„Feminismus“ adé: Warum ich in nächster Zeit das F-Wort meiden werde

„Endlich wird mal wieder über Feminismus diskutiert“ – mit solchen und ähnlichen Kommentaren haben einige versucht, dem medialen Strohfeuer nach dem (Anti-)Feminismus-Interview von Bundesministerin Kristina Schröder im Spiegel irgendetwas Positives abzugewinnen. Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Art und Weise, wie das Thema schon seit Längerem diskutiert wird, hat mich davon überzeugt, dass das Wort „Feminismus“ derzeit unbrauchbar ist. Offenbar scheint sich der Bullshit-Faktor erheblich zu erhöhen, wenn es benutzt wird. Die Idee, dass das Wort „Feminismus“ für die politische Debatte unbrauchbar geworden ist, ist für mich nicht neu. Ina Praetorius, mit der ich ja in vielem übereinstimme, benutzt es schon länger nicht und bezeichnet sich stattdessen als „postpatriarchale Denkerin“. Ich hingegen war bisher der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn ich mich selbst als Feminstin bezeichne und mein Denken in die Tradition des Feminismus stelle, gerade um entsprechenden Klischeebildungen entgegen zu wirken. Und natürlich auch, um diejenigen zu würdigen, die unter diesem „Label“ in der Vergangenheit Großartiges geschrieben,

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Schöne Wörter, Scheißwörter

Diese Woche sah ich abends den Film „Letzes Jahr in Marienbad“, einen alten Film von 1961, in dem sehr häufig das Wort „Balustrade“ vorkam. Das Wort hakte sich irgendwie in meinem Kopf fest, und als ich tags drauf durch die Stadt lief, hielt ich Ausschau nach Balustraden. Ich fand natürlich keine. Dafür fand ich ein Plakat, das für eine Tagung zum Thema „Sozialraumorientierung“ warb. Und neben dem schönen Wort „Balustrade“, das mich an jenem Tag begleitete, fand ich dieses Wort „Sozialraumorientierung“ so unglaublich häßlich. Die Schönheit und Hässlichkeit von Wörtern ist ein Phänomen, über das ich immer mal wieder nachdenke, seit ich Chiara Zambonis Buch „Unverbrauchte Worte“ gelesen habe. Sie schreibt darin über die Möglichkeit einer gegenseitigen Öffnung zwischen den Worten, der Sprechenden und den Dingen, die benannt werden. Worte sind nicht einfach nur neutrale „Platzhalter“ für eine angeblich objektive und unverrückbare Realität, sondern beides wirkt aufeinander ein und beeinflusst sich gegenseitig. Wie wir sprechen, welche Worte wir verwenden, um die Realität zu

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Was beim Sprechenlernen geschieht

Starre Mutterbilder sind Vergangenheit, doch was kann sinnvollerweise mit Mutterschaft gemeint sein? Dieser Frage geht Andrea Günter in ihrem Büchlein nach. Mit der Geburt und dem Durchtrennen der Nabelschnur ist die unmittelbare körperliche Verbundenheit zwischen Mutter und Kind ent-bunden, und es entsteht die Notwendigkeit einer Beziehung, die durch Kommunikation und durch Sprache vermittelt ist. Um die Bedeutung des Sprechenlernens in diesem Sinn zu verstehen – das nämlich mehr ist als das Erlernen einer bestimmten Sprache wie etwa Deutsch oder Türkisch – ist es notwendig, in der Mutter mehr zu sehen als eine Frau, die einfach die Bedürfnisse des Kindes befriedigt. In diesem Prozess lernt das Kind vielmehr, sich als eigenständige Person zu verhalten und die eigenen Wünsche und Anliegen anderen verständlich zu machen. Es lernt ebenso, dass die Mutter eine eigenständige Person ist, die in der Welt steht und dort aktiv ist. Nicht nur um Fürsorge geht es hierbei, sondern darum, dem Kind die Welt zu vermitteln. Ein lesenswertes, wenn

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Wer so erschossen wurde…

Also, nun bin ich doch ein wenig erstaunt. Da ich kein Fernsehen schaue und nur ausgewählte Zeitschriften lese, ist der Medien-Hype über den Amokläufer in Winnenden ziemlich an mir vorbei gerauscht. Wahrscheinlich liegt es an dieser Medienabstinez, dass mir das Wesentliche an diesem Ereignis ziemlich schnell bekannt gemacht wurde: Mein Masseur, eifriger RTL-Gucker und wissend, dass ich eine Feministin bin und mich dieser Aspekt wohl interessieren würde, erzählte mir noch am selben Nachmittag, während er meinen Rücken bearbeitete, dass am Morgen in Winnenden einer herumgelaufen wäre und gezielt Frauen erschossen hat. Am nächsten Tag wunderte ich mich zwar, dass in der taz-Berichterstattung nur von erschossenen „Lehrern“ und „Schülern“ die Rede ist, und habe das in meinem vorigen Blogeintrag kurz erwähnt. Naiv, wie ich vielleicht bin, dachte ich mir aber – na, das wird schon noch die Runde machen. Die Frauen in den Medien werden bestimmt darüber schreiben und darauf hinweisen. Vollends beruhigt war ich dann, als Luise Pusch dazu einen Artikel

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Luise F. Pusch: Der Kaiser sagt Ja

Mit Sprachwitz und ironischem Augenzwinkern nimmt die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch regelmäßig die Absurditäten der „Männersprache“ Deutsch aufs Korn. Ihre Glossen publiziert sie wöchentlich im Internet – und für alle, die die Version auf Papier vorziehen, auch im Taschenbuchformat. Der neueste Band umfasst die Jahre 2007 und 2008 und begleitend kommentierend den Wahlkampf zwischen Barack Obama und Hillary Clinton, den Hype um die Serie „L-Word“ und das Jubiläum von 1968 und viele andere Ereignisse aus dieser Zeit. Und natürlich auch jene weltbewegende Wichtigkeit, bei der der „Kaiser“ Ja sagte und „seine Heidi“ heiratete. Ihre besondere Aufmerksamkeit richtet Pusch dabei aber auch auf die so genannte „ernste“ Kunst, und ist dabei oft auch für einen Lacher gut, beziehungsweise für eine Lacherin – wenn sie etwa zur Ausstellung „Der verbotenen Blick auf die Nacktheit“ nicht nur anmerkt, dass wirklich verboten nur der Blick auf die männliche Nacktheit ist: „Männer werden in der Kunst nicht beim Baden überrascht; vielleicht baden sie zu selten?“

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Die Verknotungen der Gleichheit

Die Gleichheit ist sehr verlockend, vor allem für junge Frauen. Gerade habe ich die „Alphamädchen“ (von Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl) gelesen – zugegeben, mit etwas Verspätung – und war einerseits gerührt von diesem flammenden Appell zum feministisch Werden, andererseits doch etwas verwundert, dass das Versprechen der Gleichheit für junge Frauen heute immer noch so eine große Anziehungskraft hat. Schließlich hat die feministische Theoriearbeit der letzten zwanzig, dreißig Jahre in ganz unterschiedlicher Weise und auf allen möglichen Ebenen genau dieses problematisiert – sowohl die Queer-Theorie im Anschluss an Judith Butler, als auch die postpatriarchalen, vom italienischen Differenzfeminismus inspirierten Denkerinnen einer neuen symbolischen Ordnung, um nur die zwei wichtigsten zu nennen. Auch wenn sie sonst in vielem konträr sind, zumindest an DIESEM Punkt herrscht Einigkeit: Die Gleichheit ist nicht die Lösung. Doch für diese Diskussionen scheinen sich junge Frauen nicht sehr zu interessieren. Deshalb fangen sie im Prinzip da wieder an, wo die Frauenbewegung auch vor dreißig Jahren schon

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