Deutschland im Quotenfieber

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Die CSU hat sie, Aufsichtsräte sollen sie kriegen: Deutschland, so scheint es, ist im Quotenfieber. Die Idee, einen bestimmten Prozentsatz Frauenanteil, etwa 40 Prozent, per Gesetz festzulegen, wird Mainstream. So langsam scheint es allgemein bewusst zu werden, dass formale Gleichheit nicht ausreicht, um männliche Dominanz zu beseitigen. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis wäre: Simone de Beauvoir hat es schon 1949 in „Das andere Geschlecht“ beschrieben. Aber wie gut ist die Quote wirklich? Und: Wem nützt sie eigentlich?

Den Frauen eher nicht. Das Wirtschaftsmagazin brandeins beantwortet in der letzten Ausgabe jedenfalls die Frage „Wer braucht eigentlich eine Frauenquote?“ ganz klar mit: die Unternehmen. Denn die könnten es sich in Zukunft „nicht mehr leisten“, auf Frauen zu verzichten. Klar. Wirtschaftsunternehemen, die aus altpatriarchalem Reflex heraus mittelmäßige Männer guten Frauen vorziehen, machen weniger Profit. Vielleicht retten die Frauen sogar unser vor dem Kollaps stehendes Finanzsystem? Oder die Parteipolitik aus Selbstreferenz und Langeweile? Man scheint uns Frauen viel zuzutrauen, zur Zeit.

Nun liegt mir weder die Zukunft diverser Aufsichtsräte noch die der CSU besonders am Herzen. Ich denke deshalb auch nicht, dass dieser plötzliche Quoten-Enthusiasmus ein Grund zur Freude ist. Mir ist bewusst, wie heikel das Thema ist, zumal die Quote noch immer von vielen Seiten mit falschen Argumenten abgelehnt wird. Etwa von jungen Frauen (aktuell in der CSU), die meinen, so etwas hätten sie nicht mehr nötig, oder von den Piraten, die meinen, sie stünden längst jenseits dieser Geschlechtersachen, und natürlich auch noch von Patriarchaten klassischen Formats, die diese ganze Frauenzeugs eh albern finden.

Aber auch aus einer feministischen Perspektive heraus ist die Quote eben problematisch, wie ich finde, und schon immer gewesen. Denn sie enthält zwei symbolische Fehler, die die ganze Debatte auf ein falsches Gleis führen.

Erstens rückt sie die Frauen in eine defizitäre Rolle. Da wird dann gerne so getan, als würde man mit einer Quotenregelung den Frauen etwas Gutes tun, ihnen irgendwie „helfen“. Als hätten die Frauen irgendwelche Behinderungen, die ein gütiger Gesetzgeber auf diese Weise ausgleicht. Miriam Meckel zum Beispiel, die beim Flexibles-Geschlecht-Kongress in Berlin für die Quote warb (nicht, ohne zu betonen, dass sie früher vehement dagegen gewesen sei, was wohl bedeuten soll, dass es sich heute nicht mehr um eine feministische Spinnerei handelt sondern um was Ernsthaftes) diagnostizierte laut Tagungsbericht, dass Frauen „geringes Selbstbewusstsein“ hätten, sich auf dem Weg zur Spitze „selbst im Weg stehen“ und überhaupt „mehr Mut“ bräuchten.

Ich sage: Bullshit. (Siehe meinen Post über Karriereforschung) Wer die Quote einführt, hilft in erster Linie sich selber, und nicht den Frauen – das immerhin wird mit der neuen Liebe der Etablierten zur Quote zweifelsfrei klar.

Ein zweiter problematischer Punkt ist, dass die Quote die angebliche Wichtigkeit und Bedeutung jener Institutionen und Strukturen, für die sie eingeführt wird, symbolisch zementiert. Denn es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt notwendig sei, da hinein zu kommen, weil nur dort, in den Wirtschaftsunternehmen, Parteien, Universitäten die wahre, wirkliche, wichtige Welt sei. Als ob man nur dort etwas bewegen und verändern könnte. Dabei ist es längst evident, dass wahre Politik eher nicht in den Parteien gemacht wird und dass die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft nicht in Aufsichtsräten gelegt wird und neue Ideen überall eher hervorgebracht werden als in Universitäten.

Trotzdem: Als die Grünen vor über dreißig Jahren die 50 Prozent-Quote für alle Parteiämter einführten, war das zweifellos ein interessantes Experiment. Doch jetzt ist es Zeit zu fragen, ob es funktioniert hat. Und die Antwort ist wohl: eher nein. Überall, wo ich das Thema bisher mit grünen Frauen diskutiert habe, wurde mir versichert, dass die Quote nach wie vor bitter nötig sei. Denn ansonsten würde der Frauenanteil ruckzuck wieder sinken. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

Zur Erinnerung: Damals, vor dreißig Jahren, war die Quote eigentlich nicht als Dauereinrichtung gedacht. Die Idee dahinter war, dass es so etwas wie einen „Anschubzwang“ brauche, damit Frauen überhaupt Chancen hätten, in die Gremien hineinkämen. Wären sie dort erst einmal in relevanter Anzahl vertreten, dann würden sie die Verhältnisse nach und nach so verändern, dass sie den Wünschen und den Interessen von Frauen näher kommen – und es keine Quote mehr bräuchte. Dann würden sich die Männer an die Anwesenheit von Frauen gewöhnen und sie schätzen lernen, auch ohne formal dazu gezwungen zu sein. Dann würde eine neue Kultur einziehen, junge Frauen hätten Vorbilder und würden sich daher mit größerer Selbstverständlichkeit auch selbst um Ämter bewerben.

Aber genau das ist nicht passiert. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass durch die Beteiligung von Frauen die ehemals von Männern für Männer geschaffenen Institutionen sich automatisch verändern würden. Denn die weibliche Differenz – also das, was Frauen an anderem einbringen wollen und können – ist nicht in den weiblichen Genen oder Hirnströmen angelegt, sondern entstammt einer anderen Kultur. Einer „weiblichen Kultur“, wenn man so will, und eben nicht einer „weiblichen Natur“.

Das heißt: Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer. Als rein formales Kriterium bewirkt die Quote hier sogar eine Negativauslese: Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer, und die sich mit den Zielen und der Kultur der betreffenden Institutionen im Wesentlichen identifizieren.

Frauen, die innerhalb dieser Institutionen etwas verändern möchten, haben es hingegen heute eher noch schwerer als früher. Denn bei jedem Veränderungsvorschlag und jeder grundlegenden Kritik wird ihnen vorgehalten, die anderen Frauen hätten doch auch kein Problem damit. Dem entspricht die Umbenennung und Umwandlung von „Frauenbeauftragten“ in „Gleichstellungsbeauftragte“: Wir sollen uns mit der Gleichstellung begnügen, mit Gender Mainstreaming, aber bitte schön innerhalb der Rahmenbedingungen. „Frauenzeugs“ ist nicht gefragt.

Was die Entwicklung der Institutionen und ihrer Kultur betrifft, so bleibt unterm Strich von der Quote oft nichts anderes übrig – als eben die Quote. Aber was wäre eigentlich gewonnen mit einer „gegenderten“ Welt, in der Parteien, Aufsichtsräte und anderes schön zur Hälfte mit Frauen besetzt sind – in der aber ansonsten alles so bleibt wie es ist? Gar nichts.

Ich denke, es ist heute notwendig, einen Schritt weiter zu gehen. So wie Simone de Beauvoir vor 70 Jahren feststellte, dass die „Frauenfrage“ mit der Gleichberechtigung nicht erledigt ist, so müssen wir heute feststellen, dass die „Frauenfrage“ auch mit der Gleichstellung nicht erledigt wäre – selbst dann nicht, wenn wirklich überall 50 Prozent Frauen säßen.

Statt für die Quote zu kämpfen, finde ich es sinnvoller, Orte und Strukturen zu schaffen, an denen das Unbehagen vieler Frauen an den Zielen, Arbeitsweisen und Selbstverständlichkeiten der ehemals männlichen und heute gleichgestellten Institutionen benannt und thematisiert werden kann. Ich wünsche mir, dass Fragen diskutiert werden wie: Warum brauchen die Grünen immer noch die Quote? Woran liegt es, wenn wir keine Kandidatinnen finden? Welche Vorstellungen von einem guten Leben stecken dahinter, wenn mehr Frauen als Männer keine Karriereambitionen haben? Was sagt das über eine Initiative aus, wenn Frauen sich nicht dafür interessieren? Wie müssten Parteien, Gremien, Unternehmenskulturen sein, damit Frauen sich gerne dort aufhalten? Sind wir als Organisation wirklich offen für Frauen, die etwas anderes einbringen, oder erwarten wir insgeheim ihre Anpassung an das, wie es hier schon immer war?

Die derzeitige Attraktivität der Quote auf Seiten der Machthaber und Etablierten zeigt, dass es richtig war, was die französische Anarchistin Louise Michel vor 130 Jahren voraussagte: „Eure Privilegien? Die Zeit ist nicht mehr weit, wo Ihr sie uns anbieten werdet, um durch diese Teilung zu versuchen, ihnen wieder Glanz zu verleihen. Behaltet diese Lumpen, wir wollen sie nicht.“ So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive. Ich bin skeptisch.

Bei einer Podiumsdiskussion hat Ursula Müller (die selbst Erfahrung darin hat, weil sie lange Zeit Staatssekretärin in Schleswig Holstein und Gleichstellungsbeauftragte in Hannover war) kürzlich die Idee vorgetragen, dass wir eigentlich keine Frauenquote brauchen, sondern eine Feministinnenquote. Ich finde das inspirierend. Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen? Frauen also, die nicht einfach nur gleiche Rechte und Möglichkeiten wollen wie die Männer, sondern solche, die die von Männern geschaffenen Institutionen kritisch und aus einer weiblichen Erfahrung heraus hinterfragen und verändern wollen?

Um es ganz klar zu machen: Ich will keine Frau dafür verurteilen, dass sie das derzeitige Quotenfieber toll findet und die Gelegenheit ergreift, weil sie endlich Teil haben will an all den Privilegien, die Menschen ihres Geschlechts in der Vergangenheit vorenthalten wurden. Geld, Macht, Einfluss, Prestige und Status sind ja schließlich angenehme Dinge, und ich kann gut verstehen, wenn auch Frauen die haben wollen.

Nur: Für ein feministisches Projekt halte ich das nicht.


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42 Gedanken zu „Deutschland im Quotenfieber

  1. Mein größtes Problem mit der Frauenquote ist, dass sie falsch angewendet wird. Denn sie ist bislang eben selten ein allseitiges Zwangsmittel: So werden Listen nur so lange quotiert, bis keine Frau mehr kandidiert; Vorstandsposten vakant gelassen werden; oder die Quote nach Belieben ganz ausgesetzt, weil irgendetwas anderes gerade wichtiger ist.

    Das machtstrategische Kalkül dahintersteckt, zeigt dann eben auch worum es bei der Quote in der derzeitigen Praxis nicht geht: Macht für Frauen.
    Beispiel Listen: Wahllisten sind aus bis zu zwei Gründen mit so vielen Menschen wie möglich bestückt: 1. Je mehr Namen, desto mehr sind den Wähler_innen bekannt, umso höher die Chance gewählt zu werden. 2. Je länger die Liste desto mehr Stimmen entfallen auf die Liste. (nur bei bestimmten Wahlprozederen)
    Um die Quote aufzuweichen, also ab einem Punkt nicht mehr zu quotieren, wird gerne argumentiert, dass die hinteren Plätze sowieso kein Amt bekommen und das „Auffüllen“ wichtig ist, damit die vorderen Plätze „reinkommen“.
    Gesetzt dem Fall, die Liste ist tatsächlich soweit quotiert, dass nur die quotierten Plätze „reinkommen“, wird die Idee „Macht für Frauen“ trotzdem nur minimal interpretiert. Es geht nicht darum, dass Frauen ein Druckmittel innerhalb der Partei haben, sondern nur um Ämter in einem parteifremden Gremium. An den Parteiinterenen Strukturen muss sich nix ändern, denn die Frauenquote hindert nicht am bestmöglichen Wahlergebnis.

    Oder eben Vorstandsposten: Werden bei nicht genügend Kandidatinnen Vorstandsposten vakant gelassen – und das eben nicht paritätisch, also z.B. ein Verhältnis von 3 Männern zu 2 Frauen – wirkt sich die Quote ausschließlich auf Frauen aus. „Macht für Frauen“ bedeutet hier nichts weiter, als „Vorstandsposten, wenn Frau will“. Wieder hat die Quote keine Auswirkungen auf den jeweiligen Verein/Partei oder auf den Vorstand: Es fällt nur eine Arbeitskraft weg und eben nicht zwei, was sowohl die Belastungsfähigkeit des Vorstands eben wenig einschränkt als auch das für den Verein durch den Vorstand/Partei zu erzielende Ergebnis wenig schmälert (hinzu kommt noch, dass „die Männer“ eben auch auf kein Vorstandsamt verzichten müssen). Wieder gibt es nur geringe Anreize an den Verein und den Vorstand etwas zu ändern.

    Quote nach Belieben aussetzen: Das ist eines meiner Lieblingsbeispiele. Dieser Fall tritt immer dann in Kraft, wenn für irgendetwas absolut nicht genügend Frauen da sind und damit das Erreichen eines Ziels eigentlich unmöglich ist. Populäres Beispiel: Listen für irgendwelche Parlamente oder Gremien (sei es in der Hochschulpolitik oder sonstwo). Hier brauchen wir entweder nicht genügend Kandidatinnen für erreichbare Plätze im Gremium oder eine „harte Quote“, heißt unquotierte Listenplätze gibt’s nicht.
    Nach einer meines Erachtens richtigen Auslegung darf die Liste nicht kandidieren, denn sie konnten ihre Richtlinien nicht erfüllen (prinzipiell schon ein schlechtes Zeichen für das zukünftige Erreichen von anderen politischen Zielen der Liste). Doch spätestens dann wird das Gejammer groß, denn die Gruppe/Partei, die die Liste aufstellt, hat ja auch noch andere Ziele, die sie bei nciht antreten zu den Wahlen nicht in das jeweilige Gremium einbringen kann. Auch schon gehört: „Was können wir denn dafür, dass nicht genügend Frauen kandidieren wollen?“
    Die Frauenquote wird dann also ausgesetzt, schließlich darf sie „die Sache“ ja nicht gefährden. Wieder hat die Gruppe/Partei keinen Anreiz mal wirklich was zu tun.

    Vieler Worte, kurzer Sinn: Problem ist nicht die Quote, sondern deren Anwendung.

  2. Ich bin ja eher ein am Stammtisch sitzender Themen-Laie, aber habe auch immer gedacht: wäre es nicht sinnvoller, Energie rein zu setzen und Strukturen und Denkweisen zu ändern, das man eine Quote nicht mehr braucht?

    Eine Organisation, die die Quote einführt, zeigt, das sie es anders nicht schafft und es auch nicht vorhat, es einmal zu schaffen.

    Aber: das ist natürlich für mich als vollkommen aussenstehender sehr lässig dahin getippt, ich gebe es zu.

  3. @Stephanie – das ist einer der positiven Punkte, die ich der Quote abgewinnen kann: Dass es auf diese Weise immerhin auffällt, wenn keine Frauen da sind. Ansonsten fällt es Männern ja oft gar nicht auf, wenn sie bloß unter sich sind, und ergibt ein Frauenanteil von 20 oder 30 Prozent bei vielen Leuten gefühlte „Gleichheit“. Die Idee, Plätze, für die sich keine Frauen finden, leer zu lassen, ist charmant. Zum Beispiel: Ein Viertel der Plätze im Parlament bliebe leer, aber für Beschlüsse braucht man dennoch eine Mehrheit von über 50 Prozent der Sitze.

    Eine andere Anekdote: Anfang des 19. Jhd. gab es in Frankreich eine frühsozialistische Gruppierung, die Saint-Simonisten. Sie hatten auch 50 % Quotierung, bzw. paritätische Besetzung aller Parteiämter mit je einem Mann und einer Frau. Für den obersten Posten der „Mère“ fanden sie aber keine Frau. Daher schickten sie sogar eine Abordnung in den Orient in der Hoffnung, dort eine zu finden. #nojoke – Die Saint-Simonistinnen haben übrigens dieses Prinzip der Quotierung nach einer Weile selbst kritisiert (bzw. es gab einen Frauen-internen Konflikt darüber) und viele sagten, wir brauchen/wollen eigentlich andere Führungsstrukturen, z.b. weniger Hierarchien.

  4. Ich hab den Eintrag noch nicht gelesen, aber der erste Halbsatz ist schon mal falsch. Die CSU hat nämlich nur eine Frauenquote für zwei Gremien, die nicht für die Aufstellung der Kandidaten zuständig sind: Parteivorstand und Bezirksvorstände.
    http://www.tagesschau.de/inland/csu292.html

    Die CSU wird also eine Männerpartei bleiben wie wir es gewohnt sind.

  5. Frauenquoten nicht aus Überzeugung, sondern um die CSU in der Wählerinnengunst nach vorne zu bringen – das wird wahrscheinlich nicht reichen. Vor allem scheint es sehr merkwürdig, dass Seehofer dafür wirbt und die jungen Frauen sich dagegen aussprechen. Witzig finde ich auch die Feministinnenquote.

    Wo ich mich etwas aufhalte ist die „weibliche Kultur“. Was ist das genau? Vor allem, wenn wir jetzt nicht eine hypothetische matriarchale Kultur betrachten, sondern wie Frauen hier und jetzt miteinander umgehen? Kann man das auf „eine“ weibliche Kultur festlegen?

  6. @Susanna – nein, die „weibliche“ Kultur ist natürlich nicht einheitlich, ebenso wenig wie die männliche. Aber es gibt ja durch die gesamte Geschichte hinweg durchaus Ideen und Beiträge und Alltagspraxis, die von Frauen geprägt waren. Und dabei haben sich die Frauen immer auch kritisch mit der männlichen Kultur auseinandergesetzt, Teresa von Avila z.B. mit der männlichen Kirche, Hannah Arendt mit der männlichen Politik (unvergessen ihr großartiger Satz: „Männer wollen immer so gerne wirken. Ich nicht. Ich will verstehen“). Und so weiter. Leider werden die Ideen von Frauen selten in ihrer eigenen Originalität gewürdigt, sondern oft sofort mit denen der Männer verglichen. Die Frage wäre also: Was stellen sich Frauen unter Politik/Wirtschaft/Wissenschaft vor – ohne das sofort mit dem zu vergleichen, was Männer sich darunter vorstellen. Meine Wette: Sie werden sich streiten, die Frauen untereinander, aber über andere Sachen, als die Männer sich untereinander streiten.

  7. Wer ist eine Feministin?

    Ich könnte wohl keine Quotenfeministin werden, weil ich unter Feministinnen meistens links argumentiere und unter linken Männern eher feministisch und dann von beiden Seiten für nervig gehalten werde 🙂

    Habe mir neulich in den Kommentaren der Mädchenmannschaft sagen lassen, dass das jetzt der neueste Schrei ist und „Intersektionalität“ heißt.

  8. So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive.
    Darin sehe ich eigentlich nur die bekannten Versuche, die vertuschen wollen, dass das gesamte gesellschaftliche System marode ist. Gleichstellung ist zwar unabdingbar, aber daran ändern Quoten sicherlich nichts, zumal nur 50% relevant wären, die aber dann Quoten auch gleichzeitig ad absurdum führen würden.

  9. @Irene – ist aber nicht neu, sondern – nicht weiter überraschend – die einzig mögliche sinnvolle Handlung. Haben die feministischen Sozialistinnen im 19. Jahrhundert auch schon so gemacht. Erst mit der Frauenrechtsbewegung, die sich ganz auf das Stimmrecht kaprizierte, ergab es dann den Eindruck, dass Feminismus und „Links“ (was immer das heißt), Gegenpole wären. So gesehen, ist „Gleichstellungspolitik“ die Fortsetzung von „Stimmrechtsbewegung“ und „Intersektionalität“ ist keine neue Erfindung, sondern geht nur wieder auf das zurück, was vor der Gleichberechtigungsbewegung für die meisten Feministinnen eh schon selbstverständlich war (leider wird an den Unis manchmal so GETAN, als sei Intersektionalität etwas Neues, und es wird sich kaum auf die früheren feministischen Debatten bezogen, von denen man einiges lernen könnte. Aber um die Genealogie ist es der Frauenbewegung ja leider eh nicht gut bestellt).

  10. @Antje Ich mag Hannah Arendt sehr gern und habe eine Reihe ihrer Bücher gelesen, aber Sätze wie der von dir zitierte kommen in ihrem Werk nur sehr selten vor. In ihrem Denken ist sie wahrscheinlich ziemlich originell, indem sie Begriffe wie Macht neu definiert nicht als persönliche Stärke, sondern als Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen, oder auch in ihrer Interpretation der Politik als Interaktion mit anderen Menschen, die an und für sich Vergnügen bereitet. Aber gerade Hannah Arendt ist doch in ihrer Originalität auch immer gewürdigt worden, nicht nur von Feministinnen. Wenn sich Menschen schwer taten, sie zu würdigen, dann doch vor allem deswegen, weil sie wegen ihres Totalitarismusbuches als „Rechte“ eingeordnet wurde – das heißt, linke Menschen taten sich schwer, sie zu würdigen, und sie ist ja auch keine klassische Linke, aber auch keine klassische Rechte. (Ich weiß wenig darüber, wie rechte Theoretiker sie einschätzen.)

    Aber sie ist keine Feministin, und spezifisch weibliche Erfahrungen haben sie nie wirklich interessiert. Sie interpretiert das Politische auf unkonventionelle Weise, aber ich würde dies nicht spezifisch weiblich nennen. Was mir zum Beispiel einfällt, ist, dass sie dem „Glänzen in der Öffentlichkeit“ einen großen Wert beimisst (Vita Aktiva, glaube ich), während die Obskurität nur für die Extreme des vollkommen guten oder vollkommen bösen Menschen angemessen ist. Aber „Glänzen in der Öffentlichkeit“ ist doch eher männliche als weibliche Kultur. (Es wäre schön, wenn sich das ändern würde.)

    Das Zitat „Männer wollen so gerne wirken. Ich nicht. Ich will verstehen“ klingt ein wenig merkwürdig aus dem Mund einer Frau, die ein Dutzend Bücher veröffentlicht hat (mit sechsundzwanzig schon ihre Rahel-Varnhagen-Biographie) und die als Philosophin und Politikwissenschaftlerin sehr ernst genommen wird. Im Moment frage ich mich, ob sich nicht einfach um Koketterie handelt – Männern keine Angst machen, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es wirklich eine wünschenswerte Einstellung ist. Jedenfalls hatte sie eine große Wirkung, indem sie andere am Prozess ihres Nachdenkens teilhaben ließ. Sie war nicht Politikerin, sondern Philosophin und Politikwissenschaftlerin und „Intellektuelle“, da ist es klar, dass sie nicht so direkt wirkt, wie Politiker es tun, sondern eben durch das Schreiben von Büchern, die von Natur aus differenzierter und nachdenklicher sind. Aber ist das wirklich ein Gegensatz männlich versus weiblich, wie sie behauptet? Und letztlich war das „Wirken“ für sie ja doch positiv besetzt.

    Woher stammt dieses Zitat eigentlich? Vielleicht verstehe ich es besser, wenn ich den Kontext kenne.

    Daher habe ich etwas Bauchweh, wenn Hannah Arendt als Beleg für eine weibliche Kultur gesehen, es sei denn, man versteht unter weiblicher Kultur die Gesamtheit dessen, was Frauen tun und sagen und schreiben. Aber dann gehören auch die Frauen dazu, die als angepasste Quotenfrauen in die Vorstände wandern.

    Über Theresa von Avila kann ich nicht viel sagen, da ich nur ungefähr weiß, wer sie war.

    So viel für jetzt…

    susanna

  11. Die These von der „Anschublösung“ ist der entscheidende Faktor. Ich kenne die Quote aus Projekten, strukturelle Diskriminierung anzugehen, nicht als ursprünglich feministisches Instrument. Die Amerikaner nennen ähnliche Anschubmodelle „affirmative action.“ Ein Beispiel, an dem es besonders anschaulich wird, ist Südafrika, wo eine junge Schwarze im empfehlenswerten Dokumentarfilm „Shosholoza Express“ die Quotenpolitik ganz selbstverständlich auch mit dem Hinweis verteidigt hat, dass dann schlechter Qualifizierte sich gegenüber hochqualifizierten Weißen durchsetzten: Zurecht. Die Weißen haben uns ja nicht auf die besseren Schulen gehen lassen, die Gesellschaft muss da jetzt durch, auch schlechter Qualifizierte einzustellen, bis endlich alle vergleichbar qualifiziert sind. Bis die strukturelle Diskriminierung der Schwarzen halbwegs aufgeholt ist.

    Da ich behaupten möchte, dass Frauen in Deutschland immer noch struktureller Diskriminierung unterliegen, trotz mehrerer Jahrzehnte Feminismus und „post-gender“-Debatten, ist aus dieser Perspektive das Instrument Quote auch weiterhin ein legitimes Mittel, gesellschaftliche Strukturprobleme anzugehen. Es mag andere, vielleicht sogar bessere geben, aber verdammungswürdig ist die Quote nur für jene, die sich mit dem Tradeoff nicht abfinden mögen oder die strukturelle Diskriminierung anders als ich nicht gegeben sehen – oder für gut befinden.

  12. @Susanna – ja, Hannah Arendt war keine Feministin, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes, also sie hat sich selbst von den Feministinnen ihrer Zeit distanziert. Aber sie war eine originelle weibliche Denkerin. Den Ausdruck „spezifisch weiblich“ benutze ich nicht, weil das so klingt, als sei „weiblich“ nur was einen bestimmten Inhalt hat oder z.b. konsenfähig unter den Frauen ist. Es ist weiblich, weil es eine Frau sagte, die sich selbst auch als Frau verstand. Zum Thema Arendt und Feminismus habe ich hier mal was geschrieben. http://www.antjeschrupp.de/hannah_arendt.htm
    Das Zitat mit „ich will verstehen“ ist aus dem ZDF-Interview mit Günter Gaus, das ist hier dokumentiert – http://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/arendt_hannah.html

    Und: Klar, auch die Frauen, die Quote gut finden, gehören zur weiblichen Kultur. Aber dort sind sie – noch? – eine Minderheit.

  13. Hallo Antje,

    Guter Artikel! Du tust den Piraten aber ein wenig unrecht. Die Quote wird bei uns ja gerade deshalb abgelehnt, weil wir in allen Bereichen Hierarchien durch Netzwerke ersetzen wollen, und wir versuchen das auch Parteiintern so durchzuziehen. Bei uns wäre eine Quote tatsächlich irrelevant, weil alle ohne Postengeschacher genauso viel bewirken können, wie ein Vorstand. Das geht natürlich nicht ohne Probleme von statten, aber die meisten sind unserer Unerfahrenheit mit der Presse anzukreiden. Ich bin mir doch recht sicher, dass es bei den Piraten um ein vielfaches einfacher ist, sich politisch einzubringen (umgekehrt: Mit Vorstandsposten wird das schwieriger) als bei den Grünen. Und i

  14. @Incredibul – Hoffen wir mal, dass es so ist bei den Piraten, das muss sich imho erst noch zeigen. Es gibt auch viele, die die Quote aus einem antifeministischen Gestus heraus ablehnen, so nach dem Motto: Wenn die Frauen nicht mitmachen, sind sie selber schuld, und wir fühlen uns hier auch ohne Frauen wohl, lasst uns mit dem genderfoo in Ruhe. So war das jedenfalls am Anfang, bevor die Diskussionen über den niedrigen Frauenanteil bei den Piraten losgetreten wurden. Vielleicht haben sie ja was bewirkt und die Netzwerkkultur erweist sich als eine, die Frauen attraktiv finden. Ich beobachte das mit großem Interesse und drücke alle Daumen 🙂

  15. Danke für den Blog-Eintrag zu Hannah Arendt – er hat mir klar geworden, warum ich Hannah-Arendt-Fan bin, mich aber mein Leben lang in irgendwelchen -istischen Gruppen unwohl gefühlt habe, obgleich ich, im Gegensatz zu Hannah Arendt, gerne etwas bewirken würde. Danke auch für den Link zu dem Interview mit Günter Gaus – das kannte ich bis jetzt noch nicht.

  16. „Erstens rückt sie die Frauen in eine defizitäre Rolle. Da wird dann gerne so getan, als würde man mit einer Quotenregelung den Frauen etwas Gutes tun, ihnen irgendwie „helfen“. Als hätten die Frauen irgendwelche Behinderungen, die ein gütiger Gesetzgeber auf diese Weise ausgleicht.“ Ja, das ist es, was mir an der Quote missfällt.

    Mich überzeugen die Argumente von @erz. Bei allem Für und Wider, eine „Anschublösung“ bringt Frauen rein in Führungspositionen. Sie müssen nicht sein wie die Männer, brauchen keine Netzwerke, können mit Feingefühl ihrem (Führungs-)Anspruch genügen. Strukturänderungen in Unternehmen wären die Folge. Das dürfte auch den Feministinnen gefallen.

  17. na, wir brauchen frauen überall in der gesellschaft, in der öffentlichkeit und in allen institutionen. unabhängig davon, ob diese institutionen wie alle anderen systeme sich mehr und mehr in den change-modus begeben müssen, weil sie wie sie sind, zur neuen realität nicht mehr passen. dafür ist für den übergang ne quote sinnvoll, wie die skandinavischen länder zeigen. wenn du nun schreibst:
    „Denn es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt notwendig sei, da hinein zu kommen, weil nur dort, in den Wirtschaftsunternehmen, Parteien, Universitäten die wahre, wirkliche, wichtige Welt sei. Als ob man nur dort etwas bewegen und verändern könnte.“, dann hört es sich so an, als wären frauen allein diejenigen, die für radikale veränderungen zuständig wären. wieso denn das? man kann doch die bestehenden systeme nicht einfach beiseite legen und ignorieren oder durch andere ersetzen, sondern sie müssen transformiert werden. das ist nicht ohne frauen möglich! und die überlebten systeme (institutionen, organisationen) sind AUCH, aber NICHT NUR patriarchalisch – wie dieser begriff eben auch nur ein merkmal der gesellschaft benennt, aber doch nicht alle!

  18. Hm, ich hatte gestern erst ein Gespräch mit einer Freundin von mir, und es ging darum, dass sich die Ungleichheit in erster Linie darin ausdrückt, dass bei Männern eine Vielfalt an Lebensstilen akzeptiert ist. Es gibt nicht „den“ Mann (allerhöchstens eine Subkultur, die in den MTV Jugendstudien „Sixpack“ genannt wird), aber einen Haufen an Erwartungen, wie eine Frau als Frau zu sein hat.
    Deswegen tue ich mich schwer mit deinem Satz „Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer“. Bei Männern sind nämlich unzählige Werte und Ambitionen (sowie Ambitionslosigkeit) akzeptiert. Der LebeMANN genauso wie der Karrieretyp (tatsächlich ist in der (Pop)Kultur der Lebemann, der gar kein Interesse an den Posten in der Gesellschaft hat und ganz allein „seinem“ Mann steht, ein weitaus stärkeres Motiv. Ob James Bond, Serge Gainsbourg, Bob Dylan). Bei Männern ist Individualismus positiv konnotiert, bei Frauen habe ich da nicht den Eindruck.

    Da ist schon das Problem, dass Innerfeministische Debatten in der Öffentlichkeit nicht oder kaum sichtbar sind. Die öffentliche Wirkung ist Feminismus=Alice Schwarzer= ein weiteres umfangreiches Regelset, wie Frau sich zu verhalten hat, um in ihrem Kreis akzeptiert zu werden. Das es mehr als nur einen Feminismus gibt, ist sehr, sehr wenigen Menschen klar.

    Langfristig muss, um eine echte Emanzipierung zu erreichen, die Möglichkeit für Frauen (und vor allen Dingen junge Frauen), sich selbst zu erfinden, gegeben sein.
    Das geht erst, wenn es nicht „dass“ Frauenbild gibt. Wenn Frauen in hierarchisch strukturierten Unternehmen oder Parteien an die Spitze kommen, dann sehe ich nicht, welche Probleme da gelöst werden.

    Im übrigen gibt es natürlich Piraten, die sich mit Geschlechter und Familienpolitik auseinandersetzen. Auch bei geringem Frauenanteil in der Partei kann eine Gruppe von vier Leuten (ganz ohne Parteiamt) einen Antrag ausarbeiten, der dann abgestimmt werden muss. Die Piratenpartei Berlin hat

    http://wiki.piratenpartei.de/BE:Antragskommission/2010-09-30_003_-_Parteiprogramm:_Geschlechter-_und_Familienpolitik

    beschlossen und auch in der Pressemeldung (http://berlin.piratenpartei.de/2010/10/23/pressemitteilung/) rausgegeben, und der selbe Antrag wird Ende November beim Bundesparteitag auch abgestimmt. Es arbeiten also Leute produktiv an mehrheitsfähigen Beschlüssen. Würde mich stark wundern, wenn der nicht angenommen würde. Also bitte weiter beobachten, es lohnt sich 🙂

  19. Ich finde Quoten sowieso verkehrt, ganz egal, wer durch sie begünstigt wird: Frauen, Migranten oder sonstwer. Erfahrungsgemäß werden durch sie die falschen Leute begünstigt, die kinderlosen Frauen, die alten Jungfern oder die hübschesten Mädels (eine Zeit lang zumindestens). Die wirklich benachteiligten ziehen aus Quotenregelungen keinen Nutzen, also die alleinerziehenden arbeitslosen Mütter, die migrantischen Frauen etc nicht.

    Wenn die Frauen nicht mitmachen, sind sie selber schuld, und wir fühlen uns hier auch ohne Frauen wohl, lasst uns mit dem genderfoo in Ruhe

    Diejenigen, die glauben, genderfoo sei eine gute Sache, müßten doch einmal Überzeugungsarbeit leisten, und junge Leute davon überzeugen, daß genderfoo eine gute Sache ist. Im Augenblick schreckt genderfoo ab. Das ist auch kein Wunder: genderfoo ist vernunftfeindlich, esoterisch und irrational (hauptsächlich, weil zuviele französischen Philosophen mitmischen, außerdem „feministische Wissenschaft“, feministische Sprachkritik), freiheitsfeindlich (Kopftuch- und Vergewaltigungsdebatten, konträre Position zur Netzsperrenthematik), außerdem zu laut, zu persönlich, zu fanatisch und zu dogmatisch. Und auch, daß Frauen nicht mitmachen, ist auch nicht ein so großes Problem. Es ist ja durchaus in Ordnung, daß die Piratenpartei partikulare Interessen vertritt, genauso wie eine Interessenvertretung für Frauen, Migranten, Busfahrer, Hebammen und Erzieher legitim ist. Und daß die Piratenpartei die Interessen von Frauen übergehen würde, ist lange noch nicht erwiesen.

    #1 (Stephanie):
    Ich fände es doch irrsinnig, wenn ein Verein nicht mehr das Anliegen verträte, für das er gegründet wurde, stattdessen sich nur noch darum kümmerte, Vorstandsposten durch Frauen zu besetzen.

    Feministinnenquote: Das ist unüberlegt. Da müßte doch geklärt werden, wer Feministinnen sind, und vor allen Dingen, durch was ihr Einfluß legitimiert ist, und wen sie vertreten.

  20. @Till – Mein Wunsch wäre, dass das nicht mehr die Alternative ist.

    @Lisa Rosa – nein, es ist nicht der einzige Faktor, aber ein grundlegender, der von den „revolutionären Männer“ traditionell gerne übersehen wird…

    @Incredibul – das was du schreibst, stimmt tendenziell. Aber viele Frauen haben auch die Art wie Männer „Individualismus“ verstehen, bei aller ihrer Vielfalt, kritisiert, z. B. Kritik an Freiheit verstanden als Autonomie und Unabhängigkeit. Also: Individualismus ja, aber nicht so, wie er in einem Großteil der männlichen Philosophie verstanden wurde, nämlich als Beziehungslosigkeit bzw. Abwehr/Verdrängung von Bedüftigkeit und Angewiesensein auf andere.

  21. Pingback: Antifeminismus – abschließende Betrachtungen « Ws Blog

  22. „So offensiv wie nie werden uns jene „Lumpen“ heute angedient. Frauen werden umworben, hofiert, geschmeichelt, gelobt als die Besseren, Fleißigeren, Klügeren. Als die, die die Wirtschaft wieder nach vorne bringen und den Parteien ein positives Image geben. Quote inklusive. Ich bin skeptisch.“

    Also, ich bin da nicht skeptisch ( mal abgesehen davon, dass ein Großteil der CSU offenbar gar nicht andienen wollte, sondern es war wohl eindeutig ein Vorstandsprojekt, von der Partei nicht geliebt ) – es fällt vor allem auf, dass diese Sorte von Anbiederung von denen durchgeführt wird, die von der Ausbeutung der großen Mehrheit von Männern (die ohne hohen Status ) in unserer Gesellschaft wesentliche Vorteile haben, ob es nun Grüne oder Christsoziale sind. Und Feministinnen, die in der politschen Praxis meines Erachtens schlicht als Lobbyisten für Frauen auftreten, scheinen auch nicht abgeneigt, solche Politik gegen Männer zu unterstützen, solange eben die „patriarchalen Dividenden“ von Frauen von diesen Konservativen weiter garantiert oder sogar ausgebaut werden.

    Die Frauen, die von der Quote profitieren, unterscheiden sich ja im übrigen auch gar nicht von den Männern, im Gegenteil.

    „Also: Individualismus ja, aber nicht so, wie er in einem Großteil der männlichen Philosophie verstanden wurde, nämlich als Beziehungslosigkeit bzw. Abwehr/Verdrängung von Bedüftigkeit und Angewiesensein auf andere.“

    Die Beziehungen werden doch wohl in der „männlichen Philosophie“ eher als faire „Vertragsbeziehungen“ autonomer Individuen auf Gegenseitigkeit konstruiert, verhandelbar und nicht naturgegeben, aber Bedürftigkeit und Angewiesensein absolut nicht verleugnend.
    Wie wäre denn der normal gesunde Mensch so bedürftig und angewiesen, dass er den anderen gleichzeitig ausgeliefert wäre? Solche Zustände hatten wir in der Geschichte ja oft, aber doch nie als natürlichen Zustand, sondern als staatliche/gesellschaftliche Repression …

  23. Ich finde das sehr spannend was du sagst. Mich würde aber interessieren ob du auch ganz konkrete Vorschläge hast, wie bestimmte Institutionen, Felder oder Praxen verändert werden können, um auch anderen Stimmen abseits der herrschenden Logik Gehör zu verschaffen.

    Alles woran ich denken kann ist eben auch sehr abstrakt und wohl eher Utopie…

  24. @Kratzbürste – Imho ist der beste Weg, wenn Frauen sich des Problems bewusst sind und ihre eigene Freiheit wichtig finden. Also überlegen, was sie selbst wollen und wie sie am besten darauf hinarbeiten. Meiner Erfahrung nach geht das am Besten, indem sie sich mit anderen Frauen austauschen und ihre Stärke aus diesen Beziehungen ziehen, was im italienischen Feminismus „Affidamento“ heißt (nach dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ des Mailänder Frauenbuchladens – http://www.antjeschrupp.de/vorwort_liberia.htm) . Bei einer Tagung letztes Jahr haben wir das unter dem Stichwort „Sichtbar und einflussreich ohne sich anzupassen“ diskutiert http://www.bzw-weiterdenken.de/2010/01/noch-einmal-sichtbar-und-einflussreich-ohne-sich-anzupassen/
    Das ist eher eine experimentelle Praxis als eine abstrakte Theorie für mich…

  25. „…dass wir eigentlich keine Frauenquote brauchen, sondern eine Feministinnenquote. Ich finde das inspirierend. Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen?“

    Das vorgebliche Ziel der Quote lautet ja, mehr Gleichberechtigung herzustellen. Meines Erachtens bedeutet eine Quote die Bevorteilung von Frauen.

    Könnten Sie mir darlegen, inwieweit Frauen tatsächlich benachteiligt werden?
    Sie müßten darlegen können, inwieweit ein geringer Frauenanteil in Institutionen auf Benachteiligung zurückzuführen ist. Nur wenn dies stichhaltig belegt ist, wäre es vertretbar, diese konkreten Benachteiligungen zu beseitigen. Können Sie denn konkrete tatsächliche Benachteiligungen benennen?

    Sind Sie zusätzlich für eine 40%-Männerquote in Frauenberufen?

    Meine letzte Frage betrifft den Punkt, woran Sie seriös feststellen wollen, wer eine „Feministin“ ist. Würde dies nicht auf eine Benachteiligung von echten Frauen hinauslaufen? Wie soll dieser Vorschlag denn in der Praxis aussehen, und wie ist er mit dem Grundgesetz oder unseren Wertvorstellungen vereinbar?

    Ich würde mich freuen, wenn Sie auf meine Fragen ernsthaft eingehen. Ich finde Ihre Überlegungen sehr verwunderlich.

  26. Ach, @James T. Kirk – ich frage mich langsam, ob Sie wirklich nicht in der Lage sind, sich in die Gedanken anderer Leute hinein zu versetzen. Die Idee, eine „Feministinnenquote“ einzuführen statt einer Frauenquote war eine Denkfigur, die ein strukturelles Problem deutlich machen sollte mit der Quote, und nicht eine Gesetzesinitiative meinerseits. Der Rest Ihres Kommentars bezieht sich nciht auf den Inhalt meines Beitrags.

  27. @Antje

    Widerspruch! Wurde oben schon einmal aufgeworfen, ich wiederhole gern noch einmal: Feministinnenquote? Was soll das sein? Was ist feministisch? Ich frage wegen Genealogie und so 😉

    Ich bin schon etwas verwundert, wie einfach (und für meine Begriffe unplausibel) das Gleichstellungsinstrument Quotierung abgewatscht wird, nur weil nicht „die richtigen Frauen“ davon profitieren (wenn überhaupt nennenswert Frauen davon profitieren). Es ist doch völlig klar, dass von solchen Maßnahmen immer auch diejenigen bevorteilt werden, die sowieso viele Privilegien genießen. Für mich allerdings kein Argument gegen Quote, sondern gegen ihre konkrete Ausführung. In einem neoliberal organisierten Staat wie die BRD ist es für mich nicht unlogisch, dass solche Antidiskriminierungsmaßnahmen ökonomisiert werden und am Ende doch die Kategorie „class“ an Bedeutung gewinnt (also in dieser Hinsicht schon privilegierte Frauen gefördert werden, statt genau die Frauen, die bisher an ihren Möglichkeiten gehindert wurden).

    Dass eine Quote in erster Linie nicht dafür gedacht war/ist Frauen als defizitär zu betrachten, sondern Chancengleichheit zu erhöhen und natürlich neben vielen anderen Maßnahmen eingesetzt werden muss, sollte mittlerweile auch zum Argumentationsrepertoire eines frauenpolitisch/geschlechterpolitisch interessierten Menschen gehören. Stattdessen wird in die Rhetorik der Konservativen und Reaktionären eingestimmt, die klar eigene, spezielle Interessen mit ihrer langweiligen, ungleichheitsfördernden und hinterwäldlerischen Gleichstellungspolitik verfolgen. Als ob das Quotierungseiapopeia der CSU und die konservative Affirmation von Frauenpolitik irgendwie gesamtgesellschaftliche, geschweige denn feministische Relevanz hätte.

    Sonst ist klar, dass Gleichstellung dahingehend Schwächen aufweist, dass sie per se keine Veränderung von Normen und Strukturen bzw. Machtverhältnissen im Blick hat, weswegen bestehende Instrumente darauf überprüft und verbessert werden müssen und ggf. individueller/punktueller eingesetzt werden könnten (wo sie auch wirklich eine Initialzündung sein können). Faktisch ist es aber nun mal eben so, dass soziale Ungleichheit in D groß geschrieben wird und das ewige Gelaber von Freiwilligkeit und „es muss sich was in den Köpfen ändern“ bisher nichts erreicht hat.

    Allerdings ist das Subjekt Frau für eine Quote mittlerweile sowieso nicht mehr hinreichend, da auch andere Kategorien wesentlich die Positionierung eines Menschen innerhalb der Gesellschaft sind. Also Quote für junge People (oder Men) of Colour, Muslime aus sozial schwachen Schichten, disabled women oder Transgender! Aber Intersektionalität ist ja so ein alter Hut, nicht wahr? 😉 Ich frage mich manchmal, wo deine intersektionalen Perspektiven bleiben, wenn das Thema doch angeblich seit Jahrzehnten Konsens auch im weißen Mittelschichtsfeminismus außerhalb des unfähigen, elfenbeinturmisierten akademischen Kontextes ist…

  28. @lantzschi – Naja, eine Quote für „junge People (oder Men) of Colour, Muslime aus sozial schwachen Schichten, disabled women oder Transgender“ ist in Realpolitik ja wohl mindestens so unrealistisch wie eine Quote für Feministinnen :)) –

    Und: Dass eine Quote nicht „dafür gedacht ist, Frauen als defizitär zu betrachten“ ändert nichts daran, dass sie es faktisch tut (wie man in dem Beitrag von Miriam Meckel ja glasklar sieht). Das Argument ist so ähnlich gebaut wie das alte patriarchale, dass die Zuordnung der Frauen zu Mutterschaft und Haushalt ja auch nicht „dafür gedacht“ wäre, sie als defizitär zu betrachten (Stichwort: Unterschiedlich, aber gleichwertig). Behaupten kann man eben viel, man muss aber doch schauen, was in der Realität tatsächlich passiert. Ich will ja gar nicht sagen, dass es nicht vielleicht ein möglicher Weg sein kann, bestehende Gleichstellungsinstrumente wie die Quote zu verbessern. Dann frage ich mich aber, wo zum Beispiel die gesellschaftliche Debatte darüber, warum die Quote bei den Grünen bisher nicht funktioniert hat, geführt wird. Soweit ich es mitbekomme, wird sie einfach als Erfolgsinstrument verkauft, obwohl sie imho in der Praxis eben kein Erfolgsinstrument war.

  29. „Dass eine Quote in erster Linie nicht dafür gedacht war/ist Frauen als defizitär zu betrachten, sondern Chancengleichheit zu erhöhen und natürlich neben vielen anderen Maßnahmen eingesetzt werden muss,…“

    Hm – aber genau das tut die Quote ja nicht: die Chancengleichheit erhöhen. Die Quote erhöht die Chancen von wenigen jungen Frauen ganz dramatisch und senkt die von vielen jungen Männern genauso drastisch ab.

    Typischer Fall , wo Quotierungen stattfinden, ist doch, dass z.B. auf zwei Stellen sich 8 Männer und 2 Frauen bewerben, was heisst, dass letztendlich 8 junge Männer sich um eine Stelle bemühen müssen, und genauso 2 junge Frauen um eine Stelle konkurrieren müssen.
    Die Chancen der Frauen, eine Stelle zu bekommen, sind 1/2, die der Männer nur 1/8, und das auf Grund der Quotierung von 50 %.

    Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun, zumindest nicht, wenn man möchte, dass jeweils zwei Individuen die gleichen Chancen haben.

    Wenn man aber kollektivistisch vorgeht, a la, „den Frauen stehen 50 % der Machtfunktionen in Staat und Gesellschaft“, dann kann man Quoten zwar als Weg zur Chancengleichheit auffassen – andererseits fragt man sich, wieso die innerweibliche Konkurrenz um diese Stellen so gering ist, wie sie offenbar ist.

    Eventuell ist ja die Antwort gar nicht, wie Frau Schrupp suggeriert, dass Frauen von den männlich geprägten Institutionen nichts wissen wollen, sondern dass Frauen sich in der Mehrzahl und ganz im Gegenteil hinreichend vertreten fühlen !

  30. Achja: Zur Bestimmung von „Was ist feministisch“ gilt dasselbe wie bei allem anderen (Color, sexuelle orientierung usw.): Selbsteinschätzung. imho.

  31. *räusper* apropos Intersektionalismus: Wäre es möglich den Abschnitt der die Gleichung „Behinderung = Defizit“ aufmacht (jedenfalls meiner Lesart nach), etwas weniger problematisch zu formulieren? Ich mag nämlich nicht so sehr als defizitär angesehen werden. 😉

    Zum Rest den Artikels:

    Die Argumentationslinie, das die Quote als Allheilmittel gepriesen wird, obwohl sie nur ein Werkzeug mit begrenzter Reichweite ist, halte ich für sehr gut.

    Was ich dann aber nicht wirklich verstehe warum, die Quote dann quasi als unnütz abgetan wird. Das liest sich für mich sehr nach dem „entweder-oder“-Prinzip gedacht.

    Also entweder löst die Quote alle Probleme oder sie ist völlig unbrauchbar.

    Viel sinniger wäre es doch anhand praktischer Beispiele genau hinzuschauen wo die Quote funktioniert und wo nicht und sich dann Alternativen zu überlegen.

  32. @Cassandra – ich möchte auch nicht als defizitär angesehen werden, deshalb ja der Artikel 🙂 – Nein, als Entweder-Oder sehe ich die Fragestellung auch nicht. Aber ich finde das Thema auch nicht richtig beschrieben, wenn man es so sieht, als sei die Quote ein Anfang und in mancherlei Richtung hilfreich, nur dass sie aber nicht überall „richtig“ oder konsequent angewendet wird und dass eben noch andere Maßnahmen hinz kommen müssen. So wie es in den meisten Kommentaren ja gesehen wird. Also: Auf einem Weg von 100 Metern hilft uns die Quote halt nur über 30 Meter hinweg, aber das immerhin.

    Ich hingegen bin der Meinung, dass die Quote zwar positive Seiten hat, aber eben gleichzeitig auch negative (also in dem Sinne, dass sie uns zwar vllt 30 Meter weit bringt, aber nicht unbedingt in die Richtung, in die wir wollen). Von daher stimme ich deinem letzten Satz 100 Pro zu. Allerdings sehe ich nicht, dass das gegenwärtig passiert. Die Leute sind entweder pauschal gegen die Quote, oder sie sind dafür und tabuisieren das Gespräch über das Negative der Quote. Es wird quasi zu einer Bekenntnisfrage, und allein das macht mich schon skeptisch.

  33. Ist nicht statistisch nachgewiesen, dass jene Länder, die die Quote eingeführt haben in sämtlichen Gender-Statistiken besser abschneiden – und (!) gleichzeitig auch zu den wohlhabendsten Ländern gehören?
    Es geht einfach um die konsequente Anwendung des Begriffes Chancengleichheit. Wer nach dem Begriff „Gender Equality and Economic Growth“ googelt findet eine sehr interessante schwedische Studie dazu.

    Joachim

  34. Sehr geehrte Frau Schrupp,

    vielen Dank für Ihre Antwort. Ich kann Sie beruhigen. Ich bin sehr gut dazu in der Lage, die Gedankengänge von anderen Menschen zu verstehen. Dies führt auch dazu, daß ich besonders gut Widersprüche und Inkonsistenzen in den Argumentationen anderer Menschen wahrnehme.

    Ich habe Ihnen nirgends unterstellt, daß Sie eine „Gesetzesinitiative“ bezüglich einer Feministinnenquote vorhaben. Sie schreiben:„Wie wäre es, wenn wir dafür kämpfen, dass nicht irgendwelche Frauen quotiert werden, sondern Feministinnen? Frauen also, die nicht einfach nur gleiche Rechte und Möglichkeiten wollen wie die Männer, sondern solche, die die von Männern geschaffenen Institutionen kritisch und aus einer weiblichen Erfahrung heraus hinterfragen und verändern wollen?“

    Dies hört sich recht ernst an, nicht bloß wie eine Denkfigur. Bei diesem Zitat würde mich interessieren, warum Sie betonen, daß bestimmte Institutionen von Männern geschaffen wurden. Inwieweit ist dies irgendwie von Bedeutung? Für mich hört sich diese Formulierung pejorativ an, also abwertend. Ich habe hier den Eindruck, daß Sie etwas konstruieren, das man auch hinterfragen kann.

    Am Schluß sagen Sie, daß sich der Rest meines Kommentars nicht auf Ihren Beitrag bezieht. Wieso? Sie fordern doch eine Quote, weil Sie der Überzeugung sind, dies habe etwas mit dem Ziel der Gleichberechtigung zu tun. Dies ist aus meiner Sicht ein Fehlschluß. Eine Quote bedeutet die Bevorteilung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Dies ist eine Form von Sexismus.

    Deshalb habe ich Sie auch so deutlich gefragt, wo Sie denn reale Benachteiligungen von Frauen sehen. Sie müssen doch erst einmal reale Benachteiligungen benennen. Wenn diese stichhaltig belegt sind, sollte man diese beseitigen. Meiner Meinung nach allerdings nicht mit einer Quote, da diese dem Ziel der Gleichberechtigung entgegensteht.

    Wo sehen Sie beispielsweise Benachteiligung von Frauen in der CSU? Wo in der Wirtschaft? Ich kann hier keine Benachteiligung erkennen.

    Es würde mich sehr interessieren, ob Sie männliche Kindergärtner, Grundschullehrer oder Krankenpfleger für benachteiligt halten. Würden Sie für diese eine Quote befürworten? Wie würden Sie eine Benachteiligung oder Quote begründen? In Ihrem Artikel gehen Sie doch davon aus, daß es ein Problem bedeutet, wenn in bestimmten Institutionen nur wenig Frauen oder Feministinnen vertreten sind.

    Ich denke, diese Fragen sind gerechtfertigt, da Sie hier zwar angebliche Probleme einer Quote diskutieren, aber doch ganz offensichtlich eine Quote befürworten, ob nun für Frauen allgemein oder nur für Feministinnen. Deshalb interessiert mich sehr, wie Sie Ihre meiner Meinung nach widersprüchlichen Auffassungen begründen.

    Ihr Text ist auch von einer pejorativen Haltung gegenüber Männern geprägt, da Sie der Auffassung sind, Männer seien offenbar nicht in der Lage, etwaige Mißstände in Institutionen oder Gesellschaft zu beseitigen. Schon ob ihres Mannseins. Männer als ganzes seien für diese Mißstände verantwortlich. Das Problem ist also das Mannsein, nicht etwa bestimmte Formen der Destruktivität, die von allen Menschen, egal ob Mann oder Frau, beseitigt werden können. Sie gehen offensichtlich davon aus, daß die vorhandenen Mißstände nur von Frauen oder „feministischen“ Frauen beseitigt werden können. Darauf laufen Ihre Ausführungen hinaus. Sind Sie sich dessen bewußt?

    Auch wenn dies jetzt etwas viel war, würde ich mich freuen, wenn Sie ernsthaft auf die aufgeworfenen Fragen eingehen würden. Ich bin wirklich an einer Antwort bzw. Darlegung interessiert, da ich häufig über die offenen Widersprüche in feministischen Anschauungen erstaunt bin.

  35. @James T. Kirk – Ja, es ist keine Denkfigur, sondern eine Idee, und die finde ich eben gut. Warum, erschließt sich aus meinem Blogpost.

    Ich betone, dass Institutionen von Männern für Männer geschaffen wurden, weil ich der Meinung bin, dass sie aus genau diesem Grund möglicherweise nicht für Frauen passen. Sie orientieren sich an einer männlichen Norm, die aber für Frauen keine Geltung beanspruchen kann. Deshalb kommt es imho nicht darauf an, Frauen in diese Institutionen hineinzubringen, sondern die Institutionen den Wünschen von Frauen gemäß zu verändern. Ja, ich bin der Meinung, dass Männer ohne die Auseinandersetzung mit Frauen dazu nicht in der Lage sind, aber das ist keine Abwertung von Männern, sondern einfach nur Folge meiner Überzeugung, dass im politischen Prozess alle Menschen mit ihrer eigenen Stimme sprechen sollten und niemand beanspruchen kann, besser zu wissen, was für die andere gut ist. Das natürlich auch noch in Kombination mit der Tatsache, dass es historisch ein verbreitetes Argument von (Ehe)_Männern und Vätern war, Frauen eine politische Stimme zu verweigern: Dass sie doch an deren Stelle entscheiden und urteilen würden. Diese Anmaßung zurückzuweisen ist keine Abwertung von Männern.

    Ja, ich sage, dass der Rest Ihres Kommentars sich nicht auf meinen Blogpost bezieht, ebenso wie dieser Kommentar jetzt auch wieder. „Sie fordern doch eine Quote“ schreiben Sie. Was der Beweis dafür ist, dass Sie meinen Blogpost nicht wirklich gelesen haben können, denn ich tue darin alles Mögliche, aber ganz gewiss nicht eine Quote fordern.

    Weitere Kommentare, die in dieselbe Richtung argumentieren, werde ich nicht freischalten.

  36. Guter Text 🙂

    Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das Beispiel der 50 Prozent-Quote passend ist. Das geforderte Umdenken wird sich logischerweise nicht so schnell einstellen wie die statistische Gleichverteilung von Frauen und Männern in Führungspositionen.
    Aber sind 30 Jahre für eine Veränderung dieser Größenordnung wirklich ein angemessener Bewertungszeitraum? Ist das nicht etwas zu.. naja.. sportlich?

  37. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Hilfe, mein Hirn stirbt!

  38. @Antje Schrupp

    Erst ist die „Feminstinnen-Quote“ eine Denkfigur, dann stattdessen eine Idee, die sie eben einfach gut finden. Ehrlich gesagt erschliesst sich mir nicht, weshalb das eine gute Idee sein soll. Mal von der Schwierigkeit eine „Gesinnung“ festzustellen abgesehen, schliessen sie damit die Männer kategorisch aus.

    Die Kritik von T. Kirk finde ich treffend. Weshalb denken Sie, dass Männer die bestehenden wirtschaftlichen Modelle / Zwänge nicht hinterfragen, ändern könnten? Es gibt viele Beiträge zu neuen Wirtschaftsformen, die von Männern stammen oder Beispiele von unangepassten Figuren. Wenn schon müssten Sie eine Quote der „unangepassten“ fordern – unabhängig vom Geschlecht.
    Oder meinen sie mit den wünschenswerten Veränderungen von Institutionen vordergründig Dinge wie bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc? Dann wäre vielleicht eine Elternquote hilfreicher als eine Feministinnenquote.

    Dass Institutionen sich an männlichen Normen orientieren würden, die für Frauen keine Geltung hätten halte ich für eine sehr gewagte Behauptung. Abgesehen von den Fallstricken in die man sich schon bei den Kategorien von „männlichen“ und „weiblichen“ Normen hinein begibt (was sind das denn bitte?), sind die Institutionen in den westlichen Demokratien doch unter Beteiligung und Legitimierung von Männern und Frauen entstanden.

    Was die von T.Kirk behauptete und von Ihnen bestrittene Abwertung von Männern betrifft: Ich teile ihre Ansicht, dass man nur die Interessen seines eigenen Geschlechts vertreten könne nicht. Analog dazu müssten Ihnen z.B. die hohe Prozentzahl an Frauen in Lehrberufen ein Dorn im Auge sein. Nach dem Motto: „Wie kann eine grosse Mehrheit weiblicher Erzieherinnen die Interessen von Knaben berücksichtigen“? Selbst wenn es zutreffen sollte, dass Mann und Frau gegenüber einander blind sind (was ich bis auf gewisse blinde Flecken durch verschiedene Erfahrungen verneinen würde), selbst dann wäre ein Quote ein Widerspruch in ihrer Argumentation. So schreiben sie doch weiter unten:

    „…einfach nur Folge meiner Überzeugung, dass im politischen Prozess alle Menschen mit ihrer eigenen Stimme sprechen sollten und niemand beanspruchen kann, besser zu wissen, was für die andere gut ist“
    Mit einer Quote beanspruchen sie aber genau das: es besser zu wissen. Sie schreiben dadurch eine Partizipation vor, anstatt jeden selbst sprechen und handeln zu lassen.

    Aber unabhängig von dieser Argumentationslinie ist eine Quote m.E. ungerecht. Andreas hatte es z.B. an einem kleinen Rechenbeispiel aufgezeigt, auf das Sie leider nicht eingegangen sind. Der prinzipielle Fehler der Quote ist m.E. die Vorstellung von den zwei Geschlechtern als zu jeweils einer Art Gesamtheit verschmolzenen Personen. (Vermutete) Ungerechtigkeiten werden dann zwischen diesen beiden „Persönlichkeiten“ ausgeglichen. Diese Art von „Gleichberechtigung“ basiert aber auf einem nicht existenten gedanklichen Konstrukt. Dem von „den Männern“ und „den Frauen“. Dies sind keine Personen mit Anspruch und Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Und das Ausgleichen von vermeintlichen Benachteiligungen auf dieser Ebene führt keineswegs zu Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit. Wenn wir den Frauen eine Quote für Kaderjobs geben, mit der Begründung es gebe noch strukurelle Benachteiligungen oder die Pflege- und Erziehungsarbeit liege immer noch mehrheitlich bei den Frauen, dann schafft das keineswegs mehr Gerechtigkeit. Eine junge, kinderlose Frau aus gutem Hause profitiert dann von der Quote während z.B. ein Mann mit Kind aus armem Haus es noch schwerer hätte, den Job zu bekommen. So fraglich es schon ist, Ungerechtigkeiten zwischen zwei Individuen aufzurechnen, so unmöglich wird das Unterfangen, wenn es sich um ganze Gruppen von Menschen handelt, die nur das jeweils gleiche Geschlecht miteinander teilen. Hier kann durch so ein „Aufrechnen“ leicht noch mehr Ungerechtigkeit entstehen.

    Gleichberechtigung muss auf das Individuum fokussiert sein und gerade hier verletzt die Quote dieses Gebot, da sie einen Einzelnen des Geschlechts wegen bevorzugt oder benachteiligt. Also anstatt für eine Quote für bessere Akzeptanz von Teilzeitarbeit etc. einstehen.

  39. @Antje Schrupp
    Ja, ich hab ihren Artikel durchaus gelesen, auch dass sie die „handelsübliche“ Quote keine besonders gute Idee finden. Die (auch schon von anderen aufgegriffenen) Kritikpunkte sind deswegen aber nicht obsolent und schliesslich träfen sie ja auch auf die Idee der Feministinnen-Quote zu (mir ist natürlich klar, dass dies eher ein Denkanstoss war, denn ein reales Vorhaben). Daher fände ich persönlich es durchaus interessant, was sie zu solchen Kritikpunkten sagen.

    Sie schliessen ihren Beitrag mit der Aussage, sie hätten Verständnis dafür, dass Frauen gerne von Privilegien profitieren würden. Verständnis, im Sinne der Nachvollziehbarkeit eines solchen Wunsches aus einer auf den eigenen Vorteil bedachten Sichtweise, habe ich natürlich auch. Genauso wie ich „Verständnis“ habe für Männer, die sich Privilegien zu sichern versuchen. Oder Banker oder Ärzte etc. Befürworten würde ich das aber in keiner Weise. Und der Hinweis, frühere Geschlechtsgenossinnen seien lange unterprivilegiert gewesen, kann natürlich keine Privilegien in der Gegenwart legitimieren.

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