Besondere Umstände – Episode 3

Heute morgen haben Benni Bärmann und ich wieder gepodcastet und geredet über:

- Die Ferienuni Kritische Psychologie – über die gesellschaftliche Natur des Menschen, Psychoanalyse (und Kritik daran)…
- die Open Mind Konferenz und die Frage, ob die Piratenpartei jetzt feministisch geworden ist (15:00)
- Urheberrecht und andere Immaterialgüterrechte, davon ausgehend um Eigentum und Knappheit. Ist es sinnvoll, zwischen materiellem und immateriellem Eigentum zu unterscheiden? Wie vermittelt man radikale Positionen dazu? Und kurz angerissen und auf nächstes Mal vertagt: Die Körperlosigkeit der digitalen Welt (?) (21:35)
- Digitale Arbeit: Tätigsein ohne Zwang (Hier wollte Benni gerne den Begriff “Stigmergie”unterbringen, vergaß es aber, daher hier.) Außerdem: Freie Tätigkeit und Verbindlichkeit und wie beides zusammenpasst. (43:40)
- Wir wollten dann noch über Hypes sprechen und sind dann bei der Kritik an der Vogue-Strecke mit Models im Stile von Obdachlosen hängengeblieben (die nicht gehypet ist) (54:00)

Zum Hören bitte hier entlang

 

Und wie ich mich über jede Frau freue, die einen Posten will!

Foto: mspro

Am Wochenende war ich in Kassel auf der Open Mind, einer Konferenz mit Affinität zur Piratenpartei, und sprach über das Thema “Politik und Geschlechterdifferenz” (die Prezi steht hier, vielleicht gibt es später noch irgendwo einen Videomitschnitt (Update: Ja, gibt es inzwischen).

Dabei gab es in der anschließenden Diskussion einen Einwand, der häufig kommt, wenn ich über die Geschlechterdifferenz im Bezug auf politische und wirtschaftliche Institutionen spreche und darüber, dass diese Unterschiede zu einem politischen Konflikt gemacht werden sollten, anstatt sie zu verschleiern, auf weibliche Defizite oder “Förderbedarf” zurückzuführen und rein quantitativ statt qualitativ zu betrachten.

Der Einwand, der dann häufig kommt, lautet in etwa: “Aber damit schreibst du ja Frauen vor, dass sie etwas anderes machen sollen als Männer” beziehungsweise: “Ich will aber gerne in Organisationen aufsteigen und Posten übernehmen, bin ich dann für dich keine richtige Frau mehr?”

In Kassel habe ich darauf geantwortet, dass das natürlich genau nicht der Fall ist, sondern dass ich mich für weibliche Freiheit interessiere. Dass es mir also darum geht, dass jede Frau das tut, was sie wirklich will – auch dann, wenn das etwas anderes ist als die Mehrheit der Frauen tut. Dass also jede Frau, die Karriere machen will, dabei unbedingte Unterstützung bekommen soll. Dass sie eben bloß die Frage stellen sollte, ob sie diese Laufbahn wirklich deshalb anschlägt, weil sie selber das will, oder ob sie das macht, weil das heute von erfolgsorientierten Frauen erwartet wird oder um den Frauenanteil irgendwo zu erhöhen und um “frischen Schwung” in eine ansonsten männerdominierte Organisation zu bringen.

Feminismus bedeutet für mich, nach politischen Praktiken zu suchen, die dabei helfen, dass Frauen ihr jeweils eigenes Begehren in die Welt tragen können, ohne sich dabei an von außen gegebenen Rollenerwartungen zu orientieren, also daran, wie Frauen sich jeweils für die Allgemeinheit nützlich machen können.

Beim drüber Schlafen nun fiel mir ein, dass diese Antwort noch zu defensiv war. Auch wenn ich selbst für  mich den Weg an die Spitze von Institutionen oder Parteien oder Konzernen ablehne, weil es mir keinen Spaß machen würde, weil es nicht das ist, wo ich mich betätigen will, so freue ich mich doch sehr, wenn es andere Frauen gibt, die genau diesen Weg gehen wollen. Ich applaudiere jeder Frau, die Lust darauf hat, einen Posten zu übernehmen, Karriere zu machen, in eine Spitzenamt zu gelangen. Mit dem Unterschied zwischen Macht und Politik zum Beispiel beschäftige ich mich nicht, um Frauen davor zu warnen, sich mit der bösen Macht einzulassen, sondern ganz im Gegenteil: Weil dieser Unterschied meines Erachten hilfreich ist, um sich souverän gerade auch an die Orte der Macht begeben zu können. Ich bin also ganz dafür, Frauen bei ihren Aufstiegswünschen aus allen Kräften zu unterstützen, meinetwegen sogar mit Hilfe einer Quote.

Denn es stimmt natürlich, dass solche Ämter und Posten den Einfluss-Spielraum von Frauen erweitern können. Man kann als Chefin oder als Vorsitzende Dinge bewegen, und ich freue mich, wenn es Frauen gibt, die diesen Weg mit Elan und Spaß an der Sache gehen. Und ich wünsche mir, dass sie dabei unterstützt werden – gerade auch dann, wenn sie dort Dinge verändern und bewegen wollen und auf Widerstand stoßen.

Wenn ich trotzdem darauf herumreite, dass viele Frauen diesen Weg eben nicht gehen – dann gerade deshalb, weil ich das Problem durchaus sehe, dass es uns nicht wirklich weiterbringt, immer “außen vor” zu bleiben. Allerdings beobachte ich eben auch, dass es trotz aller Gleichstellungsbemühungen immer noch sehr viel weniger Frauen als Männer sind, die den “Marsch durch die Institutionen” attraktiv finden – so wie ich.

Und angesichts dieser Situation halte ich es für den falschen Weg, wenn man Frauen sozusagen aus Pflicht gegenüber der “Bewegung” dazu bringen will, doch in den sauren Apfel zu beißen. Weil ich es falsch finde, wenn Frauen sich im Dienst der Partei dazu “breitschlagen” lassen, für ein Amt zu kandidieren, nur damit der Frauenanteil wächst. Denn ich glaube, dass das nicht funktioniert, und ich halte es für eine Verschwendung weiblicher Energie – denn diese Frau muss sich dann mit Dingen beschäftigen, für die sie eigentlich keine wirkliche Begeisterung empfindet, und sie wird davon abgehalten, etwas anderes zu tun, etwas, wofür ihr Herz wirklich schlägt.

Wenn ich die signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Bezug auf historisch männliche Organisationsformen wie es zum Beispiel die Parteien sind, auf die politische Tagesordnung heben will, dann nicht, um Geschlechterunterschiede zu zementieren. Sondern weil ich diese Unterschiede, da, wo sie sich zeigen, für produktiv halte und für einen Schlüssel zu Veränderungsprozessen.

Gewissermaßen geht es darum, der gegebenen faktischen Situation – dass nämlich männliche geprägte Politikkulturen für Frauen deutlich weniger attraktiv sind als für Männer – mit Flexibilität und Phantasie beizukommen. Es ist nämlich klasse, dass Frauen unterschiedlich sind und unterschiedliche Dinge wollen, denn so können wir dem unbefriedigenden Status Quo von ganz verschiedenen Seiten beikommen.

Frauen, die innerhalb der Institutionen aufsteigen wollen, sind ein Glücksfall für den Feminismus, Frauen, die diesen Weg für sich ablehnen, weil sie keine Lust haben, sich den dortigen Spielregeln anzupassen, die stattdessen andere Dinge tun und an grundsätzlicheren Alternativen arbeiten möchten, sind ebenso ein Glücksfall für den Feminismus.

Nehmen wir die Verhältnisse doch einfach in die Zange und treffen uns dann vielleicht in einer besseren Zukunft irgendwo in der Mitte. Oder noch besser: Jenseits.

Simone Weils Überlegungen zur Meinungs- und Pressefreiheit

Seit meinem Blogpost über Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien liegt immer noch ihr Buch „Die Einwurzelung“ auf meinem Schreibtisch, weil ich seither vorhatte, auch noch was über ihre Überlegungen zur Pressefreiheit zu schreiben.

Nachdem ich dann heute morgen Stefan Niggemeiers Blogpost „Ekelhaft“ gelesen habe, der am Beispiel der medial inszenieren Scheindebatten über Julia Schramms angebliche Aussagen zum Thema Urheberrecht mal wieder (man könnte auch tausend andere Beispiele wählen) klar macht, wie leicht und häufig Medien nicht zu einer Urteilsfindung in der Bevölkerung beitragen, sondern diese aktiv verhindern oder gar unmöglich machen, war der Impuls endlich groß genug.

Jedenfalls finde ich ihre Überlegungen sehr bedenkenswert, gerade im Hinblick auf zahlreiche aktuelle Problemstellungen wie den Umgang mit den Sarrazins, das Urheberrecht, die Diskussionskultur im Netz und so weiter. Also, hier mein Versuch, die Ideen von Simone Weil zu vermitteln:

Normalerweise wird die Pressefreiheit ja verteidigt im Hinblick auf den Faschismus, der gezeigt habe, wohin es führt, wenn diese eingeschränkt wird. Interessanterweise bezieht sich Simone Weil (sie schreibt das 1943) ebenfalls genau darauf, nur dass sie zur entgegengesetzten Schlussfolgerung kommt:

Alles, was unzählige Dummköpfe über die Verantwortung der Schriftsteller an unserer Niederlage bis zum Überdruss wiederholt haben, ist unglücklicherweise sicher zutreffend. (45)

Im Kern ihrer Überlegungen steht die Unterscheidung zwischen Meinungsfreiheit und Pressefreiheit – beides wird heute ja häufig in eins gesetzt. Simone Weil hingegen will die Pressefreiheit beschränken, die Meinungsfreiheit aber gerade schützen, denn:

Die völlige, unbegrenzte Freiheit, jede beliebige Meinung ohne Einschränkung oder Vorbehalt zu äußern, [ist] ein unabweisbares Bedürfnis der menschlichen Vernunft. (S. 41)

Gerade das mache aber eine Beschränkung der Pressefreiheit notwendig, denn Simone Weil ist der Ansicht, dass die freie Meinungsbildung der Menschen gerade gefährdet wird, wenn sie ständig von allen Seiten mit Scheindebatten, inszenierten Pseudokonflikten, verdrehten Tatsachenbehauptungen und dergleichen zugemüllt werden. Weil schreibt:

Das der Vernunft so wesentliche Bedürfnis nach Freiheit [verlangt], dass es vor der Suggestion, der Propaganda und jeder zudringlichen Beeinflussung geschützt werde. Dies alles sind Formen des Zwanges, einer besonderen Nötigung, die zwar weder Angst noch körperlicher Schmerz begleitet, die jedoch darum nicht minder eine Vergewaltigung darstellt. … Dieser Zwang ist seiner Natur nach kollektiv, und die Seelen der Menschen sind seine Opfer. (46)

Ihr geht es darum „das äußerst empfindliche und zerbrechliche Instrument unseres Urteilsvermögens“ zu schützen, das in Gefahr sei, wenn es mit Druck, Propaganda, Loyalitätsansprüchen konfrontiert wird. Denn „wenn das Licht der Vernunfteinsicht sich einmal verdunkelt, so gerät auch die Liebe zum Guten in verhältnismäßig kurzer Zeit auf Abwege.“ (49)

Wo aber verlaufen die genauen Grenzen zwischen freier Meinungsäußerung und Pressefreiheit? Simone Weil ist klar, dass beides auf gewisse Weise miteinander zusammenhängt, und dass ihr Vorschlag letztlich in der Konsequenz dazu führt, die Möglichkeit, Dinge zu veröffentlichen, an Bedingungen zu knüpfen, also einzuschränken. Ihrer Ansicht nach ist das aber möglich, denn:

Ein und dasselbe kann zugleich begrenzt und unbegrenzt sein, wie die Länge eines Rechtecks sich unendlich verlängern lässt, ohne dass es aufhörte, in seiner Breite begrenzt zu sein.

Die (potenziell unendliche) Länge des Rechtecks liegt für Simone Weil in dem Bedürfnis, die eigene Meinung unabhängig von ihrem Inhalt öffentlich sagen zu dürfen. Dieses Bedürfnis der menschlichen Seele muss ihrer Ansicht nach unbedingt geschützt werden, zum Beispiel, indem dafür „im Bereich des Veröffentlichungswesens ein Reservat der unbedingten Freiheit“ geschaffen wird (ich frage mich, ob Blogs nicht genau dieses Reservat sind oder sein könnten). Und die Gesellschaft, so Weil, müsse verhindern, „dass dem Verfasser aus ihrer Veröffentlichung irgend welche Gefahren erwüchsen.“ (42f)

Die zu begrenzende Breite des Rechtecks hingegen liegt dort, wo etwas publiziert wird in der Absicht, die öffentliche Meinung und die Lebensführung anderer zu beeinflussen. Ich würde für heute noch anfügen, dass zu diesem Komplex auch die kommerzielle Gewinnabsicht gehört – auch der Wunsch, mit Publikationen Geld zu verdienen, Auflage und Quote zu machen, hat ja nichts mit dem schützenswerten Gut der Meinungsfreiheit zu tun. Der Grund, warum der Publikationsfreiheit unter diesen Aspekten durchaus Begrenzungen auferlegt werden können, ist laut Weil folgender:

Veröffentlichungen, die bestimmt sind, das, was man die öffentliche Meinung nennt, das heißt in der Tat die Lebensführung zu beeinflussen, stellen Handlungen dar und müssen den nämlichen Beschränkungen wie alle übrigen Handlungen unterliegen. (43)

Der Unterschied liegt also dort, wo etwas gesagt wird nicht aus dem dringenden Bedürfnis heraus, es sagen zu wollen, sondern aus dem Wunsch heraus, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben, eine wichtige intellektuelle Rolle zu spielen oder eben, noch profaner, Geld zu verdienen. Simone Weil sagt, dass diese Unterscheidung einerseits völlig klar sei, andererseits aber natürlich im Detail schwer zu bestimmen:

Der Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, zwischen dem, was außerhalb der Handlung liegt, und dem, was an ihr teilhat, ist auf dem Papier unmöglich in juristischer Sprache zu formulieren. Was jedoch nicht hindert, dass er vollkommen klar ist. Die Trennung dieser Bereiche ist faktisch leicht durchzuführen, wenn nur der Wille, sie zu verwirklichen, genügend klar ist. (43f)

Klar ist zum Beispiel, dass alle großen Medienkonzerne dem zweiten Bereich zugehören, ebenso der öffentliche Rundfunk, aber auch Broschüren und Publikationen von Organisationen, Vereinen, Institutionen, Parteien, Unternehmen – also jegliche Propaganda und Werbung. In diesem Kontext steht dann jener Satz, der für heutige Ohren so skandalös klingt:

Das Nachrichtenwesen zum Beispiel ist einer unerbittlichen Beschränkung durch das Gesetz zu unterwerfen; sein Umfang ist in sehr beträchtlichem Maße zu verringern;  … Ebenso können Presse, Rundfunk und jede ähnliche Einrichtung einer gesetzlichen Ahndung unterliegen, nicht nur, wenn sie gegen die Prinzipien der öffentlich anerkannten Sittlichkeit verstoßen, sondern ebenfalls, wenn sie sich einer niedrigen Ausdrucksweise und Gesinnung, des schlechten Geschmacks und der Gemeinheit schuldig machen. (47)

Während also bei großen Medienkonzernen, Parteienpropaganda, Lobbyismus und so fort klar ist, dass sie auf der „zu begrenzenden“ Seite jenes Rechtecks stehen, ist bei Einzelpersonen ohne große gesellschaftliche Macht klar, dass sie auf der Seite der „unbegrenzten“ Meinungsfreiheit stehen.

Dazwischen gibt es jedoch noch einen Übergangsbereich, zum Beispiel im Fall von Intellektuellen, die zwar als Einzelpersonen auftreten, aber durch ihre Popularität eine solche Wirkmächtigkeit erreicht haben, dass sie Menschen nicht nur Kraft ihrer jeweils konkreten Argumente, sondern allein durch die ihnen zugesprochene „Bedeutung“ und Prominenz beeinflussen können. Diese haben sich nach Simone Weil ebenfalls den „Gesetzen“ unterzuordnen, oder mit anderen Worten: Sie müssen die Verantwortung für ihr (publizistisches) Handeln übernehmen und sich entsprechend für dessen Folgen zur Rechenschaft ziehen lassen und können sich nicht ohne weiteres auf die Meinungsfreiheit berufen.

Wobei Simone Weil unter „Gesetz“ hier weniger juristische Paragraphen versteht, sondern eben jene „Gesetzmäßigkeiten“, die das Funktionieren einer Gesellschaft sicherstellen und die menschlichen Grundbedürfnisse schützen. Sich entsprechend diesem „Gesetz“ zu verhalten, ist nicht nur die Aufgabe von Staatsorganen, sondern von allen. Jedenfalls hält sie auch an dieser Stelle noch einmal fest, dass diese „gesetzliche“ Beschränkung der Pressefreiheit gerade keine Beschränkung der Meinungsfreiheit ist, denn:

Eine derartige Ahndung kann erfolgen, ohne dass die Freiheit der Meinungsäußerung im geringsten beeinträchtigt wird. So kann zum Beispiel eine Zeitung unterdrückt werden, ohne dass die Mitarbeiter der Schriftleitung das Recht zu anderweitigen Veröffentlichungen nach eigenem Gutdünken einbüßen. (47)

Hier kommt dann der Übergang zu ihrer Beschäftigung mit den politischen Parteien. Beidesmal steht im Zentrum ihre Unterscheidung zwischen Individuen und Organisationen:

Einzig dem Journalisten, und nicht der Zeitung, steht, und zwar unter Vorbehalt, das Recht auf freie Meinungsäußerung zu; denn nur der Journalist ist imstande, sich eine Meinung zu bilden. Sämtliche die Freiheit der  Meinung betreffenden Probleme lassen sich ganz allgemein klären, wenn man von dem Grundsatz ausgeht, dass diese Freiheit ein Bedürfnis der denkenden Vernunft ist und dass die Vernunft einzig dem menschlichen Wesen für sich allein betrachtet zukommt. Infolgedessen kann keine Vereinigung einen berechtigten Anspruch auf die Freiheit der Meinungsäußerung erheben, weil keine Vereinigung ihrer im allergeringsten Grade bedarf. Ganz im Gegenteil, der Schutz der Gedankenfreiheit fordert, dass es einer Vereinigung gesetzlich verboten sei, einer Meinung Ausdruck zu geben. Schickt nämlich eine Gruppe sich an, irgendwelche Meinungen zu vertreten, so wird sie unvermeidlich danach trachten, diese ihren Mitgliedern aufzuzwingen. (47f)

Alle Zitate aus: Simone Weil: Die Einwurzelung. Einführung in die Pflichten dem menschlichen Wesen gegenüber. Kösel-Verlag, München 1956.

Update: Diesen Artikel über die Proteste gegen das Mohammed-Schmähvideo finde ich auch ganz interessant in dem Zusammenhang. Das Problem ist nämlich nicht, dass jemand so ein Video gedreht hat, denn als einfaches Video regt es auch nur wenige Leute auf. Die Unterscheidung zwischen Meinungs- und Pressefreiheit würde hier helfen: Denn das Problem ist nicht, dass jemand so ein Video dreht (das ist von der Meinungsfreiheit gedeckt), sondern die Art und Weise, wie in großen Medien über so etwas berichtet wird (in wiefern “Internethypes” eine ähnlich Funktion übernehmen (können) muss glaube ich noch genauer untersucht werden).

Aber wenn man diesen Unterschied nicht macht, kann man natürlich mit Hinweis auf die schlimmen Folgen der Pressefreiheit die Meinungsfreiheit einschränken und zum Beispiel Schmähvideos verbieten oder auch Internetrechte einschränken (Terrorismus!). Dabei würde es reichen, wenn man  die Medienkonzerne irgendwie dazu bringen könnte, sich bei ihrer Berichterstattung halbwegs an der Wahrheit zu orientieren anstatt sich dauernd Skandale herbeizufingieren.

(Und das Skandale fingieren beginnt heute schon auf einer sehr niedrigen Ebene, bei Alltagsthemen, nicht erst bei Gewalt usw. Es kann auch um die Frage gehen, ob Bananen gesund sind. Und “Wahrheit” bedeutet nicht, dass die einzelnen behaupteten Fakten zutreffen – wobei oft noch nicht einmal das der Fall ist – sondern ob das Bild, das man von Ereignissen zeichnet, irgendwie deckungsgleich mit der Realität ist oder nur ein verzerrter Ausschnitt davon).

Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst “objektiv” zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der “Kontextualisierung” vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit “Simone Weil” sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr “Wahrheit” ans Licht bringen.

PS: Zum Thema “Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung” gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.

Betrauerbare und Unbetrauerbare – Judith Butlers Rede zum Adornopreis

Gerade habe ich mal kurz interessehalber die News durchgeklickt, um zu sehen, was die etablierten Medien so über die Veranstaltung gestern in der Pauslkirche zur Übergabe des Adornopreises an Judith Butler schreiben – und obwohl es natürlich eigentlich nicht wirklich überraschend ist, bin ich dann immer wieder doch überrascht über die Flachheit der Berichterstattung. Nicht nur, dass überall dasselbe drinsteht, es steht auch nirgendwo (zumindest habe ich nix gefunden, Gegenteiliges gerne in die Kommentare) etwas Inhaltliches darüber drin, was Judith Butler in ihrer Preisrede eigentlich gesagt hat.

Im Prinzip zeigt sich darin auch ein Verfall der alten Institutionen, denn solche Preise sind doch – sollte man meinen – eigentlich dafür da, dem Denken einer Person besondere Aufmerksamkeit zuzuführen. Scheint aber nicht so zu funktionieren.

Naja, ich schreibe hier deshalb mal auf, was mir von ihrer Rede in Erinnerung geblieben ist. Schon die Themenwahl war ziemlich genial, denn sie sprach über das “gute Leben im Falschen”, natürlich eine Anspielung auf Adornos Diktum, ein wahres Leben im Falschen könne es nicht geben.

Ja und nein, so Butlers Antwort. Bevor man sich die Frage stellen könne, wie ein “gutes Leben” zu führen sei, müssten zwei Prämissen erfüllt sein: Erstens müsse man fragen, inwiefern man das eigene Leben überhaupt “führt” (oder nicht vielmehr “geführt wird” durch äußere Prägungen und Strukturen), und zweitens ist die Frage, ob man überhaupt ein “Leben” hat, das zu führen wäre.

Der erste Punkt ist natürlich klar, es ist der Hinweis darauf, dass das Subjekt niemals über den Dingen schwebt, sondern in die Umstände, unter denen es lebt, involviert, auf gewisse Weise positioniert ist. Trotzdem ist freies Handeln möglich, aber eben nicht “frei”im Sinne von unbeeinflusst.

Den zweiten Punkt habe ich nicht so ganz nachvollziehen können. Butler hat hier unterschieden zwischen den “Betrauerbaren” und den “Unbetrauerbaren”, denjenigen also, denen (von wem? Der Gesellschaft? Dem Staat? Den Strukturen?) ein Wert zugemessen wird, deren Tod also gegebenenfalls “betrauert” würde und den man daher versucht, zu verhindern, und den anderen, denen kein Wert zugemessen wird, die schon abgeschrieben sind, die keinen Anspruch auf Unterstützung und Hilfe haben, und die daher “unbetrauerbar” sind.

Ich verstehe natürlich, dass Butler hier eine bestimmte gesellschaftliche Haltung kritisiert, die sich in Gleichgültigkeit vieler Privilegierter gegenüber Unterdrückung, Prekarisierung, Hungersnöten und so weiter ausdrückt. – so etwas Ähnliches haben wir im “ABC des guten Lebens” unter dem Stichwort “WürdeträgerIn” zu sagen versucht.

Und richtig, dass das in moralphilosophischen Diskursen explizit zum Thema gemacht und berücksichtigt werden muss. Aber ich verstehe die Wortwahl “Unbetrauerbare” nicht, denn das stimmt ja nur aus der Perspektive der Ignoranten, Privilegierten. Von ihren Freund_innen, Familien, Beziehungsnetzen werden ja auch die “Prekarisierten” im Fall ihres Todes “betrauert”, und Butler selbst hat das sogar gesagt und darauf hingewiesen, dass in vielen Ländern Beerdigungen oft von Demonstrationen gar nicht unterscheidbar seien. Also sind diese Menschen doch objektiv “betrauerbar”, oder?

Wie auch immer, ganz richtig ist natürlich Butlers Hinweis, dass ich nicht selbst darüber entscheiden kann, ob mein Leben einen Wert hat, sondern dass ich darauf angewiesen bin, dass meinem Leben von anderen Wert zugemessen wird. Die Frage ist eben nur, wer diese “anderen” sind, darauf ist Judith Butler nicht eingegangen.

Dass dieser Wert sich konkret auch auf das körperliche Leben bezieht, war ein anderer wichtiger Punkt. Wie schon viele Feministinnen vor ihr setzte sich Butler an diesem Punkt noch einmal kritisch mit Hannah Arendts Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, zwischen Arbeiten und Handeln auseinander und betonte, dass die Sorge um den Körper und sein Überleben nicht jenseits des Politischen stünde, und dass Moral untrennbar mit Biopolitik verknüpft ist.

Butler meint auch, dass körperliche “Performance” unabdingbar zu politischem Engagement dazu gehört. Ich würde das spontan auch so teilen (passt auch ein bisschen zu meinem letzten Post), Handeln vollzieht sich nicht nur im Sprechen (zum Beispiel Bloggen), sondern auch in körperlichen Aktionen, darin, dass man sich an bestimmte Orte begibt und an andere nicht, in die Gesellschaft bestimmter Menschen und anderer nicht.

Darüber entwickelte sich ein Mini-Dialog auf Twitter zwischen @PhaidrosDA und mir, der meinte, es gebe auch digitale Protest- und Widerstandsformen. Ich glaube ja, dass die körperliche Aktionen immer nur begleiten und nicht an ihre Stelle treten können (wobei man ja außerdem auch einen Körper braucht, um am Computer zu sitzen und zu tippen).

Also Butlers Appell war: “Wir können nicht für gutes Leben kämpfen, ohne das Überleben der Körper zu sichern. Aber Leben ist trotzdem mehr als Überleben.” Außerdem an die Adresse der sozialen Bewegungen gerichtet: “Soziale Bewegungen müssen die von ihr angestrebten Prinzipien selbst schon praktizieren.” Genau so ist es natürlich.

Ein bisschen innerlich schmunzeln musste ich dann aber doch noch über ihr Fazit, die moralphilosophische und politische Herausforderung liege darin, die Interdependenz der Menschen nicht überwinden zu wollen, sondern sie lebbar zu gestalten. Das Thema Abhängigkeit (und dass man sie prinzipiell nicht überwinden, sondern nur gestalten kann) scheint wirklich in der Luft zu liegen.

Morgens vorm Spiegel

Nachdem die von Journelle ungeplant angestoßene Bilderaktion unter dem Hashtag #609060 bei Instagram schon in einigen Blogs und später auch in den online-Portalen von Spiegel und Stern diskutiert worden ist, habe ich doch noch ein bisschen Senf dazu zu geben.

Für diejenigen, die es eventuell nicht mitbekommen haben: Da posten viele Frauen und ein paar Männer Bilder von sich, auf denen zu sehen ist, was sie anhaben, in welcher Kleidung sie aus dem Haus gehen. Als ich das erste Mal davon gelesen habe, hatte ich sofort Lust, mitzumachen, ohne groß darüber nachzudenken.

Es gab dann einige bedenkenswerte Kritik, etwa von Anke Groener und von der Mädchenmannschaft, die darauf hinweisen, dass es natürlich eine Illusion ist, auf diese Weise gänzlich aus den Normierungen weiblicher Körper auszubrechen, und dass eben nicht „einfach so alle mitmachen“ können. Der Einwand ist richtig und wichtig.

Ich hatte nach der Lektüre aber trotzdem noch Lust, mitzumachen. Und zwar weil ich glaube, dass diese merkwürdige Praxis, sich morgens vor dem Spiegel zu vergewissern, wie man aussieht, auf welche Weise man den eigenen Körper in die Öffentlichkeit bewegt, eine wichtige Kulturpraxis ist.

Meine These ist, dass sich der Erfolg dieser Aktion und die Lust von so vielen, sich daran zu beteiligen – mehr Frauen als Männern –, nicht in erster Linie der Wunsch ist, gegen Körpernormierungen zu protestieren (dazu wäre die Aktion nämlich in der Tat nicht gut geeignet), sondern dass etwas anderes dahinter steckt: Der Wunsch, sich der Bedeutung von Schönheit zu vergewissern – und der Spaß daran, diese persönliche Auseinandersetzung mit Schönheit auch öffentlich zu dokumentieren und das Ergebnis mit anderen zu auszutauschen.

Das Thema hat mich wohl auch deshalb angesprungen, weil ich mich im April bei einem Denkwochenende mit politischen Freundinnen genau über dieses Thema ausgetauscht habe: Darüber nämlich, wie unser Aussehen, die Kleidung, die wir tragen, etwas damit zu tun hat, wie souverän, frei und selbstbewusst wir in der Öffentlichkeit auftreten.

Unser Thema war, wie Frauen in der Welt sichtbar und einflussreich sein können, ohne sich anzupassen. Und dabei ist die Frage des Aussehens – oft belächelt und für nebensächlich erklärt –eine ganz wichtige. Wir haben dafür das Bild der „fünf schönen Königinnen“ gefunden, in dem die drei Komponenten dessen benannt sind, was eine Frau, die in der Welt etwas bewirken will, braucht: Sie darf nicht allein sein, sie muss schön sein, und sie muss souverän sein (in dem Sinne, dass sie ihrem eigenen Urteil vertraut und nicht in erster Linie anderen gefallen will).

Ich finde tatsächlich, dass das ein politisches Thema ist, das natürlich die Geschlechterdifferenz unmittelbar berührt. Menschen, die sich in ihrem Körper und mit ihrem Erscheinungsbild wohlfühlen, sind selbstbewusster, mutiger, eher bereit, Konflikte auszuhalten und für ihre subjektiven Ansichten einzustehen. Die Wahl der Kleidung kommuniziert Dinge, Standpunkte, Werthaltungen – und es gibt guten Grund, das nicht für unwichtig und nebensächlich zu halten, sondern zu reflektieren, individuell und politisch, also im Austausch mit anderen.

Die Bedeutung der Schönheit in der körperlichen Selbst-Präsentation war auch der männlichen Tradition lange bewusst (man denke nur an Schmuck und Kleidung von Königen, Stammesführern, Priestern), aber mit der Aufklärung haben die Männer für sich die Uniform erfunden, die dieses Thema überflüssig macht: Alle ziehen dasselbe an, ein Zeichen für Gleichheit ebenso wie klare äußerliche Zeichen für die eigene Position in der Hierarchie – je nachdem, wie viele Streifen auf der Jacke sind, ist man General oder einfacher Soldat. Überflüssig zu sagen, dass auch Anzug und Krawatte eine Uniform sind. Uniformen sind die Kleider der Machtstrukturen, individuelles Outfit ist die Kleidung der Politik (denn Macht und Politik sind ja nicht dasselbe).

Dieses Thema hat viele interessante Aspekte: Zum Beispiel das Phänomen, dass Schönheit in diesem Sinne schwer zu wiederholen ist: Die Klamotte, mit der ich mich gestern super gefühlt habe, geht heute aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht. Oder dass Schönheit sich auf der Grenze zwischen Individualität und Allgemeinheit abspielt: Weder kann ich, wenn ich schön sein will, einfach das nachmachen, was alle tun (diese ganzen, der Norm perfekt entsprechenden Körper aus den Modejournals sind in diesem Sinne nicht schön, wie ich finde, sondern banal), noch kann ich total aus der aktuellen Mode oder den jeweils herrschenden Sehgewohnheiten ausbrechen. Ich muss dazwischen herumbalancieren. Außerdem ist die Klamotte eine Weise, mich zu den Orten, an die ich aufbreche, und den Menschen, denen ich dort begegne, in Beziehung zu setzen: Je nach Gelegenheit wähle ich etwas anderes. Der Blick in den Spiegel, bevor ich das Haus verlasse, bringt all diese Punkte intuitiv zusammen. Es gibt keine klaren Regeln, an denen ich mich orientieren kann – ich weiß nur, dass es wichtig ist, dass ich „schön“ bin, dass ich das brauche, um mich gut zu fühlen und mein Begehren in die Welt zu tragen.

Mir gefällt es, dass diese kulturelle Praxis mit der #609060- Aktion einen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. Und ich würde mich freuen, wenn wir in diesem Umfeld noch mehr herumexperimentieren, das reflektieren und uns darüber austauschen. Wissend, dass wir gegen dieses bekloppte Norm-Dingens selber nicht gefeit sind und dass wir Gefahr laufen, dass es uns dabei immer wieder in dabei in die Quere kommt.

Nochmal zum Thema Beschneidungsverbot

Diskutierten über das Beschneidungsverbot (v.l.n.r.): Der Mediziner Lothar Schrod, Rabbinerin Elisa Klapheck, Moderator Hermann Düringer, Ünal Kaymakci von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen und Richter Henning Radtke. Foto: Rolf Oeser

Vorgestern abend war ich bei einer Diskussion über das Beschneidungsverbot und habe dabei noch einiges Neue erfahren, das mir bedenkenswert erscheint, und das ich hier noch – ergänzend zu meinem Blogpost von damals – einfach mal ungeordnet aufschreibe.

Interessant fand ich vor allem den Hinweis von Richter Henning Radtke, dass es bei den Grundrechten, die hier gegeneinander abgewogen werden, nicht etwa um Kindeswohl versus Religionsfreiheit der Eltern geht (wie eigentlich ständig überall geschrieben steht, auch heute wieder in der taz – ) sondern um das Erziehungsrecht. Also um § 6 des Grundgesetzes, wo das Recht und die Pflicht der Eltern zur Erziehung ihrer Kinder festgeschrieben ist.

Thema ist also nicht, ob Religionen irgendwelche Sonderrechte bekommen sollen, sondern es geht um die Frage (die eben auch in anderen, nicht-religiösen Kontexten aufkommen kann), in welchen Fällen der Staat in das elterliche Erziehungsrecht quasi hineinregieren darf. Laut Radtke ist diese Grenze ebenfalls klar im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt und liegt da, wo die Menschenwürde des Kindes missachtet wird und das Kindeswohl in Gefahr ist. Nach der bisherigen deutschen Rechtssprechung wird diese Grenze zum Beispiel überschritten bei Schlägen und körperlicher Züchtigung – weil Schläge immer die Würde des Kindes beschädigen, das ist ihr Zweck – oder etwa bei Sterilisationen. Dass eine Beschneidung auch problematische Begleitumstände haben können, sei nicht ausreichend, um hier von einer genenerellen Kindeswohlgefährdung auszugehen, jedenfalls nicht, wenn man die Maßstäbe an dieser Stelle nicht im Vergleich zur bisherigen Rechtssprechung völlig verschieben wolle, meinte Radtke.

Egal wie man dazu stehen mag, so finde ich es doch bedenkenswert, wie sich die öffentliche Debatte beim Stichwort „Religion“ aufgehängt hat, während der Konflikt eigentlich um die Frage geht, wie weit der Staat in elterliche Erziehungsrechte hineinregieren darf oder muss. Als Anarchistin bin ich ja immer skeptisch gegen staatliches Hineinregieren wohin auch immer. Und das auch im Fall der Beschneidung – allerdings eben gerade NICHT aus Gründen der Religionsfreiheit.

Beachtenswert fand ich in dem Zusammenhang auch Radtkes Hinweis darauf, dass die Grundrechte ursprünglich geschaffen wurden, um Menschen gerade vor staatlichen Übergriffen zu schützen, dass sie aber in letzter Zeit zunehmend ins Feld geführt werden, damit der Staat Grundrechte einzelner gegenüber anderen Menschen schützt (wie in diesem Fall ja auch die Rechte des Kindes gegenüber den Eltern). Er hielt das für eine bedenkliche Entwicklung, weil sie natürlich der ursprünglichen Zielrichtung der Grundrechte – eben den Schutz vor zu viel staatlichen Vorgaben gegenüber den Einzelnen – praktisch zuwiderläuft.

Diese Frage nach Grundrechten, staatlicher Regelungskompetenz usw. ist eine höchst interessante und sollte geführt werden, meinetwegen auch am Beispiel der Beschneidung. Es geht hier aber NICHT um das Thema Religionsfreiheit.

Eine zweites interessantes Aha-Erlebnis hatte ich, als aus dem Publikum eine christliche Ärztin ihre Bedenken gegen die Beschneidung von Jungen äußerte und an die Jüdin und den Muslim auf dem Podium die Frage stellte, warum sie sich denn nicht von dieser Praxis verabschieden würden, sie fände dieses Ritual unverständlich.

Die Rabbinerin Elisa Klapheck erwiderte daraufhin: „Sie müssen das ja auch nicht verstehen, es reicht, wenn wir es verstehen.“ In dieser Kontroverse wurde schön anschaulich, wie unterschiedlich die Haltung der beiden Religionen Judentum und Christentum im Bezug auf Mission ist: Das Judentum missioniert nicht – das heißt, die Rabbinerin hat überhaupt kein Interesse daran, uns „Andersgläubige“ vom Sinn der Beschneidung zu überzeugen. Sie ist der Ansicht, das gehe uns schlicht nichts an (solange nicht prinzipielle Grundrechte in Gefahr sind, was sie ja eben bestreitet).

In christlicher Logik hingegen muss alles immer gleich universal gültig sein, ein Glaube, eine Vernunft und so weiter. An diesem Punkt finde ich ja eine auffällig „christliche“ Grundhaltung gerade auch bei den westlich-atheistischen Kritikerinnen und Kritiker der Beschneidung: Wir sind zu der Auffassung gekommen, dass Beschneidung schädlich ist, und deshalb muss das jetzt sofort ein Gesetz werden, denn es kann nur eine Wahrheit geben. Missioniert wird eben immer bei uns im christlichen Abendland, so atheistisch kann man gar nicht sein, dass einem das nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Als feministische Rabbinerin informierte uns Elisa Klapheck auch darüber, dass inzwischen auch innerjüdische Diskussionen um die Beschneidung im Gange sind, die sich vor allem kritisch mit dem Duktus der „Männerbündelei“ beschäftigen, der dieser Praxis unbestreitbar anhaftet, und wie versucht wird, dem entgegenzuwirken. Etwa indem die Mütter und Frauen generell explizit in den Ritus einbezogen werden – sodass man damit nicht mehr die “Überführung” des Kindes aus der mütterliche Verantwortung in einen “männlichen” Kontext sehen kann. Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt.

So weit erstmal.

Achja: Die aktuellen Versuche von Berlin und Baden Württemberg, die Beschneidung aus religiösen Gründen vorläufig erstmal straffrei stellen wollen, sind vom Podium generell als “Schrott” bezeichnet worden, und das sind sie auch. Mich ärgert vor allem die Idee, dass Eltern, die ihre Söhne beschneiden lassen wollen, dafür nachweisen sollen, dass sie es aus religiösen Gründen tun. Auch wieder mal ein Beispiel, wie solche Debatten letztlich orthodox-religiösen Hardlinern in die Hände spielen. Wer außer den offiziellen Imamen und Rabbis soll denn solche Bescheinigungen ausstellen? Wieso will man die ausgerechnet stärken und mit noch mehr Macht über die Gläubigen ausstatten, hallo, geht’s noch?

Kybernetischer Kommunismus oder: Die unerledigten Visionen der Shulamith Firestone

Vergangene Woche starb Shulamith Firestone, eine der wichtigsten Vordenkerinnen der „zweiten Welle“ des Feminismus. Was ist eigentlich ihr Vermächtnis?

1970, da war sie 25, erschien Firestones Buch „The Dialectic of Sex“ (auf Deutsch: „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, erschienen 1975). Darin vertritt sie die These, dass weibliche Freiheit erst möglich sei, wenn weiblicher Körper und Reproduktion, also Schwangerschaft und Kinderkriegen, voneinander getrennt werden: „Der Kern der Unterdrückung der Frau ist ihre Rolle als Gebärerin.“ (S. 71).

Firestones feministische Vision war das, was sie „kybernetischer Kommunismus“ nannte: Eine Welt, in der die Entstehung von Menschen vom weiblichen Körper gelöst ist. Dafür setzte sie große Hoffnungen in die entstehenden Reproduktionstechnologien.

Ihre Aussagen wurden auch damals schon kontrovers diskutiert, und eine große Strömung von Feministinnen stand den Reproduktionstechnologien von Beginn an skeptisch gegenüber. Doch für viele Frauen ihrer Generation waren Firestones Thesen durchaus ein Argument dafür, sich bewusst gegen das Kinderkriegen zu entscheiden.

Ich habe Firestones Buch später, gegen Ende der 1980er gelesen und fand ihre These falsch, aber weniger aus Skepsis gegenüber der Reproduktionstechnologie, sondern eher aus einem argumentationslogischen Motiv heraus: Ich war schon damals der Meinung, es dürfe keine Vorbedingung für weibliche Freiheit sein, dass Frauen sich den Männern angleichen. Und genau das sah ich in ihrem Vorschlag: Auf künstliche Reproduktion zu setzen bedeutete, den männlichen Körper zu imitieren, indem man aus dem weiblichen die Gebärfähigkeit eliminierte.

Heute, einige Jahrzehnte später, stelle ich fest, dass sich Firestones Ideen keineswegs erledigt haben. Auf den ersten Blick scheinen sie zwar noch skurriler zu sein als damals – der Feminismus ist mehr im Mainstream angekommen und nur selten noch so radikal. Doch als ich jetzt aus Anlass ihres Todes noch einmal darüber nachdachte, fiel mir auf, dass Firestone damals hellsichtig den Finger in eine Wunde legte, über die wir uns heute gerne mal hinwegmogeln: die Tatsache nämlich, dass die biologischen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Körpern für das gesellschaftlich-kulturelle Verhältnis von Frauen und Männern durchaus eine enorme Rolle spielen.

Wenn Firestone der Meinung war, solange es diese Unterschiede gibt – solange also Frauen schwanger werden und Kinder gebären und Männer nicht – könne es keine Gleichheit der Geschlechter, keine Freiheit der Frauen geben, bezieht sie sich auf Simone de Beauvoir. Diese hatte ja in „Das andere Geschlecht“ bereits ähnliche Ansichten vertreten: Dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären ist auch für Beauvoir die Wurzel des Patriarchats, weil es sie den Männer gegenüber im Bezug auf eigene, selbst bestimmte Projekte in der Welt (Beauvoir war Existenzialistin) ins Hintertreffen geraten ließ.

Beauvoir riet Frauen deshalb, weniger Tamtam um die Mutterschaft machen und sich mehr auf Erwerbsarbeit und Selbstverwirklichung zu konzentrieren. Aber das war sozusagen nur eine quantitative und keine qualitative Lösung: Es bliebe doch immer ein Rest von Nachteil gegenüber den von Schwangerschaftssorgen unbehelligten Männern übrig.

Firestone dachte Beauvoirs Ansatz radikal zu Ende: Wenn das Gebären wirklich die Wurzel der weiblichen Unterdrückung ist, dann liegt die einzige Lösung darin, dass Frauen überhaupt nicht mehr schwanger werden.

Und heute? Heute wird das Thema Schwangerschaft und Geburt im Feminismus gerne weiträumig umschifft. Über biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu sprechen, ist fast schon ein Tabu geworden.

Was das Kinderthema betrifft, so konzentrieren wir uns fast nur noch auf den Zeitraum nach der Geburt. Ab da können nämlich Frauen und Männer gleichermaßen Verantwortung übernehmen – so jedenfalls die Theorie, deren Umsetzung in die Realität jedoch noch reichlich zu wünschen übrig lässt. Die neun Monate zwischen Empfängnis und Gebären hingegen werden ausgeblendet. So als würde es überhaupt keinen Unterschied machen, ob jemand „Eltern“ wird durch einmaliges Vögeln oder (bei engagierten Vätern, lesbischen Co-Müttern, schwulen Eltern) einen sozialen Akt der Verantwortungsübernahme – oder eben durch neunmonatelanges Schwangersein und anschließendes Gebären.

Und schließlich: Können nicht auch Männer Gebärmütter haben? Ja, klar. Aber es geht hier nicht um Definitionen von Mannsein und Frausein. Es geht darum, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Und dass das einen Unterschied macht, der politisch, sozial und kulturell von Bedeutung ist. Einen Unterschied, der eng mit Konzeptionen von Weiblichkeit und Männlichkeit verknüpft ist. Uns das in äußerster Radikalität vor Augen zu führen, ist das bleibende Vermächtnis von Shulamith Firestone.

Von welcher Bedeutung, das steht allerdings nicht fest. Ich teile die Bedeutung, die Firestone diesem Unterschied gibt, nicht: Ich bin nicht der Ansicht, dass Menschen, die schwanger werden (können), anderen gegenüber notwendigerweise im Nachteil sein müssen. Sie sind es nur unter patriarchal infizierten Bedingungen.

Und das Patriarchat ist das Problem, nicht das Schwangerwerden. Ich glaube, dass eine Gesellschaft auch so organisiert sein kann, dass Schwangersein und Kindergebären kein prinzipielles Handicap darstellt. Ich kann mir eine postpatriarchale Kultur vorstellen, in der Abhängigkeiten und Zugehörigkeiten nicht als Einschränkungen der Freiheit gelten, sondern als deren Vorbedingung – und dann würde Mutterwerden kein Nachteil mehr sein. Das Verhältnis des ungeborenen Kindes zu der Frau, in deren Leib es heranwächst, ist ja nichts anderes als eine besonders krasse Form von Abhängigkeit und Zugehörigkeit.

Aber ich gebe Firestone ganz Recht: Wir müssen uns diesem Thema aktiv widmen. Der biologische Aspekt des menschlichen Lebens, das Schwangersein, das Gebären und das Geborenwerden gehören wieder ins Zentrum feministischer, geschlechterpolitischer Überlegungen zurückgeholt.