Muslimische Frauenvereine in Deutschland

In der öffentlichen Debatte über „den Islam“ kommen normalerweise zwei Gruppen zu Wort: Religiös konservative Männer, vorwiegend die Vorsitzenden der organisierten muslimischen Dachverbände, und säkulare, religionskritische Frauen, vorwiegend Vertreterinnen der These, dass der der Islam mit der weiblichen Freiheit prinzipiell unvereinbar sei.

Gut also, dass sich mal jemand einer anderen Gruppe zuwendet: nämlich den politisch liberalen und gleichzeitig religösen Frauenverbänden. In seiner empirisch-soziologischen Studie interviewt Markus Gamper Mitglieder aus vier muslimischen Frauenverbänden: Dem „Zentrum für Islamische Frauenforschung“ in Köln, dem Netzwerk für muslimische Frauen HUDA, dem Bildungs- und Freizeitzentrum für muslimische Frauen IMAN in Darmstadt, und einem weiteren Verein, der nicht namentlich genannt sein wollte.

Die Ergebnisse sind nicht wirklich überraschend: Die Frauen kritisieren sowohl den patriarchalen und national-konservativen Mainstream in vielen Moscheegemeinden als auch den anti-islamischen Tenor in der deutschen Berichterstattung, haben emanzipatorische Grundhaltungen, schildern teilweise erschreckende Diskriminierungserfahrungen, klagen über einen zunehmenden Assimilierungsdruck. Interessant zu lesen ist das dennoch, vor allem wegen der langen transkribierten Originalzitate aus den Interviews.

Unterm Strich würde ich aber sagen, dass diese soziologische Herangehensweise dem Thema nicht wirklich angemessen ist. Dass die Interview letztlich in Form eines Fragebogenrasters in ein vorgegebenes Interpretationsschema gepresst wurden, macht die Lektüre langweilig und die Ergebnisse teilweise banal. Interessanter wäre es, wenn sich jemand mal ideengeschichtlich mit diesen Positionen auseinander gesetzt hätte: Welche neuen Argumentationsmuster in der Debatte würden sich zeigen, wenn man die Einschätzungen dieser Gruppe von Frauen ernst nehmen würde? Welche Konfliktlinien ergeben sich innerhalb der liberal-muslimischen Frauenbewegung?

Die Antworten auf solche Fragen muss sich die Leserin implizit aus den Antworten selbst erschließen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema steht daher leider immer noch aus.

Markus Gamper: Islamischer Feminismus in Deutschland? Religiosität, Identität und Gender in muslimischen Frauenvereinen. Transcript, Bielefeld 2011, 29,80 Euro.


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9 Gedanken zu „Muslimische Frauenvereine in Deutschland

  1. Mein Gedanke, als ich las, dass du diese Studie kritisierst, war vor allem: Eine soziologische Studie sieht Menschen als Forschungsobjekte, nicht als Diskussionspartnerinnen, mit deren Ideen man sich auseinandersetzen muss. Vielleicht ist das das Problem. (Und ein Problem, das ich schon seit langem mit solcher Forschung habe, wobei ich aber mit der Zeit moderater geworden bin.)

  2. Was den Assimilierungsdruck angeht: Die Kehrseite ist der Druck, sich nicht zu assimilieren, und den übt Erdogan aus. Das kann er über Imame tun, die aus der Türkei entsandt sind. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Ditib

    Alevitinnen und Aleviten sind übrigens auch säkular und doch religiös. Von denen hört man auch nicht viel, wenn man nicht gerade die „Welt“ liest.

  3. (Entweder ist Dein WordPress etwas zerstreut oder ich. Ich habe gestern hier „danke für den Interview-Link o.ä. reingeschrieben.)

  4. Ich bin in einem dieser erwähnten Frauenvereine (ZIF) e als Forscherin tätig und habe u.a. zu Sure 4:34 des Korans „… und wenn sie sich widersetzen, dann… schlagt sie“ geforscht (Bestellung bei Zif oder über meine mail) unmittelbar. Die Frage bzw. Irritation ist: Was kann ich einem als heiligen wortwörtlichen Offenbarungstext verstandenen Text zumuten (bzw. muss von ihm erwarten dürfen) um den in ihm eingeschlossenen Geist auf heute zu transferieren. Es geht.. es ging schon immer, aber leider: die einen kennen die Methodik nicht und die anderen können es sich nicht vorstellen. Gott redet mit Menschen auf einer für Menschen verstehbaren Ebene, Dieses „Wort Gottes kann man nicht mit Gott verwechslen…. wenn man seine Botschaft ernst nehmen will. Die Tragik ist: Gerade diejenigen die vorgeben den Text bewahren zu wollen geben ihn unbeabsichtigterweise auf, in dem sie ihn konservieren.
    Luise

  5. @Luise – schön, dass du meinen Blog gefunden hast! Wir waren vor zwei Jahren mal in Frankfurt bei einer Podiumsdiskussion in der Ev. Stadtakademie, erinnerst du dich? Du sprachst über Aischa, ich über Maria Magdalena 🙂

  6. Ja liebe Antje, ich erinnere mich sehr gut, es war ein schöner Abend..
    Schön wäre auch, wenn wir uns mal wieder sehen.
    Ich arbeite zur Zeit an einer pädgogisch-didaktischen Korantextbearbeitung (demnächst soll ja RU für Muslime nach 20 Jahren Diskussion in die Schule kommen). Zeitgleich fängt dann die Theologie an den Universitäten an. Dazwischen werden 10 Jahre Niemandsland liegen, in denen teilweise hilflose LehrerInnen ihr Glück versuchen. Wenigstens sollten sie dann einiges an Material vorfinden.
    Alles Gute für Deine Arbeit
    Luise

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