“Frauensachen” sind nicht unbedingt Frauensache – zum Streit um Brandeins

Die Brandeins ist eine der wenigen Zeitschriften, die ich noch abonniert habe, und zwar, weil ich dort relativ viel Neues und Interessantes erfahre. Dass ich dort hauptsächlich Geschichten über Männer lese, daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich bedaure es, aber was soll man machen, man kann ja nicht immer nur meckern, selbst als Feministin nicht.

Jetzt haben aber andere gemeckert – nachlesen könnt Ihr das bei Felix Schwenzel und bei Anne Schüßler – und Gabriele Fischer, die Chefredakteurin, hat dazu Stellung bezogen.

Nun könnte man sagen, gähn, immer dieselben Argumente. Aber ich habe noch eine andere Vermutung. Denn ich kann die Haltung von Gabriele Fischer recht gut nachvollziehen, und wir balancieren doch alle irgendwie auf diesem Grat entlang, entweder zu viel “Frauendings” zu machen und dann in der “allgemeinen” Debatte in die Frauenecke geschoben zu werden, oder uns in der “allgemeinen” Debatte einzumischen und uns dafür der männlichen Norm ein Stück weit anzupassen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Noch immer gilt in vielen Universitätsfächern die Maxime: Wenn du schon deine Diss über “irgendwas mit Frauen” geschrieben hast, dann auf keinen Fall auch noch die Habil, wenn du jemals eine Professur (in einem anderen Feld als Gender Studies) haben willst.

Gabriele Fischer stellt in ihrem Statement heraus, wie viele Frauen bei Brandeins in verantwortlichen Positionen sind, nicht nur sie als Chefredakteurin, sondern auch viele andere. Und ich bin überzeugt davon, dass dies ein entscheidender Grund dafür ist, warum die Zeitschrift so gut ist, wie sie ist, und warum ich sie immer noch lese und interessanter finde als vieles andere.

Aber meine Vermutung ist auch schon lange, dass ein hoher Frauenanteil in Führungskreisen genau nicht dazu führt, dass Frauen und das, was sie tun, in den Fokus rücken, dass Frauen und ihre Initiativen und Perspektiven mehr wahrgenommen werden als anderswo. Sondern dass vielleicht gerade im Gegenteil diese Frauen aus einem vermutlich nicht wirklich bewussten, sondern unterschwelligen Anpassungsgestus heraus vermeiden möchten, zu sehr “Frauenkram” zu machen.

Diese Vermutung habe ich, seit ich vor einigen Jahren in der taz von einer Studie las, bei der herauskam, dass Theaterhäuser in den USA von Frauen eingereichte Stücke weniger oft berücksichtigen als von Männern eingereichte Stücke, und zwar vor allem dann, wenn sie von Frauen geleitet werden.

Dass jedenfalls Frauen in Führungspositionen automatisch mehr Aktivitäten anderer Frauen fördern als Männer in Führungspositionen – was ja ein wichtiges Argument bei Quotenforderungen ist – halte ich für mehr als fraglich. Zumindest in bestimmten Fällen kann es auch genau andersrum sein: Sei es eben, dass die Führungsfrauen ihre “Neutralität” unter Beweis zu stellen versuchen, indem sie garantiert keine Frauen bevorzugen, oder sei es, dass ein Unternehmen, eine Organisation, eine Redaktion mit vielen Frauen in der Führungsriege denkt, es sei gegen Männerdominanz ja sowieso gefeit und sich deshalb um das Thema auch nicht gesondert bemüht. Wohingegen in einem Unternehmen mit rein männlicher Führungsspitze inzwischen manchmal so etwas wie ein Peinlichkeits-Sensorium vorhanden ist, das dazu führt, dass man sich gezielt darum bemüht, die Perspektiven von Frauen einzubeziehen.

Wie auch immer, das Thema bleibt spannend, und wenn es stimmt, dass Gabriele Fischer durch diesen Konflikt jetzt für das Thema sensibilisiert wurde, bin ich schon gespannt auf die nächsten Hefte.

Mal ein bisschen Mathe: Warum 50 Prozent nicht reichen.

Beim Verfolgen der 50-Prozent-Posts von Anne Roth, die in ihrem Blog die Anteile von Frauen und Männern bei Konferenzen zählt, ist mir etwas aufgefallen. Und zwar, dass es bei gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die darauf abzielen, männliche Dominanz oder stereotype Rollenmuster zu überwinden, nicht ausreicht, Gleichberechtigung anzustreben, also etwa eine 50/50-Besetzung von Speakerlisten bei Tech-Konferenzen.

Das hat ganz schlicht mathematische Gründe. Der Frauenanteil liegt bei Politik- oder Technik-Konferenzen derzeit in der Regel zwischen null und vierzig Prozent. Dass Frauen die Mehrheit der Sprechenden ausmachen, kommt fast nie vor. Um Ausgewogenheit herzustellen, reicht es deshalb nicht aus, die eigenen Konferenzen zur Hälfte mit Frauen zu besetzen. Um irgendwann unterm Strich gesamtgesellschaftlich auf Halbe-Halbe zu kommen, brauchen wir Konferenzen mit 70 oder 80 Prozent Frauenanteil.

Ein ähnliches Schema fiel mir beim Lesen von Jochen Königs Buch “Fritzi und ich” auf. Hier geht es um die Verteilung der Kleinkinder-Betreuung zwischen Frauen und Männern. Diese liegt nach wie vor zum größten Teil in den Händen von Frauen, und auch hier wird als Gegenmaßnahme angestrebt, die Kindererziehung “gleichberechtigt” zu verteilen.

Aber in einer Gesellschaft, in der in den allermeisten Fällen Frauen diese Arbeit übernehmen, ändert es nichts, wenn ab und zu auch mal ein Vater die Hälfte macht. Um etwas Substanzielles zu verändern, brauchen wir Fälle, in denen Männer den Löwenanteil der Kleinkinderbetreuung übernehmen.

Es geht mir hier nicht darum, halbe-halbe-Regelungen prinzipiell zu kritisieren, sondern darum, zu unterscheiden, was sie können und was sie nicht können. Eine halbe-halbe-Regelung kann eine Tech-Konferenz besser machen, weil die Organisatoren mal über die Szene der üblichen Verdächtigen hinausdenken, und sie kann das Familienleben und die Kindererziehung im Einzelfall besser machen, keine Frage. Sie kann aber nicht gesellschaftliche Verhältnisse verändern.

Oder anders: Wer im eigenen Umfeld darauf achtet, generelle Ungleichgewichte zwischen Frauen und Männern “gleichberechtigt” auszutarieren, trägt lediglich (immerhin) dazu bei, die Situation nicht noch weiter zu verschlechtern. Aber nicht dazu, sie zu verbessern.

Das wäre auch gar nicht schlimm, wenn nicht genau das so oft behauptet würde. Wenn ich zum Beispiel darüber diskutieren will, was es politisch bedeutet, dass das öffentliche Sprechen so stark von Männern dominiert ist, oder dass Frauen für die Fürsorgearbeit zuständig sind, erwidert fast immer jemand, das Thema sei doch längst überholt, es würde sich doch alles schon ändern. Weil es inzwischen junge Paare gebe, die sich das halbe halbe aufteilen, zum Beispiel.

Das Streben nach halbe-halbe in einzelnen Bereichen (bei manchen Eltern, bei manchen Konferenzveranstaltern) wird also als Argument genommen, warum man sich politisch mit dem Gender-Gap in diesen Bereichen nicht mehr beschäftigen will. Das Streben nach halbe-halbe wird selbst schon als politische Lösung angepriesen. Es ist aber keine, und kann es rein mathematisch gar nicht sein.

Damit das öffentliche Sprechen nicht mehr von Männern dominiert wird, müsste es genauso viele Konferenzen mit Frauenüberschuss wie mit Männerüberschuss geben, und damit Kleinkinderbetreuung nicht mehr Frauensache ist, muss es genauso viele Kinder geben, die hauptsächlich von Männern versorgt werden, wie Kinder, die von Frauen versorgt werden. Und so weiter.

Dass  irgendwann JEDE Tech-Konferenz genau halbe-halbe besetzt und JEDES Kind exakt halbe-halbe von einer Frau und einem Mann erzogen wird, ist nämlich völlig unmöglich – und auch gar nicht wünschenswert. Über eine Quote mag man für Gremien nachdenken, im realen Leben funktioniert das nicht so. Es kann im konkreten Einzelfall sinnvoll sein, die Erziehungsarbeit nicht akribisch gleich aufzuteilen, oder eine Konferenz mit mehrheitlich Frauen oder Männern zu bestücken. Halbe-Halbe ist, wie jede Quote, immer nur eine Krücke, und ich gebe zu, dass die Quotengegner mit ihren Qualitätseinwänden im Prinzip durchaus recht haben.

Das Problem ist nur (und das ist es, was die Quotengegner ignorieren), dass sich bei diesen Fragen historische Geschlechtermuster mit realen Kontexten überkreuzen. Es ist also im Einzelfall nicht klar, ob nur Männer eingeladen wurden, weil sie tatsächlich in dieser konkreten Situation mal zufällig die besseren Speaker zum Konferenzthema sind, oder ob die Organisatoren den Klischees in ihren Köpfen erlegen sind. Es ist im Einzelfall nicht klar, ob in einer Familie die Frau nach der Geburt eines Kindes ihre Erwerbsarbeit aufgibt, weil es die beste Lösung ist, oder ob sie es tut, weil sie und ihr Umfeld meinen, dass das eben “normal” sei.

Damit wir Verhältnisse schaffen können, in denen einzelne (bei der Besetzung von Konferenzen, bei der Verteilung der Erziehungsarbeit in einer konkreten Situation) sich wirklich für das “Beste” entscheiden, brauchen wir deshalb Muster und Vorbilder, die hergebrachte Stereotype nicht nur vermeiden, sondern umdrehen. Erst wenn Tech-Konferenzen mit 70 oder 90 Prozent Speakerinnen genauso als normal empfunden werden wie andersrum, und wenn es genauso viele Väter gibt, die Hauptverantwortliche für die Versorgung von Babies sind, erst dann ist gewährleistet, dass bei der Einzelfall-Entscheidung die tatsächlichen Qualität wichtig ist und nicht das Stereotyp oder die Gewohnheit.

Wenn wir aber schon halbe-halbe für das Höchste der Gefühle halten, ist von vornherein klar, dass wir da nicht hinkommen werden.

(Titelfoto: David~/Flickr.com)

50 Prozent. Über Zahlen und mehr.

frauenzaehlen

Anne Roth hat ein neues Blog gestartet, das ich euch empfehlen möchte: Es heißt 50 Prozent und da sammelt sie prozentuale (Nicht)-Beteiligung von Frauen beziehungsweise die Überdominanz von Männern bei verschiedenen Kongressen, Fernsehsendungen, Panels etc. Hier ist ein Bericht darüber im Metronaut.

Das ist eine gute Idee, wie ich finde, macht da mal mit. Das geht, indem ihr entsprechende Beobachtungen per Mail schickt oder in die Kommentare tippt, oder auch über Twitter: einfach Gesamtzahl, Zahl der Frauen, URL und den Hashtag #50prozent in den Tweet schreiben.

In diesem Blog habe ich über Ähnliches ja auch schon häufiger nachgedacht. Im März 2009 war mir zum Beispiel ein Trend aufgefallen, den ich “Cover-Girls” genannt habe – damit meine ich, dass viele Veranstalter ihr Defizit in Punkto weibliche Beteiligung damit überdecken, dass sie die wenigen Frauen, die eingeladen sind, immerhin prominent auf ihre Flyer und Programmhefte drucken.

Ein Jahr später habe über “gefühlte und reale Frauen” geschrieben. Damit meine ich das Phänomen, dass eine Frauenbeteiligung von 20 bis 30 Prozent als “normal” und ausgeglichen empfunden wird. Weniger als 20 Prozent stößt schon einigen Leuten inzwischen unangenehm auf, ein Frauenanteil von 50 Prozent oder darüber wird als weibliche Dominanz wahrgenommen.

Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wenn eine Frau etwas sagt und dabei nicht als “Neutrum” auftritt, sondern ihre Weiblichkeit sichtbar ist und von ihr eventuell sogar zum Thema gemacht wird, ihre Intervention automatisch nicht mehr als allgemeingültige, an alle Menschen gerichtete Intervention verstanden wird, sondern als partikulare “Frauenintervention”, so als würde sie dann “für die Frauen” sprechen und nicht “für die Menschen”.

Ich nenne das inzwischen manchmal das “Simone-de-Beauvoir-Dilemma”: Simone de Beauvoir nämlich galt zu ihrer Zeit als einflussreiche Philosophin und maßgebliche Vertreterin des Existenzialismus. Bis sie ein Buch über Frauen geschrieben hat. Ab da war sie nicht mehr Philosophin, sondern “Frauen-Philosophin”.

Und bis heute stehen Frauen vor diesem Dilemma: Gebe ich mich als universales Neutrum aus, um gehört zu werden? Oder mache ich die Geschlechterdifferenz zum Thema, auf die Gefahr hin, dann als “Frauen-Frau” wahrgenommen zu werden?

Genau das ist der inhaltliche Grund, warum eine 50-Prozent-Zählung so wichtig ist. In einer Umgebung, in der das Sprechen von Frauen genauso normal, sichtbar und verbreitet ist wie das Sprechen von Männern wird es nämlich nicht mehr so leicht sein, Frauen als “Frauen-Frauen” in die Partikularecke zu stellen, einfach weil jede von ihnen nur eine unter ganz vielen ist. Da die vielen sichtbaren Frauen höchstwahrscheinlich auch viele sichtbare Meinungen vertreten werden, wird offensichtlich, dass eine Frau nicht “für die Frauen” spricht, auch dann, wenn sie in ihrem Frausein sichtbar ist und das vielleicht sogar thematisiert.

Ein wichtiges Thema also. Denn man muss sich ja klar machen, dass die angemessene Beteiligung von Frauen an Debatten nicht das Ende des Liedes ist, sondern der Anfang. Das heißt: Wenn wir Frauen genauso selbstverständlich sprechen hören, und genauso häufig, wie Männer, dann ist nicht das “Problem Gleichberechtigung” gelöst, sondern dann können die inhaltlichen Auseinandersetzungen überhaupt erstmal beginnen. Dann erst lägen die Themen auf dem Tisch.

Wobei, noch ein Nachtrag: Ich finde nicht, dass alle Veranstaltungen zu je fünfzig Prozent aus Frauen und Männern bestehen müssen. Zum Beispiel bereite ich ja selbst gerade eine Veranstaltung vor – die postpatriarchale Denkumenta 2013 – wo nach dem bisherigen Anmeldestand die Männer eine kleine Minderheit sein werden. Allerdings ist uns, den Veranstalterinnen, das natürlich bewusst und wir verstehen unsere Tagung auch klar als weiblichen Beitrag zu einer aktuellen Entwicklung. Wir laden Männer ein und freuen uns, wenn sie Interesse haben, aber wir erheben nicht den Anspruch, eine “geschlechtsneutrale” Tagung zu machen oder eine, wo die Geschlechterdifferenz keine Rolle spielt.

Unter diesen Voraussetzungen kann ich auch Veranstaltungen akzeptieren, bei denen Frauen eine kleine Minderheit sind – wenn die Veranstalter deutlich machen, dass sie eine Intervention aus männlicher Perspektive beabsichtigen.

Eine alte Idee von mir, die ich besser finde als die Quote, wäre in diesem Zusammenhang ja ein Ampelsystem: Einen roten Punkt bekämen alle Veranstaltungen/Panels/Sammelbände usw., bei denen ein Geschlecht extrem dominierend auftritt, sagen wir mit einem Anteil von über 75 Prozent. Einen gelben Punkt bekämen alle, bei denen ein Geschlecht zwar klar dominiert, aber nicht extrem, sagen wir mit einem Anteil von 60 bis 75 Prozent. Einen grünen Punkt bekämen alle mit einem eher ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, also wo kein Geschlecht mehr als 60 Prozent stellt. Um es noch sichtbarer zu machen, könnten in die roten und gelben Punkte ein M oder F geschrieben werden, damit man sofort sieht, welches Geschlecht es ist, das hier dominiert.

So als eine Art Aufklärungs- und Warnsystem, das mich als Nutzerin zu einer schnelleren Navigation befähigt. Einladungen zu Themen, bei denen ich eine Männerdominanz nicht akzeptiere, bräuchte ich dann gar nicht mehr sichten, sondern könnte sie ungelesen wegwerfen.

Vielleicht entsteht aus Annes Blog ja irgendwann mal eine Bundesprüfstelle für Geschlechterverhältnisse, die dieses Siegel verbindlich einführt. Kleiner Scherz. Aber ein bisschen ernstgemeint.

Frauen in Zeiten der Quote

Souveräne Frauen braucht das Land, nicht brave Abstimmerinnen. Foto: Cornelia Roth

Souveräne Frauen braucht das Land, nicht brave Abstimmerinnen. Foto: Cornelia Roth

Ich bin kein großer Fan der Frauenquote – dazu habe ich hier im Blog schon oft geschrieben und sogar eine eigene Kategorie zu dem Thema eingerichtet.

Aber seit einiger Zeit schon wünsche ich mir sehnlichst, sie würde so langsam mal eingeführt, damit wir endlich alle Aufmerksamkeit den wirklich wichtigen Themen widmen können: der völlig unklaren Zukunft der Sorgearbeit, der zunehmenden Armut, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in alle möglichen Richtungen, dem nicht funktionierenden Bildungssystem, der Ressourcenverschwendung, der wirtschaftlichen Ausblutung vieler Länder, dem Kampf gegen Gewalt und Übergriffigkeit. Und generell dem desolaten Zustand dessen, was im allgemeinen “Politik” genannt wird, aber nur allzu selten wirkliche Politik ist. Alles genuin feministische Themen, wenn man mich fragt.

Annett Meiritz hat heute im Spiegel gut kommentiert, wie wenig “Politik” bei den parlamentarischen Debatten über die Quote im Spiel ist. Und zwar auf allen Seiten. Dem ist als Analyse wenig hinzuzufügen.

Aber die Abstimmung im Bundestag hat noch einmal deutlich vor Augen geführt, was das Problem an einer Quote wäre, würde sie denn kommen: Denn dass Frauen in irgendwelchen Ämtern sind, bedeutet offensichtlich nicht automatisch, dass sie dort auch etwas ändern. Die Gefahr ist groß, dass sie sich dann doch den Spielregeln unterwerfen. Und schlechte Verhältnisse werden ja nicht dadurch besser, dass auf allen Ebenen fünfzig Prozent Frauen sind. Ungerechtigkeit wird nicht dadurch gerecht, dass sie auf alle Geschlechter gleichmäßig verteilt wird.

Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass eine Quote früher oder später kommt. Die absterbenden Institutionen sind ja dringend darauf angewiesen. Aus eigener Kraft schaffen sie es nicht, Frauen für sich zu gewinnen. Die Frauen laufen ihnen in Scharen weg. Frauen (immer im Sinne von: deutlich mehr Frauen als Männer) mögen keine 80-Stunden-“Führungs”-Jobs, sie mögen keine Parteien – denn wie anders soll man es interpretieren, dass alle Partei-Neugründungen faktisch Männerparteien sind? Erst die Piraten, jetzt die Alternative für Deutschland?

Die Quote (oder irgend etwas in der Art) wird kommen, denn Männervereine funktionieren heutzutage nicht mehr. Die Frage ist: Was machen wir bis dahin? Verwenden wir – die Frauenverbände, die feministischen Aktivistinnen – weiterhin unsere Kraft und Energie dafür, für eine Quote zu werben, zu argumentieren, uns aufzureiben?

Mein Vorschlag ist, wir machen unterdessen etwas anderes. Zum Beispiel könnten wir uns darauf vorbereiten, was wir tun werden, wenn die Quote erst einmal da ist. Also Fragen stellen und diskutieren wie: Was ist eigentlich notwendig, damit eine Frau, wenn sie in Amt und Würden kommt, sich nicht vom Sog der Verhältnisse und des So-ist-es-immer-schon-gewesen mitreißen lässt? Was braucht eine Frau, damit sie nicht umfällt wie die Quotenbefürworterinnen in CDU und FDP, wenn es darauf ankommt?

Ein paar Ideen hätte ich schon.

Frauen in Zeiten der Quote müssen zwischen Macht und Politik unterscheiden – was nicht heißt, sich von der Macht fernzuhalten, sondern sich nicht fraglos ihrer Logik zu unterwerfen.

Frauen in Zeiten der Quote brauchen weibliche Souveränität – was etwas anderes ist als das männliche Modell des einsamen Monarchen. Weibliche Souveränität bedeutet nicht, sich über andere zu stellen, sondern ein eigenes Urteil zu fällen und dann auch konsequent danach zu handeln.

Frauen in Zeiten der Quote brauchen Freundinnen. Der Maßstab, an dem sie sich orientieren, darf nicht der Erfolg im Rahmen der bestehenden Systemlogik sein (werde ich wiedergewählt oder nicht?). Sondern ob sie erfolgreich sind oder nicht, können sie nur im Austausch mit denen erfahren, denen sie vertrauen.

Frauen in Zeiten der Quote dürfen sich nicht von der Institution, in der sie ein Amt bekleiden, abhängig machen, weder finanziell noch ideell. Ihre “politische Heimat” muss anderswo sein – denn sonst haben sie nicht die Freiheit, im Zweifelsfall zu gehen.

Frauen in Zeiten der Quote müssen bereit sein, Konflikte einzugehen und auszutragen. Die Anerkennung der Mächtigen muss ihnen egal sein, denn ihre Anerkennung finden sie anderswo. Sie müssen sich befreien, von dem Wunsch, von denen, die im System “oben” sind, gelobt zu werden.

Frauen in Zeiten der Quote brauchen also symbolische Unabhängigkeit. Dann – und nur dann – könnte eine Quote tatsächlich was bewirken.

PS und Update: Alles, was ich hier über Frauen sage, gilt für andere Menschen auch. 

 

Gleichheit ist kein Ziel

„Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit“ – über diesen Slogan, den der Deutsche Frauenrat ausgewählt hat, um das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentags zu feiern, ärgere ich mich ziemlich.

Gleichheit? In Bezug auf wen denn? Und in Bezug auf welche Norm?

Wenn überhaupt, kann Gleichheit nur in einem konkreten Kontext eine sinnvolle Forderung sein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in einem Betrieb zum Beispiel. Oder: gleiche Bewertungskategorien und Chancen in einem Zugangsverfahren. Gleichheit an sich ist aber kein sinnvolles Ziel.

Historisch hatte die Forderung nach Gleichheit (der Frauen mit den Männern) vielleicht eine gewisse Berechtigung, weil früher – lange ist’s her – die Diskriminierung von Frauen mit deren angeblicher “natürlicher” Ungleichheit gerechtfertigt wurde. Und schon damals gab es viele Einwände kluger Frauen gegen diese rein strategische und reaktive Argumentation.

Denn die Sache mit der Gleichheit hat ja einen Haken: Sie bedeutet nämlich, dass man nichts anderes und auch nicht mehr wollen darf, als die Leitkultur vorgibt. Ich will das aber. Gleichheit? Nein Danke.

Was wir als Prinzip und politischen Maßstab brauchen, das ist nicht Gleichheit, sondern Freiheit und Gerechtigkeit. Gerade die Gerechtigkeit ist aber selbst ein gutes Beispiel für den Schaden, den das abstrakte Reden über Gleichheit anrichten kann. Gerechtigkeit bedeutet ja, einer bestimmten Situation und den Menschen darin gerecht zu werden. In den Köpfen vieler Menschen hat sich aber längst die Gleichheit an die Stelle der Gerechtigkeit gemogelt. Es wird geglaubt, wenn etwas nicht gleich behandelt wird, sei das automatisch ungerecht. So können dann Reiche meinen, sie würden “ungerecht” behandelt, wenn sie mehr Steuern zahlen sollen als Arme. Aber Ungleiche gleich zu behandeln, das ist ungerecht. Die abstrakte Rede von der Gleichheit stabilisiert nur allzu oft ungerechte Verhältnisse (und ist auch nicht zufällig das Lieblingsargument von Maskulinisten und Frauenhassern).

Eigentlich, eigentlich müssten wir, postmodern und diversitybewusst wie wir doch inzwischen angeblich sind, das alles längst wissen. Trotzdem geht leider keine frauenpolitische Veranstaltung vorbei, in der nicht das Mantra der Gleichstellung gesungen wird und wie sehr wir die brauchen. Inzwischen bin ich etwas frustriert, weil selbst wenn ich dazu kritische Bemerkungen mache, dringt es irgendwie nicht durch. Es wird mir versichert, das sei doch nicht so gemeint. Man schätze natürlich die Vielfalt, und keineswegs seien die Männer die Norm. Ist das so?

„Sie rauchen wie Männer, saufen wie Männer und sie können auch fluchen wie Männer. Auf den ersten Blick scheint das Leben der Frauen von Dagenham im Jahr 1968 schon ziemlich selbstbestimmt“ – dieser Satz steht allen Ernstes im aktuellen Missy Magazin (es geht um den Film „We want Sex“ über den Kampf englischer Ford-Arbeiterinnen für gleiche Löhne). Ach, aber Männer sind nicht die Norm?

Natürlich sind die Männer die Norm, machen wir uns doch nichts vor. Und das ist unser Problem, nicht die Ungleichheit. Das Gleichheitsmantra hat den leicht durchschaubaren Zweck, dass diese Norm auch ja nicht in Frage gestellt wird – in der Geschlechterfrage nicht und auch sonst nirgends.

Kleine Randbemerkung: Ich behaupte, dass die meisten so genannten “Gleichstellungsbeauftragten” sich im wirklichen Leben überhaupt nicht mit Gleichstellung beschäftigen, sondern mit Differenzvermittlung. Diese wichtige Arbeit unter dem Begriff “Gleichstellung” zu subsumieren, führt uns aufs falsche Gleis und erstickt jede systemverändernde Relevanz im Keim.

Deshalb bin ich der Meinung, wir sollten nicht länger Gleichheit und Gleichstellung fordern, sondern diese im Gegenteil zurückweisen. Ich für mich sage jedenfalls ganz klar: Nein, ich will nicht gleichgestellt werden. Ich will frei sein und in gerechten Verhältnissen leben.

Eine ideale Welt, wenn ich mir eine wünschen könnte, sähe so aus: Alle Menschen tun das, was sie tun wollen, für wichtig halten und als notwendig erkennen. Sie tauschen sich mit anderen aus, sie streiten auch über das, was gut und sinnvoll ist, aber sie akzeptieren keine Norm. Die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, nehmen sie als Ressource und als Bereicherung wahr, als gegenseitige Inspiration und Herausforderung. Dabei sorgen sie für möglichst gerechte Verhältnisse, die den Einzelnen keine unnötigen Steine in den Weg legen und schon gar nicht ganze Gruppen diskriminieren. Und sie versuchen auch selbst, den Menschen, mit denen sie es jeweils zu tun haben, gerecht zu werden.

Wie gleich oder ungleich diese Menschen dann am Ende sind, werden wir ja sehen. Aber es ist eigentlich auch vollkommen egal.

PS: Dank an die Mailingliste „Gutes Leben“, bei deren Treffen im Februar wir einen Vormittag lang über dieses Thema ziemlich kontrovers diskutiert haben.


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Deutschland im Quotenfieber

© memo – Fotolia.com

Die CSU hat sie, Aufsichtsräte sollen sie kriegen: Deutschland, so scheint es, ist im Quotenfieber. Die Idee, einen bestimmten Prozentsatz Frauenanteil, etwa 40 Prozent, per Gesetz festzulegen, wird Mainstream. So langsam scheint es allgemein bewusst zu werden, dass formale Gleichheit nicht ausreicht, um männliche Dominanz zu beseitigen. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre: Simone de Beauvoir hat es schon 1949 in „Das andere Geschlecht“ beschrieben. Aber wie gut ist die Quote wirklich? Und: Wem nützt sie eigentlich?

Den Frauen eher nicht. Das Wirtschaftsmagazin brandeins beantwortet in der letzten Ausgabe jedenfalls die Frage „Wer braucht eigentlich eine Frauenquote?“ ganz klar mit: die Unternehmen. Denn die könnten es sich in Zukunft „nicht mehr leisten“, auf Frauen zu verzichten. Klar. Wirtschaftsunternehemen, die aus altpatriarchalem Reflex heraus mittelmäßige Männer guten Frauen vorziehen, machen weniger Profit. Vielleicht retten die Frauen sogar unser vor dem Kollaps stehendes Finanzsystem? Oder die Parteipolitik aus Selbstreferenz und Langeweile? Man scheint uns Frauen viel zuzutrauen, zur Zeit.

Nun liegt mir weder die Zukunft diverser Aufsichtsräte noch die der CSU besonders am Herzen. Ich denke deshalb auch nicht, dass dieser plötzliche Quoten-Enthusiasmus ein Grund zur Freude ist. Mir ist bewusst, wie heikel das Thema ist, zumal die Quote noch immer von vielen Seiten mit falschen Argumenten abgelehnt wird. Etwa von jungen Frauen (aktuell in der CSU), die meinen, so etwas hätten sie nicht mehr nötig, oder von den Piraten, die meinen, sie stünden längst jenseits dieser Geschlechtersachen, und natürlich auch noch von Patriarchaten klassischen Formats, die diese ganze Frauenzeugs eh albern finden.

Aber auch aus einer feministischen Perspektive heraus ist die Quote eben problematisch, wie ich finde, und schon immer gewesen. Denn sie enthält zwei symbolische Fehler, die die ganze Debatte auf ein falsches Gleis führen.

Erstens rückt sie die Frauen in eine defizitäre Rolle. Da wird dann gerne so getan, als würde man mit einer Quotenregelung den Frauen etwas Gutes tun, ihnen irgendwie „helfen“. Als hätten die Frauen irgendwelche Behinderungen, die ein gütiger Gesetzgeber auf diese Weise ausgleicht. Miriam Meckel zum Beispiel, die beim Flexibles-Geschlecht-Kongress in Berlin für die Quote warb (nicht, ohne zu betonen, dass sie früher vehement dagegen gewesen sei, was wohl bedeuten soll, dass es sich heute nicht mehr um eine feministische Spinnerei handelt sondern um was Ernsthaftes) diagnostizierte laut Tagungsbericht, dass Frauen “geringes Selbstbewusstsein” hätten, sich auf dem Weg zur Spitze “selbst im Weg stehen” und überhaupt “mehr Mut” bräuchten.

Ich sage: Bullshit. (Siehe meinen Post über Karriereforschung) Wer die Quote einführt, hilft in erster Linie sich selber, und nicht den Frauen – das immerhin wird mit der neuen Liebe der Etablierten zur Quote zweifelsfrei klar.

Ein zweiter problematischer Punkt ist, dass die Quote die angebliche Wichtigkeit und Bedeutung jener Institutionen und Strukturen, für die sie eingeführt wird, symbolisch zementiert. Denn es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt notwendig sei, da hinein zu kommen, weil nur dort, in den Wirtschaftsunternehmen, Parteien, Universitäten die wahre, wirkliche, wichtige Welt sei. Als ob man nur dort etwas bewegen und verändern könnte. Dabei ist es längst evident, dass wahre Politik eher nicht in den Parteien gemacht wird und dass die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft nicht in Aufsichtsräten gelegt wird und neue Ideen überall eher hervorgebracht werden als in Universitäten.

Trotzdem: Als die Grünen vor über dreißig Jahren die 50 Prozent-Quote für alle Parteiämter einführten, war das zweifellos ein interessantes Experiment. Doch jetzt ist es Zeit zu fragen, ob es funktioniert hat. Und die Antwort ist wohl: eher nein. Überall, wo ich das Thema bisher mit grünen Frauen diskutiert habe, wurde mir versichert, dass die Quote nach wie vor bitter nötig sei. Denn ansonsten würde der Frauenanteil ruckzuck wieder sinken. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

Zur Erinnerung: Damals, vor dreißig Jahren, war die Quote eigentlich nicht als Dauereinrichtung gedacht. Die Idee dahinter war, dass es so etwas wie einen „Anschubzwang“ brauche, damit Frauen überhaupt Chancen hätten, in die Gremien hineinkämen. Wären sie dort erst einmal in relevanter Anzahl vertreten, dann würden sie die Verhältnisse nach und nach so verändern, dass sie den Wünschen und den Interessen von Frauen näher kommen – und es keine Quote mehr bräuchte. Dann würden sich die Männer an die Anwesenheit von Frauen gewöhnen und sie schätzen lernen, auch ohne formal dazu gezwungen zu sein. Dann würde eine neue Kultur einziehen, junge Frauen hätten Vorbilder und würden sich daher mit größerer Selbstverständlichkeit auch selbst um Ämter bewerben.

Aber genau das ist nicht passiert. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass durch die Beteiligung von Frauen die ehemals von Männern für Männer geschaffenen Institutionen sich automatisch verändern würden. Denn die weibliche Differenz – also das, was Frauen an anderem einbringen wollen und können – ist nicht in den weiblichen Genen oder Hirnströmen angelegt, sondern entstammt einer anderen Kultur. Einer „weiblichen Kultur“, wenn man so will, und eben nicht einer „weiblichen Natur“.

Das heißt: Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer. Als rein formales Kriterium bewirkt die Quote hier sogar eine Negativauslese: Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer, und die sich mit den Zielen und der Kultur der betreffenden Institutionen im Wesentlichen identifizieren.

Frauen, die innerhalb dieser Institutionen etwas verändern möchten, haben es hingegen heute eher noch schwerer als früher. Denn bei jedem Veränderungsvorschlag und jeder grundlegenden Kritik wird ihnen vorgehalten, die anderen Frauen hätten doch auch kein Problem damit. Dem entspricht die Umbenennung und Umwandlung von „Frauenbeauftragten“ in „Gleichstellungsbeauftragte“: Wir sollen uns mit der Gleichstellung begnügen, mit Gender Mainstreaming, aber bitte schön innerhalb der Rahmenbedingungen. „Frauenzeugs“ ist nicht gefragt.

Was die Entwicklung der Institutionen und ihrer Kultur betrifft, so bleibt unterm Strich von der Quote oft nichts anderes übrig – als eben die Quote. Aber was wäre eigentlich gewonnen mit einer „gegenderten“ Welt, in der Parteien, Aufsichtsräte und anderes schön zur Hälfte mit Frauen besetzt sind – in der aber ansonsten alles so bleibt wie es ist? Gar nichts.

Ich denke, es ist heute notwendig, einen Schritt weiter zu gehen. So wie Simone de Beauvoir vor 70 Jahren feststellte, dass die „Frauenfrage“ mit der Gleichberechtigung nicht erledigt ist, so müssen wir heute feststellen, dass die „Frauenfrage“ auch mit der Gleichstellung nicht erledigt wäre – selbst dann nicht, wenn wirklich überall 50 Prozent Frauen säßen.

Statt für die Quote zu kämpfen, finde ich es sinnvoller, Orte und Strukturen zu schaffen, an denen das Unbehagen vieler Frauen an den Zielen, Arbeitsweisen und Selbstverständlichkeiten der ehemals männlichen und heute gleichgestellten Institutionen benannt und thematisiert werden kann. Ich wünsche mir, dass Fragen diskutiert werden wie: Warum brauchen die Grünen immer noch die Quote? Woran liegt es, wenn wir keine Kandidatinnen finden? Welche Vorstellungen von einem guten Leben stecken dahinter, wenn mehr Frauen als Männer keine Karriereambitionen haben? Was sagt das über eine Initiative aus, wenn Frauen sich nicht dafür interessieren? Wie müssten Parteien, Gremien, Unternehmenskulturen sein, damit Frauen sich gerne dort aufhalten? Sind wir als Organisation wirklich offen für Frauen, die etwas anderes einbringen, oder erwarten wir insgeheim ihre Anpassung an das, wie es hier schon immer war?

Die derzeitige Attraktivität der Quote auf Seiten der Machthaber und Etablierten zeigt, dass es richtig war, was die französische Anarchistin Louise Michel vor 130 Jahren voraussagte: „Eure Privilegien? Die Zeit ist nicht mehr weit, wo Ihr sie uns anbieten werdet, um durch diese Teilung zu versuchen, ihnen wieder Glanz zu verleihen. Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht.“ So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive. Ich bin skeptisch.

Bei einer Podiumsdiskussion hat Ursula Müller (die selbst Erfahrung darin hat, weil sie lange Zeit Staatssekretärin in Schleswig Holstein und Gleichstellungsbeauftragte in Hannover war) kürzlich die Idee vorgetragen, dass wir eigentlich keine Frauenquote brauchen, sondern eine Feministinnenquote. Ich finde das inspirierend. Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen? Frauen also, die nicht einfach nur gleiche Rechte und Möglichkeiten wollen wie die Männer, sondern solche, die die von Männern geschaffenen Institutionen kritisch und aus einer weiblichen Erfahrung heraus hinterfragen und verändern wollen?

Um es ganz klar zu machen: Ich will keine Frau dafür verurteilen, dass sie das derzeitige Quotenfieber toll findet und die Gelegenheit ergreift, weil sie endlich Teil haben will an all den Privilegien, die Menschen ihres Geschlechts in der Vergangenheit vorenthalten wurden. Geld, Macht, Einfluss, Prestige und Status sind ja schließlich angenehme Dinge, und ich kann gut verstehen, wenn auch Frauen die haben wollen.

Nur: Für ein feministisches Projekt halte ich das nicht.


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Frauenwahlrecht – Kinderwahlrecht? Ein schlechter Vergleich

Immer mal wieder wird über das Kinderwahlrecht diskutiert – aktuell etwa bei den Piraten. Die Frage, ob es sinnvoll ist, das Wahlrecht erst ab 18 Jahren zu verleihen, beschäftigt mich nicht besonders, weil ich das Wahlrecht nicht für das Zentrum des Politischen halte. Aber zu einem Argument, das in diesem Zusammenhang immer wieder vorgetragen wird, möchte ich mich äußern, nämlich: „Für viele mag die Forderung nach einem Kinderwahlrecht absurd klingen – Ich gebe zu bedenken, dass früher auch Frauen nicht wählen durften und die Vorstellung, dass das mal so war, uns heute absurd erscheint.“ (so im PiratenPad)

Zunächst einmal werden hier zwei Dinge verglichen, die man nicht vergleichen kann: Kinder werden schließlich vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie nicht über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung, dieselbe Urteilsfähigkeit verfügen, wie Erwachsene. Auch wenn man dies falsch findet – der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war genau gegenteilig gelagert: Sie wurden ausgeschlossen, obwohl sie über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung und dieselbe Urteilsfähigkeit verfügten, wie Männer – genau darin lag ja der Skandal.

Das Argument wird also kaum einen Gegner oder Gegnerin des Kinderwahlrechts überzeugen, im Gegenteil. Nun könnte man natürlich sagen: Ja, aber haben nicht damals die meisten Leute geglaubt, dass Frauen weniger Urteilsfähigkeit, Lebenserfahrung und Wissen hätten als Männer? Und ist das Argument also nicht dennoch in gewisser Weise stichhaltig?

Hinter diesem Gedankengang steht eine Vorstellung, die wir im Westen gerne im Hinblick auf unsere demokratische Tradition pflegen, und zwar die eines sukzessiven Fortschritts, der so ungefähr vom finsteren Mittelalter bis hin zu heutigen, aufgeklärten und gleichgestellten Zeiten geführt habe. Twittergemäß auf 140 Zeichen gebracht hat das @silkeNH: „Es ist nur konsequent. Zuerst sind wir die Unterscheidung nach Stand losgeworden, dann nach Geschlecht, jetzt ist Alter dran.“

Demnach wäre der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht letztlich einer Unaufgeklärtheit der damaligen Zeit zu verdanken, die wir heute überwunden haben. Und im Bezug auf Kinder hinken wir da eben noch hinterher.

Genau so war es aber nicht. Der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war nicht einfach ein Versäumnis, das dem damaligen patriarchalen Zeitgeist geschuldet ist, sondern logische Folge einer bestimmten Politikvorstellung, die viel mehr umfasste, und deren negative Auswirkungen wir noch immer nicht überwunden haben.

Die Idee, dass alle Menschen gleich sind – und also zum Beispiel bei Wahlen jeder eine Stimme haben sollen – ist gerade mal 250 Jahre alt und wurde mit der französischen Revolution 1789 erstmals in die Realität umgesetzt. Vorher gab es die Idee der Gleichheit im Bereich des Politischen nicht. Und entsprechend gab es auch keine strikte Trennung zwischen den Geschlechtern im Bereich des Politischen. Frauen und Männer waren unterschiedlich einflussreich bei der Gestaltung der Welt, je nachdem ob sie Königinnen oder Knechte, reiche Händler oder arme Mägde, Äbtissinnen großer Klöster oder kleine Handwerker waren. Sicher hatten Männer im Durchschnitt mehr Einfluss als Frauen, aber das Frausein oder Mannsein war nur einer von vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielten.

Doch je gleicher die Männer sich wurden, umso „ungleicher“ wurden die Frauen. Die Frauen waren bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht einfach nur „vergessen“ worden, sondern es war viel krasser: Die Frauen wurden aus der Politik exakt in dem Moment ausgeschlossen, als die Männer für sich die Gleichheit proklamierten. Weiblichen Geschlechts zu sein, war nun nicht mehr einer von mehreren Gründen, weshalb bestimmten Menschen politischer Einfluss verweigert wurde, sondern der einzige. Man könnte auch sagen, dass die Männer sich nach dem Wegfall der Standesgrenzen als demokratische Wesen explizit darüber definierten, dass sie keine Frauen waren.

Das blieb natürlich von Anfang an nicht unwidersprochen. Während das Kinderwahlrecht eine ziemlich junge Idee ist, die sich keineswegs logisch aus der Idee der allgemeinen Gleichheit der Menschen ergibt (schließlich werden damit nicht einzelne Menschen gegenüber anderen diskriminiert, denn ALLE Menschen sind zunächst Kinder und später Erwachsene, also in gleicher Weise betroffen), war der Ausschluss der Frauen von Anfang an Thema, weil er die logische Grundlage des „allgemeinen Wahlrechts“ in sich an ad absurdum führte.

Die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges schrieb denn auch unmittelbar nach der Französischen Revolution ein Manifest für die Frauenrechte (und wurde dafür auf der Guillotine hingerichtet). Und sie war mit ihrer Position keineswegs eine frühfeministische Exotin. Viele Frauen und auch einige Männer machten das zum Thema. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Frage des Frauenwahlrechtes in linken, revolutionären Gruppen ständig auf der Tagesordnung.

Was aber war es, das die Mehrheit der Männer schließlich dazu brachte, die ureigensten Grundlagen ihrer Gleichheitsideen selbst zu konterkarieren, indem sie Frauen das Wahlrecht, ihre große demokratische Errungenschaft, verweigerten? Dahinter stand ein gesellschaftliches Problem, das sich unmittelbar aus der Gleichheitsidee ergab, für das aber damals (wie heute?) keine wirkliche Lösung gefunden wurde: Und zwar die Tatsache, dass Menschen zwar „als Idee“ als Gleiche angesehen werden können, es aber in der Realität normalerweise nicht sind.

So wie zum Beispiel Kinder ganz offensichtlich nicht gleich sind wie Erwachsene: Sie können nicht für sich selbst sorgen, wie müssen versorgt werden. Menschen treten im Status der größtmöglichen Abhängigkeit in diese Welt ein – sie werden geboren. Ohne Hilfe von anderen können sie keine zwei Tage überleben. Das heißt: Einfach nur die Gleichheit der Menschen zu proklamieren ist noch kein politisches Konzept. Gleichzeitig müssen Lösungen gefunden werden für all jene Situationen, in denen Menschen faktisch ungleich und damit bedürftig und abhängig sind.

Was sich hier letztlich stellt, das ist die soziale Frage: Das formale Wahlrecht hat noch nichts beizutragen zu sozialer Ungleichheit, die sich nicht nur durch die Gebürtigkeit der Menschen ergibt, sondern auch aus vielerlei anderer Ungleichheit. (Weshalb es auch kein Zufall ist, dass Simone de Beauvoir ihr Buch „Das andere Geschlecht“ wenige Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Frankreich schrieb: Sie zeigt darin, dass die Ungleichheit von Frauen und Männern dadurch keineswegs erledigt ist, weil sie viel tiefere kulturelle Ursachen hat).

Aber es geht um viel mehr als um die Benachteiligung von Frauen im Vergleich zu Männern. Es geht zum Beispiel auch um materielle Ungleichheit. „Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet den Reichen wie den Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen” ist ein Anatole France zugeschriebener Spott, der das Ganze auf den Punkt bringt. Das war auch der Grund, warum auch für viele Frauen, speziell die Sozialistinnen, das Wahlrecht keineswegs ganz oben auf der Agenda stand: Sie fanden andere Probleme viel wichtiger.

Die Lösung, die die Männer damals für das Problem der faktischen Ungleichheit und der Bedürftigkeit der Menschen fanden, war letztlich ziemlich einfach, aber auch ganz schön dreist: Sie erklärten die Frauen für diesen Bereich der „privaten“ Bedürftigkeit zuständig. Die Frauen sollten sich zuhause um Kinder, Kranke, Alte und auch für die von der Arbeit erschöpften Ehemänner kümmern. Oder um die Wohltätigkeit.

Zu diesem Zeitpunkt, also am Ende des 18. Jahrhunderts, war jedenfalls noch überhaupt nicht die Rede davon, dass Frauen aufgrund irgendwelcher weiblichen „Defizite“ für die Politik nicht geeignet seien. Auch deshalb hinkt der Vergleich zwischen Frauen- und Kinderwahlrecht: Man hat die Frauen nicht deshalb vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil man sie für dümmer oder unvernünftiger hielt, sondern weil man befürchtete, ihre politische Gleichberechtigung würde dazu führen, dass sie sich nicht mehr um jene anderen Aufgaben kümmern, die man von nun ab als „Frauenaufgabe“ definierte. Das wurde damals von Gegnern des Frauenwahlrechts auch ganz unverblümt so gesagt: Wenn die Frauen Politik machen, wer wäscht dann unsere Wäsche, wer erzieht die Kinder und kümmert sich um die Alten und Kranken?

Die Idee vom weiblichen Wesen, das angeblich nicht genug Urteilsfähigkeit und Wissen hat, um politisch mitreden zu können, entstand erst viel später, nämlich als Reaktion auf die weiblichen Proteste gegen diesen Ausschluss. Das Lob auf die Mütterlichkeit, auf weibliche Tugenden und so weiter war nichts anderes als eine nachträgliche Rechtfertigung dieser Ungerechtigkeit, sozusagen ein Trostpflaster. Dagegen hat ja der Feminismus zu Recht und auch erfolgreich protestiert. Ungelöst geblieben ist dabei aber immer noch das Problem, dass auch die andere Seite der Medaille, die Konstruktion von Männlichkeit und „Gleichheit“ als Gegenmodell dazu, kritisiert und hinterfragt werden muss.

Das heißt, die Parallelisierung von „Kinderwahlrecht“ und „Frauenwahlrecht“ ist nicht nur fragwürdig, weil hier eine mögliche Analogie zwischen weiblicher und kindlicher „Unfähigkeit“ zur Politik nahegelegt wird (die nichts ist als frauenfeindliche, patriarchale Propaganda). Sie ist auch heikel, weil sie die ideelle „Gleichheitsschraube“ noch eine Umdrehung weiter geführt wird.

Das verstehe ich, wohlgemerkt, nicht als prinzipielles Argument gegen das Kinderwahlrecht. Meinetwegen kann man es einführen oder auch nicht. Und vielleicht gibt es tatsächlich gute Gründe, die Entscheidung darüber, wann ein Kind als „mündig“ und wahlberechtigt gelten sollte, nicht von einem fixen Datum, sondern von der Selbsteinschätzung des Kindes abhängig zu machen, wie es im Piratenantrag vorgeschlagen wird.

Das hat aber nichts zu tun mit einer Lehre, die aus dem verweigerten Frauenwahlrecht zu ziehen wäre. Daraus ist vielmehr zu lernen, dass eine Politik, die lediglich die formale Gleichheit der Menschen betont, in der Praxis nicht ausreicht. Die Herausforderung der Politik spielt sich heute nicht so sehr auf der Ebene von Rechten ab (die Menschen per definition „als Gleiche“ behandeln), sondern vielmehr dort, wo wir Verfahren brauchen, wie Menschen auch dann gut und gerecht und zum allerseitigen Wohl miteinander umgehen können, wenn sie gerade nicht gleich sind. (Vor diesem Hintergrund ist auch meine Kritik an einer rein rechtlichen Gleichstellung unverheirateter Väter im Bezug auf das Sorgerecht zu verstehen).

Wohin eine Kultur führt, die sich als Ansammlung von beziehungslos Gleichen definiert, hat Olympe de Gouges im Übrigen bereits 1788, also ein Jahr vor der Französischen Revolution, kritisiert. In einem Aufsatz beschreibt sie mit Sorge eine gewisse Haltung, die sich unter den Wissenschaftlern, Handwerkern und Politikern ihrer Zeit breit machte. Im Zuge der beginnenden Industrialisierung, so de Gouges Kritik, würden sie zunehmend eigennützige Ambitionen verfolgen, ohne deren Auswirkungen auf die Gesellschaft allgemein zu berücksichtigen. Vor lauter Profitstreben würden sie ihren eigenen Platz innerhalb der menschlichen Gemeinschaft nicht mehr verstehen. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

De Gouges endet mit den Worten: „Wenn ich in dieses Thema noch weiter verfolge, würde ich zu weit gehen und die Feindschaft der Neureichen auf mich ziehen, die, ohne über meine guten Ideen nachzudenken oder meine guten Absichten anzuerkennen mich ohne Mitleid verurteilen würden als eine Frau, die nur Paradoxes anzubieten hat und keine einfachen Lösungen für die Probleme.“

Das Dilemma, das sie hier beschreibt, ist für kritische Feministinnen bis heute gültig.


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Eindrücke aus dem skandinavischen Frauenparadies

Osloer Geschäfte präsentieren Schaufensterpuppen in normalem Körperformat. Diese dürren Gerippe, die man normalerweise so kennt, gab es dort aber auch.

Vorige Woche war ich ein paar Tage in Oslo. Keine Recherchereise, sondern Freundinnenbesuch, aber in Zeiten wie diesen ist es ja, wie ich schon mal geschrieben habe, Bürger_innenpflicht, die eigenen Eindrücke von der Welt mit anderen zu teilen.

Und Norwegen ist für ein feministisches Blog natürlich besonders interessant, weil es eines dieser skandinavischen Länder ist, die in Sachen Gleichberechtigung immer besonders gute Noten bekommen. Deshalb war ich auch neugierig, das mal mit eigenen Augen zu sehen. Wie sind die Verhältnisse in einem Land, wo konservative Minister eine 40-Prozent-Frauenquote für Aufsichtsräte durchsetzen? Wo es schon früh eine Ministerpräsidentin gab? Hier einige Dinge, die mir aufgefallen sind, ergänzt um einige Infos, die ich dazu gelesen habe.

Das erste, was mir merkwürdig vorkam, war die Abwesenheit weiblicher Personenbezeichnungen. Meine Freundin, eine Deutsche, die seit drei Jahren in Oslo lebt, erzählte mir gleich mal, dass sie in dem Kindergarten, wo sie jetzt arbeitet, nicht mehr „Assistent“ ist, sondern „pädagogischer Leiter“. Ähemm, dachte ich, wieso redet sie so komisch, aber bald stellte sich heraus, dass das in Norwegen so üblich ist. Man benutzt nur die männliche Form.

Allerdings scheint das eine Eigentümlichkeit des Norwegischen schlechthin zu sein, da man auch für Dinge weibliche und männliche Formen bedeutungsgleich verwenden kann. Es ist zum Beispiel möglich, „die Straße“ oder „der Straße“ zu sagen, bloß „das Straße“ wäre falsch. Das heißt, es gibt entweder eine geschlechtliche oder eine neutrale Form, und es ist letztlich egal, ob die geschlechtliche Form weiblich oder männlich ist. Wobei offenbar die weibliche Form irgendwie „altmodischer“ klingt. Das sagte man früher so, oder das sagen die Leute aus dem Land. Aber in der kosmopolitisch-modernen Großstadt heißt es „der“ oder „das“, das „die“ wurde mehr oder weniger abgeschafft.

Das bestätigte sich auch am nächsten Tag, als wir die Nationalgalerie besuchten, und da auf einigen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert „Malerinnen“ abgebildet waren, so das norwegische Wort, das eins-zu-eins offenbar so ähnlich wie „der Malerin“ übersetzt werden müsste. Eine leibhaftige Malerin, die mit uns dort war, bestand aber darauf, dass sie niemals so genannt werden wollte, das würden nur die Leute vom Land noch sagen, sie sei „Maleren“, also „der Maler“.

Hm, dachte die feministische Linguistin in mir, muss ich noch mal drüber nachdenken. Immerhin war es zu Beginn der Debatte in den 1980er Jahren auch in Deutschland unter Feministinnen umstritten, ob das Dilemma der männlichen Sprache (also die Tatsache, dass die männliche Form im Plural für beide Geschlechter gilt, die weibliche aber nur für reine Frauengruppen) dadurch gelöst werden soll, dass die weibliche Form stark gemacht wird oder ob man die besser ganz abgeschaffen sollte, um die Unterscheidung aus der Welt zu schaffen. In der DDR ging man bekanntlich den zweiten Weg, und es gibt auch durchaus Gründe dafür. Unterm Strich bin ich aber immer noch dafür, die Existenz des Weiblichen auch in der Sprache auszudrücken. Wobei das Deutsche an diesem Punkt mit dem Norwegischen nicht wirklich vergleichbar ist, weil die Unterscheidung weiblich/männlich im Artikel hier eben wichtig ist, also man kann nicht einfach „der Straße“ oder „die Kühlschrank“ sagen und behaupten, das wäre korrektes Deutsch.

Natürlich habe ich auch gleich danach Ausschau gehalten, ob sich diese sprachliche Irrelevanz des Weiblichen und Männlichen irgendwie im Alltagsleben bemerkbar macht, also ob es Zeichen für eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit gibt. Das war nicht der Fall. Mir ist kein Mensch begegnet, bei dem oder der nicht auf den ersten Blick klar gewesen wäre, ob es ein Mann oder eine Frau ist (Die Malerin, die darauf bestand, „ein Maler“ zu sein, trug Zöpfchen und Rock, zum Beispiel).

Besser als in Deutschland scheint allerdings die Verteilung der Erziehungsarbeit auf Männer und Frauen zu klappen. „Hier streiten sich Eltern sogar vor Gericht darüber, wer Erziehungsurlaub nehmen darf“, informierte mich meine Freundin. Kein Bedarf offenbar für große propagandistische Anstrengungen in dieser Hinsicht. In der Tat hatte ich den Eindruck, dass nahezu alle Kinder, die mir auf der Straße begegneten, in der Begleitung von Männern unterwegs waren. In einem 2007 erschienenen Reiseführer („Gebrauchsanweisung für Norwegen“ von Ebba D. Drolshagen) las ich: „Die Elternzeit für Mütter beträgt acht Monate bei voller Lohnfortzahlung, ein ganzes Jahr bei etwa 80 Prozent, Väter können sechs Wochen „Papa-Urlaub“ nehmen, was knapp drei von vier Vätern tun.“ Meine Freundin meinte, das Gesetz sei inzwischen dahingehend geändert worden, dass Väter oder Mütter die Elternzeit gleichermaßen nehmen können, aber genau wusste sie es nicht (anyone? Dann bitte im Kommentar posten).

Der Anteil von Vätern, die eine Erziehungsauszeit von der Erwerbsarbeit nehmen, ist also eklatant höher als in Deutschland, und das, obwohl die Gesetzgebung die Mütter bevorzugt (oder zumindest bis vor kurzem bevorzugt hat). Ohnehin scheint mir diese Debatte in Norwegen weniger von männerrechtlichen oder väterrechtlichen Tendenzen beeinflusst zu sein als hierzulande, wo es ja leider oft auf eine Konkurrenz der Eltern um Rechte über das Kind hinausläuft. Auch die Begleitmusik, die in Deutschland oft den Einfluss der Mütter schmälern möchte – etwa mit Diskussionen darüber, dass zu viele Frauen im Umfeld Kindern schaden, dass Mütter zuviel glucken oder sonst alles mögliche falsch machen, sodass Männer in der Erziehung irgendwie korrigierend eingreifen müssen – scheint in Norwegen nicht so laut zu spielen. Ich vermute, es ist dort eher gelungen, die stärkere Einbeziehung von Männern in die Betreuung und Erziehung kleiner Kinder zu fördern, ohne dass das latent zu Lasten der Frauen geht oder gar eine antifeministische Schlagseite bekommt.

Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist natürlich die individuelle soziale Absicherung. Soweit ich es verstanden habe, sind alle Erwachsenen materiell eigenständig versorgt. Das heißt, aus einer Ehe oder gemeinsamer Elternschaft folgt nicht, dass einzelne Erwachsene für andere Erwachsene finanziell einstehen müssen. Erstens einmal gibt es kaum Arbeitslosigkeit, sondern eher einen Arbeitskräftemangel, was auch der Grund dafür ist, dass der Staat schon immer größere Anstrengungen als in Deutschland unternommen hat, um auch Frauen, die Kinder haben, die Teilnahme am Erwerbsarbeitsleben zu ermöglichen. Und wenn doch mal jemand arbeitslos wird, dann springt der Staat ein und es wird nicht der Ex-Partner/die Ex-Partnerin herangezogen. Das nimmt natürlich viel Konfliktstoff heraus, denn die meisten väter- und männerrechtlichen Argumente in Deutschland speisen sich ja aus der Klage über Unterhaltsverpflichtungen, die die betreffenden Männer als ungerecht empfinden und nicht leisten wollen.

Ein anderer Faktor könnte auch sein, dass es in Norwegen noch Spuren matrilinearer Traditionen gibt. Es ist jedenfalls nicht, wie in Deutschland, allein die väterliche Linie, die den Status eines Menschen prägt. Zum Beispiel sind die Norweger_innen große Fans von Trachten, die sie (schreibt jedenfalls Dolshagen) gerne bei festlichen Gelegenheiten tragen. Und man darf immer nur die Tracht tragen, die aus der Gegend kommt, aus der die Mutter stammt. Außerdem wird sprachlich genau zwischen Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits unterschieden, das heißt, es gibt zwei Worte für „Oma“, je nachdem, ob es sich um die mütterliche oder die väterliche Linie handelt.

Ebba Drolshagen schreibt auch, dass jedes zweite Kind unehelich geboren wird, dass jede zweite Ehe geschieden wird, dass bei Eheschließungen die Frauen fast immer ihren Geburtsnamen behalten und dass auch die Kinder normalerweise den Nachnamen der Mutter tragen (anders als hier). Sie können jedoch – wenn ein entsprechender Antrag gestellt wird – den Nachnamen des Vaters bekommen. Das alles sind Zeichen dafür, dass „ordentliches“ Kinderkriegen in Norwegen nicht so eng wie in deutscher Tradition an das Vorhandensein einer heterosexuellen Partnerschaft geknüpft wird. Mir gefällt das gut. Woran das liegt, habe ich nicht rausfinden können. Eine Erklärung, die gerne romantischerweise angeführt wird, waren die alten Wikinger, bei denen die Männer auf Schiffen unterwegs waren und die Frauen zuhause ohnehin alleine den Laden schmissen. Aber das liegt ja nun doch schon ein paar Jährchen zurück.

Wenig verwunderlich ist jedenfalls, dass auch das Gender-Pay-Gap in Norwegen viel geringer ausfällt als in Deutschland: Hier verdienen Frauen im Schnitt nicht 24 Prozent, sondern nur 10 Prozent weniger als Männer. Allerdings heißt das auch: Ein gewisser Unterschied besteht immer noch. 10 Prozent sind zwar im internationalen Vergleich wenig, aber trotzdem nicht nichts. So ganz gelöst ist das Problem der Unvereinbarkeit von kapitalistischer Erwerbsarbeit und der Notwendigkeit von Haus- und Fürsorgearbeit also auch in Norwegen noch nicht.

Dass es wenige antifeministische Einwände gegen eine gleichberechtigte und selbstbewusste Gegenwart von Frauen in der Öffentlichkeit, im Erwerbsleben, in der Politik gibt, liegt ganz sicher auch daran, dass soziale Gleichheit in Norwegen ein positiver Wert an sich ist – und nicht als herablassende Wohltätigkeit der Reichen gegenüber den Armen angesehen wird, wie es in Deutschland der Fall ist und sich momentan sogar wieder verstärkt. Natürlich ist Norwegen ein reiches Land, die Erdölvorkommen polstern den Staatshaushalt, und es muss nicht gespart werden, sondern man kann verteilen.

Aber das ist ja erst seit den 1960er Jahren so, vorher war Norwegen arm, und die positive kulturelle Einstellung zu sozialer Gleichheit ist schon älter als der Geldregen aus dem Erdöl. Manche führen sie auf die pietistische Religiosität zurück, in der es als „ungehörig“ galt, mehr haben zu wollen als andere oder gar sich selbst auf Kosten anderer zu bereichern. Sogar die Königsfamilie muss hier das Kunststück bewerkstelligen, zwar einerseits „königlich“ zu wirken, andererseits aber „ganz normal“ zu bleiben. Wer herausragt, wer mehr hat als andere, muss sich dafür rechtfertigen und wird nicht auch noch dafür gefeiert. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kultur mehr soziale und materielle Gleichheit – auch zwischen den Geschlechtern – hervorbringt.

Unglaublich (aus deutscher Sicht), aber ganz entscheidend wichtig ist dabei auch die Tatsache, dass man in Norwegen die Steuererklärungen aller Leute im Internet nachlesen kann. Transparenz in Punkto Einkommen ist natürlich ein ganz zentraler Faktor, um überhaupt zu wissen, was vor sich geht. So manche Frau würde vielleicht auch in Deutschland viel selbstbewusster in Gehaltsverhandlungen gehen, wenn sie sich vorher im Internet darüber informieren könnte, wie viel denn ihr Kollege genau bekommt.

Doch so gravierend all diese Unterschiede auch sind, so wenig prägend erlebte ich das im ganz normalen Alltag. Auch in Norwegen traf ich Männer, die, sobald die Diskussion etwas politisch wurde, in jenen besserwisserischen und belehrenden Tonfall schalteten, der mich auch hier in Deutschland so oft nervt. Und auch die „Beziehungskisten“-Probleme scheinen, soweit ich Einblick erhalten habe, nicht wesentlich anders zu verlaufen, als wir das hier gewohnt sind. Kultur ist eben mehr als Sozialstaat.

Das alles ist freilich nur ein Sammelsurium von Dingen, die mir in dieser kurzen Reise begegnet sind und durch den Kopf gingen, keine letztgültige feministische Analyse der norwegischen Geschlechterverhältnisse. Aber der Blick von außen ist doch immer eine Quelle für Inspirationen, allein schon deshalb, weil er die Perspektiven weitet.


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Gefühlte und reale Frauen

Nachdem ich gestern etwas über die Piratenpartei und ihr Frauenproblem geschrieben habe (und ich war nicht die Einzige, einen Überblick gibt die Mädchenmannschaft) ergab sich in den Kommentaren die Frage bzw. die Vermutung, dass der Frauenanteil in den Landesvorständen deutlich höher sei und daher die Abwesenheit von Frauen auf der Bundesebene entweder doch ein Zufall oder eben einfach Ausdruck einer anderen Prioritätensetzung seitens der Piratinnen.

Das wäre eine interessante These, und deshalb bin ich der Sache nachgegangen. Ich fand im Piratenwiki diese Übersicht über die Besetzung der Landesvorstände der Piratenpartei und habe nachgezählt und komme auf einen Frauenanteil von 15 Prozent. Mir erscheinen die Angaben nicht veraltet, das Datum der jeweiligen Wahlen steht ja dabei. Ich habe die Frage gestern abend und heute früh nochmal über Twitter verbreitet, um das aufzuklären, aber keine anderen Daten bekommen. Jemand antwortete mir, der Frauenanteil sei in den in letzter Zeit neu gewählten Vorständen über 50 Prozent, allerdings ohne Belege.

Ich wollte eigentlich das Thema Piraten jetzt auch mal wieder verlassen, aber das Phänomen, dass viele dazu tendieren, den Frauenanteil in einem Gremium, einer Gruppe, einem Verein zu überschätzen, bezieht sich nicht nur auf die Piraten, sondern ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen. Eine Zeitlang habe ich mal eine kleine Statistik geführt über die Zusammensetzung von Frauen und Männern in Veröffentlichungen, auf Rednerlisten, in Vorständen und so weiter und kam dazu, dass der Frauenanteil heute normalerweise (also nicht durch Quoten verändert) zwischen 20 und 30 Prozent rangiert. Aber dass dieser Anteil regelmäßig überschätzt wird, wenn man nicht genau nachzählt.

Meine These ist also: Dreißig Prozent Frauen ergeben heute bei uns eine gefühlte Gleichberechtigung. Fünfzig Prozent Frauen ergibt eine gefühlte weibliche Dominanz, jedenfalls bezogen auf solche Orte, die historisch männliche Orte sind, also die ursprünglich unter Ausschluss der Frauen zustande gekommen waren, wie Parteien, Universitäten, bestimmte Berufsgruppen und so weiter. (In traditionell “weiblichen” Szenarien wie unter Krankenschwestern oder Erzieherinnen ist es umgekehrt, sogar noch krasser, da gelten manchmal schon Männeranteile von zehn Prozent als gefühlte “Gleichberechtigung”).

Ich habe auch eine These dazu, woran das liegen könnte: Eine in der Soziologie verbreitete Annahme ist ja, dass ab einem Anteil von dreißig Prozent etwa “Minderheiten” jeglicher Art sich nicht mehr so einfach in die vorherrschende Kultur integrieren lassen, sondern sich durch ihre Anwesenheit diese Kultur grundlegend und radikal verändert. Ich stimme dieser Annahme zwar nicht hundertprozentig zu. Denn es spielen noch andere Faktoren mit. Eine starke, selbstbewusste Frau mit dezidiertem Veränderungswillen kann auch Sachen grundlegend anstoßen, wenn der Frauenanteil niedriger ist. Andererseits ist ein höherer Frauenanteil auch keine Garantie für eine grundlegende Veränderung, denn es kann auch sein, dass das speziell solche Frauen sind, die gar keine Ambitionen haben, etwas zu verändern.

Doch trotz dieser Fragezeichen ist wohl an dieser Theorie prinzipiell etwas dran. Wenn wir “Gleichberechtigung” der Geschlechter nicht nur aus formalen Gerechtigkeitsgründen fordern, sondern damit gesellschaftsverändernde Hoffnungen verbinden (was das Anliegen von Feministinnen ist, jedenfalls der meisten), müssen wir also versuchen, diese Grenze zu überschreiten. Also die Grenze, ab der die Anwesenheit von Frauen tatsächlich noch etwas anderes in der Dynamik der Organisation bewirkt als einfach nur die Anwesenheit von Frauen.

Deshalb habe ich einen Vorschlag: Wir sollten nachzählen. Überall. Um verlässliche Zahlen darüber zu haben, wie hoch der Frauenanteil und der Männeranteil (und ggfs. der Anteil “anderer” Geschlechter) an den Orten, an denen wir selbst aktiv sind, faktisch ist. Und das dann mit dem “gefühlten” Anteil abgleichen. Und dann darüber diskutieren, was sich jeweils daraus schließen lässt, und welche Möglichkeiten es gibt, das zu verändern. Diese Maßnahmen müssen nicht überall gleich sein und Quoten sind dabei nur eine Option unter vielen.