FAQ zum postpatriarchalem Chaos

Die vergangenen Wochen war ich auf Tournee, um das neue Buch vorzustellen, und dabei gab es einige Fragen, die immer wieder aufgekommen sind. Deshalb hatte ich die Idee, hier im Blog ein FAQ dazu einzurichten. Den Auftakt macht eine Frageliste, die das Publikum in Tettnang zusammengetragen und mir weitergeleitet hat. Wenn Ihr weitere Fragen / Einwände usw. zu dem Thema habt, schickt sie mir gerne, dann gibt es irgendwann einen Teil 2.


Sie meinten, Empörung und Proteste würden nicht wirklich etwas ändern. Aber ist das richtig? Bringen sie nicht die Themen ins Bewusstsein (Mee too, Frankreich …etc.)? Sind sie nicht auch wichtig für die Seelenhygiene?

Es kommt darauf an, wie man das Ziel oder den Sinn solcher Proteste versteht. Wenn es darum geht, sich gegenseitig zu bestärken oder Themen ins Bewusstsein zu bringen, dann kann es natürlich sinnvoll sein – dann sollte man sich dessen aber bewusst sein. Der klassische Sinn von Demonstrationen, Empörung, Protesten etc. war es aber, die Regierenden an ihre eigenen Versprechen und Aufgaben zu erinnern und beziehungsweise Stärke „von unten“ zu zeigen, also damit zu drohen, dass sie die Unterstützung des „Volkes“ verlieren, wenn sie dessen Wünschen nicht nachgeben. Genau das aber funktioniert nicht mehr, wenn man es mit postpatriarchalen Chaoten zu tun hat, denn die interessiert die Unterstützung des „Volkes“ nicht, und sie haben auch ohnehin nicht die Absicht, Versprechen einzuhalten oder Aufgaben zu erfüllen. Sie sind nämlich nicht mehr höheren Werten verpflichtet, die sie mit „uns“ verbinden würden (Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand für alle). In Deutschland haben wir ja gesehen, dass die großen Demonstrationen gegen eine Normalisierung der AfD nichts bewirkt haben bei den bürgerlichen Parteien. Die Brandmauer ist dadurch nicht stärker geworden. Tatsächlich gibt es inzwischen sogar Beispiele für das Gegenteil, nämlich dass Empörung von feministischer oder linker Seite in rechtsautoritären Zirkeln erst Recht für „Credibility“ sorgt. Wenn wir „Woken“ uns empören, können sie sich damit aufpeitschen und für groß halten. Generell gilt aber bei diesem wie bei allen Themen: Ich möchte keine generalisierten Behauptungen aufstellen (Das hilft, das hilft nicht usw.) sondern neue Kriterien anbieten, also ich wünsche mir, dass wir bei solchen Protestaktionen fragen: Was sind unsere Ziele? Was wollen wir erreichen? und hinterher evaluieren: Hat es funktioniert? Haben wir unsere Ziele erreicht? Und das von Fall zu Fall entscheiden, anstatt einfach das übliche Programm abzuspulen.

Sind nicht in heutigen Firmen und Vorständen noch die patriarchalen Systeme aktiv? Oder sehen Sie das postpatriarchale Chaos auch dort schon ?

Beides. Auch hier gilt wieder mein Rat: Nicht pauschalisieren, sondern sich den konkreten Fall anschauen. Also den einzelnen Vorstand, die einzelne Firma, den einzelnen Chef: Ist das noch ein alter Patriarch? Oder ist das schon ein postpatriarchaler Chaot? Und je nachdem sich im eigenen Umgang darauf einstellen. Ich glaube, dass es derzeit vielerorts eine Konkurrenz bzw. einen Kampf um Deutungshoheit innerhalb konservativ-bürgerlichen Gruppierungen gibt, und dass die traditionellen Patriarchen dabei verlieren. Entweder sie werden abgesetzt oder sie geben ihre Werte auf und nähern sich den postpatriarchalen Chaoten an (siehe Brandmauer).

Quote – da gibt es ja in dem Interview mit Ihnen den Einwurf der Filmemacherin, dem Sie statt gegeben haben. Also doch Quote?

Ich habe nichts per se gegen die Quote, und wer dafür kämpfen möchte, soll es tun. Mir ist nur wichtig, dass wir sie (und verwandte Gleichstellungsmaßnahmen) nicht als Allheilmittel sehen und nicht zu viel davon erwarten. Dass wir uns klarmachen, dass Quotenregeln auch negative Aspekte haben. Mein Beispiel ist der Vergleich mit einem Medikament: Eine Quote lindert zwar die Symptome (zu wenig Frauen in traditionell patriarchalen Institutionen), aber sie heilt die Krankheit nicht – dass diese Institutionen nämlich nie für die Mitwirkung von Frauen gemacht waren – und womöglich hat sie schädliche Nebenwirkungen. Deshalb sollte man wie bei jedem Medikament genau abwägen, ob man es nehmen möchte oder nicht.

„Reicht“ Ihr individueller Ansatz in der heutigen Welt ?

Ich finde meinen Ansatz nicht individuell. Ein ganzes Kapitel in meinem Buch handelt von Beziehungen als Grundlage von Politik. Es gibt ja noch etwas Drittes neben „Individuum“ auf der einen Seite und „Partei“ oder „Identitätsgruppe“ auf der anderen Seite. Die Idee ist, dass Frauen sich aufeinander beziehen, zusammenarbeiten, sich gegenseitig bei ihren Projekten unterstützen und voranbringen, aber eben nicht auf der Grundlage eines gemeinsamen „Frauseins“ im Sinne von Identitätspolitik (zumal die Bedeutung von Frausein heute sowieso unklar ist), sondern auf der Grundlage persönlicher Verbundenheit zwischen konkreten Personen, die auf Vertrauen, gegenseitiger Autorität und gemeinsamem Begehren beruht. Ob das „reicht“? Das ist natürlich immer die Frage. Jedenfalls sind wir an einem Punkt, wo die traditionellen Formen von Kollektiv-Politik (Parteien, Vereine usw.) ganz offensichtlich nicht mehr „reichen“. Die Frauenbewegung seit den 1970ern hat die „Politik der Beziehungen“ sehr erfolgreich praktiziert und auf diese Weise außerordentlich viel bewegt und die Gesellschaft grundlegend verändert. Eine solche politische Strategie ist außerdem resilienter gegenüber rechtsautoritären Angriffen, denn man kann ihr nicht die staatliche Förderung entziehen, da sie von dieser nicht abhängig ist.

Ist die Lage nicht doch besser, als Sie sie gezeichnet haben? Denn Sie sagen ja selbst, was der Feminismus alles erreicht hat ?

Nein. Ich glaube, die Lage ist tatsächlich so schlimm. Der Feminismus hat viel erreicht in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter und auf die Möglichkeit von Frauen, in der Welt wirksam und aktiv zu sein. Aber in Bezug auf die Welt insgesamt haben wir nicht genug erreicht. Finanzsystem, Klimakatastrophe, Schwäche des Parlamentarismus, Krieg… und so weiter. Da müssen wir ran, da ist fast noch gar kein Feminismus angekommen. Ein gutes Beispiel ist die Care-Krise. Wir haben es teilweise geschafft, die damit verbundenen Ungerechtigkeiten den Frauen gegenüber besser zu verteilen und erreicht, dass auch Männer ein bisschen was übernehmen. Aber dass Care-Arbeit in volkswirtschaftlichen Berechnungen keine Rolle spielt, dass sie nicht wirklich wertgeschätzt und in ihrer Bedeutung verstanden wird, das haben wir nicht geändert bekommen. Das ist immer noch so. Es ist sogar in mancherlei Hinsicht eher noch schlimmer geworden.

Noch Fragen? Schreibt mir: post at antjeschrupp punkt de


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