Besondere Umstände megaXtreme und mit Gast

Schon vor genau einer Woche haben Benni und ich wieder gepodcastet, diesmal unter besonders Besonderen Umständen, nämlich mit Gast: @communeva war zu Besuch. Deshalb wurde die Folge auch MegaXtreme – knapp über zwei Stunden! Leider war unser Host podcaster.de kaputt, weshalb wir die Folge erst gestern hochladen konnten. Unsere Themen diesmal: Sexualität, Gaza, Irrationalität (ja, merkwürdige Mischung).

Weil auch die Blogseite von podcaster nicht richtig funktioniert, insbesondere nicht das Zurückspringen in ältere Folgen, habe ich dazu mal eine Übersicht angelegt. Just in case…

Nun viel Spaß beim Zuhören!

Über die Ansteckungsgefahr von Homosexualität

In den derzeitigen Debatten über die homophobe Petition gegen den Bildungsplan in Baden Württemberg wird momentan ein Argument häufig vorgebracht, das mir ein wenig Unbehagen bereitet: Nämlich dass Homosexualität doch schließlich nicht ansteckend sei. Wovor haben denn diese Leute Angst, wird da gefragt, etwa dass die Behandlung verschiedener Lebens- und Begehrensformen im Schulunterricht ihre armen Kinder lesbisch und schwul macht?

Ich weiß nicht, ich finde das Argument zu defensiv. Es erinnert mich ein bisschen an die Argumentation vieler Frauenrechtlerinnen vor hundert Jahren, die auf den Vorwurf, das Frauenstimmrecht würde dazu führen, dass Frauen sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, beschwichtigend abwiegelten und sagten: Keine Sorge, es wird sich überhaupt nichts ändern. Natürlich hat sich aber doch was geändert, und die Frage, wer genau sich wie um die Kinder kümmert, steht heute ja nicht zufällig ganz oben auf der gleichstellungspolitischen Tagesordnung.

Mit politischen Argumenten ist es meistens so, dass sie einerseits so und andererseits so zu verstehen sind. Natürlich sind emanzipierte Frauen keine Monstermütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Aber ebenso selbstverständlich muss sich im Zusammenleben von Familien etwas ändern, wenn die Frauen ihre bisherigen Tätigkeiten neu sortieren.

Und so ist es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität auch. Natürlich werden Kinder nicht reihenweise homosexuell, nur weil das Thema im Unterricht behandelt wird. Aber ebenso natürlich werden diejenigen Jugendlichen, die anders begehren, als es die heterosexistische Norm vorgibt, durch eine größere gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität dazu ermutigt, diesen Neigungen nachzugehen, sich entsprechend auszuprobieren, ihr Begehren auszuleben. Und das ist doch schließlich auch der Sinn des Ganzen!

Mit diesen Gedanken im Kopf kam ich gestern über einen lesenswerten Blogpost, der über den Zusammenhang von Class, Race und sexuellem Begehren nachdenkt, auf einen anderen queeren Blog, dessen Autor das Mantra der rein biologischen Bedingtheit von sexueller Identität, das “Born this Way”, in Frage stellt. Er schildert, wie sein von der weißen Schönheitsnorm abweichender Körper durch rassistische Diskurse und mediale Repräsentationen auch hinsichtlich des sexuellen Begehrens geformt wurde.

Das sexuelle Begehren ist nicht einfach eine Folge biologischer Prädispositionen, bei denen dann nur die Alternative besteht, ob sie quasi “in natürlicher Reinform” ausgelebt werden können oder unterdrückt werden müssen. Es ist bei sexuellen Identitäten wie bei allem, dass es sich nämlich um ein Wechselspiel zwischen Gegebenem und Erfahrenem handelt, dass subjektive Wünsche durch äußere Einflüsse geprägt, wenn auch natürlich nicht determiniert werden.

Deshalb wurden so viele Frauen in den 1970er Jahren lesbisch, und nicht nur, weil viele von ihnen endlich ausleben konnten, was immer schon in ihnen steckte, sondern auch, weil sie durch die feministischen Debatten in sich Wünsche entdeckten und formulierten (zum Beispiel den Wunsch, “frauenidentifiziert” zu leben und den Beziehungen zu Frauen den Vorrang vor denen zu Männern zu geben), für die es vorher keine Sprache und keine (Vor)-Bilder gegeben hatte.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, und ich hoffe das auch sehr, dass eine Gesellschaft, in der mehr Lebensformen und Möglichkeiten sexueller Identitäten sichtbar sind, und die das alles auch in ihren Bildungsprogrammen zum Thema macht, auch in der Realität eine größere Vielfalt hervorbringen wird. Auch mehr offen lebende Lesben und Schwule.

Vielleicht bin ich auf das Thema aber auch nur deshalb so angesprungen, weil mir das Bild der Ansteckung in Bezug auf politische Diskurse generell gut gefällt. Auch die Liebe zur Freiheit ist nämlich ansteckend, wie Luisa Muraro einmal sagte. Und dass sich die Liebe zur Freiheit in all ihren Erscheinungsformen wie ein Virus unter uns ausbreiten könnte, das ist doch eine wunderbare Vorstellung!

(Foto: Sanofi Pasteur/Flickr.com)

Ohne jede Moral: Was Frauen Sex bedeutet

Frauen und Sex ist ein mühsames Thema, vor allem weil es normalerweise nie diskutiert wird, ohne die Antwort mit den Männern zu vergleichen: Wollen Frauen seltener Sex oder genauso oft? Wollen sie “kuscheligeren” Sex oder ist das nur anerzogen?

Wunderbar anders geht Barbara Sichtermann an das Thema heran. Sie lässt sieben Frauen ihre Geschichte erzählen und verpackt das Ganze in Romanform: Ihre fiktive Ich-Erzählerin soll Frauen für eine sozialwissenschaftliche Studie zum Thema Sex befragen und gibt dabei nichts vor, sondern lässt die Interviewpartnerinnen einfach frei erzählen, was ihnen dazu einfällt.

Ich vermute, dass dem Ganzen wirkliche Gespräche zugrunde liegen, die Barbara Sichtermann selbst geführt hat, die sie aber aus (nachvollziehbaren) Gründen vor der Veröffentlichung verfremden wollte. Eine kurze Runde bei Google konnte mir diese Frage nicht beantworten, und auch das Buch selbst lässt die Leserin in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte im Dunkeln, was auch sein einziges Manko ist. Denn die Geschichten sind so spannend, interessant, aufschlussreich, dass ich einfach gerne gewusst hätte, welche Mischung von Authentizität und Fiktion dahinter steht.

(Update: Ein_e Blogleser_in hat bei Barbara Sichtermann nachgefragt und eine ausführliche Antwort bekommen, die unten in den Kommentaren steht)

Aber gut: Die Geschichten sind individuelle Geschichten, die Ansichten und Erfahrungen der Frauen unterscheiden sich stark, widersprechen sich teilweise krass, Gemeinsamkeiten finden sich eigentlich kaum, wenn man die äußeren Fakten ihres Umgangs mit Sexualität betrachtet oder ihre Einstellungen dazu.

Aber gerade deshalb tritt das, was sie gemeinsam haben, umso frappierender zu Tage: Und das ist die vollständige Abwesenheit jeglicher Moral. Das ist ein sehr interessanter Befund, denn schließlich hat man das den Frauen doch lange zugeschrieben – dass sie moralisch wären, gerade im Bezug auf Sexualität. Doch das sexuelle Begehren scheint sich, auch wenn es sich bei jeder Frau völlig anders äußert, genau nicht in konventionelle Beziehungsformen leiten zu lassen, selbst bei den Frauen nicht, die dieses Bild nach außen aufrechterhalten. Das Begehren folgt einer anderen Logik, es überwältigt, schmeißt Konventionen um, ist unverfügbar, bringt Dinge durcheinander.

Gleiches gilt im Übrigen von der biologischen Folge der Sexualität: dem Mutterwerden. Auch hierzu nehmen die Frauen eine erstaunlich selbstbestimmte Haltung an. Insofern ist das Buch auch eines über das weibliche Begehren in einem weiteren Sinn, das sich – gerade in der Sexualität, aber ich meine, das Prinzip ließe sich auch darüber hinaus ausweiten – einen Weg in die Welt bahnt, die nicht immer erfreulich ist, sondern von komplizierten Beziehungen, von Gewalt, von Zwängen, von ungleichen Chancen geprägt.

Barbara Sichtermann: Was Frauen Sex bedeutet. 183 S., Brandes & Apsel, Frankfurt 2012, 17,90 Euro.

Wie kommt die Lust in den Körper?

Ilka Quindeau (rechts) ist für eine "alteritätstheoretische Konzeptualisierung" von Sexualität.

Zurzeit nehme ich an einer höchst interessanten Tagung mit dem Titel „Let’s think about sex“ teil, die ursprünglich in der Akademie der katholischen Diösese Rottenburg-Stuttgart stattfinden sollte, aber vom dortigen Bischof dankenswerter Weise verboten wurde, sodass sie nun in Frankfurt stattfindet. Ich werde darüber Ende der Woche noch im Blog von Publik Forum schreiben und später auch ausführlicher in der Printausgabe. Aber da das zusammenfassende Berichte über die gesamte Tagung sein werden, verblogge ich hier bei mir einzelne Aspekte, die mir persönlich besonders interessant erscheinen.

Heute war das zunächst ein Vortrag der Frankfurter Psychoanalytikerin Ilka Quindeau, unter deren kompliziertem Titel „Jenseits der Geschlechterdichotomie. Eine alteritätstheoretische Konzeptualisierung von weiblicher und männlicher Sexualität“ ich mir zunächst nichts Rechtes vorstellen konnte. Aber ihre These hat mich dann sehr elektrisiert, denn sie lautet:

„Desiderata ergo sum“ – „Ich bin, weil ich begehrt werde.“

Die Grundlagen für menschliches sexuelles Lustempfinden werden demnach – bei einer Psychoanalytikerin nicht überraschend – in der frühesten Kindheit, im Säuglingsalter gelegt, und zwar dadurch, dass die Mutter (oder der Vater oder andere Erwachsene, die das Baby versorgen) bei dieser Betätigung selbst unweigerlich sexuelles Begehren empfinden, wenn auch unbewusst. Die Erfahrung von körperlicher Befriedigung, die der Säugling etwa beim Saugen an der Brust, aber auch beim Gewaschen oder Gewickelt oder Eingecremt oder Geschmust Werden empfindet, forme demnach die erogenen Zonen. Und zwar eben vermittelt dadurch, dass die Mutter selbst sexuell erregt wird, wenn der Säugling an ihrer Brustwarze nuckelt, oder dadurch dass der Vater oder die Tante oder wer auch immer mit dem Kind pflegerisch interagiert, ihrerseits auch sexuelles Begehren spüren.

Diese Entstehung des sexuellen Begehrens auf dem Weg des Begehrt Werdens durch Mutter/Vater/Sonstwen ist das, was Quindeau unter „Alteritätstheorie“ versteht. Sie grenzt sich damit von den zwei gängigen Interpretationen ab, nämlich einerseits von der Vorstellung, das autonome Subjekt Mensch sei selbst Schöpfer_in der eigenen Sexualität (dass das eigene Begehren sozusagen autonom entstehe), und andererseits von der Vorstellung, sexuelles Empfinden sei quasi in den Genen oder den Genitalien (interessante Wortähnlichkeit übrigens, wie mir gerade auffällt) bereits angelegt und würde sich im Lauf des Erwachsenwerdens lediglich „entfalten“.

Durch diesen Prozess des „Begehrtwerdens bei gleichzeitigem Befriedigungserlebnis“ entstehe ein Körpergedächtnis für besonders lustempfindliche Zonen des Körpers, in gewisser Weise Erinnerungen an frühe Befriedigungen, die später auch unabhängig von tatsächlichem Körperkontakt abgerufen werden können, etwa durch Phantasien.

Sexuelle Lust sei immer ein „komplexes Zusammenspiel von Phantasie, Erinnerung und gegebenenfalls Berührung“ und keineswegs eine Folge „schlichter Trieb- und Dampfkesselmotive“, wie Quindeau es schön anschaulich formulierte. Dieses Zusammenspiel werde im Lauf des Aufwachsens und weiteren Lebensverlaufes ständig mit neuen Erfahrungen erweitert und permanent umgearbeitet. Es gebe dabei keine strenge chronologische Abfolge, sondern die frühkindlichen Erfahrungen bedingen die späteren Lusterlebnisse, aber andersherum prägen auch die späteren sexuellen Erlebnisse die frühkindlichen Erinnerungen neu.

Dieses ganze Geschehen sei völlig unabhängig von den biologischen Fortpflanzungsfunktionen. Jeder Körperteil kann eine erogene Zone sein oder werden. Dass es vor allem die üblichen Verdächtigen sind – Mund, Anus und Vagina/Vulva beziehungsweise Penis – liege nur daran, dass es eben vor allem diese Körperteile sind, die bei der Tätigkeit des Nährens und Säubern eines Säuglings besonders häufig berührt werden.

Eine solche Sichtweise auf die Entstehung der körperlichen Lust stellt natürlich auch die übliche Verknüpfung von Geschlecht und Sexualität in Frage. Man kann  nicht mehr prinzipiell zwischen männlicher und weiblicher Sexualität unterscheiden. Daher plädiert Quindeau zum Beispiel dafür, die Unterscheidung in Hetero- und Homosexualität aufzugeben, weil sie „der Vielgestaltigkeit von menschlicher Sexualität nicht gerecht wird.“ Word.

Die von traditionellen Sexualtheorien behauptete Spannung zwischen „männlicher“ und „weiblicher“ Sexualität – eine der Grundlagen von Heteronormativität – finde nicht, wie dort angenommen, in der Begegnung zwischen einer männlichen und einer weiblichen Person statt, sondern spiele sich innerhalb eines jeden Menschen selbst ab. Menschliche Sexualität bestehe immer aus einer Mischung von Passivität und Aktivität, Aggressivität und Rezeptivität, von „Reinstecken“ und „Reinstecken lassen“, denn zum Reinstecken kommen ja nicht nur Penisse in Frage, sondern auch Finger, Zungen oder Nasen, und zum Reinsteckenlassen nicht nur Vaginas, sondern auch Münder, Ohren, Anusse et cetera.

Und an dieser Stelle wäre dann auch mein einziger, kleiner Einwand gegen Quindeaus Vortrag angesiedelt, und zwar richtet er sich nicht gegen ihre Analyse, sondern gegen ihre Wortwahl. Denn sie formulierte das an dieser Stelle so, dass alle Menschen in Bezug auf ihre Sexualität „männliche und weibliche Anteile“ hätten. Diese Formulierung, bei der der „aggressive, penetrierende, aktive“ Aspekt von Sexualität als „männlich“, der „rezeptive, einlassende, passive“ Aspekt jedoch als „weiblich“ benannt wird, ist aber selber nur eine Folge der (falschen) Gleichsetzung des Phallus mit der einen und der Vagina mit der anderen Form. Wenn wir Quindeaus These ernst nehmen, dass prinzipiell jeder Körperteil eine erogene Zone sein kann, dann machen diese Formulierungen keinen Sinn.

Ich jedenfalls verwahre mich dagegen, dass die aggressiven, aktiven und penetrierenden Anteile meiner Sexualität als „männlich“ bezeichnet werden. Sie sind genauso ein wesentlicher Teil von mir wie die rezeptiven, einlassenden, passiven Aspekte meiner Sexualität. Und da ich eine Frau bin, sind sie also weiblich.


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Beerdigung eines Buches

Foto: Misha - Fotolia.com

Seit einigen Jahren habe ich vor, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Genauer: Über den Zusammenhang zwischen Freiheit und Liebe. Seit ich diese Idee hatte, redete ich viel darüber, und inzwischen werde ich von allen möglichen Leuten immer öfter gefragt, was denn eigentlich mein Buch macht. Ich hätte doch schon so viel Interessantes über das Thema erzählt. Wann ich das denn endlich mal aufschreiben würde.

Manchmal weht dabei ganz seicht auch eine Kritik mit, die in etwa lautet: Ich vernachlässige sicherlich mein Buchprojekt, weil ich mich zu viel im Internet herumtreibe. Ich zerfasele mich zwischen hunderten kleinen Blogposts und Twitter-Debatten, anstatt mich mal am Stück hinzusetzen und ein ordentliches Buch zu produzieren.

Ja, und natürlich ist das irgendwie auch so. Und irgendwann klopfte bei jeder interessierten Nachfrage ein kleines Teufelchen namens schlechtes Gewissen an. Wie weit ich denn nun sei?

Jetzt habe ich kapituliert und gebe zu, was viele schon vermuteten: Ich schreibe vermutlich kein Buch mehr. Ich bin nämlich kein Fan von Disziplin. Ich denke mir, es wird schon irgendeinen Grund haben, dass ich in dieser Hinsicht so lustlos bin. Es war noch nie mein Ding, pflichtgemäß Sachen abzuarbeiten, wovon ich glaube, dass ich sie tun „muss“. Mit Sachen, bei denen „Strom drauf“ ist, bin ich meist effektiver (das Begehren!)

Seit ich mir diesen Gedanken erlaubt habe, hat er viele Kinder gekriegt. Zum Beispiel ist mir klar geworden, dass ich zwar nichts über das Liebesthema geschrieben habe, dass ich aber dennoch dazu geforscht habe. Neulich habe ich mal alle meine gesammelten Ideen und Notizen ausgedruckt, und herausgekommen sind stattliche 200 Seiten. Man kann also nicht sagen, dass ich in der Sache vollkommen untätig war.

Nein, das Thema interessiert mich weiterhin sehr, und offenbar hat mich das Internet nicht davon abgehalten, konzentriert an dem zu forschen, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Lustlosigkeit bezieht sich nicht darauf, über den Zusammenhang von Freiheit und Liebe gründlich nachzudenken und Sachen darüber zu lesen und zu sammeln, sondern sie bezieht sich darauf, das Ergebnis all diesen Tuns zu einem Buch zu verarbeiten.

Vielleicht sind Bücher ja einfach nicht mehr ein zeitgemäßes Medium (zumindest Sachbücher, für Romane sehe ich weiterhin Bedarf). Man schreibt und schreibt vor sich hin und präsentiert am Ende ein fertiges Werk. Das wird dann gedruckt und ist fixiert für alle Ewigkeit.

Diese Art, eigene Ideen und Forschungsergebnisse anderen zur Verfügung zu stellen, also zu publizieren, ist doch eigentlich bloß eine Mangelverwaltung. Notgedrungen machte man das früher so, weil es ja gar keine anderen Publikationsmöglichkeiten gab. Man sammelte Kapitel für Kapitel an, um an einer bestimmten Stelle willkürlich zu sagen: Jetzt ist Schluss, jetzt ist das Buch fertig. (Wie viele Bücher sind übrigens nicht geschrieben worden, weil die Leute diesen Schnitt nicht machen wollten, in der ja völlig zutreffenden Annahme, dass sie niemals an dem Punkt ankommen, das Thema erschöpfend behandelt zu haben!).

Das Herumtreiben im Internet hat mich jedenfalls nicht nur vom Buchschreiben abgehalten, es hat auch dazu geführt, dass ich inzwischen einfach ganz andere Formen des Denkens und Publizierens gewohnt bin. Ich bin anspruchsvoller geworden. Es kommt mir komisch vor, wenn ich auf einen Text, den ich schreibe, nicht sofort eine Rückmeldung bekomme. Ich fühle mich bei dem Gedanken unwohl, dass ich da etwas hinschreiben und drucken lassen soll, ohne dass andere vorher die Möglichkeit hatten, Ergänzungen vornehmen, Einwände vorzubringen, mich auf Fehler hinzuweisen. Ich glaube, das (und nicht Faulheit oder Internetsucht) ist der eigentliche Grund, warum ich mich nicht ans Buchschreiben gemacht habe.

Deshalb habe ich mein Liebe-Projekt jetzt in einen eigenen Blog geschoben. All die vielen Ideen und Sachen, die ich darüber gesammelt habe, bekommen dort nach und nach ein Zuhause. Momentan stelle ich mir vor, dass das organisch wächst, dass die verschiedenen Aspekte sich im Lauf der Zeit verbinden und neue Erkenntnisse zutage befördern. Wer weiß, vielleicht kann man das am Ende ja sogar auch noch ordentlich ausdrucken.

Ob das dieselbe Ernsthaftigkeit und „Forschungstiefe“ erreicht, wie ein „richtiges Buch“? Oder ob es mich faul macht und schlampig macht, meine die Gedanken kurzlebig und oberflächlich? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich will es mal ausprobieren.

http://liebe.antjeschrupp.de


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Frauensauna

© Omid Mahdawi - Fotolia.com

Seit ungefähr zwanzig Jahren gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio. Leider nicht regelmäßig genug, um schon dünn und schön geworden zu sein, aber regelmäßig genug, um eine langsame, schleichende Veränderung mitzubekommen, die mir inzwischen Sorgen macht.

Die mir, genauer gesagt, seit letztem Wochendende Sorgen macht.

Und zwar geht es um den Saunabereich. Das Fitnessstudio meiner Wahl hat davon zwei, einen großen gemischten und einen kleinen nur für Frauen. Ich fand das früher immer ein wenig ungerecht, den Männern gegenüber. Einmal, so erinnere ich mich, habe ich eine Mitarbeiterin des Centers scherzhaft darauf angesprochen. Sie fragte zurück, was ich denn glauben würde, wie viele Männer wohl in einen reinen Männerbereich gehen würden.

Wie auch immer: Vor zwanzig Jahren war ich in dem Women-only-Bereich ziemlich oft allein. Die meisten Frauen gingen damals in den gemischten Bereich. Mir jedoch war an männlicher Gesellschaft nichts gelegen, und ich ging ohnehin nicht zum Leute Treffen ins Studio, sondern eher, um meine Ruhe zu haben, und die hatte ich eher in der Frauensauna. Außerdem bevorzugten die meisten meiner lesbischen Freundinnen den Frauenbereich.

Im Lauf der Jahre wurde es dann immer voller in der Frauensauna. Anfangs hat mich das sogar gefreut – ich hatte nämlich eine Weile um die Existenz des Frauenbereichs gefürchtet, weil er so schlecht besucht war. Ständig hatte ich erwartet, dass er in den großen, gemeinsamen Saunabereich eingemeindet würde.

Inzwischen ist davon keine Rede mehr. Im Frauenbereich quetschen sich die Ladies, im Männerbereich machen sich die Männer breit – ja, denn zu einem „Männerbereich“ ist der ehemals gemischte Bereich inzwischen faktisch geworden. Keine Frau mehr dort zu sehen.

Es war eine schleichende Veränderung, aber letztes Wochenende stand ich vor dem Faktum. Die winzige Frauensauna war so voll, dass es schon keine Sitzplätze mehr gab, es war nicht zum Aushalten. Ich überlegte kurz, ob ich in die gemischte Sauna gehen soll. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, das geht nicht. Nicht so allein, nicht so kurzsichtig wie ich bin. (Mir ist schon klar, dass ich theoretisch die Möglichkeit durchaus gehabt hätte. Was ich sagen will ist, dass das Verhältnis von Saunagenuss auf der einen und Unbehagen auf der anderen Seite sich über die entscheidende Kippe verschoben hatte).

Jedenfalls stelle ich fest, dass mit der sexuellen Revolution etwas schief gelaufen ist. Wir kriegen wieder Geschlechterseparatismus, zumindest dort, wo es um Körperlichkeit und Nacktsein geht. Und man schiebe das jetzt bitte nicht auf die „Migrationshintergründe“. Natürlich spielt es eine Rolle, dass heute auch Frauen und Männer in Deutschland leben, die in einer sexuell unfreizügigen Kultur sozialisiert wurden. Aber das ist nicht der Punkt.

Die Frage ist vielmehr: Warum ist deren Unfreizügigkeit für westlich sozialisierte Frauen attraktiver als die sexuelle Freizügigkeit der Westlerinnen im Gegenzug für sie? Warum haben die westlich sozialisierten Frauen das Schamgefühl der Einwanderinnen übernommen – und nicht andersrum? Zahlenmäßig sind die Migrantinnen schließlich immer noch in der Minderheit. Außerdem hatten wir in Deutschland Anfang der 1990er Jahre die Integration der DDR – die ja eine extrem freikörperkulturige Gesellschaft war. (Frage in die Runde: Wie geht es eigentlich in gemischten Saunas im Bereich der ehemaligen DDR heute zu?)

Meine Theorie ist eine andere. Meine Theorie ist, dass die sexuelle Freizügigkeit und die gemischtgeschlechtliche Nacktseins-Normalität, die wir in den 1980er Jahren zelebriert hatten, zumindest in Teilen verlogen war. Dass sie uns nicht wirklich so gut gefallen hat, wie wir behauptet hätten.

Ich für meinen Teil kann das jedenfalls so sagen. Ich erinnere mich, dass ich mich als Jugendliche immer überwinden musste, um mich vor Männern auszuziehen. Das gehörte damals aber zum guten Ton. Alle mussten frei und hübsch zusammen in den See springen. Ich musste mich an Arsch und Brüsten betatschen lassen. Bin doch nicht prüde. (Ich hatte diese Begebenheiten verdrängt, aber in meinen Tagebüchern damals festgehalten und kürzlich wieder gefunden).

Mir war das unangenehm, aber das durfte ich nicht sagen, denn nicht die Verhältnisse waren falsch, sondern ich. Ich war einfach noch zu schamhaft. Bullshit, sage ich heute.

Meine Theorie ist folgende: Die sexuelle Befreiung hat geglaubt, sie könne die patriarchale Verkorkstheit unserer Kultur überspringen und wegwischen, indem wir einfach zu „neuen Menschen“ werden. Und in dieser Logik war ich nicht neu genug. Was ich aber – weil ich damals noch nicht zur Frauenbewegung gehörte – nicht aussprechen konnte. Ich dachte, der Fehler liegt bei mir.

Deshalb erfand ich für mich dann in den 1990er Jahren die Ausrede mit dem Ruhe haben Wollen und mit der Solidarität mit den lesbischen Freundinnen. Die Wahrheit ist: Ich war froh, nicht mehr in die gemischte Sauna zu müssen. Wegzukommen von den Blicken auf meinen Busen und auf meine Vulva, von denen ich eben nicht wissen konnte, ob sie normal oder übergriffig waren, lüstern oder einfach nur auf positive Weise interessiert.

Und vielleicht ist die Windeseile, mit der die westlich sozialisierten Frauen den Migrantinnen in die Frauensauna gefolgt sind, etwas ähnliches. Vielleicht waren wir einfach endlich froh, aus diesem sexuell freizügigen Pseudoparadies wegzukommen. (Mir ist klar, dass es bestimmt noch andere Gründe gegeben hat, alles was ich sagen will ist: Dieses hier ist ein Grund, über den bisher zu wenig geredet wird).

Natürlich ist diese Geschlechterseparation ein unhaltbarer Zustand, vor allem dann, wenn die Frauensaunas winzig und die Männersaunas riesig sind.

Wir brauchen also eine neue sexuelle Revolution. Nur muss die diesmal anders ablaufen, als die damals. Und vor allem muss sie so ablaufen, dass sich niemand nicht traut zu sagen, wenn sie (oder er) sich unwohl fühlt.


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