Beerdigung eines Buches

Foto: Misha - Fotolia.com

Seit einigen Jahren habe ich vor, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Genauer: Über den Zusammenhang zwischen Freiheit und Liebe. Seit ich diese Idee hatte, redete ich viel darüber, und inzwischen werde ich von allen möglichen Leuten immer öfter gefragt, was denn eigentlich mein Buch macht. Ich hätte doch schon so viel Interessantes über das Thema erzählt. Wann ich das denn endlich mal aufschreiben würde.

Manchmal weht dabei ganz seicht auch eine Kritik mit, die in etwa lautet: Ich vernachlässige sicherlich mein Buchprojekt, weil ich mich zu viel im Internet herumtreibe. Ich zerfasele mich zwischen hunderten kleinen Blogposts und Twitter-Debatten, anstatt mich mal am Stück hinzusetzen und ein ordentliches Buch zu produzieren.

Ja, und natürlich ist das irgendwie auch so. Und irgendwann klopfte bei jeder interessierten Nachfrage ein kleines Teufelchen namens schlechtes Gewissen an. Wie weit ich denn nun sei?

Jetzt habe ich kapituliert und gebe zu, was viele schon vermuteten: Ich schreibe vermutlich kein Buch mehr. Ich bin nämlich kein Fan von Disziplin. Ich denke mir, es wird schon irgendeinen Grund haben, dass ich in dieser Hinsicht so lustlos bin. Es war noch nie mein Ding, pflichtgemäß Sachen abzuarbeiten, wovon ich glaube, dass ich sie tun „muss“. Mit Sachen, bei denen „Strom drauf“ ist, bin ich meist effektiver (das Begehren!)

Seit ich mir diesen Gedanken erlaubt habe, hat er viele Kinder gekriegt. Zum Beispiel ist mir klar geworden, dass ich zwar nichts über das Liebesthema geschrieben habe, dass ich aber dennoch dazu geforscht habe. Neulich habe ich mal alle meine gesammelten Ideen und Notizen ausgedruckt, und herausgekommen sind stattliche 200 Seiten. Man kann also nicht sagen, dass ich in der Sache vollkommen untätig war.

Nein, das Thema interessiert mich weiterhin sehr, und offenbar hat mich das Internet nicht davon abgehalten, konzentriert an dem zu forschen, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Lustlosigkeit bezieht sich nicht darauf, über den Zusammenhang von Freiheit und Liebe gründlich nachzudenken und Sachen darüber zu lesen und zu sammeln, sondern sie bezieht sich darauf, das Ergebnis all diesen Tuns zu einem Buch zu verarbeiten.

Vielleicht sind Bücher ja einfach nicht mehr ein zeitgemäßes Medium (zumindest Sachbücher, für Romane sehe ich weiterhin Bedarf). Man schreibt und schreibt vor sich hin und präsentiert am Ende ein fertiges Werk. Das wird dann gedruckt und ist fixiert für alle Ewigkeit.

Diese Art, eigene Ideen und Forschungsergebnisse anderen zur Verfügung zu stellen, also zu publizieren, ist doch eigentlich bloß eine Mangelverwaltung. Notgedrungen machte man das früher so, weil es ja gar keine anderen Publikationsmöglichkeiten gab. Man sammelte Kapitel für Kapitel an, um an einer bestimmten Stelle willkürlich zu sagen: Jetzt ist Schluss, jetzt ist das Buch fertig. (Wie viele Bücher sind übrigens nicht geschrieben worden, weil die Leute diesen Schnitt nicht machen wollten, in der ja völlig zutreffenden Annahme, dass sie niemals an dem Punkt ankommen, das Thema erschöpfend behandelt zu haben!).

Das Herumtreiben im Internet hat mich jedenfalls nicht nur vom Buchschreiben abgehalten, es hat auch dazu geführt, dass ich inzwischen einfach ganz andere Formen des Denkens und Publizierens gewohnt bin. Ich bin anspruchsvoller geworden. Es kommt mir komisch vor, wenn ich auf einen Text, den ich schreibe, nicht sofort eine Rückmeldung bekomme. Ich fühle mich bei dem Gedanken unwohl, dass ich da etwas hinschreiben und drucken lassen soll, ohne dass andere vorher die Möglichkeit hatten, Ergänzungen vornehmen, Einwände vorzubringen, mich auf Fehler hinzuweisen. Ich glaube, das (und nicht Faulheit oder Internetsucht) ist der eigentliche Grund, warum ich mich nicht ans Buchschreiben gemacht habe.

Deshalb habe ich mein Liebe-Projekt jetzt in einen eigenen Blog geschoben. All die vielen Ideen und Sachen, die ich darüber gesammelt habe, bekommen dort nach und nach ein Zuhause. Momentan stelle ich mir vor, dass das organisch wächst, dass die verschiedenen Aspekte sich im Lauf der Zeit verbinden und neue Erkenntnisse zutage befördern. Wer weiß, vielleicht kann man das am Ende ja sogar auch noch ordentlich ausdrucken.

Ob das dieselbe Ernsthaftigkeit und „Forschungstiefe“ erreicht, wie ein „richtiges Buch“? Oder ob es mich faul macht und schlampig macht, meine die Gedanken kurzlebig und oberflächlich? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich will es mal ausprobieren.

http://liebe.antjeschrupp.de


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20 Gedanken zu „Beerdigung eines Buches

  1. Sachbücher haben heute mehr denn je nicht mehr die Funktion von Wissensvermittlung sondern dienen als Eintritt in den Diskurs. Leute, die ein Buch geschrieben haben, kann man bedenkenlos auf irgendwelche Podien setzen ohne dass jemand nachfragt warum dass denn jetzt genau die sein muss. Gelesen haben muss das dafür niemand. So sehen die Bücher auch heute aus: Im Prinzip meistens aufgeblasene Blogposts mit einer Kernthese. „Das Blog war besser als das Buch“ ist das neue „das Buch war besser als der Film“.

  2. Ich denke, das machst du richtig. Ich werde wohl auch kein Buch mehr schreiben. Denn bei meinem letzten, dem über unser pietistisches Erbe, hat mich eigentlich auch hauptsächlich das Forschen interessiert. Und dann war dieser Druck da, das jetzt schreiben zu müssen, zumindest für die, denen ich es quasi versprochen hatte. Das hat mich dann zweimal Sommerferien und das Jahr dazwischen gekostet, eine lange Zeit, in der ich nicht frei war für Projekte, auf die ich mehr Lust hatte. Und so wie’s jetzt aussieht, auch noch ziemlich umsonst, da das Buch viel zu wenig gekauft wird, so dass ich wahrscheinlich auch noch finanziell draufzahle. Jedenfalls bin ich gespannt, ob ein thematischer Blog eine gute Alternative ist!

  3. Du sprichst mir aus der Seele! Ich hab‘ schon einige Buchvorhaben „beerdigt“ – und jetzt hab‘ ich sieben Blogs, aber bei weitem nicht die Zeit, allen Themen gleichermaßen gerecht zu werden…

    Man bräuchte mehrere Leben, gleichzeitig! 🙂

  4. Ich lese immer noch gerne Bücher, auch und gerade Sachbücher, allerdings nicht die, in denen jemand seine Meinung auf 200 Seiten aufbläst, sondern die, in denen tatsächlich Forschung steckt. Blogs lese ich nur ein paar wenige. Sie sind mehr wie Zeitungen, und ersetzen keine Bücher.

  5. Hallo Antje
    warum nachst Du aus dem Thenma Liebe nicht einen neuen Blog? Gesammelt Daten hst Du genug und Rückmeldungen bekommst Du sicher auch. Einen Liebes Blog wäre ein fast Bodenloses Thema und an Einfällen würde es Dir nicht mangeln. Das Buch kannst Du dann rgendwann immer noch schreiben, respektive, zusammenstellen. Die Daten dazu hättest Du dann schon und an ein Podiumgespräch, wirst Du von selbst eingeladen.
    Lass den Kopf nicht hängen, nach jedem sterben folgt eine Geburt. Nur mut, das kommt schon.

    Liebe Grüsse Zentao
    PS: Ich lese dann ganz sicher auch in Deinem neuen Liebes-Blog

  6. Aus meiner Sicht ist es vernünftig, vom Buchprojekt abzusehen.
    In einem Buch steht dann schwarz auf Weiß etwas Festgezurrtes, das man (vielleicht) schon ein paar Jahre später ganz anders hinschreiben würde. Außerdem würde ich mich schwertun, über DIE LIEBE ganz allgemein zu schreiben. Wer wäre ich denn, solches zu tun? Ich könnte bestenfalls über MEIN Verhältnis zur Liebe und Freiheit sprechen, über den Stand meines Verständnisses und meines Erlebens.

  7. Du machst mir Angst. Denn ich will eigentlich ja ein Buch schreiben. Naja, „will“ ist so eine Sache. Ich müsste es machen, wenn ich meinen Diskurs irgendwie über die Grenzen dieses Internetsdingses in eine allgemeinere Aufmerksamkeit heben will.

    Aber ich mache mir natürlich die selben Gedanken wie du und ich bin selber ja auch nicht so der Disziplinmensch und … ach.

    Aber ich lese gerade What Technology wants von Kevin Kelly und bei ihm war das so, dass er seine Gedanken, Beispiele und Fragmente zu dem Thema schon seit 2003 oder so in einem Blog sammelte. Irgendwann hat er dass dann einfach zusammenfassend in einem Buch komprimiert.

    Aber auf lange Sicht, hast du schon recht, ist das Buch nicht der Weg. Aber das muss man den Leuten da draußen ja auch erstmal sagen.

    Jedenfalls viel Erfolg mit dem Liebeblog.

  8. Ich weiß nicht, ob Bücher tatsächlich lediglich eine Magelverwaltung sind. Mir scheint auch entscheidend zu sein, dass Bücher – anders als Hypertext – lineare Erzählungen ermöglichen. Das mag für viele Sachbücher weniger wichtig sein als für Romane.

  9. Oje, diese Argumentation ist für mich so einleuchtend und nachvollziehbar, dass ich wohl nun auch weiß, warum ich wohl lieber doch kein Buch schreibe und insgeheim auch ganz froh bin, dass aus dem Verlagsprojekt nichts wurde, für das man mich anfragte…

  10. Nein, ich glaube eher, daß du das Thema dadurch vertiefst, u.a., weil du es weiter diskutierst und immer neue Standpunkte dazu kommen. Gute Idee.

  11. Fast hätte ich gbrüllt: Nein, Sie haben nicht recht! Bücher wird es immer geben, Blogs und Bücher ergänzen einander! Und dann habe ich einmal tief Luft geholt und mir überlegt: Was ist ein (Sach-)Buch eigentlich? Ein Diskussionsbeitrag. Der (auf eine durchaus umweltschädliche und ressourcenverschlingende Weise) fixiert ist. Und auf den ein weiterer Diskussionsbeitrag folgt, ebenfalls in Buchform, ebenfalls umweltschädlich. Und so immer weiter, immer so träge … Und plötzlich denke ich, dass ich Sachbücher tatsächlich nicht vermissen werde. Denn es geht ja eigentlich um die Diskussion als Ganzes, nicht um die einzelnen Beiträge – und die Diskussion wird es weiter geben, hoffentlich.

    Und nebenbei: ein Liebesblog, schön! (Schon alleine wegen der URL.)

  12. Ich habe mir schon vor einiger Zeit mühsam eingestanden, daß ich wirklich selten Sachbücher durchlese, auch wenn ihr Thema mich interessiert. Die meisten stapele ich auf dem Klo und lese immer mal wieder ein Kapitel.
    Unabhängig davon, was das für die Welt bedeutet (stirbt DAS BUCH jetzt aus?!) und was es für dich als Autorin für Vor- und Nachteile hat (Flexibilität vs. Ruhm und Ehre?): Wenn ich ehrlich bin, ist die Chance, daß ich alles, was Du zu dem Thema Liebe schreibst, begeistert lesen werde, wahrscheinlich größer durch das neue Blog. Und dank flattr ja auch honorierbar. Ich freu mich drauf.

  13. Hallo,

    am Tag erscheinen 1500 neue Bücher weltweit und die stehen dann wirklich fest, schwarz auf weiß. Man hat somit die Möglichkeit auf gedruckten Tatsachen zu debattieren und kann sich so weiterentwickeln. Zudem kommt es nur äußerst selten vor, dass ein Buch „ungeprüft“ gedruckt wird und seinen Weg in eine breite Öffentlichkeit findet.
    Trotzdem bevorzuge ich das Buch zum Lesen, auch wenn ich selbst ein Blogger bin. Die direkte Kritik eines Blogs ist wirklich nett, aber man hätte ja auch ein Ebook schreiben könnnen 😉

    Gruß

    AMUNO

  14. Der Tod der Bücher ist ja schon oft ausgerufen wurden. Als das Fernsehen kam, als das Internet kam, als die erste SNES kam etc.
    Aussterben werden sie nie. Aber sie müssen sich wandeln. Und imho mit dem Internet. Der Vorteil an Büchern ist eben, dass sie zusammenfassen. Informationen im Netz müssen erst selbst aussortiert und geordnet werden. Wenn nur ein Buch im Regal steht, dann hat sich das erledigt *g*

    Wenn du dich mit einem Blog zum Thema wohler fühlst, dann war die Beerdigung des Buchprojektes wohl das richtige für dich. Denn so wie ich das verstanden habe, geht es dir um den Austausch der Gedanken, um das kreisen lassen, das annehmen von interessanten Aspekten und wiederverarbeiten. Um die Rückmeldung und Reaktion.
    Das hast du mit einem Buch nicht oder nur sehr zeitverzögert und strukturiert (in Lesungen, die orts- und zeitabhängig sind). Das liest sich mehr nach werden, denn nach festhalten.

    Werden findet in vielen Fällen heute in Blogs statt.
    Dein neues werde ich mit Sicherheit verfolgen! Freu mich schon drauf.

  15. Pingback: Glanzlichter 63 « … Kaffee bei mir?

  16. Für mich besteht der Reiz eines Buches auch darin es zu besitzen.
    Häufig steht es nach der Lektüre einfach Jahre lang im Regal und wird nicht angerührt, bis ich spontan danach greife weil ich irgendetwas daraus noch einmal genau nachschlagen kann.
    Natürlich könnte ich auch einfach online gehen und nach dem entsprechenden Blog suchen, aber dennoch bleibt der reiz des durchblätterns bei dem man noch andere Themen findet und durchliest, während man beim Internet in Versuchung ist die ganze Arbeit der Suchfunktion zu überlassen. Außerdem weiß man als Leser nie, ob der Blog noch existiert, das Buch dagegen bleibt im Regal und verschwindet nicht einfach so.
    Ich finde es gut, dass dein Projekt nun eine Heimat in einem eigenen Blog bekommen hat. Ich würde das als einen Schritt auf eine neue Ebene sehen und weniger als eine Beerdigung deines Buches.
    Dir mag die Sicherheit fehlen ob es jemals zu einem Buch kommt, aber ich hoffe die Hoffnung existiert weiter.

  17. Allgemeine Aussagen darüber welche Medienform besser ist als die andere sind mit Vorsicht zu genießen – jedes Medium hat seine Vor- und Nachteile, sowohl für die Leser als auch für die Autoren. Das Medium Buch hat offensichtlich für dich als Autor nicht mehr gepasst – über das Medium Buch sagt das aber weniger aus als darüber, wie du dich mit dem Thema auseinandersetzt und was du eigentlich willst.

    Ich lese noch immer gerne gute Sachbücher, wenn sie gut erzählt und informativ sind. Der von Dir genannte Aspekt des Forschens deckt nur die eine Seite ab und der Aspekt des Schreibens trifft das gute Erzählen nicht ganz. Es geht zumindest nicht um Umfang, sondern darum, den Leser mit einem ganzen Gedankengebäude zu fesseln, so dass er sich gerne dort hinein begibt, die Räume erforscht und am Ende bereichert herauskommt. Im Hypertext geschieht dies ohne Plan und Führer, während ein Buch eher einen oder mehrere rote Fäden bieten kann. Das eine Medium läd mehr zum Entdecken ein, während das andere eher sicherstellen kann, dass der Besucher nicht ein zu einseitiges Bild des Gebäudes bekommt. Soweit mein kleines Gedankengebäude.

    P.S: Um auf die Podien zu kommen, bedarf es keiner Bücher sondern die Aura eines Experten. Um sich eine solche Aura anzueignen sind Bücher nur ein möglicher Weg. Ohne Publikationen wird es jedoch schwierig. Also erst überlegen, auf welche Podien (d.h. welche Menschen erreichen) wir möchten und dann die Publikationsformen entsprechend ausrichten. Oder einfach Machen und die Augen offen halten.

  18. Naja.
    Es braucht Disziplin, um etwas auf den Punkt zu bringen.
    Wenn Disziplin aber nicht dem eigenen Wesen entspricht und auch nicht als attraktives Ziel erscheint, gehört ein Buch zu schreiben sicher nicht zu den bevorzugten Tätigkeiten. Es liegt halt nicht jedem.
    Dem Buch deshalb seine Vorzüge absprechen zu wollen, finde ich allerdings zu weit gegriffen.

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