Der offene Brief von Susanne Enz an die Edeka-Fleischerei Rasting, in dem sie sich über deren Frauen- und Männerbratwurst-Marketing beschwert, und den ich vor ein paar Wochen hier veröffentlicht habe, hat nicht nur meinem Blog ungeahnte Klickzahlen verschafft und die nationale wie internationale Qualitätspresse zu Höchstleistungen angespornt.
Das Ganze hat auch eine interessante Frage aufgeworfen, nämlich die, ob wir nicht durch diese Aktion dem bekloppten Edeka-Marketing unnötigerweise zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft haben. Ist es nicht kontraproduktiv, durch Protest gegen sexistische Werbung diese erst recht zu bestätigen, wo es doch die Aufgabe von Werbung ist, Aufmerksamkeit zu generieren, egal um welchen Preis?
Jedenfalls bekam Susanne Enz jetzt eine Mail von jemandem, der behauptet, der Rasting-Geschäftsführer Ralf Poell zu sein (ob sie wirklich von ihm ist, kann ich nicht verifizieren, aber darauf kommt es auch nicht an). Er weist sie darauf hin, dass Chio jetzt eine ähnliche Kampagne startet, und rät ihr süffisant:
Vielleicht helfen Sie denen auch zu so tollen Umsätzen wie uns.
Ja, machen wir doch gerne. Nicht nur deshalb, weil Chio mit seiner Kampagne das Ganze sehr viel konsequenter durchzieht als Edeka. Hier ist nämlich nicht bloß von Männerchips und Frauenchips die Rede, sondern es geht um Männer und Mädels. Und auch auf die seinerzeit von gutmeinenden Menschen häufig geäußerten Ratschläge, Frauen und Männer könnten doch schließlich frei wählen und das gegengeschlechtlich gelabelte Produkt einfach trotzdem kaufen, wird bereits mit innovativer Provokationsfreude reagiert: große Verbotsschilder und der eindeutige Hinweis, dass die einen Chips wirklich „nur für Mädels“ und die anderen „nur für Männer“ sind.
Abzüge in der B-Note gibt es allerdings für die nur arg halbherzig gegenderten Eigenschaften der Produkte. Gegen die markante Brawurst-Labelung „mager, gemüsig, klein, teuer“ versus „fett, fleischig, groß, billig“ wirkt „creamy Paprika“ versus „flamed BBQ“ irgendwie uninspiriert, ehrlich.
Also: Warum mache ich hier schon wieder kostenlose Werbung für ein sexistisches Produkt?
Das hat Susanne Enz in ihrer Antwort an den jetzigen Mailschreiber schon gut formuliert, ich zitiere sie hier mit ihrer Erlaubnis:
Ihr Hinweis auf Ihre “tollen Umsätze” taugt vor diesem Hintergrund nicht, mich von einem vermeintlichem Misserfolg meiner offenen E-Mail zu überzeugen. Die Debatte über alltäglichen Sexismus sollte meiner Meinung nach geführt werden, selbst wenn dies kurzfristig zu eher ungewollten Effekten führt. Ob Ihre Firma jetzt mehr oder weniger Männer- und Frauenbratwurst verkauft, als es ohne meine E-Mail der Fall gewesen wäre, ist mir vollkommen egal. Mir ging und geht es nicht darum, Ihr Unternehmen für dieses Produkt anzuprangern oder Ihnen zu schaden. Mir ging und geht es beim Aufgreifen Ihres Produkts als Beispiel darum, dass Menschen darüber nachdenken, was Marketingkampagnen wie diese ausrichten und gegebenfalls dann als Konsumenten ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Mit freundlichen Grüßen
und den besten Wünschen für Ihre UmsätzeSusanne Enz
Ich kann das nur unterschreiben. Wenn wir eine Gesellschaft sein wollen, in der platter Sexismus sich verkauft: Bitte schön, dann ist das so. Ich habe überhaupt keine Lust dazu, die Zähne zusammenzubeißen und meinen Ärger für mich zu behalten, bloß weil das irgendeine Aufmerksamkeits- und Marketinglogik angeblich erfordert.
Außerdem ist das „Regt euch nicht auf, es gibt erstens Wichtigeres und zweitens gebt Ihr denen noch Futter“ inzwischen zu so einer Art Standardargument geworden, wenn jemand Kritik an sexistischen Medienplattitüden äußert.
Auch im Bezug auf Drohungen, Beschimpfungen und Beleidigungen im Netz wird dieses Argument unter dem Slogan „Don’t feed the Trolls“ immer wieder vorgebracht. Aber das Argument ist falsch, jedenfalls in dieser Pauschalisierung. Trolle und Sexisten verschwinden nicht davon, dass man sie ignoriert. Richtig ist: Wenn man sie kritisiert, bekommen sie mehr Aufmerksamkeit.
Aber der Punkt ist: Meine Aufmerksamkeit haben sie sowieso. Sie haben mir den Tag versaut, wenn ich sie weglöschen muss, ebenso wie mir jede blöde Sexistenwerbung den Tag versaut, wenn sie sich ungefragt in mein Blickfeld drängt. Und diesen Ärger reiche ich gerne an die Öffentlichkeit weiter (nicht nur an euch Leser_innen hier im Blog, sondern auch an die Menschen in meiner Umgebung, die ja auch damit leben müssen, dass ich mich schon wieder aufrege und unleidlich bin).
Richtig ist natürlich, dass diese pseudo-kreativen Kulturverhunzer in den Agenturen, Redaktionen oder an ihren Keyboards meine Aufmerksamkeit eigentlich nicht verdient haben.
Aber wisst Ihr was? So etwas hier wegzubloggen ist meine eigene Form der Psychohygiene. Es hat einen reinigen Effekt, der Ärger ist dann nämlich raus in der Welt und befindet sich nicht mehr in meinem Kopf. Jetzt ist also auch das mit den Chio-Chips euer Problem.
Und ich habe den Kopf wieder frei, um mich wichtigeren Dingen zuzuwenden.

Was meinst du?