Aus Liebe zum Klischee

Klischees im Postkartenformat

Es ist so eine Sache mit den Klischees. Einerseits finde ich sie doof, speziell – aber nicht nur – wenn es sich um Klischees über Frauen und Männer handelt. Andererseits muss ich doch immer wieder über solche dumme Sprüche lachen, auch heute morgen, als ich in der Freiburger Fußgängerzone an diesem netten Postkartenständer vorbeikam.

Warum halten sich, allen Genderstudien und Gleichberechtigungs-Beteuerungen zum Trotz, gerade im Bezug auf die Unterschiede der Geschlechter all diese Stereotypen? (fragte ich mich, nicht zum ersten Mal).

Ich glaube, das liegt daran, dass wir als Gesellschaft noch immer keinen wirklichen Weg gefunden haben, über die Geschlechterdifferenz politisch zu verhandeln. Stattdessen behandeln wir die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wie einen Untersuchungsgegenstand, der erklärt und erforscht werden muss. Da tummeln sich dann auf der einen Seite die Hirn-, Evolutions- und Genforscher_innen, die in ihren Labors nach wissenschaftlichen Ursachen forschen. Auf der Gegenseite stehen die Dekonstruktivist_innen, die, meist mit kultur- und sprachwissenschaftlichem Instrumentarium, den Nachweis führen, dass die Geschlechterdifferenz gar keinen natürlichen Grund hat, sondern konstruiert und „gemacht“ ist. Die Debatte ist im Prinzip schon ungefähr ein paar Jahrhunderte alt und dreht sich aus meiner Sicht weitgehend im Kreis.

Mein Vorschlag wäre, das Pferd einmal vom anderen Ende her aufzuzäumen und das Mann-Frau-Ding nicht als wissenschaftliches, sondern ernsthaft als politisches Thema zu sehen. Denn dafür ist es erst einmal völlig unerheblich, woher die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kommen. Fakt ist: Sie sind da, in einer konkreten Situation, und verursachen dort Konflikte, die zu bearbeiten sind.

Nehmen wir als Beispiel mal wieder den Dauerbrenner Kinderbetreuung. Fakt ist, dass Frauen und Männer derzeit im Schnitt sehr unterschiedliche Entscheidungen treffen bezüglich der Frage, wie viel Zeit sie aufwenden und wie viel berufliche Kompromisse sie eingehen, wenn sie Kinder haben. Geht man das Thema bloß wissenschaftlich an, sagen die einen, Frauen hätten eben ein Muttergen oder irgendetwas dergleichen, die anderen halten dagegen, das Kinderversorgen werde den Frauen eben an- und den Männern abtrainiert. Auf diese Weise wird der politische Konflikt dahinter verschleiert, der darin besteht, dass unsere Gesellschaft und Ökonomie momentan so eingerichtet sind, dass die im Schnitt „männlichere“ Art den betreffenden Personen (die auch Frauen sein können, es aber seltener sind) große finanzielle und auch sonstige Vorteile einbringt, während die „weibliche Art“ (die auch Männer haben können, wenn das auch seltener der Fall ist) Nachteile einbringt. Diese Tatsache besteht vollkommen unabhängig davon, welche Ursache die statistisch unterschiedlichen Präferenzen von Frauen und Männern haben. Die Geschlechterdifferenz ist hier – und meine These ist: in vielen anderen Fällen auch – nicht selber das Problem, sondern sie zeigt ein Problem an: Dass Menschen, die Kinder versorgen, bei uns benachteiligt werden. Und die politische Frage ist: Wollen wir das?

Ein anderes derzeit häufig diskutiertes Beispiel ist die Frage nach Karrierechancen von Frauen und Männern und ihr Unterthema „ungleiche Bezahlung“. Da sagen die einen – auch das skizziere ich natürlich verkürzt – Frauen seien im Prinzip selber schuld, weil sie nicht aggressiv genug verhandeln, nicht selbstbewusst genug auftreten und so weiter. Die anderen hingegen weisen darauf hin, dass die Strukturen immer noch ungerecht sind, dass Frauen immer noch diskriminiert werden, dass es „die gläserne Decke“ gibt und so weiter.

Aber auch hier gilt: Um das Thema politisch zu verhandeln ist es zunächst einmal völlig egal, warum Frauen und Männer sich, in Bewerbungsgesprächen und Gehaltsverhandlungen zum Beispiel, im Durchschnitt unterschiedlich verhalten, Fakt ist, dass sie es tun, und dass daraus eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit entsteht. Und wiederum ist nicht die Geschlechterdifferenz selber das Problem, sie ist nur ein Indikator, der uns als Gesellschaft auf ein Thema hinweist, das diskutiert gehört: Wollen wir, dass es immer die Lautesten, Angeberischsten und Dreistesten sind, die den Schnitt machen?

Das Lachen über die Klischees, um zum Anfangsgedanken zurückzukommen, ist daher zweischneidig. Einerseits ist es billig und banal und natürlich falsch: Es stimmt nicht, dass „die Frauen so“ und „die Männer so“ sind. Andererseits aber erinnern uns solche dummen Sprüche daran, dass da auf dem Grunde unserer emanzipierten Gesellschaft ein Gespenst umgeht, das wir geflissentlich versuchen wegzuerklären, das aber wie ein ungebetener Gast immer wieder hartnäckig an unsere Türen klopft. Ganz nach dem Motto: „Eigentlich müsste man was unternehmen“. Genau. Müsste man.

5 Gedanken zu „Aus Liebe zum Klischee

  1. Ja, eigentlich müßte man was unternehmen, anstatt immer wieder nur darüber zu reden, zu schreiben und wie der Papst die Welt dazu auffordern, doch endlich besser zu werden. Nur was müßte man denn unternehmen?

    Solange ein Erzieher, der im Kindergarten die Verantwortung für die Erwachsenen der Zukunft trägt, schlechter bezahlt wird als eine Investmentbankerin, die mit dem Geld anderer Leute zockt, werden sich die von Dir geschilderten Zustände kaum ändern.

  2. Recht hast du. Wissenschaftlicher und politischer Feminismus sind nicht das gleiche. Aber ich denke doch, dass es beider bedarf. Der zweite Teil deiner Argumentation ist für mich absolut überzeugend, ich frage mich aber, ob Vertreter der ersten (biologistischen) Art von Geschlechterforschung bereit sind, diese Form der Abstraktion zu leisten. Denn dort wird Geschlecht nicht nur als biologisch gegeben angesehen, sondern auch argumentiert, dass soziale Ausprägungen der Geschlechterdifferenz eben ’natürlich‘ seien und deshalb nicht verändert werden brauchen. Geschlecht dient auf diese Weise als Erklärung für die Ungleichheiten, eine Durchbrechung ist nicht mehr angedacht. Deshalb braucht es feministische Wissenschaften, dabei darf es aber nicht belassen werden. Politische Einflussnahme muss das eigentliche Ziel sein, nach dem wir (als Feministinnen) streben.

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