Grundeinkommen und Sorgearbeit, Update.

Wer nach meinem neulichen Rant zum Thema „untaugliche Argumente für ein Grundeinkommen“ noch bezweifelt hat, dass Teile der Grundeinkommensbewegung tatsächlich meinen, die Sorgearbeit würde dann ja umso besser in Zukunft von den Frauen gemacht werden können, und die dürften sich dann sogar darüber freuen, weil sie ja das Grundeinkommen hätten, braucht nur mal diese Sendung des Bayrischen Rundfunks anschauen. Darin wird Götz Werner mit der Ansicht zitiert, das Grundeinkommen sei eine Bezahlung für Frauen, die Sorgearbeit leisten (letzter Satz vor dem letzten Zitat).

Danke, dass ich das  nun schriftlich habe – bisher hatte ich das ja von ihm nur mündlich gehört und es war immer mal wieder bezweifelt worden, dass er das tatsächlich so sieht. Um es nochmal klar zu machen: Der Punkt ist hier nicht bloß die stereotype Geschlechtsrollenverteilung. Auch wenn die Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern gleich verteilt wäre (was sie natürlich nicht ist), wäre das Argument grundfalsch. Denn es gäbe immer noch die Ungleichverteilung zwischen denen, die Sorgearbeit leisten, und denen, die es nicht tun. Wenn das Grundeinkommen leistungsunabhängig sein soll, kann es nicht die ökonomische Organisation von Sorgearbeit ersetzen.

In der deutschen Grundeinkommensbewegung, die Götz Werner wegen seines Unternehmertums und seinen pro-kapitalitischen Argumenten größtenteils sehr skeptisch gegenüber steht, gehörte ich bisher immer zu denen, die für eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Anhänger_innen plädiert hat. Weil das Grundeinkommen meiner Ansicht nach nur als breit angelegtes gesellschaftliches Konzept eine Chance hat, und weil ich es in der Tat großartig finde, wie sehr Götz Werner dazu beigetragen hat, das Thema in die Debatte zu bringen. Das finde ich auch weiterhin.

Ich kann damit leben, dass Götz Werner gleichzeitig eine ziemlich altväterlich-patriarchale Weltsicht hat. Vermutlich glaubt er tatsächlich, dass Sorgearbeit etwas ist, das von Frauen irgendwie von Natur aus gratis zur Verfügung gestellt wird, vermutlich hat er es es in seinem persönlichen Umfeld immer so erlebt. Meinetwegen. Das Problem ist nicht Götz Werner, sondern seine Entourage, diejenigen, die hinter und um ihn herum stehen und sich gegen jede Kritik von außen immunisieren. Die das Grundeinkommen zu einem propagandistischen Projekt verkommen lassen, bunte Werbefilmchen drehen und Flyer drucken und alle Kritik und alle Einwände an sich runterglitschen lassen. Und hier bin ich mir nicht mehr so sicher, ob gemeinsames Ziehen an einem Strang für mich in Zukunft noch möglich ist.

Zum Beispiel hat es das Schweizer Initiativkomitee (in dem der Götz Wernerismus prominent vertreten ist) jetzt explizit abgelehnt, sich hinter eine Erklärung zu stellen, die das Zusammengehören der Themen Grundeinkommen und Sorgearbeit betont, und in der es unter anderem heißt:

Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.

Ina Praetorius, die selbst Mitglied im Initiativkomitee ist, hatte die Erklärung geschrieben als Erwiderung auf eine Kontroverse über die einseitige Darstellung der Grundeinkommensdebatte im Schweizer Fernsehen (Hintergründe schildert sie hier). Die komplette Erklärung haben wir jetzt auf den Seiten unseres „ABC des guten Lebens“ eingestellt, zum Nachlesen, Weiterverbreiten, Kommentieren.

Bisher habe ich immer gedacht, das Problem sei Desinteresse oder Ignoranz. Ich dachte, es gebe eben in der Grundeinkommensbewegung viele Menschen, die sich für das Thema Sorgearbeit nicht interessieren oder sich bisher nicht mit feministischer Ökonomie beschäftigt haben, oder die anderes halt für wichtiger halten. Das wäre für mich kein Problem, und da würde ich meine Rolle eben darin sehen, diesen Aspekt, den ich wichtig finde, zu vertreten und in die Debatte einzubringen.

Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob es darum noch geht. Eigentlich erlebe ich gemischte linke Gruppen oft so, dass sie feministischen Interventionen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, solange es ihnen keine Arbeit macht. Und mich macht stutzig, dass das hier so gar nicht der Fall ist.

Warum hat man in der Schweiz nicht die Gelegenheit genutzt, sich – wenn man so eine Erklärung schon auf dem Silbertablett serviert bekommt und nur noch unterschreiben muss – zumindest einen aufgeschlossenen Anstrich zu geben? Damit hätte man doch Kritikerinnen wie mir (und ich bin ja bei Weitem nicht die Einzige) elegant den Wind aus den Segeln nehmen können. Warum hat das Initiativkomitee nicht die Rüge gegen den Fernsehsender strategisch genutzt, um eine weitere Sendung, diesmal mit anderem Fokus zu fordern? Wäre das nicht ein kluger Schachzug gewesen – ganz unabhängig davon, ob man das mit der Sorgearbeit persönlich für unwichtig hält oder nicht?

Nein, offenbar halten diese Befürworter des Grundeinkommens das Thema Sorgearbeit nicht einfach nur für unwichtig, sondern wollen aktiv verhindern, dass die beiden Themen miteinander verknüpft werden. Sie wollen es so sehr verhindern, dass sie sogar auf die Chance verzichten, das Thema Grundeinkommen noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen oder mit einer solchen Erklärung noch einmal die öffentliche Debatte anzuregen.

Ehrlich gesagt ist die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, die, dass ihnen das Thema eben nicht egal ist oder unwichtig erscheint, sondern dass sie tatsächlich eine sehr konträre Position zu meiner haben, sich aber bloß nicht trauen, das öffentlich auszusprechen (außer, Götz Werner verplappert sich mal wieder). Ich glaube inzwischen, dass sie tatsächlich das Grundeinkommen auch als ein Projekt verstehen, in dem sich das ungelöste Problem der Sorgearbeit wundersamerweise in Luft auflöst, weil sich dann schon Leute finden werden, die das für ein Grundeinkommen machen werden.

Und das ist der Punkt, an dem ich definitiv draußen bin. Wenn dieses Denken in der Grundeinkommensbewegung vorherrschend wird, werde ich sie nicht mehr unterstützen, sondern dann werde ich sie aktiv bekämpfen. Denn so ein Grundeinkommen halte ich für gefährlich, für unverantwortlich, für grundfalsch.

Zum Glück sieht es in Deutschland ein bisschen anders aus. Hier ist die Grundeinkommensbewegung vielfältiger – hoffe ich jedenfalls. Vor dem Hintergrund meines neulichen Rants zum Beispiel twitterte Wolfgang Strengmann-Kuhn seine Slides zum Thema – er setzt sich bei den Grünen für ein BGE ein und hat das Thema Sorgearbeit zumindest auf dem Radar, auch wenn es mir noch etwas zu optimistisch klingt. Aber immerhin kehrt er das Ganze nicht unter den Tisch.

Ich selbst werde auch immer wieder explizit angefragt, diese Thematik in die Bewegung einzubringen. Zum Beispiel wird im September ein von Werner Rätz und Ronald Blaschke herausgegebener Sammelband erscheinen (im Rotpunkt-Verlag), der auch einen Aufsatz von mir zum Thema Notwendigkeit enthalten wird. Auch wenn ich im Moment etwas grummelig bin, weil der Text schon fertig ist, es jetzt aber noch so lange dauert, bis das Buch da ist, bin ich für das Buchprojekt ziemlich dankbar, denn ohne diese Einladung hätte ich mich wahrscheinlich noch lange nicht hingesetzt und das mal sortiert aufgeschrieben.

Ich argumentiere darin, dass die Aufmerksamkeit für das, was notwendig ist, und die Bereitschaft, das Notwendige dann auch konkret zu tun, eine kulturelle Fähigkeit ist, die nicht einfach gegeben ist, sondern gefördert und gepflegt werden muss. Das ist meiner Ansicht nach der „missing link“ in der derzeitigen Debatte. Götz Werner sagt in der oben verlinkten BR-Sendung:

Freiheit hat etwas damit zu tun, dass man plötzlich in der Lage ist, nein zu sagen. Der andere kann mich nicht abhängig machen. Das ist eine ganz neue Idee.

Ja, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir diese Art von Freiheit, die Freiheit, Nein zu sagen, durch ein Grundeinkommen ermöglichen wollen, geht das nur, wenn wir gleichzeitig in unsere Köpfe reinkriegen, dass Freiheit ebenso bedeutet, Ja zu sagen, wenn irgendwo etwas notwendigerweise getan werden muss. Und dass diese Fähigkeit, das Notwendige zu sehen und dann auch im eigenen Handeln Verantwortung dafür zu übernehmen, derzeit nicht bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist und vorausgesetzt werden kann.

Das Geborensein denken

Zwei neue Bücher zum Thema Geburt.

Immer mal wieder gab es einen Versuch, die Gebürtigkeit des Menschen als grundlegendes Paradigma von Philosophie, Politik und Wissenschaft (kurz: der Kultur generell) zu verankern – grandios zum Beispiel von Hannah Arendt – aber es scheint wie verflixt: Irgendwie will es nicht in die Köpfe und in den Mainstream hinein. Offenbar hat sich das Phantasma der Kopfgeburten, der Autonomie, der abstrakten, von aller Materie „befreiten“ Rationalität so tief in das westliche Denken hineingekrallt, dass es immer wieder hochpoppt.

Bis heute ist im Mainstreamdenken das Thema ausgelagert. Dass wir alle Geborene sind, also dem Wesen nach abhängig, dass wir unsere pure Existenz einer Frau aus Fleisch und Blut verdanken, die uns in ihrem Körper ausgetragen und zur Welt gebracht hat, dass wir nur überlebt haben, weil andere uns über viele Jahre hinweg ohne nennenswerte Gegenleistung versorgt, genährt, gewaschen und beschützt haben, und dass genau das die Art und Weise ist, wie das Lebendige funktioniert – ja, das wissen wir zwar irgendwo, aber verdrängen es doch gerne. Jedenfalls spielt es keine Rolle im „erwachsenen“ Alltag, weder der Einzelnen noch der Politik insgesamt.

Weil noch immer Autonomie das vorherrschende Paradigma ist, wird auch alles, was mit dem Thema Mutterschaft zusammenhängt, tendenziell als Ärgernis angesehen. Diese lästige Sache mit dem Kinderkriegen hält Frauen davon ab, Karriere zu machen, zum Beispiel. Immerhin ist man sich heute darüber einig, dass dieses Ärgernis nicht mehr allein das private Pech von Frauen ist, die schwanger werden, sondern dass hier auch die Väter gefragt sind, oder die Gesellschaften, die die Nachteile durch entsprechende Gesetze abmildern sollen. Aber irgendwie ist diese Welt noch immer so eingerichtet, als ob es eigentlich besser wäre, man könnte Menschen anders fabrizieren. Am Besten so, dass sie fix und fertig einfach in ausgewachsenem Zustand auf die Welt plumpsen. Das wäre dann nämlich alles viel leichter zu organisieren. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter könnte dann viel einfacher hergestellt werden.

In der Literatur hingegen, die Geschichten erzählt statt Theorien zu erfinden, ist häufiger vom Gebären und Geborenwerden die Rede. 150 Beispiele aus der Literatur durch die Jahrhunderte hat Schweizer pensionierte Deutschlehrer Rainer Stöckli gesammelt. Zusammen mit Ina Praetorius hat er sie als Buch herausgebracht. In der Mitte findet sich ein Aufsatz von Praetorius, in dem sich des Dilemmas der „Geburtsvergessenheit“ annimmt. Quer durch die Philosophiegeschichte zeichnet sie nach, wie die Gebürtigkeit, und damit auch die Materie, die Natur, die Frauen aus der Normalität ausgeschlossen wurden und zu welchen verqueren Schlussfolgerungen das geführt hat. Und sie bietet Alternativen an, wie man das Ganze neu ordnen könnte. Sehr lesenswert.

Wer sich dem Thema lieber gleich philosophierend als schmökernd annähern möchte, kann auch Praetorius‘ neuen Aufsatzband lesen. In „Immer wieder Anfang“ hat sie verschiedene Texte zum geburtlichen Denken versammelt und spielt dessen Bedeutung durch für das Verständnis von Religion, von Wirtschaft, von Menschenwürde. Dabei ist auch eine Auseinandersetzung mit Calvin sowie Würdigungen der Philosophinnen Jeanne Hersch und Luce Irigaray.

Ina Praetorius/Rainer Stöckli: Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl. Das Gebären erzählen, das Geborenwerden. 150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011. Appenzeller Verlag, Herisau 2011, 38,80 Euro.

Ina Praetorius: Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Grünewald, Ostfildern 2011, 16,90 Euro.


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Ina Praetorius glaubt an Gott und so weiter

„Wie soll ich leben, wenn meine Liebe stirbt?“ fragte Sibylle Berg neulich in ihrer Spiegel-Kolumne, in Gedanken auch bei den vielen, die in Japan jetzt Menschen verloren haben, die sie liebten. Statt drumrumzureden, kommt sie klar auf den Punkt: „Da gibt es keine Lösung, da gibt es keinen Trost, da hilft kein: Die Zeit wird es heilen. Die Zeit macht es nur schlimmer. Macht jeden Tag klar, was wir vermissen. Macht klar, dass eben nicht jeder ersetzbar ist. … Ich habe keine Ahnung, wie man mit der Trauer weiterleben kann, und warum man es sollte. Und noch ein Jahr herumbringen, mit dem Füllen des Kühlschranks, dem Warten auf den Feierabend, dem Sonntag, der leer ist, dem Winter, der beschissen ist, und noch ein Jahr, und alt werden daran, wie das gehen soll, ich weiß es nicht.“

Früher haben Leute an solchen Punkten das Wort „Gott“ ins Spiel gebracht. Heute geht das nicht mehr so ohne Weiteres, denn das Wort „Gott“ ist ziemlich versaut. Und zwar nicht unbedingt von den Atheisten, die behaupten, Gott gebe es nicht, weil man seine Existenz nicht nach wissenschaftlichen Standards beweisen oder widerlegen kann. Es ist auch und vielleicht sogar noch mehr versaut von all jenen, die „Gott“ in solchen Situationen tatsächlich als angebliche Lösung, als Trost verkauft haben.

Gott ist aber nicht die „Lösung“, kein allmächtiger Held, der von oben herab hilft. Wenn das Wort „Gott“ einen Sinn haben soll, so kann der nur darin liegen, eben genau diese Leerstelle anzuzeigen, das Eingeständnis einer hilflosen Bedürftigkeit der Menschen. Gott ist die Bezeichnung für die Existenz einer Frage, auf die es keine Antwort gibt – nicht, weil die Wissenschaft noch keine gefunden hat, sondern weil es keine geben kann. Aber, und das ist der Witz: Eine geben muss, weil man sonst eben nicht weiß, „wie das gehen soll“.

Dass die Tatsache des menschlichen Angewiesenseins auf etwas Anderes Ursprung der Theologie ist (und nicht die Vermutung, es könne irgendwo eine allmächtige, jenseitige Entität existieren) hat Luisa Muraro in ihrem Buch „Der Gott der Frauen“ bereits als Erkenntnis einer weiblichen Theologie herausgearbeitet. Ein ganz anderes, aber doch inhaltlich in dieselbe Richtung weisendes Buch hat nun Ina Praetorius geschrieben. Während Muraro als Atheistin sich quasi „von außen“ die theologischen Schriften christlicher Denkerinnen – vor allem der Mystikerinnen – anschaut, schreibt Ina Praetorius „von innen“, als christlich erzogene, religiöse Frau und als Theologin.

In „Ich glaube an Gott und so weiter“ legt sie das christliche Glaubensbekenntnis ausgehend von ihrer eigenen, individuellen Geschichte und Erfahrung aus; angefangen bei ihrer Tante, die ihr das Wort Gott „schenkte“, über ihre liberal-protestantischen Eltern, ihre Zeit als Theologiestudentin, ihre Entfremdung von der akademischen Welt, ihre Erfahrungen in der Frauenbewegung, ihr politisches Engagement. Sie nennt das „Matrixtheologie“ – also eine Weise, von Gott zu reden, die von dem für jeden Menschen einzigartigen Gewebe aus familiären, gesellschaftlichen und historischen Beziehungen ausgeht, in denen er oder sie sich befindet.

Niemals haben zwei Menschen exakt dieselbe Matrix, weshalb auch „Gott“ für jeden Menschen anders klingt, ist, aussieht. Gleichzeitig bietet der Bezug auf die Matrix, also die das Individuum umgebende gesellschaftliche Realität und Kultur, auch die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Traditionen werden geteilt, weitergegeben, enthalten Worte, Geschichten, Riten, auf die man sich im Austausch mit anderen beziehen kann. Und schließlich ist die Tatsache, dass sie nur innerhalb dieses größeren Bezugsgewebes und in Abhängigkeit von ihm leben können, allen Menschen gemeinsam.

Es geht dabei nicht darum, Theologie und die Rede von „Gott“ einfach zu subjektivieren oder gar zu psychologisieren, sondern darum, die Grenzen zwischen „subjektivem“ Glauben und „objektiver“ Theologie aufzuheben. Der Gott, an den Kinder glauben, wenn sie sich auf Weihnachtsgeschenke freuen, ist derselbe wie der, über den Theologieprofessoren ihre Bücher schreiben. Gott ist kein wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand, sondern ein Wort, das Menschen verwenden, um einer bestimmten Art von Erfahrungen und der Erinnerung an Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen, einen Namen zu geben. Insofern wird das Wort „Gott“ von Kindern übrigens viel öfter sinnvoll benutzt als von Theologieprofessoren, was auch Jesus schon wusste, wenn er mahnte, wir müssten wieder „werden wie die Kinder“, um ins Reich Gottes zu kommen.

Wunderbar gelingt es Praetorius, immer wieder die Verbindung und Wechselwirkung zu zeigen zwischen christlichen Traditionen (etwa Bibeltexten) und ihrer persönlichen „Matrixgeschichte“. Etwa die alttestamentliche Geschichte von Moses am brennenden Dornbusch (wo Gott von sich sagt, sein Name sei „Ich-bin-da“): „GOTT gibt sich also schon ziemlich am Anfang der Bibel als ICH-BIN-DA zu erkennen. Eine präzisere Antwort bekam Mose nicht, bevor er sich anschickte, das Volk Israel aus der Unterdrückung in Ägypten zu führen. Eine präzisere Antwort bekam auch ich als Kind nicht, aber sie reichte mir im Allgemeinen, um ruhig einzuschlafen. Ich schlief ein in der Gewissheit: JEMAND ist da und passt auf: meine Mutter, meine Tante, die Schwester im Bett nebenan und NOCH JEMAND, den ich nicht sehen kann, dem mich aber meine Älteren anvertrauen würden, falls sie selbst einmal nicht imstande wären, mich zu behüten.“ (38)

An Gott glauben bedeutet nicht etwa, anzunehmen oder zu vermuten, dass in einem solchen Fall ein höheres Wesen wie ein schützender Retter hokuspokusartig aus dem Nichts auftauchen und die Sache regeln würde. An Gott glauben bedeutet vielmehr, darauf zu vertrauen (wie man das griechische Wort für „Glauben“, pistis, besser übersetzt), dass irgendetwas weitergehen wird, dass es nicht von mir allein abhängt, dass Sinn möglich ist, auch wenn ich „nicht weiß, wie das gehen soll“. Wer in diesem Sinne „Vertrauen“ hat, wird die Welt anders sehen und sich anders in ihr bewegen, wird zum Beispiel weniger kontrollwütig sein, wird die eigene Verantwortung innerhalb des menschlichen und weltlichen Bezugsgewebes anders angehen. Die Fähigkeit, zu vertrauen, ist nicht nur eine frühkindlich erworbene Fähigkeit. Sie ist – unter dem Label „Gott“ oder „Religion“ auch ein gesellschaftliches Wissen und eine Kulturtechnik. Und natürlich hat das ganz reale Auswirkungen auf die Welt und wie sie aussieht.

Nun kann man natürlich einwenden, dass gläubige Menschen sich ganz oft überhaupt nicht so verhalten, sondern mit Fanatismus und Eiferei Unglück und Leid über andere bringen. Geschenkt. „Matrixtheologie“ bedeutet auch, Souveränität und Eigenständigkeit gegenüber institutioneller Religion und dogmatischer Theologie zu haben, um diese klar und eindeutig zu kritisieren und sich, wo nötig, zu distanzieren. Wenn Zugehörigkeit zur eigenen Religion über die persönliche Geschichte und „Matrix“ gesichert ist, ist nämlich dogmatischer Bekenntnisglaube nicht mehr nötig. Das abgrenzende Betonen einer „Corporate identity“ wird überflüssig, und das ermöglicht mehr Kritik und Veränderungsimpulse von innen heraus.

Entsprechend hat Ina Praetorius auch überhaupt keine Abgrenzungsbedürfnisse gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, auch nicht gegenüber der atheistischen. Denn das Wissen um ein MEHR, den SINN DES LEBENDIGEN kann (je nach kultureller und individueller Matrix eben) vollkommen unterschiedlich ausfallen. Der Glaube – oder auch Unglaube – der anderen bereichert den eigenen und steht nicht dazu in Konkurrenz.

Religion ist nicht eine Geisteserkenntnis, die durch rein intellektuelle Anstrengung erworben werden kann, sondern sie muss lebenspraktisch eingeübt sein, wovon die rationale Reflektion ein Bestandteil ist. Das geht natürlich nicht nur auf „christlich“. Auf christliche Weise an Gott zu vertrauen, bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass die eigene religiöse „Matrix“ eben zufällig eine christliche war, mit ihren dazugehörigen Geschichten, Ritualen, Überlieferungen und Texten.

Daher ist es auch konsequent, wenn Ina Praetorius ihre Gedanken entlang des christlichen Glaubensbekenntnisses entfaltet. Nicht, um es zu verteidigen oder zu legitimieren, sondern einfach aus Dankbarkeit für die Arbeit und die Gedanken ihrer Vorfahrinnen und Vorfahren.

Ina Praetorius: Ich glaube an Gott und so weiter… Eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011, 19,95 Euro.

Eine weitere Rezension von Dorothee Markert zu diesem Buch steht hier.


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