Die Prinzessinnenlinie. Gedanken zur Gentrifizierung von Veranstaltungen.

Sammelmappe hat in ihrem Blog heute darüber geschrieben, warum sie nächstes Jahr nicht zu den Tagen der deutschsprachigen Literaur nach Klagenfurt fährt: Der Anstieg der Preise, der in keiner vernünftigen Relation mehr zum Anlass steht.

Es gibt da so eine dünne Prinzessinnenlinie, die ich nicht überschreiten mag. Da könnt ihr euren Glitzer halt für Euch behalten. Ich hab keine Lust mich mit ins Land der unbeschränkten Geldströme abtreiben zu lassen.

Auch bei der Re:publica ist es ihr schon so ergangen. Der Grund, den Preisanstieg irgendwann zu verweigern ist nicht, ob man das Geld hat. Sie wie ich wären schon in der Lage, diese Preis zu bezahlen, es sind ja keine regelmäßigen Ausgaben. Es geht ums Wollen.

Auf Facebook schrieb sie noch:

Auch vorher war ich mir darüber bewusst, dass die drei Tage ein Luxus sind. Faktisch kann ich nicht genau sagen, warum ich bis hierher akzeptiere, aber den nächsthöheren Preissprung nicht mehr.

Ich vermute, es reicht, wenn es „nur so ein Gefühl“ ist. Es gibt ein Level an Preis, das ist real begründbar – dass etwa die Hotelpreise in Klagenfurt bei so einem Event höher sind als normalerweise. Das wäre sozusagen die normale Dynamik von Angebot- und Nachfrage.

Aber dann gibt es einen weiteren Sprung, der andere Ursachen hat, so eine Art „Hype-Faktor“. Das ist dann der Moment, wo der weitere Preisanstieg etwas am Charakter der Veranstaltung selber verändert. Wo die Sache nicht nur populärer wird, sondern gewissermaßen „gentrifiziert“.

Es fahren jetzt viel mehr Leute hin, und das heißt, viele kommen nicht wegen der Sache, sondern weil „es in“ ist. Sie zahlen nicht mehr für das Ereignis als solches, sondern für den Status, den die Teilnahme verspricht.

Ich vermute, dass das dann auch der Punkt ist, an dem die Sache langweiliger wird, weil andere Leute hinfahren. So ähnlich wie es Stadtvierteln oder Städten ergeht, wenn die gewachsene Bevölkerung verdrängt wird und Leute dorthin ziehen, weil es in ist und sie es sich leisten können.

Eine andere Frage wäre natürlich, ob sich so eine „Gentrifizierung von Veranstaltungen“ verhindern lässt, oder ob das auch so eine Art zwangsläufiger Mechanismus ist, so ähnlich wie bei Städten.

Es gibt ja auch viele Veranstaltungsformate, denen dieser Sprung zur „Hippness“ nicht gelingt, die mit geringen Teilnahmezahlen kämpfen und bei denen irgendwann nicht genug Geld reinkommt, um sie noch zu veranstalten. Eine profitable Vermarktung der Idee, so wie die Tddl und die Republica machen, hilft ja dabei, das Scheitern zu verhindert.

Aber vielleicht wird die Ursprungsidee dann eben einfach nur von der anderen Seite zerstört?

Sind gute Veranstaltungen dazu verdammt, nur eine bestimmte Reihe an Jahren haltbar zu sein?

Und: Hat die Wirtschaftswissenschaft schon einen Begriff für das Phänomen, dass Leute diesen Sprung nicht mehr mitmachen und wegbleiben?

PS: Gerade erfahre ich, dass die Tddl sogar bei freiem Eintritt veranstaltet werden, d.h. die Veranstalter können nicht mal etwas für diese Entwicklung, sondern sind hier ganz den Umständen ihrer eigenen Popularität ausgeliefert. Krass.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

Ein Gedanke zu “Die Prinzessinnenlinie. Gedanken zur Gentrifizierung von Veranstaltungen.

  1. „Es fahren jetzt viel mehr Leute hin, und das heißt, viele kommen nicht wegen der Sache, sondern weil „es in“ ist.“

    das ist zumindest für die TDDL gänzlich unzutreffend. das ist eine ziemlich spezielle „Sache“, zu der nur wirklich involvierte oder aber interessierte anreisen. auch im klagenfurter tourismuskalender sicher nicht die größte nummer.

    außerdem: da ich in diesem jahr dort war, kann ist sagen, dass diesmal deutlich weniger menschen anwesend waren. also von wegen „in“.

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