Weniger Gender, mehr Feminismus?

… Das fordern Wissenschaftlerinnen jetzt offenbar in einem Sammelband. (den ich nicht gelesen habe).

Das Thema ist wichtig – dass zum Beispiel beim Kirchentag das feministische Zentrum durch ein Genderzentrum ersetzt wurde, habe ich schon vor zwei Jahren kritisiert  (und für den aktuellen Kirchentag auch, aber nur gedruckt, steht leider nicht online).

Ich finde allerdings, das muss man nicht gegeneinander ausspielen: Wir brauchen „Gender“ UND Feminismus. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass beides nicht dasselbe ist (Viele Leute setzen es leider gleich oder verwechseln es).

Kurzgefasst ist der Unterschied: Gender beschäftigt sich mit der (De)-Konstruktion von Geschlecht, Feminismus beschäftigt sich aus der Perspektive weiblicher Freiheit heraus mit der Welt. Dass „Gender‘ seit längerem die Funktion hat (oder dafür benutzt wird), Feminismus zu verdrängen, ist tatsächlich problematisch.

11 Gedanken zu „Weniger Gender, mehr Feminismus?

  1. Vielen Dank für die klare Erläuterung des Unterschieds.

    Ich beschäftige mich noch nicht so lange mit diesen Themen, fand Ihre kurzen Blogposts aber genauso lehrreich wie auch Ihre längeren Texte wie „Raus aus der Defensive“. Dafür wollte ich einfach mal allgemein Danke sagen.

    Danke!

    – Annette Baumkreuz (bloggt über Journalismus, Medien und Ethik auf AnnetteBaumkreuz.de)

  2. Liebe Antje, Deine Definition von Feminismus ist einfach grandios, das Beste, was ich seit Langem gehört hab! Liebe Grüsse, Margarete

  3. Ein anderer Punkt ist natürlich, dass Gender Macht- und Unterdrückungsverhältnisse vernachlässigt. Es ist ja nicht so, dass Männer und Frauen gleichermaßen dadurch benachteiligt wären ,dass sie in ihre jeweiligen Geschlechterrollen gedrängt werden.

  4. Verehrte Antje Schrupp, zu dieser deiner Ansicht, speziell zum UNTERSCHIED zwischen Gender und Feminismus, habe ich ne Menge zu sagen:
    JA.
    Eine größere (Menge) gibt es nicht.

  5. „Dass “Gender’ seit längerem die Funktion hat (oder dafür benutzt wird), Feminismus zu verdrängen, ist tatsächlich problematisch.“

    Witzig. Ich stimme zu, daß wir „Gender“ brauchen. Ob und inwieweit Feminismus notwendig war oder ist, ist in der Tat eine ganz andere Frage. Witzig ist das Zitat allerdings deswegen, weil ja „Gender“ de facto vom Feminismus geformt und ideologisch zur Infiltration des „Mainstream“ genutzt wurde. Wenn sich Feminismus jetzt gegen zuviel Gender wendet darf man schon mal lachen, finde ich.

    Wobei ich ja mittlerweile wirklich gerade auch bei Dir den Überblick verloren habe, was (Dein) Feminismus eigentlich strukturell auszeichnet, nachdem die Gleichheit ja im Männersystem angelegt ist, wie Du geschrieben hast. Was dann der Verweis auf die subjektive Weiblichkeit *systemisch* eigentlich noch soll – bei dann ja notwendiger Aufgabe des gedanklich aus Oppression konstruierten epistemischen Privilegs als Frau – verbleibt leider vollkommen im Unklaren.

  6. Der Intersektionalismus ist wichtig. Hat aber holistische Ader. Die einzelnen Themen, wie u.a. die Gender-Entwicklung/-Offenheit und eine Weiter-Entwicklung von weiblichen und männlichen Spielräumen sind verschiedene und finden gleichzeitig statt. Gut ist es in meiner Sicht, wenn es in allen diesen Bereichen emanzipatorische, Entwicklungsmöglichkeiten öffnende, Motivation und Handeln (in Theorie und Praxis) gibt.

  7. Ich dachte ja bislang, mit „Gender“ würde ausschließlich das soziokulturelle Geschlecht bezeichnet…Ich denke, es ist auch ungünstig, den Ausdruck ebenfalls für eine polit. Bewegung/wiss. Studien o. Ä. zu nutzen. Die Anführungszeichen, in dem Satz: „Wir brauchen „Gender“ und Feminismus“ verdeutlichen das Problem: Eigentlich würden viele ja sagen, dass wir Feminismus brauchen, weil es Gender gibt. Um Missverständnisse und Anführungszeichen zu vermeiden, ist es m. E. ratsam, von Gender-Mainstreaming -Studies, Dekonstruktivismus o. Ä. (was auch immer im jeweiligen Kontext konkret gemeint ist) zu sprechen, wenn nicht das Geschlechtskonstrukt selbst bezeichnet werden soll.

  8. Ich stimme Ihnen zu, dass wir sowohl Gender als auch Feminismus brauchen. Vielleicht erfreut sich Gender neulich einer größeren Beliebtheit als Feminismus, denn berücksichtigt auch die Benachteiligung von Männern (das findet doch manchmal auch statt) und andere Themen.

  9. Gender ist in der Tat sehr problematisch, weil es auch in anderen Bereichen missinterpretiert wird, wie z.B. in der Politik von Parteien wie der AfD (Gendermainstream-Bashing),
    Gender hat aber auch im TS-Diskrus eine tragische Rolle eingenommen: Die Genderisierung wird dem Transsexualitäts-Begriff den letzten Rest des biologischen Unterbaus nehmen, der benötigt wird, um zu „sein“, um von Geburt aus an zu „sein“, pränatal geprägt (wie es die Homosexuellen erreicht haben: es ist mittlerweile Konsens, dass Homosexualität angeboren ist)
    Die TS kommen nun durch die völlige Genderisierung in die Verlegenheit, dass sie so dargestellt werden, als hätten sie sich ihr Geschlecht ausgesucht, wäre es „nur“ ihr Wunsch, die Geschlechterrolle zu wechseln. Fatale Situation, aber fast nicht mehr aufzuhalten.
    Mein Statement geht nicht sehr ins Detail, sonst würde es zu lang werden, möchte dies nur an dieser Stelle anfügen, da ich seit Ende 2014 Feminismus-Aspekte parallel mit dem TS-Diskurs abgleiche und ich hochspannend finde, wie beide Teilbereiche an gleichen Problemkomplexen kämpfen.
    Das Patriarchat, der Heteronormativismus und der Konservativismus, diese Troika haben die TS wie auch die Frauen als Gegenpole ihrer Freiheit und Selbstbestimmung zu beachten.
    Die Genderisierung, einst als Befreiung und Emanzipation gedacht, von Judith Butler als Erklärungsmodell mit herangezogen, fällt uns jetzt von allen Seiten vor die Füße.
    Die Genderisierung arbeitet in vielen Bereichen schon gegen Vorwärtsbewegungen und führt zu Gebietsverlusten, bekommt einen reaktionären Effekt, weil Gender uminterpretiert wird und von völlig anderen Kräften als Gegenmittel und Bumerang zurückkommt.

  10. Ein Poststrukturalismus ohne ‚agency‘ und ohne Unterbau ist einerseits erst mal ein befreiender gedanklicher Schritt aus dem jeweils historischen Status Quo (einer mehrheitlich getragenen oder gesellschaftlich dominanten Vorstellung von etwas). Aber ohne neue Grundlinien – wenn auch temporär, und auf jeden Fall kritikfähig – verliert es eine Richtung. Eine Richtung, die nicht fixiert sein soll (postmoderne, aber auch kritisch-rationale Teleologiekritik), aber die auch nicht ohne Anhaltspunkte auskommt.
    Jedoch gleichzeitig grundsätzlich: Die Beliebigkeit postmodernistischer Weltsicht ist von Anfang an nicht so beliebig wie manche es darstellen (vgl. u.a. auch Wolfgang Welsch). Und für konservativen Essenzialismus oder sonstige Fixierungen lässt sich postmodernistisches Aufbrechen eben von Fixierungen und Naturalisierungen nicht ernsthaft anführen. Das kann mensch dann auch argumentativ belegen, wenn Neu-Konservative (im Sinne von „Jetzt ist mal genug mit der Verunsicherung“) plötzlich mit postmodernistischen Teilstücken gegen Vielfalt argumentieren wollen.

  11. @Jasmin schreibt: 17. Juni 2015 um 01:09
    „weil Gender uminterpretiert wird und von völlig anderen Kräften als Gegenmittel und Bumerang zurückkommt.“

    Jasmin, ich teile die Art und den Inhalt, wie du dich an die Problematik herantastest.

    Nicht teile ich diesen deinen eingangs angeführten letzten Satz:
    Da kommt nichts „von völlig anderen Kräften zurück“, allerdings als Bummerang sehr wohl: Es ist der bisherige eigen Umgang mit dem Phänomen Gender, der „bummerangt“ – und erst dadurch „anderen Kräften“ eine Spielwiese bietet.

    Auch diese „anderen Kräfte“ sind von Gender einzunehmen, ansonsten funktioniert er nicht und entfaltet Störungen.

    Dazu kann ich diese („anderen Kräfte“) jedoch nicht erst verbal beschmutzen, dann verdammen und dann möglichst noch als anti-progressiv hinstellen – nur achtungsvoller Dialog führt strikt weiter, und nicht die Methode der „anderen Kräfte“ selber zu benutzen.
    Ich kann auch Nazis nicht mit Nazi-Methoden zum Nachdenken bringen, und einzig das ist unser Ziel, kann es sein:
    Zum Nachdenken bringen.

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