Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

Who is who?

Die gegenwärtigen Diskussionen über Klarnamen finde ich interessant. Jenseits von kurzen Positionierungen pro oder contra berühren sie nämlich ein Thema, das die Produktion von Kultur betrifft und das durch das Internet sehr im Umschwung ist: Die Frage, auf welche Weise Texte/Werke mit der Person verknüpft sind, die sie geschaffen hat.

Dass Texte unabhängig von ihren Urheber_innen existieren (das ist ja letztlich das Konzept der Anonymität) ist überhaupt nicht neu. Es ist das Prinzip der Schriftlichkeit schlechthin. Lange Zeit wurde bei Büchern nur selten drunter geschrieben, wer der Autor ist, weil man „Urheberschaft“ gar nicht für wichtig hielt. Sehr häufig wurde auch ein falscher oder ein erfundener Name drunter geschrieben: Sei es, dass jemand Briefe schrieb und sie als die des Apostel Paulus ausgab, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen, sei es, dass Frauen unter Männernamen publizierten, weil sie nur so eine Chance hatten, überhaupt gelesen zu werden, sei es, dass in den Texten etwas Verbotenes oder Herrschaftskritisches stand und man nicht gerne dafür ins Gefängnis kommen wollte.

Und selbst, wenn der Name unter publizierten Text drunter stand, war der Autor, die Autorin für die meisten Lesenden unendlich weit weg: Man konnte schließlich Kant nicht mal eben kurz eine E-Mail schreiben, wie genau er das mit der Kritik der reinen Vernunft nochmal gemeint hatte.

Dies war lange Zeit ein kategorialer Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache: Mündliche Sprache findet zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, die sich mit ihren Körpern gleichzeitig im selben Raum befinden. Sie ist direkt, Austausch, Beziehung. Mit der Erfindung der Schrift wurde die Sprache jedoch von den Körpern und von den Beziehungen gelöst und auf einem Medium fixiert, das unabhängig von diesen Körpern in der Welt zirkulierte. Diese Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird durch das Internet tendenziell aufgehoben – und das ist eine enorm interessante Entwicklung.

Es gibt eine sehr lange Debatte über das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und um die Frage, inwiefern sich Inhalte dadurch verändern, dass sie nicht mehr gesprochen, sondern aufgeschrieben werden. Die bekannteste Auseinandersetzung mit diesem Thema stammt von Platon, der in seinem Dialog Phaidros vier Einwände gegen die Schrift vorbringt. Es ist interessant, sie vor dem Hintergrund des Internet Revue passieren zu lassen.

Sein erster Punkt besagt, dass die Schrift „in die Seelen der Lernenden Vergessenheit einflößen, durch Vernachlässigung der Erinnerung.“ Die Schrift macht uns vergesslich, denn was geschrieben steht, muss nicht erinnert werden. Schon Hannah Arendt hat aber darauf hingewiesen, dass genau das auch eine Stärke des Schreibens ist: Auf die Frage, warum sie überhaupt Bücher schreibt, antwortete sie: Damit ich nicht vergesse, was ich einmal gedacht habe. Genauso geht es mir auch. Und im Internet kann ich sogar vergessen, wo genau ich das, was ich mal gedacht habe, hingeschrieben habe: Ich kann es ja googeln. Also: Ja, die Schrift macht vergesslich – so what?

Der zweite Punkt, den Platon gegen die Schrift vorbringt, ist, dass sie, „wenn man sie etwas fragt, würdevoll schweigt“: Ein Text gibt mir keine Auskunft, sondern wiederholt nur stur immer dasselbe. Wenn ich das nicht verstehe, habe ich Pech gehabt. Das Internet ist nun dabei, dieses Defizit auszumerzen: Auch wenn jemand etwas nicht mir persönlich gesagt, sondern ins Internet geschrieben hat, kann ich direkt bei ihr nachfragen. Wozu gibt es Twitter oder die Kommentarfunktion. Oder meinetwegen auch E-Mail.

Als dritten Punkt nennt Platon die Befürchtung: „Wenn aber einmal etwas geschrieben ist, treibt sich jedes Wort überall herum, gleichermaßen bei den Verstehenden wie auch bei denen, für die es sich nicht gehört, und weiß nicht, zu wem es reden soll und zu wem nicht.“ Schriftliche Zitate können aus dem Zusammenhang gerissen und völlig falsch interpretiert werden. Allerdings: Im Internet ist das nicht mehr so problematisch. Wer Zitate von mir aus dem Zusammenhang reißt, kann sich nicht mehr darauf herausreden, dass das eben in diesem Buch so gestanden hätte. Und selbst, wenn jemand zu faul ist, um sich ein differenzierteres Bild von dem, was ich gemeint habe, zusammenzugoogeln oder mich direkt zu fragen, besteht immer noch die Chance, dass jemand anderes das tut (jemand, die mich kennt zum Beispiel), und das in den Kommentaren richtig stellt.

Das führt direkt zu Platons viertem Punkt, wenn er schreibt: „Wird sie (also die Schrift) aber beleidigt und ungerecht geschmäht, braucht sie immer des Vaters Hilfe. Selbst nämlich kann sie sich nicht schützen noch helfen.“ Auch das ist heute nur noch eingeschränkt wahr: Denn erstens ist die Verfasserin oder der Verfasser niemals ganz weg vom Text, sondern hockt gleich hinter dem nächsten Link. Und zweitens haben Texte heute ganz viele Beschützerinnen und Beschützer – nämlich all diejenigen, die sie sich selbst angeeignet haben. Und die sitzen heute eben nicht isoliert voneinander jede am eigenen Schreibtisch, sondern sie können jederzeit miteinander diskutieren.

All diese Veränderungen lassen sich auf einen Punkt zurückführen: Die kategoriale Trennung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird im Internet wieder aufgehoben. Zwar werden Inhalte auf Medien fixiert und zirkulieren losgelöst von den Körpern ihrer Urheberinnen, aber bei Bedarf kann man auf die Autorin oder den Autor zurückgreifen. Die Trennung ist nicht mehr absolut, wir können zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation hin- und herswitchen. Zum Beispiel, wenn Ihr diesen schriftlichen Text hier jetzt lest und wir anschließend in den Kommentaren darüber diskutieren.

Welche positiven Chancen stecken nun  in dieser Entwicklung?

Ich denke, um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal wieder auf die Besonderheiten der Mündlichkeit besinnen. Die haben wir nämlich in der Vergangenheit ziemlich vernachlässigt. Unsere Kultur schätzt das geschriebene Wort symbolisch viel höher ein als das gesprochene. Dabei ist das Sprechen die erste und wichtigste Kulturtechnik, die wir lernen. Sprechen können ist die Voraussetzung für alles.

Sprechen ist riskant, denn Sprache ist niemals eine exakte Abbildung der Wirklichkeit, sondern es gibt immer einen Spielraum. Das heißt, das Wort muss erst noch mit der Realität verknüpft werden: Wie funktioniert das, dass kleine Kinder sprechen lernen?

Würde zum Beispiel eine Mutter, die ihrem Kind den Sinn des Wortes „Stuhl“ erläutern möchte, Definitionen suchen, würde es kompliziert: Ein Stuhl ist ein Möbelstück mit vier Beinen, einer Sitzfläche und unter Umständen einer Lehne. Vielleicht hat er aber auch nur drei oder sogar fünf Beine, und die Lehne kann manchmal auch fehlen. Kein Kind würde das kapieren.

Stattdessen sagt sie: „Das hier ist ein Stuhl.“ Sie bindet das Wort also an eine Realität, die das Kind vorfindet und die es betrifft. Kein Lexikon und kein Google garantiert für die Richtigkeit ihrer Worte, sondern sie mit ihrer Person. Das Kind lernt, dass das hier ein Stuhl ist, nicht, weil es ein abstraktes Konzept verstanden hat, sondern weil es der Mutter glaubt.

Damit das Sprechen funktioniert und Worte nicht nur Worte bleiben, sondern einen Sinn bekommen, ist also nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch wer es sagt und zu wem und in welcher konkreten Situation – und zwar nicht nur zwischen Kindern und Eltern, sondern auch später, zwischen Erwachsenen. Autorität entsteht, wenn das Wort einer anderen oder eines anderen mir einen Sinn in der Welt erschließt. Das wissen wir doch alle: Wenn zwei Leute dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe. Sondern welchen Sinn und welche Bedeutung etwas hat, hängt davon ab, wer die beteiligten Personen sind, welche Geschichte sie miteinander haben, ob ich ihnen vertraue, ob sie für mich Autorität haben.

Das Interessante am Internet ist nun, dass wir über die sozialen Netzwerke Beziehungen mit anderen Menschen aufbauen können, die dann in unsere Rezeption ihrer Texte einfließen und ihnen Autorität verleihen: Wir filtern nicht mehr nur die Themen und Schlagworte, die uns interessieren, sondern wir wählen die  Personen aus, und gewichten das, was die eine sagt, als höher als das, was eine andere sagt. Diese Beziehungen hängen nicht von Klarnamen ab und nicht davon, dass ich die bürgerliche Identität der Person kenne, aber sie hängen sehr wohl davon ab, welche Beziehungen sich hier entwickelt haben. Die Autorität einer anderen Person muss sich über einen längeren Zeitraum bewähren, es hat mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun.

Vor diesem Hintergrund kommen wir nochmal zurück zur Bedeutung von „Originalität“ und Urheberschaft. Ich hörte vor einiger Zeit den Vortrag eines Philosophen, der die These aufstellte, dass gar nicht wir selbst es sind, die sprechen, wenn wir sprechen. Damit wollte er auf die Tatsache hinweisen, dass wir uns unsere Gedanken meistens nicht selbst ausgedacht haben, sondern lediglich wiederholen, was wir von anderen bereits gehört haben. Das stimmt natürlich. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass wir nur nachplappern. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen den Worten als solchen, die aus meinem Mund kommen, und der Tatsache, dass sie aus meinem Mund kommen, also dass ich sie auch sage (oder eben, heutzutage, ins Internet schreibe).

Für den Zusammenhang zwischen Autorität und Sprache ist nicht die Originalität des Gesagten oder Geposteten wichtig – meine Mutter hat das Wort Stuhl ja nicht erfunden, als sie mir das Wort beibrachte – sondern dass eine bestimmte Person es ist, die dieses jetzt sagt, die dieses jetzt ins Internet schreibt.

Natürlich habe ich vieles von dem, was ich sage (oder schreibe), mir nicht selbst ausgedacht, sondern es hat sich im Austausch mit anderen entwickelt. Aber das Entscheidende ist, dass ich es in einer bestimmten Situation auch tatsächlich ausspreche, dass ich es mit meiner Autorität und meiner Reputation in ein aktuell stattfindendes Gespräch einbringe. Denn das bedeutet, dass ich bereit bin, mit meiner Person und meinem Körper dafür – im wahrsten Sinn des Wortes – einzustehen.

In den Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ist es eine verbreitete spirituelle Praxis, heilige Texte laut zu rezitieren. Indem ich das tue, einen Text laut spreche, binde ich das Geschriebene wieder mit meiner Person in der Realität. Es kommt nicht nur darauf an, dass die Worte „dort stehen“, sondern auch darauf, dass sie von Menschen immer wieder ausgesprochen und mit Autorität ausgestattet werden.

Leider ist in der westlichen Kultur diese Verbindung des geschriebenen Wortes mit der Person, die es in einer konkreten Situation ausspricht und damit in der aktuellen Realität verankert, weitgehend verloren gegangen. Schriftliche Texte wurden tendenziell höher bewertet als das mündliche Sprechen, mit fatalen Folgen. Zum Beispiel der, dass „Heilige Texte“ – nicht nur religiöse, sondern auch Gesetze und Verordnungen zum Beispiel – sogar als Argument gegen eine reale Situation herangezogen werden, so als hätten sie eine eigenständige Autorität, die losgelöst von konkreten Menschen und Situationen existiert. Wie gefährlich das ist, können wir ja jeden Tag in der Zeitung lesen.

Schriftliche Texte, die nicht mehr von konkreten Menschen verantwortet werden, sondern denen man eine eigenständige, also im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Autorität zuspricht, werden zu einer Waffe, mit deren Hilfe man andern Leid zufügen kann, ohne selbst dafür die Verantwortung tragen zu müssen.

Das Internet bietet die Möglichkeit, Text und Körper wieder zusammen zu binden. Texte zirkulieren nicht mehr bezugslos, sondern sie sind jederzeit verknüpfbar mit der Autorin und mit anderen realen Menschen aus Fleisch und Blut, die ihnen Autorität geben (etwa durch Retweets und Posts). Diese große Chance darauf, ein uraltes kulturgeschichtliches Dilemma zu überwinden, sollten wir nutzen.

Das bedeutet nicht, dass man zwangsweise Klarnamen einführen sollte. Klarnamen sind ja nur eine von vielen Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Medienprodukten zu pflegen und ihre Bedeutsamkeit zu würdigen. Worauf es mir ankommt ist, den Wert zu betonen, den diese Möglichkeit der Verknüpfung von Person und medial fixiertem Wort für einen echten Austausch hat. Wir sollten sie bewusst pflegen.


Flattr this

Danke für die Spende!

26 Gedanken zu „Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

  1. Was dann ja wieder eine verkappte Arendtposition wäre, die die Öffentlichkeit des Erscheinungsraums (man könnte auch sagen, des Schallraums) vor der der Medien setze. 😉

    Ich glaube aber nicht so richtig an die große Rückkehr der Autorenschaft, jedenfalls nicht einfach so. Ich hatte zwar mal etwas ähnliches formuliert: http://www.ctrl-verlust.net/wie-passen-identitat-und-kontrollverlust-zusammen/
    aber dann gibt es ja noch 4chan, anonymous, bernd etc, wo es keinerlei zurechenbarkeit zu irgendwelchen körpern hat oder braucht.

    Zudem wäre ich vorsichtig, Texten ohne Verfasser gleich pauschal abzuwerten. (Platon würde sagen: ohne (bestimmbaren) Vater und würde diese Geste also direkt in den Patriarchalismus einschreiben). Bei „heiligen“ Texten könnten wir uns da schon eher einigen.

    Apropos: Dazu sei noch „Platons Pharmazie“ (ich glaube das war es) zu empfehlen, wo er Platon anhand des Vater/Autoren usw. Phallogozentrismus attestiert. Und irgendwas spannendes kam dabei auch raus.

  2. Wunderbar kuger Text, danke.

    Wieso muß ich bei „Schriftliche Texte, die nicht mehr von konkreten Menschen verantwortet werden, sondern denen man eine eigenständige, also im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Autorität zuspricht, werden zu einer Waffe, mit deren Hilfe man andern Leid zufügen kann, ohne selbst dafür die Verantwortung tragen zu müssen“ an EU-Verordnungen und überhaupt eine Menge deutscher Texte und Verwaltungsvorschriften denken?

  3. @mspro – Es geht mir nicht darum, Texte ohne (bekannten) Verfasser abzuwerten, sondern ich wollte nur darauf hinweisen, dass auch sie ihre Autorität und Bedeutsamkeit erst in Verbindung mit einem „mündlichen“ Diskursbeitrag bekommen, also indem eine konkrete Person sie „an die Realität bindet“. Das muss nicht der ursprüngliche Autor sein. Und ich wollte auf die Gefahr hinweisen, die darin liegen kann, wenn sich Texte quasi verselbstständigen und verunmenschlichen, so wie die „Heiligen Texte“ oder die Bernds.

    Dass sich Schriftlichkeit und Mündlichkeit historisch auf so schädliche Weise voneinander losgelöst haben, liegt wohl nur daran, dass es damals das Internet noch nicht gab, also noch keine interaktive Massenkommunikation und es deshalb technisch unmöglich war, beides zusammenzuhalten. Die Schrift kann gewissermaßen nichts dafür, dass sie von Religions- und Wissenschafts- und Literaturverwaltern symbolisch über die Realität gesetzt worden ist, wahrscheinlich überwiegend aus Herrschaftsgründen. Aber jetzt bricht die Grundlage für diese Operation zum Glück weg.

  4. Ein Punkt fehlt mir, aber das ist ja das auch tolle am Internet (und das Du es gestattest…): ich kann ihn (zumindest für mich) hier nachliefern. 😉 – Das bessere, vermeintlich ewige auffinden von „schriftlich Gesagtem“ verändert (weiter) unsere Erinnerungskultur. Dinge, die man sagt oder schreibt, sind auch sehr streng mit der Zeit verknüpft, in dem sie gesagt wurde.

    Aus der Zeit gelöst ist manches nicht mehr verstehbar. Oder man baut sie für sich erst einmal in den (Erinnerungs-)Kontex der Zeit ein um sie dann entsprechend zu gewichten. Man muss sich manchen Aufreger dann erst mal neu konstruieren, damit Texte wieder so sind, wie sie wirklich für einen waren.

    Andersherum kann man natürlich Sedimentablagerungen vermeiden, wenn man immer mal wieder das „schriftlich gesagte“ noch mal zur Korrektur heran ziehen kann. So oder so aber ändert sich an unsere Erinnerungskultur und ich denke, da die Technik für mich gefühlt schneller voranschreitet, als die Menschen sich hinter her entwickeln, noch mit, sagen wir mal, interessanten Reibungseffekten.

    Und: die Technik, gesprochenes oder seine Brisanz auch zu vergessen, kann auch ein wichtiger Mechanismus bei uns sein. Es kann ein Trick zur Ebnung des Weges zum Vergeben sein.

  5. Danke für diesen Text.

    Dein Text ist (auch) ein Lob an das klassische Geschichtenerzählen.

    Und dann fiel mir sofort auch Edward R. Murrow und seine McCarthy-Folge von „See it now“ ein, in der er die Dreistigkeit der Hetze von Senator McCarthy exemplarisch bloßstellte. Eine Zeitzeugin sagte später in einem Interview, dass Murrow etwas aussprach, was alle wussten, aber erst nach der Sendung „traten viele aus dem Schatten“ und stellten sich gegen McCarthy und die Angst.
    Das Kind, das laut feststellt, dass der König ja gar keine Kleider trage, ist ein noch klassischeres Beispiel.

    Es geht auch um die grundsätzliche Frage, ob man dem Sprechschreibenden Onliner vertraut. Die Position des Geschichtenerzählers, egal wie sehr sie durch das Web demokratisiert wird, beruht im Kern auf dem Vertrauen, das der Person entgegen gebracht wird.
    In der aufgeregten Welt des Bloggens (sowie generell der durch das Web demokratisierten Möglichkeit der Publizität) geht es nicht nur um Faktenbasierte „Wahrheitssuche“, sondern oftmals um die Schlacht „gefühlter Realitäten“. Als würden um ein Lagerfeuer dutzende Gechichtenerzähler sitzen und sich gegenseitig ins Wort fallen.

    Die zeitgenössische Blogosphäre ist also ein Ausdruck der Umstände, die keinen großen richtungsgebenden Vorleser mehr dulden, sondern im Geschwirr der Stimmen im Schwarm die Richtung augenscheinlich beliebig ändert. Schon Bourdieu hat festgestellt, dass vielfältige Verlockung und Verführung die normative Regulierung als Mittel der Systembildung und sozialen Integration abgelöst haben.

    In diesem ungerichteten Vielklang geben diejenigen die Melodie vor, die es schaffen professionell die Unreflektierten zu verführen. Und obwohl der Einzelne um die Verlorenheit in dieser Kakophonie weiss, wird diese (vermeintliche) Freiheit reflexartig verteidigt. Man denke nur daran, wie schnell der Vorwurf der „Ökodiktatur“ fällt, wenn versucht wird Regeln der ökologischen Balance mehr als nur einem selbst vorzuschreiben.

    Wenn also, wie du schreibst und ich unterstütze, „Text und Körper“ wieder zusammengebunden werden im Web, sollte auch an einige bestehende Folgen der Antizipation „unmenschlicher“ Texte gedacht werden.
    Es entstehen Gemeinschaften um diese Textmenschen, Notgemeinschaften in einer komplexen Welt, die Sicherheit versprechen. Die Preisgabe der Determiniertheit der Welt („Das ist kein ‚richtiger‘ Stuhl“) wird ersetzt durch eine anspruchsvollere reine Kontingenz („Es wird immer einen Stuhl geben“ oder besser „Wir werden immer irgendwie zusammensitzen“) – das reicht nicht jedem immer um durch den Tag zu kommen.

    Vielmehr noch ist die potentielle Gleichheit in den digitalen Ausdrucksressourcen de facto nicht genügend umgesetzt um die Ohnmacht des Einzelnen in Selbstbestimmung zu wandeln. Ebenso fehlt der Einsatz digitaler Methoden, um quasi realtime eine kollektive Absicherung individueller Defizite und Schicksalsschläge aufzufangen (Ansätze gibt es.)

    Wenn also die Kraft der Verbindung von Text und Körper durch das Web gefördert wird, müssen wir uns auch fragen in welche Weltrealität diese neue Autorität fällt. Ist diese nicht geprägt von dem ausbalancierten Respekt vor Vielfalt und Sicherheitswunsch, verschlimmert sie nur den Zustand der Marktgesellschaft. Das Wissen um Interdependenz, glücklicherweise ebenso potentiell gefördert durch das Internet und die Verfügbarkeit großer Informationsmengen, sollte demnach Bestandteil jedes ‚Körpertextes‘ sein, der dienen und nicht spalten will.

    Soviel mal für heute und nochmals danke für den Text.

  6. Danke für den sehr interessanten Artikel! Zwei Anmerkungen möchte ich dazu machen:

    »Das Internet ist nun dabei, dieses Defizit auszumerzen: Auch wenn jemand etwas nicht mir persönlich gesagt, sondern ins Internet geschrieben hat, kann ich direkt bei ihr nachfragen.« — Das stimmt natürlich nur, wenn man nicht schon so lange tot ist wie Platon 😉

    Und das führt zum zweiten Punkt: Woher kommt die Autorität? MMn, außer dass sie in Beziehungen entsteht, doch immer aus uns selbst. Soll heißen, wir (jeder für sich) verleihen dem Text eines (vermeintlichen) Urhebers Autorität, sobald wir uns mental in einer solchen Metamind-Beziehung verorten. Der Buchdruck hat durch massenhaftes Kopieren gleicher Inhalte zur Massengesellschaft / zum Massenmensch geführt. Das Internet ändert daran nur insofern etwas, dass es jedem möglich ist, Texte zu publizieren und also von anderen Autorität zugesprochen zu bekommen. Es fragmentiert die Masse – langfristig – hin zu Individuen (Unteilbaren), die Urheberschaft / Autorität nach Belieben verleihen. Das Internet bindet also keineswegs Text und Körper wieder aneinander, sondern bestärkt einfach nur die Einbildung des Einzelnen in Abgrenzung zu anderen.

  7. schöner blogpost, der aber mindestens ebensoviele fragen nach mündlichkeit/schriftlichkeit aufwirft, wie er beantwortet. mir gefällt weder das zerrbild von „abgespaltener druckschrift“, die deshalb bereits immer unmenschlich (im negativen sinn) sein müsse, noch umgekehrt der ebenso vereinfachte glaube an die „direkte“, authentische usw. mündlichkeit. beides ist, glaube ich, viel verschachtelter und dialektischer.

    was das web tut, ist darüber hinaus auch, die herkömmliche entgegenstellung von schriftlichkeit-mündlichkeit zu entkräften: es entsteht etwas jenseits. es gibt jetzt sehr viel geschriebene, im gestus „mündliche(re)“ sprache, die zugleich eben dauerhaft ist. wie ein gesprochenes wort, dass früher verweht wäre, das jetzt aber ich nachher mit url wieder heraufbeschwören kann. und alles geschriebene wird, sobald es im web ist, zugleich viel flüssiger und kleinteiliger, weil es eben sofort wieder zerlegt und annotiert werden kann. wie früher in schreibtischnotizen und freundeskreis-debatten, nur eben dass das nun alles den text selbst, mit dem es verlinkt ist, anreichert.

    der weitere kontext sind übrigens elektronische medien generell: dass kinder in der erzbayerischen provinz inzwischen weithin hochdeutsch sprechen wie gedruckt, liegt ja am fernsehen, das mit teleprompter und daily soaps „mündliche sprache“ seit langem einfriert, quasi kodifiziert, zum wiederholbaren objekt macht. (weit mehr als es früher in kirchen ansatzweise der fall war.) da sind wir bei Walter Ongs „sekundärer (tertiärer …) Oralität“, der man seit dem Web umgekehrt auch eine „sekundäre usw. Literarität“ zuordnen muss.

    wir bewegen uns IMHO zu etwas neuem hin, und die alten zweiwertigen muster, entfremdung und authentizität, mündlichkeit und druckschrift, und schließlich auch „das menschliche“ zu denken, passen nicht mehr recht.

  8. @Martin – Ich meine „unmenschlich“ nicht negativ, sondern einfach beschreibend: Ein gedrucktes Wort ist erstmal nur Papier (oder Computer). Es sind immer Menschen, die diese Worte aufgreifen, die ihnen Sinn und Bedeutung geben. Aber ja, wir bewegen uns auf etwas Neues zu, und da liegt es in der Natur der Sache, dass das erst einmal mehr Fragen als Antworten aufwirft 🙂

  9. hmja. ich habe deine argumentation stark vergröbert, ich weiß (sorry). das meiste hat mir eh gut gefallen. mir war die allgemeine zustimmung zu naiv, und mir fehlten hinweise auf den recht reichhaltigen neuen web/mündlich/schriftlich-diskurs.

    generell habe ich ein problem damit, wenn „die menschen“ ohne mehrere ausdrückliche vorbehalte aufgerufen werden. ich möchte ja auch, dass politikerInnen die bürgerInnen anreden (citoyen/nes) und nicht „die menschen“.

    und was die böse druckschrift angeht, die sich immer verselbständigt und (laut Kommentar) sogar zur „Massengesellschaft“ führt: das war und ist ja mindestens ebensosehr großartig wie es gefährlich ist.

    wie du ja weiter oben auch schreibst, und wie jede/r ernsthafte schreiber/in weiß: das kulturelle schrift-spiel ist viel eher ein ständiges hin-und-her von von-sich-abstrahieren in der eigenen schrift und dem aneignen/aufgreifen von fremder schrift, das aber diese distanz eben voraussetzt und auch gar nicht völlig löscht – und wieder, und wieder. die spannung darin, und das weitertreibende, scheint mir jeweils das entscheidende zu sein.

    ich würde dazu übrigens gern noch neben Ong auch David Weinbergers verständnis von „voice“ in diesen denk-kessel werfen: das Web erzeugt eine neue erfahrung von „stimme“, wiederum seltsam mündschriftlich, in diesem komischen medium aus geisterhaften lichtzeichen und daten und echtzeit.

  10. Interessanter Blogpost. Ein paar spontane Einfälle dazu:

    Man konnte schließlich Kant nicht mal eben kurz eine E-Mail schreiben, wie genau er das mit der Kritik der reinen Vernunft nochmal gemeint hatte.

    Ich vermute, dass manche Menschen ihm Briefe schrieben, als er noch lebte. Die brauchten dann natürlich etwas länger als ein email, und die Antwort brauchte auch mehr Zeit.

    Die Schrift macht uns vergesslich, denn was geschrieben steht, muss nicht erinnert werden.

    Fängt im Prinzip schon beim Einkaufszettel an. (Allerdings wird der von vielen Menschen vor allem dazu genutzt, dass sie nichts kaufen, was sie nicht brauchen.) Ich komme noch weitgehend ohne Kalender aus, aber mittlerweile wird der Umgang mit „Lernplanern“ schon Jugendlichen beigebracht, bevor sie imstande sind, ihre Lernvorhaben inhaltlich zu strukturieren. (Da stehen dann Hausaufgaben drin und „auf Englischarbeit lernen“.)

    Denn erstens ist die Verfasserin oder der Verfasser niemals ganz weg vom Text, sondern hockt gleich hinter dem nächsten Link.

    Eine der Stellen, wo ich überlege, wie du das meintest… Mein erster Gedanke war: Ich werde per email benachrichtigt, wenn jemand einen Kommentar schreibt, auch wenn mein Text schon etwas älter ist und ich mich innerlich schon längst von ihm verabschiedet habe. Mein zweiter Gedanke war. Wenn man einen Text eines anderen Menschen aufgreift, um ihn zu kritisieren oder auch um ihm zuzustimmen, kann man sofort den Originaltext nachlesen und sich ein Urteil darüber bilden, ob dieser richtig verstanden wurde.

    All diese Veränderungen lassen sich auf einen Punkt zurückführen: Die kategoriale Trennung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird im Internet wieder aufgehoben. Zwar werden Inhalte auf Medien fixiert und zirkulieren losgelöst von den Körpern ihrer Urheberinnen, aber bei Bedarf kann man auf die Autorin oder den Autor zurückgreifen.

    Ich bin am Überlegen, ob wirklich die Verfügbarkeit des Autor oder der Autorin den entscheidenden Unterschied ausmacht. Ein paar andere Vorschläge, die mir eingefallen sind: Im Internet schreiben antworten wir schneller und hemmungsloser, im positiven wie im negativen Sinn. Vielleicht auch, weil klar ist, dass das, was wir twittern, nicht für die Ewigkeit bestimmt ist. Und weil es viel leichter ist, auf „Kommentar schreiben“ zu klicken, als die Adresse eines Verlags herauszusuchen, und sich dann noch zu fragen, ob sich der Autor für unseren Brief überhaupt interessiert. Wir werden nicht aufgefordert, auf ein Buch zu antworten, aber bei einem Artikel im Internet gibt es diese Ermutigung.

    Stattdessen sagt sie: „Das hier ist ein Stuhl.“ Sie bindet das Wort also an eine Realität, die das Kind vorfindet und die es betrifft. Kein Lexikon und kein Google garantiert für die Richtigkeit ihrer Worte, sondern sie mit ihrer Person. Das Kind lernt, dass das hier ein Stuhl ist, nicht, weil es ein abstraktes Konzept verstanden hat, sondern weil es der Mutter glaubt.

    Mir fällt gerade ein, dass körperliche Tätigkeiten etwa Tanzen auch heute noch sehr selten durch Bücher gelernt werden. Okay, die meisten Menschen lernen nur sehr ungern nur durch Bücher, sondern mögen es meistens, wenn es jemanden gibt, der ihnen das Buch erklärt. Aber bei körperlichen Tätigkeiten wie Tanzen ist es wohl unmöglich, etwas nur durch ein Buch zu lernen.

    Wir filtern nicht mehr nur die Themen und Schlagworte, die uns interessieren, sondern wir wählen die Personen aus, und gewichten das, was die eine sagt, als höher als das, was eine andere sagt. Diese Beziehungen hängen nicht von Klarnamen ab und nicht davon, dass ich die bürgerliche Identität der Person kenne, aber sie hängen sehr wohl davon ab, welche Beziehungen sich hier entwickelt haben. Die Autorität einer anderen Person muss sich über einen längeren Zeitraum bewähren, es hat mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun.

    Dies scheint mir das entscheidende zu sein, und es stimmt auch mit meinen Erfahrungen überein.
    Im „Fandom“, in dem ich mich jahrelang bewegte, galten Titel und akademische Auszeichungen nichts. Manchmal versuchte eine Person, sich größere Glaubwürdigkeit zu verschaffen, indem sie auf ihre Ausbildung hinwies (geht meistens schief), oder indem sie auf ihre Erfahrungen als Mitglied einer bestimmten Gruppe hinwies (funktioniert in aller Regel.) Es gilt nur, dass jemand, die schon ein paar intelligente/witzige/poetische Beiträge geschrieben hat, größeres Ansehen gewinnt, so dass man auf weitere Beiträge von ihr gespannt ist.

    Zum Beispiel der, dass „Heilige Texte“ – nicht nur religiöse, sondern auch Gesetze und Verordnungen zum Beispiel – sogar als Argument gegen eine reale Situation herangezogen werden, so als hätten sie eine eigenständige Autorität, die losgelöst von konkreten Menschen und Situationen existiert.

    Aber auch diese Texte gewinnen ihre Autorität daraus, dass sie von einer bestimmten Person geschrieben wurden – nur nicht unbedingt für unsere konkrete Situation…

  11. Pingback: Lesetipps für den 2. September | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

  12. Pingback: Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

  13. etwas offtopic, aber gibt es eine Erkenntnis darüber, warum es bei der deutschen Grammatik möglich ist, im bestimmten (beim ~PartizipPräsensAktiv ?) geschlechtsneutral zu bleiben, im unbestimmten nicht; der/die Gehende, ein Gehender/eine Gehende?

  14. Der Klarname, eine Mysterium im Dschungel der Privatsphäre und der Datenschützer. 🙂
    Das Internet hat mich verändert? Es hat mir geholfen, meine Person klarer sehen zu können. Daher bin ich mehr und mehr bei meinen Auftritten im www mit meinem Klarnamen, das Wort kenne ich seit heute, unterwegs.
    Warum?
    Ich schreibe. Und manchmal bin ich sogar glücklich, dass diese Wortzusammenstellungen meinen Gedanken gefolgt sind. Und ich bin Egoist genug, um das auch an meiner Person, an meinem Namen festzumachen.
    Und wenn ich das schreibe, weiß ich auch, dass das im Zweifelsfalle gegen oder für mich verwendet werden kann. Dieses Risiko nehme ich gerne auf mich.
    Wenn mal was über mich geschrieben wird, was dem entspricht, wie ich gerne gesehen werde, kann ich dadurch Bezüge zu meiner Gedankenwelt herstellen. Ich kann diese Gedanken im www sogar wiederfinden.
    In Wirklichkeit bin ich jedoch der Rede, des Dialogs, des gesprochenen Wortes verfallen.
    Sokrates. Es ist keine Zeile überliefert. EInzig das, was Platon über ihn geschrieben hat. Wir wissen nicht mal, ob er das gesagt hat, was Platon schreibt. Und doch ist Sokrates so aktuell, so präsent.

    Danke für den Artikel, er bestätigt mein Gefühl, dass ich gerne meinen Namen verwende.

  15. Nur zu einem Gesichtspunkt Ihrer Abhandlung, werte Frau Schupp, dem von Urhebern als „unmittelbare[n] Produzenten“ (Karl Marx) des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebs in diesem Ganzdeutschland, zwei Netlinks:

    http://ricalb.files.wordpress.com/2010/02/closed-access1.pdf

    http://duckhome.de/tb/archives/8561-ANSPRUCHSVOLLE-WISSENSCHAFTLICHE-FACHLITERATUR.html

    Deren Inhalt zeigt, daß Sie sich im Bereich wissenschaftlicher Publizistik einschließlich der Rolle, die beim Enteignungs- und Ausbeutungsprozeß der wenigen hierzulande noch realexistierenden produktiven Sozialwissenschaftler durch die jährlich jeweils milliardenschwere Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als realexistierend-wirkmächtige Forschungsverhinderungs- und -zerstörungsinstitution so gar nicht auskennen.

    Mit freundlichem Gruß

    Dr. Richard Albrecht, 030911
    http://wissenschaftsakademie.net

  16. @Richard Albrecht – Warum stellen Sie Ihre Texte nicht einfach selbst zum Download ins Internet? Dann können andere damit auch kein Geld verdienen. Oder liegen die Rechte daran mittlerweile bei den Verlagen und Sie dürfen sie gar nicht mehr selbst publizieren?

  17. @Frau Schrupp [diesmal richtig mit „r“]

    Wissenschaftlerempfehlung: Erst lesen, dann denken, dann publizieren.

    Nach jeweils e i n e m Jahr fallen die in den beiden verlinkten Kürzestdarstellungen

    http://ricalb.files.wordpress.com/2010/02/closed-access1.pdf

    http://duckhome.de/tb/archives/8561-ANSPRUCHSVOLLE-WISSENSCHAFTLICHE-FACHLITERATUR.html

    genannten (c) an den Autor zurück.

    Ihre Antwort zeigt mir: Sie haben das Problem der Urheberschaft nicht verstanden & ich befürchte, offen gesagt, Sie können´s auch nicht verstehen.
    Es geht doch nicht wie bei Ihnen um mehr oder weniger beliebige Tagespublizistik. Sondern um Grundfragen des (wissenschaftlichen) Wissens, dessen Urheber, ihre finanzielle Existenz und die erst durchs Internet mögliche neue verlagskapitalistischer Ausbeutung früher gedruckter wissenschaftlicher Texte.

    Insofern hab ich (auch) hier (wieder) was gelernt,

    mit freundlichem Gruß

    Richard Albrecht/030911²
    http://wissenschaftsakademie.net

  18. Früher dachte ich immer, wenn etwas abgehoben klingt, ich müsste mich nur so sehr strecken oder sogar hochhüpfen und meinen ach so klein erscheinenden Grund verlassen, um es dann und von dort verstehen zu können. Heute weiss ich jedenfalls bzgl. meines erLebens, dass es dafür keinen äußeren Grund geben kann; denn was sich mir da, wo ich bin, nicht mal mit aller mir zur Verfügung stehenden „Kraft“ erschließt, z.B. weil es sprachlich abgehoben -und d.h. eben: nicht zu mir sprechend- dargebracht wird, hat keinen wirklichen Wert.
    Wer Wissen schaffen will, muss vermitteln!

  19. Pingback: die ennomane » Blog Archive » Links der Woche

  20. Naja, was man nun, prometheus141, nun natürlich behaupten kann, aber mangels eines tausende Jahre „fast die ganze Welt“ umfassendem Matriarchat schwerlich beweisen kann.

    Nicht als Klugscheissern bitte verstehen, aber am Rande: Großbuchstaben gelten bei der mündlich-schriftlichen Unterhaltung stark mehrheitlich als „schreien“.

  21. Ein toller, sehr inspirierender Text!

    in Sachen Mündlichkeit/Schriftlichkeit bleibt eine Unklarheit:

    „wir können zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation hin- und herswitchen. Zum Beispiel, wenn Ihr diesen schriftlichen Text hier jetzt lest und wir anschließend in den Kommentaren darüber diskutieren.“

    Was wäre denn „in den Kommentaren“ mündlich? Auch Kommentare sind Texte, und oft genug sogar solche, die das „Ausgangsposting“ in manchem Kriterium toppen. Beides wird in die Tasten getippt und als Botschaft „lesbar für viele“ im Netz abgebildet.

    Was hier (im Internet) verschwimmt bzw. tendenziell verschwindet, ist der Unterschied zwischen „Autor/in“ und „Gesprächsteilnehmer/in“.

    In der alten Welt mit ihren KNAPPEN Kommunikationskanälen wurden vornehmlich Werke von professionellen Autoren (=die Werke schaffen) verteilt – und zwar in Form des Verlegens und Vermarktens, was die Texte zur Ware machte.

    Nun kann sich jeder „einfach so“ in vielgestaltiger Form zu Wort melden, und sich zusammen mit allen anderen Inhalten in die Warteschlangen (Timelines, Streams) um Aufmerksamkeit einreihen.

    Worauf die Aufmerksamkeit dann tatsächlich fällt (und wieviel davon), ist nicht mehr auf Texte mit Warencharakter beschränkt. Ja, Texte von Menschen, die niemand dafür bezahlt, dass sie sagen, was sie denken, genießen bei vielen sogar besondere Glaubwürdigkeit.

    Bekommt der Text noch VERSTÄRKUNG durch die Empfehlung vieler „Schwarmmitglieder“ kann er so aufgeladen werden, dass seine Inhalte als Massenmem weiter schwappen – wiederum nicht wirklich kontrollierbar von den Interessenten aus Macht & Markt.

    Dass ein Text auf eine bestimmte, nachvollziehbare Quelle zurück zu führen ist, ist sicher in den ersten Stadien des Lebenszyklus eines Textes wichtig. Genauso wie es wichtig ist, wer ihn empfiehlt.

    Wird der Text aber so oft geteilt und weiter gereicht, dass er gefühlte „Massen“ erreicht, wird die Quelle wieder weniger wichtig: Nun zählt vor allem, dass ihn VIELE auf die Agenda gesetzt haben, nicht mehr so sehr, WER ihn verfasst hat.

  22. @Clauda – die „Mündlichkeit“ an Kommentardiskussionen besteht darin, dass ein gemeinsamer Kontext sichtbar ist. Es sind Gespräche, die sich entwickeln und nicht vorhersehbar verlaufen. Wobei Mündlichkeit in Anführungsstriche gehört, weil es vielleicht tatsächlich eine neue Weise der Kommunikation ist, weder ganz mündlich noch ganz schriftliche (im alten Sinne von schriftlich, also vom Kontext und den beteiligten konkreten Personen gelöst).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s