsneutralität” auch deshalb nicht denken (und damit wahrnehmen) können, weil wir alles Eingeschlechtliche unweigerlich als “Männlich” identifizieren, einfach deshalb, weil wir Jahrhunderte Patriarchat auf dem Buckel haben, also eine symbolische Ordnung, die keineswegs von Zweigeschlechtlichkeit, sondern vom Sich-zur-Norm-Setzen des Männlichen charakterisiert war.

Der Versuch, eine “geschlechtslose” Kultur zu beschreiben, geht deshalb sogar dann schief, wenn die Autorinnen sich dieser Gefahr bewusst sind, wie zum Beispiel bei Ursula K. Le Guins “Winterplanet” oder der auf einer Idee von Gene Roddenberry basierten Science Fiction Serie “Earth: Final Conflict” (deutsch: Mission Erde).

Hier haben sich Außerirdische auf der Erde angesiedelt, die Taelons, die keine Geschlechterdifferenz kennen. Um zu vermeiden, dass sie sofort als “männlich” einsortiert werden, haben die Macherinnen ganz dezidiert versucht, gegenzusteuern. (Unter ihnen Majel Barrett-Roddenberry, die sich mit dem Thema auskennt, denn sie war in der Original Series von Star Trek eigentlich als weibliche erste Offizierin vorgesehen, musste dann aber die Brücke für den Außerirdischen Spock räumen, da die Produktionsfirma nur entweder Frauen oder Aliens dort haben wollte und wurde dann zur Krankenschwester degradiert).

Die Taelons werden von weiblichen Schauspielerinnen verkörpert, zum Beispiel, sie treten “sanft” auf, haben nichts Kriegerisches an sich. Aber es nutzte alles nichts. Unweigerlich werden die Taelons als männlich wahrgenommen, und spätestens in der fünften Staffel kommt das dann raus, als einer von ihnen nach seinem Tod als “Frau” wieder zum Leben erweckt wird und das von allen Beteiligten diskussionslos als “in einem anderen Geschlecht” interpretiert wird. Womit bewiesen wäre, dass er vorher nur scheinbar “geschlechtsneutral”, faktisch aber männlich gewesen war.

Auch Seeßlen zeigt an sehr, sehr vielen Beispielen, dass die Beharrung auf geschlechtlicher Konnotation nicht einfach nur eine Folge von Jahrhunderte langer Indoktrination ist. Denn der Körper und seine “natürlichen” biologischen Grenzen sind kein Argument mehr, und es geht bei der Erfindung oder Konstruktion von Mensch-Maschinen-Wesen überhaupt nicht darum, sich an einem “natürlichen” Ideal von Männlichkeit und Weiblichkeit zu orientieren.

Ganz im Gegenteil sind allerlei Mischformen denkbar, Menschen mit Brüsten und Penissen gleichzeitig zum Beispiel, oder Frauen mit sehr “weiblichem” Aussehen, denen Maschinengewehre an den Arm gewachsen sind. Das Überschreiten biologischer “Geschlechtergrenzen” ist keineswegs negativ konnotiert, sondern macht im Gegenteil den Reiz des Geschehens aus, nur dass das Ergebnis eben nicht das ist, dass die Geschlechterdifferenz bedeutungsloser wird, sondern dass sie im Gegenteil in Unendliche, Monströse, aufgeblasen wird: Nie waren die Penisse so lang, die Brüste so groß, die Unterschiede im Erscheinungsbild von “Männlichem” und “Weiblichem” augenfälliger als im Computerspiel, im Science Fiction, in der Robotik.

Ich denke, der Grund liegt darin, dass wir bei der Geschlechterdifferenz viel mehr verhandeln als bloß die Bedeutung von Frausein und Mannsein. Was hier verhandelt wird, ist vielmehr die Gesellschaft insgesamt und alle ihre Themen. Die Geschlechterdifferenz betrifft nicht Männer und Frauen, sie betrifft alles, die Politik, die Lebensformen, die Ernährung, die Wissenschaft, den Straßenbau, die Landwirtschaft, die Raumfahrt, die Medizin und so weiter und so weiter. Das ist auch der Grund, warum Geschichten mit “Humanoiden” ohne Verhandeln der Geschlechterdifferenz nicht möglich sind: Würden wir alles außen vor lassen, was mit der Geschlechterdifferenz verwoben ist, blieben schlicht keine Themen mehr übrig, die verhandelt werden könnten, und damit keine Geschichten, die erzählt werden könnten.

“Ihr werdet euch noch wünschen, die Geschlechtsdifferenz wäre an den biologischen Körper gebunden”, könnte ein Fazit der Lektüre dieser Bücher sein. Denn immerhin hält der biologische Körper Defekte bereit, Uneindeutigkeiten, kennt winzige Penisse und riesige Klitorisse, kennt Intersexualität, kennt breite Interpretationsspielräume im Hinblick auf die Bedeutung von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Die Loslösung der Geschlechterdifferenz vom biologischen Körper hingegen birgt in sich die Tendenz zur Vereindeutigung. Gerade weil die Biologie uns nicht mehr determiniert, können sich Klischees und Stereotype ungehindert verbreiten, und da ist keine Natur weit und breit, die sich ihnen in den Weg stellen und ihre “Reinheit” unterminieren könnte.

So gesehen könnte die Natur, die Biologie, fast schon wieder so etwas wie ein realer Anhaltspunkt sein, um sich zu vergewissern, was mich, eine Frau, wirklich ausmacht: Keine riesigen Brüste und schmale Taille jedenfalls, keine Sexyness, sondern normale Uneindeutigkeit. Ein Blick in den Spiegel, auf meinen Bauch, meine Beine, in mein Gesicht (und auf die realen Körper anderer Frauen und Männer) ist vielleicht heutzutage der beste Weg, um Geschlechterstereotype wieder grade zu rücken.

Aber das wird natürlich nicht reichen, ein “zurück zur Natur” gibt es nicht. Der Weg kann nur der sein, sich der Mühe zu unterziehen, die unserer gesamten gesellschaftlichen und kulturellen Produktion unterliegenden Geschlechterdifferenzen zu analysieren, sich ihrer bewusst zu sein und sie frei zu gestalten. Damit wir die Definitionshoheit darüber, was “Weiblich” ist, nicht irgendwann gänzlich an Lara Croft und ihre Gefährtinnen abtreten.

Georg Seeßlen: Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? und Der virtuelle Garten der Lüste. Sex-Fantasien in der Hightech-Welt, Bände I und II (Band III folgt noch), Bertz + Fischer, Berlin 2011.

Carearbeit und Grundeinkommen

Manchmal bin ich einfach frustriert, weil es die „gläserne Decke“ irgendwie wirklich gibt, und ich meine nicht die, die Frauen an einem Aufstieg ins Top-Management behindert, sondern die, die es auf seltsame Weise unmöglich zu machen scheint, dass die Ideen von Frauen in den Köpfen von Männern ankommen.

Aktueller Anlass für meinen Frust ist das Büchlein „Die Befreiung der Schweiz“, in dem zwei Autoren auf handlichen 115 Seiten die Hintergründe der Grundeinkommensidee erklären, als flankierende Maßnahme zu einer derzeit in der Schweiz laufenden Volksinitiative für ein Grundeinkommen.

Mein Frust geht – mal wieder – um die Frage, wie die Care- und Fürsorgearbeit in dem Projekt unterkommt. Auf den ersten Blick scheinen Fortschritte gemacht zu sein. Das Thema wird nicht, wie früher, völlig ignoriert, sondern explizit angesprochen. Es gibt zum Beispiel ein Interview mit Ina Praetorius (die ebenso wie ich schon 2004 eine der Autorinnen des Grundeinkommens-Textes www.gutesleben.org war). Sie spricht das Problem, das viele Feministinnen mit der Idee haben, klar an:

Es besteht die Gefahr, dass die Leute, die heute unsichtbar und ohne Wertschätzung Care-Arbeit leisten, mit dem Grundeinkommen „abgespeist“ werden. Das könnte längerfristig bedeuten, dass Frauen das Notwendige einfach weiter machen, während Männer ihr Grundeinkommen mit Freiheit verbinden. (S. 36)

Aber das war‘s dann auch schon. Der Rest des Textes ignoriert diese Problematik wie eh und je. Schön, dass wir mal drüber geredet haben?

Worum es geht: Der Zugang der Frauen zur Erwerbsarbeit ist ja erst vor kurzem erkämpft worden. Bis heute ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Punkto (bezahlter) Erwerbsarbeit und (unbezahlter) Haus- und Fürsorgearbeit eklatant. Ein Grundeinkommen – und ich bin eine dezidierte Anhängerin der Idee – könnte den Effekt haben, dass diese Spaltung weiter besteht oder sogar zementiert wird. Denn ein Grundeinkommen würde ja lediglich einen Einkommens-Sockel darstellen, das Existenzminimum. Und wenn wir es einfach so laufen lassen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass am Ende vorwiegend Männer gut Geld verdienen, weil sie nämlich trotz Grundeinkommen einer einkommensträchtigen Erwerbsarbeit nachgehen, während vorwiegend Frauen sich mit dem Sockel begnügen und die erwerbsarbeitsfreie Zeit verwenden, um für Kinder, Kranke und Alte zu sorgen.

Genau dies ist einer der Gründe, warum maßgebliche feministische Denkerinnen die Idee eines Grundeinkommens nicht unterstützen. Frigga Haug zum Beispiel hat gerade wieder in einem Vortrag die von vielen Männern in der Grundeinkommensbewegung verbreitete Illusion kritisiert, uns würde eh (durch Produktivitätssteigerung) die Arbeit ausgehen, unter anderem mit diesem Argument:

Aber wenn der Diskurs jetzt weitergeht, rutscht es wieder zurück in die Lohnarbeit wegen der Kritik an der Arbeitspflicht, die als Nötigung empfunden und eben durchs Grundeinkommen abgeschafft sein muss. Aber die Arbeitspflicht existiert ja bei Reproduktions-, Pflege oder Sorgearbeit ohnehin immer. Sie kommt ja aus der Sache selbst, sozusagen aus den bedürftigen anderen Wesen. Dazu braucht man niemanden zu verpflichten. Da schreien die Aufgaben einen an wie bei Frau Holle, wo die Apfelbäume rufen: schüttle uns, die Äpfel sind schon lange reif; oder das Brot im Ofen schreit: zieh uns heraus, wir sind schon längst gebacken. Von den wirklich schreienden kleinen und großen Menschen will ich hier gar nicht reden. Das versteht sich von selbst.

Frigga Haug hat vollkommen recht: Es ist einfach nicht wahr, dass das Grundeinkommen aufgrund der Produktivitätssteigerung einfach der nächste logische Schritt in der Entwicklung des Kapitalismus ist, wie manchmal suggeriert wird. Die Verwirklichung der Grundeinkommensidee erfordert ein tiefes kulturelles Umdenken, das aus zwei Teilen besteht, die man nicht einzeln betrachten kann: die Idee, dass es normal ist, wenn Menschen etwas bekommen ohne etwas dafür zu leisten, UND die Idee, dass Menschen Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen und das Notwendige tun, auch wenn niemand sie dazu zwingt oder dafür bezahlt.

Leider bekräftigt auch dieses Buch wieder den Eindruck, die Phantasie männlicher Grundeinkommensbefürworter könnte darin bestehen, dass Männer vor allem den ersten Teil und Frauen vor allem den zweiten Teil dieser Gleichung abdecken (was so natürlich niemand sagen würde, ist ja alles hübsch geschlechtsneutral formuliert). Aber wieder einmal wird die Care-Arbeit im Kapitel „freiwillige Arbeit“ untergebracht und auf eine Stufe gestellt mit zum Beispiel der Kunst. Aber Fürsorgearbeit ist keine „freiwillige“ Arbeit in dem Sinne, dass man sie tun kann oder auch nicht. Sondern sie ist notwendige Arbeit, gesellschaftlich ebenso wie in einer konkreten Situation (das schreiende Baby, das dreckige Klo). Notwendige, aber nicht im erwerbsmäßigen Sinne profitable Arbeit muss in der Ökonomie eine eigenständige Rolle spielen und darf nicht einfach unter „Wird durch ein Grundeinkommen möglich gemacht“ subsummiert werden.

Ein garantiertes Grundeinkommen ist also keineswegs „bedingungslos“ (wie es hingegen die Domain der Aktion www.bedingungslos.ch suggeriert), sondern es ist eben an die Bedingung gebunden, dass wir akzeptable Rahmenbedingungen schaffen, unter denen notwendige, aber nicht „profitable“ Arbeiten erledigt werden. Wer soll diese Arbeit in Zukunft tun und warum, wenn man niemanden mehr unter Androhung von Geldentzug dazu zwingen kann?

Diese Frage, wer denn die „Drecksarbeit“ machen wird, wird in dem Buch zwar gestellt, aber falsch beantwortet. Wieder einmal wird behauptet, es gäbe in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen dafür drei Lösungen: Jeder macht sie für sich selbst, wir lassen sie Roboter machen oder wir bezahlen sie besser.

Es gibt aber – wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe – leider auch noch weitere Möglichkeiten: dass diese Arbeit gar nicht gemacht wird, oder dass sich einige Menschen dazu „freiwillig“ bereit erklären. Es ist sehr zu vermuten, dass das mehr Frauen als Männer sein werden (aber auch wenn es gleich verteilt wäre, wäre es keine Lösung).

Ich verstehe es einfach nicht: Ist es nicht möglich, auch in einem Büchlein, das das Grundeinkommen als Idee propagieren und unterstützen will, diese Problematik mal einzugestehen und darauf hinzuweisen, dass hier noch weiterer Handlungs- und Diskussionsbedarf besteht? Nicht, um die Grundeinkommensidee zu widerlegen oder zu schwächen. Ganz im Gegenteil: Um den aus guten Gründen skeptischen feministischen Denkerinnen zu signalisieren: Wir haben eure Einwände verstanden und greifen sie in unseren programmatischen Konzepten auf!

Dafür genügt es nicht, auch ein Interview mit einer postpatriarchalen Denkerin abzudrucken, wenn man deren Gedanken dann aber im Rest des Textes einfach ignoriert. Es ist dies ein eklatantes Beispiel für ein Phänomen, das ich leider ziemlich oft im Dialog zwischen Männern und Frauen beobachte: Die Frauen sagen etwas, die Männer nicken freundlich, versichern „Ja, Ja“, und gehen dann wieder zur Tagesordnung über, als wäre nichts gewesen.

Das ist es, was mich frustriert: Nicht, dass hier ein Dissens wäre, ein politischer Konflikt, denn den könnte man ja austragen. Sondern dass ein Dialog überhaupt gar nicht erst zustande kommt, weil das Thema die Männer offenbar nicht interessiert. Momentan bin ich wirklich ratlos, wie sich das ändern ließe.

Christian Müller, Daniel Straube. Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Limmat, Zürich 2012, , 15,90 Euro.

PS: Gerade hat auch Ina Praetorius nochmal was eigenes dazu gebloggt