Wirtschaft ist Care, aber Care ist mehr als Wirtschaft

Heute ist Equal Care Day, gestern Abend schon gab es dazu im Frankfurter Mousonturm eine Auftaktveranstaltung, organisiert von Beate Wörner vom Frauenreferat der Stadt, unter dem Titel „Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit“.

Wir hörten einen Ausschnitt aus dem grandiosen Hörspiel „Who Cares“ des Künstlerinnenkollektivs Swoosh Lieu, das ihr euch hier auch in voller Länge runterladen könnt, Katharina Pelosi von Swoosh erzählte von den Hintergründen des Stücks. Swoosh Lieu sind übrigens Anfang April mit einem neuen Stück wieder im Mousonturm, es heißt Dea Ex Machina und handelt von feministischen Utopien!

Gestern Abend gab es außerdem einen kleinen Input von mir zum gegenwärtigen Stand des Care-Aktivismus. Vorab dazu habe ich einige Gedanken aufgeschrieben, den Text dokumentiere ich hier im Blog. Gesagt habe ich dann zu einem großen Teil doch was anderes, aber ist ja egal 🙂 Also:

Feministinnen haben Care-Arbeit schon lange thematisiert, spätestens seit den 1970er Jahren. Sie kritisierten die Unsichtbarmachung des Füreinander Sorgens in den gängigen ökonomischen Theorien, sowohl in den liberalen (Privatsache) als auch den marxistischen (Reproduktion). Sie kritisierten die dahinter liegende Philosophie, die bestimmte Tätigkeiten naturalisiert, bestimmten Menschengruppen – Frauen, Sklavinnen und Sklaven – zuordnete. Sie zeigten, dass eine Welt, in der Gleichberechtigung gelten soll, in der alle Menschen als Gleiche betrachtet werden, nicht auf diesen Grundlagen funktionieren kann.

Heute ist das Thema der Care-Arbeit im Diskurs angekommen, was auch daran liegt, dass genau diese vorhergesagte Care Krise eingetreten ist. Regelmäßig wird das Thema in den Medien behandelt, wofür auch eine neue Generation von Redakteurinnen und Journalistinnen sorgt. Auch dass es neben dem Equal Pay Day nun auch einen Equal Care Day gibt, ist ein großer Erfolg der Frauenbewegung.

Auch der gegenwärtige erneute Aufschwung des Themas ist allerdings inzwischen schon ein paar Jahre alt: das bundesweite Netzwerk „Care Revolution“ etwa wurde 2014 gegründet, vor fast sechs Jahren. Und auch dieser Gründung war ja schon einiges an Aktivismus vorangegangen.

Ehrlich gesagt, musste ich mich deshalb ein bisschen motivieren, diesen Tag erneut groß zu begehen, denn ist denn nicht schon alles zu dem Thema gesagt? Ich nehme an, dass auch viele von euch sich schon länger darüber im Klaren sind, dass das Thema „Care“ ganz oben auf der politischen Agenda steht. Viele Dinge, die getan werden müssen, liegen längst auf der Hand.

Wahrscheinlich sind wir uns hier und auch viele andere uns über bestimmte Maßnahmen, die dringend notwendig wären, einig:

  • Die Stundenlöhne für Pflegekräfte, Erzieherinnen etc. müssen erhöht werden.
  • Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssen verbessert werden, besonders im Hinblick auf mehr Zeit und mehr Selbstbestimmung
  • Der Zwang zur Vollzeit-Erwerbstätigkeit muss gelockert werden, sodass Menschen mehr Zeit für Phasen haben, in denen sie unbezahlt für andere sorgen können. Also durch mehr Möglichkeiten für Teilzeit, bei guter, materieller Absicherung
  • Es muss verhindert werden, dass Investoren die Bedürftigkeit alter und kranker Menschen als Gewinnmodell entdecken und über Pflegekonzerne versuchen, Profit zu machen
  • Wir brauchen Förderung für Projekte, die Modelle entwickeln, wie Sorgearbeit gemeinschaftlich jenseits des kapitalistischen Marktes, aber auch jenseits der Kleinfamilie organisiert werden kann
  • Vielleicht sind wir uns auch einig darüber, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen hier eine hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Maßnahme für solche Transformationsprozesse wäre

All diese Forderungen sind natürlich wichtig, und es ist nach wie vor wichtig, dafür zu werben und dafür einzutreten.

Es gibt aber auch ein paar Aspekte, die mir noch unklar erscheinen, bzw über die ich finde, dass wir noch diskutieren müssen. Also wir Care-Aktivistinnen selbst, und die möchte ich hier ansprechen.

  • Das Recht, keine Care-Arbeit zu tun. Im gegenwärtigen Diskurs wird sehr stark für die Möglichkeit zur Care-Arbeit plädiert. Aber wie wir auch im Netzwerk Care-Revolution immer betonen, geht es eigentlich um zwei Forderungen, die einander bedingen und unbedingt zusammenhängen: Erstens – jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, Care-Arbeit für andere tun zu können, wenn er oder sie das möchte. Aber gleichzeitig darf – zweitens – NIEMAND dazu gezwungen werden, Care-Arbeit für andere zu tun, wenn er oder sie das nicht möchte. Wir haben nach wie vor bewusst oder unbewusst Erwartungen daran, dass wenn ein Mensch bedürftig ist, bestimmte andere dafür zunächst zuständig sind. Die Töchter, Schwiegertöchter, Söhne. Oder dann eben – die Migrantin, die „Polin“, wie heute oft gesagt wird. Das bestimmte Menschen „natürlicherweise“ für die Care-Arbeit zuständig sind, ist sehr tief in unserer Kultur verankert. Meiner Meinung nach ist dieser Punkt zentral, auch um zu verstehen, warum trotz lauter Beteuerungen wie wichtig Care ist faktisch dann doch zu wenig passiert: Weil wir immer noch glauben, dass die Allgemeinheit nur in Sonderfällen zuständig ist für Sorgearbeit, nämlich nur dann, wenn die eigentlich Verantwortlichen – meist Familienmitglieder, in erster Linie weibliche – sozusagen „ausfallen“.
  • 2. Punkt: GLEICHZEITIG stimmt aber: Care-Arbeit hat mit Beziehungen zu tun. Es sind keine anonymen „Arbeitskräfte“, sondern Personen, mit Namen, Individuen. Es ist egal, welcher Arbeiter am Band steht, wenn ein Auto produziert wird, aber nicht, welcher Pfleger zu mir kommt. Dieser Aspekt wird sowohl bei der Organisation der professionellen Pflege zu wenig beachtet, aber auch nicht im Privaten. Da gibt es auch noch zu Forschen und zu Diskutieren. Also über den Zusammenhang von Freiwilligkeit und Abhängigkeit. Wir haben Liebesbeziehungen in letzter Zeit sehr auf der Grundlage individueller Autonomie konzipiert: Zwei selbstständige Menschen treffen auf Augenhöhe aufeinander und haben eine Beziehung. Im Bereich von Care funktioniert das nicht. Es sind Beziehungen der Ungleichheit, die aber DENNOCH auf Freiheit gründen müssen, damit sie gut sind. Ich würde das vorläufig so formulieren wollen: Jeder Mensch hat das Recht, dass im Falle der Bedürftigkeit jemand für ihn sorgt. Aber kein Mensch hat das Recht darauf, dass ein bestimmter Mensch für ihn sorgt, beispielsweise die Tochter. Sorge sicherzustellen ist eine gesellschaftliche Aufgabe, keine individuelle, aber gleichzeitig geht das nicht unabhängig von Beziehungen. So hat vielleicht niemand das Recht, von einer bestimmten Person versorgt zu werden, aber vielleicht eben doch darauf, dass nicht jeden Tag eine andere Pflegerin kommt, sondern dass dabei eine Beziehung entstehen kann.
  • 3. Punkt: Beziehung bedeutet auch, dass sich Sorge-Beziehungen nicht als Kunde-Dienstleister etc. verstehen lassen. Dafür, dass eine Beziehung gelingt, sind beide Seiten zuständig. #respectnurses – Wir alle haben eine Verantwortung dafür, Umstände zu schaffen, in denen Menschen gerne für uns sorgen, etwa indem wir ihnen respektvoll und freundlich begegnen. Auch von bedürftigen Menschen kann man Respekt erwarten, auch zu ihnen kann man ungute Beziehungen lösen, sich also trennen. Mir ist klar, dass ich hier heikle Themen berühre, aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir in dieser Richtung weiter forschen und diskutieren – also darüber, was die Qualität einer Sorgebeziehung ausmacht und welche Einflussmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten beide Seiten dabei haben – also das Thema geht weit über die Frage nach dem Geld hinaus. Worum es vielmehr geht ist, eine Kultur der Bedürftigkeit zu entwickeln, bei der wir uns sozusagen darin üben, einüben, dass wir prinzipiell alle auf Fürsorge angewiesen sind oder jederzeit sein könnten und dass es in unserer Verantwortung liegt, für diesen Fall vorzusorgen. Nicht individuell, sondern in Bezogenheit, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene. Denn es ist eine Aufgabe der Kultur, nicht eine Sache der Natur.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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