Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt?

Barbara Vinken, Barbara Streidl und ich (von links) bei der Diskussion in München. Foto: Ingrid Arnold

Am Mittwoch fand im Münchener Gasteig eine von Frauenstudien e.V. veranstaltete Diskussion zum Thema Mutterbilder zwischen Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Die deutsche Mutter“) und mir statt, die Barbara Streidl toll moderiert hat. Ingrid Arnold hat im Blog des Journalistinnenbundes schon was darüber geschrieben.

Ich glaube, es war eine ganz gute Diskussion, weil wir zwar in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung waren, aber nicht im Sinne eines plattitüdigen Pro und Contra, wo man die Argumente der anderen immer schon vorher kennt.

Von vornherein bestand zwischen uns und dem Publikum Einigkeit in den offensichtlichen Essentials: Wir brauche flächendeckende gute öffentliche Kinder- und Babybetreuung, keine finanzielle Förderung der patriarchalen Versorgerehe, also Abschaffung des Ehegattensplittings.

Gegenseitige Zustimmung zwischen Vinken und mir gab es auch bei unseren jeweiligen wesentlichen Anliegen: Bei ihr die Kritik an dem spezifisch deutschen „Müttermythos“, also der Vorstellung, Mütter müssten zum Wohl der Kinder die Hauptbetreuungsarbeit übernehmen, der prinzipiellen Skepsis gegenüber öffentlicher Kinderbetreuung und damit die tendenzielle Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit. Bei mir die Betonung, dass das Neudenken von Mutterschaft in einen größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext gehört, bei dem auch die Erwerbsarbeit und die Verteilung von Einkommen neu organisiert werden muss.

Uneinigkeit bestand aber in dem Weg dahin. Ich sehe nämlich in der Entscheidung vieler Frauen (nicht nur, aber vor allem Mütter) für Teilzeitarbeit nicht nur Ausdruck von „Müttermythos“, sondern auch eine größere Distanziertheit gegenüber dem „Erwerbsarbeitsmythos“ und glaube, dass man daraus einen Hebel für gesellschaftliche Veränderungen machen kann – indem etwa auch Männer Geschmack an Teilzeitarbeit finden können oder indem Frauen in ihren Berufen bestimmte Ansprüche an Vereinbarkeit stellen – mehr Flexibilität, weniger Anwesenheitsfetischismus etc. – um die Vereinbarkeit beiderer Tätigkeitsbereich zu verbessern. Barbara Vinken widersprach dem vehement, weil sie der Ansicht ist, damit würde nur die Fixierung auf bestimmte Mütterbilder erhalten. Die notwendigen Veränderungen müssten nicht von den Frauen vorangetrieben werden, sondern von Männern oder der Politik.

Interessant fand ich noch, dass ich Barbara Vinken, die sich mit der Situation in Frankreich gut auskennt, nach einer Vermutung fragen konnte, die ich schon länger habe. Etwas scherzhaft sage ich nämlich manchmal, dass die Kinderbetreuung in Frankreich nur deshalb so gut ist, weil die Männer befürchten, wenn es keine Krippenplätze gäbe, müssten sie am Ende selber mit anpacken. In der Tat bestätigte Vinken, dass die Versorgung von Kindern in Frankreich ganz eindeutig Aufgabe der Mütter und nicht der Väter ist.

Dies ist nun ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland, wo viele eine bessere Verteilung von Fürsorgearbeit auf beide Geschlechter anstreben. Ich denke, beides hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil in Frankreich ist sicher, neben der größeren Dringlichkeit, für eine öffentliche Infrastruktur zu sorgen, dass väterrechtliche Polemiken dort nicht so stark werden können.

Allerdings finde ich unter’m Strich hier den deutschen Weg doch besser, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen. Sondern weil ich glaube, dass ein volkswirtschaftliches Umdenken leichter vonstatten gehen kann, wenn auch zunehmend Männer persönliche Erfahrungen mit Care- und Fürsorgearbeit haben.

PS: Passend zum Thema auch dieser Kommentar von Barbara Dribbusch in der heutigen taz. Man muss doch nicht alles in die Phase zwischen 30 und 40 packen!

Update: Bei Frau Lila gibt es jetzt auch den Audiomitschnitt der Diskussion zum Download“

12 Gedanken zu „Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt?

  1. Das klingt nach einer spannenden Diskussion! Ich kenne und schätze das Buch von Barbara Vinken.

    Als Zweifachmutter sehe ich in der Zeit des Mutterwerdens mittlerweile die Chance, sich (beruflich) noch mal neu auszurichten. Ich denke, Mütter – und hoffentlich auch immer mehr Väter – haben eine doppelte Chance und nicht nur eine Doppelbelastung.

    Und ja, ich finde auch, dass es – nicht zuletzt auf Grund der heutigen Technik – an der Zeit ist, am „Erwerbsarbeitsmythos“ zu kratzen. Denn wer bitte hat eigentlich festgelegt, dass JEDE ordentliche Karriere nur mit einem klassischen 9-to-5-Job funktioniert?

    Es ist möglich, aber sehr schwierig, Kinder und zwei gleichwertige klassische Karrieren unter einen Hut zu bringen. Denn die unzureichende Kinderbetreuung ist die eine Sache, die andere sind die unzähligen Ausnahmesituationen. Was ist z. B. wenn ein Kind häufig krank ist? Was ist, wenn ein Kind sehr schlecht schläft? Was ist, wenn sechs Wochen Sommerferien vor der Tür stehen? Und, und, und…

    Mein erster Sohn war ein Frühchen. Während seiner ersten drei Lebensmonate brauchte er Nahrung im Zweistundentakt und zwar Tag und Nacht. Das folgende halbe Jahr war auch nur unwesentlich besser; Schlaflosigkeit und die ersten Krankheiten traten auf den Plan. Kurz und gut: Ich sah aus wie eine Leiche und ich fühlte mich auch so…

    Während dieser Zeit habe ich mir mehrfach überlegt, wie frau es schaffen soll, dabei auch noch eine Karriere zu haben. Andererseits wollte ich unbedingt arbeiten. Für mich gab es die perfekte Lösung nicht. Also habe ich sie mir geschaffen, in dem ich mich umorientiert und mich selbständig gemacht habe.

    Ich wünsche mir, dass viele Frauen, Männer und auch Arbeitgeber sich auf mehr Flexibilität einlassen, denn ich bin fest davon überzeugt, dass alle davon profitieren können.

    Simone Happel

  2. Das Problem bei „Teilzeitarbeit“ ist, dass diese nicht nur qualifizierte Halbtagsstellen, sondern auch 400-Euro-Jobs umfasst. Davon gibt es rund fünf Millionen, und zwei Drittel dieser Jobs betrifft Frauen.

  3. Mir hat die Diskussion auch sehr gut gefallen.

    Es war wichtig, dass Du betont hast, dass es eigentlich um zwei Themen geht: wie wollen wir als Gesellschaft – Frauen wie Männer – arbeiten und wie sehen wir als Gesellschaft – ob mit ob ohne Kinder – unsere Verantwortung für Kinder.

    Wenn das Thema „Mutter“ dazukommt, entsteht bei mir plötzlich ein Knoten im Kopf. Ich glaube, weil es sich auf die Frage zuspitzt: sind Kinder nun eine spezielle Frage an Mütter und wenn ja, warum? Auf jeden Fall müssen Mütter als die derzeit mit Kindern Erfahrenen und Kompetenten gehört werden, wenn es um diese Fragen geht, wie Du gesagt hast. Noch was? Gibt es eine „natürliche Autorität“ der Mutter und worin besteht sie? Und wenn ja, was folgt aus ihr?

    Ich fand es verrückt, dass im von Barbara Vinken vielgelobten Frankreich die Kinder einerseits sehr früh und lang an die Institutionen abgegeben werden, die Frauen sich aber, wenn die Kinder zu Haus sind, allein für sie zuständig fühlen wie auch für den Haushalt – mit einem gewissen Stolz, wie Barbara Vinken schreibt. Warum eigentlich? Wegen der Biologie, die doch so vehement abgelehnt wird?

    Ich habe von Barbara Vinken aber gelernt, welche großen Bandbreiten es in der europäischen Kindererziehung gibt und obwohl auch ich die deutsche Weise bevorzuge und gelebt habe, kommt mir vor, manches war ein bißchen übertrieben an Sorge und sich selbst zurückstellen und den Kindern kann ein bißchen mehr zugetraut werden. Ob nun mit oder ohne Karrierewunsch. Da gabs ja auch mal eine Weile diese Aufsätze über mangelnde Wahrnehmung der eigenen weiblichen Autorität in der Kindererziehung – und dass sich das in der Beziehung zu den Kindern nicht gut auswirkt.

    Übrigens war interessant und neu für mich, dass die frühe Kindererziehung in Institutionen in Frankreich aus den Händen der katholischen Kirche in die der Republik überging – also nichts mit Gedanken über Kindererziehung und Berufstätigkeit zu tun hat.

  4. Was verstehst du unter dem „Mythos Erwerbsarbeit“?

    Was mir in der ganzen Debatte Bauchweh bereitet, ist die Vorstellung, dass Frauen (und Männer?) die Freiheit hätten (oder haben sollten) zwischen Teilzeitarbeit und Vollzeitarbeit zu entscheiden. Für viele Menschen ist dies jedoch nicht nur eine Frage der Karriere, sondern auch, ob das Geld reicht oder nicht.

  5. Ich finde nicht, dass das nach einer spannenden Diskussion klingt. Gab es denn irgendeine interessante neue Erkenntnis durch eure Diskussion? Der Titel „Mütter und Freiheit. Oder wer verändert die Welt“ erweckt in mir andere Erwartungen als das alte Lied von Teilzeitarbeit und Kinderbetreuung …

  6. @Dorothee – Naja, es war eine Podiumsdiskussion mit mir (und meine eigene Meinung kannte ich schon) und Barbara Vinken (deren Buch ich gelesen hatte) – von daher war der Neuigkeitswert für mich persönlich gering. Und entsprechend wahrscheinlich auch für dich. Die Frage ist aber doch, wie es für das Publikum war. Ich glaube, dass die Art, wie wir diese gegensätzlichen Positionen kombiniert und zueinander in Beziehung gesetzt haben, durchaus „neu“ war.

  7. @susanna14 – Damit hast du natürlich recht, das Phänomen „Teilzeitarbeit“ ist viel zu komplex, um auf einen Nenner gebracht zu werden. Wie ja @irene auch schon sagt: Es ist nicht sinnvoll, einen 400-Euro-Job und einen qualifizierten 30-Stunden-Job in der selben Rubrik zu fassen.

    Es gibt aber durchaus einen signifikanten Unterschied in den Entscheidungen zwischen Frauen und Männern, die ja ökonomisch beide gleich viel Geld zum Leben brauchen, und trotzdem entscheiden sich viel mehr Frauen für Teilzeit als Männer. Und zwar gibt es auf der einen Seite Frauen, die gezwungenermaßen Teilzeit arbeiten oder Vollzeit, weil sie in Teilzeit nicht genug Geld hätte. Es gibt aber auch Menschen (mehr Männer als Frauen), die Vollzeit arbeiten, obwohl sie eigentlich lieber Stunden reduzieren würden und das auch vom finanziellen Standpunkt aus möglich wäre. Wenn jemand gerne Teilzeit arbeiten möchte, dann hat er/sie bessere Chancen, das durchzusetzen, wenn Kinder zu versorgen sind. Ich stelle mir vor, dass anstatt Frauen mit Kindern dazu zu animieren, vollzeit zu arbeiten, auch wenn sie das eigentlich nicht so gerne möchten, lieber die Möglichkeiten, auf Teilzeit zu gehen, evtl. auch zeitlich befristet, auch auf andere Lebenssituationen auszuweiten. Also dass es nicht nur bei Kinderversorgung gesellschaftlich akzeptabel und von Arbeitgeberseite ermöglicht wird, sondern auch wenn man andere Projekte nebenbei verfolgen möchte.
    Ich persönlich bin ja der Meinung, dass das Einkommen einer 20-Stunden-Stelle eigentlich ausreichend sein müsste für den Lebensunterhalt einer Person. Das klingt utopisch, ist es aber eigentlich nicht wirklich, denn in der alten „Hausfrauenehe“ war ja auch das Einkommen einer 40-Stunden-Stelle ausreichend für zwei Personen.

  8. @Dorothee: neben der Art und Weise, wie miteinander geredet wurde (kontrovers, aber aufeinander eingegangen, emotional, aber ohne, dass es gekippt ist, dazu hat neben den beiden Diskutierenden auch sehr die Moderation von Barbara Streidl beigetragen), neben dem waren für mich neue Erkenntnisse, dass der Erziehungsstil zumindest in den 80iger Jahren von zuviel Sorge und zuwenig Selbstverständlichkeit geprägt war (und ist?) und es hat sich nochmal neu für mich die Frage gestellt, ob es eine Autorität der Mutter (nicht der Mütterlichkeit) gibt.

  9. „Ich persönlich bin ja der Meinung, dass das Einkommen einer 20-Stunden-Stelle eigentlich ausreichend sein müsste für den Lebensunterhalt einer Person….denn in der alten „Hausfrauenehe“ war ja auch das Einkommen einer 40-Stunden-Stelle ausreichend für zwei Personen.“

    Heutzutage reicht das Gehalt aus einer „normalen“ Angestelltentätigkeit als z.B. Ingenieur nur dann für zwei Personen, wenn die bereit sind, auf ziemlich viel Annehmlichkeiten zu verzichten. Mit Kindern wird es extrem eng bzw. es geht eigentlich nicht mehr, wenn die Frau mit der „Hausfrau“ tatsächlich Ernst macht, wie ich in glücklicherweise zurückliegenden Zeiten erfahren durfte – allerdings haben wir auch zu fünft von einem Angestelltengehalt gelebt; mit dem entsprechenden Mangelfall, wenn es dann zur Scheidung kommt und alle Kosten sich verdoppeln, während sich das Einkommen dank Steuern auf zwei Drittel einpendelt.

    Gut geht es eigentlich nur Singles, Dinks, Selbständigen mit gutgehendem Geschäft ( wobei es dann egal ist, ob man Anhang hat oder nicht – das sind dann verschmerzbare Kosten ), soweit ich das mitbekomme.

  10. in der alten „Hausfrauenehe“ war ja auch das Einkommen einer 40-Stunden-Stelle ausreichend für zwei Personen.

    Heute reicht das durchschnittliche Einkommen einer Vollzeitstelle nicht mehr für 2 Personen, wenn man nicht mehr auf dem Level der 50er Jahre Hausfrauenehe leben will.

  11. Ich finde Antje Schrupps Gedanken sehr interessant und zukunftsweisend, weil sie sich auf die Gesellschaft als ganze und nicht nur auf einzelne Aspekte beziehen. Auch andere denken in diese Richtung: Frigga Haug entwickelte die Vision einer Vier-in-einem-Perspektive, Carsten Stahmer von der Universität Bielefeld die „Halbtagsgesellschaft“ und aus Großbritannien kommt die Idee „21 hours – Why a shorter working week can help us all to flourish in the 21st century“
    (http://www.neweconomics.org/publications/21-hours)
    Es ist ja genug Geld da und auch genug Arbeit, nur an der Verteilung hapert es.
    Toni Brinkmann

  12. Pingback: Weniger Arbeit für alle! « fuckermothers

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