Arendt, Eigentum, Austerity – neue Episode von „Besondere Umstände“

Benni und ich haben heute morgen wieder gepodcastet.  Endlich haben wir dabei mal Hannah Arendts Vita Activa abgehandelt, dann über Eigentum und Besitz gesprochen, über #merkelstreichelt und über den IAFFE-Kongress feministischer Ökonominnen in Berlin und Austeritätspolitik.

Eingestiegen sind wir aber mit einer Idee, die uns kürzlich kam: Dass es eigentlich schön wäre, wenn es die Podcasts auch als Buch geben würde. Vielleicht hilft uns jemand beim transkribieren? Über die Idee reden wir ganz am Anfang – sozusagen „Crowd-doing“ statt „Crowd-funding“ :))

Hier gehts zum Podcast

11 Gedanken zu „Arendt, Eigentum, Austerity – neue Episode von „Besondere Umstände“

  1. Die Diskussion zu Eigentum/Besitz/Nutzungsrechten bitte unbedingt weiter führen. 🙂

    Wie eure Diskussion zeigt, beginnen die Konflikte u. Probleme mit diesen hauptsächlich da, wo es um materiellen Mangel und Existenzsicherung geht. Möglicherweise haben sich aus solchen Mangelzeiten und der Erfahrung des Nichtgenugfüralle solche ‚Rechte‘ etabliert?
    Wir wissen jedoch heute, dass unser Planet sehr wohl genug für alle zum guten Leben bietet, und dass es das kapitalistische Wirtschaften mit einer Art von feudalem Geldsystem ist, welches eine Art von künstlichem Mangel herstellt, weil dies seine inhärente Profitlogik fordert.
    An dieser Stelle zitiere ich nochmal Daniela Dahn:
    „In Zeiten, in denen sich immer mehr Eigentum auf den Konten weniger Superreicher und Oligarchen sammelt, stellt sich die Frage, ob die vielbeklagte Kluft zwischen Arm und Reich nicht kleiner würde, wenn der Staat über mehr Eigentum verfügen würde. Die Antwort lautet: Nein.“
    Dieses ‚Nein‘ begründet sie in folgendem Beitrag:
    http://www.danieladahn.de/staatseigentum-ist-privateigentum/

  2. ein Punkt beim Eigentum ist auch die Privatheit. Es gibt Dinge, über die möchte ich nicht mit anderen verhandeln, weil sie niemanden etwas angehen und intim sind. Dass andere Leute in meiner Wohnung, gar meinem Bett, schlafen können während ich verreist bin, möchte ich nicht und ich möchte auch nicht darüber diskutieren. Dann müsste ich mich rechtfertigen oder mir zumindest überhaupt darüber Gedanken machen. Benni, hast du schonmal darüber nachgedacht wie das wäre, wenn wildfremde Leute in deine Wohnung ziehen während du weg bist und der eine fragt dich: „du, es macht dir doch nichts aus wenn meine Frau und ich es in der Badewanne treiben, oder? Ich versprech‘ auch, dass wir sauber machen.“ Ich vermute, darüber hast du noch nie nachgedacht. Und das hast du dem Eigentum zu verdanken 😀
    Eigentum ist auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob ich mir über ein Thema Gedanken machen möchte oder nicht.

    Umgekehrt will ich nicht bei allem um Erlaubnis fragen müssen, weil noch andere Leute mitsprechen dürfen. Es hat schon seine Gründe, warum die meisten Leute WGs als Notlösung nehmen.

    Beim Thema Eigentum und digitale Welt fiel mir noch der Trend der „digitalen Enteignung“ ein. Bei Ebooks, Musik, Spielen, Filmen usw. erwirbt man heutzutage zunehmend nicht mehr Eigentum an einem Exemplar (z. B. eine DVD des Films xyz), sondern nur noch eine Nutzungslizenz, also das Recht, den Film anzuschauen. Diese ist meist auch noch Account-Gebunden, d. h. man ist gezwungen, Änderungen der Geschäftsbedingungen zuzustimmen oder man verliert „seine“ Filme usw. Auch ein Problem: was passiert, wenn die Firma irgendwann mal nicht mehr existiert? Ist meine Spiele-Bibliothek auf Steam dann „weg“?
    Wenn der Account kostenpflichtig ist, ist es ganz bitter für Menschen, die sich diesen plötzlich nicht mehr leisten können. Wenn jemand früher arbeitslos wurde, hatte er zumindest noch seine Musik-Sammlung, egal ob digital oder auf einem physischen Medium. Heutzutage steht man schnell ohne alles da. Andererseits: solange man Zugriffsrechte hat kann man eine Unzahl an Filmen sehr kostengünstig anschauen und die meisten schaut man ja eh nur 1-2 man an. Nur weiter verkaufen is halt nicht…

  3. @Wilhelm – “Wenn der Account kostenpflichtig ist, ist es ganz bitter für Menschen, die sich diesen plötzlich nicht mehr leisten können.”
    Ist das nicht ein Verstoß gegen den im GG verankerten Passus, dass ‘Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll’?

    Die zentralen Probleme, die durch geltende Eigentum/Besitzrechte verursacht werden, sehe ich weniger in möglichen Badewannenspielen und Tragen von Lieblingsklamotten durch andere, sondern vielmehr im Herrschaftsanspruch über Sachen, die sich auf Herrschaft über Menschen ausdehnen (können) und ihnen die existenziellen Grundlagen zu einem guten Leben entziehen:
    Passend dazu: http://keimform.de/2015/elemente-ethik-natur/

    Die Frage wäre somit: Eigentum an was, für wen und wie viel und wer befindet darüber?

  4. Bin nun wahrlich keine Papst-Anhängerin, doch die weitgehend unbeachtete ‚revolutionäre‘ Papstrede ist es wert gehört und beachtet zu werden. Auszüge daraus hier:
    http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/150729_hinweisteil_papstrede_pufo_2015-14-campesino035.pdf

    Deutlich wird, dass die Fragen nach Eigentum/Besitz/Nutzung/Verbrauch eine Über-Lebensfrage ist, die uns als Welt-Gemeinschaft betrifft und dass es unser aller Aufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, dass der Ausplünderung, Zerstörung und Verwüstung unseres „gemeinsamen Hauses“ aufhören muss.

  5. @Benni
    Zum Unterschied von digitalen Gütern (Information) und analogen Gütern: Das Mooresche Gesetz besagt, dass sich die Transistorzahl pro Fläche in den letzten 40+ Jahren (und damit grob auch die Leistungsfähigkeit) alle 18 Monate verdoppelt hat. Anders ausgedrückt, nach 15 Jahren haben Computerchips ca. 1000 (!) Mal so viele Transistoren, die Transistorzahl in Computerchips – und damit deren Leistungsfähigkeit – wächst exponentiell an. Das bedeutet die Kosten für eine Kopie sinken ebenfalls exponentiell, die digitale Produktivität steigt exponentiell. Viele Dinge, die früher teuer waren, sind heutzutage de facto kostenlos. Der Grund, wieso z. B. Googles Rechenzentren wachsen (bzw. mehr gebaut werden), ist, dass sich Google entscheidet mehr mit den Daten zu machen.

    Für “analoge” Güter stimmt das nicht, ein Golf kostet in 18 Monaten nicht die Hälfte in der Herstellung. Das ist der zentrale Unterschied zwischen “digitalen” und “analogen” Gütern.

    Ein netter Artikel zu diesem Thema ist im Guardian erschienen (Titel: The end of capitalism has begun):

    http://www.theguardian.com/books/2015/jul/17/postcapitalism-end-of-capitalism-begun?CMP=share_btn_fb

    Eine der zentralen Thesen ist, dass durch den fast kostenlosen Austausch von Informationen neue Formen des Wirtschaftens (z. B. die Sharing Economy) erst möglich wird, und so schrittweise bestimmte Wirtschaftszweige ersetzt werden.

  6. Woher kommen die ca. 70 Metalle, die derzeit in einem Computerchip verarbeitet werden, und wie sieht es da mit
    Eigentum/Besitz/Nutzungsrechten aus?

  7. @Ute Plass
    Das Laptop, auf dem Du diesen Post wahrscheinlich geschrieben hast, ist eine der komplexesten Maschinen der Menschheitsgeschichte, das herstellen zu können hat Millionen von Menschstunden Forschungs- und Arbeitszeit bedurft (das ist keine Übertreibung). Ein ganz beträchtlicher Teil ging in die Entwicklung der Software, die teuer in der erstmaligen “Herstellung” aber extrem billig in der Kopie ist. Die meisten modernen Maschinen können anders als ein Holztisch nicht von einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe von Personen gebaut werden.

    Ich glaube, dass Du recht hast und dieser Aspekt in der Diskussion nicht ausreichend berücksichtigt worden ist.

  8. Danke für das ungewohnt viele Feedback für Podcast-Verhältnisse!

    @wilhelm: Du sprichst nicht über Eigentum, sondern über Besitz. Genau darum ging es ja. Heute wird sowohl Eigentum als auch Besitz im wesentlichen über Geld geregelt. Du kaufst Dir das Besitzrecht an einer Wohnung für eine gewisse Zeit („Miete“). Der Eigentümer gewährt Dir das, weil er Geld dafür kriegt.

    In einer Gesellschaft ohne Eigentum, müsstest Du sachliche Gründe anführen, warum eine Wohnung auf Dich warten soll, wenn Du weg bist. Du hast ja durchaus einige angeführt, ich sehe nicht, was dagegen spricht, dass auch so zu handhaben. Je länger man weg ist um so eher kommen halt auch andere sachlichen Gründe zum tragen.

    Der Punkt ist: Ohne Eigentum kann man zwar durchaus einige eine gewisse Zeit aus der Nutzung ausschließen, aber eben nicht alle für immer. Eiegntum ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Besitz nur eine vorübergehende Eigenschaft von Dingen. Das Besitzrecht ist nur eines unter vielen. Eigentum unterliegt fast keinen Einschränkungen.

    @japanjedi: Ja, das mooresche Gesetz führt zu einem quantitativen Unterschied zwischen immateriellem und materiellem Eigentum. Dieser quantitative Unterschied macht es offensichtlicher, was für eine Zumutung Eigentum ist. Trotzdem ist jede Form von Eigentum eine Zumutung. Außerdem wächst im Kapitalismus alles eh immer exponentiell, dass ist keine Besonderheit der IT-Industrie. Das Erstaunliche ist nur, dass Dank Mooreschem Gesetz in einem einzelnen Sektor über so lange Zeit dieses Wachstum erzielt werden konnte. Deswegen ist dieser Sektor ja auch so bestimmend geworden für die ganze Wirtschaft. Über das Thema wollten wir aber vielleicht auch noch mal sprechen. Ich hab schon öfter mal drüber gebloggt. http://keimform.de/2008/die-lange-welle-bricht/#comment-22041 Aktuell steht Moores Law übrigens zum ersten Mal seit seiner Existenz wohl wirklich unter Druck: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Intel-Chef-verabschiedet-sich-vom-bisherigen-Moore-s-Law-2751848.html

  9. @Benni
    Ich kannte Deine Blogposts zu dem Thema noch nicht, danke erst Mal für die Links.

    Du erwähnst auch mehrmals in Deinem Post den Begriff “Industrie” bzw. “Wirtschaftssektor”, aber ich glaube Du verwendest Begriffe aus der falschen Ära. Meiner Meinung nach hat die günstige und unmittelbare Verfügbarkeit von Informationen den Übergang von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Gesellschaft ausgelöst – gerade weil materielle und immaterielle Güter so unterschiedlich sind. Informationen wird ein beträchtlicher finanzieller Wert zugeschrieben, eine Problematik, die es vorher (zumindest nicht in diesem Ausmaß) nicht gab. Ganze Industriezweige basieren allein auf Informationserfassung, -verarbeitung und -verwertung. Das Mooresche Gesetz war bloß Auslöser dieser Veränderung, weil so Informationen immer und kostengünstig verfügbar gemacht worden sind.

    Aber da immaterielle Güter sich so stark von materiellen Gütern unterscheiden (Informationen können perfekt und immer günstiger kopiert werden, sie werden nicht knapp, etc.), wird das Funktionieren dieser Wirtschaftszweigen von Theorien aus dem 19. Jahrhundert nicht erfasst.

    Und nicht alles, was mit Informationen zu tun hat, läuft im Rahmen der Wirtschaft oder Industrie ab. Der Guardian-Artikel beschreibt ja gerade wie alternative Formen des Wirtschaftens erst durch Informationen möglich gemacht werden, und sei es durch eine im Internet zugängliche Börse. Z. B. denke ich an Couchsurfing: Du schreibst, für welchen Zeitraum Du jemanden aufnehmen kannst, Du kannst Dir die Bewertungen der Interessenten ansehen und umgekehrt, können auch die Interessenten Deine Bewerbungen ansehen. Parallel dazu gibt es ja auch die Bezahlvariante, Airbnb, die auch Austausch von Geld erlaubt, aber diese zwei Services konkurrieren nur bedingt miteinander.

    PS Du hast natürlich recht, dass exponentielles Wachstum irgendwann aufhören wird müssen, das gilt auch für das Mooresche Gesetz. Aber die Produktivität von Computern (digitale Arbeit) ist so extrem viel schneller gewachsen wie die Produktivität in anderen Bereichen, dass die zwei separat behandelt werden sollten.

  10. Bei dem Merkel-Auftritt fand ich eher problematisch, dass sie so pauschal gesagt hat, dass Deutschland es nicht schafft, alle möglichen aufgezählten Flüchtlinge aufzunehmen. Sie zeigte keine Lösungswege auf und brachte ein Nullargument.

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