Antje wollte in den Wilden Westen

Delia

Gestern Abend las ich mich mit viel Vergnügen durch die Beiträge der von Anne angestoßenen Blogparade über Pferdemädchen. (Hier die Linkliste). Ich war nämlich auch ein Pferdemädchen. Und es ist ja erstaunlich, wie viele Erinnerungen bei wie vielen hier hochkommen!

Warum ich unbedingt reiten wollte, daran habe ich eine ganz klare Erinnerung: Anstoß waren die „Delia“-Bücher von Marie Louise Fischer. Delia ist ein Mädchen aus Deutschland, dessen Vater nach Amerika ausgewandert ist, und die sich auf den Weg macht, ihn zu suchen. Als „Blinder Passagier“ schmuggelt sie sich auf ein Schiff nach New York, reist dann mit einem Treck gen „Wilden Westen“, der Treck wird von Indianern überfallen, sie lebt dann dort mit denen und wird Blutsschwester des Häuptlingssohnes. Am Ende findet sie, glaube ich, auch ihren Vater.

Wahrlich eine gruselige Story, voller Rassismus, „Othering“, unkritischem Wildwest-Schmonzes. Aber auf mich als Zehnjährige hatten diese Bücher eine elektrisierende Wirkung. Nach der Lektüre wusste ich, dass ich im falschen Leben gelandet war, eigentlich war ich von meiner Bestimmung her „Indianerin“. Eine zeitlang betete ich jeden Abend mit Inbrunst, der liebe Gott möge mich doch bitte am nächsten Morgen als „Indianerin“ aufwachen lassen (mit langen, dicken, schwarzen Haaren!), und als das nicht passierte, erlebte ich meine erste große Glaubenskrise.

Reiten war the closest I could get to my dream. Da ich auf dem Land wohnte und zudem in meiner Klasse sogar ein Mädchen war, deren Eltern einen PONYHOF hatten, waren die Voraussetzungen gut. Später leierte ich meinen Eltern Reitstunden aus den Rippen, zehn Stück schenkten sie mir zu Weihnachten. Zehn Stück, haha (dabei blieb es natürlich nicht). In meiner Familie wird immer noch die Geschichte erzählt, wie ich beim Autofahren (das ich hasste) immer erklärte, wenn ich mal erwachsen wäre, würde ich nicht Auto fahren, sondern Reiten!!!!

Antje auf PferdIch schaffte es bis zur „Jugendreiterprüfung“, wie dieses Foto dokumentiert (aufgenommen 1978, da war ich 13). Aber das gesittete „Dressur-Reiten“ (was schon alles sagt), war für mich nur zweitbeste Variante. Ich mochte das Ponyreiten ohne Sattel und draußen viel lieber als das auf gesattelten Pferden dauernd im Kreis herum. Es war halt viel „indianerischer“. Deshalb wechselte ich zum „Voltigieren“, das war ohne Sattel und man ritt nicht, sondern machte Kunststückchen auf dem Pferd. Ja, take that: Ich habe mal auf einem galoppierenden Pferd GESTANDEN!

Das Ende meiner Pferdemädchenzeit kam sehr abrupt: Ich fiel runter und verknackste mir den Rücken. Die Orthopädin schaute mich kaum an und verhängte ein mindestens  halbjähriges Reitverbot. Das war schon klar gewesen, dafür war die nämlich berüchtigt. Reitverbote zu erteilen war ihre Standardbehandlungsmethode. Vielleicht war sie ja eine frühe emanzipatorische Vorkämpferin gegen Pferdemädchen-Kitsch. Ich hasste sie.

Und ich war natürlich wild entschlossen, nach exakt sechs Monaten wieder auf einem Pferd zu sitzen. Aber dazu kam es nie. Ich vermute, es hatte etwas damit zu tun, dass ich inzwischen lieber ein Hippiemädchen sein wollte. Vielleicht war mir auch klar geworden, dass die ganze Wildwest-Romantik nichts Reales ist, auch nichts mit den wirklichen Native Americans zu tun hat, sondern lediglich eine Projektion der eigenen Wünsche auf „Andere“ darstellt. Dass Zivilisationskritik halt bei sich selbst anfangen muss.

Und wenn man diese Romantik abzieht, dann ist das mit dem Reiten in der Tat genauso beschwerlich, wie es andere in der Blogparade beschrieben haben. Eine Sehnsucht nach „Freiheit und Abenteuer“ ist bei mir trotzdem hängengeblieben.

15 Gedanken zu „Antje wollte in den Wilden Westen

  1. Pingback: Das Leben ist kein Ponyhof. Eine Blogparade. | Ach komm, geh wech!

  2. Ist ja lustig, ich bin in meiner Jugend auch geritten. Genau vier Jahre lang. Ich fing mit zwölf in einer Reitschule im Nachbardorf an. Das war eine ganz furchtbare Zeit. Wir hatten eine schreckliche Reitlehrerin, die immer nur herumbrüllte (nicht nur die militärischen Befehle, in welchem Arbeitstempo jetzt wie die Bahn zu wechseln sei). Besonders den blöden Anfängern musste sie es immer wieder vor allen anderen geben. Überhaupt erlebte ich das Reitervolk als ziemlich arrogant und überheblich. Menschlich gesehen eine Katastrophe. Dann wechselte ich den Reitstall, in dem es etwas freundlicher zuging. Die „Abteilungen“ waren deutlich kleiner, der Reitlehrer nahm sich Zeit für jede und sprach auch mal ein Lob aus. Doch auch er brüllte herum, wenn was nicht so lief wie er sich das vorstellte. Das ging bis zu massiven Demütigungen („Hundert Kilo wiegt das Kind und kann noch nicht mal dieses Pferd antreiben!!!“). Also, scheißarrogantes Reitervolk. Es gab aber auch tolle Augenblicke, Reitausflüge am frühen Sonntagmorgen zum Beispiel, glückliche Stunden auf dem Pferderücken in freier Natur.

    Aber warum bin ich eigenlich geritten? Weil man halt Pferde gutzufinden hatte? Ich mochte Pferde wirklich, es waren meine Lieblingstiere. Ich zeichnete sie auch oft, und Angst hatte ich nur vor solchen Pferden, die sehr temperamentvoll waren, mit denen ich nicht umgehen konnte. Mein Traum war, eine richtig gute Reiterin zu werden, aber das wurde ich nicht. Der zweite Reitstall wechselte den Besitzer und verkam wie der erste zu einem Massenbetrieb, in dem ich nichts vernünftiges mehr lernte. Eines Tages stürzte ich so unglücklich von einem bockenden Pferd, dass ich mir im Ellenbogengelenkt den Arm ausrenkte, sehr schmerzhaft. Mein Arm war sechs Wochen in Gips, die Zeit danach durch schmerzhafte Krankengymnastik geprägt. Das Reiten hatte sich damit für mich erstmal erledigt.

    Einen zweiten Versuch unternahm ich als junge Frau. Da landete ich in einer Kinder-Anfängerabteilung und wurde an der Longe geführt, durfte noch nicht mal alleine reiten. Das hatte sich dann ganz schnell wieder erledigt, das hielt ich ganze zwei Stunden durch. Gottseidank war ich alt genug, den Reiterinnentraum nun ein für allemal zu begraben.

  3. Pingback: Pferdegedöns | ... Kaffee bei mir?

  4. Ich glaube, wir sind der Lösung des Rätsels, was uns alle in diesem Internet verbindet, schwer auf der Spur…. Marie Louise Fischer.. #hach, Antje….ich fasse es nicht. Meine „Bibelverfasserin“ war Harriet Buchheit. Allein, dass ich mich an den Namen erinnern kann, spricht Bände. In den wilden Westen wollte ich auch, wegen Winnetou (und ein bisschen wegen Old Shatterhand, aber nicht die aus den Filmen! Die kannte ich nicht). Und weil ich dachte, da könnte man meinen Traum verwirklichen, in einer Blockhütte leben, am Fluss, allein… kam dann anders.

  5. Pferdeträume, ich glaub es nicht. Ich hatte immer Angst vor den Tieren und auch jetzt, wo ich neben einem netten Reiterhof wohne, gehe ich nur auf Weide um Äpfel für den Lehmputz zu sammeln.. und nur wenn die Pferde weit genug weg sind… Verstehen tue ich es auch noch diesem Beitrag nicht, was der Reiz ist/war… Wie können Menschen eingesperrt auf dem Pferd sitzen mit “Freiheit und Abenteuer” in Verbindung bringen 😉

  6. Pingback: Reiten – ein Stück Lebensgeschichte | Suedelbien

  7. Deliah hab ich auch gelesen (ohne den Band Sohn des Häuptlings), aber ich verbinde damit eine besorgte Stimmung, wegen der Suche nach dem Vater und den ganzen Ungewissheiten. War nicht meine Welt.

    Die Freiheit liegt ganz klar auf dem Fahrradsattel!

  8. Ich habe verschlungen: Blitz, der schwarze Hengst. Habe mir alle Bände aus der Bücherei geliehen. Deliah kenne ich gar nicht, Hanni und Nanni war eine Episode, genau wie 5 Freunde (Enid Blyton). Später auch Black Beauty.

    Und ganz wichtig: Horst Stern, So verdient man sich die Sporen.

    Naja, und dann war es mit den Pferden vorbei. Dann kamen Momo, die unendliche Geschichte, der kleine Hobbit und Herr der Ringe 😉

  9. Auf einem galoppierenden Pferd stehen, neben einem galoppierenden Pferd laufen und aufspringen, von einem galoppierenden Pferd gekonnt herunter purzeln ohne sich weh zu tun – das war das Voltigieren – jaaaaa! All das!
    Ich finde das jetzt auch witzig, diese Verbindung – ich WAR ein Indianer (sic!) (also zumindest bis ich 10 war oder so) und nachher ein Pferdemädchen, und in meinem Fall waren es die Bücher von Mary O’Hara – Flicka und Sturmwind, die mich von meiner Ranch in Wyoming träumen ließen … Danke, Antje, nun galoppieren eine Menge ‚meiner‘ Pferde auf mich zu, Schimmel, Braune, Rappen und Falben – und jedes war eine eigene Persönlichkeit. Der mächtige Magic Domino wie die kleine Warmblutstute Kathinka. Ach!

  10. Ja, Delia…ich habe kaum noch eine Erinnerung an den Inhalt, nur daran, dass ich mich mit allen drei Bänden auf den Dachboden verzogen habe, wenn ich mal wieder Ärger zu Hause hatte (was oft vorkam). Immerhin ging mir durch dies Bücher auf, dass Lesen etwas Tolles ist und dass man auch als Mädchen nicht unbedingt die ausgetretenen Pfade gehen muss.

  11. Was ist denn an reiten so besonders? ist doch ein ganz normaler sport, oder? und ludger beerbaum (spelling?) ist der auch auf den Pferde-Mädchen-kitsch reingefallen????? und zum cowboy-spielen gehören doch auch pferde, nich? Warum wir das bei frauen und mädchen sofort wieder in die Rollenklischee-kacke gepackt und abgewertet? Klar ist das rassistisch, wenn man sich eine kultur zurechbastelt für die eigenen Wünsche, aber bastelt man sich „idianer“ zurecht und findet deshalb reiten toll, oder findet man z.B. Karl Mays „Indianer“ toll, weil sie u.a. auf Pferden rumgalloppieren?

  12. Auf dem linken Titelbild trägt ein minderjähriges (also geschätzt 14-16 Jahre altes) Mädel eine scharfe Waffe? Hubs.

    Aber dass Pferde eine Mädchensache sind, stimmt. Ich hab mich als Junge jedenfalls nicht drauf getraut.

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