Ich will eigentlich nicht als Frau respektiert werden

Heute sah ich im Vorbeifliegen meiner Timeline eine Vorschau auf einen Comic, der mich sofort ansprach. Und zwar sah ich das hier:

Zwei Bildchen aus einem Comic, in dem ein Vater verspricht, seinem kleinen Sohn zu erklären, was ein „echter Mann“ ist. Und die Erklärung beginnt mit: „Siehst du diese Mädchen da drüben?“

Ich war deshalb gleich elektrisiert, weil es selten ist, dass Jungen beigebracht wird, sich an Mädchen ein Beispiel zu nehmen. Und spontan dachte ich, dass es in dem Comic darauf hinausläuft – Wow! Ich dachte, dass der Vater deshalb auf die zwei Mädchen zeigt, weil sie irgend etwas Tolles machen, wovon der Junge was lernen kann. Und dass ein richtiger Mann einer ist, der neugierig ist auf die Welt, sich weiter entwickelt, Dinge erkundet, Abenteuer besteht…

Aber nein, nachdem ich auf die Geschichte draufgeklickt hatte, musste ich leider feststellen, dass der Comic nicht so weiterging, wie ich gedacht und gehofft hatte, sondern ganz anders, nämlich:

Der Vater sagt dem Sohn also, dass er die Mädchen „mit großem Respekt“ behandeln soll (oder wie übersetzt man „mad respect“ beziehungsweise was soll das bedeuten?). Das ist offenbar schon alles, was Jungen im Umgang mit Mädchen wissen müssen. Denn im nächsten Bild glaubt der Vater, sein Job wäre nun erledigt. Und der Junge erklärt den Mädchen, sie wären toll darin, etwas zu bauen. Sandburgen, nehme ich an.

Letztlich ist das doch nur eine modernisierte Variante des alten Gentleman-Patriarchats. Klar, das ist allemal besser als das heutige Fratriarchat, die Herrschaft der Brüder, die verantwortungslos ihren Egoismus ausleben und dabei über Leichen gehen, auch über die Leichen von Frauen.

Aber ich möchte auch nicht in einer Welt leben, in der meine Sicherheit, meine Freiheit, mein Wert davon abhängig ist, dass Männer so nett sind, mir „als Frau“ Respekt zu erweisen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Männer glauben, der Wert meiner Arbeit hänge davon ab, dass sie mir sagen, dass ich gut bin.

Ein echter Mann, so wie ich mir das vorstelle, ist keiner, der Frauen aus Prinzip respektiert oder sie lobt und anerkennt, sondern nur, wenn er die individuelle spezielle Anna, Lisa oder Susanne, mit der oder deren Arbeit er es gerade zu tun hat, tatsächlich als Person respektiert und lobt und anerkennt. Bei allen anderen Frauen reicht es, wenn er sie in Ruhe lässt. Wenn er sie nicht bedroht, belästigt oder diskriminiert.

In einer Welt, so wie ich sie mir vorstelle, ist es Frauen komplett egal, ob irgend ein x-beliebiger Mann sie respektiert oder nicht. Weil das Nicht-Respektieren von Frauen für die betreffenden Männer nämlich solche gesellschaftlichen Konsequenzen hat, sodass sie ohnehin nicht übergriffig oder gewalttätig oder diskriminierend sind. Auch diejenigen, die nicht zufällig einen netten frauenfreundlichen feministischen Vater hatten.

In einer Welt, so wie ich sie mir vorstelle, ist es Frauen auch komplett egal, ob ein x-beliebiger Mann ihre Arbeit gut oder schlecht findet, außer es handelt sich dabei um ihr großes professionelles Vorbild in Bezug auf das Sandburgenbauen oder was auch immer sie gerade machen. An dessen Urteil ist ihnen dann natürlich schon gelegen.

Aber die Meinung eines x-beliebigen Mannes ist in der Welt, so wie ich sie mir vorstelle, einfach schnurzpiepegal, weil sie eben nichts anders ist als das: die Meinung eines x-beliebigen Mannes. In meiner idealen Welt brauchen Frauen nicht die Anerkennung x-beliebiger Männer, die grade mal eben zufällig an ihrem Sandkasten vorbeikommen, um zu wissen, ob ihre Arbeit gut ist ist oder nicht.

Der Vater in diesem Comic bringt seinem Sohn keineswegs etwas Feministisches bei, sondern etwas typisch Patriarchales. Etwas, das Mädchen selten bis nie beigebracht wird: Er bringt ihm bei, dass es in dieser Welt auf ihn, den Mann, ankommt. Dass es ungeheuer wichtig ist, was er tut.

Natürlich ist es besser, wenn diese männliche Wichtigtuerei mit Nettsein gegenüber Frauen verbunden wird, als wenn sie mit Frauenverachtung und der Erlaubnis zur Gewalt verbunden wird. Und ich will auch gar nicht das Engagement derjenigen Männer abwerten, die auf diese Weise versuchen, die schlimmsten Auswüchse eines toxischen Männlichkeitsbildes ein bisschen abzumildern – mir ist schon klar, dass sie es gut meinen, und es sind im Übrigen auch nicht alle Geschichten dieses Zeichners schlecht, hier ist der Link zu dem ganzen Artikel.

Aber Frauen als freie Subjekte anzuerkennen (was ein Aufgabe nicht nur für Männer, sondern vielleicht sogar mehr noch für Frauen selber ist), bedeutet nicht, sie zu loben und zu „respektieren“. Es bedeutet, ihr Urteil ernst und wichtig zu nehmen.

5 Gedanken zu „Ich will eigentlich nicht als Frau respektiert werden

  1. „Er bringt ihm bei, dass es in dieser Welt auf ihn, den Mann, ankommt. Dass es ungeheuer wichtig ist, was er tut.“
    Was ist daran schlecht? Alle sollten beigebracht bekommen, dass es wichtig ist, was sie tun. Sonst kann weder Selbstwertgefühl noch Verantwortungsbewusstsein entstehen.

    Außerdem gehst du mit keinem Wort darauf ein, dass die Mädchen auf das Lob des Jungen mit „we know“ antworten. Diese Mädchen brauchen die Bestätigung also nicht, um zu wissen, dass sie gut sind. Gleichwohl scheinen sie sich darüber zu freuen und es als Beziehungsangebot zu akzeptieren. Das ist doch eigentlich eine sehr vernünftige Sache. Auch von Seiten des Jungen würde ich den Spruch nicht nur als ungefragte Beurteilung verstehen (und selbst daran fände ich erst einmal nichts negatives, solange das auch Mädchen offen stünde, schließlich beurteilen alle Menschen andauernd ihre Mitmenschen), sondern vor allem als Gesprächsöffner. Es geht ja darum, dass fremde Kinder miteinander spielen sollen.

    Zugleich macht die Antwort der Mädchen dem Leser klar, dass sie wirklich gut sind, d. h. im Umkehrschluss der Junge hat das nicht nur gönnerhaft dahergesagt (wäre das dieses „Gentlemen-Patriarchat?), sondern meint es wohl tatsächlich ernst. Das zeigt den Unterschied zwischen echter Anerkennung und plumpen Kompliment doch ziemlich deutlich auf.

    Das mit dem Egoismus kann man auch differenzierter sehen. Die großen Katastrophen der Geschichte begannen ja praktisch alle mit einem Appell an den Altruismus. Welche Katastrophe dagegen begann je mit den Worten „denk nur an dich selbst“?

  2. Ich denke, der Vater bringt dem Sohn gar nichts bei, sondern generiert ein Fragezeichen über dessen Kopf. Und ein reales Kind würde auch die Sandburg nicht loben, außer jemand macht es vor.

    Der Sohn kann die Respekt-Nummer nämlich gar nicht einordnen. Der Vater denkt, dass man Kindern irgendwas abdressieren muss, was vielleicht gar nicht vorhanden ist. Wenn der Vater respektvoll mit Frauen umgeht, gibt es ja nichts zu mahnen und zu predigen. Und etwas Respektloses, das man zurechtrücken müsste, ist ja in dem Cartoon nicht vorgefallen.

    Erinnert mich irgendwie an eine Lehrerin (SPD-Wählerin), die einst betonte, wie oft sich Moslems waschen. Ich wusste gar nicht, was die damit sagen wollte. Vermutlich Ausprägungen von Rassismus bekämpfen, die gar nicht vorhanden waren.

  3. Um das nochmal zusammenzufassen:

    Viele Erwachsene meinen, Kinder durch Predigten o.ä. davor bewahren zu müssen, Fehler der älteren Generationen zu wiederholen. Aber das wird mangels Kontext entweder gar nicht verstanden oder es nervt, weil man die erzieherische Steuerungsabsicht spürt.

    Die Kinder machen irgendwann ihre eigenen Fehler.

  4. Ok, was sollte der Vater seinem Sohn denn dann erzählen?

    „Das sind Mädchen, Mädchen wollen keine ungefragte Anerkennung.“ Hätte zur Folge, dass der Junge sich nur dann lobend über Mädchen äußern darf, wenn diese explizit danach fragen, und diese Anerkennung im konkreten Fall echt ist.

  5. Nein, immer wenn die Anerkennung echt ist.. der Vater hätte zum Beispiel sagen können: schau, was die beiden Mädchen da für tolle Sandburgen bauen, willst du sie nicht mal fragen, ob sie dir zeigen können, wie das geht?

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