Happy Birthday, Michael Bakunin

Heute vor 200 Jahren wurde Michael Bakunin geboren, der alte Anarchist. Ich habe mich mit ihm im Rahmen meiner Diss über die Erste Internationale ziemlich ausgiebig beschäftigt und ihn dabei fast lieb gewonnen. Bakunins Leben hat der Anarchismus-Historiker Max Nettlau in akribischer Weise nachvollzogen, allerdings ist seine Bakunin-Biografie, soweit ich weiß, immer noch nicht gedruckt. Ich habe sie damals in der französischen Nationalbibliothek gelesen, auf einer per Matritze angefertigten Kopie des handschriftlichen Manuskriptes. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Nettlau selbst insgesamt fünf fünfzig solcher Kopien angefertigt und ausgewählten Bibliotheken geschenkt. Okay, ich gebe zu, ich bin von Nettlau mehr beeindruckt als von Bakunin. Aber auch dessen Texte sind nach wie vor lesenswert, zumal wir alle ohnehin mehr anarchistische Theorie lesen sollten. Auch sein Leben ist atemberaubend (zum Beispiel: Wie flieht man von Sibiren über Japan in die USA?), wobei ich mich allerdings nur mit der Zeit ab ungefähr 1860 wirklich gut auskenne. Kleiner Exkurs: Das hat mich in meiner mündlichen Prüfung in Politikwissenschaft (zum Thema Geschichte des Anarchismus) ins

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Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien

Dass jemand ernsthaft die Abschaffung der politischen Parteien fordert, erscheint uns heute völlig absurd, denn wir haben uns angewöhnt, die Existenz von Parteien als Vorbedingung für jedes demokratische Gemeinwesen anzusehen. Genau das hat aber Simone Weil in einer kleinen Schrift getan, die erst kürzlich aus Anlass ihres 100. Geburtstages auf Deutsch erschienen ist – verfasst hat sie sie kurz vor ihrem Tod im Jahr 1943. Wie kommt sie nun auf diese Idee? Zunächst einmal ruft sie in Erinnerung (auch das machen sich normalerweise die Wenigsten klar), dass die Demokratie kein Selbstzweck ist, sondern lediglich ein Mittel zum Zweck, der nämlich darin besteht, Gerechtigkeit und das Gute in einer menschlichen Gesellschaft hervorzubringen. Dabei beruft sie sich auf Rousseau und dessen Begriff des Gemeinwillens, der keineswegs besagt, dass der Gemeinwillen per se besser wäre als ein Einzelwille (etwa eines absolutistischen Herrschers): Ein Wille, der ungerecht, aber der gesamten Nation gemein ist, wäre in Rousseaus Augen – und er lag richtig – dem

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Kleiner Disput über Freiheit

    Gestern und heute entwickelte sich auf Twitter eine kleine Diskussion zwischen mir und @benni_b, in die sich kurzzeitig auch @Peak_As und später @Sinasu391 einmischten. Es ging um Freiheit, und ich blogge sie hier nochmal, damit sie nicht verlorengeht. antjeschrupp: Es gibt keine bürgerlichen Freiheiten. Es gibt nur Freiheiten. (Hannah Arendt) benni_b: @antjeschrupp naja, nur sind die „bürgerlichen Freiheiten“ halt nur zu oft diejenigen, die man sich nicht leisten kann. antjeschrupp: @benni_b Es gibt keine Freiheiten, die man sich nicht leisten kann. Freiheit ist keine Ware, sondern eine Haltung. benni_b: @antjeschrupp sag das den Leuten in den Slums und sei froh, wenn sie Dich lebend ziehen lassen. antjeschrupp: @benni_b Nur dass sie mich vielleicht lynchen würden (was ich nicht glaube) ist ja kein Beweis dafür, dass sie recht haben 🙂 Peak_as: @antjeschrupp Georg Kreisler – Meine Freiheit, Deine Freiheit http://tinyurl.com/q4aby8 benni_b: @antjeschrupp Was @Peak_as sagt antjeschrupp: @benni_b @Peak_as Ihr meint jetzt aber nicht, dass das mein Freiheitsbegriff ist? #hopefully

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Proudhon – der größte Frauenfeind des 19. Jahrhunderts wird gefeiert

Mit Verwunderung lese in diesen Tagen allenthalben lobhudelnde Artikel über den französischen Antifeministen und Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon, aus Anlass von dessen 200. Geburtstag. Zum Beispiel hier in der taz http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/der-anarchistische-kleinbuerger/ oder auch in der monde diplomatique http://www.monde-diplomatique.fr/2009/01/CASTLETON/16666 (leider im Netz nur auf französisch zu haben). Da gibt es dann so lapidare Sätze wie den, dass sich die antifeministischen Positionen Proudhons „bei vielen Sozialisten des 19. Jahrhunderts“ fänden. Das stimmt nicht. Proudhon war ein extremer Antifeminist und in seiner Frauenverachtung deutlich radikaler als alle anderen Denker seiner Zeit, ob bürgerliche oder sozialistische. Mit seinem Buch „De la Justice“ löste er 1858 einen Protest-Sturm unter französischen Feministinnen und eine Flut anti-proudhonistische Bücher aus. In seiner 1875 posthum veröffentlichten Hetzschrift „La Pornocratie ou les femmes dans les temps modernes“ legte er noch mal nach und verteidigte seinen Antifeminismus ausdrücklich gegen den Trend der Zeit. Der Proudhonismus führte in der französischen Arbeiterbewegung zunächst zu einem Ausschluss der Frauen aus ihren Organisationen, der erst aufgehoben

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