Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Zum blinden Fleck des Grundeinkommens

Das Grundeinkommen ist eine wunderbare Idee, wie ich finde. Es würde helfen, eine Menge ungelöster Fragen zu beantworten. Hätten wir ein Grundeinkommen, bräuchten wir uns nicht mehr über Hartz IV zu ärgern, könnten das Urheberrecht entsorgen, wären weniger erpressbar im Hinblick auf „Arbeitsplätze abbauen“ und so weiter.

Dass das Grundeinkommen eine Idee ist, die sich auch sehr gut mit feministischer Wirtschaftsethik verträgt, habe ich zusammen mit politischen Freundinnen bereits 2004 in einem Text geschrieben.

Allerdings darf man nicht meinen, das Grundeinkommen wäre so eine Art Wunderrezept, das uns ganz automatisch ins Paradies bringt. Insbesondere ein Aspekt ist daran problematisch, und ich finde es inzwischen sehr ärgerlich, wie hartnäckig sich insbesondere männliche Grundeinkommens-Befürworter weigern, das Thema anzugehen: die Frage, wie das mit der Haus- und Fürsorgearbeit geregelt werden soll.

Viele scheinen sich das so vorzustellen, dass Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Kranken und Alten doch umso besser im Privaten geregelt werden kann, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen haben. Denn es sei doch ein Vorteil, wenn diejenigen, die diese Arbeiten bislang gratis und stillschweigend erledigten (mehr Frauen als Männer, früher nannte man sie „Hausfrauen“) dann ihr eigenes Geld hätten.

So gehört habe ich das schon auf diversen Podien, unter anderem auch von Götz Werner (dessen Engagement für das Grundeinkommen ich ansonsten großartig finde). Na toll, denkt die Feministin. Die einen verwirklichen sich selbst mit dem Grundeinkommen, die anderen räumen weiter den Dreck weg. Klasse Idee.

Natürlich kommt dieses „Wir erledigen die Fürsorgearbeiten privat und ohne Bezahlung, weil es gibt ja ein Grundeinkommen“-Argument vorderhand geschlechtsneutral daher (theoretisch können ja auch Männer ihre alten Eltern pflegen). Aber trotzdem ist hier eine gewisse Skepsis angesagt. Würden die Männer denn auch in der Praxis? Genauso selbstverständlich wie die Frauen? Im Schnitt, nicht nur im Einzelfall?

Ein Beispiel, das mich in dieser Hinsicht mal wieder skeptisch macht, flatterte kürzlich durch meine Timeline. Ein kleines Video von Sascha Liebermann, einem der maßgeblichen Protagonisten des Grundeinkommens in Deutschland. Er wurde nach einem Vortrag von einer Teilnehmerin genau das gefragt: Wer denn die unbeliebten Arbeiten machen würde, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen hätten.

Seine Antwort ist aufschlussreich: Als Beispiel wählt er das Kloputzen. Wenn wir nicht wie jetzt Menschen dazu zwingen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, an Geld zu kommen, dann hätten wir, so Liebermann, drei Möglichkeiten: Wir können diese Arbeiten besser bezahlen, wir können uns technische Möglichkeiten ausdenken, sodass sie nicht mehr nötig sind, und wir können die Arbeit selber machen.

Das stimmt natürlich. Allerdings hat er eine vierte Möglichkeit vergessen: Die Möglichkeit nämlich, dass diese Arbeit einfach nicht mehr gemacht wird. Beim Kloputzen ist das durchaus eine Option – bleibt das Klo halt dreckig. Wem’s stinkt, der wird sich schon was einfallen lassen. Wer je in einer WG gewohnt hat, weiß, wie zwiespältig ein solches Verfahren ist, und dass es diejenigen bevorzugt, die im Bezug auf Dreck am ignorantesten sind. Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus.

Mein Punkt ist ein anderer: Das Liebermann-Modell (und viele männliche Grundeinkommens-Befürworter argumentieren ähnlich) baut darauf, dass sich mit dem Grundeinkommen neue Aushandlungsprozesse initiieren lassen, die dann höchstwahrscheinlich auf eine bessere Lösung als heute hinauslaufen. Das glaube ich in der Tat auch. Das Problem an dieser Idee ist nur, dass dieser Plan bei den meisten der klassischen Fürsorgearbeiten nicht funktionieren kann: Wenn Babies gewickelt und gefüttert werden müssen, wenn Alte versorgt werden müssen, dann kann man es nicht drauf ankommen lassen. Dann ist die Möglichkeit, dass es heute eben mal niemand macht, weil grad keiner Lust hat, keine Option, die wir zulassen können. Hier haben wir es nämlich nicht mit Dingen zu tun, sondern mit Menschen, mit Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, und zwar jetzt und sofort.

Das Modell „Bezahlen wir mehr“ funktioniert nur für die Reichen unter ihnen. Das Modell „technische Lösungen“ greift hier auch nur zum kleinen Teil, weil es nicht nur um „Arbeit“, sondern auch um Zuwendung geht. Und das Modell „Selber machen“ funktioniert sowieso nicht, weil die Arbeit ja überhaupt nur deshalb anfällt, weil diejenige Person, um die es geht, sie nicht selbst machen kann.

Also: Wer macht diese Arbeiten, wenn wir keine billigen Erzieherinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen mehr haben? Oder anders gesagt: Wie stellen wir sicher, dass sie auch dann noch getan werden, und zwar jederzeit und sofort, wenn wir niemanden mehr dazu zwingen können?

Auf diese Frage gibt das Grundeinkommen für sich genommen keine Antwort. Ebenso wenig wie die Marktwirtschaft (die stellt nämlich nur sicher, dass die profitablen Arbeiten getan werden). Deshalb brauchen wir an dieser Stelle eine Kulturdebatte, die die Freiheit, die ein Grundeinkommen bedeuten würde, nicht nur dahingehend interpretiert, dass wir dann alle „selbstbestimmt und autonom“ tun können, wonach uns der Sinn steht. Sondern wir müssen diese Freiheit dahingehend interpretieren, dass sie auch für die Einzelnen die Verpflichtung beinhaltet, das Notwendige zu sehen und sich ganz konkret für die Bedürftigkeit anderer Menschen (und idealerweise dann auch noch für andere Notwendigkeiten, wie das Kloputzen) verantwortlich zu fühlen.

Und genau um so eine Kultur steht es nicht gut. Einen meiner Texte, in dem ich darüber nachdenke, warum Frauen immer noch den Großteil der Haus- und Fürsorgearbeit erledigen, kommentierte ein Mann einmal folgendermaßen: “Frauen ziehen also immer noch den Kürzeren. Sie müssen sich um Kinder, Alte und Haushalt kümmern (die Haustiere hat sie dabei noch vergessen). Wer sagt eigentlich, dass sie müssen? Wer zwingt sie dazu? Das Patriarchat, verkörpert durch den Herrn und Gebieter daheim?” (mehr hier)

Ganz offensichtlich hat er ein sehr eingeschränktes Verständnis von “müssen”: Er versteht es als äußeren Zwang. Und er beobachtet diesbezüglich eine geschlechtsspezifische Differenz, womit er meines Erachtens Recht hat: Viele Frauen empfinden häufig Notwendigkeiten, die ihnen Pflichten auferlegen, auch wenn kein äußerer Zwang existiert. Eine Mutter zum Beispiel “muss” sich ja nicht deshalb um ihr Kind kümmern, weil irgendein Dritter sie dazu zwingt oder sie ansonsten Sanktionen zu befürchten hat, sondern weil die innere Logik der Situation dies erforderlich macht.

Genau dies ist der Punkt, an dem wir weiterdenken könnten: Wie kann dieses „Müssen“, das eben nicht aus Zwang, sondern aus dem Sehen von Notwendigkeiten und der Übernahme von Verantwortung resultiert, gesellschaftlich verbreitet werden? Sodass wir sicher sein können, dass es immer genug Leute gibt, die das tun, was getan werden muss – und hoffentlich eben nicht nur Frauen?

Ein Grundeinkommen allein wird das nicht schaffen. Sicher, es wird Ressourcen freisetzen, es wird neue Kulturen entstehen lassen und ein neues Verhältnis zur Arbeit, aber eben nicht von heute auf morgen. Menschen, die auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, können aber nicht mal eben ein paar Jahre warten, bis sich möglicherweise unsere Kultur irgendwann mal verändert haben wird.

Es hilft nichts: Es gibt einfach viele Leute, die glauben, nur dann etwas tun zu „müssen“, wenn jemand sie dazu zwingt. Und sie stellen für das Projekt Grundeinkommen ein ernstes Problem dar. Das spricht aus meiner Sicht nicht gegen ein Grundeinkommen. Es ist aber ein Thema, das diskutiert werden muss, eine Herausforderung, die nicht unter den Teppich gekehrt werden darf.

Und deshalb ärgert es mich, wenn maßgebliche Vordenker des Grundeinkommens an dieser Stelle ein Dauer-Blackout pflegen. Auffällig oft kommen sie übrigens, statt über Fürsorgearbeit zu sprechen, in solchen Diskussionen auf die wissenschaftliche Lehrtätigkeit zu sprechen – wie auch Sascha Liebermann in dem oben erwähnten Video. Offenbar ist die freie Selbstentfaltung des Denkers alles, was sie sich unter „freiwilliger“ Arbeit vorstellen können. Vor vier Jahren war ich bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt, bei der einer der Mitdiskutanten – ein Uniprofessor, ich habe vergessen, wer – gefragt wurde, ob er denn nicht ein Beispiel wüsste für Menschen, die arbeiten, auch wenn sie es nicht wegen des Geldes müssten. Er dachte ziemlich lange nach und führte dann sich selbst als Beispiel an: Schließlich würde er öfter mal noch abends an der Uni bleiben und viel mehr lesen, als man in acht Stunden schaffen kann.

See the problem? Diesem Mann kam es noch nicht einmal in den Sinn, dass es ein viel offensichtlicheres und überzeugenderes Beispiel für Arbeit ohne Bezahlung gibt: die Hausfrauen (und heute zunehmend auch Hausmänner). Ihre Existenz allein beweist, dass die Grundthese des Grundeinkommens stimmt, wonach Menschen eben nicht in erster Linie wegen des Geldes arbeiten. Nur sind eben die meisten Grundeinkommens-Theoretiker bei diesem Thema auf hartnäckige Weise ignorant.

Das sind dann so Situationen, in denen ich finde, es wäre durchaus angemessen, mal einen Kübel Scheiße über den Redepulten auszuschütten. Damit man mal riechen und fühlen kann, worum es eigentlich geht.

(Eine gekürzte Fassung dieses Blogposts erschien auch in: Werner Rätz, Hardy Krampertz: Bedingungsloses Grundeinkommen – woher, wozu, wohin? AG Spak Bücher, 2011)


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87 Gedanken zu „Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Zum blinden Fleck des Grundeinkommens

  1. Ich arbeite ja selbst in einem Reinigungsbetrieb, und habe schon desöfteren erlebt, wie Mitarbeiterinnen sich für die Arbeit bei schlecht zahlenden oder gar schikanösen Kunden einsetzen, weil sie ohne diese Arbeit noch weniger Geld hätten.
    Auf der anderen Seite gibt es Auftraggeber, die sich selbst mit dem neuen verpflichtenden Mindestlohn am liebsten weigern würden, eben diesen zu zahlen.
    Die Einführung eines Grundeinkommens fände ich in so fern ganz positiv, da die Mitarbeiterinnen nicht mehr durch wirtschaftliche Zwänge dazu verurteilt wären, jede noch so niedrig bezahlte oder menschlich belastende Arbeit anzunehmen.
    Momentan haben wir zwar Schwierigkeiten in der Branche Arbeitskräfte zu finden, allerdings liegt das auch daran, dass man vom Putzen nicht mehr leben kann, wie es noch vor 20-25 Jahren war. Heute ist es eher der Regelfall, dass Mitarbeiterinnen noch Nebenjobs haben, und außerdem noch mit Wohngeld oder HartzIV aufstocken müssen. Auch das würde sich durch ein Grundeinkommen zum positiven ändern.
    Wie sich ein Grundeinkommen im Pflegebetrieb auswirken würde, kann ich jedoch nicht beurteilen.

  2. Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden? Nehmen wir an, das Grundeinkommen läge bei 1000 Euro pro Person. Das wären pro Monat also 82.000.000.000 Euro, pro Jahr ergo 984.000.000.000 Euro. Also fast eine Billion Euro Ausgaben pro Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 2,4 Billionen Euro.

    Wo also soll das Geld herkommen?

  3. Es gibt sicherlich eine Menge Arbeiten, die „dann eben einfach besser bezahlt werden müssen.“ – Und eine Menge, wo das, Du hast es skizziert, nicht funktioniert, sondern nur mit einer (erneuerten?) Kultur des sich „selbstverständlich verpflichtet fühlen“, möglichst ohne dauernden inneren Gegenrechnendruck. Nur: da sehe ich schlicht und einfach schwarz. Tolle Vorstellung, wird aber nie passieren. Naja, sagen wir mal innerhalb meiner Sciencefiction losen Zukunftsvorstellungsgrenzen.

    Bei der „Hausarbeit“ sehe ich es zum Teil aber anders. Da gibts ja das „althergebrachte“, nicht wirklich mehr überall vertretene Model, des Paares. Einer arbeitet, der/die (jaja, meist „die“) andere kümmert sich um das zu hause. Da müssen wir einfach vielleicht nur vom Modell „mein Geld Dein Geld“ mal endlich wegkommen.

    Meine Frau und ich, als mir naheliegendes Beispiel, wollen unser Leben so, wie wir es uns gestalten haben. Einer geht arbeiten, der andere bleibt zuhause und versorgt Heim, Kinder und Hund und betreibt nebenbei das Familie-Social-Backoffice inklusive Sicherheitsnetzpflege etc. – Und alle zusammen haben EIN Einkommen. Das es (bei uns) der Arbeitgeber meiner Frau auf unser Konto überweist ändert nichts am Umstand: es ist „unser“ Geld. Schliesslich ermögliche ich meiner Frau ja die Möglichkeit, arbeiten gehen zu können. *duckt sich leicht zwinkernd*.

    Ich bekomme also sehr wohl Geld. Nämlich das „volle Gehalt“ das der Arbeitgeber meiner Frau wegen überweist, und das nutzen wir zusammen(!) für unser Leben. Ich weiß allerdings leider, das dies nur wenige Paare so sehen. Verstehe aber auch nie deren Defintion von gemeinsamen gleichberechtigen Leben dann.

    Bei Alleinerziehenden könnte da ja ein erhöhtes Grundeinkommen den Ausgleich zum Umstand schaffen, das die oder der alleinerziehende sein Grundeinkommen nicht anfüttern kann.

    Gleichwohl sehe ich das an diesem Punkt auch auf sehr wackeligen Füssen.

  4. @Christian – Zu möglichen Finanzierungsmodellen gibt es inzwischen eine ganze Menge von Modellrechnungen und Vorschlägen. Musst du einfach mal nach googeln…

  5. Mmh. Blinder Fleck. Mag sein. Mir bleibt aber jetzt die Frage über, würde die Situation für solche Arbeiten „die gemacht werden müssen“ durch Einführung einen Grundeinkommens mal grundsätzlich besser oder schlechter als heute?

    Ich persönlich glaube, was den „Markt“ betrifft ist die Erwartung, dass „unangenehme“ Arbeiten, die gemacht werden müssen, am Markt teurer, also besser bezahlt werden würden und, da sie gemacht werden müssen, auch besser bezahlt werden müssten, plausibel. Ebenso kann es durchaus sein, dass „begehrte Arbeiten“ uU in der Marktbewertung sinken. Das finde ich tendentiell fair enough. Man muss eben sehen, dass der absolute Zwang von einem Einkommen leben können zu müssen durch die Einführung eines Grundeinkommens wegfällt. Das ist ja prinzipiell mal gut. Die Marktbewertung des Zuverdiensts durch Erwerb erfolgt dann frei von dieser – wenn man so will – „Verzerrung“, dass man heute eine Arbeit nicht annehmen kann, wenn man nicht zumindest „irgendwie“ mit dem Einkommen über die Runden kommen kann. Daher werden manche Arbeiten in ihrer Marktbewertung steigen, manche sinken, alle diese beträge kommen aber aufs Grundeinkommen drauf. So weit so gut, so lese ich das im Prinzip auch in diesen Eintrag hinein, wiederhole es aber um sicher zu sein, dass wir am selben Denkpunkt sind.

    Insofern ist dann die Frage „Wer macht diese Arbeiten, wenn wir keine billigen Erzieherinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen mehr haben?“ was den marktbewerteten Teil anbelangt geklärt. Die Erwartung ist, dass die Bewertung für diese Arbeiten „steigt“ – und dann haben wir sie wieder, nur besser bezahlt.

    Auch dass das „Modell „Bezahlen wir mehr“ nur für die Reichen funktioniert“ kann ich glaub ich so nicht ganz stehen lassen. Denn die Erwartung ist, dass die Verteilung des Gesamteinkommens ein grosses stückweit „gleicher“ wird. Also wiederum: dadurch kann sich die Möglichkeit, Fremdleistungen bezahlen zu können wohl nur verbessern.

    Verbleibt der interessante, für mich auch noch nicht gedachte Teil, dass gerade diese Arbeiten oft im „nicht marktbewerteten“ Sektor – „umsonst“ – erbracht werden. Wenn sich daran nichts ändert, dann haben wir vielleicht, nein wahrscheinlich, weiter eine Debatte offen, die ein Grundeinkommen nicht vollständig löst. Ein „blinder Fleck“? Jein. Denn wir haben mit dem Grundeinkommen eine massive Verbesserung gerade auch dafür reicht, oder? Von Zero auf Grundeinkommen! Auch kann ich mir schwer vorstellen, dass die Zahl derart arbeitender (Frauen) durch ein Grundeinkommen zunimmt. Wiederum: Wenn die Einkommensverteilung gleicher wird, wird auch die Freiheit sich „anders zu orientieren“ grösser.

    Wenn sich alle diese Punkte also tendentiell „positiv“ verändern, dann kann ich einen allenfalls verbleibenden Rest nicht mehr im Kontext „Skepsis gegenüber dem Grundeinkommen“ diskutieren, oder? Freilich, richtig bleibt, dass ein Grundeinkommen wahrscheinlich nicht das Ende aller politischen Verteilungsdebatten bringt. Lg!

  6. @Martin – ja, ich bin ja auch gar nicht skeptisch oder gegen ein Grundeinkommen. Aber ich denke nicht, dass wir das einfach so abwarten sollten, sondern bewusst drüber diskutieren im Zusammenhang mit Grundeinkommen. Immerhin sind wir momentan in einer Zeit, in der durch die Erwerbsarbeit der Frauen das „Vereinbarkeitsthema“ und damit eben auch die Fürsorgearbeit auf der politischen Agenda weit oben steht – jedenfalls als Thema. Durch ein Grundeinkommen fiele die BRisanz weg, weil Frauen (oder auch Männer) nicht mehr „gezwungen“ wären, Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit unter einen Hut zu kriegen. Sicher ist das erstmal gut. Aber nur, wenn wir es inhaltlich trotzdem weiter diskutieren und nicht denken, damit hätte sich das erledigt.

  7. @Antje – einverstanden. Man muss das aber schon ein stückweit so denken, dass die politische „Brisanz“ eines Themas folgerichtig abnimmt, wenn es durch eine politische Massnahme zu 50% gelöst wird. Soweit dadurch andere, dann tendentiell noch „brisantere“ Themen auf der Agenda nach oben rücken kann man damit aus politischer Gesamtsicht nur zufrieden sein… aber ich verstehe jetzt besser, dass es daher „politisch“ Sinn ergibt, zu versuchen, im Vorhinein mehr zu denken. (Bei der Umsetzung sind wir eh noch lang nicht…)

  8. Auch heute erfolgt doch ein Ausgleich über Unterhalt, Zugewinn und Versorgungsausgleich. Im Verhältnis zum Ehemann sind die Arbeiten genauso kostenlos wie seine Versorgungsleistung ihr gegenüber kostenlos ist.
    Das würde sich ja auch durch ein Grundeinkommen nicht ändern. Wenn viele Frauen durch verdienende Männer für soziale Arbeiten freigestellt werden, dann wird letztendlich auch über deren Arbeit das Grundeinkommen finanziert.

  9. diese debatte gehört meiner ansicht nach so oder so geführt, ob wir nun ein grundeinkommen erringen können oder nicht.
    die pflegebedürftigen menschen werden mehr und die, die pflegekompetenz (und am besten noch ein offenes herz) haben, nicht unbedingt. das ist auch ohne grundeinkommen so und etwas, das mir sorgen bereitet.
    vielleicht ist es für die jetzt schon pflegenden menschen so, dass sie es herzvoller tun, wenn sie nicht mehr um ausreichend gehalt bangen müssen. aber dass es mehr menschen geben wird, die fürsorgliche tätigkeiten übernehmen wollen, weil sie grundeinkommen haben, glaube ich nicht.
    bedürftige menschen und tiere brauchen die garantie auf zuwendung und versorgung zu jeder zeit. wird das nicht gesetzlich geregelt, müssen wir uns selbst regulieren und du hast es angesprochen, das geschieht nicht sofort und ist deswegen in diesem fall ein unbrauchbares instrument.
    ich sehe spontan nur die lösung der verpflichtung durch den staat. wieso nicht jeden mann, jede frau in die pflicht nehmen und sie nach einer schulung bedürftige menschen unterstützen lassen? unabhängig vom grundeinkommen. eine notwendige stundenanzahl pro monat je nach fürsorgebedarf und anzahl derer, die die arbeit leisten können. so könnte sichergestellt werden, dass auch immer jemand die vertretung übernimmt.
    die wirtschaft muss mitziehen und arbeitgeber freistellen, falls sie eine notvertretung machen. sie müsste arbeitszeiten anpassen. aber wenn es alle ab 18 betrifft, dann ist das umsetzbar.
    was zunächst fehlen wird, ist das offene herz, die zuwendung. in die pflicht genommene menschen sträuben sich gern. aber vielleicht könnte in der schulungszeit mit kursen das herz geweckt werden. vielleicht könnte man erreichen, dass die menschen berührbarer werden.
    wer sich verweigert, der kann nur mit den üblichen mitteln sanktioniert werden (sozialstunden/knast), das gefällt mir gar nicht.
    ich spinne hier einfach mal rum und meine idee hat sicher viele haken und ösen, die ich grad nicht sehen kann. aber ich will die hoffnung einfach nicht aufgeben, dass man den menschen vielleicht zwar erst in den hintern treten muss, aber letzlich in jedem doch der kern angelegt ist, fürsorglich im sinne eines gemeinwohls zu handeln.
    für mich ist das thema außerhalb von familien brisanter. wobei natürlich, wenn jeder soziale arbeit einbringen muss, die einsatzgebiete vielfältig sind.
    und ja, wir können nicht jeden prüfen in kompetenz und willen, darin, ob er oder sie nun gut zu anderen menschen ist (was ist gut?). wir können zum glück nicht alles kaputt regulieren und in diesem fall wäre es verdammt wichtig, wenn die bürokratielust sich im zaum hielte. die versorgung muss geregelt werden. alles andere muss mit vertrauen behandelt werden. durch ausprobieren, durch risiko. das wird alles nicht möglich sein, ohne dass menschen/tiere darunter leiden. so blauäugig bin ich nicht. aber es ist alles zu tun, dass nicht mehr leiden müssen, als nötig für einen wandel in den herzen und köpfen unserer gesellschaft.
    die menschen leiden ja auch jetzt schon, wenn man sich mal in heimen umschaut oder im eigenen familien-/bekanntenkreis.
    das grundeinkommen ist jedenfalls meiner meinung nach genau das, was wir brauchen. was den menschen auch die freiheit gibt, wieder mehr ihr herz zu bilden. was ihnen katalysator sein kann, auch für andere etwas zu tun, weil sie begreifen, dass sie damit auch etwas für sich tun.

  10. Tja, das Grundeinkommen wird die Frage der gerechten Verteilung der Hausarbeit nicht lösen. Diese Kämpfe blieben uns erhalten.

    Der blinde Fleck von dem die Rede ist, ist allerdings noch größer als gedacht. Es ist ja nicht so, dass nur die Ekelarbeit unbeliebt wäre. Es kommt ja auch vor, dass einem auch die Arbeit als solche gelegentlich nicht schmeckt. – was hab‘ ich Lust auf ein Sabbatical …
    Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die Planungssicherheit der Arbeit in Betreiben nur noch sehr eingeschränkt gegeben sein wird. Das klingt nur bei Leuten positiv, die Unternehmer für Ausbeuter halten, die die Erpressbarkeit der Angestellten durch den Zwang zur Einkommenserzielung schamlos ausnützen. Das ist aber bei sehr sehr vielen nicht so. Es gibt unzählige Betriebe in Deutschland, die mit wenigen Angestellten gerade so über die Runden kommen. Und einfach mal so den Lohn erhöhen, damit man die Leute halten kann, tja …

    Selbst wenn die Löhne für alle Kloputzer, Müllfahrer, Altenpfleger oder Unlustige so weit erhöht werden würden, dass diese einigermaßen bei der Stange bleiben, folgt sofort die Frage: Wer wird das bezahlen?
    Der Staat wird die Steuern noch weiter erhöhen müssen weil viele dieser Arbeitsstellen in öffentlicher Hand liegen. Die Betriebe werden versuchen diese Lohnkosten auf die Preise aufzuschlagen. Wenn dies nicht gelingt, wird es aus der Betriebssubstanz bezahlt, mit allen negativen Folgen.

    Dies ist nur eine Rückkopplungsschleife, die die ganze Rechnerei um die Finanzierbarkeit des BGE nicht berücksichtigt. Und das ist auch der Grund, warum das BGE als Idee einfach nicht zündet. Es gibt einfach zu viele blinden Flecke und manches ist so groß wie ein Scheunentor.

  11. „Das Modell „Bezahlen wir mehr“ funktioniert nur für die Reichen unter ihnen.“

    Liesse sich leicht lösen, wenn man das Grundeinkommen an den Grundbedarf koppelt, der eben auch den Pflegebedarf mit einbezieht und so eben die, die es betrifft, in die Lage versetzt werden, die Pflege einzukaufen.

  12. Im übrigen könnten sich die Pflegebedürftigen dann auch selbst entscheiden, ob sie sich lieber von Männern oder Frauen versorgen lassen und das Problem, dass die Arbeit an den Falschen kleben bleibt, wäre gelöst.

  13. Die Frage „Wer macht die unbeliebten Arbeiten?“ hat für mich gar nichts mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun, sondern stellt sich auch jetzt schon genauso. Und ich frage mich schon seit längerem, weshalb bei Gehältern und Löhnen nicht auch das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt. Wenn die Nachfrage z.B. nach Pflegekräften sehr hoch ist, aber das Angebot an Pflegekräften nicht ausreicht, dann müßten auf einem freien Markt die Löhne rasant in die Höhe schießen. Dass sie das nicht tun, ist für mich ein Zeichen, dass da etwas faul ist, auch schon ohne Grundeinkommen.
    Und ich glaube auch nicht, dass allein die Einführung eines solchen daran etwas ändern würde. Deshalb bin ich der Ansicht, dass eine grundlegende Reform des Gesundheits-, Sozial- und Bidlungswesens angebracht wäre. Aber vermutlich bekommen wir eher das Grundeinkommen, als dass sich Politker daran versuchen werden…

  14. Aus der eigenen Familiensicht hätte ich folgende 2 Thesen anzubieten:

    1) Es würden mehr (auch entsprechend qualifizierte) Menschen als heute gegen angemessene Bezahlung einer sozialen, putzenden, pflegenden, versorgenden Tätigkeit nachgehen, sobald es das BGE gäbe – a) aus einer intrinsischen Motivationslage heraus, b) weil sie dann dafür mehr Zeit verfügbar hätten und c) weil sich dann in jenen Berufen die Arbeitsbedingungen stetig verbessern würden.

    2) Es würden gleichzeitig mehr bislang nicht dazu qualifizierte Menschen aus anderen Berufen solche Tätigkeiten ausüben (was bisher unter ehrenamtlichen Engagement läuft), aus etwa den gleichen oben schon genannen Gründen.

    These 1 mache ich am Beispiel einer nahen Familienangehörigen fest, die gern unter anderen als den vorherrschenden Arbeitsbedingungen noch viele Jahre als Altenpflegerin gearbeitet hätte, zumindest Halbtags. Gerade solche fordernden Aufgaben im direkten Umgang mit bedürftigen Menschen lassen sich aber nicht in enge Zeitraster zwängen, effizienter gestalten und ökonomisieren, ohne dass die Arbeit für das Pflegepersonal und die Patienten zu einer Farce gerät. Meine These baut darauf, dass es viele entsprechend qualifizierte Frauen und Männer da draußen gibt, die gern diese Arbeiten zu anderen Bedigungen (wieder) aufnehmen würden. Außerdem mag es junge Menschen geben, die eine solche Berufsausbildung anstreben würden, wenn sie nicht um die schlechten Verdienstmöglichkeiten und die harten Arbeitsbedingungen schon im Vorfeld wüssten. (Irgendwo weiter oben schrieb ja jemand, man könne heute mit einem Putzjob seine Familie gar nicht mehr ernähren.)

    These 2 mache ich an mir selbst fest. Ich wünsche mir seit vielen Jahren fast wöchentlich mehr manuelle Tätigkeiten, um zur Abwechslung mal nicht auf dem Hintern am Schreibtisch zu sitzen und nur mit dem Kopf zu arbeiten. Gartenarbeit, Tierpflege, sogar Putzen – würd ich alles gern häufiger machen, vielleicht ein oder zwei Tage die Woche, auch unbezahlt. Wenn ein BGE mich absichern würde und ich weniger Zeit zum Geldverdienen aufbringen „müsste“ um meinen Lebensstandard zu erhalten, wäre ich sofort dabei (auch über das normale Maß an bürgerschaftlichem Engagement hinaus).

    Mir ist bewusst, dass das zwei Einzelfälle aus meinem persönlichen Umfeld sind. Aber womöglich gibt es da draußen viele ähnlich gelagerte Fälle?

  15. Das bedingungslose Grundeinkommen hat viele Haken. Es ist aber auch ein langer Weg bis dorthin. Jedes System hat seine Haken, die nach und nach beseitigt werden. Das in unserem kapitalistisch geprägten System nicht anders. Es gibt keine positive Verbesserung ohne was anderes ins Negative zu kehren. Wenn man an jeder Kleinigkeit herum macht, wird man nie voran kommen. Es wird Probleme bei der Einführung eines Grundeinkommens geben. Das lehrt uns jede größere Veränderung!

  16. Pingback: Unbezahlte Arbeit in der Familie « Alles Evolution

  17. Was mir nicht nur in diesem Text auffällt, ist das eklatante ökonomische Missverständnis in Bezug auf die Entlohnung der Hausarbeit.
    Ich reagiere darauf meist mit der etwas provokanten These: Es gibt keine gerechtere Entlohnung als die der Hausarbeit 😉

    Warum? Am besten versteht man das, wenn man sich überlegt, warum man überhaupt Lohn für Arbeit bekommt. Genau …, weil man tauscht. Was tauscht man? Geld gegen den NUTZEN aus meiner Arbeit. Wenn ich bei jemand anderen putze, dann bleibt der Nutzen dieser Arbeit (z.B. saubere Fenster) bei meinem Arbeitgeber. Putze ich bei mir zuhause, habe ich den Nutzen – das saubere Fenster – selbst. Das heißt, ich tausche nicht, weil ich das Resultat meiner Arbeit selbst habe – ich bin entlohnt. Hier entstehen höchstens Forderungen gegen Mitbewohner des Haushalts, wenn die Hausarbeit ungleich verteilt ist. Und dies muss immer verhandelt werden, egal in welchem Wirtschaftsregime man lebt. Dies bleibt eine Konstante, von der Subsistenzwirtschaft bis hin zum Grundeinkommnen.
    Also, das Arbeitsmotiv bei der Hausarbeit bleibt immer gleich: wir putzen, weil wir es sauber haben wollen, egal in welchem Regime wir leben.

    Etwas anders sieht es bei der Versorgungsarbeit aus. Hier kann man durchaus von einer Leistung sprechen, die auch der Allgemeinheit zugute kommt – vor allem bei der Kindererziehung. Hier kann man sich eine „Vergütung“ sehr wohl überlegen, sei dies in Form von Zahlungen, Steuervergünstigungen oder/und der Finanzierung des Bildungssystems …

  18. a) Ich bin Single. Muss arbeiten gehen und abends dann noch Wäsche waschen , Spülen, Putzen usw. Bekomme ich dann zu meinem Gehalt nach Ihren Vorstellungen einen „Grundeinkommens-Zuschlag.“
    Das wäre ja nicht gerecht, wenn nur Hausfrauen oder Hausmänner den bekommen und ich nicht.
    Oder anders: Bekommt eine Krankenschwester die einen Mann und ein Kind erzieht dann neben dem (zugegebener Maßen geringen) Lohn noch einen Männer und einen Kinderzuschlag ?

    b) Sodass wir sicher sein können, dass es immer genug Leute gibt, die das tun, was getan werden muss – und hoffentlich eben nicht nur Frauen?
    Viele Frauen müssten dann erst zu der Überzeugung kommen, das sie ihre machtvollen Positionen in Haushalt und Erziehung teilen. Ich hoffe das gelingt !

  19. @kamy:

    „Hier kann man durchaus von einer Leistung sprechen, die auch der Allgemeinheit zugute kommt – vor allem bei der Kindererziehung. Hier kann man sich eine „Vergütung“ sehr wohl überlegen, sei dies in Form von Zahlungen, Steuervergünstigungen oder/und der Finanzierung des Bildungssystems …“

    Finde ich trotzdem schwierig, weil schliesslich so ziemlich jeder Kinder bekommen möchte. Insofern ist die Sache ein Nullsummenspiel – Leute dazu bringen, dass sie selber auf Kinder verzichten und höhere Steuern zahlen, damit andere Leute Kinder bekommen, kann man schliesslich kaum. Leute, die zu wenig Einkommen haben, um Kinder zu finanzieren, noch heranziehen, um Leute, die Kinder finanzieren können, noch zu unterstützen, ist zynisch.

    Insofern brechen diese Überlegungen dann, wenn sie ein konkret an eine pflegende Person ausgezahltes Gehalt meinen, meistens auch herunter auf das Muttimonopol, das Ausspielen von sich „nicht kümmernden Vätern“ gegen „fürsorgliche Frauen“ und natürlich auf die Entpersonalisierung ( und Verlängerung ) des alten Betreuungsunterhalts – also auf Argumente, die mir als interessiertem Vater wo vorbeigehen.

  20. wenn wir nur system immanent denken bleibt die quadratur des kreises
    ein reibungslos funktionierender kapitalismus kann auch nicht mit bedingungslosem grundeinkommen erreicht werden
    aber eine mutter die für sich und kind ausreichend geld zum leben hat ist eben nicht mehr drauf angewiesen auch einen mann mitzuversorgen
    da muss er dann schon was beitragen an fürsorgetätigkeit
    auch wenn es vielleicht angestaubt klingt ich halte den satz
    das sein bestimmt das bewusstsein das bewusstsein bestimmt das sein
    immer noch für gültig und denke
    mit bge wird es genug kraft für fürsorgearbeit geben
    wer sagt überhaupt dass sämtliche fürsorgearbeit ungeliebt ist?
    das ist so benannt worden wegen der abwertenden finanzierung
    es wird sehr viel mehr auch männliche erzieher geben wenn es möglich ist in dem bereich zu arbeiten und trotzdem ausreichendes einkommen zu erhalten
    und ich möchte bitte nicht später von menschen versorgt werden die staatlicherseits dazu verdonnert wurden
    lieber von menschen die ausreichend einkommen haben und sogar zeit nach meinen bedürfnissen zu fragen

    zum anderen höre ich aus der diskussion immer raus
    mensch an sich will nicht arbeiten also muss er über hunger gezwungen werden
    ich habe das gegenteil erfahren in jahrelanger arbeit gerade mit arbeitslosen menschen die alle durch die bank glücklich waren wenn sie wieder arbeit hatten
    einen grund morgens aufzustehen
    das gefühl gebraucht zu werden
    warum lechze ich nach einem sabbatjahr?
    weil meine arbeit immer mehr verdichtet wird
    von immer weniger menschen geleistet werden muss
    hätte ich bessere arbeitsbedingungen und zeit noch dinge zu tun die ich mag die mir ausgleich bringen brauch ich kein sabbatjahr
    und wenn einer ein jahr um die welt segeln will – warum nicht?
    wird schon einer nachkommen der dann seine aufgaben übernimmt
    und wenn ich mir anschaue woher viele meiner aufgaben im sozialen dienst kommen – die würden rasant weniger mit bge

    und wenn ich mir noch den kopf der unternehmer zerbrechen will
    wenn ein unternehmer sich um seine mitarbeiter kümmert wird er keine not haben sie zu halten
    schwer wird es für die die nur leute aussaugen und dann wieder ausspucken
    aber um die ist es nicht schade

  21. @Michael
    „Ich bin Single. Muss arbeiten gehen und abends dann noch Wäsche waschen , Spülen, Putzen usw. Bekomme ich dann zu meinem Gehalt nach Ihren Vorstellungen einen „Grundeinkommens-Zuschlag.“

    Zumal damit ja auch einer der Vorteile des Grundeinkommens, nämlich der Wegfall der Bürokratie, verschwinden würde. Schließlich kann man ja nicht einfach jeder Frau mehr überweisen, vielleicht ist sie Karrierefrau und macht gar nichts für andere, wohingegen ein anderer Mann sehr viel machen mag.

    Zudem müsste man ja auch noch typische Männerarbeiten bewerten: Reparaturen im Haushalt, Rasenmähen, Reparaturen und Versorgung des PKW, seine Zeit, die er mit Kindern und Verwandten verbringt und was noch nicht alles.

  22. 1 Bio ist nichtmal 40% unseres BIP der Betrag ist lächerlich, wenn man ehrlich wäre. Da es durch das Grundeinkommen sogar steigen würde, aber das jetzt zu erklären dauert zu lang.

    Das Grundeinkommen ist eigentlich nur der erste Schritt, die Menschen aus unserem total parasitäten Modell der Erwerbsarbeit zu führen.

    Man muss sich einfach vor Augen führen, dass wir den Großteil (50 – 60%) der Menschen dafür bezahlen, dass sie der Gesellschaft schaden. Ihre Arbeit besteht nur, weil es überflüssige Gesetzte (z. B. Steuerrecht etc.), Subventionen, eine absolut kranke Fianzwirtschaft etc. gibt.

    Ich persönlich würde das Grundeinkommen über eine echte Finaztransaktionsteuer (http://www.apttax.com) finanzieren und evtl. über eine einheitliche Konsumsteuer von 25%. Das wäre ein riesen Befreiungsschlag für den Faktor Arbeit, da er erstmal überhaupt nicht zur Finanzierung benötigt würde. Also im Prinzip die größte Steuerentlastung für die echten Leistungsträger (Handwerker, Ingenieure, Ärtze, Pflegekräfte etc.) seit es Steuern und Sozialabgaben gibt.

    Außerdem wäre danach eien echte Dienstleistungsgesellschaft möglich, da der Durchscnittbürger über ganz andere Kaufkraft verfügt.

    Wer die ungeliebten Arbeiten machen würde, der der mehr will als das Grundeinkommen (Ich).

  23. Gibt es überhaupt objektiv unbeliebte Arbeit, oder ist die Bewertung, das diese oder jene Arbeit eine „Drecksarbeit“ ist, nicht eine rein subjektive Ansicht? Was ich blöd finde und selbst bei hohem „Schmerzensgeld“ nicht anpacken würde, ist für andere vielleicht nicht so unattraktiv wie wir selbst zu meinen glauben …

    Dieser Umstand ist Gegenstand der Subjektivistischen Wertlehre, die in diesem Interview auch in die Betrachtungen eines BGE eingeflossen ist:
    http://bgekoeln.ning.com/video/robert-bleilebens-analyse-des

  24. @Henrik. Gebe Dir völlig recht. Bestimmte Arbeiten „objektiv“ für „unbeliebt“ zu erklären, ergibt keinen grossen Sinn.

    (Götz Werner hat in einem Interview übrigens mal gesagt, dass er es „mag zu kassieren“ – da wird ein Augenzwinkerer der Doppeldeutigkeit dabei gewesen sein, aber ich glaube ihm, dass er wirklich auch gemeint hat, dass er der Arbeit an der Kassa immer noch was abgewinnen kann.)

    Allerdings ergibt sich eine Objektivierbarkeit in Form von sowas wie der Summe aller subjektiven Einstellungen zu bestimmten Arbeiten. Wenn nach Einführung eines Grundeinkommens die Entlohnung für einen Teil der Arbeiten ansteigt, dann wird man besser sagen können, welche Arbeiten diejenigen sind, die von einem grösseren Teil aller Menschen ungern gemacht werden. Diese sind insofern dann „objektiv unbeliebt“.

  25. @Martin – genau das war es, worauf ich mit dem Blogpost hinauswollte. Diese „Abwarten“ funktioniert eben nicht bei Arbeiten, auf die Menschen, die hilfsbedürftig sind, unbedingt angewiesen sind, und zwar jetzt und sofort. Nehmen wir an, die Entlohnungen für sie steigen, sie haben aber kein Geld, diese höheren Löhne zu bezahlten und es hat sich auch noch kein Staat darauf eingestellt? Ich finde die Diskussion eben etwas verkürzt, wenn wir nur an irgendeiner Geldschraube drehen und dann mal schauen, was passiert. Dass alle Menschen Geld zum Leben brauchen und es deshalb ein Grundeinkommen geben muss, ist das eine. Und ich bin da absolut dafür. Gleichzeitig ist aber auch wahr, dass das Leben auf dieser Welt Notwendigkeiten mit sich bringt, für die alle Menschen verantwortlich sind – unabhängig vom Einkommen. Diese Seite muss genauso diskutiert werden und kann sich nicht erst irgendwann ergeben. Daher bin ich auch skeptisch gegenüber dem Begriff „Bedingungsloses“ Grundeinkommen. Es ist nämlich an die Bedingung gebunden, dass das, was notwendig ist, getan wird. Daher sage ich lieber „Leistungsunabhängiges Grundeinkommen“: Weil das sich klar auf die Empfängerinnen und Empfänger bezieht. Sie müssen keine Leistung erbringen, um das Grundeinkommen zu kriegen, einfach weil jeder Mensch Geld zum Leben braucht, ob er was leistet oder nicht. Aber die Bedingung dafür, dass so eine Kultur existieren kann, ist, dass auf andere Weise garantiert ist (und zwar jederzeit und ohne Wenn und Aber und mit absoluter Sicherheit), dass auch alle notwendigen Arbeiten getan werden, selbst wenn es dafür dann kein Geld geben sollte. Nicht mit Zwang natürlich, aber irgendwie halt schon. Und darüber nachzudenken ist imho ein unverzichtbarer Bestandteil der ganzen Grundeinkommens-Debatte.

  26. @Antje – Ja, und hab es jetzt noch viel besser verstanden. Glaub ich zumindest. Es liegt im Ausgangspunkt aber ein kleines Missverständnis wie ich vermute. Denn ich habe nicht primär dafür plädiert wirklich real irgendwas „abzuwarten“, sondern lediglich ein Gedankenexperiment angestellt, mit dem ich gezeigt habe, wie man „objektive Unbeliebtheit“ als Begriff denken kann.

    Zur inhaltlichen Debatte: ich kann das natürlich nicht beantworten, man müsste versuchen, solche Dinge sozialwissenschaftlich aufzuarbeiten und/oder in Wirtschaftsmodellrechnungen auf Basis von veränderbaren Annahmen zumindest simulierbar zu machen. Mein „Bauchgefühl“ dazu ist ein optimistisches, dass sich das „ausgehen“ muss im Sinn einer positiven Veränderung. Das kommt wohl daher, dass ich davon ausgehe, dass die durchschnittliche Kaufkraft gerade für die lebensnotwendigsten Dinge durch ein Grundeinkommen so stark ansteigt, dass die Kluft zu den gleichzeitig in machen Bereichen ansteigenden Preisen trotzdem kleiner wird.

    Weiters denke ich, dass wenn wir in der Grundeinkommensdebatte wirklich in die Phase der konkreten Umsetzbarkeit/Einführung kommen sollten, dass eine Gesellschaft sich an das Thema herantasten wird müssen. Und da ist ja die wahrscheinlich ganz entscheidende Frage: wie hoch. Ich vermute stark, dass man schon aus reiner Vorsicht, durchs „Geldschraubendrehen“ nichts kaputtzumachen, beginnen würde, indem man mal das bestehende System an Sozialhilfe auf „Bedingungslosigkeit“ im Sinn einer Auszahlung für alle umstellt, an der Höhe aber noch gar nichts ändert. Auch wenn das von Vordenkern eines echt emanzipierenden Grundeinkommens so vielleicht nicht so gern gesehen werden wird.

  27. Die Skepsis der Autorin, scheinbar unterschwellig ausgelöst durch eine potentielles Schreckensszenario (zumal in einem Bereich, wo schon heute große Not bei Klienten und Pflegekräften herrscht), offenbart letztlich eine Angst, dass die Verrichtung bestimmter, gesellschaftlich notwendiger, Arbeit nicht mehr garantiert werden kann, weil der Staat, bedingt durch den Machtverlust seiner Sozialstaatsbürokratie und der Marktmechanismen, seine Bürger nicht mehr zu bestimmten Tätigkeiten (direkt oder indirekt) anhalten, heranziehen oder mit sanften Druck dahin leiten kann.

    Da bahnt sich eine Verunsicherung ihren Weg, ob man seinen Mitbürgern schon soviel zutrauen entgegenbringen kann, dass wir alle auch mit einem (individuell) bedingungslosen Grundeinkommen, eine kollektive Einsicht in gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten besitzen bzw. entwickeln können.

    Wie könnten also praktische Auswirkungen im Pflegebereich aussehen, wenn ein BGE Realität würde?

    – Angehörige, die heute schon oft eine Teil der Pflege übernehmen, hätten weitaus mehr Zeit sich hier zu engagieren (sie könnten sogar ihre Erwerbsarbeit zugunsten der Angehörigenpflege für eine unbestimmte Zeit unterbrechen).
    – Bessere Arbeitsbedingungen (da zahle ich eine angemessenere Bezahlung als heute einfach mal dazu), würde die Attraktivität der Pflegeberufe massiv steigern.
    – Besser qualifiziertes und motiviertes Personal steht zu Verfügung.
    – Die Pflegequalität und das Angebot an Pflegediensten nimmt zu (Service wird flächendeckender).
    – Auch die Verfügbarkeit von mobilen Pflegediensten auf dem flachen Land erhöht sich, weil wegen der geringeren Arbeitskosten Unternehmensgründungen leichter fallen (Stichwort Social Business).
    – Der Pflegebereich wird als Ausbildungsbereich attraktiver, Berufschancen werden besser (erst neulich musste ich wieder den Satz hören „Altenpfleger ist nur was für junge Leute, die nicht wissen, was sie sonst werden wollen …“).
    – Durch das Aufblühen des Non-Profit Bereiches stehen wesentlich mehr Ehrenamtliche für die Pflege und daran angrenzende „Dienstleistungen“ zu Verfügung (man denke nur an die Diskussion über das Freiwillige Soziale Jahr und die Zukunft des Zivildienstes …).
    – Und selbst wer keine Angehörigen (Partner, Kinder, etc.), keine Nachbarschaftshilfe, oder sonstige Freiwillige zur Verfügung hat und sich von seinem Grundeinkommen nicht die benötigte Pflege leisten kann, der kann seinen, über das BGE hinausreichenden, Bedarf beim Sozialstaat beantragen und wird diesen auch bekommen.

  28. Vielleicht geht es bei der Frage von Fürsorge- und Pflegearbeiten um Bildungsfragen, die eben nicht primäres Thema des „BGE“ sind.

    Neulich erzählte mir eine Freundin, die seit zwanzig Jahren in einer Grundschule arbeitet, von sogenannten „Anschlussklassen“. Da war eine ihrer Klassen, bei der eine externe Gruppe von Kindern aus einer Sonderschule (Taubheit, Down-Syndrom, verschiedene Behinderungen) zu ihrer Grundschule dazu kam. Sie meinte, die „normalen“ Kinder ihrer Klasse hätten sich in diesem Jahr wahnsinnig sozial entwickelt und viele hätten sich unaufgefordert um andere Kinder gekümmert, um ihnen zu helfen. Teilweise für sie als lehrerin sehr überraschend, wer das dann war. Dabei z.B. ein Junge, der im Vorjahr sich sehr unselbstständig verhalten habe („Muss ich jetzt meinen Stift aus dem Etui rausholen, Frau Lehrerin?“) und plötzlich sich um einen gehörlosen Jungen gekümmert habe, um ihm beim „Mitkommen“ zu helfen. Mehrfach, unaufgefordert. Die Kinder haben übrigens vorher in einem extra Kurs Gebärden/Zeichensprache gelernt. Und noch viele andere Geschichten … Die Grundschule hat sich dann darum beworben, dieses Jahr wieder eine solche Gruppe zu bekommen, bekamen aber keine mehr ab.

    Mit anderen Worten: vielleicht kommt es darauf an, was wir gerade auch in den 9-13 Jahren Pflichtschulbesuch (generell eine Frage/Thematik, die das BGE ja auch nicht „löst“) denn so als Ziele kennenlernen, und wie wir uns selbst, auch und gerade in Beziehung zu anderen, erleben. Jemandem helfen zu können und Dankbarkeit und Freude zu erleben, möchte ich jedenfalls nicht (nur) als „Leistung“ bzw. unter Lohn-Aspekten betrachten.

    Ganz allgemein denke ich, dass ein BGE oder „leistungsunabhängiges Grundeinkommen“ nicht das Ende der Politik bedeutet. Für mich ist es einfach nur ein Bestandteil der Utopie wie und in welcher Gesellschaft ich leben möchte.

  29. @Olga – genau! Politik bedeutet für mich auch, solche Erlebnisse wie das an der Schule zu durchdenken und zum reflektierten Bestandteil unserer Kultur zu machen.

    @Henrik – Ja, ich glaube auch, dass vieles sich genau so lösen würde, wie Sie es beschreiben, vor allem eben Punkt 1: „Angehörige, die heute schon oft eine Teil der Pflege übernehmen, hätten weitaus mehr Zeit sich hier zu engagieren“. Das war ja mein Einstieg, denn es liegt ja auf der Hand, dass deutlich mehr Frauen als Männer diese „Angehörigen“ stellen werden, deshalb ja die Skepsis vieler Feministinnen, die sagen, das Grundeinkommen würde klassische Geschlechterrollen, die derzeit im Bezug auf Erwerbs-/Vereinbarkeitsfragen endlich in der Diskussion sind, wieder verfestigen. Ich gehe zwar nicht soweit, deshalb das Grundeinkommen abzulehnen, weil ich finde, dass die Vorteile trotzdem überwiegen. Aber ich will eben gleichzeitig, dass wir diese „Gefahr“ (die Frauen pflegen, die Männer selbstverwirklichen sich) thematisieren und überlegen, wie wir da Abhilfe schaffen können. Dazu wäre imho notwendig, dass Männer sich im gleichen Maße wie Frauen verantwortliche fühlen für Sorgearbeiten. Das passiert aber nicht automatisch, sondern es ist dazu ein politisch-kulturelles Umdenken und Einüben erforderlich.

  30. @Antje „Dazu wäre imho notwendig, dass Männer sich im gleichen Maße wie Frauen verantwortlich fühlen für Sorgearbeiten.“

    Für mich ein Jein. Wir müssen nach bestem Wissen und Gewissen dafür sorgen, dass echte Wahlfreiheiten entstehen und diesbezüglich immer kritisch bleiben. Wenn solche Wahlfreiheiten aber mal weitgehendst gegeben sind, müssen wir individuelle Präferenzen bedingungslos akzeptieren, auch wenn sich statistische Muster mit Bezug auf Geschlechter, Nationen oder sonstwelche Kategorien zeigen. (Diese werden aber immer Anlass bleiben, mit Bezug auf die Wahlfreiheiten wie oben erwähnt kritisch zu bleiben – es gibt mE keine Dinge die „endgültig“ gelöst werden, auch nicht durch ein BGE)

  31. @Martin – Ich denke eben, dass es eine abstrakte „Freiheit“ in diesem Sinne nicht gibt, dass das einer der Irrtümer der männlichen Philosophie ist. Und dass es deshalb auch falsch ist, das Grundeinkommen mit dem Streben nach einer solchen „Freiheit“ zu begründen. Sondern dass es besser wäre, es mit der Bedürftigkeit der Menschen zu begründen (Niemand kann für sich selbst sorgen, wir sind alle immer von anderen abhängig, daher müssen wir auch alle füreinander sorgen, und das Grundeinkommen ist nur ein – eben der finanzielle – Ausdruck davon). Denn das, was du vorschlägst, heißt für mich übersetzt in die Realität: Diejenigen, die Verantwortung für andere (und die daraus resultierende Arbeit) übernehmen haben eben Pech gehabt im Vergleich zu denen, die immer noch meinen, sie hätten ein „Recht“ darauf, einfach zu machen was sie wollen, sollen die anderen doch sehen, wo sie bleiben. Das jetzt etwas überspitzt formuliert, natürlich. Aber worauf ich hinaus will: Diese Unterschiede in den „Präferenzen“ sind nicht einfach so da, sondern sie sind kulturell-historisch entstanden, es liegt ja nicht in den weiblichen Genen, dass Frauen sich mehr für Pflege, Putzen u. dgl. zuständig fühlen. Und die spezielle Geschichte, die wir im Bezug auf die Bewertung dieser Arbeiten haben (Privatsache, Unbeliebt, kein Teil der „offiziellen“ Wirtschaft) muss imho aktiv bearbeitet werden – gerade eben auch (aber natürlich nicht nur) in den Kreisen, die für Grundeinkommen eintreten.

  32. @Antje Hab ich so nicht gesagt bzw schon gar nicht sagen wollen. Was ich sage ist, dass ich nicht wage zu prohezeihen, wie sich Menschen entscheiden, wenn sie echte Wahlfreiheiten haben. Aber dass ich ihre Entscheidungen bedingungslos respektieren möchte, wenngleich sich dennoch beharrlich haltende Muster auch in so einer „idealeren“ Gesellschaft Anlass bleiben müssen über ebendiese Wahlfreiheiten nachzudenken. Wenn jemand mehr Verantwortung für etwas übernimmt, was auch immer das jetzt ist, dann hat er/sie eben nicht „Pech gehabt“, sofern man nach bestem Wissen und Gewissen zum Schluss kommen muss, dass er/sie die Freiheit hätte, sich anders zu entscheiden (etwa zB im konkreten Fall etwas anderes arbeiten zu gehen und jemand für Hausarbeit/Pflege zu bezahlen) und auch selbst keinerlei Zwang empfindet. Ebenso mit Bezug auf „Präferenzen“: natürlich sind diese kulturell/historisch entstanden. Und wir müssen daher daran arbeiten, dass Kinder von klein auf alle ihre Möglichkeiten wahrnehmen. Trotzdem kann ich erwachsen gewordene Individuen dann nicht verwehren, sich gemäss ihren individuell gefühlten Präferenzen zu entscheiden, auch wenn diese immer vor einem kulturell/historischen Hintergrund aufgebaut werden. Was ich tun kann, ist, an den Wahlfreiheiten zu arbeiten – und das meine ich nicht „abstrakt“, sondern Freiheit beginnt gerade auch im Kopf… und diese zu erlangen, dafür muss man auch als Gesellschaft etwas tun und das fängt für mich vor allem bei den Kindern an…

  33. @Antje

    „ […]denn es liegt ja auf der Hand, dass deutlich mehr Frauen als Männer diese „Angehörigen“ stellen werden, […] Aber ich will eben gleichzeitig, dass wir diese „Gefahr“ (die Frauen pflegen, die Männer selbstverwirklichen sich) thematisieren und überlegen, wie wir da Abhilfe schaffen können. Dazu wäre imho notwendig, dass Männer sich im gleichen Maße wie Frauen verantwortliche fühlen für Sorgearbeiten. Das passiert aber nicht automatisch, sondern es ist dazu ein politisch-kulturelles Umdenken und Einüben erforderlich.“

    Mit einem BGE wird sich die Basis für viele der heutigen Partnerschaften grundlegend verändern (Daniel Häni verweist z.B. auf plötzlich steigende Scheidungsraten ;->). Es gibt für beide Partner (gleich welchen Geschlechts) keine Ausrede mehr, zu Hause zu bleiben oder einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Eine Rollenverteilung wie heute (ErnährerIn, Hausfrau/-man) macht dann keinen Sinn mehr, also wird sich jeder Gedanken über seine neue Rolle, die er/sie künftig in seiner/ihrer Partnerschaft spielen will, machen müssen.

    Dabei anzunehmen, dass das Ergebnis einer solchen Findungsphase im Ergebnis unserem heutigen Rollenverständnis entsprechen würde, halte ich für eine Spekulation, der ein inneres Misstrauen gegenüber einem Kerngedanken des BGE zugrunde liegt: ernst machen mit dem Individuum! Wie immer wir uns dann als einzelner Mensch entscheiden werden, unsere Wahl braucht dann keine geschlechtsspezifischen Begründung bzw. Ausrede mehr.

    „Diejenigen, die Verantwortung für andere (und die daraus resultierende Arbeit) übernehmen haben eben Pech gehabt im Vergleich zu denen, die immer noch meinen, sie hätten ein „Recht“ darauf, einfach zu machen was sie wollen, sollen die anderen doch sehen, wo sie bleiben.“

    Wir können doch niemanden (ob mit ohne BGE) zwingen, Verantwortung für andere zu übernehmen – das ist ein ganz persönlicher Lernprozess, der aber auf Einsicht fußen muss, ansonsten bräuchten wir Erziehungsmaßnahmen, um unsere Mitmenschen auf ein Leben mit Grundeinkommen vorzubereiten. Darauf beruht doch auch der große Irrtum unseres Bildungssystems, dass wir immer noch glauben, Menschen durch Belehrungen (und manchmal auch – unbeabsichtigt – Beschämung) zu besseren Menschen erziehen zu wollen.

    Möchten Sie denn von einem Menschen gepflegt werden, der „umerzogen“ worden ist („Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser …“), oder von einem Mitmenschen, der aus innerer Einsicht heraus für diese Aufgabe motiviert ist …?

  34. Gerade kam mir die Idee, dass die Schwierigkeiten, uns über das Thema zu verständigen, auch damit zu tun haben, dass wir in der deutschen Sprache nur ein Wort für “müssen” haben. Denn “müssen” und “müssen” und “müssen” sind völlig verschiedene Dinge. So gibt es das “müssen” im Sinne eines dringenden persönlichen Bedürfnisses (Ich muss aufs Klo). Dann gibt es das “müssen” im Sinne eines äußeren Zwanges (Ich muss heute bis zehn im Büro bleiben, weil mein Chef das so angeordnet hat). Und dann gibt es das “müssen” im Sinne einer Notwendigkeit (Ich muss die Wäsche waschen – sonst hab ich morgen nichts zum Anziehen). Im Italienischen etwa gibt es dafür drei verschiedene Wörter: Ho bisogno (für müssen 1), devo (für müssen 2) und ocorre (für müssen 3). Das Grundeinkommen würde nur das „müssen 2“ im Bezug auf Arbeit abschaffen. Viele Grundeinkommens-Befürworter verweisen dann nur darauf, dass das die Freiheit schafft, sich ganz auf „müssen 1“ zu konzentrieren. Und ich finde, wir sollten uns in der kulturellen Debatte auch ein bisschen mehr mit „müssen 3“ beschäftigen 🙂

  35. Ich mag die Debatte sehr.

    MÜSSEN 1 „Ich muss aufs Klo“ lässt sich mE übersetzen in „Ich WILL aufs Klo“. Niemand zwingt mich dorthin, ich tue es aus ureigenstem Interesse.

    MÜSSEN 3 „Ich muss die Wäsche waschen“ lässt sich ebenso übersetzen in „Ich WILL die Wäsche waschen“? Grundsätzlich mal ja. Niemand zwingt mich. Sondern ich weiss, dass ich es will, denn sonst hab ich morgen nichts anzuziehen. Dazu aber weiter unten etwas mehr.

    Bei MÜSSEN 2 ist der äussere Zwang doch evidenter, auch wenn man auch hier sagen kann, dass ich es tue weil ich selbst es will. Auch der Chef kann mich in Wahrheit nicht physisch zwingen, bis 10 im Büro zu bleiben. Sondern ich tue es eben, weil ich intrinsisch und/oder extrinsisch motiviert bin es zu tun. Was das BGE hier ändern würde, wäre aber, dass der existenzbedrohliche Teil dieser Motivation wegfällt und damit jenes Element das man als echten äusseren Zwang sehen muss. Mit einem BGE könnte man daher auch MÜSSEN 2 übersetzen in „Ich WILL bis 10 bleiben“ (etwa weil ich diesen Job so mag und es eben dafür notwendig ist)

    Aber doch zurück zum MÜSSEN 3: Auch hier gibt es in Wahrheit einen äusseren Zwang der dem Zwang von MÜSSEN 2 sehr ähnlich ist. Nämlich denjenigen es in einer Partnerschaft oder Elternrolle nicht nur für sich selbst zu machen, sondern für den Partner, die Kinder und dabei wiederum intrinsisch und/oder extrinsisch motiviert zu sein, wobei eben auch diese Motivation einen existenzbedrohlich wirkenden Anteil haben kann (bewusst oder unbewusst). So, und wie Henrik schreibt: Das BGE verändert die Basis für viele der heutigen Partnerschaften grundlegend. Wie bei MÜSSEN 2 entfernt es den existenzbedrohlichen Teil dieser Motivation und damit jenes Element das man als echten äusseren Zwang sehen muss. Mit einem BGE könnte man daher auch MÜSSEN 3 übersetzen in „Ich WILL die Wäsche waschen“ (denn ich bin mit der Aufteilung der Arbeit in meiner Partnerschaft und Familie so wie ich es mir freiwillig eingerichtet habe sehr zufrieden und mache es daher weil ich es so für richtig halte).

  36. BGE – vom MÜSSEN zum WOLLEN …?

    Götz Werner berichtet in seinem Vortrag auf der re:publica 2010 von einer Adventsvorlesung mit Kindern.

    Diese hatten auf die Frage „Was ist denn eigentlich Arbeit?“ geantwortet: „Arbeit ist, wofür man Geld bekommt“. Auf Nachfrage von Götz Werner, ob denn die Hausaufgabenbetreuung der Mutter oder das Vorlesen der Oma nicht auch Arbeitet sei, entfachte sich eine lebhafte Diskussion zwischen Götz Werner und den Kindern. Im Laufe des Gesprächs fällt einem schließlich Mädchen ein, dass ihre Mutter zwar für sie und ihre Geschwister sorgt, aber ihr die Hausarbeit nicht immer Spaß mache. Aber warum macht sie diese Arbeit dann trotzdem – ein Junge wirft spontan ein: „Die Mama macht das, weil sie uns lieb hat.“

    Hier haben wir also den Fall einer Tätigkeit, die zwar der ausübenden Person selten Spaß macht, aber von ihr trotzdem geleistet wird, weil sie offensichtlich einen Sinn in ihrer Arbeit sieht.

    Natürlich sollte Arbeit auch „Spaß“ machen, wobei dieser Begriff im letzten Jahrzehnt ziemlich korrumpiert worden ist: hier ist nicht der anstrengungslose Spaß gemeint, den man bekommt, wenn man z.B. beim Skifahren mühelos den pulverbeschneiten Hang hinuntergleitet. Manche bevorzugen wohl deshalb den Ausdruck der „Freude“, die sie währende einer Schaffensphase beim Erreichen des „Flow“ empfinden (was sagen die Italiener dazu … ;->).

  37. @Henrik – das Beispiel mit den Müttern ist gut, zeigt aber auch, worauf ich hinaus will. Denn 1. machen die Mütter auch jetzt schon ohne Grundeinkommen – d.h. diese „mütterliche“ Art zu arbeiten ist nicht abhängig davon, es gibt Leute, die so arbeiten mit und ohne Grundeinkommen, und es gibt Leute, die nicht so arbeiten, mit und ohne Grundeinkommen. Deshalb wende ich mich gegen die Vorstellung, dass eine Veränderung in unserem Verständnis von Arbeit mit einem Grundeinkommen quasi automatisch eintreten wird.

    @Martin – Ja, genau da haben wir unterschiedliche Vorstellungen von „Freiheit“. Ich „muss“ aufs Klo ist überhaupt nicht dasselbe wie ich „will“ aufs Klo. Ich kann nicht anders, es ist unverhandelbar (ich muss oft aufs Klo, obwohl ich gar nicht will). Das ist eben unsere Körperlichkeit. Bei müssen 2 (Zwang) ist es wie du sagst, eine Frage des „Preises“. Wie viele Widrigkeiten bin ich bereit, in Kauf zu nehmen, um mich dem „müssen“ zu verweigern? Der Unterschied ist: Hier habe ich diese Möglickeit prinzipiell (anders als bei müssen1), wenn ich bereit bin, die Nachteile in Kauf zu nehmen. Bei „müssen 3“ ist es wiederum anders. Hier zwingt mich nichts und niemand unmittelbar, ich habe sehr wohl die Möglichkeit, die Notwendigkeit zu ignorieren, oder auf andere abzuwälzen, oder meine Bedürfnisse zu reduzieren oder was auch immer. Deshalb ist „müssen3“ das schwierigste. Simone Weil war der Meinung, Ethik besteht darin, das „müssen1“ (das, was mir ein unverhandelbares Bedürfnis ist) und das „müssen 3“ (das, was notwendig ist) in Übereinstimmung zu bringen.

  38. @Antje:
    „Diese Unterschiede in den „Präferenzen“ sind nicht einfach so da, sondern sie sind kulturell-historisch entstanden, es liegt ja nicht in den weiblichen Genen, dass Frauen sich mehr für Pflege, Putzen u. dgl. zuständig fühlen. “

    Da sind aber einige Biologen ganz andere Ansicht – und wenn man mal erlebt hat ( wie ich bei drei Kindern ) wie kurz vor einer Niederkunft ( hübsches Wort, finde ich ), Frauen mehr oder weniger wie getrieben anfangen, irgendwelche Gegenstände im Haushalt zu putzen und weiss, dass ähnliches Verhalten bei vielen Säugetieren weit verbreitet ist, muss man wohl oder übel durchaus annehmen, dass es da eine nicht nur kulturelle Disposition gibt.

    Ausserdem, mal so ganz nebenbei – Frauen verbringen meines Erachtens ungefähr viermal soviel Zeit IM Haushalt wie Männer, keineswegs nur mit Haushaltsarbeiten beschäftigt. Es ist also ihr ureigenstes Interesse, den Ort, an dem sie sich selber am häufigsten aufhalten, sauber zu halten, abgesehen davon, dass sie dort ja auch dank der zeitlichen Verteilung den meisten Dreck verursachen.

    Frauen, die selten zu Hause sind, putzen auch nicht häufiger als Männer, glaube ich.

    @Henrik:
    „Dabei anzunehmen, dass das Ergebnis einer solchen Findungsphase im Ergebnis unserem heutigen Rollenverständnis entsprechen würde, halte ich für eine Spekulation, der ein inneres Misstrauen gegenüber einem Kerngedanken des BGE zugrunde liegt: ernst machen mit dem Individuum! Wie immer wir uns dann als einzelner Mensch entscheiden werden, unsere Wahl braucht dann keine geschlechtsspezifischen Begründung bzw. Ausrede mehr.“

    Ich seh‘ aber auch keinen Grund, das nicht anzunehmen – soweit sind wir ja schliesslich in „modernen“ Partnerschaften, bei denen eigentlich jeder alles macht ( Geld erwerben, Haushalt, Kinder betreuen ) ja gar nicht von dem Zustand entfernt, den das Grundeinkommen schaffen würde. Wobei allerdings ich zustimmen muss, dass ich persönlich den ständigen Abstimmungsbedarf ziemlich nervig finde, vor allem, wenn man zusammenwohnt – eine klare Arbeitsteilung, wo einem nicht ständig der andere reinquatscht, ist auch was angenehmes …

  39. Übrigens frage ich mich auch gerade, über wieviel Zeit wird da eigentlich geredet.

    Für meinen momentanen 1-Personen-Haushalt veranschlage ich ungefähr eine halbe Stunde täglich.

    Sind meine Kids gerade da, versorge ich einen 4-Personen-Haushalt – lässt sich gut mit täglich vielleicht 2 Stunden Arbeit bewältigen, wenn man etwas organisiert ist.

    Mit anderen Worten – es ist eigentlich so und so nicht viel ….

  40. @Antje Schrupp:

    Und noch eine kleine Frage – würdest Du denn, wenn der/die Versorgende von Kindern ein staatlich finanziertes Einkommen für die Versorgung bekommt, auch dafür plädieren, dass der Versorgende gegenüber seinen Kindern barunterhaltspflichtig wird?

    Das wäre nämlich die logische Konsequenz – momentan bekommt ja die „Versorgende“ ihre Bezahlung dadurch, dass sie vom Barunterhalt für die gemeinsamen Kinder befreit ist. Was ich persönlich ziemlich lächerlich finde, angesichts der Tatsache, dass man für den Kindesunterhalt täglich ein paar Stunden arbeiten muss, die Haushalt-/Kindersversorgung dagegen heutzutage in kürzester Zeit erledigt werden kann oder sowieso delegiert ist ( an Ganztagsschulen, Horte etc. ) ….

  41. die Haushalt-/Kindersversorgung dagegen heutzutage in kürzester Zeit erledigt werden kann

    Wenn Du da so viel fixer bist als andere, solltest Du Dich mit einer haushaltsnahen Dienstleistung selbstständig machen 😀

  42. @Antje, möglicherweise haben wir unterschiedliche Vorstellungen, möglicherweise aber nur noch nicht genug kommuniziert. Hast Du Deine Vorstellung von Freiheit in Gegenüberstellung zum von Dir vermuteten Irrtum männlicher Philosophie schonmal woanders dargelegt, wo man sie genauer nachlesen kann? Nicht zuletzt steht ja da oben „Aus Liebe zur Freiheit“… würde mich interessieren! Danke.

  43. Habe jetzt nicht alle Kommentare gelesen, weiß deshalb nicht, ob dieses Lösung schon genannt wurde: Bedingungsloses Grundeinkommen: Ja! Zur Frage, wer macht die unbeliebten Arbeiten: Diese werden einfach so hoch entlohnt, dass sich Leute finden, die das machen. Kanalarbeit? Spitzenverdienst!

  44. @Antje jetzt probier ichs doch nochmal… nur zur sicherheit: mein comment war 100% ernst gemeint, ohne jeden unterton. ich weiss schon: bücher und so. aber vielleicht gibt es einen link zu einem alten blogeintrag? danke.

  45. @Martin – Oh shit, ich hatte meine Antwort versehentlich unter einen anderen Blogeintrag gepostet. So was Dummes… Hier ist, was ich schrieb: Das ist ein Thema, das sich durch eigentlich alles, was ich mache, hindurchzieht. Auf die Schnelle zwei Lesetipps: „Über das Müssen“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2008/08/uber-das-mussen/ und ein Vortrag über Liebe und Freiheit – http://www.antjeschrupp.de/freiheit_baucht_liebe.htm . Ein Buch dazu gibt es außerdem noch hier: http://www.antjeschrupp.de/bezogenheit.htm (mein Artikel darin ist online). Grundsätzlich eben der Gedanke: Freiheit mit Autonomie gleichzusetzen ist quatsch, weil die grundlegende conditio humana darin besteht, dass Menschen eben abhängig / bedürftig sind und also niemals autonom. Freiheit entsteht, wenn man diese Bedürfigkeit / Abhängigkeit ins Zentrum der Philosophie stellt, nicht, wenn man sie abspaltet, delegiert (an Frauen) oder verdrängt. Ein schönes Video über Bedürftigkeit von Michaela Moser hier http://www.youtube.com/watch?v=1FEmNywvTfo und eines über Abhängigkeit von Caroline Krüger hier http://www.youtube.com/watch?v=fYNgSsj5kkU&feature=sub – ….

  46. Pingback: “Wer macht die unbeliebten Arbeiten?” – Das Notwendige und die Freiheit « Freiheit statt Vollbeschäftigung : Mitteilungen

  47. @ kami / # 10

    Ich kann hier nur von mir reden:
    Es gibt einen Familienbetrieb, in dem ich ein Praktikum machte
    Danach wurde ich des öfteren gefragt, ob ich ihnen aushelfen könnte
    Ich tat es immer wieder gern
    … und hatte auch jedes Mal ein schlechtes Gewissen

    Denn dieser Betrieb ist seit Ewigkeiten in den Miesen
    Der Inhaber kann noch nicht mal regelmäßig seine bei ihm angestellte Frau bezahlen
    Geschweige denn oft benötigte Hilfskräfte
    Dennoch bekam ich jedesmal ein paar Taler für meine Arbeit

    Zugegeben, es gibt vermutlich nicht soo viele Menschen, die wie ich ticken
    Doch würde ich – sollte ich durch ein Grundeinkommen abgesichert sein –
    gratis für die beiden arbeiten
    Denn ich arbeite sehr gerne mit ihnen und für sie (was ich dort schon an Wissen gewonnen habe, unbeschreiblich!)
    (Da auch sie mit dem bGE abgesichert wären, könnten sie mit den Einnahmen ihre
    Ausstände endlich begleichen – und könnten endlich in Rente gehen; das Alter haben sie schon längst erreicht)

    Und meine „faule“ Seite kann ich so auch gut ausleben
    Denn sobald die Auftragslage wieder entspannter ist, werde ich (meine Arbeit) eh nicht gebraucht
    … und ich kann mich wieder anderen Dingen zuwenden

  48. Nun, es gibt viele Länder da gibt es nichts. Keine Sozialhilfe, keine Krankenkasse, keine Versicherungen, kein ALG2. Jedenfalls nicht für die Masse.

    Insofern geht es uns hier sehr gut.

    Doch es sind hier nun schon deutlich die Spuren der hässlichen Seite des Kapitalismus zu sehen und der Abgrund erscheint greifbarer. Die Angst nimmt zu.

    Unvorstellbare Verschuldung des Staates, knapper werdende Ressource Arbeit, Gewinnmaximierung der Kapitalmärkte auf Kosten der Umwelt, Gesundheit und Zukunft für die folgenden Generationen, auf Kosten anderer Länder und Kontinente.

    Inhaltliche Diskussionen werden meist auf manipulibare Zahlen und Fakten in der Meinungsmache der Politik saisongerecht reduziert.

    Wir müssen uns als Gesellschaft und somit als Einzelner schon fragen, wo wir hin wollen.

    Ein Experiment ist es sowieso, ein Gelingen kann man nicht garantieren. Was für eine Garantie soll das auch sein?

    Wir können uns nur dem Prozess der Evolution zuwenden und anfangen menschenwürdige Entscheidungen einzufordern und selber mitzugestalten.

    Dieser Glaube, dass die Menschen mit mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten wie zum Beispiel des BGE zum Beispiel keine Lust mehr hätten, anstrengende Pflegearbeiten vorzunehmen und damit die Gesellschaft in ihrer Loyalität gefährdet wäre, bzw. Menschen in Pflegeheimen zum Beispiel sterben würden, ist für mich zum einen eine Farce angesichts der um sich greifenden Zustände in den relevanten Pflegeberufen. Und zum anderen eine Aussage/Glaube über die allgemeine Grundhaltung der Menschen in unserer Gesellschaft. Das sagt ja in erster Linie etwas über die eigene Einstellung(Ängste/Misstrauen aus.

    Ein Glaube in die andere Richtung ist genauso möglich und argumentativ begründbar, wie ja auch schon oben geschehen.

    Die Wahrheit ist, wir wissen es nicht, wohin es geht.

    Die Argumente für das BGE liegen für mich schon in Freiheit und Menschenwürde, in Freiwilligkeit und Kreativität, in einer möglichen Verantwortung zunächst für sich und sein Leben zu leben, denn nur dann, nur dann kann eine gesunde Verantwortung für andere daraus entstehen.

    Das BGE ordnet die Verhältnisse neu. Demokratie bekommt auf einmal einen Geschmack. Denn jeder erhält als Bürger des deutschen Staates (hier ist vielleicht ein großes Problem), ein Grundeinkommen von dem er leben kann und die die Teilhabe an der Gesellschaft gewährleistet. Somit ein Leben in Würde ohne entwürdigende Maßnahmen, weil ich arbeitslos, alt, alleinerziehend, dumm, behindert oder kein Bock zu arbeiten habe. Auch das gehört zu einer Gesellschaft. Und vielleicht leistet jemand, der keine Lust zu arbeiten hat, auf eine Art einen großen Beitrag zur Gesellschaft. Vielleicht erfindet er eines Tages etwas. Oder wie die Mönche, betet er für uns. Wir haben sehr viel unserer Innerlichkeit verloren und unheimliche Angst, einfach mal stehenzubleiben. Vielleicht würde das allen mal gut tun? Wer weiß das schon so genau.

    Man muss bereit sein für ein lebendiges Chaos und Vertrauen auf ordnende Strukturen die sich daraus bilden. So ist ja auch das Leben.

    Wollte mich eigentlich nur für den Prozess zum BGE bekennen und finde ihn spannend und neu und erfinderisch.

    Manchmal ist es mir zu intellektuell. Aber na ja. Muss ich halt mal was nachlesen.

  49. Dazu fällt mir nur ein, was mir gestern abend klar wurde: http://likewelikeit.tumblr.com/post/1217959366/this-i-don-t-like, kurzgefasst: die Leute die das Geld erfunden hab waren eben nicht dir Arbeiter und haben daher ihre Fähigkeiten höhere also besser bezahlt gewertet und das ist bis heute so.
    Niemand muss gezwungen werden einen Job zu machen, jeder Job wird von vielen gern gemacht und bei allen „schlechten“ Jobs liegt das schlecht nur daran, dass die Bezhalung und die Arbeitsbedingungen schlecht sind. Und genau das kann geändert werden wenn für das Einkommen gesorgt ist, wenn man seine Meinung sagen kann ohne Angst zu haben danach von Hartz IV leben zu müssen.
    Ein Beispiel dafür das jeder Job von irgendwem gern gemacht wird, im Winter hab ich im Gastrogewerbe gearbeitet und einmal die Woche wurde alles gereinigt. Und es gab Leute, die gern die klos geputzt haben und genauso gab es Leute die gern den Müll sortiert haben, ich zum Beispiel. Jeder findet irgendwelche arbeiten besser oder schlechter und bei der Menge an Menschen findet sich für alle Jobs jemand, erst recht bei besserer Bezahlung und Arbeitszeit. Und gerade bei den sozialen Jobs machen die Leute das ja aus Überzeugung und ihrer sozialen Ader heraus, die würden sich nich nach Einführung des BGE denken, ach, jetz such ich mir mal nen tollen Bürojob oder leg mich an den Strand.
    Also, nicht so viel negativ denken über die Freiheit, lasst die Menschen einfach mal frei sein!

  50. @ Nr 18, kamy
    Was mir immer Unbehagen bereitet sind verkürzte oder verkürzende Sichtweisen:
    Eine verkürzte:
    „…wir putzen, weil wir es sauber haben wollen, egal in welchem Regime wir leben.
    Etwas anders sieht es bei der Versorgungsarbeit aus. Hier kann man durchaus von einer Leistung sprechen, die auch der Allgemeinheit zugute kommt…“
    Und warum wollen wir es sauber haben? Weil wir gesund bleiben wollen! Ist das keine Versorgungsarbeit – und in sofern keine Leistung? Egal ob ich sie für mich oder andere tue, sie kommt der Allgemeinheit zugute!
    Eine verkürzende @ Antje Schrupp, Nr. 32:
    „Denn das, was du vorschlägst, heißt für mich übersetzt in die Realität: Diejenigen, die Verantwortung für andere (und die daraus resultierende Arbeit) übernehmen haben eben Pech gehabt im Vergleich zu denen, die immer noch meinen, sie hätten ein „Recht“ darauf, einfach zu machen was sie wollen, sollen die anderen doch sehen, wo sie bleiben.“
    An die Debatte um das Grundeinkommen die Aufgabenverteilung der Geschlechter (oder anderes) zu knüpfen, ist nicht sachgerecht. Und der Satz: „Das jetzt etwas überspitzt formuliert…“ stimmt wahrscheinlich nicht, sondern wirkt wie ein Beschwichtigungsversuch, der eine Menge Frust vermuten lässt.
    Wenn wir endlich dieses kleinliche Gegeneinander-Aufrechnen nach dem Motto: „Wenn ich nicht krieg, was du schon hast, will ich garnix“, lassen könnten…
    Man merkt allenthalben, wer gegen-Grundeinkommen denkt, oder mit dem Grundeinkommen sämtliche sonstigen Stolpersteine des Lebens beseitigt sehen möchte, verbleibt in den geistig eingeübten Strukturen – oder umgekehrt.
    Das Denken eines bGE eröffnet doch erst einmal die Möglichkeit, tiefer zu schauen.

  51. was ich vergaß:
    @ Margarete, Nr. 50
    deinen Beitrag würde ich unterschreiben, danke dafür

  52. Pingback: Bedingungloses Grundeinkommen oder: wider den Arbeitszwang für höheres Kapitalvermögen « Meuterei

  53. Tatsächlich ist das Problem des Arbeitsplatzmangels mehr ein soziografisches als ein demografisches. Immer mehr Frauen drängen auf den Arbeitsmarkt. In den 1950er Jahren herrschte die Versorgungsehe vor, der Anteil unterstützter Personen, die von denen bezahlt wurden, die Erwerbsarbeit leisteten, mag ungefähr so hoch gewesen sein wie heute, nur waren es überwiegend keine Rentner, Alten, sondern Ehefrauen und vor allem Kinder, von denen es viel mehr gab. Ich bin ein männliches Kind dieser Generation und begleitete in den letzten sieben Jahren meinen Vater bei seinem langsamen Sterben: Arschputzen, ihn windeln, Haushalt machen. Meines Erachtens ist mit der feministischen Emanzipation etwas grundlegend falsch gelaufen. Die fraulichen Arbeiten wurden entwertet, nicht aufgewertet. Frauen wie diese Emma gingen von dem Unwert der Frau aus und diskrimnierten sie auf ihre Weise. Feminismus ist eh Blödsinn, weil Frauen eine so heterogene Gruppe sind, dass mensch unmöglich frauliche Interessen vertreten kann: die Bankiersgattin, Managerin, Journalistin haben andere Bedürfnisse als die Supermarkkassierein in der Spätschicht, die malochen gehen muss, um Kinder durchzufüttern, HartzIV aufstockt und mit den Nerven am Ende ist. Der Femminismus war eine bürgerliche Sache, bei der Frauen um ihre Selbstverwirklichung glaubten zu kämpfen, die keinerlei Veranlassung hatten zu kämpfen.

    Zu Götz Werner: Der Mann will das BGE lediglich als Lohnsubstitution einführen. Das ist dann die finale Subvention für die Bubble-Finanzmärkte, die steuerfrei gestellt werden. Die Erwerbsarbeit -nicht die eigentliche Arbeit die jeder leistet: leben- soll noch viel billiger werden und von der Last der Finanzierung Abhängiger freigestellt werden. So sollen Renten und Pensionen gegen ein niedriges BGE eingetauscht und die Kopfpauschale für GKV eingeführt werden. Das ist plattester Neoliberalismus. Emanzipation sieht anders aus, als Emma oder Götz das wollen!

  54. @NochEiner – Feminismus vertritt nicht die Interessen der Frauen (ich gebe dir recht, dass es da keine oder kaum gemeinsame gibt), sondern greift gesellschaftliche Prozesse aus der PErspektive der Geschlechterdifferenz auf. Es gibt viele feministische Strömungen, die genau diese Art, wie die Emanzipation gelaufen ist, kritisieren (ich zum Beispiel). Es gibt Regalweise Bücher zum BEispiel von feministischen Ökonominnen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Folgen der Abwertung ehemals als „typisch weiblich“ angesehener ARbeiten befassen. Was du unter „der Feminismus“ verstehst, ist eigentlich nur ein kleiner Teilausschnitt des Ganzen. Wobei auch die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen durchaus ihre Stärken hatten und auf so Dinge wie Wahlrecht und gleiche Rechte generell würde ich heute auch nicht gerne verzichten. Von daher finde ich deine Pauschalpolemik gegen „den Feminismus“ irgendwie arg am Thema vorbei.

  55. Da bin ich wohl missverstanden worden. „Woman is the nigger of the world.“ Stimmt schon. Bei uns übrigens weniger als im großen Rest der Welt. Vom männlichen Drohnentum halte ich nix. Was können wir schon? Händchenhalten bei der Niederkunft? Und?

    Der Irrtum bei der Diskussion des BGE ist, dass eine Ankoppelung des Einkommens an Erwerbsarbeit nicht grundsätzlich hinterfragt wird. Das impliziert die Beibehaltung der Produktionsverhältnisse. Als Taktik der Änderung geht es okay.

    Ein wenig denke ich dabei an Gesell…

    Dass es auch klügere und weniger klügere Feministinnen gibt. liegt in der menschlichen Natur. Mit „jener Emma“ meinte ich eher Alice` Emma, und eben nicht Emma Goldman.

  56. OOOOPs da oben gibt ´s Tippfehler….
    Nun ja – eine Frage hebe ich allerdings noch, Frau Schrupp, woher wissen Sie nur, wie mein Klo aussieht? (4. Option)

  57. Ich finde es immer lustig, wie Geldbeträge ganz selbstverständlich mit Wertschöpfung gleichgesetzt werden. Ich halte die Gesellschaft nicht für reif, ein BGE in seinen Vorzügen zu gestalten. Und sie wird es nie werden. Edel sei der Mensch , hilfreich und gut. Ist er aber nicht. Ich halte die Einschätzung, eher an der nächsten Ecke wegen 2,50€, für die man sich dank der über den persönlichen Grundbedarf produzierenden Bevölkerung etwas kaufen kann, einen über den Kopf gezogen zu bekommen, für deutlich mehr in dieser Welt verhaftet als die Voraussetzungen für ein gelingendes BGE.

    Was müßte meiner Meinung nach gegeben sein, daß es gut wäre? Gut heißt für mich, daß ich sicher sein kann, daß sich andere nicht auf meinen Knochen ausruhen. Mir ihre Arbeit und Bürde, die getan werden muß, zusätzlich aufhalsen.

    Ich finde übrigens auch diese Phantasie vom Bedingungslosen gar nicht für so erstrebenswert. Ich sehe in meinem Umfeld, daß Menschen, wenn sie keinen Grund geliefert bekommen, nicht gefordert werden, für sich zu sorgen, in ein immer mehr selbstschonendes Verhalten rutschen, in dem sie über einen längeren Zeitraum Rückzug und Depressionen entwickeln.

    Gefordert werden und gefordert sein ist wie ein Muskel, der trainiert werden will, ansonsten verkümmert er schnell und die Belastungen, denen er nicht mehr gewachsen ist, werden immer kleiner und nichtiger.

    Deshalb stört mich schon immer irgendwie dieses Wort. Bedingungslos heißt für mich nach meinen Beobachtungen auch Haltlos und viele sind mit dieser Freiheit eben auch überfordert.

  58. @Sylvia – was deinen letzten Punkt betrifft, so stimme ich dir zu. Ich sage auch nicht gerne bedingungslos, sondern „leistungsunabhängig“. „Bedingungslos“ wäre ein GE ja schon deshalb nicht, weil durchaus Bedingungen erfüllt sein müssen, wir brauchen eine solidarische Gesellscahft und eben Leute, die die „ungeliebten“ aber notwendigen Arbeiten dennoch tun. Auch dass Menschen „Notwendigkeiten“ brauchen, würde ich dir zustimmen. Aber ob diese unbedingt in Form von Geldverdienen sein müssen, bezweifle ich. Ich bin zum Beispiel auch „gefordert“, neue Blogeinträge zu schreiben, auch ohne dass ich dafür Geld bekomme. Aber ich bin „angetrieben“ zum Beispiel von der „Notwendigkeit“, zu diesem oder jenem Thema etwas beizutragen oder weil Leute mich nach meiner Meinung gefragt haben usw. Ich denke, Geld ist nur eine (schlechte) Krücke für diese eigentlich kulturell sinnvolleren „Anforderungen“.

  59. @Antje: Obwohl ich durchaus zustimmen kann, dass Geld nur eine „(schlechte) Krücke für diese eigentlich kulturell sinnvolleren Anforderungen ist“ möchte ich aber gerade deshalb, weil dann meist jene Sorte „weiches Argument“ kommt nochmal das sozusagen „knallharte“ ökonomische Argument anführen, das bezüglich der „ungeliebten, aber notwendigen“ Arbeiten immer wieder übersehen wird oder kurzfristig verstanden wird und dann doch wieder tendentiell „vergessen“ wird:

    1. Genau die “ungeliebten aber notwendigen Arbeiten“ müssen bei Vorhandensein eines BGE geradezu zwingend „teurer“ (= besser bezahlt) werden. Entsprechend dem „Gesetz“ von Angebot und Nachfrage steigen die Löhne solange, bis ausreichend viele Menschen beginnen sich für die ungeliebte Arbeit trotz Absicherung durch ihr BGE zu interessieren. Heute wirkt dasselbe „Gesetz“ genau umgekehrt: tendentiell weniger Qualifizierte werden zu Niedrigstlöhnen in diese Arbeiten „gezwungen“ – oder bevorzugen wirklich die „soziale Hängematte“, schlicht weil der ökonomische Anreiz, eine (ungeliebte aber notwendige) Arbeit zu machen de facto fehlt. Nur zu gut verständlich (für mich).

    2. Gleichzeitig steigt bei Vorhandensein eines BGE tendentiell aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass jene, die diese nun höheren Löhne für „ungeliebte aber notwendige“ Arbeiten bezahlen müssen, sich diese auch leisten können. Sie haben nämlich selbst ein BGE. Oder dasselbe nur mit anderen Worten: wenn die Einkommensverteilung der Gesellschaft insgesamt etwas „gleicher“ ist als derzeit, kann die Leistbarkeit von zB Dienstleistungen für die am Schlechtesten gestellten im Vergleich zu heute nicht schwerer werden, sondern muss tendentiell etwas leichter werden. Ergo: kein Paradies, aber eine Verbesserung. Also (leider?) auch hier kein Argument gegen ein BGE.

  60. @Martin – das „knallharte ökonomische Argument“ funktioniert aber nur für ungeliebte Arbeiten, für die es auch einen Markt gibt, das heißt, Leute, die Geld haben, um das zu bezahlen und ein Interesse daran, dass sie erledigt werden. Es gibt aber auch andere, zum Beispiel Pflege von alten Leuten, die nicht genug Geld dafür haben (ein BGE wird niemals so hoch sein, dass es das abdeckt, erst recht nicht bei gestiegener Bezahlung). Außerdem pendelt sich der Markt immer nur mit einer gewissen Verzögerung ein. Leute, die auf Hilfe angewiesen sind, benötigen diese aber jetzt sofort und ohne Wenn und Aber.

  61. @Antje Mein Argument war, dass ein BGE das die Einkommensverteilung messbar verflacht dazu beitragen müsste, dass sich mehr Leute als derzeit diese Dinge leisten können. Es war kein Argument dafür, dass das BGE alle Probleme löst, aber ein Hinweis darauf, dass man aus diesen Gründen mE nicht gegen ein BGE sein kann – eben weil zu erwarten ist, dass die Verhältnisse nicht etwa schlechter oder schwieriger, sondern etwas besser werden. Ich bin übrigens nicht für ein BGE das ausnahmslos alle Sozialleistungen ersetzt, das vielleicht als notwendige Ergänzung hier. Ein Einkommen muss auf das BGE oben drauf kommen, sei es ein „normales“ Erwerbseinkommen oder ein Transfereinkommen, das eben so wie heute bezahlt wird weil auf ein Erwerbseinkommen keine Chance besteht (etwa wegen Alters oder Berufsunfähigkeit etc).

  62. Wir hatten in Deutschland ja lange Zeit eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Arbeitslose, nämlich die alte Arbeitslosenhilfe. Mit Beginn der ersten Entlassungswellen Ende der 60er/Anfang der 70er förderte dieses sozialpolitische Instrument ein spezifisch deutsches Problem, nämlich stetig zunehmende Basis- und damit Langzeitarbeitslosigkeit. Dieser Trend wurde erst durch Hartz IV gebrochen.

    In Gesellschaften mit zu niedrigem Investitionsvolumen und schlechter Bildungspolitik (die ja vor allem sozial schwächere betrifft) hat man zwei Möglichkeiten: Entweder leitet man die Probleme in einen wachsenden Niedriglohnbereich ab oder in wachsende Arbeitslosigkeit. Beides sind natürlich Scheinlösungen. Wer ein BGE einführt, entscheidet sich für die zweite.

    Die tatsächliche Lösung für die Probleme (bessere Bildungspolitik und ein Rechtsklima, das Forschung & Entwicklung und damit Investitionen fördert) ist ja für Politik und Bürger leidet nicht attraktiv.

  63. @Tim – Mit Arbeitslosigkeit meinst du hier Erwerbsarbeitslosigkeit, oder? Denn zu arbeiten findet sich ja immer was. Aber natürlich hast du – wenn man vom Bestehenden ausgeht – recht. Deshalb ist das Grundeinkommen auch keine bloße, isolierte Forderung, sondern ein gesamtkulturelles Projekt, zu dem auch dazugehört, dass wir die Fixierung des menschlichen Wertes auf die Erwerbsarbeit aufheben müssen.

  64. @ Antje

    Müssen wir das? Überlaß doch den einzelnen Menschen, wie sie leben und arbeiten möchten. „Gesamtkulturelles Projekt“ ist doch letztlich nur ein Euphemismus für staatliche Zwangsmaßnahmen.

  65. @ noch mal Antje

    Hab das gerade überlesen, meinst Du das ernst: „Fixierung des menschlichen Wertes auf Erwerbsarbeit aufheben“? Bist Du ernsthaft der Meinung, eine nennenswerte Zahl von Leuten reduziert Menschen auf ihre Erwerbstätigkeit? Nee, oder?

  66. @Tim – Wir leben in Gesellschaften, von daher kann nicht jeder einzelne Mensch einfach so leben und arbeiten wie er/sie möchte, sondern darüber muss jeweils verhandelt werden. Kultur und gesamtgesellschaftliche Trends gehen dabei weit über das hinaus, was staatlicherseits geregelt wird.

    Und: Ja, abgesehen von dem engen Familien- und Freundeskreis ist das, was in unserer Kultur für Menschen als Bestimmend gehalten wird, die Erwerbstätigkeit. Aber wenn wir uns einig sind, dass das nicht gut ist, ist das ja schonmal was 🙂

  67. Hm… Was werden da wohl die Unternehmer sagen? „Ach, XY, sie wollen hier arbeiten, um sich selbst zu verwirklichen? Das ist aber schön! Da ihr Dach über’m Kopf und das Schnitzel auf dem Teller ja gesichert sind, haben Sie doch bestimmt nichts gegen eine unbezahlte Probezeit? Sie verstehen, sonst lohnt sich das für mich nicht, Sie einzustellen, denn ich muß ja so hohe Sozialabgaben abführen, um Ihr BGE zu sichern.“

    Nachdem ich im Bekanntenkreis nun mitbekommen habe, wie eine Dame sich trotz aller Abstriche bei der zukünftigen Rente vom Chef hat rauswerfen lassen, damit sie morgens nicht mehr so früh zum Zug muß, zweifle ich sehr, daß die Bevölkerung im großen Umfang zum freiwilligen Arbeiten bereit sein wird. Erst recht nicht bei den Drecks-Jobs. Besagte Dame ruht sich jetzt auf Hartz, Kindergeld und Kindesunterhalt aus und läßt den lieben Gott einen guten Mann sein. Nebenher verkündet sie noch jedem, der es hören will oder auch nicht, wie clever sie es sich eingerichtet hat…

    Nee, bedaure, so viel Vertrauen in die Arbeitswilligkeit der Masse habe ich nicht. Weder als Mensch, noch als Volkswirtin.

  68. @Uteg – Es kommt eben auch auf die Arbeit an. Nicht jede macht ihre Arbeit gerne, und die Frau, von der du sprichst, war ja offensichtlich sehr unzufrieden mit ihrer Arbeitsstelle. Es gibt auch andere Beispiele von Leuten, die in ein Loch von Sinnlosigkeit fallen, wenn sie arbeitslos werden, und zwar nicht wegen des Geldes, sondern weil sie sich nicht mehr gebraucht fühlen. Dass momentan viele Leute auf Stellen sitzen, die sie gar nicht gerne machen, weil sie Angst vor dem Verlust des Einkommens haben (während es vielleicht andere gäbe, die Spaß an dieser Arbeit haben, Menschen sind unterschiedlich) ist ja kein guter Zustand. Mit einem Grundeinkommen würde sich das vielleicht alles ein bisschen glattrütteln, und die Leute könnten mehr danach gehen, welche Arbeit sie wirklich für sich befriedigend finden. (Bleibt dann die Frage, wer die unbeliebten Arbeiten macht, also das Thema meines ursprünglichen Blogpostes hier).

  69. Ich finde es immer wieder interessant, was für Berufe als „unbeliebt“ angesehen, also ja wohl unbeliebt gefunden werden. Ich hab ein paar Jahre in der Krankenpflege gearbeitet (und zwar in dem Teil, in dem es hochgradig unterstützungsbedürftige Patienten gibt), habe Alten- und KrankenpflegerInnen in meinem Bekanntenkreis, kenne Menschen, die (jeweils freiwillig) putzen, auf Müllannahmeplätzen arbeiten oder ihr berufliches Leben bei einem Autobauer am Band oder zwischen endlosen Regalen eines Großlagers verbringen. Und überall da wird tatsächlich Arbeit nicht nur des Geldes wegen erledigt. Speziell MitarbeiterInnen in Pflegeberufen neigen meinem Eindruck nach eigentlich nicht dazu, ihre Aufgaben wertlos zu finden, aber auch die früheren Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Raumpflege haben eigentlich immer gewusst, dass ihre Aufgabe wertgeschätzt wird. Und kürzlich las ich einen Zeitungsartikel, in dem Mitarbeiter der Müllabfuhr berichteten, dass sich das Ansehen ihres Berufes in den letzten Jahren verändert hat und positives Feedback von der „Kundschaft“ überhaupt nicht mehr selten ist.
    Für mich wäre die Frage, ob es überhaupt Berufe gibt, die wirklich niemand will. Ich hab jedenfalls nie sinnvollere Arbeit gehabt als damals im Krankenhaus, und wenn die Arbeitsbedingungen besser gewesen wären (Stichwort Verhandlungsposition), wäre es wirklich keine Zumutung gewesen, dort weiter zu arbeiten.
    (Ich bin dann studieren gegangen und kenne folglich jetzt auch mehr als genug Akademiker… Die Zufriedenheit im Beruf scheint mir da nicht größer zu sein – aber natürlich verdient man mehr, ist besser angesehen und muss Fäkalien nur auf den selbst verdreckten Bürotoiletten ertragen.)

  70. @Marco – Ich glaube auch, dass sich bei vernünftigen Arbeitsbedingungen für jede sinnvolle Tätigkeit Menschen finden, die das gerne machen. Aber wir müssen schon mit einkalkulieren, das gerade die Fürsorgetätigkeiten bei uns traditionell nicht wirklich hoch geschätzt sind, was sich nicht nur an der Bezahlung zeigt. Vor allem aber werden diese Arbeiten viel zu wenig in der wirtschaftstheoretischen Diskussion berücksichtigt, auch in ihrer Logik und in dem, was dafür notwendig ist (betriebswirtschaftliche Maßstäbe sind z.B. nicht geeignet, um die Qualität dieser Arbeit zu bewerten). Daher denke ich, dass wir parallel zur Diskussion um das Grundeinkommen auch über den Sinn und die Notwendigkeit von Arbeiten reden müssen und nicht glauben dürfen, die Einführung des Grundeinkommens würde das automatisch regeln. Und: Für den konkreten Fall müssen wir trotz allem auch damit rechnen, dass es notwendige Arbeiten gibt, die (evtl. zeitweise) niemand machen will. Und uns dafür was ausdenken.

  71. @ Antje

    Wir leben in Gesellschaften, von daher kann nicht jeder einzelne Mensch einfach so leben und arbeiten wie er/sie möchte, sondern darüber muss jeweils verhandelt werden.

    Trotzdem sollte der einzelne Mensch meiner Meinung nach ein größtmögliches Maß an Freiheit genießen. Wenn Du ihm aber vorschreiben möchtest, in welcher Form er zu arbeiten hat, geht das nur mit Zwang, der über jede bekannte Form der Arbeitsregulierung in Demokratien weit hinausgeht.

    Allerdings verstehe ich nach wie vor nicht, warum das Grundeinkommen unbedingt gesamtgesellschaftlich geregelt werden muß. Es gibt Tausende Kollektive weltweit, in denen sowas vor Ort umgesetzt werden kann und wird. Das beste Beispiel sind wohl die Kibbuzim in Israel, die ja trotz mancher Schwierigkeiten immer noch prächtig funktionieren. Das passende rechtliche Konstrukt für solche Lebensgemeinschaften in Deutschland ist die Genossenschaft.

    Also: BGE in Deutschland ist auf Mikroebene schon jetzt problemlos möglich, die Ausweitung auf die gesamte Gesellschaft ist weder rechtlich noch wirtschaftlich nötig. Worauf wartet Ihr noch?

    (Dies hätte zudem den Vorteil, daß die „BGE-Kommunen“ von der höheren Produktivität der umgebenden Volkswirtschaft profitieren könnten – wie übrigens heute die Kibbuzim in Israel. In einer BGE-Gesellschaft würde die Produktivität ja zwangsläufig stark sinken.)

    Ja, abgesehen von dem engen Familien- und Freundeskreis ist das, was in unserer Kultur für Menschen als Bestimmend gehalten wird, die Erwerbstätigkeit. Aber wenn wir uns einig sind, dass das nicht gut ist, ist das ja schonmal was

    Tja, da nun mal jeder Mensch im Familien- und Freundeskreis lebt, ist die Erwerbstätigkeit eben nicht bestimmend für seine Existenz. Das, was Du meinst, ist wohl eher: Am Arbeitsplatz ist die Erwerbstätigkeit bestimmend für die Existenz als Arbeitnehmer. Das ist nun aber trivial, und in diesem Punkt werde ich auch bestimmt nicht widersprechen. 🙂

  72. @Tim – Ich meine zum Beispiel, dass alle möglichen sozialen gesellschaftlichen Leistungen vom Status der Erwerbsarbeit abhängen, auch die der nicht-erwerbstätigen Familienmitglieder (nämlich indirekt über die des „Ernährers“). Krankenkasse, Sozialhilfe, Rente usw. usw.

  73. @ Antje

    Nun, auch wenn der „Ernährer“ (der in diesem Fall ja gar keiner ist 🙂 nicht erwerbstätig ist, sind die anderen Familienmitglieder natürlich trotzdem krankenversichert und erhalten Sozialhilfe. Die Existenz hängt in Deutschland nicht von der Erwerbsarbeit ab. Aber natürlich macht eine entsprechende Erwerbsarbeit das Leben sehr viel angenehmer.

    Schade, daß Du zu meinem anderen Vorschlag (BGE genossenschaftlich selbst umsetzen) nichts geschrieben hast.

  74. @Tim – Darauf bin ich nicht eingegangen, weil selbstorganisierte Kommunen mit gemeinsamem Wirtschaften zwar auch was Feines sind, aber nochmal was anderes als ein Grundeinkommen, weil sie ja davon abhängig sind, dass man zu so einer Gruppe dazugehört. Die Idee des Grundeinkommens ist, das jeder Mensch, gerade unabhängig von sozialer Position, Geld bekommt.

  75. @ Anke

    O.K., das ist allerdings eine sehr deutsche, „totale“ Position. Meine Empfehlung wäre wirklich, sich mal mit Kibbuzim auseinanderzusetzen, wenn man ein BGE umsetzen möchte. Die Idee, daß es sowas wie eine soziale Position gibt, wird ein Kibbuz-Bewohner wahrscheinlich nicht verstehen, weil es dort keine sozialen Positionen gibt (jedenfalls keine, die von Geld abhängen).

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  82. Es gibt bereits mehrer Länder, die ein bedingungsloses Grundeinkommen ausschließlich für Staatsbürger jedoch eingeführt haben beziehungsweise jahrelang hatten. Diese sind in der Region der Arablischen Emirate zu finden. Dort finden wir: A) eine ausländische Gastarbeiterbevölkerung mit minderen Rechten – Globalisierung macht es möglich, dass Billiglöhne (legal oder schwarz) dort für die Gastarbeiter immer noch gesunde Transferleistungen in Richtung Heimat abgeben B) Autokratische Regierungsformen C) so ziemlich die krassesten patriachalischen Strukturen weltweit. Aber das Problem: “ wer Care Arbeit macht sowie den Schmutz weg“ ist gelöst. Das Autokratische Regime ist auch notwendig, um eine demokratische Teilhabe mit Wunsch nach Wirtschaftlicher Gleichstellung der Gastarbeiter zu unterbinden.
    Alternative und egalitäre Strukturen hat die DDR geschaffen. Durch die Mauer wurde sichergestellt, dass wenn die „Schmutz und Schwerarbeiter“ gleich oder sogar besser als die „akademischen burgoisen“ Fachkräfte bezahlt werden, letztere nicht in Länder fliehen so dem nicht so ist. Das Model Grundeinkommen könnte somit nicht am Pflegenotstand sondern am Ärztemangel scheitern!

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