Gleichheit ist kein Ziel

„Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit“ – über diesen Slogan, den der Deutsche Frauenrat ausgewählt hat, um das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentags zu feiern, ärgere ich mich ziemlich.

Gleichheit? In Bezug auf wen denn? Und in Bezug auf welche Norm?

Wenn überhaupt, kann Gleichheit nur in einem konkreten Kontext eine sinnvolle Forderung sein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in einem Betrieb zum Beispiel. Oder: gleiche Bewertungskategorien und Chancen in einem Zugangsverfahren. Gleichheit an sich ist aber kein sinnvolles Ziel.

Historisch hatte die Forderung nach Gleichheit (der Frauen mit den Männern) vielleicht eine gewisse Berechtigung, weil früher – lange ist’s her – die Diskriminierung von Frauen mit deren angeblicher „natürlicher“ Ungleichheit gerechtfertigt wurde. Und schon damals gab es viele Einwände kluger Frauen gegen diese rein strategische und reaktive Argumentation.

Denn die Sache mit der Gleichheit hat ja einen Haken: Sie bedeutet nämlich, dass man nichts anderes und auch nicht mehr wollen darf, als die Leitkultur vorgibt. Ich will das aber. Gleichheit? Nein Danke.

Was wir als Prinzip und politischen Maßstab brauchen, das ist nicht Gleichheit, sondern Freiheit und Gerechtigkeit. Gerade die Gerechtigkeit ist aber selbst ein gutes Beispiel für den Schaden, den das abstrakte Reden über Gleichheit anrichten kann. Gerechtigkeit bedeutet ja, einer bestimmten Situation und den Menschen darin gerecht zu werden. In den Köpfen vieler Menschen hat sich aber längst die Gleichheit an die Stelle der Gerechtigkeit gemogelt. Es wird geglaubt, wenn etwas nicht gleich behandelt wird, sei das automatisch ungerecht. So können dann Reiche meinen, sie würden „ungerecht“ behandelt, wenn sie mehr Steuern zahlen sollen als Arme. Aber Ungleiche gleich zu behandeln, das ist ungerecht. Die abstrakte Rede von der Gleichheit stabilisiert nur allzu oft ungerechte Verhältnisse (und ist auch nicht zufällig das Lieblingsargument von Maskulinisten und Frauenhassern).

Eigentlich, eigentlich müssten wir, postmodern und diversitybewusst wie wir doch inzwischen angeblich sind, das alles längst wissen. Trotzdem geht leider keine frauenpolitische Veranstaltung vorbei, in der nicht das Mantra der Gleichstellung gesungen wird und wie sehr wir die brauchen. Inzwischen bin ich etwas frustriert, weil selbst wenn ich dazu kritische Bemerkungen mache, dringt es irgendwie nicht durch. Es wird mir versichert, das sei doch nicht so gemeint. Man schätze natürlich die Vielfalt, und keineswegs seien die Männer die Norm. Ist das so?

„Sie rauchen wie Männer, saufen wie Männer und sie können auch fluchen wie Männer. Auf den ersten Blick scheint das Leben der Frauen von Dagenham im Jahr 1968 schon ziemlich selbstbestimmt“ – dieser Satz steht allen Ernstes im aktuellen Missy Magazin (es geht um den Film „We want Sex“ über den Kampf englischer Ford-Arbeiterinnen für gleiche Löhne). Ach, aber Männer sind nicht die Norm?

Natürlich sind die Männer die Norm, machen wir uns doch nichts vor. Und das ist unser Problem, nicht die Ungleichheit. Das Gleichheitsmantra hat den leicht durchschaubaren Zweck, dass diese Norm auch ja nicht in Frage gestellt wird – in der Geschlechterfrage nicht und auch sonst nirgends.

Kleine Randbemerkung: Ich behaupte, dass die meisten so genannten „Gleichstellungsbeauftragten“ sich im wirklichen Leben überhaupt nicht mit Gleichstellung beschäftigen, sondern mit Differenzvermittlung. Diese wichtige Arbeit unter dem Begriff „Gleichstellung“ zu subsumieren, führt uns aufs falsche Gleis und erstickt jede systemverändernde Relevanz im Keim.

Deshalb bin ich der Meinung, wir sollten nicht länger Gleichheit und Gleichstellung fordern, sondern diese im Gegenteil zurückweisen. Ich für mich sage jedenfalls ganz klar: Nein, ich will nicht gleichgestellt werden. Ich will frei sein und in gerechten Verhältnissen leben.

Eine ideale Welt, wenn ich mir eine wünschen könnte, sähe so aus: Alle Menschen tun das, was sie tun wollen, für wichtig halten und als notwendig erkennen. Sie tauschen sich mit anderen aus, sie streiten auch über das, was gut und sinnvoll ist, aber sie akzeptieren keine Norm. Die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, nehmen sie als Ressource und als Bereicherung wahr, als gegenseitige Inspiration und Herausforderung. Dabei sorgen sie für möglichst gerechte Verhältnisse, die den Einzelnen keine unnötigen Steine in den Weg legen und schon gar nicht ganze Gruppen diskriminieren. Und sie versuchen auch selbst, den Menschen, mit denen sie es jeweils zu tun haben, gerecht zu werden.

Wie gleich oder ungleich diese Menschen dann am Ende sind, werden wir ja sehen. Aber es ist eigentlich auch vollkommen egal.

PS: Dank an die Mailingliste „Gutes Leben“, bei deren Treffen im Februar wir einen Vormittag lang über dieses Thema ziemlich kontrovers diskutiert haben.


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46 Gedanken zu „Gleichheit ist kein Ziel

  1. Die Frauenbewegung konnte sich – als Zielsetzung für junge Frauen – sicherlich auch gerade deshalb nicht erhalten, weil darunter letztlich ein „Sein, wie Männer sind“ verstanden wurde. Bedauerlicherweise wird das bis heute nicht ausgiebig diskutiert und gedanklich revolutioniert.

  2. @AntjeSchrupp:

    „und ist auch nicht zufällig das Lieblingsargument von Maskulinisten und Frauenhassern“

    Das ist nur das Argument von dummen Frauenhassern – das Argument von klugen Frauenhassern geht dahin, dass auf Grund der mittlerweile überbordenden strukturellen und persönlichen Vorteile von Frauen gegenübern Männern in unserer Gesellschaft Frauen unvorteilhafte charakterliche Adaptionen entwickeln, so, wie etwa die Adligen des ancient regime oder des Mittelalters ganz oft widerwärtige Typen waren, wenn auch sicher nicht alle der Korruption durch Macht und Geld verfielen.

    Ist das über Adligenhass oder Frauenhass? Wir wissen ja, dass der Adlige nur durch seine Machtfülle korrumpiert wurde – deswegen finden wir ihn aber nicht weniger unangenehm.

    Na ja, Scherz beiseite !

    „Eine ideale Welt, wenn ich mir eine wünschen könnte, sähe so aus: Alle Menschen tun das …

    Bei dem, was auf obiges Zitat folgt, fällt auf, dass man das auch ganz alleine tun kann, dazu müssen gar nicht alle Menschen mitmachen.
    Ebenso frage ich mich – was hindert denn Dich daran, dass mehr, welches Du willst, einfach anzustreben und umzusetzen?

  3. @AntjeSchrupp:

    Genau – weil nämlich das Mehr-wollen-dürfen ein Prinzip der eigentlich doch ziemlich freien und gerechten „männlichen Leitkultur“ ist, deswegen hindert Dich nichts daran. Schade, dass es Dir so schwer fällt, das anzuerkennen.

    Wenn denn dann Deinen Schwestern im Geiste leider doch die quer liegenden nicht integrierbaren Ideen fehlen, ist das eigentlich ein bißchen schade, mehr aber auch nicht, finde ich … na ja, ich kann leider Deinen ziemlichen Ärger nicht nachvollziehen. Bin halt ein Mann 😉 …

  4. Worauf willst du hinaus? Befürwortest du Ungleichbehandlung von Frauen und Männern z.B. Bevorzugung von Frauen durch Quoten und Benachteiligung von Männern durch „positive“ Diskriminierung?

  5. @Rene – Nein, sowas muss man eh von Fall zu Fall entscheiden. Ich will nicht auf mehr raus, als auf das, was ich in dem Text schreibe: Dass „Gleichheit“ und „Gleichstellung“ die falschen Begrifflichkeiten sind.

  6. @Rene – Ja, so ungefähr. Gleichberechtigung ist der Anfang, außerdem brauchen wir eben noch Freiheit und Gerechtigkeit (beide haben noch mehr Voraussetzungen als nur die gleiche Rechte)

  7. @Annette – nicht prinzipiell nicht 🙂 – in dem Fall: Bin ganz einverstanden mit dem, was du schreibst, und erkannte darin auch keine Frage. Also wusste ich nicht, was ich hätte schreiben sollen!

  8. Gleichberechtigung, Freiheit und Gerechtigkeit, wie wirkt sich das auf die Kunstszene aus?

  9. @ Antje: Mir war nicht klar, daß Du nur auf Fragen reagierst – aber, schweigen ist Zustimmung, so gesehen, alles okay. Hoffe, Du wirst auch kommentieren, wenn einer meiner spärlichen Inhalte Deine Vorstellungen nicht deckt.

  10. Es lebe der Unterschied, und das ist auch gut so, denn sonst würde es sehr langweilig.
    Der Wunsch nach Gleichberechtigung und Freiheit, in der Keiner über einen Anderen Macht ausübt, und dabei gleichzeitig unterschiedlich Sein dürfen, das wäre geregelte Anarchie. Utopie oder ist der „neue Mensch“ auf dem Weg, sich diese Lebensform an der Basis zu schaffen, wie das Prof. Dueck sieht?

  11. @Annette, ich habe damals den Beginn der sog. Frauenbewegung mit-erlebt;
    und seitdem lebe ich bewusst als Frau. Du kannst daraus sehen, was ich meine:
    (Frauenbewegung) leben ist kein Ziel, das SICH erhält, sondern ICH lebe frei in all meinen“Bewegungen“ und vor allem ist mir das daraus wichtig geworden, frei zu sein von Maßstäben bzgl. anderer Menschen!
    „Sein wollen, wie Männer sind“… das ist nun wirklich kein Inhalt der Frauenbewegung (gewesen)!
    Gleichen Lohn, gleiche Chancen, gleiche MenschenRechte haben wollen…, das ist aber ein ganz anderes Thema; ist wichtig aber unendlich viel weniger als „die Frauenbewegung“.
    Ich fürchte, Ihr „jungen Frauen“ habt den Medien folgend (die EMMA und somit) Alice Schwarzer als spätes Sprachrohr „der Frauenbewegung“ angesehen bzw. gelesen…

  12. @ Fidi, nun, was Du schreibst, ist ein individuellerer Blick auf die Frauenbewegung bzw. auf das, was man als Frau daraus für sich herausholen kann, und was einen sicherlich stärkt fürs eigene Leben. Jedoch, prinzipiell, kollektiv, ging es ums Gleichsein. Gleicher Arbeit gleicher Lohn, gleiches tun können wie Männer, privat und beruflich – es bezog sich immer alles auf „männliches Leben“ und von dort wurde der Maßstab genommen.
    Frei zu sein von Maßstäben anderer Menschen ist überhaupt kein Ziel, das lediglich von der Frauenbewegung für Frauen gepachtet wäre, sondern es ist ein Grundgedanke für jeden denkenden, reflektierenden Menschen, egal, welchen Geschlechts.

    Übrigens, wie kommst Du auf die Idee, mich bei „jungen Frauen“ zu verorten? In den 70ern war ich auch schon da, jedoch, das teilweise sehr sektiererische der Frauenbewegung stieß mich vielmals ab, und für mich galt das persönliche „Freiheitsprinzip“ damals schon, was auch beinhaltete, mich von mental eng ausgerichteten Emanzen, die nichts anderes im Kopf hatten, als gemeingültige Parolen (beispielsweise „Mein Bauch gehört mir“) vor sich herzutragen, fernzuhalten.

  13. @ Dr. Martin Bartonitz
    Es gibt noch weitere solch dümmlich-dreisten Unterschiede, zum Beispiel: „Frauen sind fleißig, Männer klug“.
    Ich find, mit all diesen Kategorien sollte man nicht länger um sich schmeißen. Männer sind emotional sehr gut drauf, wenn sie es sich gestatten und etwas daran arbeiten, ihre Gefühle nicht negativ zu bewerten, und Frauen haben ja durchaus was im Hirn.
    Analytische Höchstleistungen sind alle männlich? Never ever.

  14. @Annette – Ich denke, die Frauenbewegung war sehr uneinheitlich und ist es ja auch heute noch. Es kommt drauf an, wo man sich verortet. Dass es nie ein einheitliches Programm gegeben hat, darin sehe ich einen großen Vorteil und nicht eine Schwäche, wie viele. Die Frauenbewegung ist eben keine „Partei“. Zum Glück.

  15. @ Antje
    Ja, so sehe ich das auch. Und glücklicherweise finden auch junge Frauen heute ihre eigenen Wege, als Frau zu leben. Es ist gut, daß diese Bewegung letztlich NICHT verkrustete, auch, wenn das immer wieder gerne behauptet wird. Veraltetes, überholtes, nicht mehr notwendiges, wird modifiziert, weiterentwickelt… und so soll das ja auch sein, ein lebendiger Prozess. Der Blick auf die Frau, als Teilhabewesen dieser Gesellschaft, ist gelungen. Was will man mehr?

  16. Das Unbehagen, ja den Ärger angesichts dieses Plakates teile ich. Dennoch bringt einen die differenziertere Sicht, für die Antje Schrupp steht und die sie fordert, in der konkreten Politik immer wieder in Dilemma-Situationen. Ich will, dass der Zugang zu Führungspositionen für Frauen und Männer nicht nur auf dem Papier, sondern faktisch gleichberechtigt möglich ist. Aber ich will auch, dass die „Führungskultur“ sich ändert, z.B. dass es möglich wird auch in Teilzeit Führungsstellen zu bekleiden. Ja, mehr noch: Ich will, dass Identität sich nicht nur über Erwerbsarbeit realisieren lässt und ich sehe hier in „traditionellen“ Lebensformen von Frauen Potential, die zu entdecken sind, ohne dass sie als „weibliche“ naturalisiert werden. Das ist alles verdammt schwierig in schlichte „Slogans“ zu packen. Genau darin liegt das Problem. Ich will kein (traditionelles) „Männer“-Leben für alle, aber ich will auch nicht hinnehmen, dass Frauen von bestimmten Positionen ausgeschlossen bleiben. Schlicht: Ich will die Emanzipation auch des Mannes. Aber ich sehe auf dieser Seite wenig (erkannten) Leidensdruck. Den müssen wir erzeugen.

  17. @Melusine – Lernt man denn unter Leidensdruck? Ich bin nicht so sicher. Ich denke eigentlich, man lernt eher an guten Beispielen. Freiheit ist ansteckend, sagt Luisa Muraro mal. Ich denke, auch Männer können sich da anstecken.

  18. @Annette – Ja, der Blick auf die Frau ist gelungen, aber man sieht nicht genau, was sie da macht. Weil das, was Frauen tun, immer noch in den „alten“, patriachalen Begriffen und Strukturen interpretiert wird (zum Beispiel eben „Gleichheit“). Das ist ein kulturelles Problem, weil man dann dauernd falsch plant und aneinander vorbeiredet. Und das führt dann zu den Dilemmata, von denen Melusine spricht. Deshalb denke ich schon, es lohnt sich, zu verändern wie wir über Frauen und das, was sie tun und wollen, reden und nachdenken und schreiben.

  19. @Antje Ich glaube leider, dass es ohne „Leidensdruck“ nicht gehen wird. Diese Einschätzung ist auch autobiographischen Erfahrungen geschuldet. Es geht mir dabei eher weniger um „Bestrafung“ als darum, Wertschätzung anders zu verteilen. Männer sollten schon deutlicher spüren, dass ein Vater, der „nur“ Geld verdient, nicht sehr geachtet wird, dass Karriere nicht notwendig mit hoher Wertschätzung verbunden ist, wenn soziale Kompetenzen fehlen, dass wer sich an unentgeltlichen Arbeiten nicht beteiligt auch keine Solidarität erwarten kann. Im übrigen haben Männer ja „Leidensdruck“ – gesundheitlich und sozial, sie können ihn sich nur nicht gut eingestehen. Da geht es darum, Bewusstsein zu erzeugen: Warum ist unsere Lebenserwartung kürzer, warum sind wir so oft einsam, warum haben wir keine Freunde, zu denen wir ehrlich sein können? Zum Beispiel. Nein, ich glaube, nichts wird sich bewegen (außer schönen Worten), solange die meisten Männer im Grundsatz zufrieden sind mit dem Zustand wie er ist. (Und Deutschland ist da, auch was „Männer-Bewusstsein“ angeht, ganz weit hinten.)

  20. @Melusine – Ich denke nicht, dass man das Bewusstsein anderer Leute verändern kann. Was man aber tun kann, das ist, die eigene Beziehung zu ihnen zu verändern. Also: Mit denkfaulen, langweiligen und uninteressanten Leuten möglichst wenig zu tun haben und auch nicht das eigene Denken und Handeln auf sie ausrichten. Dann hat man mehr Energie frei für die spannenden und interessanten Aspekte des Lebens. Es gibt im Übrigen ja auch genug interessante und kluge Männer. Die anderen, na, da beschränke ich den Kontakt eben auf die sachliche und professionelle Ebene, der Rest ist mir egal. Wenn sie sich interessieren, dann gerne, wenn nicht, dann eben nicht.

  21. Das ist aber nur eine individualistische Lösung. Gesellschaftlich führt es nicht weiter. Denn ich glaube nicht (nein, das ist kein Glaube, sondern zeigt sich in vielen Prozessen und Umfragen), dass die Mehrheit so denk- und veränderungsfreudig ist. Man m u s s Bewusstsein verändern. Und selbstverständlich die eigenen Verhaltensweisens – gerade durch diese Änderung erzeugt frau ja veränderte Bewusstsein.

  22. „Denn die Sache mit der Gleichheit hat ja einen Haken: Sie bedeutet nämlich, dass man nichts anderes und auch nicht mehr wollen darf, als die Leitkultur vorgibt. Ich will das aber. Gleichheit? Nein Danke.“

    Seit wann bedeutet Gleichheit nur dieses. Gleichheit kann genau so gut bedeuten, dass man – mit seinen anderen Entwürfen – trotzdem die gleiche Chance, die gleichen Möglichkeiten – hat.

    Im Grunde ist das Ganze ein rein semantisches Geplänkel. Könnte man ein sprachwissenschaftliches Seminar drüber abhalten.
    Gleichheit – ich denke dass das Konsens ist – bedeutet nicht Gleichmacherei. Gleichheit war immer als Chancengleichheit gemeint. Und – mit Gleichheit – war auch nicht gemeint, dass Frauen alle gleich sein müssen. Das ist eine – halten zu Gnaden – Schnapsidee.

    Gleichheit bedeutet auch: Frauen haben immer noch eine gleiche Geschichte der Diskriminierung, sie sind qua Geschlecht erst einmal „gleich“ eingeordnet. Waren es und sind es zum Teil noch immer.

    Kurzerhand – ein bisschen kurz gesprungen. Diversity hin oder her.

  23. Nebenbei: Was wird jetzt aus „Liberté“, Egalité, Fraternité“. Auch alles gleichmacherischer Mist.

  24. @Magda – Ich weiß schon, dass Gleichheit nicht gemeint ist. Deshalb ja auch mein Vorschlag, das, was wir wollen, auch nicht mehr so zu nennen.

    Und: Égalité fraternite usw: ja, Männerkram. Ganz objektiv historisch. Frauen wurden genau aus diesem Grund für unpolitisch erklärt. (Gleichheit gibt’s nämlich nur, wenn andere dafür ungleich sind). Heute sind wir dann angeblich plötzlich mitgemeint. Na danke.

  25. „Gleichheit war immer als Chancengleichheit gemeint.“

    Eigentlich nein!

    Mit Gleichheit war eigentlich ursprünglich (in der französichen Revolution ) die Gleichheit vor dem Gesetz gemeint.

  26. Sehr geehrte Frau Barby,

    „Ich glaube leider, dass es ohne „Leidensdruck“ nicht gehen wird. Diese Einschätzung ist auch autobiographischen Erfahrungen geschuldet. Es geht mir dabei eher weniger um „Bestrafung“ als darum, Wertschätzung anders zu verteilen. Männer sollten schon deutlicher spüren, dass ein Vater, der „nur“ Geld verdient, nicht sehr geachtet wird, dass Karriere nicht notwendig mit hoher Wertschätzung verbunden ist, wenn soziale Kompetenzen fehlen, dass wer sich an unentgeltlichen Arbeiten nicht beteiligt auch keine Solidarität erwarten kann.“ (usw usf. Nr. 25 v. 22.02.2011)

    Es sind diese Statements, die mir so große Freude bereiten.

    Sie glauben also, Sie können auf diese Weise bei Männern neues Bewußtsein erzeugen ? Und sind Sie sicher, dass eine Mehrzahl von Frauen Ihre Haltung überhaupt teilt ?

    Viele – und immer mehr – Männer versuchen Selbstreflexion und Änderung von Sichtweisen längst, und zwar ebenfalls schon seit Jahrzehnten. Ein Blick in ein neueres Buch aus der (zugegebermaßen dünn gesäten) „Männerliteratur“ würde Sie mit einem vielleicht überraschenden Befund konfrontieren: Es sind häufig Frauen aus der „Frauenbewegung“, die verhindern, dass sich Männer eigene Infrastrukturen zu Ihrer Selbstreflexion usw. aufbauen können.

    Ich zitiere bspw. Walter Hollstein, „Was vom Manne übrig blieb“, Berlin 2008, S. 26: „In den skandinavischen Staaten bemühte man sich bei der Umsetzung der neuen Frauenpolitik zugleich auch um Männerbelange, damit ein verschärfter Geschlechterkampf ausblieb. In Deutschland, Österreich und der Schweiz konzentrierte sich hingegen die Politik in allen Belangen auf die Frauen. Hilfe für die eigene Neuorientierung und die Anpassung der männlichen Rolle an die neuen Gegebenheiten wurden den Männern nicht zuteil“. Das mit Skandinavien war mir auch neu, der Rest nur allzu vertraut.

    In der weiteren Folge seines Buches zitiert Hollstein dann allerdings mehrfach Statements von bundesdeutschen Politikerinnen, die qua Selbstaussage oder „Amt“ der „Frauenbewegung“ zuzurechnen sind, und die sich gegenüber dem Anliegen von Männern nach staatlicher Unterstützung für „Männerinitiativen“, wie es diese schon seit Jahrzehnten für die verschiedenen Initiativen der „Frauenbewegung“ gibt, z.T. in sehr abfälliger Weise ablehnend äußerten. Beispielhaft seien genannt die zitierten Äußerungen der FDP-Politikerin Uta Würfel (S. 231f.), oder die der SPD-Politikerin und früheren Frauen- und „Gleichstellungs“ministerin in NRW Ilse Ridder-Melchers, die Hollstein auf S. 235 seines Buches zitiert.

    Und so haben wir Männer bis heute nur einen einzigen, von einem privaten Krankenversicherungsunternehmen finanzierten „Männergesundheitsbericht“, und nicht ansatzweise das Ausmaß von Hilfe- und Austauschplattformen, die Frauen seit Jahrzehnten – auch finanziert von männlichen Steuer- und Abgabenzahlern – zur Verfügung stehen. Ein Blick auf die in der rechten Spalte enthaltene eindrucksvolle Liste der Einrichtungen, die Frau Schrupp mag, mag dies bestätigen.

    Statt dessen muss Mann sich hier die teilweise skurrile Geschlechterkomparatistik antun und soll im militärischen Befehlston pauschal vorgetragene Forderungen zur Erzielung von „Leidensdruck“ akzeptieren. Ich hoffe, Ihnen bleiben Ihre männlichen Gesprächspartner erhalten.

  27. Liebe Fr. Schrupp!

    ich freue mich sehr über die mMn gelungene aber sonst eher seltene Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Gleichheit“ von seiten der „gleich zu berechtigenden“.

    die semantische Relevanz ist nur ein kleiner Teil dessen, was die reale Problematik ausmacht: sogenannte double standards

    solange der „Leidensdruck“ der zweifelsohne LÄNGST durch Zuschreibungen an „die Männer“ existiert nicht „gleichverteilt“ wird empfinde ich die Diskussion im „Gleichstellung“ als Heuchelei

    die Verpflichtung zur Änderung wird hier nämlich einzig Männern umgehängt, ich fürchte allerdings daß dies viel zu kurzsichtig ist

    ich gehöre zu einer Generation, die bereits von Kindesbeinen an Gleichstellung live erlebt hat, und dahingehend auch keinen Zweifel an der Gleichwertigkeit aller Menschen egal welches Geschlechts hegen

    gerade deshalb stimmt es mich aber umso trauriger wenn große Teil der weiblichen Bevölkerung lieber wieder „zurück“ ins Klischee wollen, und hauptsächliche die konsumspezifischen „Freiheiten“ entdecken, die für sie erkämpft wurden

    die Forderung nach gleicher Teilnahme setzt ja eine Selbstverpflichtung der „Frauenbewegung“ zur Wahrnehmung ihrer neuen Rechte mit voraus

    derzeit habe ich allerdings den Eindruck, daß diese oft tradierten Lebensmodellen und Denkensweisen zum Opfer fallen

    es gibt noch weit weniger Bauarbeiterinnen als Krankenpfleger

    aber wer will Frauen dazu zwingen zu arbeiten wie Männer, und Männer dazu zu denken wie Frauen?

    und vor allem: wie ehrlich ist die Auseinandersetzung mit dem Thema, wenn die Mitwirkungspflicht am sozialen Paradigmenwechsel nicht wahrgenommen wird?

    mfg

  28. Liebe Frau Schrupp,

    wenn Sie das Motto nicht wiedererkennen, dann ist das normalerweise mit der „Gnade der späten Geburt“ zu erklären.
    Macht noch nichts. Es ist ein weitverbreitetes Phänomen.

    Wenn für Sie aber „Gleichheit“ kein Ziel ist, ist denn dann „Solidarität“ vielleicht eins? Oder können Sie auch mit diesem, im Motto und im Logo „ausgestrahlten“ Ziel nichts anfangen?

    Dann allerdings wären immerhin 100 Jahre mit internationalen Frauentagen völlig an Ihnen vorbei gegangen. Schade.

  29. Pingback: Identität und Zugehörigkeit « Aus Liebe zur Freiheit

  30. @Julia – „Gleiche Freiheit“ im Sinne von „alle Menschen sollen gleichermaßen frei sein“ – Ja!
    Allerdings müssen wir erst nochmal drüber reden, was Freiheit ist. Gegenüber den üblichen Freiheitsbegriffen der männlichen Tradition (Autonomie, Unabhängigkeit, begrenzt durch die Freiheit der anderen) bin ich sehr misstrauisch, weil diese Konzepte Jahrhundertelang keinen Widerspruch in der Unfreiheit der Frauen gesehen haben. Also können sie nicht richtig sein, wenn man die Freiheit der Frauen ernst nimmt.
    Von daher „Gleiche Freiheit“ im inhaltlichen Sinne – Nein! Die Freiheit der Frauen muss etwas anderes sein als die Freiheit der Männer (allerdings kann die Freiheit der Männer möglicherweise dasselbe sein, wie die Freiheit der Frauen, das müsste man die Männer fragen, bzw. wird es die Zukunft erweisen 🙂 – hoffe, das ist verständlich gewesen.

  31. Ähm, ich bin mir ziemlich sicher mit einer Freiheit der Frauen wenig bis nichts anfangen zu können. Kann ich meine eigene Freiheit haben? Bitte?

  32. @Mela – Ja, gerne doch. Was ich sagen wollte, war nur: Wenn du, eine Frau, deine eigene Freiheit haben willst, solltest du dir darüber im Klaren sein, dass die männliche Tradition bei ihrem Nachdenken über das Thema die Freiheit der Frauen (also auch deine) nicht mitgemeint hat. Und das teilweise ganz ausdrücklich. Daher wird dir das, was sie geschrieben und dazu gedacht haben, nur begrenzt weiter helfen.

  33. Hallo mela,

    ja, eine eigene Freiheit ist eine tolle Sache. Wünschen wir uns alle 🙂
    Lass dir aber nicht zu sehr vorschreiben, was deine Freiheit als Frau alles ist und sein könnte, bzw. viel wichtiger: was sie nicht sein kann/darf.
    Auch wenn „Autonomie, Unabhängigkeit, begrenzt durch die Freiheit der anderen“ Freiheitbegriffe sind, die in männlicher Tradition stehen, sollten sie deswegen nicht per se für frau ausgeschlossen werden. Dass man in Bezug auf die Rechte der Frauen gegen diese Grundsätze gehandelt hat, heißt nicht, dass sie falsch und für Frauen ungeeignet sind.

    Diese Negativliste soll lediglich die Differenz erhalten – dass man Frauen und Männer immer unterschiedlich behandeln muss – und ihr Opfer im Kampf gegen die „Gleichmacherei“ heißt: deine Freiheit.

  34. @Nansen – Du hast recht, per se ausschließen darf man nicht, dass etwas aus der männlichen Tradition auch für Frauen geeignet ist. Aber man muss es halt kritisch neu überdenken: Wenn sich etwa herausstellt, dass Autonomie und Unabhängigkeit nur um den Preis erreichbar ist, dass andere sich um den „hilflosen“ und bedürftigen (also nicht autonomen) Teil des Menschseins kümmern (den man auch mit noch so viel Wissenschaft nicht wegkriegt) dann kann dieses Ideal für eine Welt, in der alle Menschen frei sein sollen, nicht einfach so übernommen werden. Die Vehemenz, mit der die Männer den Bereich des Privaten, der Pflege, der Sorge um Kinder und Alte, die Körperlichkeit, die Schwäche, die Verletzlichkeit usw. aus ihren Freiheitstheorien ausgeschlossen haben, deutet schon darauf hin. Von daher: Klar können Frauen auch diese ehemals „männliche“ Art Freiheit haben, aber was mich betrifft, so verzichte ich und arbeite lieber an tragfähigeren, realistischeren, menschenfreundlicheren Konzepten.

  35. Hm. Du bist also auch gegenüber dem Freiheitsbegriff im Grundgesetz kritisch eingestellt ?
    1949 haben die Väter (und Mütter) der Verfassung möglicherweise tatsächlich eine andere Vorstellung von Freiheit gehabt. Aber was bedeutet das ?
    Muss das Grundgesetz geändert werden ?

    Und zweitens:
    Wenn Du schreibst….
    „dass andere sich um den „hilflosen“ und bedürftigen (also nicht autonomen) Teil des Menschseins kümmern“ trampelst Du dann nicht ein bisschen pauschal und elefantös auf einem Großteil der Männer herum? Auf den Teil nämlich, der sich seit Menschengedenken um das Wohlergehen seiner Familie kümmert?

    Hast Du überhaupt eine Vorstellung davon, wie viele Männer sich – wenn man auch einige Jahrzehnte zurückblickt – nach einem Knochenjob in Stahlwerken, Minen, Fabriken, Montage-Einsätzen mit letzter Kraft ihren Familien widmen ?

  36. @DirkD – Es geht nicht darum, ob Männer sich um Bedürftige kümmern oder nicht (viele tun es, da hast du recht), sondern wie sie in ihrer philosophischen Tradition das gedacht und beschrieben haben. Und da ist es nunmal so, dass diese „Verhaftungen im Materiellen“ interpretiert wurden als Gegensatz zur und Einschränkung von Freiheit. Oder denk nur mal an den Dualismus von Körper und Geist, der fast die gesamte männliche Philosophie durchzieht. Also die Überzeugung, dass körperliche Einschränkungen der Freiheit entgegen stehen, und diejenigen, die sich um den Körper und überhaupt das Materielle kümmern sind sozusagen Co-unfrei (auch, wenn es Männer sind, etwa Arbeiter oder noch früher Sklaven). Der Verweis auf die Verpflichtung der Frauen, Mütter und Ehefrauen zu sein und als solche für das leibliche Wohl von Kindern und Männern zu sorgen war übrigens nach der Aufklärung explizit der Grund, warum viele männliche Denker die Frauen von der Forderung nach „Freiheit und Gleichheit“ ausgeschlossen haben wollten. Ich bin der Meinung, dieser Dualismus ist falsch und Freiheit ist nicht über Autonomie und Unabhängigkeit (die eh immer eine Illusion ist) zu erreichen, sondern durch Bezogenheit und Zugehörigkeit. Und zwar bin ich der Meinung, dass das nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer gilt. Nur dass ich diese Idee oder Sichtweise aus der weiblichen Philosophie gelernt habe (also von Frauen, die Philosophie treiben), während viele Männer damit nicht einverstanden sind. Ich freue mich aber natürlich über jeden, der es ist.

  37. „Equal“, aber nicht „same“, ist das, was vermutlich angestrebt wird. Leider sind diese Konzepte im Deutschen nicht so offensichtlich getrennt wie im Englischen.

  38. @poetin – Ja, diese Unterscheidung würde schon weiterhelfen. Aber ich halte auch die Aufmerksamkeit für „nicht equal“ für wichtig. Und nicht nur, um auf Ungerechtigkeit hinzuweisen, sondern im Sinne, dass das „Mehr“ einer anderen für mich eine wichtige Ressource sein kann, wenn ich es in Beziehung zu meinem Begehren setze. Also das „Mehr“ der anderen ist nicht eine Bedrohung für mich, sondern gerade dass sie ein „Mehr“ hat (im Bezug auf das, was ich mir wünsche), bedeutet, dass ich von ihr Hilfe bekommen, etwas lernen kann usw.

  39. Dieses Plakat ist schon bezeichnend. Wo doch so viele Feministinnen im englischen Sprachraum schon lange dazu übergegangen sind, Freiheit zu fordern, statt Gleichheit.

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