Für mehr anarchistische Theorie

Vorgestern stellte Philippe Kellermann im Rahmen der Frankfurter Gegenbuchmasse sein Buch „Anarchismusreflexionen“ vor. Darin versammelte er Gespräche mit elf Personen (unter anderem mit mir) über den Anarchismus, und zwar vor allem unter der Perspektive, was an anarchistischer Theorie heute noch brauchbar ist, wo Fehler liegen und so weiter.

Bei der Debatte ging es unter anderem auch um die Frage, warum anarchistische Theorie in Deutschland so wenig bekannt ist und kaum rezipiert wird und welche Auswirkungen das auf die Linke insgesamt hat. Ich schreibe die angesprochenen Punkte mal auf, um sie festzuhalten. Auch wenn die natürlich alle etwas plakativ und verkürzt sind.

* Marxismus ist der einzige Referenzpunkt für „linke“ Debatten in Deutschland (in anderen Ländern ist das nicht so) – also: Marx muss man kennen, um ein guter „Linker“ zu sein, Bakunin nicht. (generisches Maskulinum ist in diesem Fall bewusst gewählt).

* Der Marxismus ist inzwischen selbst ausdifferenziert, es gibt auch „libertäre“ Marxisten, die Teile von anarchistischem Gedankengut aufnehmen. Philippe Kellermann zog hier den Vergleich mit dem Christentum: Es wird immer dieselbe Bibel ausgelegt, aber alle interpretieren sie anders, sodass sich ganz unterschiedliche und gegensätzliche Ansätze auf dasselbe Buch berufen. Ähnlich ist es mit Marx: Auch seine Schriften werden ganz unterschiedlich interpretiert und alle möglichen Ansätze finden darin Belege für sich selbst.

* Ich würde dazu allerdings anmerken, dass das genau das Problem ist, denn während die Bibel tatsächlich eine große Bandbreite an Positionen enthält, da sie Texte von sehr unterschiedlichen Autor_innen versammelt und über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten entstanden ist, sind die Texte von Marx, wenn auch noch umfangreicher als die Bibel, doch eben von einem bestimmten Autor geprägt und lassen meiner Ansicht nach eigentlich keinen so wirklich großen Spielraum. Das heißt, auch wenn es natürlich eine Bandbreite an möglicher Interpretation gibt, so bleiben doch andere linke Positionen durch diese Fokussierung per se ausgeschlossen bzw. auf die Idee, es ganz anders machen zu können, kommt man gar nicht, wenn man innerhalb des „Marx-Kosmos“ bleibt.

* Historische Gründe: Die Dominanz der SPD in der deutschen Arbeiterbewegung, die von Anfang an anti-anarchistische Propaganda betrieb (wie auch Marx selbst), was dazu führte, dass anarchistische Theorie kaum bekannt war. Zu dieser Propaganda gehört maßgeblich die Behauptung, der Anarchismus hätte überhaupt keine Theorie.

* Besonders krass in Preußen, in Süddeutschland ist es teilweise anders. Und: Mit der Shoah ist die libertäre Tradition zusätzlich abgebrochen, weil libertäre Denker_innen vertrieben wurden.

* Übergroße Dominanz des Staates als Bezugsrahmen für linke Politik – hier sehe ich eine Kombination aus Marxismus und Preußentum. Politischer Einfluss wird hauptsächlich als Einfluss auf Parteien und Parlamente gedacht. Kritik und Forderungen kreisen um den Staat und darum, was Parteien und Politiker_innen falsch oder richtig machen. (Hier sehe ich eine Parallele zu einem Feminismus, der immer rund um das Patriarchat kreist).

* An den Unis gibt es praktisch nur „marxistische“ Professoren (oder gab es, inzwischen gibt es auch die nur noch selten). Das hängt auch damit zusammen, dass der Marxismus einerseits „akademischer“ auftrat und andererseits das bürgerliche Bildungsverständnis nicht grundsätzlich in Frage stellt.

* Dagegen wandte eine Teilnehmerin ein, dass das eigentlich nur für Fächer wie Wirtschafts- oder Politikwissenschaft stimmt, die marxistisch dominiert sind, während in Fächern wir Literatur- oder Erziehungswissenschaft durchaus anarchistische Theoretiker_innen rezipiert werden.

* Dazu fiel mir wiederum ein, das sich darin auch eine unterschiedliche Revolutionskonzeption zeigt, dass nämlich laut Marxismus die wesentlichen Themen dabei Ökonomie (Hauptwiderspruch) und Staatsform (Arbeiterpartei, Übernahme des Staates durch das Proletariat) sind, während anarchistische Theorie schon immer Revolution als breiter angelegtes Konzept verstand (Antipädagogik, Geschlechterverhältnis, alternative Konzepte des Zusammenlebens ausprobieren).

* Nach der Veranstaltung fiel mir noch ein Punkt ein, der hieraus folgt: Die Behauptung, Sozialismus wäre eine „wissenschaftliche“ Angelegenheit, führt zu der besonders in Deutschland verbreiteten Haltung, es gehe darum, „objektive Verhältnisse“ zu erforschen, die dann einen „objektiv richtigen Weg zur Revolution“ vorgeben (das zeigt sich in vielen politischen Debatten, auch solchen, die gar keinen Bezug auf den Marxismus nehmen. Aber meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen sind, evt. in Wechselwirkung mit Preußentum). Während in einer anarchistischen Tradition es eher darum geht, Verfahrensweisen angesichts von Differenzen zu finden: Es gibt keinen „richtigen“ Weg (den etwa eine Partei repräsentieren könnte) sondern Politik bedeutet, möglichst herrschaftsfreie Aushandlungsprozesse unter Verschiedenen zu ermöglichen.

* Letzter Punkt: „Den Anarchismus“ gibt es eigentlich nicht (nicht in derselben Weise wie „den Marxismus“), weil unter dem Label eigentlich alle zusammengefasst werden, die einen libertären, nicht-marxistischen Sozialismus vertreten. Auch in dieser Sichtweise ist eigentlich noch immer Marx die Referenz. Besser wäre es, von Bakuninsmus, Kropotkinismus, Goldmanismus, Reclusismus, Weilismus, Landauerismus und so weiter zu reden, und dass diese Wörter so bekloppt klingen, ist eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass das Konzept, politische Ideen in „ismen“ zu interpretieren, ohnehin falsch ist.

* Wichtig wäre es daher aus meiner Sicht, dass wir uns die linke Ideentradition unabhängig von Labels anschauen. Das heißt erstens: Texte von Linken aus der Geschichte vorurteilsfrei lesen und als Beiträge zu einer linken Tradition lesen, die uns für heutige Projekte und Kämpfe möglicherweise helfen können. Nicht versuchen, sie in Schubladen zu sortieren. Und vor allem: Sie mal lesen, ohne dass dabei gleich die Frage im Hinterkopf ist, ob sie mit dem Marxismus zusammenpassen oder nicht.

Subjektive Lektüreempfehlungen dazu meinerseits wären für den Einstieg:

Michael Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie
Peter Kropotkin: Die freie Vereinbarung
Emma Goldmann: Ursachen des Niederganges der russischen Revolution
Simone Weil: Unterdrückung und Freiheit

Aber im Prinzip ist das wie Nadel im Heuhaufen. Es gibt nicht den handlichen „Einstieg in den Anarchismus“ (ebenso wenig wie den handlichen „Einstieg in den Feminismus“). Anarchismus ist (wie Feminismus) kein „Fach“, kein „Thema“, sondern eher eine Haltung gegenüber der Welt. Bevor man das „lernen“ kann, muss man deshalb die eigenen Fragestellungen, Interessen und Perspektiven klären, denn je nachdem würden die Anknüpfungspunkte ganz unterschiedlich aussehen.

Eine gute Seite für den Einstieg in die Lektüre anarchistischer Klassiker_innen ist die auch Textsammlung auf anarchismus.at. Ebenfalls zum Stöbern: http://a-bibliothek.org/ -Überhaupt gibt es inzwischen viele Texte im Netz und auch einige als Gratis-E-Books.

Oder Ihr fangt hier im Blog an:
Eine Rezension von zwei neueren Textausgaben von Errico Malatesta und Gustav Landauer
Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien

Hier noch meine Rezension zur Neuausgabe von Emma Goldmans Memoiren „Gelebtes Leben“

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismusreflexionen. Zur kritischen Sichtung des anarchistischen Erbes. 11 Interviews mit Martin Baxmeyer, Torsten Bewernitz, Roman Danyluk, Sebastian Kalicha, Jens Kastner, Gabriel Kuhn, Jürgen Mümken, Wolf-Dieter Narr, Antje Schrupp, Peter Seyferth, Siegbert Wolf. AV-Verlag, 263 Seiten, 17 Euro.

30 Gedanken zu „Für mehr anarchistische Theorie

  1. Ob ich mich nun direkt auf Marx beziehe und es ‚Marxismus‘ nenne oder nicht: An einer Betrachtung von Kapital und Arbeit komme ich einfach nicht vorbei, wenn ich mir die gegenwärtigen Verhältnisse und deren materialistische Grundlagen erklären will. Das ist also aus meiner Sicht in der Tat ‚objektiv‘ notwendig für eine gesamtgesellschaftlich freiheitliche Bestrebung, ob sich diese sich nun links oder anarchafeministisch oder anders nennt. Bleibt die außen vor, so werden die auf dieser Ebene gewaltigen Unterschiede in der Möglichkeit aller, „das eigene Begehren in die Welt zu tragen“, ignoriert.

    Aber ja, das Gegenteil ist genau so falsch™: Marxismus allein kann längst nicht alles erklären, und ich lege mich immer gern mit Leuten an, die so was behaupten. Kapitalismus bring Sexismus zwar zwangsläufig hervor (durch den innerhalb seiner Logik nie aufzuhebenden Umgang mit Care-Arbeit und Schwangerwerdenkönnenden), das bedeutet aber noch lange nicht, dass Sexismus (der eben auch noch andere Ursachen hat) automatisch aufhörte zu existieren, gäbe es nur keinen Kapitalismus mehr. Und genau so wenig kann Kapitalismuskritik allein etwas dazu sagen, ob und wie sich grundsätzlich prima ohne Staat leben ließe.

    Insgesamt: Ob Geschlechterdifferenz, Staat+Herrschaft, Eigentum+Produktionsverhältnisse: Ich kann nichts davon denken, ohne das andere mitzudenken, wenn ich ‚Freiheit in Bezogenheit‘ zuende zu denken versuche.

  2. Ich habe im Sommersemester zum ersten Mal ein vollständiges Buch von Marx gelesen (die philosophisch-ökonomischen Manuskripte – sehr schwer, trotz Seminar an der Uni), und kenne noch keine der anarchistischen Texte, die du empfiehlst – also erst einmal vielen Dank. Aber die Literaturtipps scheinen mir tatsächlich der wertvollste Teil deines Beitrags zu sein.
    Bei den „herrschaftsfreien Aushandlungsprozessen“ bin ich mittlerweile sehr skeptisch. Wichtig wäre da für mich, wie die Herrschaftsfreiheit erreicht werden soll. In meinem alltäglichen Leben bin ich zur Zeit froh, wenn ich mich beim „Aushandeln“ etwa von Verträgen mit den Eltern meiner Nachhilfeschüler auf allgemeine Vorstellungen von dem was angemessen ist oder nicht berufen kann – es ist wenig genug.

  3. @susanna14 – Herrschaftsfreiheit als Maßstab und Kriterium ist ja schonmal was, etwas, das meiner Ansicht nach im Marxismus eine Leerstelle ist, weil dort die Herrschaft, die durch das Privateigentum an Produktionsmitteln entsteht, ersetzt wird durch Herrschaft in Form von Bürokratie und Parteiendisziplin. Eine Gefahr, die die frühen Anarchist_innen bereits gesehen und vor der sie gewarnt haben, dazu brauchte man also nicht auf Lenin, Stalin und Co. zu warten. Dass das nicht leicht umzusetzen ist, ist klar. Aber ich finde es noch bedenklicher, wenn man es gar nicht erst versucht. Und zum Beispiel sagt: Ich benutze Machtmittel, die mir zur Verfügung stehen, um Leute mundtot zu machen, weil das, was sie sagen und wollen wissenschaftlich erwiesen falsch ist und objektiv auch gar nicht in ihrem Interesse.

  4. Danke für die Lesetips. Was mir nur bislang nicht so recht einleuchten will: Wie soll eine anarchistische Gesellschaft überleben? Spontane oder verhandelte Ordnungen erzeugen – zumindest zeigt das die bisherige Geschichte – immer mehr oder minder explizite Hierarchien. Diese, und das hat schon Coase gezeigt, sind in der Produktion in aller Regel effizienter als nichtorganisierte Anarchen. Das Zauberwort heißt „Transaktionskosten“. Es ist eben unvertretbar teuer, jede Allokationsentscheidung (herrschaftsfrei) auszuhandeln. Bzw. während die einen verhandeln, produzieren die anderen längst – und majorisieren nachher qua materieller Macht die Unorganisierten. Just my two cents.

  5. Vielen DANK für die ausführlichen An- ud Bemerkungen und Zusammenstellung.

    Ich verweise gerne auf das #Buch von Horst Stowasser – Anarchie! – Idee – Geschichte – Perspektive und den #Film Die Utopie leben! Der Anarchismus in Spanien .. dort (meine kleine Zusammenstellung): http://axuse.wordpress.com/anarchie

    Anmerkung: Im ersten Kommentar wird ein Film erwähnt, hinter dem sich verbirgt – mit scheints – massives „smart government“ (Not-for-Profit-Organisation [Management] im Bildungs- & sozialen Sektor) – in dem Elitäre Emotionen angeregt werden „Inszenierungen lassen Wirklichkeiten entstehen und erzeugen Gemeinschaft“ – „Strategische Inszenierungen machen den Wandel steuerbar“ [expedere.de] als handele es sich um Religion, oder ..?

  6. @Antje Jetzt hast du mir nur erklärt, welche Formen von Herrschaft es im Marxismus, insbesondere im realexistierenden Sozialismus noch gibt/gab – aber nicht, wie AnarchistInnen das Problem lösen wollen.

  7. @Papadopoulos – Ja, das stimmt, aber inzwischen stellt sich ja (im Unterschied zum 19. Jahrhundert übrigens), dass die Frage nach der Effizienz nicht die einzige ist, die im Bereich von Ökonomie/gutes Leben wichtig ist. Effizienz hat eben auch unerwünschte und unvertretbare Begleiterscheinungen.

  8. @susanna14 – Ich weiß nicht, ob Anarchist_innen eine Lösung haben, aber sie schlagen Verfahrensweisen vor, die den Fokus auf Herrschaft legen. Also zum Beispiel: Wenig Staat, wenig Bürokratie, wenig institutionalisierte Macht. Das wirft andere Probleme auf, das sehe ich auch so. Zum Beispiel kann Bürokratie auch helfen, um Schwächere gegen die faktisch Stärkeren zu schützen. Nach Foucault müssen wir Macht außerdem weiter denken als nur in ihren institutionalisierten Formen, was im 19. Jahrhundert noch nicht so im Fokus war. Ich wollte mit dem Post auch keineswegs sagen, die ANarchistInnen haben prinzipiell die bessere Theorie als die MarxistInnen, ich plädiere nur dafür, ihre Ideen ebenso in der gegenwärtigen Diskussion zu berücksichtigen und zu Rate zu ziehen wie den Marxismus.

  9. @Antje, meine Frage bleibt die nach dem „Wie“. Ich finde die Diskussion ja sehr spannend, sehe nur lediglich keinen handhabbaren Ausweg aus dem Hamsterrad der basalen Bedürfnisse, die wiederum das Effizienzstreben befeuern – so lange nicht die gesamte Menschheit die Spitze von Maslows Pyramide erklommen hat 😉

  10. @Papadopoulos – Naja, da wären wir wieder bei der Kapitalismuskritik, denn die Effizienzsteigerung in großen Teilen der Ökonomischen Prozesse von heute führt ja gerade leider NICHT dazu, dass die basalen Bedürfnisse der Menschheit besser erfüllt werden, teilweise leider ist genau das Gegenteil der Fall…

  11. @Antje, sorry – dann sind wir abgedriftet 🙂 Wollte ja eigentlich den Anarchie-Gedanken diskutieren…Also: Hast Du eine Idee, wie diese „Nichtorganisationsform“ tatsächlich funktionieren kann?

  12. @Papadopoulos – Oja, da gibt es natürlich sehr viele Ansätze, Projekte usw. Es geht ja auch nicht um „Nichtorganisation“ (Organisation braucht es), sondern um eine möglichst herrschaftsfreie Organisation. Zum Beispiel: Zulassen vieler verschiedener Regel und Organisationsformen statt Suche nach der einzige wahren und für alle verbindlichen. Konsensverfahren statt Mehrheitsabstimmungen. Lösungen für konkrete Situationen finden. Bedenkenswert auch die Vorschläge von Elinor Ostrom – https://antjeschrupp.com/2010/06/26/elinor-ostrom-es-gibt-keine-allheilmittel/ Ein sehr weites Feld!

  13. Pingback: Für mehr Theorie – für weniger Feindbildpflege | ifawartburg

  14. Pingback: Für mehr anarchistische Theorie | Aus Liebe zur Freiheit | Die AnStifter

  15. bin gerade im urlaub, deshalb nur eine kurze frage: wo hast du die e- books gefunden? mein bücherregal ist weit weg und das digitale ausgelesen 😉 danke!

  16. Pingback: Prostitution in Norwegen, sexuelle Unterdrückung & Menstruationsgebiete « Reality Rags

  17. @ifawartburg –
    Weder ist mir die marxistische, noch die anarchistische Theorie geläufig, doch wenn ich Antje richtig verstehe, geht es ihr in der gegenwärtigen Diskussion darum, die anarchistische Idee ebenso zu Rate zu ziehen wie den Marxismus.
    Du schreibst in Deiner verlinkten Kritik: „Ich habe jedenfalls im ganzen Text kein einziges inhaltliches Argument gegen den Marxismus oder das, was Antje Schrupp dafür halt, gesehen.“
    Hm, warum dann diese Polemik?

  18. Ich mag jezt den Anarchismus 🙂 Danke für den Beitrag und die Aufklärung (zumeist in den Links)
    Allerdings stelle ich mir immer die Frage des Übergangs. Meist geht der nicht konfliktfrei vonher und es bildet sich im Konflikt eine Hierachie zum Erfolg. Ausser es würden Methoden von Anonymous angewendet, keine Führung und jeder kann sich einfach anschließen, sich so nennen und mitmachen. Allerdings die Eigentümer können da auch ohne Probleme mitspielen.

  19. „Es geht ja auch nicht um “Nichtorganisation” (Organisation braucht es), sondern um eine möglichst herrschaftsfreie Organisation.“

    Jede Organisation braucht aber Leute, die sich für ihr funktionieren zuständig fühlen – woher sollen die kommen, wenn sie nicht auch ein Versprechen darauf haben, mit ihren Vorstellungen bestimmend auf die Organisation einwirken zu können?

    Des weiteren: Ich bin Teil von sehr vielen Organisationen und ob die herrschaftsfrei oder nicht funktionieren, interessiert mich in der Regel überhaupt nicht – es interessiert mich, dass die funktionieren, und zwar gut funktionieren.

    Wenn es mich interessiert, dann bin ich in der Regel völlig damit einverstanden, dass da irgendjemand, der Lust drauf hat, „herrscht“ – meistens habe ich weder die Kenntnisse noch ein Interesse daran, Verantwortung übernehmen zu müssen.

    Dort, wo ich das möchte, versuche ich entweder selber, „Herrschaft“ zu erlangen, oder ich gehe ganz einfach – die Möglichkeit, „Gehen“ zu können, kommt mir daher sehr viel wichtiger vor als die „Existenz herrschaftsfreier Organisationen“.

    Zur letzteren Gattung zu gehören, das haben auch schlimmste Diktaturen behauptet – mir ist völlig unklar, wie sich da „anarchistische Theorie“ abgrenzt.

    Fehlt da nicht vielleicht ein Mehr an Theorie, sondern einfach mal der Nachweis, dass auch nur ein Quentchen dieser Theorie praktikable Hinweise auf Möglichkeiten von Organisation in einer modernen Gesellschaft bietet?

  20. @Andreas – ich glaube, du hast ein so weites Verständnis von „Herrschaft“, dass du es mit „Organisation“ quasi gleichsetzt. Natürlich bedeutet Organisation auch, dass Entscheidungsbefugnisse unter gewissen Bedingungen ungleich verteilt sind usw. Dein Punkt „Die Möglichkeit, gehen zu können“ ist zum Beispiel ein ganz wichtiges Kriterium, ob eine Organisation herrschaftsfrei ist oder nicht – also in dem Sinne, dass wenn Beteiligte nicht gehen können, es sich nicht mehr um Organisation, sondern um Herrschaft handelt. Ein anderer Punkt ist, ob alle beim Entwickeln der Regeln beteiligt waren usw.

  21. @andreas – Also dein lapidares „Oder dann gehe ich einfach“ macht deutlich, dass du keine echte Vorstellung davon zu haben scheinst, was es bedeutet, Herrschaft ausgeliefert zu sein, denn dann wüsstest du, dass man als „Beherrschter“ eben gerade nicht „einfach so gehen“ kann.

  22. @AntjeSchrupp:

    Ich glaube, dass Du wohl kaum beurteilen kannst, wovon ich eine Vorstellung habe oder nicht – ausserdem ist hier nicht meine Person das Thema.

    Im übrigen hat ja auf die Idee, dass es wichtig ist, „Gehen zu können“, keiner das Patent – die ist in Wirklichkeit uralt. Selbst die Tatsache, dass sich ausserhalb Europas häufig Diktaturen entwickelt haben, wird von einigen Geschichtswissenschaftlern darauf zurückgeführt, dass dort Menschen eben nicht gehen können, weil sie Zugang zu Wasser brauchten: Wer den Zugang zu Wasser kontrollierte, kontrollierte die Menschen.

    Ich bin z.B. der Meinung, dass das „Gehen können“ auch nicht mit der Existenz von Nationalstaaten vereinbar ist, oder aktuell der Tatsache, dass Europa Einwanderer an seinen Grenzen zurückweist. Mit welchem Recht eigentlich, frage ich mich da immer.

    Deinen Punkt „Alle sind am Entwickeln der Regeln beteiligt“ finde ich absurd – bei welcher Organisation, deren Teil Du bist, bist denn z.B. Du beim Entwickeln der Regeln beteiligt gewesen?

    Ich bin überall nur hineingeboren worden, habe alte Strukturen vorgefunden etc. …

  23. @Ute Plass:

    Es ist doch merkwürdig zu sagen, man möchte zwei Theorien gleichermaßen zu Rate ziehen bevor man sich einmal angeschaut und beurteilt hat, was in diesen drin steht. Es ist ja auch nicht so, dass Antje keine Beurteilung macht. Bloß ist die nicht inhaltlich, sondern formell: Marxismus ist zuviel, deshalb braucht es mehr Anarchismus. Es ist aber komisch jenseits jeden Inhalts den Maßstab an Theorien anzulegen sie sollen ausgeglichen vorkommen. Und es ist auch unehrlich. Es geht in Wiklichkeit niemandem darum Theorien ausgeglichen zu behandeln, sondern Antje stört sich an der angeblichen Dominanz des Marxismus, aber sie kritisiert ihn nicht inhaltlich, obwohl sie etwas gegen ihn hat, sondern sie meint, es solle Ausgeglichenheit herrschen. Deshalb hat es mich auch geärgert, dass kein inhaltlichen Argumente gegen den Marxismus fallen.

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