Zehn Fragen und Antworten über Frauen und Politik

Gestern abend war ich in Eisenberg in der Pfalz zu einem Vortrag über meine zehn Thesen zum Frauenwahlrecht. Im Vorfeld hatte mich die Journalistin Anja Benndorf für die Lokalzeitung Rheinpfalz zu dem Thema interviewt. Der Artikel erschien dort etwas gekürzt, hier poste ich mal meine Original-Antworten – vielleicht findet es ja jemand interessant.

Mit welcher anderen großen Errungenschaft würden Sie die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Wertigkeit gleichsetzen und warum?

Die Einführung des Frauenwahlrechts ist mindestens so bedeutend wie die Einführung der Demokratie schlechthin. Meiner Meinung nach sogar noch wichtiger, weil eine Demokratie, in der nur Männer politisch mitbestimmen sollten, ja eigentlich gar keine ist. Erst mit dem Frauenwahlrecht ist das allgemeine Wahlrecht überhaupt eingeführt worden. Für das konkrete Alltagsleben von Frauen waren jedoch die gesetzliche Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, und im Fall einer Scheidung auch die Kinder behalten zu können. vermutlich wichtiger als das Wahlrecht, ebenso die Zulassung zu ehemaligen „Männerberufen“ und Universitäten.

Was sagen Sie Frauen, die dieses Recht nicht wahrnehmen und bei Wahlen keine Stimme abgeben?

Gar nichts. Nicht zu wählen ist eine legitime demokratische Möglichkeit. Es ist ja etwas völlig anderes, ob ich mich aus welchen Gründen auch immer entscheide, nicht zur Wahl zu gehen, oder ob ich es gar nicht darf. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Frauen sind durch das Wahlrecht zu gar nichts verpflichtet, es ist ja ein Recht, das ihnen zusteht, und keine Gnade, für die sie irgendwie dankbar sein müssten.

Damals durfte frau ab 20 Jahren an die Urne. Wären Sie dafür, das Wahlrecht ab 16 einzuführen? 

Wo genau man die Grenze zieht, ist letztlich immer eine willkürliche Angelegenheit. Ich persönlich habe da keine Leidenschaft, denke aber, mit 18 Jahren zu wählen ist früh genug.

In politischen Ämtern sind die Männer nach wie vor in der Überzahl. Liegt das an den Frauen selbst, an den Männern oder allgemein an den Bedingungen, die es ihnen kaum möglich machen, in die Politik einzusteigen? Was wäre hier zu tun?

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass diesen Gremien und Verfahrensweisen von Männern für Männer entwickelt wurden und Frauen nur nachträglich auch zugelassen wurden, ohne sie nach ihren Ideen und Wünschen zu fragen. Das führt sowohl dazu, dass Frauen schlechtere Chancen haben, gewählt zu werden, als auch dazu, dass ihnen die Arbeit dort weniger Spaß macht und sie sich deshalb seltener zur Wahl stellen oder rascher wieder zurückziehen. Es wäre eigentlich notwendig, in einem neuen Prozess aus Männern und Frauen gemeinsam herauzusfinden, wie „Demokratie“ organisiert werden soll.

Halten Sie in dem Zusammenhang eine Frauenquote für sinnvoll? Oder sollte nicht in erster Linie die Kompetenz eine Rolle spielen? Ist so eine Quote in der Wirtschaft anders zu beurteilen?

Die Gegenüberstellung von „Kompetenz“ versus „Quote“ ist falsch, weil ohne Quote ja systematisch weniger kompetent Männer bevorzugt werden, allein weil sie Männer sind und besser zum „System“ passen. Eine Quote würde also meiner Ansicht nach eher mehr als weniger Kompetenz in die Parlamente bringen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dadurch das grundsätzliche Problem gelöst würde, weil eine Quote dazu tendiert, diejenigen Frauen in Ämter zu bringen, die am wenigsten verändern wollen. Manchmal fordere ich deshalb halb im Scherz eine „Feministinnenquote“. Wir brauchen Instrumente, die unkonventionelle Frauen, die Dinge grundsätzlich hinterfragen, nach vorne zu bringen, und das schafft die Quote nicht – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Im Übrigen ist das Verhältnis in der Politik gar nicht so schlecht, wie Sie sagen. In den Bundestagsfraktionen von Linken und Grünen etwa sind Frauen in der Überzahl, bei der SPD bei über 40 Prozent. Dass der Frauenanteil im Bundestag wieder gesunken ist, liegt also ausschließlich an den rechten Parteien, also CDU, CSU, FDP und AfD. Generell ist die Situation auf Bundes- und Länderebene besser als auf kommunaler Ebene. Wir sollten also lieber gezielt überlegen: Warum klappt es mit der Beteiligung von Frauen manchmal und manchmal nicht?

Wie ist Ihr Eindruck: Sind Frauen in politischer Verantwortung härter, konsequenter, geradliniger als Männer?

Nein, ich glaube, es gibt gar keine wesentlichen Unterschiede. Ein Unterschied ist lediglich, dass Männer mehr Wert auf Status und öffentliche „Siege“ legen, aber nicht weil sie individuell anders sind als Frauen, sondern weil das in unserer Kultur mit Männlichkeit verknüpft ist. Ein Bürgermeister, der seinen Gegner niederringt, erhöht quasi seine „Männlichkeit“, eine Bürgermeisterin hingegen würde bei gleichem Verhalten ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen. Das ist eine sehr interessante Dynamik, die dazu führt, dass Frauen häufig besser moderieren und vermitteln können, ohne nach außen hin aufzutrumpfen. Was nicht heißt, dass sie ihre Anliegen nicht konsequent verfolgen. Angela Merkel macht das seit vielen Jahren bravourös.

Hat der Trend, bei jeder Gelegenheit beide Geschlechter zu nennen (zum Beispiel: „die Schüler und Schülerinnen“, „die Mitarbeiter und die Mitarbeiterinnen“) etwas mit Gleichberechtigung zu tun oder ist das oberflächliches Getue, um davon abzulenken, dass Gleichberechtigung immer noch nicht komplett verwirklicht ist?

Sprache prägt sehr, was wir uns vorstellen können. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass die Menschen sich beim generischen Maskulinum, also wenn gemischte Personengruppen mit männlichen Begriffen bezeichnet werden, auch Männer vorstellen und keine Frauen. Wenn wir konsequent weibliche Formen mit benutzen, dann formt sich in unseren Köpfen ein anderes Bild. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Faktor ist, warum manche Parteien deutlich weniger Probleme haben, Frauen zur Mitarbeit zu gewinnen, als andere – natürlich nicht der einzige.

Warum ist es Ihrer Meinung nach bislang nicht gelungen, Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich zu entlohnen?

Weil Geld in unserer Kultur ebenfalls mit Männlichkeit verknüpft ist. Von Frauen wird viel mehr als von Männern erwartet, dass sie nicht „geldgierig“ sind, dass sie unbezahlt arbeiten zum Beispiel. Deshalb wird Frauen von vornherein weniger Geld angeboten als Männer, und wenn sie harte Gehaltsverhandlungen führen, gelten sie als unsympathischer als Männer, die das gleiche tun. Aber auch hier gilt, was ich oben zur Politik sagte: Es ist nicht überall gleich schlecht. Der durchschnittliche Gender Pay Gap sagt wenig aus, denn in manchen Bereichen ist er sehr groß – etwa im oberen Management – in anderen Bereichen hingegen nicht, etwa im öffentlichen Dienst oder auch in manchen Start Ups. Auch hier wäre es besser, nicht nur allgemein zu bleiben, sondern sich genau anzuschauen, was warum funktioniert und was warum nicht.

Was wären andere wichtige Baustellen, um endlich die seit mehr als 200 Jahren geforderte Gleichberechtigung Wirklichkeit werden zu lassen?

Das Wichtigste wäre meiner Meinung nach, uns vom Modell „Gleichstellung“ zu verabschieden. Es geht nicht darum, Frauen mit den Männern gleichzustellen, denn dann behalten wir weiterhin die männliche Norm, nur dass Frauen jetzt „auch“ alles dürfen. Eine Welt, die nur aus Männern besteht, wäre aber nicht schön. Was wir brauchen sind neue Formen – von Politik, von Wirtschaft, von Kultur, von Bildung – die von Frauen und Männern gemeinsam entwickelt werden, in die die Wünsche und Ideen aller eingeflossen sind.

Bei welchen Gelegenheiten merken Sie persönlich als Frau, dass Frauen in Deutschland noch nicht voll gleichberechtigt sind?

Daran, dass noch immer viele Männer sich nicht mit den Ideen und Vorstellungen von Frauen auseinandersetzen. Dass sie noch immer glauben, die „Frauenfrage“ wäre irgendwie etwas Nebensächliches, das sie nicht betrifft. In diesem Jahr habe ich zum Beispiel an viele Veranstaltungen aus Anlass von 100 Jahren Frauenwahlrecht teilgenommen. Männer sind da fast nie welche gewesen.

4 Gedanken zu „Zehn Fragen und Antworten über Frauen und Politik

  1. “ Deshalb wird Frauen von vornherein weniger Geld angeboten als Männer, und wenn sie harte Gehaltsverhandlungen führen, gelten sie als unsympathischer als Männer, die das gleiche tun.“

    Das habe ich jetzt schon öfter gelesen, aber was nie hintergragt wird: was sagt diese Sympathie überhaupt über das Gehalt aus? Kann ja sein, dass sie zwar als unsympathischer wahrgenommen werden, aber trotzdem das Geld bekommen.

    Ich meine, wenn es wirklich so wäre, dass Frauen für gleiche Arbeit weniger Geld bekommen, dann würde ich als Unternehmer nur noch Frauen einstellen.

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  2. „…hier poste ich mal meine Original-Antworten – vielleicht findet es ja jemand interessant.“

    Sehr sogar, liebe Antje, weil die Antworten Überraschendes beinhalten.

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  3. Lt. Wikipedia wurde das „allgemeine Wahlrecht“ für Männer (unabhängig vom Stand/Besitz) um 1871 eingeführt. Wie verlief denn 1971 das Gedenken/Feiern für 100 Jahre „Männerwahlrecht“? Ich bin da leider zu jung dafür…

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  4. Habe vor einen paar Tagen einen längeren Artikel zum Thema Wehrpflicht gelesen, der eigentliche „Fun-Fact“: das „allgemeine Wahlrecht“ zu Kaiserzeiten galt erst ab 25, da hatten die Männer alle eine militärische Ausbildung „genossen“…. So richtig hat man dem gemeinen Volk wohl auch nicht getraut…

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