Lob auf den Mainstream

Der Mainstream wird in diesem Blog öfter erwähnt, und meistens kommt er nicht gut weg: Der Mainstream ist rückständig, stellt Normen auf und bestraft alle, die sich ihm nicht anpassen wollen oder können. Der Mainstream interessiert sich nicht für die wirklich wichtigen Themen, er plappert nach, treibt Säue durchs Dorf, hat Schuppen auf den Augen, zelebriert Klischees, grenzt aus.

Nach vier Tagen in Jerusalem habe ich meine Meinung überdacht. Mir wird langsam klar, dass es einer Gesellschaft gut tut, einen Mainstream zu haben, also ein Spektrum von Meinungen, die irgendwie als „normal“ gelten, als selbstverständlich vorausgesetzt und für „wahr“ gehalten werden.

Nur dann sind nämlich politische Debatten möglich, die das gemeinsame Wohl aller im Blick haben. Der Mainstream ist sozusagen die Folie des Gemeinsamen, von der Einzelne oder Minderheiten abweichen. Die Differenzen, die diese Einzelnen oder Minderheiten markieren, haben zum Ziel, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen. Und in der Tat ist der Mainstream ja nicht in Stein gemeißelt, sondern veränderbar. Zum Beispiel hat er sich in Deutschland in den vergangenen Jahren in Richtung Akzeptanz weiblicher Erwerbstätigkeit verändert oder seine Auffassungen zur Homosexualität geändert.

Solche Auseinandersetzungen zwischen Dissident_innen und Mainstream sind meistens schmerzhaft und anstrengend für diejenigen, die in der Minderheit sind – und es ist richtig, auf dieses Ungleichgewicht hinzuweisen und es sich bewusst zu machen – aber sie sind notwendig und sie sind sinnvoll. Der Mainstream sorgt sozusagen für den größeren Rahmen, in dem das Wechselspiel zwischen dem, was mehrheitsfähig ist, und dem, was es nicht ist, überhaupt stattfinden kann. Oder anders gesagt: Die Adressat_innen einer politischen Intervention, die aus der Perspektive einer Minderheit vorgebracht wird, sind letztlich „alle“. Es geht darum, Hegemonie zu erringen, um mit Gramsci zu sprechen.

Hier in Jerusalem gibt es hingegen keinen Mainstream, sondern mehrere partikulare Wahrheiten. Augenfällig aufgeteilt in den drei verschiedenen Quartieren der Altstadt – das muslimische, das jüdische, das christliche Viertel –, augenfällig auch in offensiv vorgetragenen Symbolen, Sprachen, in der Art sich zu kleiden, sodass man einzelnen Menschen sofort ansieht, zu welcher Gruppe sie gehören und zu welcher nicht.

Das führt aber dazu, dass eine politische Intervention im oben genannten Sinn – also als Vorschlag oder Anregung für „alle“ – gar nicht möglich ist. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Überzeugung ist nicht mehr der Versuch, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen, den es ja nicht gibt, sondern dient in erster Linie der oft sogar nur provokativen Abgrenzung von den Anderen.

Wenn ich in einer Position der Ohnmacht bin (was immer der Fall ist, wenn ich als Einzelne oder kleine Minderheit dem „Mainstream“ gegenüberstehe), kann ich mich nicht auf reines Muskelspiel zurückziehen, denn es ist von vornherein klar, dass ich unterliegen würde. Ich muss also Vermittlungen suchen, muss werben, überzeugen, meine Ideen und Vorstellungen „rüberbringen“ (oder ich werde zur Sekte, was bedeutet, dass ich mich bewusst abspalte vom Rest und aus dieser Abspaltung meine Befriedigung ziehe).

Diese Suche  nach Vermittlungen ist schwierig und anstrengend, aber es besteht immerhin die Chance, erfolgreich zu sein, es besteht die Chance, dass ich tatsächlich andere überzeuge – kraft meiner Argumente, denn andere Möglichkeiten habe ich nicht.

Stehen sich hingegen mehrere mehr oder weniger gleichstarke Gruppierungen gegenüber, ist die Versuchung groß, solche Mittel der politischen Argumentation zu verlassen und stattdessen auf pure Macht zu setzen. Krieg ist oft die Folge, und nicht zufällig.

Gleichzeitig ist es in einer Gesellschaft ohne Mainstream schwer, Selbstkritik zu üben oder innerhalb der eigenen Gruppe eine dissidente Meinung zu vertreten. Steht das doch schnell im Verdacht, den „anderen“ in die Hände zu spielen. Das führt dann dazu, dass die Gesellschaft verstarrt, dass sie sich nicht erneuert, dass sie sich nicht in Frage stellen und vom Anderen befruchten lässt, dass alles letztlich absurd wird.

Dieses Problem besteht zwar innerhalb von Minderheitengruppen in einer „Mainstream“-Gesellschaft auch, und zwar sogar noch verstärkt, aber für die Abweichler_innen besteht dann immerhin die Möglichkeit, sich gewissermaßen in die sicheren Gefilde des Mainstreams hinüberzuretten. In einer Gesellschaft, die in verschiedene feste Gruppen aufgespalten ist, müssen sie hingegen „zur Gegenseite“ überwechseln, was ungleich schwieriger und konsequenzenreicher ist.

Wenn aber Selbstkritik nur noch schwer möglich ist, führt das schnell dazu, dass nicht mehr echte Differenzen ausgetragen werden, sondern Pseudo-Differenzen. Dass Konflikte letztlich nur noch symbolisch aufgeladen sind und nicht mehr real. Denn natürlich gibt es auch in Jerusalem so etwas wie Mainstream, aber der wird ignoriert und nicht wertgeschätzt.

Mainstream scheint hier zum Beispiel zu sein, dass Frauen Kopftücher tragen und fromme Männer Bärte. Aber anstatt zum Symbol einer jerusalemerischen Gepflogenheit zu werden, dient auch dieses eigentlich Gemeinsame faktisch der Abgrenzung voneinander: Es wird viel Mühe darauf verwendet, dass gleich auf den ersten Blick deutlich wird, ob es sich um ein muslimisches, ein jüdisches oder ein christlich-orthodoxes Kopftuch handelt.

Jedenfalls bin ich nach dieser Erfahrung mehr denn je eine Anhängerin des Synkretismus, also der Vermischung von Glaubensinhalten und Kulturen. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, aus einer gegebenen Differenz heraus einen neuen Mainstream zu etablieren, also das allgemeine Gute im Blick zu behalten. Faktische Differenzen können zum Beispiel durch Migration entstehen, weil dann plötzlich verschiedene „Mainstreame“ aufeinander treffen. Das führt zu Konflikten, die ausgetragen gehören. Aber die Diskussionen, die sich daraus ergeben, sollten immer zum Ziel haben, ein neues Gemeinsames herzustellen, einen gemeinsamen „Mainstream“ zu finden.

Das bedeutet nicht, dass sich alle auf einen einheitlichen Stil einigen müssen. Es kann auch bedeuten, dass bestimmte Unterschiede angesichts des gewachsenen Gemeinsamen keine so große Wichtigkeit mehr haben, sondern nur noch ein Aspekt des persönlichen Lebensstils sind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen (und hoffe es), dass die Frage, ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht, in Deutschland bald auf dieser Ebene wahrgenommen wird.

Auf der Ebene eines solchen neu gefundenen Mainstreams können sich dann wiederum andere Differenzen ergeben, die später durch politische Debatten wieder den Mainstream beeinflussen, worauf hin wieder andere Unterscheidungen wichtig werden und immer so weiter. Und so blöde man in einer konkreten Situation den Mainstream auch finden mag – ohne ihn ist keine politisch produktive Gesellschaft vorstellbar.

Für mich persönlich bedeutet das, dass ich auch meine feministische Filterbubble – die ich nach wie vor schätze – von nun an bewusst in diesem größeren Kontext sehe. Die dort herausgearbeiten dissidenten Positionen, die mich/uns in Widerspruch zum Mainstream bringen, sind keine „reine Lehre“, sondern sie bleiben auf den Mainstream ausgerichtet. In anderen Worten: Es genügt mir nicht, Recht zu haben, ich will auch alle anderen davon überzeugen – und gehe dabei bewusst das Risiko ein, dass meine reine Lehre dabei verwässert wird. Dieses Wechselspiel ist es, worauf es ankommt.

Zwischen Kulturen. Ein Gespräch mit Safeta Obhodjas.

In meinem Podcast gibt es jetzt ein Gespräch, das ich letzte Woche mit Safeta Obhodjas geführt habe. Sie ist eine Freundin von mir, und eines unserer Dauer-Streitthemen ist die Integrationsdebatte, wo sie – anders als ich – eine „multikulti-kritische“ Position hat. Ich dachte mir, es ist interessant, das mal mitzuschneiden. Es geht um ihre Erfahrungen mit multikulturellem Zusammenleben im früheren Jugoslawien, die Schwierigkeit, Kritik an der (eigenen) muslimischen Community zu üben und ihre Eindrücke vom Stand der Integrationsdebatte in Deutschland.Das Gespräch dauert eine knappe Stunde. Direkt zum Podcast hier.

Hier noch die Links zu den Texten, die wir dabei ansprechen:

Safetas Erzählung „Dzammilas Vorbild“
Ihr Essay über die Frauenbewegung in Jugoslawien
Weitere Texte von ihr auf bzw-weiterdenken.de
Ihre Homepage


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Zwei Schwestern zwischen Indien und Amerika

taniaJamesIn ihrem Roman “Atlas des Unbekannten” erzählt die indisch-amerikanische Autorin Tania James die Geschichte von zwei Schwestern und ihrer engen, gleichwohl komplizierten Beziehung zueinander. Beide wachsen in einer christlichen Familie in einer kleinen indischen Stadt auf. Zwei Ereignisse prägen ihre Lebensläufe: Der Unfalltod ihrer Mutter, als beide noch klein waren, und ein Verbrennungsunfall, bei dem Linno, die Ältere, eine Hand verliert. Während Linno sich daraufhin in die Hausarbeit zurückzieht, absolviert Anju, die Jüngere, eine glänzende Schulkarriere und wird sogar für ein Stipendium in den USA ausgewählt. Allerdings verdankt sie dies auch einem Betrug an ihrer Schwester, der ihr auf der Seele liegt.

Ich kann in dieser Rezension nicht zu viel von der Geschichte erzählen, damit die Spannung erhalten bleibt. Nur soviel: Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, nicht nur, weil die Geschichte spannend ist (und so manche unerwartete Wendung nimmt), sondern auch, weil man hier viel über kulturelle Hintergründe und Differenzen erfährt – über die Lebensbedingungen der indischen unteren Mittelschicht, über die US-amerikanische Einwanderungspolitik, über die Geschlechterverhältnisse hier und da.

Tania James schildert das alles einfühlsam und plausibel, die komplexen Persönlichkeitsstrukturen der beteiligten Personen sind sehr lebendig und nachvollziehbar. Und bei all dem ist einfach auch die Geschichte spannend, vor allem was die mysteriöse Vergangenheit der verstorbenen Mutter betrifft. Denn deren beste Freundin ist es, die Anju in New York unter ihre Fittiche nimmt….

Tania James: Atlas des Unbekannten. Roman über zwei Schwestern, Knaus-Verlag 2009, 21,95 Euro.

Feminismus versus Islam?

Die Volksabstimmung in der Schweiz, bei der eine deutliche Mehrheit für ein Verbot von Minaretten votierte, hat erneut eine Diskussionen über das Verhältnis von Feminismus und Islam ausgelöst. Es sieht so aus, als hätten zahlreiche Frauen für das Minarettverbot gestimmt, um ein symbolisches „Zeichen“ gegen die untergeordnete Stellung zu setzen, die „der Islam“ nach Überzeugung vieler den Frauen zuweist.

Dies ist nur das jüngste Beispiel, wie seit geraumer Zeit in der öffentlichen Debatte ein prinzipieller Gegensatz zwischen Feminismus und Islam konstruiert wird. Entweder, so scheint es, tritt man für weibliche Freiheit ein und muss daher der Ausbreitung des Islam in Deutschland bzw. der Schweiz Grenzen setzen. Oder aber man übt sich in multikultureller Toleranz – und kneift auch mal ein Auge zu, wenn es manche Muslime mit den Rechten von Frauen nicht so ganz genau nehmen.

Doch dies ist ein falscher Dualismus. Denn je mehr in der öffentlichen Debatte behauptet wird, Frauenemanzipation und Islam passten nicht zusammen, desto mehr wird genau dies hervorgerufen. Muslimische Frauen, die sich für eine Verbesserung der Lage von Frauen in ihren jeweiligen Communities einsetzen, geraten dadurch in eine Zwickmühle: Ihre feministischen Anliegen können dann nämlich von patriarchalen und konservativen Muslimen nur allzu leicht als „westliche Infiltration“ und als „unmuslimisch“ ausgelegt werden. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis.

Denn wer soll für mehr Freiheit muslimischer Frauen eintreten, wenn nicht muslimische Frauen selbst? Wie sollen sich feministische Ideen innerhalb des Islam ausbreiten, wenn es nicht feministische Musliminnen gibt?

Offenheit gegenüber dem Islam und multikulturelle Offenheit bedeutet jedenfalls gerade nicht, sich mit den frauenfeindlichen Aspekten, die es natürlich auch im Islam gibt, abzufinden oder sie in irgendeiner Weise zu tolerieren. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Offenheit ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die eigenen feministischen Argumente eine Chance haben, gehört zu werden und Veränderungen anzuregen. Nur eine politische Praxis, die sich ernsthaft für die Anliegen und Wünsche muslimischer Frauen interessiert und in ihnen nicht bloße Missionsobjekte für westliche Emanzipationsvorstellungen sieht, kann sich auch der Auseinandersetzung über unterschiedliche oder konträre Vorstellungen stellen. Wer keinen wirklichen Dialog führen will, kann auch niemanden überzeugen.

Feministische Erkenntnisse und Ideen, die Frauen im Westen entwickelt haben, werden für Musliminnen jedenfalls nur dann inspirierend sein, wenn sie in einem wirklichen Dialog vermittelt werden. Dazu gehört, dass sich ihre Vertreterinnen auch selbst in Frage stellen lassen und nicht so tun, als hätten sie die einzig wahre Heilslehre bereits gefunden. Schließlich ist auch in Bezug auf die Freiheit der Frauen im Westen noch längst nicht alles in Butter. Wer immer einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen „dem Islam“ und „dem Feminismus“ behauptet, erweist jedenfalls der Freiheit muslimischer Frauen (und damit im Übrigen der Freiheit der Frauen generell) einen Bärendienst. Egal, ob es sich dabei nun um konservative, patriarchale Muslime handelt oder um westliche „Multikulti“-Kritiker_innen.