Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

Neulich fühlte ich mich kurzzeitig ertappt, weil ich in einer Kolumne von Menschen las, die durch die Gegend laufen und alles daraufhin „scannen“, ob es vielleicht brauchbar ist für ein Posting auf Facebook, Instagram, Twitter. Das mache ich nämlich auch oft: dass ich Erlebnisse und Dinge, die mir auffallen, gleich im Kopf „übersetze“ in ein Foto, in einen Tweet, in einen Blogpost.

Erwischt! Ich bin ja gar nicht mehr richtig im Leben! Ich missbrauche das richtige Leben für meine mediale Selbstdarstellung im Internet!

Stimmt diese Erzählung?

Wenn ich über meine eigene Praxis dazu nachdenke, dann würde ich es eher so beschreiben, dass Social Media für mich einen „Abflusskanal“ bildet für die Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Mir fällt etwas auf, mich wundert etwas, ich habe einen Gedanken, eine Idee, eine Frage – und ab damit ins Internet.

Mache ich das wegen der Likes? Ist das Narzissmus? Ich glaube nicht, dass das das Hauptmotiv ist, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es vielleicht auch eine Rolle spielt.

Andererseits ist es aber doch so, dass die interessantesten und originellsten Sachen (aus meiner Sicht) nicht unbedingt die sind, die mit den meisten blauen Daumen belohnt werden. Es gibt im Internet eine gewisse (allerdings keine zwingende!) Korrelation zwischen der Banalität eines Postings und der zahlenmäßigen Resonanz. Es wird nicht unbedingt Originalität „belohnt“, sondern in der Regel Wiedererkennbarkeit, Mainstream.

Ich finde das auch gar nicht schlimm. Bei privaten Accounts hat dieser Mechanismus ja auch keine schlimmen Folgen, anders als etwa auf den professionellen (und aus kommerziellen Gründen auf Resonanz angewiesenen) Contentlieferanten. Aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass meine Ideen dann besonders toll sind, wenn sie massenweise Zustimmung bekommen. Ich freue mich durchaus über Likes und Retweets, denn sie bedeuten, dass jemand sich kurz über etwas von mir gefreut hat, dass etwas von mir irgendwo ein Quentchen positiver Wahrnehmung verursacht hat, und das ist doch schön. Es ist aber für mich nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit „Mikropostings“ im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

Das ist übrigens immer noch sehr wichtig für mich. Aber es ist ja nicht immer jemand da, wenn mir was durch den Kopf geht. Social Media erlaubt mir gewissermaßen, den Kreis solcher „Reflektions-Gesprächspartner_innen über Alltagskleinigkeiten“ in eine größere Öffentlichkeit hinein auszuweiten.

Vielleicht kennt sich jemand mit dem Thema aus, war auch schon mal an diesem Ort, whatever! Ich merke schnell, wenn eine Idee Bullshit ist oder jedenfalls starke Schwächen hat, weil von Leuten, deren Urteil ich was zutraue, entsprechende Hinweise kommen. Oder andersrum, dass an einer Idee was dran ist, weil sie weitergedacht und gelobt wird.

Apropos blauer Daumen: Ich schaue dabei nicht auf die Zahlen, aber das bedeutet nicht, dass mir die Reaktionen egal wären. Sondern ich achte sehr genau darauf, von wem ein Like, ein Kommentar, ein Retweet kommt. Die reine Anzahl des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen. Deren Reaktionen nehme ich wahr, und zwar auch dann, wenn es nur ein kleiner Like oder ein gepostetes Fragezeichen ist.

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

Was ich vor Jahren schon mal in Bezug aufs Bloggen sagte, nämlich „Ich schreibe nicht für euch!“, das kann ich eigentlich genauso für meine „Mikroäußerungen“ auf Facebook, Twitter oder Instagram sagen: Ich poste das nicht „für euch“, ich poste das „für mich“.

Aber ohne euch bin ich eben nix.

23 Gedanken zu „Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

  1. Hm, ich liebe ja Twitter, auch wenn ich nur eine sehr bescheidene Zahl an Followern hab (ist also mehr so halböffentlich). Ich nutz das ebenfalls oft wie eine Art Zettelkasten, wenn ich Bilder schnell ins Internet kriegen will oder Links/Gedanken speichern möchte. Ich freue mich auch über Favs und ich nehme meistens das wahr, was so außerhalb der Norm liegt. Katzenbildchen und Fußballkommentare kriegen eher Favs und XY favt sowieso fast alles. Gefreut hab ich mich am meisten einmal, als ein politischer Kommentar von mir retweetet wurde und äh als Nils Minkmar der Journalist sich bei mir für ein Kompliment bedankt hat 😀

    Ich teste allerdings auch extrem viel auf „Fotovernutzung“ weil ich das für eine grandiose Sache halte. Man muss mit Freunden/Familie nicht mehr langatmig erklären, was für eine neue Frisur man hat, welches Kleidungsstück man sich gekauft hat oder was man Verrücktes irgendwo gesehen hat, sondern kann es schnell zeigen. Ich merke vor allem, dass das total fehlt, wenn ich zum Beispiel mit meiner Oma telefoniere und die weder Internet noch Whatsapp hat, um sich was anzugucken. Obwohl Oma selbst und meine Family meinen, sie wär mit über 80 zu alt für den Kram, bin ich echt am Überlegen, ihr ein Tablet zu schenken, weil ich glaube, man könnte sie dann „näher ranholen“ auch wenn sie jetzt weiter weg wohnt und man sich nicht mehr so häufig sieht.

  2. Liebe Antje, kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Ich bin immer wieder mit Menschen konfrontiert, die meinen ich würde via Sozialer Medien so viel von mir zeigen, zu viel preis geben, mich so viel selbst darstellen. Manchmal irritiert mich das. Aber wenn ich so nach innen blicke, dann teile ich eben öffentlich Eindrücke, Gedanken und oft entwickle ich dann im Austausch mit den Followern und „Fb-FreundInnen“ Dinge weiter, die dann Projekte werden oder einfach nur Artikel. Und ich hab in den Sozialen Medien immer wieder auch einfach nur Spaß!

  3. „Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.“
    „Denkanstöße“ auf diese Weise treiben mein Denken mit an, so dass dieses wiederum Kreise ziehen kann bis in mein nicht virtuelles
    Umfeld. 🙂

  4. Hat dies auf mampel´s welt rebloggt und kommentierte:
    Antje Schrupp ( eine meiner Lieblingsbloggerin) bringt Gedanken zur Motivation des postens auf Facebook, Twitter und Co. perfekt auf den Punkt…… Ich finde mich da total wieder – und fühle mich irgendwie verstanden…. 🙂

  5. @Ariane – Ja, was du von deiner Oma erzählst, das macht mich bei vielen alten Leuten traurig, die den Anschluss ans Internet nicht gefunden haben. Weil sie so viel an Möglichkeiten zu sozialem Austausch verpassen – gerade wenn sie vielleicht nicht mehr so mobil und körperlich fit sind. Das mit dem Pad ist vielleicht eine gute Idee und die Hürde nicht so groß wie bei einem PC.

  6. Antje, ich kann, was Du schreibst, gut nachvollziehen. Was mich irritiert ist allein, daß Du zu solchem Austausch mit Menschen, die Du schätzt, auf kommerzielle Plattformen zurückgreifst, die aus dem Austausch, genauer: aus den Daten, die dabei entstehen, ein Geschäftsmodell gemacht haben. Das ist notwendigerweise ein Teil des ganzen Bilds. Das Modell, das Du hier zeichnest, spielt sich nicht im freien Netz ab, sondern es wird getrackt und überwacht, und daraus sollten wir doch irgendwann alle mal Schlüsse ziehen. Findest Du das nicht auch?

  7. @albatros – Ja natürlich, das stimmt. Aber welche Schlüsse sollten wir daraus ziehen? Es gibt ja keine Alternative, denn auf den nicht-kommerziellen Plattformen sind keine Leute. Das heißt, wenn ich nicht auf kommerzielle Plattformen will, kann ich (zur Zeit) diese Art von Austausch nicht haben. Das Problem, das du ansprichst, müsste auf ökonomischer_antikapitalistischer_politischer Ebene behandelt werden. Der Kapitalismus, so wie er sich heute darstellt, belastet ja alle erdenklichen kulturellen Ausdrucksformen, und Social Media ist da keine Ausnahme.

  8. Also nur ein Henne-Ei-Problem? Das denke ich mittlerweile nicht mehr. Und auch Pragmatismus ist keine Ausrede. 😉 Irgendwann muß der Umzug aus den Datensilos ja mal beginnen, eine/r muß den Anfang machen. Ich gehe vor. Wenn Du auf Diaspora etc. schreiben würdest, könnte das viele mitziehen, auch Leute, die Dir in dem oben beschriebenen Sinne wichtig sind.

  9. @albatros – Nein, das glaube ich nicht, dazu sind die Netzwerkeffekte der Plattformen zu groß. Ich glaube, ich habe sogar mal einen Diaspora-Account eingerichtet. Aber das ist nur eine Mini-Szene und wird es auch bleiben. Der Weg muss imho über eine politische Debatte über die Aktionsbedingungen der Plattformen laufen, z.B. in Punkto Netzneutralität usw. Ich sehe das im Wesentlichen so wie Michael Seemann http://www.ctrl-verlust.net/buch/

  10. Pingback: #WasAndersWäre | Kaiserinnenreich

  11. Der Witz bei det Janze ist für mich der: der Kaffe schmeckt nur wirklich gut und ist anregend, wenn ich ihn heiß bzw. frisch trinke.
    Wenn ich abends erst mal reinschaue, was tags so gekocht worden ist, dann bleibt vieles schal und überholt bzw.unverdaubar dort liegen und erreicht mich nicht mehr wirk(!)lich. Meinte nur… ich hab Glück, denn ich kann mir auf Grund meiner Lebenssituation öfters den Schluck frischen GedankenKaffees leisten. Ansonsten würde mich der kalte Kaffe meistens nur noch langweilen. Aber das macht ja nix: der nächste frische Beitrag ist bestimmt schon unternetzt. 🙂

  12. Pingback: Camino-Blog: Und warum bloggst Du? |

  13. Weiß ich ja, Antje, daß Du ein Seemann-Fan bist. 😉 Mir ist das aber mit Blick auf die Selbstwirksamkeit zuwenig geworden. Veränderung fängt bei mir selbst an. Ich verändere, indem ich handele. Ich habe bemerkt, daß ich sehr gut ohne die sozialen Netzwerke leben kann, aber das Verbleiben auf einer Plattform, die mir nicht behagt, aus welchen Gründen auch immer, wäre für mich nicht vorstellbar. Entweder ich bleibe – und dann ganz – oder ich gehe. – Agree to disagree? 😉

  14. @Fidi:
    Geht mir ähnlich.
    Und ich hab zwischenzeitlich schonmal absichtlich den Kaffee stehen gelassen um zu testen, wie ich nach einer Woche ohne Twitter klar komme oder wie dann die eiskalten Reste so schmecken.
    Und siehe da: alles versank ruck-zuck in einem Brei der Unwichtigkeit, des sich-gegenseitig-Überschreibens, und gerade die Mikroinformationen mit ihren zahllosen Links und „müsst-ihr-lesen“-Aufforderungen. Nun hab ich’s einfach abgemeldet und oh Wunder…life goes on 🙂
    Aber ich gestehe, ich hatte Angst, ein bisschen Entzug, ein bisschen Sorge, etwas wichtiges zu verpassen.
    Habe also die 30-Tage-Reaktivierungsfrist leicht nervös durchlebt.
    Aber nun ist auf einem Kanal Ruhe (gibt ja durchaus noch andere…) was sich ganz gut anfühlt.
    Wobei, Spass hat es schon gemacht, das twittern.
    Auch mit @Antje 🙂

    Der Artikel ist toll, ich liebe das Internet und die sozialen Netze trotz aller Probleme. Sie spiegeln ja alles was so da ist in der Gesellschaft, das macht es vielleicht auch so anstrengend? Hab nun begonnen, hier und da mal etwas genauer hinzuhorchen ob ich dies und jenes wirklich brauche, oder ob es mich nach und nach überflutet und überfordert.

  15. @Sternenguckerin, dich würde ich jetzt gerne am helllichten Tag zu einem Kaffetrinken in deinem GuckSinn einladen… Fidi

  16. Ein spannender Artikel. Danke für diesen Denkanstoß! Was auch schon der Punkt ist, von dem du oben ja auch schreibst: Ich erhalte Denkanstöße durch Begegnungen, Erlebnisse, Reiz und nutze das Bloggen als Medium des Teilens…
    …und löse selbst Denkanstöße aus.

    Die Likes sind tatsächlich nebensächlich. Sicher will ich, dass manche Menschen, viele Menschen, meinen Blog lesen, aber ob ihnen immer gefällt, was sie lesen… wichtig ist mir eher, dass sie Denkanstöße bekommen, Impulse.
    Ich kann also deinen Umgang mit den Medien Blog, facebook, twitter etc. gut nachvollziehen und finde ebenfalls nicht, dass dies ein Zeichen dafür ist, nicht mehr richtig im realen Leben zu sein.

    Jedoch bedeutet für mich das Bloggen und Teilen und Posten (das Bloggen auf jeden Fall) auch, dass ich es für Euch tue, eben weil ich Denkanstöße und Impulse geben oder verbreiten mag bzw. diejenigen, die ich bekommen habe, teilen mag.

    Zum Thema der Motivation des Bloggen, Postens, Teilens habe ich vor einiger Zeit diesen Artikel geschrieben:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/01/20/facebook-als-spielwiese-kann-gefallen/
    Vielleicht mag wer rein schauen.

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