Verantwortlichkeiten

Ich möchte euch ein schönes Portrait über die feministische Theologin Amina Wadud empfehlen, die muslimische Frauen auffordert, der patriarchalen Interpretation des Islam deutlicher zu widersprechen. „We let patriarchy to take over“ kritisiert sie, das heißt, sie richtet sich mit ihrem Appell nicht an „die anderen“ (die Männer, das Patriarchat, die Typen vom Islamischen Staat) sondern an „uns“ – in diesem Fall die muslimischen Frauen – und fordert sie auf, Verantwortung für die Art und Weise zu übernehmen, wie sich der Islam derzeit entwickelt.

Ich poste das hier auch deshalb, weil mich einige Reaktionen auf meinen Blogpost zum Thema Rape Culture doch verwundert haben. Dort schrieb ich unter Bezug auf die Arbeiten von Mithu M. Sanyal, Frauen seien „mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht ‚performen‘ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff Rape Culture, also Vergewaltigungskultur zusammengefasst wird.“ Das wurde kritisiert mit dem Argument, damit würde ich Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld zuweisen, also letztlich Victim Blaming betreiben.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

Selbstverständlich ist keine Frau, die vergewaltigt wird, in irgendeiner Weise selbst daran „schuld“. Schuld ist immer zu 100 Prozent der Täter. Das festzustellen bedeutet aber nicht, dass Frauen in Bezug auf Vergewaltigungskultur generell keine Verantwortung tragen würden, dass es also für sie unmöglich wäre, diesbezüglich eine aktive Rolle einzunehmen. Und immer, wenn es jemandem möglich ist, aktiv etwas zu tun, lässt sich auch sinnvollerweise darüber diskutieren, ob das, was jemand tut, richtig oder falsch, sinnvoll oder sinnlos ist.

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine anderen Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

Die Frage nach der moralischen Schuld lässt sich sowieso immer nur im Einzelfall beantworten, niemals pauschal. Kriterium dafür ist, ob eine Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige tut oder nicht. Normalerweise können das Außenstehende gar nicht beurteilen (weshalb ich es sinnvoll finde, dass in religiösen Kontexten diese Entscheidung „Gott“ überlassen wird, aber das nur nebenbei. Die Eliminierung der Kategorie „Gott“ aus dem politischen Diskurs ist meiner Meinung nach einer der Gründe für diese ständige Vermengung von moralischer Schuld und politischer Verantwortung).

Auch wenn wir uns also zurückhalten müssen, eine anderen Person im Einzelfall als moralisch schuldig zu verurteilen, weil wir die jeweiligen Umstände höchstwahrscheinlich nicht vollständig erfassen, so können wir uns aber durchaus mit solchen ethischen Fragen auf einer politischen Ebene auseinandersetzen. Dabei geht es aber eben nicht um Moral und Schuld, sondern um Verantwortlichkeit. Nicht nur die „Täter“ und „Mächtigen“ sind für ihr Handeln verantwortlich, nicht nur sie haben Handlungsspielräume – zum Glück, denn es ist keine aussichtsreiche politische Strategie, bloß Forderungen an „die da oben“ zu stellen. „Die da oben“ werden unseren Forderungen nicht nachkommen. Der politische Wandel geht, wenn überhaupt, dann von uns selber aus. Die interessante Frage ist deshalb: Was wollen_können_sollen wir tun? Und nicht: Was sollen wir von „denen da“ fordern?

„Niemand hat das Recht, zu gehorchen“, sagte Hannah Arendt. Ihre Kritik an den „Judenräten“, die als jüdische Autoritäten die Nazis bei der Organisation des Lebens in den Ghettos unterstützten (mit besten Absichten), hat ihr von jüdischer Seite ebenfalls den Vorwurf des „Victim Blaming“ eingebracht. Der Hinweis darauf, dass es kein Recht zu Gehorchen gibt, dass es also nicht erlaubt ist, den eigenen Konformismus damit zu rechtfertigen, dass irgendwelche Autoritäten das verlangt oder so vorgeschrieben haben, ist aber gerade auch für den Feminismus wichtig. Denn viele Frauen nutzen ihre Handlungsmöglichkeiten aufgrund von zu viel „Gehorsam“ nicht aus, sie scheuen Konflikte, legen Wert auf männliche Anerkennung, fokussieren sich ausschließlich auf ihr Privatleben und so weiter. Das lässt sich auf einer generellen Ebene durchaus als Problem feststellen, auch wenn es auf einer moralischen Ebene nicht möglich ist, in einem konkreten Fall von außen zu entscheiden, welche Handlungsmöglichkeiten eine konkrete Frau nun tatsächlich hat oder nicht.

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

Denn niemand hat überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten. Und genau das ist der Hebel für politische Transformationen. Veränderung hin zu einer freiheitlicheren Welt ist nur möglich, wenn die betroffenen Akteur_innen selbst etwas bewegen; Veränderung wird nie „von oben“ ausgehen.

Das ist im Übrigen kein Aufruf zu Aktionismus. Wir wissen ja längst, dass zu viel Aktivismus oft genauso schädlich für eine positive Transformation ist wie zu wenig. „Nicht Handeln“, wie Simone Weil es nannte, ist oft besser, als falsch zu Handeln, und falsches Handeln aus guten und ehrenwerten Motiven kann ebenso viel Schaden anrichten wie unterlassenes Handeln.

Aber dass Menschen, die Opfer von ungerechten Verhältnissen sind, keine Schuld an ihrer Lage haben, bedeutet nicht, dass sie innerhalb dieser Verhältnisse keine politische Verantwortung trügen und keinerlei Handlungsoptionen hätten. Dass sie sich realistisch und ohne moralischen Impetus untereinander über diese Optionen und die eigenen Verantwortlichkeiten austauschen und sich über ihre Möglichkeiten klarwerden, ist aus meiner Sicht der entscheidende Hebel für feministisches (und vermutlich auch anderes) Engagement.

26 Gedanken zu „Verantwortlichkeiten

  1. Hallo Antje, ich lese gerade ein wunderbares Buch von Birgit Rommelspacher, „schuldlos – schuldig“ in welchem sie den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung erklärt. Mir ging es gerade bei den Debatten um die deutsche Vergangenheit so, dass ich den Eindruck hatte, die Menschen tauschen das Wort „Schuld“ gegen das Wort „Verantwortung“, weil gerade die Nachgeborenen nicht schuldig sein wollen (und auch irgendwie wissen, dass das Unsinn ist), weil sie aber doch Schuldgefühle von ihren Eltern übernommen haben und auch damit leben müssen, dass das Kollektiv „Deutschland“ nicht mehr zur Selbstidealisierung taugt und darunter leiden.

    Birgit Rommelspacher konkretisiert, worin gerade Schuld und Verantwortung bestehen. Verantwortlich ist man für alle Taten, die man als zurechnungsfähiger freier Mensch tut oder unterlässt – schuldig wird man, wenn man seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Und viele Menschen haben sich während des NS-Regimes schuldig gemacht. Die Verantwortung der Nachgeborenen besteht darin, die Verdrängung und die damaligen Denkweisen nicht fortzusetzen und für die Überlebenden und die Nachkommen der Opfer eine Gesellschaft zu schaffen, in der sie sicher sind. Wenn wir das nicht tun, machen wir uns ebenfalls schuldig.

    Insofern gilt: Ja, es gibt Schuld in der Politik. Und ich glaube, du solltest da auch nicht Hannah Arendt als Gewährsfrau heranziehen. Hannah Arendt begklagt in ihrem Aufsatz „Verantwortung in der Diktatur“ gerade, dass die meisten Menschen sich heutzutage scheuen, Urteile zu fällen.

    Ich merke, dass mich die Diskussionen zu Schuld und Moral und zum Dritten Reich viel mehr interessieren als der Diskurs über Vergewaltigung. Du sagst jetzt; die Frauen, die mit den verschiedenen Verhaltensweisen, die du aufzählst, dazu beitragen, dass die Vergewaltigungskultur fortgesetzt wird, hätten möglicherweise keine anderen Möglichkeiten. Bei mir klingelt es da nur: Typischer Entlastungsdiskurs, was die NS-Zeit anbelangt.

    Der Verweis auf Gott, der angeblich dafür zuständig sei, Schuld zu vergeben, widerspricht nach einigem, was ich in letzter Zeit gelesen habe (diverse jüdische Blogs und eben das Buch von Birgit Rommelspacher), der jüdischen Konzeption. Nach dieser Konzeption kann nur derjenige, dessen Rechte verletzt wurden, verzeihen, das heißt, Gott kann verzeihen, wenn seine Rechte verletzt wurden, aber nicht, wenn die Rechte von Mitmenschen verletzt wurden. Mord ist dadurch unverzeihlich, weil der Ermordete nicht mehr verzeihen kann. Schuld ist keine rein innerliche Kategorie, sondern auch eine gesellschaftliche. Moral hat in der Politik ihren Platz. (Ich lese zur Zeit mehr Kant als Arendt – im Text zum ewigen Frieden gibt es einen hübschen Anhang, in dem er das erklärt.)

    Ich glaube, das Problem im vorangegangenen Artikel bestand darin, dass du nicht expliziert hast, mit welchen Verhaltensweisen Frauen dazu beitragen, die Vergewaltigungskultur zu perpetuieren. Jetzt tust du es – und ich warte auf den Shitstorm, der sich auf das Wort „auzbretzeln“ stürzen wird. Das zweite Problem bestand wahrscheinlich darin, dass du nicht die Unterschiede klar gemacht hast: Jeder Mensch ist hundertprozentig verantwortlich dafür, ob er vergewaltigt oder nicht, und wenn er sich entscheidet, zu vergewaltigen, macht er sich schuldig. Aber auch alle anderen tragen Verantwortung für ihr Verhalten und machen sich schuldig, wenn sie dieser Verantwortung nicht gerecht werden, wenn sie etwa Verständnis für den Täter äußern oder victim-blaming betreiben.

  2. Danke für diesen interessanten Denkanstoß! Ja, wir sind alle mitverantwortlich für Strukturen, und manche von uns machen sich in opportunistischer Weise auch persönlich am Fortbestand dysfunktionaler und schädlicher Strukturen schuldig. Das ist durchaus selbstkritisch gemeint. Wir (das heißt ich und vermutlich andere auch) denken immer wieder zu wenig darüber nach, in welchen Situationen wir es uns leisten können, wollen, müss(t)en, etwas Bestimmtes und Konkretes zu tun oder zu unterlassen. Und dieses Tun oder Unterlassen festigt oder ändert die Strukturen, ein kleines Bisschen in unserem sozialen Kontext und ein gewichtiges Stück in uns selbst.

  3. @susanna14 – ich schreibe nicht, dass nur Gott Schuld vergeben kann, sondern dass nur Gott letztendlich ein Urteil darüber fällen kann, ob und inwiefern jemand schuldig geworden ist, weil nur „Gott“ (also eine transzendente Kategorie) wirklich alle relevanten Umstände Wissen und berücksichtigen kann. Vergebung hingegen ist tatsächlich eine innerweltliche und daher innermenschliche Handlungsoption, und zwar eine politische (das steht ja ebenfalls schon bei Arendt, der ich mich auch hier völlig anschließe).

  4. PS: wobei natürlich in manchen krassen Fällen auch die moralische Schuld bei der Politik eine Rolle spielen kann, etwa wenn Sachlagen ziemlich klar und wenig ambivalent sind, aber in der inflationären Weise, wie im politischen Diskurs mit Schuld und Moral hantiert wird, ist das imho völlig daneben.

  5. „Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln“
    Leider musste ich hier spontan an Evangelikale (nicht nur?) in den USA denken, die nach den Prinzipien der „christian patriarchy“ leben. Den weiblichen Mitgliedern dieser Gruppen wird vermittelt, sie seien für das „Straucheln“ eines Mannes verantwortlich, wenn sie diesen durch zu freizügiges Benehmen oder Kleidung in Versuchung führen. Ich nehme nicht an, dass das wirklich gemeint war. Andererseits bin ich mir unsicher, wie ich hier „sexualisiert“ verstehen soll – Minirock und tiefer Ausschnitt. oder reicht auch schon eine „dezente“ Betonung weiblicher „Reize“? Ich habe Schwierigkeiten mit diesem Punkt.

  6. @Trippmadam – der entscheidende Punkt an meinem Satz war sein zweiter Teil, der, den du nicht zitierst hast. Sexualisiert ist in jeder Form okay, wenn die Frau es will. Wenn sie es aber aus Konformismus tut, zum Beispiel, weil sie glaubt, nur so die Aufmerksamkeit von Männern zu bekommen, oder weil eine Frau eben „sexy“ aussehen muss, um eine „richtige, coole“ Frau zum sein, dann trägt ist das eine Art von „Performanz Gender“, die Vergewaltigungskultur stabilisiert.

  7. Im übrigen tragen auch Frauen, die den Evangelikalen gehorchen und lange Strümpfe tragen, um Männer nicht „anzuregen“, aktiv zur Vergewaltigungskultur bei. Ich finde übrigens, das gilt auch für Frauen, die das Kopftuch nicht aus religiösen oder modischen Gründen tragen, sondern mit diesem Argument, dass sie damit weibliche „Reize“ verdecken wollten.

  8. Zur Präzisierung: „eher nachvollziehen“ kann ich Deine Antwort von 01.06, über die Fortsetzung von 01.16 mache ich mir noch Gedanken. (Nichts für ungut.)

  9. Vielleicht lässt sich ja als Angelegenheit von Verantwortung so etwas sagen: Keine noch so aufreizende Kleidung oder aufreizendes Verhalten rechtfertigt eine Vergewaltigung, aber es ist zumindest nicht nett, Männer damit zu provozieren. Sie können damit provoziert werden, ebenso wie potenzielle Diebe mit einem unabgeschlossenen Fahrrad provoziert werden können. In der idealen Welt müsste das Fahrrad nicht abgeschlossen werden, aber in dieser Welt provoziert jede_r europäisch aussehende_r Tourist_In in Afrika die Bettler, und es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass es so wie hungernde Menschen auch sexhungernde Menschen gibt, mitten unter uns. Da dann nicht zu provozieren, auch wenn es theoretisch, rechtlich erlaubt ist, ist ein Stück Verantwortung empfinden.

  10. @marko – Männer vergewaltigen Frauen nicht, weil sie Lust auf Sex haben, sondern weil sie Macht und Überlegenheit demonstrieren wollen. Die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, hängt nicht von der Kleidung der Frau ab, in muslimischen Ländern zum Beispiel, wo Frauen sehr “verhüllt” sind, gibt es genauso viele Vergewaltigungen wie sonstwo.

  11. Die Wahrscheinlichkeit, vergewaltigt zu werden, hängt nicht von der Kleidung der Frau ab, in muslimischen Ländern zum Beispiel, wo Frauen sehr “verhüllt” sind, gibt es genauso viele Vergewaltigungen wie sonstwo.

    Wenn es unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen und Geschlechterrollen überall gleich viele Vergewaltigungen gäbe, könne man es sich sparen, etwas dagegen unternehmen zu wollen.

  12. Woher will man eigentlich wissen, wie viele Vergewaltigungen es in streng islamischen Kulturen gibt? In manchen Ländern käme die Aussage, vergewaltigt worden zu sein, einer Selbstanzeige als Ehebrecherin gleich. Erzählt man das dann einer wildfremden Sozialforscherin? Moment, in manchen Ländern dürfen Frauen gar nicht als Wissenschaftlerin durch die Gegend fahren …

  13. Es mag (extreme) Situationen geben, in denen tatsächlich keine Handlungsoption besteht. In diesen Fällen finde ich es falsch, von Verantwortung (im Sinne von Mitverantwortung des Opfers) zu sprechen.
    Sicherlich haben aber die, die ich hier „Zeuginnen“ nennen möchte, tatsächlich eine Mitverantwortung, so z.B. Frauen, die die Strukturen des Patriarchats nutzen und mit dem jeweiligen Patriarchen kooperieren, um sich selbst Freiräume und ein wenig Macht (über andere Frauen) zu sichern.

  14. Die Akteur_Innen sollten selbst etwas bewegen,nicht in Aktionismus sich verlieren,sagst Du.Das ist auch meine Meinung,tat dies dann auch.Nur,viele Frauen haben nicht verstanden,dass dies nicht automatisch an Möglichkeiten,Wege öffnet.Darum,meine Meinung bleibt hier wie schon sehr lange gedacht und geäussert,Halbprofis-Laien-Profis mögen sich doch zusammenschliessen um Wille der Spielfreude vordergründig,statt Perfektionismus auf recht zu halten .Pionier_In sein auf der Ebene vom „Kirchenfolk“ ist einerlei.Das andere,mit mehr an Möglichkeiten befähigten Leuten,die von dem Gebrauch mach(t)en,was auf Basis von jene(Frauen)die diese Anfänge erarbeiteten geschah/geschieht, dafür „Opfer“ wurden,..es gibt noch zu wenig Antworten,wie wir dies gemeinsam,engagiert in Szenen setzen können.

  15. Hallo,

    Ich finde, dass Sie eine sehr merkwürdige und realitätsferne Vorstellung von Vergewaltigung haben.

    Mir wurde nie beigebracht, dass ich zuerst Nein sagen müsste, um mich für Männer interessant zu machen. Schon diese Unterstellung ist absurd!

    Ich bin ins Büro des Täters gegangen, nicht ahnend, was er mit mir vorhatte. Und ich denke, dass ich in einer modernen Welt auch alleine ins Büro eines Dozenten gehendarf, ohne mir zuerst eine Anstandsdame zu holen.

    Und natürlich liegt es in meiner Verantwortung, Ihren Artikel zu kommentieren und Sie aufzuklären, weil Sie (und viele andere) offenbar wenig Ahnung haben.

  16. ich will mal ganz kurz stellung zum thema feminismus beziehen.
    aus meiner lebenserfahrung heraus, fängt der zuhause mit den eltern an, oder eben nicht.
    meine haben mir vertraut, mir freiheiten gewährt, haben mich fast alles was sie selber konnten gelehrt und auch „machen lassen“. und das ende der 50er und in den 60ern.
    es hat dazu geführt, dass ich ein starkes selbstbewußtsein bekam und dieses mich durch das leben getragen hat.
    und da bin ich dann wieder an meinem „dauer-leier-spruch“: erziehung ist eben wichtig und muß auch stattfinden. dieses moderne rumgeeiere mit (kleinen) kindern stärkt nämlich nicht das selbstbewußtsein.
    weil es die unvernmeidlichen rückschläge, meistens, und in jeder form, unkommentiert und unreflektiert läßt, das kind damit ( Rückschläge) aber gar nicht umgehen kann. es hat ja nicht gelernt, an-erzogen bekommen, dass nein auch sinn macht.
    das bringt, auf lange sicht, schwer geschädigte menschen hervor. die zum einen „schwächlich sind“ zum anderen aber auch „gewaltbereiter“.
    das klingt jetzt pauschal, läßt sich aber natürlich auch seitenlang** mit großen und vielen worten erklären. am inhalt ändert sich nichts, egal ob 227 worte oder 22tsd700.

    **ich bin aber für kurz und knapp und effizient.

  17. k. – „Schon diese Vorstellung ist absurd“ – Das Narrativ, das Frauen sich „zieren“ (sollen), zieht sich durch die gesamte westeuropäische Literaturgeschichte. Mag sein, dass das IHNEN (die Sie ja offenbar das Zentrum des Universums sind) nicht beigebracht wurde. Aber zu bestreiten, dass diese Vorstellung von „Weiblichkeits-Performance“ ein Teil unserer Kultur sind, und zwar einer der größtenteils von Müttern an Töchter weitergegeben wurde, ist lächerlich.

  18. @Irene – Wenn ich sage, dass die Zahl der Vergewaltigungen nicht von der Kleidung der Frau abhängt, dann sage ich damit ja nicht, dass es von gar nichts abhängt. Es gibt also NICHT überall gleich viele Vergewaltigungen, der Anteil steht nur nicht in Abhängigkeit dazu, wie Frauen sich kleiden. Mithu Sanyal sagt, es gibt einen Zusammenhang zwischen Geschlechter-Egalität und Vergewaltigungsraten. Was ich plausibel finde: Je mehr Männer Frauen als „ihresgleichen“ betrachten, desto weniger werden sie vergewaltigen.

  19. Danke für diesen Beitrag. Ich spüre diese Verantwortung extrem auf mir lasten, als Mutter von Mädchen und Jungen. Nicht unbedingt in dem, was ich so “predige“, sondern, was ich meinen Kindern für ein Frauenbild vorlebe. Und dieses ist leider allzuoft das Bild einer unzufriedenen, überforderten, allen alles Recht machen wollenden, unausgelasteten, sich selbst hässlich findenden jungen Frau. Was nutzen da all die schönen Worte und großen feministischen Theorien, von denen mein Verstand so überzeugt ist, sich aber tatsächlich aus den – wie es mir scheint – frauentypischen Ängsten (was, wenn den anderen nicht gefällt, was ich tue? Wenn mich dann niemand mag? Könnte ich leben?) zu befreien, ist für mich eine derbe Herausforderung, um es milde auszudrücken.

    @ Carola Natürlich bist nicht Du im konkreten Fall verantwortlich! Das muss mit Deinem Fall gar nichts zu tun gehabt haben. Es ging um den Zusammenhang zwischen der immer noch weit verbreiteten Kultur des sich Zierens und der Annahme unter Männern, dass ein Nein kein echtes Nein und jeder Widerstand nur der vorgeschobene Anstandswiderstand sei, was Übergriffe begünstigt….

  20. Frau Schruppe: Schön, dass Sie mich als Zentrum des Universums sehen. Soll ich lieber Statistiken präsentieren und in Drittperson(en) von Opfern, Frauen usw. sprechen?

    Wenn es beim Thema Vergewaltigung nicht um die vergewaltigten Menschen und um Prävention geht, um was sonst? Feminismus, was die Vergewaltiungskultur befördert, hilft den Betroffenen nicht.

    Ich bin tatsächlich nicht westeuropäisch von Geburt her. Mich nervt es, dass die Integration in die westeuropäische Kultur offenbar beinhaltet, dass Frauen sich an Sex interessieren sollen aber sich zieren sollen. Genau sowas in der Art hat mir der Vergewaltiger auch gesagt, dass europäische Frauen eben so sind und dass wenn ich mich für den Sex nicht öffne, ich eben unintegriert wäre, und dass er mir nur helfen wollen würde.

    Die Annahme, dass Vergewaltigungsopfer ja durch ihr Nichtwehren beim Sex mitgemacht haben, propagiert z.B. der BGH Richter Fischer auf ZEIT. Ihre Argumentation bezüglich „weibliche Performance“ geht in die selbe Richtung.

    Wenn ein Mann eine ahnungslose Frau im Park überfällt, wo hat die Frau „Sex gewollt und nur geziert“?

    Wenn Sie sich meinen, dass Sie persönlich darauf achten wollen, dass SIE nicht mehr Nein sagen, wenn SIE Ja meinen, dann finde ich das toll und gehe ich mit Ihnen d’accord. Aber unterstellen Sie nicht generell Vergewaltigungsopfern, dass sie sich so verhalten hätten.

    Klar gibt es Frauen, die Victim Blaming betreiben; die Opfer mundtot machen; die sich mit Tätern solidarieren; die sich interessant machen wollen in dem sie zuerst Nein sagen; wenn sie Ja meinen. Klar gibt es Frauen, die keine Ahnung haben, wie es ist, vergewaltigt zu werden. Klar gibt es Frauen, bei denen in der Kindheit ihre Väter immer Prostituierte mit nach Hause geschleppt haben, die Mütter sich nicht getraut haben, dem Verhalten zu widersprechen, und deshalb jetzt als Erwachsene auch denken, dass Männer nur das Eine wollen (und Sexwitze und Vergewaltigungswitze reißen, um sich als emanzipiert und tolerant zu zeigen und sich beliebt zu machen – mit Erfolg).

    Vergewaltigungsbetroffene sind für das Verhalten dieser Frauen nicht mitschuldig. Und ich tue jedenfalls genug, um diesbezüglich aufzuklären. (Auch wenn man mir vorwirft, dass ich im Zentrum des Universums stehe ;-).

  21. @K – „Die Annahme, dass Vergewaltigungsopfer ja durch ihr Nichtwehren beim Sex mitgemacht haben, propagiert z.B. der BGH Richter Fischer auf ZEIT. Ihre Argumentation bezüglich “weibliche Performance” geht in die selbe Richtung.“ – Nein, tut es nicht, was ich schreibe, geht in eine völlig andere Richtung.

    – „Klar gibt es Frauen, die Victim Blaming betreiben; die Opfer mundtot machen; die sich mit Tätern solidarieren; die sich interessant machen wollen in dem sie zuerst Nein sagen; wenn sie Ja meinen. Klar gibt es Frauen, die keine Ahnung haben, wie es ist, vergewaltigt zu werden. Klar gibt es Frauen, bei denen in der Kindheit ihre Väter immer Prostituierte mit nach Hause geschleppt haben, die Mütter sich nicht getraut haben, dem Verhalten zu widersprechen, und deshalb jetzt als Erwachsene auch denken, dass Männer nur das Eine wollen (und Sexwitze und Vergewaltigungswitze reißen, um sich als emanzipiert und tolerant zu zeigen und sich beliebt zu machen – mit Erfolg). Vergewaltigungsbetroffene sind für das Verhalten dieser Frauen nicht mitschuldig.“ – Nein, sind sie nicht, eher andersrum: Das Verhalten dieser Frauen stabilisiert und ermöglicht eine Kultur der Vergewaltigung, deshalb sind diese Frauen für ihr Verhalten in die Verantwortung zu nehmen. Genau das wollte ich mit meinem Blogpost sagen.

  22. Frau Schrupp: wenn Sie Ihre Aussage anders meinen wie von Herrn Fischer z.B., müssten Sie es vielleicht präziser schreiben.

    Wenn Sie z.B. von „uns“ und „diesen Frauen“ sprechen, ist es auch nicht klar, wen Sie meinen. Reden Sie doch mit vergewaltigten Frauen statt über sie, als ob sie irgendwie Ihre Forschungsobjekte wären….

    Für Vergewaltigungungsopfer sind Frauen, die Victim Blaming betreiben, Täter schützen, Vergewaltigung bagatellisieren, genauso problematisch bzw. fast noch problematischer als Männer, die ähnliche Aussagen machen. Es gibt ja auch sogar Feministinnen, die sexuelle Gewalt verharmlosen. Sie sind für Opfer keine Hilfe, im Gegenteil.

    Warum viele Frauen an Vergewaltigungsmythen glauben, da gibt es genug Thesen. Frau will sich selbst als stark erleben, sich als unverwundbar und erfolgreich erleben und diestanziert sich deshalb von Opfern („Ich bin ja nicht so schwach“, „ich mache nichts falsches, also kann mir nichts passieren“. „wenn es der Frau so schlecht geht nach einmal Sex gegen Willen, dann hat die Erziehung schon mal nicht gestimmt“, „die ist einfach nicht selbstbewußt genug, ich bin selbstbewußt, mir macht sowas nicht aus“)

    Opfer müssen oft genug anhören, dass sie nicht aufgrund der Vergewaltigung traumatisiert wären, sondern z.B. dass das angeborene Persönlichkeitsneigung zu Depression wäre, oder dass das durch z.B. zu strikte Erziehung in der Kindheit käme. Genau mit solchen Begründungen werden oft OEG-Anträge abgelehnt.

    Wenn Sie, Frau Schrupp also genau da Slaz in die Wunden legen mit Ihren Aussagen zu Traumatisierungen nach Vergewaltigung, unterstützen Sie leider auch diese Vergewaltigungsmythen. Zumal Sie ja auch in einem vergangenen Artikel über eine hypothetische Überlegung „lieber Finger ab oder lieber vergewaltigt werden“ geschrieben haben.

  23. Pingback: Links Kalenderwoche 18/2015 | Alles ist wahr.

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