Das Ende der Bohème

Das war ja wohl der Hammer-Vorspann in der taz vom vergangenen Mittwoch (8. April):

Im New Yorker Hotel Chelsea schrieb William Burroughs „Naked Lunch“. Bob Dylan blieb vier Jahre lang. Sid Vicious ermordete seine Freundin in Zimmer 103. Das New Yorker Hotel Chelsea ist das Künstlerhotel. Investoren wollen jetzt ein Luxushotel daraus machen – doch die Bewohner wehren sich.

Und dann folgt ein rührseliger Artikel über „Das Biotop für die Boheme“ und wie ungeheuer schrecklich es ist, dass dieses tolle Hotel, in dem tolle Hechte tolle Bücher geschrieben und ihre Freundinnen ermordet haben (ist ja wohl beides irgendwie ein Ausdruck von KREATIVITÄT) jetzt einfach nicht mehr weiter existieren soll. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die taz die inklusive Sprache längst aufgegeben hat – die Bewohnerinnen hatten bei all den tollhechtigen Bewohnern des Hotel Chelsea wahrscheinlich eh nix zu sagen.

Wer über all das mehr wissen will, kann das Buch: „Women of the Beat Generation“ lesen (von Brenda Knight, Conari Press 1996) – da sind spannende Geschichten drin, die tief blicken lassen in die Weiblichkeits- und Frauenverachtung dieser beatnickigen „Boheme“. Dass bei all dieser männlichen Freiheit und Unkonventionalität Frauen unter die Räder kamen, umgebracht oder in den Selbstmord getrieben wurden, war jedenfalls kein Einzelfall und leider nicht mal eine Seltenheit.

Zum Beispiel diese Episode von selbigem  William Burroughs, der dann später im Hotel Chelsea so unkonventionelle Texte fabriziert hat: „On September 6, 1951, Joan and Bill were at a party. Everyone had been drinking gin for hours when Bill announced that it was time for the William Tell act. Joan put a water glass on her head and turned her face, saying that she couldn’t stand the sight of blood. Bill, a crack shot, took aim from about six feet away. She died instantly, not yet thirty years old“ (s. 52f)  Und dann geht es so weiter: „Bill was able to keep himself out of too much trouble with the help of a good lawyer and spent only thirteen days in jail. … He always maintained that it was Joan’s death that had motivated him to write.“ (S. 53).

Wer Geschichten dieser Marke ertragen kann, sollte das Buch lesen, denn darin ist viel Interessantes über die Frauen in dieser Bewegung zu finden. Und darüber, was sie gemacht haben, um in all dem Schlamassel doch etwas vom freiheitlichenAufbruch zu retten. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, solche Biotope können gar nicht schnell genug aussterben.  Und wenn die Luxussanierung des Hotel Chelsea dabei hilft, ist das eine gute Nachricht! Zumindest solange die Erinnerung an jene Zeit immer noch machomäßig verklärt wird und angeblich linke Zeitungen Frauentöten und Bücherschreiben für irgendwie dasselbe halten.

Hier übrigens der Link zu dem taz-Artikel (der in der online-Version allerdings etwas anders ist, u.a. eine andere Überschrift hat als in der Print-Version): http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/kreative-kaempfen-um-ihre-kommune/

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