Rummoserer und Fixer mag ich beide nicht

Gestern spülte mir das Internet wieder mal einen dieser kulturpessimistischen Zeitungsartikel auf den Bildschirm, in denen jemand über den Verfall der Sitten lamentiert, über das Internet, das uns alle ausspioniert, darüber, dass wir alle sowieso Idioten sind, weil wir die Welt nicht genauso düster sehen, wie er, über die Tugendwächter überall, die Gutmenschen, die alles, was ihnen nicht passt, zum Skandal machen, darüber, dass man das N-Wort nicht mehr sagen darf und nirgendwo mehr rauchen, darüber, dass es im Zeitalter von Social Media praktisch unmöglich geworden ist, die jugendliche Geliebte vor der Öffentlichkeit zu verstecken, was es leider etwas mühselig macht, anderen Moral zu predigen.

Ja, man hat es schwer heutzutage. Ich twitterte dann:

Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?

Und:

Wahrscheinlich zum Geld verdienen. Oder um sich wichtig zu tun. Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich Sorgen machen.

Lustigerweise werden mir meine eigenen Gedanken oft erst beim Twittern klar. Der Impuls, etwas zu twittern, zeigt mir, dass da für mich ein Thema drinsteckt, eine Spur, die es sich vielleicht zu verfolgen lohnt. Und das wird mir meist erst hinterher klar: Wenn ich meine Tweets nochmal lese, erfahre ich oft etwas über meine eigenen Ansichten.

In dem Fall merkte ich, dass mir gar nicht so sehr der kulturpessimistische Inhalt dieses Artikels auf die Nerven gegangen war – wie bei jeder Polemik enthielt auch dieser durchaus das ein oder andere Körnchen Wahrheit. Mich störte vielmehr die Tatsache, dass in diesem ganzen sehr sehr sehr langen Text nicht auch nur der Hauch eines Ansatzes eines Vorschlags gemacht wurde, was wir denn nun angesichts dieser an die Wand gemalten Katastrophe eventuell tun könnten.

Noch klarer wurde mir mein Unbehagen, als dann @oliverherold zurück twitterte:

Ich sehe auch oft Probleme, die ich nicht lösen kann, deswegen bin ich nicht minder besorgt.

Und damit hat er natürlich sehr Recht. Mir wurde durch den Einwand klar, dass es gar nicht Lösungen sind, die ich mir wünsche. Die Probleme, mit denen wir es auf der politischen Ebene zu tun haben, zeichnen sich ja insgesamt dadurch aus, dass es für sie keine Lösungen gibt, nehmen wir die Eurokrise, oder auch die Umweltkatastrophe oder die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie oder oder oder.

Ich glaube, es gibt einen bestimmten Männertypus, der die eigene Männlichkeit darüber identifiziert, immer alles „fixen“ zu können – ein Problem, über das ich schon mal am Beispiel von MarkTomJack gebloggt habe. Und dieser Typ Mann empfindet es wohl als echte Kränkung, wenn da ein Problem ist, das man nicht „lösen“ kann. Zu diesem Typus gehören sowohl die alten Staatspapas, die uns früher nach Marke Adenauer regiert haben, als auch die klassischen Revoluzzer, die immer einen zehn-Punkte-Plan für den nächsten Umsturz in der Schublade haben, und die der festen Überzeugung sind, dass die Welt bisher nur deshalb noch nicht gerettet ist, weil das reaktionäre System sie nicht ans Ruder lässt.

Dieser Typus ist heute zum Glück in die Defensive geraten, wer behauptet, die Lösung zu wissen, wirkt ja eher lächerlich (leider nicht auf alle). Und vielleicht sind perspektivlos dahermosernde Kulturpessimisten ja eine Folge dieser Entwicklung. So nach dem Motto: Wenn wir schon keine Pauschallösungen mehr verkaufen dürfen, dann gibt es von uns eben nur noch Rumgemosere und keine konstruktiven Vorschläge mehr.

Einen Missstand, ein Problem zu sehen und es zu formulieren, vor unguten Entwicklungen zu warnen, gehört natürlich zum Kerngeschäft der Politik. Aber das genügt halt nicht. Probleme gibt es überall, und der übliche Schlagabtausch von „Das (zum Beispiel das Internet) ist gut!“ versus „Das ist schlecht!“ bringt überhaupt nicht weiter.

Zu einer wirklichen politischen Debatte gehört es auch, Ideen, Praktiken, Vorschläge zu formulieren, was man angesichts der so dargelegten Situation nun vielleicht tun könnte oder sollte: Wo sind die Ansatzpunkte, von denen aus man etwas positiv beeinflussen kann? Wo gibt es bereits Menschen, die etwas Entsprechendes versuchen und denen man sich anschließen oder die man unterstützen kann? Wer profitiert von diesem Missstand und wie könnte man ihm oder ihr Grenzen setzen? Am allerbesten ist es, wenn solche Vorschläge nicht nur theoretisch deduziert werden, sondern auf eigener Erfahrung beruhen, wenn man also bereits selbst mit einer bestimmten Praxis experimentiert hat und die entsprechenden Ergebnisse mit anderen teilt.

Solche Vorschläge vorzubringen und zur Diskussion zu stellen ist meiner Ansicht nach die Kernaufgabe der „Intellektuellen“ und jedes politischen Menschen generell. Wer die Wirklichkeit einfach nur anprangert ohne eine solche weitere Reflektionsstufe, bewegt sich auf dem Niveau eines trotzigen Kindes, das sagt: „Ich will aber nicht, dass es regnet.“ Das ist für die politische Debatte ebenso schädlich wie die andere Seite, die behauptet, die alleinseligmachende Lösung für das Regenproblem zu haben. Denn beides öffnet nicht den politischen Raum, sondern schließt ihn zu.

Meine Güte, es regnet halt nun mal. Politik bedeutet, darüber zu streiten, ob es angesichts dieser Tatsache besser ist, zuhause zu bleiben, nass zu werden, den Regenschirm einzupacken, öffentliche Plätze zu überdachen und so weiter. Nichts davon ist die eine definitive Lösung. Aber alles davon ist eine Möglichkeit, mit der Tatsache, dass es regnet, zurecht zu kommen und etwas draus zu machen.

28 Gedanken zu „Rummoserer und Fixer mag ich beide nicht

  1. auch wenn ich dir in bezug auf die politische diskussion zustimme, stört mich trotzdem irgendwie etwas. ich versuchs mal zu fassen:
    im grunde bilden doch auch solche texte einen wichtigen bestandteil in der politischen diskussion – sie sind grundlage für weitere positionen und meinungen, die dann ggf. konstruktives potential beinhalten.
    manchmal ist es auch so, dass ein text nur ein erster schritt ist, die eigene idee zu festigen, um dann etwas konstruktives beitragen zu können.

  2. ich kann dir inhaltlich folgen.
    zu dem „fixer“ hab ich eine anmerkung u eine frage,
    der fixertypus ist zb in einigen branchen eine anforderung des marktes
    (wobei ich persönlich fixer auch tendenziell „von gestern“ finde)
    ich zb arbeite in der IT branche; dort werden fixer von den auftraggebern gemocht.
    ich kenne dort auch weibliche fixerinnen.
    deine kernaussage könntest du deshalb aus meiner sicht geschechlechtsneutral formulieren.

    meine frage ist deshalb auch: wieso war der seitenhieb auf _männer_ eines bestimmten typus notwendig?
    ernste metafrage: ist das bei feministischen texten wichtig?
    meine ansicht hier: es wäre nicht notwendig gewesen und würde keine nebenschauplätze in den gedanklichen reaktionen der leserInnen triggern.
    ( ich mosere also gerade nicht nur, sondern mache auch einen vorschlag:-)

    liebe grüße
    kai

  3. @Kai – Es ging mir nicht um einen „Seitenhieb“ auf Männer, sondern ich finde eben, dass diese Haltung des „Fixens“ etwas mit bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit zu tun hat. Deshalb glaube ich nicht, dass wir zum Kern des Themas vordringen, wenn wir es „geschlechtsneutral“ fassen, denn – nach meiner Auffassung – ist es nicht geschlechtsneutral.

  4. Ich würde die ‚Fixer‘-Mentalität zurückführen auf einen allgemeinen Drang zu Kontrolle bzw. der Angst vor Kontrollverlust.
    Wie sich das Persönlichkeitsmerkmal „Kontrolldrang“ in Wirklichkeit auf die Geschlechter verteilt, darüber wage ich kein Urteil, in meiner persönlichen Erfahrung ist das ziemlich ausgewogen.
    Aber: Dass die Kontrolle über sich (und andere) zu haben notwendiger Teil einer altehrwürdigen Vorstellung von ‚Männlichkeit‘ ist, unterschreibe ich sofort.

    Einem mir oft begegnenden Klischee nach ist wiederum das Rummosern, der romantische Weltschmerz, das ziellose Hadern allerdings ebenfalls eine typisch ‚männliche‘ Eigenschaft. Wie das tatsächlich ist, darüber wage ich zwar wiederum keine Aussage, aber: Wenn ich den konstruktiven Gegenentwurf des Gestaltens von Antje lese, kommt mir intuitiv in den Sinn, dass wohl gerade Frauen historisch betrachtet viel Erfahrung darin sammeln konnten bzw. mussten, die Zustände, wie sie sind zu erdulden bzw. das beste für sich (und andere) draus zu machen.

  5. Danke! Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß, welchen Artikel Du meinst. Fand den auch eher ärgerlich. Vorallem dieses Rumgenöle von wegen „Früher war alles anders. Ich will ja nicht unbedingt behaupten, dass es besser war, aber es war eben doch – anders.“ Äh, ja. Wo ist der Punkt?, hab ich mich nach dem Lesen gefragt. Der Autor würde wahrscheinlich behaupten, gar keine Politik machen zu wollen. Er beobachtet ja nur. Und diese Rückzugshaltung nach dem Motto „Aber ich stelle doch nur fest, dass…“, die aus den Feststellungen keine Konsequenzen zieht, keine eigenen Positionen ableitet, finde ich auch höchst unerquicklich. Sinnlos geradezu. Naja.

  6. Meiner Meinung nach IST dieses Verhalten geschlechtsneutral, oder es ist nicht neutral, aber auf beiden, nein allen Seiten gleichermaßen zu finden. Und möglicherweise liegt die Kränkung für den Rummoserer/ dieLamentiererin nur oberflächlich betrachtet darin, dass das Problem sich (scheinbar) nicht lösen lässt. Ich denke, dass einige aus dem Beharren auf einer negativen Sicht der Dinge irgendeinen Gewinn ziehen, dass sie es „brauchen“, und dass die eigentliche Kränkung in ihrem Fall in der Aussicht einer Lösung bestünde, einer Lösung, die möglicherweise Arbeit, im schlimmsten Falle sogar an sich selbst bedeuten würde. Ich erlebe solche Menschen und finde es schwierig, mit ihnen umzugehen, da sie nur Zuhörenund Bestätigung wünschen, aber nicht bereit sind zu einer Weiterentwicklung.

  7. Ich hänge noch am ersten Abschnitt fest. Jemanden, der sich darüber beklagt, dass er sich nicht mehr danebenbenehmen kann, nehme ich ohnehin nicht ernst, vor allem, wenn er meint, er beschwere sich über „Sittenverfall“, wenn es eigentlich um erhöhte moralische Standards geht.

  8. „Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?“

    Das finde ich schon in Ordnung, wenn man sich erst mal Luft verschafft, in gefühlten Misständen.

    Das zweite, Lösungsvorschläge, vermisse ich allerdings hier auch.

    Insofern, ist doch alles o.K.

  9. @Menachem

    Wir dürfen nicht vergessen, Vorschläge sind auch immer Schläge, die den Andersdenkenden eingrenzen. So ist zu überlegen, welche Rahmenbedingungen sind wichtig, damit die Eingrenzung des anderen möglichst gering ist. Und wer die Stärke besitzt Menschen human Grenzen zu setzten, die die Menschenwürde missachten. Fixer, die nur auf ihre Programme fixiert sind, also keine sozialen Aspekte sehen wollen, müssen erreicht werden, es sind wandelnde Bomben, so wie das hier ein vietnamesischer Dichter und Zenmönch schreibt: ENTSCHÄRFT MICH http://community.single.de/mitglieder/nathaly/blog/2323348

  10. Also, dass hier tatsächlich „moralisch unglaubwürdig“ mit „hat jugendliche Geliebte“ gleichgesetzt wird, lässt mich nur den Kopf schütteln – neulich dachte ich, die Behauptung, Männer könnten nicht für Frauen und umgekehrt sprechen, sei nur ein Ausrutscher, aber mittlerweile frage ich mich, ob hier eventuell eine neue deutsche Spiessigkeit am Werke ist?

    Des weiteren finde ich an der Haltung eines trotzigen Kindes (interessantes Bild: auf der einen Seite die Macher, auf der anderen die trotzigen „Kinder“ ) nichts auszusetzen – es ist ja trotzig, weil es ohnmächtig ist und bei Kritikern, die dieses und jenes schlecht finden, ohne Verbesserungsvorschläge zu haben, finde ich genau dieses die eigentlich interessante Frage: Warum sind die/wir eigentlich in Belangen, die unsere ureigensten sind, so ohnmächtig?

    Das finde ich manchmal viel wichtiger als die Frage, wie denn nun dieses oder jenes verbessert wird.

  11. @Menachem schreibt: “ Das zweite, Lösungsvorschläge, vermisse ich allerdings hier auch. Insofern, ist doch alles o.K.“

    Sollte das jetzt ein Scherz sein? Dieser Blog von Antje existiert doch gerade deshalb, damit mannfrau sich ausdrücken und austauschen kann über das Streben nach einer Welt als menschliche Wohnstatt für alle.
    Nur Rummosern reicht nicht, bzw. wer das Bedürfnis danach hat, sollte es dann eben als sein Bedürfnis nach Rummosern benennen, weil dann eher die Chance besteht, dass diese Art von ‚ Klage ‚ Gehör findet. Das ist dann der Moment in dem sich ein Dialog als konkrete Praxis entwickeln kann und damit beginnt dann auch
    die ‚gemeinsame Suche‘ z.B. nach Problemlösungen.
    Es gibt wie Antje schreibt:
    „Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?“
    Wie schon erwähnt, könnte es eine Klage und ein Ausdruck von Ohnmacht sein?
    Es kann aber auch eine Form von Machtausübung über die bestehenden Verhältnisse sein, die mannfrau gar nicht verändern will? So etwas wie eine unbewußte Strategie von Ohnmachtsbewältigung?
    Letzeres begegnet mir, wenn ich versuche mit Leuten in Gespräch zu kommen, die sich über die Miß- und Zustände der Welt lang und breit auslassen, um im gleichen Atemzug zu behaupten, dass sich da eh nie was dran ändern wird.
    Dazu mache ich unterschiedliche Erfahrungen. Wenn es mir gelingt dem ‚ Klagen ‚
    Raum zu geben (und dazu braucht es Zeit…) und auch Verständnis dafür rückmelden kann, sich mein Gegenüber gehört u. verstanden fühlt, dann erst öffnet sich (vielleicht) ein neuer Raum für Überlegungen und Gedanken zur Veränderung der zu beklagenden Mißstände.

  12. @Andreas – Sorry, das war im Post verkürzt dargestellt. Es ging um Männer, die eine jugendliche Geliebte zusätzlich zur Ehefrau haben.

  13. @endolex – sehe das auch so, was Du und Antje zu Kontroll- und Machbarkeitsverlust sagst. Das patriarchale Männlichkeits-Ideal nährt-e den Mythos vom autonomen Entscheider, der weise und einsam nach der Lösung und Rettung
    für Familie, Clan, Nation sucht-e. Dieses Bild wurde von der Frauenbewegung zum Einsturz gebracht, und es mag noch einige Männer geben, die ob dieser narzistischen Kränkung ihre Wunden lecken, indem sie sich der Weltgestaltung durch Verweigerung wie Rummosern und Beharren auf „die Welt wie ihr sie macht ist schlecht“ entziehen. Vielleicht eine Art Rache oder wie Antje sagt ‚ Trotz ‚?

    Was ich zur Klage und Ohnmacht geschrieben habe, beziehe ich auf Frauen und auf Männer.

  14. @AntjeSchrupp:

    Ja, versteh‘ schon, welches Verhalten Du so im Blick hast – andererseits verlange ich z.B. nicht von den Leuten, deren praktische Anleitung ich in Betracht ziehe, dass sie Vorbilder zu sein haben. Nur, dass sie sich nicht zum Affen machen.

    Zum Thema:
    Kennst Du denn persönlich nichts, wo Du etwa sagst, wie es läuft, läuft es schlecht, aber wirklich Konstruktives fällt mir dazu nicht ein?

    DAS fände ich ja fast unheimlich *g* …

  15. @Andreas „Warum sind die/wir eigentlich in Belangen, die unsere ureigensten sind, so ohnmächtig?“ Ja, gute Frage. Was konntest Du bisher dazu in Erfahrung bringen?

  16. @Andreas – Hm, also das ist bei mir tatsächlich selten, oft ist es sogar andersrum: Mir fällt etwas ein, was man anders machen bzw. anders ausprobieren könnte und dadurch bemerke ich dann den Missstand. Aber auch wenn: Wenn ich keinerlei konstruktive Ideen (wie gesagt: Nicht Lösungen!) hätte, würde ich jedenfalls keine seitenlangen Texte für große Feuilletons über das Thema schreiben.

  17. @Ute Plass:

    Oh, nur von Fall zu Fall etwas – am ehesten neige ich da zu Metaphern: Man fährt auf einem schnellen Strom und kann mit Ruder und Steuer einiges erreichen, aber insgesamt wirken Kräfte, gegen die anzukämpfen reine Zeitverschwendung ist ( oder so bildet man sich ein). Das Lamentieren ( über Dinge, an denen man konstruktiv nichts ändern kann ) erinnert mich daher auch ein wenig an das Trauern – vielleicht hat es ja durchaus seinen Sinn?

  18. Vielleicht ist das Rumgemosere auch ein Unbewusster Hilfeschrei eines “ Ich weiß nicht weiter, und es stört mich! Helft mir!“ Gerade wo es heutzutage keine standardlösungen mehr auf die Hand gibt. Wohin sonst mit dem Ärger, wenn nicht wenigstens in die Welt, wo sich dann Leute daran stoßen, die darüber eventuell besser reden und wissen können als man selbst?

    Nicht das mich unkonstruktives Rumgemosere nicht stört, aber es gibt auch positive Aspekte.

    LG, Lae

  19. Ne, reine Kritik hat durchaus ihre Berechtigung. Es gibt sogar Fälle, in denen jeder praktische Vorschlag die Kritik verwässern würde. Soviel Adornit bin ich dann doch. Klar, muss man irgendwie wieder zur Praxis kommen, aber das müssen ja nicht die selben Leute machen, die die Kritik üben und klar gibt es einen Unterschied zwischen Kritik und Nörgelei aber den Aufruf an jeden Kritiker, er müsste auch konstruktiv sein, finde ich kontraproduktiv und er ist sogar eine klassische Herrschaftstechnik.

    Thema für den nächsten Podcast?

  20. ich sehe etwas unperfektes ein problem ist bestimmt etwas unperfektes, es kann sein, dass das nicht zu lösen ist, kann ich es denn nicht auch anders betrachten?
    ich sehe einen süchtigen, regt er mich an, dass ich mir meine eigene sucht anschaue? kann ich durch diese betrachtung von dem urteil besser lösen? will ich anders sein, als ich bin? ist nicht das schon eine suche oder sucht? wie zertöre ich durch urteile? nur fragen.

  21. @Benni – Ja. Fälle, in denen jeder praktische Vorschlag die Kritik verwässern würde? Da bin ich gespannt, Beispiele zu hören, gerne im nächsten Podcast. Das mit der Herrschaftstechnik habe ich ja sogar im ersten Podcast gesagt, ich glaube ich sagte „Totschlagargument“ und das bezog sich auf „Wenn du was zu meckern hast, dann engagier dich halt und mach mit“. Sowas meine ich nicht, aber ich bin mir klar, dass die Unterscheidung noch etwas diffus ist. Aber aus reinem Trotz würde ich jetzt mal darauf beharren, dass destruktive Kritik gar nichts bringt. Zumindest müsste man dann irgendsowas sagen wie: „Leider fällt mir jetzt auch nichts ein, was man da tun könnte“. Ich glaube, es geht mir darum, ob die Beziehung zu dem Kritisierten oder die damit involvierten Leute offen hält oder ob man sich abgrenzt oder drüber stellt, nach dem Motto „Da hab ich selber nichts mit zu tun.“

  22. @Andreas – ja, dem Lamentieren im Sinne von Trauern über Zu/Mißstände, die mannfrau nicht direkt beeinflussen und nur hinnehmen kann, dem kann ich Sinn abgewinnen.
    Was ich jedoch gerne besser verstehen möchte ist, was Leute so unterschiedlich agieren läßt in oder mit ausweglos erscheinenden Situationen ?
    Welche Motive sie beim ‚Lamentieren verweilen‘ lassen und warum andere über’s Lamentieren hinausgehen und nach Möglichkeiten der Veränderung suchen? Oder drastischer gesprochen: Während die einen sich über die beschissene Welt auslassen (was für die Psychohygiene auch wichtig ist) und darin verharren, dass alles Tun vergeblich sei, greifen die anderen zu Schrubber und Putzeimer um die Scheiße aus der Welt zu schaffen. Mir kommt der Gedanke, dass die Rummoserer mit ihrer destruktiven Kritik andere ganz schön mächtig antreiben können das zu versuchen und zu tun, was die Rummoserer als unmöglich zu Erreichendes kritisieren? Unbewußtes Zusammenmspiel im Sinne von paradoxer Intervention?

  23. @Benni – Du sagst: „Es gibt sogar Fälle, in denen jeder praktische Vorschlag die Kritik verwässern würde.“ konkretisieren? Das verstehe ich nicht. Kannst Du das konkretisieren?

    Konstruktive Kritik von Leuten zu erwarten, die sich destruktiv äußern hat für mich erstmal nichts mit klassischer Herrschaftstechnik zu tun. Ich denke, die Motive, die mannfrau zu konstruktiver wie destruktiver Kritik veranlassen könnten deutlich machen ob sich dahinter eine Herrschaftstechnik verbirgt. Das setzt allerdings eine
    Bewußtheit über die Motive voraus.

  24. Ups – “ konkretisieren “ hat sich noch hinter das Zitat gesetzt, wo’s nicht hingehört.

  25. @Ute Plass:

    „Was ich jedoch gerne besser verstehen möchte ist, was Leute so unterschiedlich agieren läßt in oder mit ausweglos erscheinenden Situationen ?“

    Hm – mich würde eher das Gegenteil zum Nachfragen reizen, wenn ich nämlich feststelle, dass alle Leute so seltsam gleich agieren; Unterschiedlichkeit ist doch eigentlich das zu erwartende, oder nicht?

    „Mir kommt der Gedanke, dass die Rummoserer mit ihrer destruktiven Kritik andere ganz schön mächtig antreiben können ….“

    Ja, das kann schon sein – ist ja auch ok, finde ich, wenn sich dann halt ein anderer den Schuh anzieht und konstruktive Ideen hat. Das wäre ja der Fall, den Benni erwähnt, einer kritisiert, im Nachgang kommen andere mit Ideen.

    Mein Überlegung ging aber in eine andere Richtung, nämlich, dass das Lamentieren eben den Sinn hat, sich an unveränderliche, als unangenehm gegebene Gegebenheiten anzupassen. Sie eben nicht zu kritisieren, weil das Kraftverschwendung wäre.

    Was Benni’s Überlegung angeht:

    „Konstruktive Kritik von Leuten zu erwarten, die sich destruktiv äußern hat für mich erstmal nichts mit klassischer Herrschaftstechnik zu tun.“

    Das ist ja eine Frage der Prämissen, nicht wahr – wenn ich von jemanden erwarte, dass er sich konstruktiv äussert, dann setze ich voraus, dass er das Kritisierte für konstruktiv veränderbar hält. Wenn diese Voraussetzung nicht gegeben ist, dann ist die Aufforderung schon eine Herrschaftstechnik – jemand, der mich z.B. auffordert, Ideologie xyz konstruktiv zu kritisieren, verlangt mir eine prinzipielle Anerkennung derselben ab. Meine Ansicht, dass Ideologie xyz in die Mülltonne der Geschichte gehört, wird in dem Zusammenhang benutzt, um mich vom Diskurs auszuschliessen.

  26. @Andreas – Ja, habe es auch so verstanden, dass Du Lamentieren (Klage – Trauer) als Möglichkeit betrachtest, sich dem Unabänderlichen zu fügen, so im Sinne von Anpassungs-Überlebensstrategie. Dazu passt ein Ausspruch, der Franz v. Assisi zugeschrieben wird: “Ich wünsche mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen.“
    O.k. so formuliert, setzt das bereits die Bereitschaft voraus, Zustände, die mannfrau als unerträglich, ungerecht oder wie auch immer empfindet und erlebt in irgendeiner Weise verändern zu wollen.
    Auf unsere Diskussion hier zurückgeführt formuliert ja Antje: “Leute, die einfach nur die Welt anprangern, wie sie ist, ohne den klitzekleinsten Vorschlag, was man nun tun soll. Wozu machen die das?” Über die Motive der ‘Rummoserer u. Fixer’ können wir eigentlich nur spekulieren. Sind ja grade mittendrin und vermuten eine ganze Menge wie z..B. Ohnmacht, Hilferuf, Ängste, Herrschaftstechnik, Bequemlichkeit…… Also ich nehme mir jetzt (mal wieder) vor, nicht gleich mit meinen eigenen Erwartungen auf destruktive Kritik zu reagieren, sondern wage den Versuch direkt nach dem Anliegen der Kritik zu fragen 😉

  27. Das ist das ewige Spannungsverhältnis zwischen Fatalismus und Revolutionsdrang. Am besten gehe ich mit den Problemlösern auf dieser Welt um, indem ich nicht auf diesen Fatalisten oder jenen Revoluzzer höre, sondern mir meine ganz eigenen Lösungen für die Probleme in MEINER Welt erarbeite. Dass man die Menschheit nicht retten kann, ist doch klar. Oder sollte es zumindest. Sprache ist da manchmal eher hinderlich, denn in den Mainstream-Medien sprechen Leute selten in der Ich-Form wenn sie eine Problemstellung wie Umwelt oder Gesellschaft ausmachen. Da wird immer von „der Gesellschaft“ und „der Umwelt“ und „den Machenschaften“ geredet. Die Fixer-Mentalität beziehen Menschen aus den Medien, wo die großen Bühnen präsentiert werden und es um die wirklich „großen Fragen unserer Zeit“ geht.

    Die wichtigsten Fragen und Antworten findet aber jeder in sich selbst. Ich habe neulich die Probe gemacht und mir die Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens für mich vorgenommen. Als da wären nicht zu lügen, nicht zu betrügen, nicht zu stehlen, über niemanden schlecht zu reden und so weiter. Wenn jeder Einzelne diese Überprüfung und Analyse mit sich selbst durchläuft, wird er schnell feststellen, wie dramatisch das Ausmaß dessen ist, worüber sich gemeinhin bei anderen aufgeregt wird. Ich habe daraufhin beschlossen, meine Prinzipien wirklich ernst zu nehmen und mein Leben danach auszurichten. Das ist alles andere als leicht. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Denn tatsächlich ist dann die Folge davon, dass ich mich gefragt habe: verhalte ich mich in allen meinen Beziehungen gemäß dieser Maßstäbe? Was ist mit meinem Beruf? Kann ich ich überhaupt in dem, was ich arbeite, danach handeln? Wie gehe ich mit Fremden um und so weiter.

    Fixen kann ich nur das, was ich als eigenen Missstand aufgedeckt habe. Das ist eigene innere geistige Arbeit und benötigt Zeit und Ausdauer.

    Der Effekt ist, dass es mir immer besser geht, je länger ich dran bleibe und je weniger ich meine Prinzipien verletze. Es ist ein sehr gutes Gefühl, derartig intensiv an sich zu arbeiten und kleine Erfolge zu sehen. Das ist beflügelnd und ich bin nicht mehr geneigt, Rummoserer oder Fixierer allzu wichtig zu nehmen. Es ist eher so, dass ich denke, dass Menschen, die lamentieren und solche, die für alles eine Lösung herbeizwingen wollen, keine wirkliche Bedeutung in sich selbst finden. Ich kann Mitgefühl haben mit denen, die mir im wirklichen realen Leben physisch begegnen und meinen Teil dazu beitragen, dass sie Antworten finden, ohne dass ich sie ihnen in den Mund lege.

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