Lob auf den Mainstream

Der Mainstream wird in diesem Blog öfter erwähnt, und meistens kommt er nicht gut weg: Der Mainstream ist rückständig, stellt Normen auf und bestraft alle, die sich ihm nicht anpassen wollen oder können. Der Mainstream interessiert sich nicht für die wirklich wichtigen Themen, er plappert nach, treibt Säue durchs Dorf, hat Schuppen auf den Augen, zelebriert Klischees, grenzt aus.

Nach vier Tagen in Jerusalem habe ich meine Meinung überdacht. Mir wird langsam klar, dass es einer Gesellschaft gut tut, einen Mainstream zu haben, also ein Spektrum von Meinungen, die irgendwie als „normal“ gelten, als selbstverständlich vorausgesetzt und für „wahr“ gehalten werden.

Nur dann sind nämlich politische Debatten möglich, die das gemeinsame Wohl aller im Blick haben. Der Mainstream ist sozusagen die Folie des Gemeinsamen, von der Einzelne oder Minderheiten abweichen. Die Differenzen, die diese Einzelnen oder Minderheiten markieren, haben zum Ziel, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen. Und in der Tat ist der Mainstream ja nicht in Stein gemeißelt, sondern veränderbar. Zum Beispiel hat er sich in Deutschland in den vergangenen Jahren in Richtung Akzeptanz weiblicher Erwerbstätigkeit verändert oder seine Auffassungen zur Homosexualität geändert.

Solche Auseinandersetzungen zwischen Dissident_innen und Mainstream sind meistens schmerzhaft und anstrengend für diejenigen, die in der Minderheit sind – und es ist richtig, auf dieses Ungleichgewicht hinzuweisen und es sich bewusst zu machen – aber sie sind notwendig und sie sind sinnvoll. Der Mainstream sorgt sozusagen für den größeren Rahmen, in dem das Wechselspiel zwischen dem, was mehrheitsfähig ist, und dem, was es nicht ist, überhaupt stattfinden kann. Oder anders gesagt: Die Adressat_innen einer politischen Intervention, die aus der Perspektive einer Minderheit vorgebracht wird, sind letztlich „alle“. Es geht darum, Hegemonie zu erringen, um mit Gramsci zu sprechen.

Hier in Jerusalem gibt es hingegen keinen Mainstream, sondern mehrere partikulare Wahrheiten. Augenfällig aufgeteilt in den drei verschiedenen Quartieren der Altstadt – das muslimische, das jüdische, das christliche Viertel –, augenfällig auch in offensiv vorgetragenen Symbolen, Sprachen, in der Art sich zu kleiden, sodass man einzelnen Menschen sofort ansieht, zu welcher Gruppe sie gehören und zu welcher nicht.

Das führt aber dazu, dass eine politische Intervention im oben genannten Sinn – also als Vorschlag oder Anregung für „alle“ – gar nicht möglich ist. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Überzeugung ist nicht mehr der Versuch, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen, den es ja nicht gibt, sondern dient in erster Linie der oft sogar nur provokativen Abgrenzung von den Anderen.

Wenn ich in einer Position der Ohnmacht bin (was immer der Fall ist, wenn ich als Einzelne oder kleine Minderheit dem „Mainstream“ gegenüberstehe), kann ich mich nicht auf reines Muskelspiel zurückziehen, denn es ist von vornherein klar, dass ich unterliegen würde. Ich muss also Vermittlungen suchen, muss werben, überzeugen, meine Ideen und Vorstellungen „rüberbringen“ (oder ich werde zur Sekte, was bedeutet, dass ich mich bewusst abspalte vom Rest und aus dieser Abspaltung meine Befriedigung ziehe).

Diese Suche  nach Vermittlungen ist schwierig und anstrengend, aber es besteht immerhin die Chance, erfolgreich zu sein, es besteht die Chance, dass ich tatsächlich andere überzeuge – kraft meiner Argumente, denn andere Möglichkeiten habe ich nicht.

Stehen sich hingegen mehrere mehr oder weniger gleichstarke Gruppierungen gegenüber, ist die Versuchung groß, solche Mittel der politischen Argumentation zu verlassen und stattdessen auf pure Macht zu setzen. Krieg ist oft die Folge, und nicht zufällig.

Gleichzeitig ist es in einer Gesellschaft ohne Mainstream schwer, Selbstkritik zu üben oder innerhalb der eigenen Gruppe eine dissidente Meinung zu vertreten. Steht das doch schnell im Verdacht, den „anderen“ in die Hände zu spielen. Das führt dann dazu, dass die Gesellschaft verstarrt, dass sie sich nicht erneuert, dass sie sich nicht in Frage stellen und vom Anderen befruchten lässt, dass alles letztlich absurd wird.

Dieses Problem besteht zwar innerhalb von Minderheitengruppen in einer „Mainstream“-Gesellschaft auch, und zwar sogar noch verstärkt, aber für die Abweichler_innen besteht dann immerhin die Möglichkeit, sich gewissermaßen in die sicheren Gefilde des Mainstreams hinüberzuretten. In einer Gesellschaft, die in verschiedene feste Gruppen aufgespalten ist, müssen sie hingegen „zur Gegenseite“ überwechseln, was ungleich schwieriger und konsequenzenreicher ist.

Wenn aber Selbstkritik nur noch schwer möglich ist, führt das schnell dazu, dass nicht mehr echte Differenzen ausgetragen werden, sondern Pseudo-Differenzen. Dass Konflikte letztlich nur noch symbolisch aufgeladen sind und nicht mehr real. Denn natürlich gibt es auch in Jerusalem so etwas wie Mainstream, aber der wird ignoriert und nicht wertgeschätzt.

Mainstream scheint hier zum Beispiel zu sein, dass Frauen Kopftücher tragen und fromme Männer Bärte. Aber anstatt zum Symbol einer jerusalemerischen Gepflogenheit zu werden, dient auch dieses eigentlich Gemeinsame faktisch der Abgrenzung voneinander: Es wird viel Mühe darauf verwendet, dass gleich auf den ersten Blick deutlich wird, ob es sich um ein muslimisches, ein jüdisches oder ein christlich-orthodoxes Kopftuch handelt.

Jedenfalls bin ich nach dieser Erfahrung mehr denn je eine Anhängerin des Synkretismus, also der Vermischung von Glaubensinhalten und Kulturen. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, aus einer gegebenen Differenz heraus einen neuen Mainstream zu etablieren, also das allgemeine Gute im Blick zu behalten. Faktische Differenzen können zum Beispiel durch Migration entstehen, weil dann plötzlich verschiedene „Mainstreame“ aufeinander treffen. Das führt zu Konflikten, die ausgetragen gehören. Aber die Diskussionen, die sich daraus ergeben, sollten immer zum Ziel haben, ein neues Gemeinsames herzustellen, einen gemeinsamen „Mainstream“ zu finden.

Das bedeutet nicht, dass sich alle auf einen einheitlichen Stil einigen müssen. Es kann auch bedeuten, dass bestimmte Unterschiede angesichts des gewachsenen Gemeinsamen keine so große Wichtigkeit mehr haben, sondern nur noch ein Aspekt des persönlichen Lebensstils sind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen (und hoffe es), dass die Frage, ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht, in Deutschland bald auf dieser Ebene wahrgenommen wird.

Auf der Ebene eines solchen neu gefundenen Mainstreams können sich dann wiederum andere Differenzen ergeben, die später durch politische Debatten wieder den Mainstream beeinflussen, worauf hin wieder andere Unterscheidungen wichtig werden und immer so weiter. Und so blöde man in einer konkreten Situation den Mainstream auch finden mag – ohne ihn ist keine politisch produktive Gesellschaft vorstellbar.

Für mich persönlich bedeutet das, dass ich auch meine feministische Filterbubble – die ich nach wie vor schätze – von nun an bewusst in diesem größeren Kontext sehe. Die dort herausgearbeiten dissidenten Positionen, die mich/uns in Widerspruch zum Mainstream bringen, sind keine „reine Lehre“, sondern sie bleiben auf den Mainstream ausgerichtet. In anderen Worten: Es genügt mir nicht, Recht zu haben, ich will auch alle anderen davon überzeugen – und gehe dabei bewusst das Risiko ein, dass meine reine Lehre dabei verwässert wird. Dieses Wechselspiel ist es, worauf es ankommt.

33 Gedanken zu „Lob auf den Mainstream

  1. Warum die Existenz eines Mainstreams dennoch gefährlich ist? Wirf bitte einen Blick auf Russland, wo ‚Mainstream‘ gerade die Muskeln spielen lässt. Menschliche Gesellschaften sind generell keine Rechtsstaaten sondern ‚Opportunismusstaaten‘ – was einem Mainstream gerade in den Kram passt, wird durchgedrückt. Das geringe Empörungspotential und die starken Unterstützer rechtsstaatlicher Prozeduren in den westlichen Nationen sind wohl der einzige Schutz von Minderheiten gegenüber dem Mainstream. Die Homogenität von Saudi-Arabien lässt sich wohl auch nur mit dem Muskelspiel des Mainstreams erklären.

  2. @MasinAD – ja, vielleicht hast du recht, und das was ich schrieb gilt nur für demokratische Gesellschaften mit rechtsstaatlichen Verfahrensweisen, darüber denke ich mal nach.

  3. Wir suchen (doch) auch alle einen gewissen Mainstream. Ich denke, daß Du Dich sicherlich auch innerhalb bestimmter Gruppen bewegst, weil Du in diesen durch den gruppeninternen Mainstream auch mal Ruhe bekommst. Und aus dieser Ruhe dann Kraft schöpfen kann, anderes, aber auch ab und an mal gruppeninternes, auf zu brechen. Mainstream kann einen auch Mut zur Gelassenheit geben. Und eben Mut zum mutig sein. Man darf nur nicht zu sehr in den Sofaecken des Mainstreams versinken, die scheinen dann zu bequem, schädigen aber deutlich den Rücken. Gleichwohl: ich bewege mich gerne im „selbst gewähltem Mainstreambereich“ und steh auch dazu.

  4. Du sprichst von „dem“ Mainstream als wäre „er“ eine Person. Das ist viel interessanter und sollte mal zum Nachdenken anregen.

  5. Mainstream als Person?
    Wenn, dann nur als PersonEN, will sagen als Gesellschaft.
    So betrachtet ist dein Versuch, Antje, das eigentlich doch eher unverstehbare Hindernis zum Disput von Unterschiedlichkeiten in einer (1 !) Gesellschaft zu beschreiben und anhand der tatsächlichen sozialen Funktion von Mainstream in Gesellschaft auch sogar wie zu entlarven (!) unbedingt zu begrüßen:
    als Denkmodell,
    als Bild von der „Mitte“ –
    denn was anderes ist Mainstream nicht und sollte damit weder gehässig noch abwertend noch normativsetzend beschrieben und verstanden werden.
    Beispiel Russland (@MasinAD):
    Es ist eine neue Form von überheblicher Ausgrenzung, ja auch von Diskriminierung, der russischen Gesellschaft einen „normalen“ Mainstream, eine (eigene) „Mitte“ abzusprechen oder zu vergefährlichen (und damit erneut jeden Disput zu versperren !!!), und diese als (nur gegenüber meinem) Mainstream negativ hinzustellen.
    Selbstverständlich hat jede Gesellschaft IHREN eigenen Mainstream, der DADURCH weder positiv noch negativ wird, dafür aber als Geländer dienen kann, um die Mitte zu „führen“ im Disput – was ja wohl Antje mit ihrer Überlegung meinte – nur dazu muß jede „Führung“ diese „Mitte“ zuerst finden, dann anerkennen als gegeben, als von (dieser) Gesellschaft gebildet und damit als legitim.
    Mitte läßt sich weder verordnen noch konstruieren – auch nicht verbieten oder beseitigen, sie ist immer da als gewachsen, muß wachsen.

    Womit wir bei Antjes lokalem Beispiel Jerusalem wären, wo Antje den Mainstream als nicht vorhanden erkennt, als so nicht vorhanden, als „fehlende Mitte“ – was richtig und falsch zugleich ist.
    Warum?
    Weil Jerusalem nicht aus einer Gesellschaft besteht und daher DIESEN (einen) Mainstream (noch) nicht hat. Es besteht aus den genannten (mindestens) 3 Gesellschaften, die jedoch jede ihre (!) Mitte hat.
    Jede dieser Gesellschaften hat ihr eigenes „Geländer“, aber durch die lokale Identität nicht als „Führung“, sondern als Zaun und Mauer, als Abgrenzung.

    Dessen ungeachtet bleibt die Tatsache, daß alle 3 ZUSAMMEN in einem Territorialgebilde sich und die anderen beiden „führen“ muß, da sie sich sonst gegenseitig auch physisch ausschließen.

    Eigentlich ist auch das eine ziemlich einfache Kiste:
    Diese 3 Systeme sind (ob sie wollen oder nicht) nur die sich unterscheidenden Subsysteme einer gemeinsamen Ganzheit, eines Systems Jerusalem.
    Und da jedes System, also auch das Gesellschaftssystem Jerusalem, eine „Mitte“ hat und damit einen Mainstream, kann es „nur“ die Aufgabe sein, diese zu finden und zu formulieren, besser zu formen, nur nicht von einem Subsystem allein, sondern von allen gemeinsam – dies ist die einzige Existenzlösung für die Subsysteme auf dem Territorium des Gesamtsystems und muß SO von den Teilsystemen begriffen und erörtert werden und DADURCH aktivieren zur Bildung des gemeinsam nutzbaren Geländers, das einzige, was Sicherheit und Halt und Führung für alle 3 bietet, eine Mitte für alle, den von Antje vermißten Mainstream, dessen Fehlen so nur der „Außenstehende“ in seiner ungebundenen Draufsicht sofort erkennt …

    Eventuell ist die dort zu leistende „Arbeit“ an den Unterschieden letztlich auch nicht viel anders, als jede Bastelei an jedem Mainstream, an jeder Mitte, z.B. auch an der derzeitig als russisch erkannten …
    Denkmodelle können dabei erstaunlich fruchtbringend dienlich sein.

    Danke Antje für das entdiskriminierende Denkmuster Mainstream als Symbol für Mitte, für die Null im jeweiligen Koordinatenkreuz, als Führungsholm / Geländer auf dem Treppenabsatz nach oben wie nach unten – oder auch zur Seite.
    Plausibles Denkmodell, denn Keine Gesellschaft existiert ohne MITTE, sie sollte entsprechend gestaltet werden, diese Mitte – meist folgen ihr die Ränder oder werden selber Mitte, mainstream, wie schon so oft.
    Nur Werden benötigt Zeit, und nicht nur diese …
    So gesehen bleibt es wohl beim „Lob auf den Mainstream“.

  6. danke. ich glaube du hast eine spannende perspektive hier eröffnet. mit den hinweise von MasinAD und Chräcker Heller finde ich eine solche diskussion sehr sinnvoll. allerdings ist der „mainstream“ ja auch immer eine frage der perspektive.

    und ich bin mir nicht sicher, ob es noch eine erweiterung darstellt, dass mainstream z.t. auch als etwas per se negatives gilt. unabhängig vom inhalt. z.t. ist das abarbeiten am mainstream, das herausrücken und das sich in ein verhältnis zu diesem zu stellen ja auch eine wichtige aufgabe, um zu sich selbst zu finden.

    während ich das hier so schreibe, habe ich den eindruck, dass es darum geht. um ein „sich abarbeiten“ am mainstream. und ohne mainstream funktioniert diese abarbeitung, die auseinandersetzung und auch die kritik an herrschafts- und machtverhältnissen vermutlich irgendwann nicht mehr.

    ich freu mich über deine gedanken zum mainstream und kann mich dieKadda nur anschließen.

  7. @MasinAD – „Die Homogenität von Saudi-Arabien lässt sich wohl auch nur mit dem Muskelspiel des Mainstreams erklären“.
    So wie ich Antjes Mainstream-Begriff verstanden habe, kann dieser nicht auf Saudi-Arabien übertragen werden, da es sich dort nicht um „eine demokratische Gesellschaft mit rechtsstaatlichen Verfahrensweisen“
    handelt.
    @Antje – so betrachtet, kann ich „Mainstreams“ etwas abgewinnen, da die verschiedensten Hauptströmungen in einer Gesellschaft nicht zementiert sind, sondern sich verflüssigen und die Richtung wechseln können, vor allem dann, wenn genügend Menschen gegen den Strom und die Strömungen schwimmen.:-)

    .

  8. Danke Antje,…ich habe Deine Gedanken und neue Erkenntnisse aus den Erfahrungen die Du gemacht hast, in Bild und Wort gelesen.

  9. „Es genügt mir nicht, Recht zu haben, ich will auch alle anderen davon überzeugen“

    Also, ich will nun nicht in einer Gesellschaft leben, in welcher der Mainstream aus Rechthabern und Überzeugungstätern besteht, feministisch oder nicht – das würde mir eher Angst machen.

    Es gibt ja nun auch die Möglichkeit, dass der Mainstream der Meinung ist, Rechhaben und Kultur sowie Toleranz und Überzeugungstäterschaft seien zwei verschiedene Paar Schuhe.

    Meines Wissens gibt es so einige glückliche historische Gesellschaften, die derart auch die Brücken zwischen Juden, Moslemen und Christen zu schlagen vermochten.

    Rechthaber und Überzeugungstäter waren jeweils deren Untergang.

  10. Das ist wirklich interessant. Es gibt also Orte auf der Welt, die einem diesen „fremden“ Blick auf das Zusammenspiel zwischen Quer- und Vordenkern und denen, die das Gros/die Basis der Gesellschaft bilden, ermöglichen.
    Intellektuelle Eliten die sich vom Mainstream abkoppeln, werden verdammt schnell selbstreferenziell und haben die Angewohnheit übereinander herzufallen.
    Die Frage ist wirklich: Was ist das Ziel? Will ich etwas verändern? Dann geht es nicht, ohne den Versuch, den Mainstream zu bewegen. Das dauert lange, kostet Energie und beinhaltet Rückschläge. Aber so ist das Leben.
    Was Saudi Arabien betrifft, so ist das schwer zu vergleichen. Das ist eine Stammesgesellschaft, die gänzlich anders als die Gesellschaften in Europa organisiert ist. Da agiert der aufgeklärte Herrscher (wenn er denn Kontakt zu Eliten hat). Und Russland ist ein verdammt weites Feld. Groß, unglaublich heterogen und wenn man genau hinschaut in unzählige Mikrogesellschaften aufgesplittert, die von allem bestimmt alles können: Chaos, Glauben, Stammesälteste, Beamte, Demokratie, Despoten.

  11. @MasinAD schreibt:11. September 2013 um 11:53:
    „Warum die Existenz eines Mainstreams dennoch gefährlich ist? Wirf bitte einen Blick auf Russland, wo ‘Mainstream’ gerade die Muskeln spielen lässt. Menschliche Gesellschaften sind generell keine Rechtsstaaten sondern ‘Opportunismusstaaten’ – was einem Mainstream gerade in den Kram passt, wird durchgedrückt. “
    Nun nocheinmal zum Mainstream ders @MasinAD: „Der“ Mainstream kann nichts, also auch bichts „durchdrücken“, denn er ist lediglich eine gedachte und als solche im Durchschnitt verstandene Mitte menschlicher (stillschweigender und roher) Einvernehmlichkeiten inclusive aller dari und darauf beruhender Mißverständnisse. Alo empfehle ich, deine Sicht doch etwas zurückhaltender z.B. an der Meinung von @Andreas schreibt: 11. September 2013 um 15:3 zu überprüfen.
    Und noch etwas zum Prüfen: „Menschliche Gesellschaften“ sind nie „Staaten“, damit natürlich auch weder Rechtsstaaten noch Unrechtsstaaten, da Staaten nur die Organisationsformen von menschlichen Gesellschaften und nicht diese selbst sein können. Mainstream wird nicht „gemacht“, erst recht nicht von Staaten, sondern er wächst unter den Menschen der Gesellschaft, die ihn entweder tragen, formen verinnerlichen oder reibend ablehnen – das so entstandene „Bild der Mitte der Gesellschaft“ ist weder Gesetz, noch Handlungsorder noch Normativ, sondern lediglich das Verständnis von Mehrheiten, die bekanntlich maßgeblich JEDE Mitte prägen.
    Da in jeder Gesellschaft auch weitere Gesellschaften als Subsysteme bestehen können, prägen diese eigene Mitten aus, die mit der der Gesamtgesellschaft aufgrund von Unterschieden (dem „Treibstoff“ jeder und damit auch dergesellschaftlichen Entwicklung) kollidieren können. Das ändert nichts an den bisherigen Feststellungen und macht KEINEN dieser Mainstreams, dieser Mitten, zur „Gesamtmitte“ und damit auch keinen gefährlich oder negativ, denn Mitte ist nun einmal Nullkoordinat – im jeweiligen System.
    Die Probleme, die du erwähnen möchtest, sind die UNTERSCHIEDE der Mitten, der Mainstreams, die als in, mit und durch Menschen gewachsen sind und ihres AUSGLEICHES bedürfen (um dadurch neue Unterschiede und damit weitere gesellschaftliche Aktivität anzutreiben).
    Etwas mehr Gelassenheit statt Verbissenheit gegenüber einem von anderen Menschen anders geprägten als dem eigenen Mainstream (ja, deiner ist auch nur einer von solchen!) ist Voraussetzung zu den Kontakten, die ein Formen an anderen Mitten / Mainstreams erst ermöglichen, anderenfalls ist meine eigene Sicht nur das wert, was ich anderen Mainstreams zum Vorwurf mache.
    Wenn eine Gesellschaft sich verändern soll, muß grundsätzlich ihre Mitte verschoben werden, und nicht die Ränder – die allerdings aus ihrer Position mit ihren Rändermitten dabei gut schien helfen können.
    Kein Mainstream – die Gesellschaft bestünde aus einem riesigen Loch mit ein paar Fransen dran, den Rändern, wie soll das sich wenden und wickeln, entwickeln?
    Auch „ich will nun nicht in einer Gesellschaft leben, in welcher der Mainstream aus Rechthabern und Überzeugungstätern besteht, feministisch oder nicht – das würde mir eher Angst machen“ – so Andreas.

    Doch geht es wohl nicht um Mainstreams als Rechthaben in Kultur sonder eher um die Kultur des Rechthabens, die stets zuerst von der Toleranz, besser dem Verständnis der Kultur des Rechthabens der „Anderen“ geprägt wird, wenn ich echten Ausgleich und nicht Vernichtung erstrebe.

    Der Mainstream, jeder, verehrter MasinAD, ist bereits ein AUSGLEICH in der Mitte und der Mitte, nur wer den umsichtig interessiert gestaltet erhält einen neuen Ausgleich, der nun sich seinerseits zum Mainstream drängt, da er sonst erfolglos bleiben muß.
    So betrachtet gibt es ein Lob auf den Ausgleich des Mainstreams.

  12. Mir fällt grade nochwas ein: als Minderheit, die es mit einem Mainstream zu tun hat, können meine politischen Interventionen sogar klarer und radikaler sein, weil ich nicht gleich befürchten muss, damit einen Krieg auszulösen. Wenn ich zum Beispiel beschließe, mit bestimmten Leuten nicht mehr zusammenzuarbeiten, hat das nur die Wirkung, dass unsere Differenz deutlich wird und evtl. andere auch darüber nachdenken und diskutieren. Wäre ich Vertreterin einer fast gleichstarken Gruppe, müsste ich die möglichen Folgen eines solchen Schrittes (Krieg!) viel genauer bedenken.
    Das nur, um klarzumachen, dass „Orientierung auf den Mainstream hin“ genau nicht „Schmusekurs mit dem Mainstream“ bedeutet. Im Gegenteil sogar.

  13. „Stehen sich hingegen mehrere mehr oder weniger gleichstarke Gruppierungen gegenüber, ist die Versuchung groß, solche Mittel der politischen Argumentation zu verlassen und stattdessen auf pure Macht zu setzen. Krieg ist oft die Folge, und nicht zufällig.“
    dafür fallen mir spontan mehrere besipiele ein, nur fallen mir genauso viele gegenbeispiele ein. ich seh echt nicht, dass sich da eine kausalität ableiten lässt.
    außerdem, jerusalem, da gibt es keine gleich starken gruppen, die stadt lebt ja nicht hermetisch abgeriegelt, sondern gehört zu israel und da gibt es eine deutliche mehrheit, auch eine sehr mächtige in der gesamten region. ich finde es seltsam, hier den kontext auszublenden. ok, dir kam nur ein allgemeinerer gedanke dort, aber ja, ich hab irgendwie den eindruck, dass du das kräfteverhältnis da falsch einschätzt und dann frage ich mich doch, ob das, was du da als dreiteilung erlebst für die stadt jerusalem ganz einfach der mainstream ist und du erfährst gerade etwas neues, nämlich wie es ist, wenn man nicht nur ein bisschen vom mainstream abweicht, sondern so komplett draussen steht und merkt, dass man keine chance hat, sich da auch nur irgendwie einzupassen, selbst wenn man wollte. so wie du beschreibst, wie du dich da fühlst, nämlich auch, so klingt es, nicht dazu in der lage, mit dem mainstream in einen austausch zu kommen, ich glaube, so fühlen sich minderheiten.

  14. @James Holt – die Gegenbeispiele würden mich interessieren!

    Ansonsten ist deine Vermutung, meine Irritation wäre einfach ungewohnte Minderheitenerfahrung, sicher keine Erklärung. Ich war schon oft in Gegenden und Situationen, wo ich als „Fremde“ so außen vor war, dass ich keine Anknüpfung an den Mainstream fand, das irritiert mich nicht, sondern ist ein mir gut bekanntes Gefühl. Die Irritation hier kommt in der Tat gerade aus der Abwesenheit des Mainstreams.

    @ute Plass – danke für den link zu dem Martenstein-Text, der wirklich gut passt, „Reaktanz“ ist ein interessanter Gedanke, ich glaube, das stimmt. Es bestätigt auch meine Vermutung, dass das Vorhandensein eines Mainstream Selbstkritik erleichtert, von der Reaktanz dann gewissermaßen die kindische Variante ist (für die Martenstein ja selber bekannt ist ;))

    interessant finde ich auch, dass er regelrecht „Angst“ (o.ton) vor dem Mainstream hat, das bestärkt mich in meiner Ahnung, dass der Mainstream wichtig ist. aber er ist natürlich eine Herasforderung für das starke, originelle, autonome männliche Subjekt, für das Martenstein steht.

    Zum Beispiel die Experimente, wo die Leute wider besseres Wissen mit der Mehrheit voten. Ich finde das gar nicht beängstigend, sondern klug, dass die menschen in so einer Situation erstmal an sich selbst zweifeln.

  15. @Ute Plass schreibt: 11. September 2013 um 20:37
    “Er beherrscht Medien, treibt Minister aus dem Amt und wechselt alle paar Jahre die Richtung: Der Mainstream hat gewaltige Kraft – er ist der Geist der Mehrheit. Aber hat er deshalb recht?” Ein Essay von Harald Martenstein – http://www.zeit.de/2011/46/DOS-Mainstream

    Wer Mit diesem weniger kindlichem sondern eher Karnevalverständnis mit Mainstream (und das auch noch in der ach so biederen „Zeit“, die eh zu weit ab vom Mainstream hofiert) hantiert, hat ihn nie verstanden und versucht ihn als handelndes Objekt zu verpersonifizieren und damit zu verunglimpfen als Moloch, ohne dies selber, außer Verängstigung wegen fehlender Durchdringung, als verstanden zu zeigen.

    Mainstream ist nur ein Spiegel, er kann weder etwas „treiben“ noch „Kraft haben“!
    As offenbarer Spiegel der Mitte einer Gesellschaft kann er das nicht, denn die so Handelnden sind nicht Mainstream sondern Menschen, einzelne Menschen mit überbetonter persönlich geprägter Scheinindividualität, die sie unbedingt als „Gesicht der Mitte“ verstanden wissen wollen und meinen, sie könnten dies der Gesellschaft „streamend“ aufzwingen.

    Diese Menschen haben sich selber in ihrer Einsamkeit als Randgruppe erfühlt und möchten mit ihrer Sicht wärmendes Zentrum sein, möchten selber nur Mainstream beeinflussen, oft auf unbillige Weise.

    Wer dieses Verhalten aus Unkenntnis dem „Spiegel der Mitte“ zuschreibt, sorgt selber für PseudoMainstream, für einen, der nur Fiktion ist, sein kann.
    Das weitere Hantieren mit solchen meist überzogenen Zerrspiegeln ist in Boulevardblättern sehr verbreitet, die das dann auch noch gern als Journalismus mit „freier Meinungsäußerung“ ausgeben.
    Trends und davon geformte Wünsche und Spekulationen sind kein Mainstream, auch nicht wenn sie aus der ZEIT in unsere heutige Zeit schauen.

    Mainstream ist weder Kraft noch Treiber sondern nur ein Bild, ein Spiegelbild unserer realen gesellschaftlichen Mitte – ist er das nicht sondern nur die Boulevardkreation im Pseudogewand, dann ist er auch KEIN Mainstream und verzichtbar, ja fälschend störend.
    Realer Mainstream, als Geländer und Führungsschiene im Sinne eines gesellschaftlichen Spiegelbildes von Mitte, ist unverzichtbar.

    Besser als Antje Schrupp das gerade sagte, läßt sich das kaum ausdrücken:
    „… als Minderheit, die es mit einem Mainstream zu tun hat, können meine politischen Interventionen sogar klarer und radikaler sein, weil ich nicht gleich befürchten muss, damit einen Krieg auszulösen.
    Das nur, um klarzumachen, dass “Orientierung auf den Mainstream hin” genau nicht “Schmusekurs mit dem Mainstream” bedeutet. Im Gegenteil sogar.“
    Danke!
    Das mußte wohl noch gesagt werden.

    Daher ein Lob auf den (echten) Mainstream als Spiegel unserer gesellschaftlichen Mitte, der uns zeigt, was (dort) ist, und uns so erlaubt andere Gesellschaftsmitte konkret zu denken und uns daran effektiv statt boulevardesk zu reiben

  16. ich weiß nicht, welchen bereich soll ich nehmen? bei ner akademischen arbeit hätt ich jetzt das problem, das forschungsfeld sinnvoll einzugrenzen. ich finde deine behauptung so allgemein, dass sie aus meiner sicht einfach keinen sinn macht. aber gut, ich versuchs mal: spd, union, plus jeweiligen anhang, relativ gleiche machtverhältnisse, kein krieg in deutschland. eu, usa, relatives mächtegleichgewicht, bei verhandlungen gewinnen manchmal die europäer, manchmal die us-amerikaner, kein krieg. innenpolitik usa, republikaner, demokraten, relativ geiiche machtverhältnisse, kein krieg. statt dessen haben wir regelmäßig krieg in gaza und westbank, weil eben die israelische seite deutlich mächtiger ist als die andere. wieso wird sonst so vehement versucht, iran nicht atommacht werden zu lassen? das kräfteverhältnis wäre dann nämlich wieder eher ausgeglichen und der handlungsspielraum israels stärker begrenzt.

    zum mainstream, jerusalem ist so ein brennpunkt und nicht erst seit gestern, bitte schon vor ein paar hundert jahren war das so, kreuzzüge und so, der mainstream jerusalems ist eine starke religiosität bis leider hin zum fanatismus. das IST der mainstream. ich bin echt etwas geplättet, davon, wie du die jetzige politische dimension mit einem ziemlich komplexen interessensgeflecht ausblendest, ebenso die historische, und für deine mainstreamthese jerusalem komplett losgelöst aus jedem zusammenhang dafür hernimmst. nochmal, du behauptest, hier stünden sich relativ gleich starke gruppen gegenüber, das ist nicht so!

  17. @Michaela Lusru – hm, echter oder nicht echter Mainstream? Woran erkenne ich das? Und Mainstream als
    Spiegelbild unserer gesellschaftlichen Mitte?
    Bisher habe ich mich an der Begriffsdefinition orientiert, wie sie
    z.B. bei Wikipedia zu finden ist: „Der Mainstream (englisch für Hauptstrom) bzw. Massengeschmack spiegelt den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit wider, im Gegensatz zu Subkulturen oder dem ästhetischen Underground.“ So habe ich kein Problem damit, dass sich auch mal „boulevardesk“
    an den verschiedenen Weisen von „Massensgeschmack“ gerieben wird. Betrachte das auch als eine (Kunst)Form der Intervention, die dem Mainstream den Spiegel vorhalten kann.:-)

  18. @james holt schreibt:12. September 2013 um 14:40 –
    “ …bei ner akademischen arbeit hätt ich jetzt das problem, das forschungsfeld sinnvoll einzugrenzen.“

    Wie wäre es mit „Mainstream“?
    Als „fließender Strom“, und zwar als der unter etlichen (völlig wurscht, ob „gleich groß“), der, der „Hauptstrom“ ist?
    Zusatz könnte sein:
    Was ist, wenn es nur die „etlichen“ aber den „Hauptstrom“ nicht gibt, er sich nicht zeigen will?

    Und unter Antje Schrupps „Krieg“ verstehe ICH in diesem Fall und im Kontext: Synonym für Reibung, für von UNTERSCHIED geforderte Auseinandersetzung mit dem Ziel des Gleichens / Glättens, des AUSGLEICHES.
    Wo ist das Problem bei Jerusalem, wieso die Kreuzfahrer bemühen – die können weder stören noch helfen, aber die dort lebenden verschiedenen weil verschiedenartigen „Ströme“, die dürften, so sie ihren gemeinsamen Strom, den Hauptstrom, den mainstream finden oder gestalten, sehr darauf angewiesen sein, auf soetwas wie ihren (gemeinsamen) mainstream, eine Mitte der Sicherheit weil des Ausgleiches.
    Auch Unterschiede, besser NUR Unterschiede können durch Reibung Ausgleich gestalten, es gibt keine Alternative, egal für wen.
    Und bist du sicher, daß als „mainstream Jerusalems“ eine „starke religiosität“ zu sehen ist?
    wenn sie gegeben ist, könnte sie bestenfalls eine Plattform für (gemeinsamen!) mainstream sein, sie müßte das sogar – aber nicht kann sie selber „der mainstream“ sein, da es sich – wie du auch bemerkst – eben um sehr unterschiedliche bis hin zum Fanatismus handelt.
    Die sich weitgehend nicht unähnlichen Prämissen der unterschiedlichen Religionen übereinandergelegt und gemeinsam geachtet und getrennt gelebt – die könnten mainstream als Spiegel der Mitte machen …

  19. lusru, mit deinem letzten satz widersprichst du dir selbst. entweder ist starke religiosität nur eine plattform oder sie ist der mainstream, ist sie ersteres kann schwache religiosität auch lediglich eine plattform sein, du behauptest jetzt aber, sie sei dann mainstream.

    „Die sich weitgehend nicht unähnlichen Prämissen der unterschiedlichen Religionen übereinandergelegt und gemeinsam geachtet und getrennt gelebt“ interpretiere ich als eine schwache religiosität.

  20. @james holt schreibt: 12. September 2013 um 19:42
    „mit deinem letzten satz widersprichst du dir selbst. entweder ist starke religiosität nur eine plattform oder sie ist der mainstream, ist sie ersteres kann schwache religiosität auch lediglich eine plattform sein, du behauptest jetzt aber, sie sei dann mainstream.“
    Nun, @james holt, wenn ich mich in einem blog erkläre, noch dazu zu einem Thema mit derartiger Sensibilität, Brisanz und Tendenz zur Sprungfeder, darfst du annehmen, daß ich streng auf meine Artikulation und Wortwahl achte, und – wie immer – wer lesen kann (und das auch tut, ohne nur anzunehmen, was gemeint sein könnte) und Text für bare Münze aufgreifen kann, ist im Vorteil:
    Mitnichten schrieb ich das, was du meintest zu lesen, z.B. daß “ Religion mainstream IST“, wenn ich mich lese, steht da (im letzten Satz) nicht „ist“ und nicht „Religion“ sondern es ist von den „Prämissen“ dieser Religionen die Rede, von ihren Grundforderungen an das Leben, die „könnte(n) – da ich ALLE Religionen meine! – „mainstream MACHEN“, das ist ein völlig anderer Tatbestand, vor allem deutlich auch ein (noch) nicht gegebener.
    Aus dieser Sicht erklärt sich auch „Plattform“ als Startup für gemeinsam verantworteten mainstream.

    Und wieso du erst sagst, der „mainstream in Jerusalem IST eine STARKE Religiösität“ (was ich versuchte paßfähig aufzugreifen und zu respektieren) und in deinem nachfolgenden Kommentar genau das (Gleiche!) nun aufeinmal gegenteilig als „SCHWACHE Religiösität interpretierst“, erschließt sich wohl weder mir noch anderen.
    Geh doch bitte davon aus, daß es für diese Frage völlig gleichgültig ist, welche Religion wie stark vertreten ist, und ob sie „stark religiös“ sei oder nicht.
    Sobald auf engstem Raum verschiedene Religionen gelebt werden und (mit deinen Worten) eine (wie du verstanden werden möchtest) „starke Religiösität“ verbreiten, hast du punktgenau den Sachverhalt, den ich versuchte zu beschreiben als de facto „Prämissen der verschiedenen Religionen ( auf gleichem Territorium) übereinander / oder auch nebeneinander / GEMEINSAM GEACHTET und EINZELN GELEBT“, das ist de facto so – unabhängig von der Achtung die den jeweils anderen Religionen entgegengebracht werden.

    Wie du den von dir selbst als „starke Religiösität“ beschriebenen Zustand plötzlich als „schwache Religiösität interpretieren“ kannst, bleibt im Dunkel.
    Wenn diese so unterschiedlich orientierten Menschen in einer Stadt zusammenleben, kommen sie nicht umhin, bestimmte Dinge gemeinsam zu klären, zu leben und zu prägen:
    Es kann für diese Situation – bei Ausschluß von religionsunfähiger Vernichtung und Vertreibung – nur das Entstehen, besser das „MACHEN“ eines minimalen gemeinsam vertretenen mainstream geben, wenn der jeweils eigene nicht zerstört werden soll.

  21. lusru, das problem ist, dass du als mainstream definierst, was du als positive gesellschaftliche entwicklung ansiehst. negatives definierst du dann einfach nicht als „hauptstrom“

    „es ist von den “Prämissen” dieser Religionen die Rede, von ihren Grundforderungen an das Leben, die “könnte(n) – da ich ALLE Religionen meine! – “mainstream MACHEN”, das ist ein völlig anderer Tatbestand, vor allem deutlich auch ein (noch) nicht gegebener.
    Aus dieser Sicht erklärt sich auch “Plattform” als Startup für gemeinsam verantworteten mainstream.“

    also wenn sich die religiösen gruppen zusammensetzen und sich ihrer gemeinsamkeiten bewusst werden, bzw. gemeinsamkeiten schaffen, dann würde deiner meinung nach ein mainstream entstehen. meiner meinung nach existiert aber schon ein mainstream, nur ist der nicht von gegenseitiger achtung und dem wunsch eines friedlichen miteinanders geprägt, sondern davon, dass die verschiedenen gruppen einander ablehnen und jede für sich „gewinnen“ will. die anderen sollen verschwinden oder sich unterordnen. der mainstream ist hier also nicht religionsfreiheit, toleranz, friedliches miteinander, sondern dominanz usw.

    „Startup für gemeinsam verantworteten mainstream“: nochmal, mainstream ist bei dir etwas positives, etwas, das „gemeinsam veratwortet“ werden soll. es ist aber leider anders, mainstream kann auch rassismus sein.

  22. @james holt schreibt: 13. September 2013 um 14:24 –
    Problem? Wo?
    Woraus erkennst du, daß ich nur Positives als mainstream ansehe? Das wurde nicht gesagt, und Negatives nicht ausgeschlossen, also: Beides gehört dazu und damit auch alles Strittige!
    (ich gebe mir Mühe, die Dinge nur ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln).

    Und wenn ich ansetze, daß mainstream als Hauptstrom „machbar“ ist, also letztlich das ist, was Menschen machen, denken, dann gehört so auch der Negativposten dazu.
    Hauptstrom ist schon vom gedachten Verständnis her etwas Ganzes.

    Ich erwarte nicht, „daß sich die religiösen Gruppen zusammensetzen“.
    Mainstream entsteht durch Denken und Handeln, und IN DIESEM erwarte ich zuerst
    – die Interesse für das Andere,
    – – dann die gelebte Toleranz
    – – und darauf die Erkenntnis, daß es keine Religion gibt, die sagt „sei böse, bedränge, schädige oder töte deinen Nachbarn und Andersdenkende“,
    – – und daß allein DAS bereits als Prämisse zur Plattform zu machen ist für ein friedliches Nebeneinander, günstigen falls auch in Teilen für ein Miteinander.

    Was ist daran so neu oder so schwierig zu verstehen?
    Sollte religiös anders agiert werden, so sind das die betreffenden Menschen, und nicht deren Religionen!

    „Meiner Meinung nach existiert schon ein mainstream, nur …“ –
    Ja natürlich; denn es gibt immer einen Spiegel der Mitte, des Hauptaktionsfeldes, nur der Antje Schrupp, als Hinzustoßende, hat er sich nicht oder nicht so gezeigt, weil da eben etwas fehlt.

    Und das, was fehlt, findest du mit großer Sicherheit zwar in allen Religionen, aber nicht in allen Religiösen.
    Laß die Menschen ihre Religion so er- und ausleben, wie das darin erwartet wird, und schon ändert sich in jeder der eigene mainstream – das ist das MACHEN eines gemeinsamen, so beginnt das.

    Das “ verschwinden oder sich unterordnen. … nicht religionsfreiheit, toleranz, friedliches miteinander, sondern dominanz usw.“
    findest du, wenn du es exakt prüfst, in keiner der Religionen, und dennoch leben zu viele Leute das so, gegen die eigene Religion und geben vor, sie seien damit besonders religiös – nein, sind sie nicht, ist man nicht, wenn man die Verantwortung für Andere und das Ganze aus seiner eigenen Religion nicht leben will.

    Daher auch mein versteckter Zweifel an deiner Feststellung, man sei dort besonders religiös – das mag mancher so annehmen, doch bei Lichte betrachtet kommt das heraus, was ich zuvor sagte, kommt tatsächlich ein sich wenig zeigender aber widersprüchlich sich dahinquälender und so eher störend gelebter mainstream zum Vorschein, der durchaus den Friseur, den Schneider und den Bühnenbildner verträgt, um den Menschen dort das Leben leichter zu machen, die Nähe des anderen nicht als belastend sondern als befruchtend verstehen zu lernen.

    “Startup für gemeinsam verantworteten mainstream”: nochmal, mainstream ist bei dir etwas positives, etwas, das “gemeinsam veratwortet” werden soll. es ist aber leider anders, mainstream kann auch rassismus sein.“ –
    RASSISMUS – Ja, das kann er, aber nur wenn Menschen ihn so leben, dann sind die Menschen rassistisch – nicht der anonyme mainstream, und diese Menschen sind dann weder besonders religiös noch überhaupt religiös sonder dessen Gegenteil: pseudoreligiös.

    Was überhaupt nicht dagegen spricht, daß der Spiegel der gesellschaftlichen Mitte, des „Hauptstromes“ der gesellschaftlichen Aktivitäten, von den handelnden Menschen geMACHT wird, immer, egal ob eher positiv oder negativ, im MACHEN jedoch sich bestens darauf achten läßt, daß Positives schwerer wiegt, nur im MACHEN, und in einer Mitte erst recht: gemeinsam.

    Vielleicht so nun doch ein Lob auf den mainstream, der uns wie fast nichts anderes wie im Spiegel zeigen kann, woran wir uns reiben sollten, und wann das wärmt, weil er sich veränderte?
    (sorry, das ist geklaut, war wohl Antje Schrupps Eingebung, als sie uns hiermit provozierte, uns Reibung verschaffte)

  23. Pingback: Wochenlinks 13.9.2013 | extramittel

  24. Ich hab vor drei Jahren in Jerusalem bei newjerusalemtours die „Free Tour“ gemacht.
    (Am Ende der Tour wird trotz „Free“ um Spenden gebeten – kann’s aber trotzdem empfehlen)

    Unser Guide damals hätte Dir bei den „DREI verschiedenen Quartieren der Altstadt“ heftigst widersprochen, da er aus dem aramäischen Viertel der Altstadt kam. Interessant war, dass ich dadurch auch auf die aramäische Diaspora aufmerksam gemacht wurde.

    Bei der Tour hab ich beängstigende Dinge kennen gelernt, wie z.B. die Bomben-Mülleimer oder die Tatsache, dass wenn der jüdische Messias kommt, der Tempel auf dem Tempelberg wieder aufgebaut werden soll, auf dem momentan aber schon der muslimische Felsendom und die al-Aqṣā-Moschee steht.

    Außerdem skurrile Tatsachen, wie dass sich die Christen bei der Grabeskirche Jesu nicht darauf einigen können, wer aufschliessen darf, weshalb die Kirche schon seit dem 16. Jahrhundert von einer moslemischen Familie aufgeschlossen wird.
    Oder dass seit über 100 Jahren eine Leiter außen an der Fassade der Kirche steht und man sich nicht einigen kann, wer die Befugnis zum Entfernen dieser hat.

    Interessant fand ich am jüdischen Viertel ja, dass fast keine Kopftücher zu sehen waren, sondern meist Perücken (teilweise über rasiertem Kopf) oder Hüte. Mir fiel das aber auch erst auf, als ich darüber in einem Reiseführer gelesen hatte.

    Faszinierend ist das Land Israel, die Stadt Jerusalem und insbesondere die Altstadt auf jeden Fall – die ganze Weltpolitik an einem Ort vereint – mit all der Faszination, aber auch den Risiken.

    Als agnostischer, katholischer Atheist mit Wurzeln in Bayern fand ich auch sehr interessant, wie unwichtig der Vatikan/Papst im Anbetracht dieser Stadt eigentlich ist – wenn man wirklich an Jesus glaubt, dann wär‘ diese Region um so viel bedeutender. (Den Papst würd‘ ich hier aber natürlich trotzdem nicht wollen)

    Ich wünsch auf jeden Fall noch viele interessante Erfahrungen in Israel!

    P.S. Beim Abflug am Ben-Gurion wurden wir beim Schlange stehen von (???) „interviewt“, fielen aber anscheinend nicht ins Raster.
    Dafür konnten wir eine komplette Falafel-Ausrüstung inkl. frisch frittierter Falafel-Bällchen, Hummus und Tahin als Mitbringsel mitnehmen – das Verbot für Flüssigkeiten etc. im Handgepäck gibt’s dort nicht.

    … und das tote Meer nicht entgehen lassen! Ziel und Reise sind gleichermaßen interessant.
    (Aber am Ziel am Kiosk keinen Heilschlamm kaufen, ins Gesicht schmieren und dann mit ‚Meer‘-wasser abwaschen – das hatte eine Reisegruppe schreiend versucht)

  25. @robert – das ist ja interessant, ich wusste nämlich, dass orthodoxe Jüdinnen in der Regel Perücken tragen und war deshalb so erstaunt, dass ich im jüdischen Viertel sehr viele mit Kopftuch und nur sehr wenige mit Perücke gesehen habe. Jetzt wär es natürlich interessant, zu wissen, ob das Zufall war oder sich die Mode verändert hat?

    Ja, dass zwischen armenischem und christlichem Viertel unterschieden wird, weiß ich, aber beim Durchlaufen ist mir, ehrlich gesagt, kein großer Unterschied aufgefallen, anders als beim Wechsel zwischen den anderen Vierteln. Vielleicht sind die Unterschiede da zu subtil, oder ich bin nicht in der Lage, sie zu erkennen. Oder es gibt heute zwischen Armenier_innen und Christ_innen allgemein kein so großes Abgrenzungsbedürfnis mehr.

  26. Also kann man die Situation in Jerusalem nicht als mainstream-konsens der (erforderten) abgrenzung sehen? ich weiß immer noch nicht, warum unüberbrückbarkeiten so schlecht sein sollen? warum soll ich den“mainstream“ von irgendwas überzeugen, was über die sicherung meiner lebensgrundlage hinaus geht?

  27. @kersolq – Weil ich kein Beispiel kenne dafür, wie das mit einer freiheitlichen und nicht gewalttätigen Kultur zusammengehen kann. Ich glaube, in so einer Kultur wird Vermischung automatisch passieren, weil Menschen neugierig sind und es ja auch keinen Grund gibt, gute Ideen von anderen zu übernehmen. Will man das nicht, muss man entweder strikte soziale Normen einführen (Kontaktverbot für Kinder mit den „anderen“ zum Beispiel). Wobei sich das natürlich gegenseitig beeinflusst: Nichtvermischung fördert schädliche Agression und Abschottung und andersrum führt Abschottung zu Nichtvermischung. Deshalb meine ich, dass das Fehlen eines Mainstreams ein schlechtes Zeichen ist. Wobei man einen Mainstream natürlich auch nicht einfach so einführen kann. Mir ging es ja nur darum, nicht immer nur über den Mainstream zu mosern, sondern zu sehen, dass er auch positive Seiten hat: )

  28. Lange habe ich überlegt, ob denn hier nun doch noch etwas dazu zu sagen sei., wo es doch eigentlich alle möglichen Sichten schon gut dargestellt gibt, wenn auch manchmal etwas mit Rücksichtnahme auf etwaige scheinbare Sozialromantik (Lusru) geschickt versteckt, indem die (fast?) unüberwindlichen Gegensätze der diversen Lebensarten in Jerusalem (und damit nicht nur dort) nochmals benannt werden.
    Ja, das (und nicht nur dises) sind Unterschiede, große.
    Sie sind und waren mir auch bekannt, wenn ich zuvor davon sprach:
    „Was überhaupt nicht dagegen spricht, daß der Spiegel der gesellschaftlichen Mitte, des “Hauptstromes” der gesellschaftlichen Aktivitäten, von den handelnden Menschen geMACHT wird, immer, egal ob eher positiv oder negativ, im MACHEN jedoch sich bestens darauf achten läßt, daß Positives schwerer wiegt, nur im MACHEN, und in einer Mitte erst recht: gemeinsam.“
    Und schlußfolgernd diese Aussicht anbot (!!):
    „Vielleicht so nun doch ein Lob auf den mainstream, der uns wie fast nichts anderes wie im Spiegel zeigen kann, woran wir uns reiben sollten, und wann das wärmt, weil er sich veränderte?
    (sorry, das ist geklaut, war wohl Antje Schrupps Eingebung, als sie uns hiermit provozierte, uns Reibung verschaffte)“.
    Wer gelegentlich von mir eine Ansicht las, weiß, daß ich als Triebkraft für jede Erscheinung, jede anorganische und organische, jede Bewegung, jede Evolution und jeden Untergang, aber auch für jede Veränderung in Natur und Gesellschaft den UNTERSCHIED benenne, der – von der jeweiligen Ganzheit, dem System oder auch Organismus oder Organ wahrgenommen – zur Information und damit zum wichtigsten systemischen Steuerungs- und AUSGLEICHS Werkzeug wird.
    Allein der (die) UNTERSCHIED, das einzig Wahrnehmbare, Erfass-, Mess- und Auswertbare überhaupt geben den Systemen (Ganzheiten) allerart die Möglichkeit der Existenz, des Werdens und der Entwicklung – aber auch im ungünstigen Falle des Über- oder Unter- oder Vergehens:
    UNTERSCHIED, wahrgenommen zur INFORMATION als systemisch wichtigstes Werkzeug jeder Ganzheit, ist damit vor allem anderen: CHANCE, auf mehr, auf anderes, auf neues, auf neue Wahrnehmung und damit auf Produktion neuer Unterschiede, solange diese das Ganze befördern und nicht, nie, zerreißen.

    Schauen wir auf Jerusalem, mit seinen „Unterschieden“, mit seiner Vielfalt im Ganzen.

    Nicht uninformierte Sozialromantik sondern das zwingende und immer stärker drängende Gebot der systemischen Selbsterhaltung stellt die Forderung, das als CHANCE auch zu erkennen, auch WAHRZUNEHMEN als produktiven UNTERSCHIED, als Information zum AUSGLEICH innerhalb des größeren Ganzen durch die beteiligten Subsysteme, da die Alternative nur in der Ignoranz dessen und damit des allgemeinen Unterganges der beteiligten Elemente, die sich nicht mehr in sich und / oder gegenseitig formen und stützen können, wie das noch der Fall ist.

    Schauen wir ruhig auf Jerusalem und vor allem dieses auf sich.
    Auf die bizarren UNTERSCHIEDE, die alle samt (nur) systemimmanent der dortigen Gesellschaft sind und damit von seinen Teilen systemisch (mutualistisch) händelbar, wie überall auf der Welt, so das auch erfaßt und wahrgenommen wird und – das der Mainstream wird

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