Von Brüsten und Bärten

Hatschepsut, Königin mit Bart.

Im alten Ägypten gab es bekanntlich nicht nur Pharaonen, sondern auch Pharaoninnen (allerdings nicht viele, drei oder so), und als Zeichen ihrer Königswürde trugen sie einen Bart. Dass Geschlechtsmerkmale losgelöst vom biologischen Geschlecht getragen werden, ist also ein schon sehr altes Phänomen. Dass Frauen sich vermännlichen müssen, um  Macht repräsentieren zu können, leider auch. Und ein bis heute ungelöstes Problem.

Seit ich die Statuen von Königinnen mit Bart kürzlich bewundert habe, überlegte ich, wie es wohl wäre, wenn weibliche Geschlechtsmerkmale symbolische Zeichen für Einfluss wären. Man stelle sich vor: Ein Staatspräsident, der sich Brüste umschnallen muss, um würdevoll an der Spitze einer Gesellschaft zu stehen. Leider kennen wir Männer, die sich Brüste vorbinden, bisher nur aus Komödien: Männer mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen sind albern.

Morgen ist – so erfuhr ich grade auf dem Heimweg – #boobsday bei Twitter. Soweit ich verstanden habe, werden da Frauen ihre Brüste in den Avatar rücken. Die Tweets unter dem Hashtag zu lesen, ist aufschlussreich. Wer mitmacht, ist offensichtlich albern, wer nicht mitmacht, ist Spielverderberin.

Hat eigentlich schon mal jemand ernsthaft über die politische und symbolische Bedeutung von in der Öffentlichkeit gezeigten Brüsten nachgedacht? Ich habe so eine Ahnung, dass das ein interessantes Thema sein könnte.


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17 Gedanken zu „Von Brüsten und Bärten

  1. Hans-Peter Duerr erzählt in seinem Buch „Obszönität und Gewalt“ ein paar Geschichten, in denen das Entblößen der Brüste eine aggressive, nicht sexuelle Geste ist. (Eine der Geschichten handelt von einer Piratin.)

  2. Jemand, der sich einen künstlichen Bart umhängen muss, um zu regieren, der regiert nicht, der hat nichts zu melden. Höchstens im Karneval.

  3. Mann könnte aus einem Königszepter ein Phallussymbol machen, oder es einfach als Symvol königlicher Macht verstehen. Genau wie bei den Bärten der Pharaonen(innen)

    Der Königsbart oder Pharaonenbart gehörte im Alten Ägypten zu den pharaonischen Insignien und bezeichnete eine bestimmte Haartracht in Gestalt eines geflochtenen, künstlichen Kinnbarts, der an einem feinen Riemen um das Gesicht befestigt war und zu zeremoniellen Anlässen getragen wurde, weshalb auch die Bezeichnung „Zeremonialbart“ gängig ist. Königsbärte sind seit der Prädynastik belegt. Bekannte Könige, die sich mit Bart abbilden ließen, sind z.B. Narmer (1. Dynastie), Djoser (3. Dynastie) und Ramses II. (19. Dynastie).

    Auch Königinnen, die die Regierungsgewalt innehatten, wurden mit dem Königsbart als Insignie der Macht dargestellt, wie z. B. Chentkaus I. (4. Dynastie) und Hatschepsut (18. Dynastie).

    http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigsbart_%28%C3%84gypten%29

  4. interessantes Thema….kann mich dunkel erinnern an eine Vorlesung innerhalb meines Kostümdesignstudiums, dass die minoischen Schlangengöttin oben ohne als Zeichen ihres Status trugen….Amazone heißt übersetzt wahrscheinlich nicht “ brust los“ sondern „oben ohne“….

  5. @Knackwurst – Ja, das ist das Interessante, dass auch die männlichen Könige sich den Bart umhängen mussten – es ist also ein künstlicher Bart, aber dennoch klar ein männliches Geschlechtsmerkmal (anders als das Zepter oder die Krone. Ich bin nicht so eine Anhängerin davon, in jedem länglichen Gegenstand einen Penis zu erkennen 🙂

    Übertragen auf die Brüste könnte man sich daher auch stilisierte Brüste für die Staatsoberhäupter ausdenken, die müssen also nicht besonders naturgetreu sein, und nicht nur Männer, sondern auch Frauen würden sie sich vorschnallen.

    @Annekatrin – Beim Stichwort „Oben ohne“ fällt mir auch noch die Provokation der stillenden Studendinnen im Vorlesungssaal ein, oder auch die feministischen Demos mit „oben ohne“ in den 1970er Jahren, oder auch die Kommunefotos.

    @Felix – Ja! Marianne auf den Barrikaden ist klassisch! – war als Bild übrigens auch schon mal hier im Blog zu sehen: https://antjeschrupp.com/2010/08/29/unterwegs-in-die-falsche-richtung-uberlegungen-zu-elisabeth-badinter/

  6. Die alten ÄgypterInnen können ja gemacht haben, was sie wollen…; aber heute finde ich es stinklangweilig, mit diesen so festgelegten Begriffen weiblich und männlich zu denken und dort zu „verhaaren“. Ach ja, weil wir schon so schön die Sachen an den Haaren herbeiziehen: liebe „Weiber“,
    rasiert ihr eure sämmmmmtlichen naseabwärts sprießenden Haare deswegen, um es den rasierenden Männern gleich zu tun??

  7. Ich möchte nur ein Titten-T-Shirt von den Missfits in die Runde werfen. Vielleicht kann jemand was damit anfangen.

    Und die Pharaonin da wollte bestimmt als Piratin (Jan und Hein und Klaas und Pitt, …) gehen.

    Oder sie hat einfach nur einen Schlips getragen.

  8. Es gibt mehr als Textkleberei. Hauptsache wir nehmen und setzen Kurs und leben danach, in allem was wir wissen und tun möchten und sein lassen. Das ist schon Kraft-und Schwungvoll und schenkt Befriedigung die anhält. Sich einklinken in die heutige Erkenntnissen was ansteht und notwendig scheint macht frei und verantwortungsvoll.So ein Leben ist erfüllend und entledigt und befreit einem von Lasten die andere noch umsetzen müssen und vor haben. Das tönt vielleicht arrogant, ist aber beweisbar mit dem Leben was gelebt worden ist. Ein herrlicher Tag heute…Sonne mit Wind.Tschüss!

  9. Pingback: Hatschepsut und ihr Bart « haut ant haar

  10. Da mich das Thema der Unterschiede zwischen den Geschlechtsrollen seit geraumer Zeit interessiert, fiel mir auf, dass es heutzutage für Männer vielerorts als unschicklich gilt, Bart zu tragen. Der Bart wird also rasiert. Ich glaube, mich an Untersuchungen zu erinnern, wonach Männer mit Bart heutzutage eher seltener für Führungspositionen infrage kommen. Und schaut man sich mal Staatsoberhäupter und Vorstandschefs in der abendländischen Welt so an, so sind Bärte eher eine Ausnahmeerscheinung. Warum interpretiert das denn niemand als ‚weibliches‘ Symbol? Immerhin gelten nur Frauen als bartlos. Und rasierte Männer streben mit der Rasur auch ein eher ‚weibliches‘ Erscheinungsbild an.

  11. @MasinAD – Interessante Frage, ich glaube, dazu gibt es auch schon Untersuchungen – ich habe dazu mal etwas ziemlich interessantes gelesen, fällt mir aber grade nicht ein. Aber es ging auch drum, warum der Männerbart im 19. Jahrhundert so geboomt ist, was auch mit einer „Vermännlichung“ der bürgerlichen Politik in Abgrenzung zum „dekadent-verweiblichten“ Feudalismus des 18. Jahrhunderts war.

  12. Klingt plausibel. Besonders bemerkenswert finde ich ja, dass so viele Männer kein Problem damit haben, sich das Gesicht glatt zu rasieren, wo sie ansonsten gegen jeden kleinen Fitzel ‚Weiblichkeit‘ am Mann wettern („Das ist ja schwul“).

    Aber sowas zeigt mir nur, dass es keine genuine ‚Männlichkeit‘ (oder ‚Weiblichkeit‘) gibt sondern nur Moden. Würde es Mode werden, dass Männer Brüste anschnallen, würde es nicht lange dauern, bis die ersten Männer sich auch Implantate einsetzen ließen, um mal den Punkt aus dem Artikel aufzugreifen. Das ist alles nur eine Frage tradierter Rollenverständnisse.

    Generell darf man keine Logik erwarten, wenn es um Ansprüche an die Erfüllung eines Rollenbildes geht. Das ist ein ganz übler Flickenteppich aus Gewöhnung und sozialen Konventionen.

    Die Armbanduhr war ja auch ursprünglich ein Frauen-Accessoire.

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